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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-10-23 · 43 (23.10.1925) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
43 (23.10.1925)
Date
1925-10-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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fc&ttTttft sind, fehlen den Punzen Leuten zur NieLerlassung Meistens die Mittel. Diese Mittel herbeizuschaffen, ist Aufgabe der Allgemeinheit, die ein Interesse an der Entwicklung Des Handwerkerstandes haben mutz. Au diesem Zweck sind -bereits in verschiedenen Grotzgemeinden Deutschlands Darlehnskaffen gegründet worden, deren Aufgabe auch darin ibesteht. für die Errichtung solcher Existenzen die nötigen Kapitalien zu schaffen. Um ihnen diese Aufgabe zu erleichtern. ist besonders in Berlin der alte Vorschuß-Verein wieder (ins Leben gerufen worden, der durch starke Mitgliederzahl die fehlenden Summen aus Beiträgen aufbringen soll. Mitglied dieses Vereins zu werden, ist Pflicht eines joden, idem an der Schaffung eines blühenden Handwerkerstandes mnter den Juden gelegen ist. Sicher würde ein solcher, auch dazu beitragen, die große Zahl der Mischehen zu vermin» Lern, da viele dieser jungen Leute, denen keine Existenzmöglichkeiten geboten werden, nicht in der Lage sind, einen Hausstand zu gründen. Andererseits sehen sich viele junge Mädchen _ dadurch veranlaßt, ihre Männer in nicht-jüdischen Kreisen zu suchen. Um auch hier Abhilfe zu schaffen, müssen Unsere Bestrebungen aufs tatkräftigste unterstützt werden, besonders, da gerade in dieser Beziehung für die deutschen Juden noch sehr wenig getan worden ist. In vielen anderen Ländern sind bereits seit Jahren Darlehns- und Kreditgenossenschaften vorhanden, die die Mittel zur Niederlassung und zur Beschaffung von Handwerksgeräten und Maschinen gewähren. Wir richten daher an alle die dringende Mahnung. sich an nuferen Bestrebungen zu beteiligen, um so beizutragen zur Entwicklung eines lebensfähigen jüdischen Handwerkerstandes. sBergleiche auch den Artikel »Hilfe -der Zusammenbruch" in dieser Nummer.) Die Zukunft des Handwerks. feoit Hermann Schwarz. Geschäftsführer des „Zentral- -t Verbundes Jüdischer Handwerker Deutschlands e. B., Sitz Berlin". f Eine der wichtigsten Fragen, die die Eltern schon in der (frühesten Jugend ihres Kindes beschäftigen, ist die Frage der Berufswahl. Während man beim Mädchen dieser Frage weniger Bedeutung beilegt, ist sie beim Knaben von eminenter Wichtigkeit. Welche Eltern wollen nicht, daß ihr Kind es einmal leichter haben soll als sie selbst, und wieviel Sorge sie darauf verwenden, die Zukunft ihres Sohnes sicherzusiellen, kann nur derjenige ermessen, der sich in gleicher Lage (befunden hat. Ein Dichter, der einmal bei einer Feier anläßlich der Geburt eines Knaben seinen Glückwunsch überbrachte, sagte: „Der Junge werde ein Mann, der was ist, was hat und was iannl" In diesen Worten liegt das ganze Geheimnis unserer 'Kinder. Die Eltern haben aber die Verpflichtung, die Wege zur Eröffnung dieses Geheimnisses ihrem Kinde zu ebnen,- nnd dabei sollten sie sich nicht von den lieben Verwandten und Freunden beeinflussen lassen, die größtenteils immer!ihreu eignen Beruf als den besten hinstellen. Für uns Inden war biL vor nicht allzu langer Zeit die akademische oder kaufmännische Laufbahn die einzig mögliche. Heute hat sich hierin ein Wandel vollzogen, der leider von den meisten unserer Glaubensgenossen noch nicht voll erkannt worden ist. Im Nachstehenden soll einmal die Frage der Berufswahl im einzelnen näher beleuchtet werden. /"/Hat der Junge in der Schule besondere Begabung gezeigt, so glauben die Eltern, daß er unbedingt dem akademischen Böruf Angeführt werden muß. ES ist wohl richtig, daß besondere Größen in diesen Berufen Juden sind. Die wirtschaftlichen Verhältnisse, die sich besonders in den Nachkriegsjahren Herausgebildet haben, haben UNS aber «in geistiges Proletariat gebracht, das von Jahr zu Jahr immer stärker geworden ist. Ob Jmrist oder Mediziner, wenn sie nicht besonders vom Glück begünstigt sind, haben sie äußerst schwer um ihre Existenz zu kämpfen. SS macht sich eine Ueverfüllung dieser Berufe bemerkbar, so daß für lange Jahre hinaus hierin wohl kaum Wandel geschaffen werden wirb. Aehnlich liegt eS beim Kaufmann. Die gute alte Zeit des Kaufmanns, das patriarchalische Verhältnis -wischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, wie es Gustav Freitag in seinem bekannten Roman „Soll und Haben" schildert, ist vorüber. Früher konnte der ausgelernte junge Kaufmann, wenn ihm einige Geldmittel zur Verfügung standen und er fleißig war, sich mit einem kleinen Unternehmen auf eigene Füße stellen, und es gelang ihm dann auch größtenteils, sein Geschäft nach und nach aus-ubauen. Gerade bei den jüdischen Kaufleuten haben wir hierfür Beweise wie beispielsweise Hermann Tietz oder N. Israel, die ihre heutigen riesengroßen Geschäfte aus den allerkleinsten Anfängen herausbilden konnten. Heute liegen die Dinge aber arü>ers. Nach dem verlorenen Krieg, nach dem Verfall unserer Währung und den Zeiten der Inflation hat sich die Lage der deutschen Wirtschaft derartig verschoben, daß . an Neugründungen von Geschäften kaum mehr gedacht werden kann. Der Angestellte ist darauf angewiesen, bis in das späteste Alter, wenn es ihm möglich ist, im fremden Dienst zu stehen. Nur einige wenige haben bas Glück, so gut bezahlte Stellungen inne -u haben, daß sie sorgenlos leben können. Die große Masse der kaufmännischen Angestellten aber kämpft im wahren Sinne des Wortes um ihr tägliches Brot. Die von Tag zu Tag anwachsende Stellenlosigkeit spricht eine beredte Sprache für das Elend dieser Schicht unserer Bevölkerung. Es kommt noch hinzu, daß ein Angestellter, wenn er «die Mitte der Dreißig erreicht hat und durch irgendeinen unglücklichen Znsall stellenlos wird, schwer anderweitig Unterkunft findet, da die meisten kaufmännischen Unternehmungen bestrebt sind, jüngere Kräfte einKustellen, um somit ihr Unkostenkonto zu. verringern. An ein Selbständigmachen ist heute kaum zu denken, da hierzu nicht unbedeutende Mittel gehören, die sich ein Angestellter nicht von seinem Einkommen zurücklegen kann. Anders liegen die Verhältnisse beim Handwerk. Das letzte Jahr hat gezeigt, daß die Wirtschaftslage den Verfall unserer großen Jndustriekonzerne herbeigeführt hat und daß man wieder zur Dezentralisation schreitet. Hierbei wird das Handwerk wahrscheinlich nicht allzu schlecht abschneidcn. Und gerade unsere jüdische Jugend verlangt heute mehr denn je nach manueller Betätigung. Ein Hindernis ist allerdings noch zu beseitigen, und das ist das Vorurteil, das wir bei unseren Glaubensgenossen finden. Das Handwerk scheint vielen Juden nicht gut genug zu sein.Konnte man es doch erleben, daß Eltern ihre Söhne erst dann dem Handwerk zuführten, wenn sie in anderen Berufen Schiffbruch erlitten hatten. Oder auch wenn der Knabe in der Schule schwach war, glaubte man, daß er für das Handwerk noch gut genug wäre,- und gerade das ist ein Irrtum, der sich in den weitaus meisten Fällen bitter gerächt hat. Der jüdische Handwerker wird nur dann seine Existenz finden, wenn er auch geistig auf der Höhe ist. Ist es doch bekannt, daß alte Gelehrte des Judentums, wie Rabbi Jehuda und Rabbi Jlai von Beruf Handiverker waren. Auch in der heut lebenden Generation der jüdischen Handwerker finden wir Männer, die im öffentlichen Staats- und Gemeindewesen hervorragende Ehrenposten bekleiden. Die Zukunft eines Knaben im Handwerk ist, wenn er in der Lehrzeit sich befleißigt hat, gesichert. Er ist nicht wie Frühmorgen. Heilig gebar das stumme Schweigen der Nacht lebendige Morgenstille, die nun mit Geisteszungen von ihrer Heimat erzählt: „Meine Heimat ist das All, ist die Erde, sind die schlafenden Häuser, meine Heimat bist du selbst, weil du dich in mir fühlst, iwie in der Erde lächelndem Kreis, wie in des Seins Unsterblichkeit —!Komm> laß uns diese erste, hohe Dämmerstunde feiern, ehe das Tageslicht ihren Heiligenschein verdunkelt." Ella van C l eef. Die Anfänge der preußischen Iudenpolitik Eine Anzeige von Dr. I. Jacobson. Bcrlin-Waidmannslust. Es wird in der den letzten Rcichstagswahlen vorausgehenöen Propaqandazeit manch einem wie mir ergangen sein: wenn man tu Wahlversammlungen weit rechtsstehender Parteien, anknüpsend an das Plakatdreigestirn Großer Kurfürst. Friedrich der Große, Bismarck, das Publikum über die Haltung gerade dieser drei großen Gestalten gegenüber den Juden anfklürte, dann legte sich ein etwas betretenes Staunen auf die Versammlung, ein Bann so tiefer Verlegenheit, daß nur eine mutige Pöbelei ihn wieder brechen konnte. Es war doch, um nur eines Herauszugreisen, zu peinlich, daß gegen die Juden — natürlich nicht gegen sie allein — im Zeichen eines Mannes mobil gemacht wurde, der die Juden erst von neuem nach der Mark Brandenburg gezogen, sie dort seßhaft gemacht und so den Grundstock zu der so verhaßten Judcnansammlung in Brandenburg. Preußens, Deutschlands Hauptstadt gelegt hat. Wäre damals schon Selma Sterns Werk: Der Preußische Staat und die Juden*) erschienen gewesen. oder hätte man von Fritz Baers Buch über die Geschichte der L a n d j n b e n s ch a s t des Herzogtums K l cvc exemplifizieren und überhaupt die Volksversammlung zum Kolleg machen wollen, so hätte man noch eine tiefgründigere Ueberraschung erzielen können. Denn auch diejenigen, denen diese Dinge nicht gar so fern liefen, sind erstaunt über das. was eindringliche Forschung erst in jüngster Zeit aus dem Dunkel der Archive an Aufklärung über die Judenpolitik des brandenburgisch-preußischen Staates herausgcholt hat. Wir Quittieren dankend über die Bereicherung, die unser Wissen durch die obengenannten Werke erfahren hat, die — in den Jahren 1622 und 1925 — aus dem Forschungsinstitut der Akademie für die Wissenschaft des Judentums hervor- #) Selma Stern. Der preußische Sjaat und dieJuden. Erster Teil. Die Zeit des Großen Kurfürsten und Friedrich I. Erste Abteilung: Darstellung (159 S.). Zweite Abteilung: Akten (546 S.). Berlin, C. A. Schwetschke & Sohn. 1925. (Veröffentlichung der Akademie für die Wissenschaft des Judentums.) gegangen sind. Und haben diesen Dank auch an diese Akademie selbst zu richten, die es jungen Gelehrten ermöglicht, frei von der Frohn eines abziehenden Brotberufes sich ganz der Wissenschaft des Judentums zu widmen. Erst auf der Grundlage dieser materiellen Sicherung konnte Plan und Ausführung einer so weitschichtigen Aktenpublikatton, wie der von Fräulein Dr. Stern begonnenen, reifen. Ihre Publikation, angeregt von dem Begründer und ersten Leiter des Forschungsinstituts, Professor Eugen Täubler. setzt Heidelberg, und betreut von seinem Nachfolger, Professor Julius G u t t m a n n , dem bekannten Dozenten der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, ist im ganzen auf vier Bände berechnet, und soll von der Zeit des Großen Kurfürsten bis znm Erlaß des preußischen Judenedikts vom 11. März 1812 reichen. Also bis zu dem Augenblick, wo aus dem Schutzjuden gesetzlich der Staatsbürger wird. Das Hauptthema dieses an großen Vorbildern orientierten wissenschaftlichen Unternehmens ist die Aufzeigung der kausalen Zusammenhänge zwischen der allgemeinen politischen Entwickelung des brandenburg-preußischen Staates und der seiner Judenpolitik. Es wird damit jene oft angetroffene Methode überwunden, die die Geschichte der Juden gar zu sehr von der ihrer Umwelt loslöste, und durch die Freilegung der oft sehr feinadrigen inneren Verknüpfung der beiden Entwicklungsreihen unsere historische Anschauung ungemein erweitert. Der bis jetzt vorliegende Teil behandelt in Quellen und Darstellung die Zeit des Großen Kurfürsten und seines ihm nicht gerade ebenbürtigen Nachfolgers, des ersten preußischen Königs Friedrichs I.. also einen verhältnismäßig knappen Zeitraum. Aber dieser Zeitraum war grundlegend für den preußischen Staat und seine Judenpolitik. Erfüllt von dem Machtstreben seiner Zeit schuf sich der Große Kurfürst in kluger Ausnutzung aller politischen Gelegenheiten und Möglichkeiten, in zäher Anspannung und Planmäßiger Vermehrung aller erreichbaren Kraftquellen, im Kampf der großen Mächte und im Ringen mit den Ständen seiner auseinandergerissenen Territorien den zentralistischen starken Gesamtstaat. In das Werden dieses Einheitsstaates ist das jüdische Bevölkerungselement hineingestellt als ein Faktor, den diese zentralistische Politik mit Bewußtsein auswertete als ein Instrument, das sowohl politisch als wirtschaftlich und finanziell verwertet werden konnte. In den Provinzen, die nach dem westfälischen Frieden den brandenburgisch-preußischen Staat bildeten, gab es noch sehr wenig Juden. Nur in Halberstadt und in den westlichen Provinzen Kleve. Mark. Ravensberg und Minden fand sich eine irgendwie bemerkenswerte Zahl, während Magdeburg, die Mark Brandenburg, Hinterpommern und Ostpreußen nahezu ganz judenrein waren. All das erfuhr während der Regierungszeit des Großen Kurfürsten eine gründliche Veränderung. Städte und Länder, die den Juden bis dahin ihre Tore hartnäckig verschlossen hatten, nahmen sie wieder aus, und dort, wo sie bereits saßen, war ihre Menge in ständigem Wachsen. Diese direkte Folge der kurfürstlichen Judenpolitik hat ihre Erklärung nicht so sehr in der toleranten Gesinnung des b'er Kaufmann ober Jer Akademiker an die Scholle gefesselt, sondern-er wird, wenn er sein Fach versteht, überall Arbeit! finden und sich so in der Welt die Kenntnisse aneignen können, «die ihm bet einer Selbständigkeit unentbehrlich sink Kann sich doch heute der Handwerker schon mit kleinen Mitteln eine Existenz schaffen, die er nach und nach ausbauen wird. Wie aber -bereits schon gesagt, ist auch für das Handwerk eine gute Schulbildung vonnöten. Die «große Anzahl jüdischer Handwerksmeister, die sich in der kurzen Zeit, in der der Jude zum Handwerk zugelassen wurde, eine Existenz gründen konnten, liefert den Beweis für die Richtigkeit des auch heute noch geltenden Sprichwortes: „Das Handwerk hat goldenen Boden". Deshalb, ihr jüdischen Eltern, führt eure Söhne dem Handwerk zu, und ihr werdet euch keine Vorwürfe zu machen halben, daß ihr nicht alles getan habt, um die Zukunft, nach Möglichkeit eurem Kinde zu sichern. Im Handwerk .ist dem Jungen Gelegenheit gegeben, durch körperliche ArLft,)en Körper zu stählen und den Geist durch selbständiges schaffen und Erfinden zu befriedigen. Wvnn wir so für die Zukunft unserer Kinder sorgen, dann tragen wir auch dazu bei, daß der Handwerkerstand eine der festesten Stützen des Judentums wird, die er schon in den allerfrühesten Zeiten war. Der Handwerkerstand ist heute mehr denn je dazu berufen, an der Wied-eraufrichtung unserer deutschen Wirtschaft und somit des deutschen Vaterlandes tatkräftig mit-zuarbeiteu. Daß wir Juden! dabei stets in vorderster Front stehen, das haben die bestehenden jüdischen Handwerker-Vereine nicht nur durch Schrfften sondern auch durch ihre Taten im ausgiebigsten Maße bewiesen. Deshalb, jüdische Eltern, noch einmal^. Die Zukunft eures Kindes liegt im Handwerk., Hilfe oder Zusammenbruch. Bon W i l h e l m M a r c u s. Die zunehmende Zahl der Selbstmorde unter den Juden! in Deutschland ist eine Erscheinung, die die jüdische Oeffentlichteii in größte Aufregung versetzen muß. Wenn auch, oder gerade, weil die Ursachen, die jo viele Menschen dazu bringen, ihrem Leben vorzeitig ein Ende zu machen, zum Teil bekannt sind, wird man forschen müssen, ob nicht in vielen Fällen durch rechtzeitiges hilfreiches Eingreifen die Katastrophe vermieden werden kann. Denn es handelt sich ja hier nicht nur um die Existenz des einzelnen, sondern letzten Endes um das Fortbestehen unserer jüdischen Gemeinschaft Es ist nicht meine Aufgabe, an dieser Stelle alle damit in Zusammenhang stehenden Probleme zu erörtern,- aber ich möchte' doch darauf Hinweisen, daß ein großer Teil dieser seelischen Zusammenbrüche seinen Grund in der wirtschaftlichen Not gerade des Mittelstandes hat. Auf die Bedeutung der produktiven Arbeit für die Juden! ist bereits in dieser Zeitung ausführlich hingewieseu worden, Es bleibt mir also nur noch übrig, 'darzustellen, was notwendig ist, unt die Existenz des Mittelstandes und damit verbunden des jüdischen Handwerkerstandes zu erhalten. Schon vor dem Kriege hat die Großindustrie in ihrem Bestreben, jeden Zwischenhaüdel ausznschalten und direkt mit/ den Konsumenten zu arbeiten, eine Vernichtung des gesamten produktiven und gewerblichen Mittelstandes versucht und zum" Teil erreicht. Der Lurch den Krieg eingetretene Produktionsrückgang und der damit verbundene Warenmangel bewirkt^ Herrschers und in den bevölkerungspolitischen Ansichten! seiner Zeit, sondern gründet sich hauptsächlich auf macht- und -handelspolitische und finanzielle Erwägungen. Der Staat, der nur durch Anspannung all seiner Kräfte voran kommen! konnte, bewertete das Judenregal als eine Steuerquelle, die ihm unmittelbar zur Verfügung stand, die frei war von der Einwilligung der Stände oder die ihr entzogen werden! mußte. Ihre Fest Haltung und Zurückgewinnung bedeutete für ihn eine Vermehrung der eigenen Machtmittel und eine Schwächung der Gewalt von Adel und städtischen Magistraten. Man kann daran, ob und wie cs gelang, Judensteuern und Gerichlshoheit über die Juden?M erhalten, ihre Aufnahme in Städten und Provinzen zu erzwingen, geradezu ablesen, wie das Pendel des Machtkampfes zwischen Einheitsstaat und Ständen ausschlug. Die Duldung der Juden war für diesen Staat keine prinzipielle, sondern eine politische Frage. Wie er sie manchmal benutzte, um widerstrebende Gewalten zu demütigen, so wich er auch von der Linie dieser Duldung wieder zurück, wenn seine Position nicht stark genug war, oder wenn es ihm geraten schien, dadurch Stände und Bolksstimmung zu versöhnen, oder wenn er dadurch Konzessionen herausschlagen wollte. Das erklärt die Ungleichmäßigkeiten und Widersprüche in der Behandlung. die die Juden in den kurfürstlichen Landen erfuhren, So erst eröffnet sich Sinn und Grund des Tatbestandes, daß der Große Kurfürst die Juden in Halberstadt begünstigte, auf ihre Zulassung im benachbarten Magdeburg aber nicht bestand, daß er in einem Augenblick höchster Schwierigkeiten den Ostpreußen, die vorher mit kämpferischem Trotz geschützten Juden opferte, und daß er in dem innerlich anders konstruierten Pommern in der Frage der Jndenduldung nicht mit sich spaßen ließ. Und so auch läßt sich erkennen, daß es dem Großen Kurfürsten leicht war. im Jahre 1671 den aus Wien vertriebenen Juden Berlin und die Mark Brandenburg zu öffnen, nachdem er dort seine Souveränität wirklich stabilisiert hatte. Daß es ihm. wie gerade die Uebernahme der Wiener Exulanten beweist, hauptsächlich auf die Gewinnung wohlhabender Elemente ankam, ergänzt nur das Bild jener realpolitischen Haltung. Finanzielle und kommerzielle Leistungen war das Aequivalent, daß die Juden dem Staate bieten mußten. Was an direkten, ordentlichen und außerordentlichen Abgaben bezahlt wurde, hielt sich eigentlich in erträglichen Grenzen und trat jedenfalls bedeutend hinter dem zurück, was an indirekten Abgaben, also an Zöllen und sonstigen steuerlichen Erträgnissen von ihnen erhoben wurde. Gerade deshalb war dem Staate der wohlhabende Jnde sozusagen auch der bessere. Die merkantile Beweglichkeit der Gesamtheit aber war ihm recht, weil und soweit er sie in sein System einbauen konnte. So wurden sie. die geborenen Vertreter des Freihandelsprinzips, von dem weitausschauenden Herrscher dazu verwandt, das noch mittelalterlich gebundene Wirtschaftsgefüge seines Staates aufzulockcrn, wurden mitbenutzt zur Heraufführung der Geldwirtschaft, zur wirtschaftlichen Verbindung der weit verstreuten Provinzen, zur Steigerung des Handelsverkehrs in den an das Meer grenzenden' Gebieten und nicht zuletzt zur Belebung der durch ihre weitverzweigten Beziehungen erst Bedeutung bekommenden Messe in Frankfurt au der Oder. Auf dem. was der Große Kurfürst geschaffen, konnte sein Nachfolger weiter bauen, und Ernten, die ihm noch nicht ge-. I

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