Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 43 (23.10.1925)
- Date
- 1925-10-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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WjschliberaleZeitML Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle l/< jährlich M. 2.90 Einzeluummer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0,25 5ür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis u :: im Mitgliedsbettrage euthalten. :: s r: Chefredakteur: Dipl.ll«g. Bruno Doyda. mmmmammmmammmmmmaaummamm Die ».Iüvisch-ttverais Leitung" erscheint jeden Sreitag. Redaktion u. SeschüttssteNe: SerUn Sxv. >Vilhelmstr. 147. Strnruf: Amt Cflfeow Nr. 9160-61 Poftfcftedtfconto: B«rUn n\VT nr.lS70«9 (Vereinigung fflr La» liberal« Judentum Nad)bnuh fämtlidjer Orlglnol-OeltrSa« nur mit vorheriger Genehmigung Dir RiDaktlon gestartet. Anzeigenpreise: r ie 12gespaltene Nonpareillezeile 0.49 Goldmark. Pie Nklamezeift 3.00 Goldmark. bei r: tt ä Wiederholungen Rabatt. :: :: u nähme: jüdisch.liberale Leitung" : Berlin SW 48. Wilhelmstratze 147 . sowie sLmtl. AnnoneenExvevitiouen «nzeigenan Inseratmabteilung (Lützow: 0100-01) Nr. 43 Berlin, 23. Oktober 1925 5. Jahrgang Handwer Berufswahl und produktive Arbeit. 'Bon Louis Wolfs, Vorsitzender des Vereins selbst. Handwerker jüd. Glaubens E. V. Berlin. In keinem Stadium der Zeitgeschichte sind uns Sie Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Politik so stark zum Bewußtsein gekommen, wie in Ser Gegenwart: der bisher in den Tag hineiulcbende Zeitgenosse wird aufgerüttelt, er erwacht aus seinem Dämmerzustand, reibt sich die Augen und erkennt endlich mit klarem Blick, wie auch sein eigenes Schicksal mit dem der Allgemeinheit eng verknüpft ist. Ganz besonders hat es die breite Schicht des erwerbstätigen Mittelstandes am eigenen Leibe verspüren müssen, rvie in unserem modernen Staatsorganismus die Wirt- IchaftSfrage zur Machtfrage geworden ist: aber auch keine Wirtschaftsgruppe hat es bei uns so wenig verstanden wie Das Handwerk, sich den gebührenden Einfluß auf die Struktur und den Gang des Wirtschaftslebens zu verschaffen.. Im Gegensatz zur früheren Bedeutung des Handwerks ist es bis in die letzte Zeit hinein zum Spielball der verschiedensten Interessengegensätze im deutschen Wirtschaftsleben geworden. Richtig, ist, daß die innrer mehr um sich greifende Zusammenballung der Großindustrie bas Hand, werk non mancherlei Gebieten verdrängt und daß die mit -er Industrialisierung begonnene Arbeitsteilung im Pro» duktronsprozeß den Handwerker vielfach zur Rolle des vom Kapital Abhängigen herabgewürdigt hat. Die schrankenlose Herrschaft der übermächtigen Kartelle «nd Syndikate, die mit wahrem Terror die Preisbildung beherrschen, haben sich eine Machtstellung erobert, die die berechtigte Frage aus-wersen läßt, ob das bereits so oft totgesagte Handwerk überhaupt noch eine Zukunft habe. Die Hrage verneinen würde heißen, das Handwerk um sein kostbarstes Gut zu betrügen. Die Industrialisierung schafft immer mehr Arßeits» und Schablonenmenschen mit gleichförmigen, oftmals den Geist vbstumpfenöcn monotonen Leistungen: das selbständige Handwerk aber ist die Hoffnung und der Ehrgeiz zahlreicher Qualitätsmenschen. Nichts könnte den Arbeitsmenschen mehr aus dem seelischen Gleichgewicht bringen als die Tatsache, Laß Las Handwerk ihm keinerlei Zukunftshoffnung mehr sein könnte. Der Handwerker arbeitet nicht, wie ich an einer anderen Stelle schon einmal sagte, weil er arbeiten muß, sondern weil er, seiner individuellen Veranlagung entsprechend, Befriedigung an der Arbeit hat,- weil ihn immer aufs neue eine ungetrübte Freude über das von ihm vollbrachte beherrscht. Es ist der Stolz des Handwerkers, sich nicht zum Herdenmenschen herabwürdigen zu lassen, sondern neben dem Ringen um eine menschenwürdige Existenz seine in» ' neren Werte voll zur Entfaltung zu bringen: mit einem Wort, sich der Allgemeinheit verantwortlich zu fühlen. In früheren Zeiten waren zahlreiche jüdische Handwerker Pioniere des Geistes: wir zehren heute noch an den köstlichen Aussprüchen dieser Talmudhandmerker: man kannte damals nicht die tiefe und trennende Kluft des Hand- und Kopfarbeiters. Diese Errungenschaft, die dem deutschen Judentum un» endlichen Schaden zugefügt hat, blieb merkwürdigerweise einer Zeit Vorbehalten, die man den Beginn einer freien Entwicklung, der Gleichberechtigung, den Punkt hinter das Gottcrlebeu des deutschen Judentums nannte. Den hinter diesen Punkt gesetzten Gedankenstrich aber verspüren die jüdischen Handwerker noch heute. Die Berufswahl ist bei uns Juden nicht nur zu einer rein wirtschaftlichen, sondern bedauerlicherweise zugleich zu einer gesellschaftlichen Frage geworden. Es ist durchaus anzuerkenncn, wenn besonders bei Uns Juden, selbst bei den ärmsten, die Opferwilligkeft oftmals grenzenlos ist, um den Kindern eine bessere Erziehung und Schulbildung zu verschaffen: denn wer von uns sieht nicht das Ideal in einer Jugend, die mit dem geistigen und körperlichen Rüstzeug ausgestattet, das nun einmal für den Existenzkampf, der vor unserer Jugend liegt, notwendig ist: und wenn dann die entscheidende Stunde der Berufswahl an die Eltern herantritt, dann sind sie sich in vielen Fällen nicht bewußt, daß mit diesem Entschluß das fernere Schicksal und die ganze Zukunft eines jungen Menschenkindes für alle Zeiten entschieden wird. Wieviel Unglück ist durch eine falsche Berufswahl oftmals in viele Familie» getragen worden: Ehrgeiz. „Tradition", falscher Stolz haben manchen jungen Menschen in einen Beruf gepreßt, an dem er nicht nur keine Befriedigung fand, sondern den er freudlos wie eine Last durch sein ganzes Leben schleppte. Man kann behaupten, daß im deutschen Judentum die Bernfsfrage nicht nur zu einer wirtschaftlichen, sondern bedauerlicherweise zu einer rein gesellschaftlichen gemacht wurde. Die Flucht in die sogenannten gehobenen Berufe ist Ein aussehenerregender Bibelfund. Professor Grimmc-Müuster entdeckt eine Inschrift «ott Moses. — Ein Wendepunkt i« der Bibelforschung. Die „BZ. am Mittag" vom 19. Oktober enthält folgende sensationelle Nachricht: Der Gebirgsstock aus Urgestein zwischen dem Meerbusen von Suez und Akabah. das Sinaigebirge. ist der Menschheit seit Jahrtausenden heilig, obwohl es der Wissenschaft bisher nicht gelungen ist. festzustellen, welchen Berggipfel die Bibel unter dem Bera Sinai versteht. Ja, gerade in letzter Zeit hat die exakte Forschung daran gezweifelt. daß die Juden auf ihrer Wanderuna die Halbinsel Sinai berührten und hat die Offenbarung der zehn Gebote auf dem Berge Sinai £ in das Reich der Mythe verwiesen. Ein Vortrag des berühmten Aegyptologen Professor Dr. Grimme von der Universität Münster, den der Gelehrte Sonnabend hier in Berlin in privatem Kreise hielt, zeigt, daß die neueste wissenschaftliche Forschung in Liesen Skeptizismus Bresche geschlagen hat. Es ist gelungen, festzustellen, welcher Berggipfel von der Bibel „Berg Sinai" genannt wird, und uralte Inschriften, die dort gesunden wurden, beweisen. Laß in der Tat bereits zu biblischen Zeiten in dieser Gegend Menschen lebten, die der hebräischen Sprache mächtig waren. Ja, ein gewisses Schriftdenkmal bezeugt scheinbar mit Bestimmtheit die historische Persönlichkeit des Propheten Moses. .. Pxofessox Grimme stellt die Geschichte dieser aufsehenerregenden Entdeckung wie folgt dar: Im Jahre 1905 fand Ider englische Gelehrte Flinöers Petri auf dem Plateau Serabit-el-Ehadem des Sinaigebirges einen altägyptischen Tempel, der aus dem Jahre 1500 v. Ehr. stammt. In der Nähe des Tempels entdeckte er acht Steintafeln, die ungefähr die Form hatten, in der gewöhnlich die Gesetzestafeln der zehn Gebote dargestellt werden. Sie und einige Kultgegenstände des Tempels trugen Schriftzüge, dis völlig unbekannt waren. Flmders Petri photographierte die Steine und machte zum Teil Abgüsse von ihnen, brachte sie aber nicht nach Europa, da er sie nicht abtränsyortieren konnte. Bis zum Jahre 1016 blieben die Schciftzeichen rätselhaft. Erst daun gelang es dem bedeutendsten Aegyptologen der Welt. Alan Gardiner, den Schlüssel dazu zu finden, indem er eine Reihe der sinaitischcn Konsonantenbuchstaben bestimmte. Schon damals war es klar, daß diese Zeichen das Werk eines Nichtägypters waren, der aber über Kenntnisse der ägyptischen Schrift verfügte. GardinerS Ergebnis wurde nun von Professor Lethe. Tr. Eisler und endlich von Pro- I fessor Grimme soweit ausgebant. daß jetzt wohl mit sicherer Kenntnis aller Lautwerke der geheimnisvollen Schrift gerechnet werden kann. Professor Grimme hat nun seftgestellt. daß die Sprache der Inschriften sich fast vollkommen mit dem Hebräisch der Bibel deckt, woraus sich ergibt, daß Hebräisch die erste mit Buchstaben geschriebene Schrift ist. Professor Grimme hat aber auch versucht, die Inschriften ihrem Inhalt nach zu deuten und hat auf einer der acht Tafeln drei Zeilen gesunden. bei deren Lesung, wie Professor Grimme sagt, ihm das Herz stockte. In diesen drei Zeilen dankt ein Tempeloberster der Pharaonin Hjatschepsut dafür, daß sic ihn aus dem Nil gezogen und zu hohen Würden befördert hat und nennt seinen Namen — Moses. Professor Grimme sagt, daß sich der Name vielleicht auch I als Manasse lesen ließe. Immerhin bleibt die ganz besondere Bedeutung dieser Inschrift bestehen, denn ihre Entstehungszeit deckt sich fast auf das Jahr mit der in der Bibel für das Leben Moses' angegebenen Zeit. Die Entstehung der Siuaiiuschrift scheint nämlich in die Epoche zu fallen, als die Pharaonin Hjatschepsut gestorben und ihr Nachfolger Thutmose III. gegen ihre Denkmäler und ihre Anhänger wütete. Dies mar im Jahre 1479 vor Christi. Wenn auch die Juden zu den Anhängern der Pharaonin gehörten, so war Moses, der nach der Bibelrechnung um das Jahr 1440 v. CH. die Inden aus Aegypten herausführte, zur Zeit der Errichtung der Sinai-Denkmäler 80 Jahre alt. Es märe also möglich, daß die Schrifttafel in der Tat von ihm stammt,, und daß er sie gesetzt hat. nm der Königin ein Denkmal zu errichten, während ihr Andenken von ihren Feinden verunglimpft wurde. Professor Dr. Grimme selbst legt aus diese Deutung der Jnschrifttafel weniger Wert als auf die Entzifferuna der Schrift, die für die Geschichte der menschlichen Kultur von höchster Bedeutung ist. Er erklärt, daß es von größter Wichtigkeit wäre, die wissenschaftliche Arbeit nicht auf die Abdrücke und Photographien Flinders Petris basieren zu müssen, sondern mit den Originaltaseln selbst arbeiten zu können. Es ist anzunehmen, daß sich auf den Gipfeln des Berges Sinai noch andere bedeutungsvolle Funde machen lassen werden. Deshalb wäre eS ein dringendes Gebot, eine Expedition auSzurüstcn. um daS Hochplateau nochmals zu durchforschen. Hier wäre eine Gelegenheit für die deutsche Wissenschaft, mit Aufwand von relativ kleinen Mitteln einer großen Sache zu dienen und eine Epoche der Menschheit zu erforschen, deren Geheimnisse für die Geschichte der Sprache und der Religionen von allergrößter Bedeutung sind. immer noch evident. Dabei darf nicht vergessen werden, daß die Berufsschichtung unter den Juden keine lediglich wirtschaftliche oder gesellschaftliche, sondern schlechthin eine jüdische Frage Überhaupt ist. Wer Gelegenheit hat, einen Blick in die umfangreiche Tätigkeit unseres Wohlfahrtsbezirks zu werfen, der wird mit Bosorgnis und Schrecken gewahr, welch gewaltigen Anteil gerade die Angehörigen der gehobenen Berufe au dieser segensreichen Einrichtung haben: dabei ist nicht zu vergessen, welch verzweifelter Existenzkampf sich innerhalb der vier Pfähle in manchem jüdischen Hause abspielt, der aus einem falschen Schamgefühl heraus nicht zur Kenntnis der jüdischen Wohlfahrtspflege gelangt. Eine gewaltige Tragik, hervorgerufen durch eine verkehrte gesellschaftliche Anschauung, rollt sich vor unserem entsetzten Auge ab, die ihren Aus klang in der erschreckenden Zunahme von Selbstmorden und zerrüttetem Familicnlcbenfindet. Darf die jüdische Öffentlichkeit diesen tieftraurigen Zuständen tatenlos gegenüberstehen? Glaubt sie, daß die Macht des Elends, der leiblichen und seelischen Not daöurchl gebrochen wird, indem man der WMfahrtsstelle mehr oder weniger Mittel zuführt? Die jüdischen Handwerkerorganisalionen haben schon vor Jahrzehnten ihre warnende Stimme erhoben: ich möchte sagen mit prophetischer Sehergabe haben -sie vorausgesägt» Latz die verkehrte BerusLschichtung einmal zur Katastrophe nicht nur für den Einzelnen, sondern für Las deutschs Judentum führen muß. Heut sind wir an diesem Wendepunkt angelangt. Unsere erträgliche Lage war begründet in der Macht, die daS deutsche Judentum als Wirtfchaftssaktor üarstellt. Diese Macht ist uns während des letzten Jahrzehnts entschwunden^ Die verlorene Position drückt sich aus in einer systematischen Abbröckelung unserer wirtschaftlichen und politischen Rechte. Der wirtschaftliche Boykott gegen unsere Glaubensvrüder, besonders auf dem flachen Lande und in den Kleingemeinden, nimmt infolge der völkischen Verhetzung einen er-, schreckenden Umfang an. Er richtet sich in der Hauptsache gegen den Handel. Die geistigen Berufe sind überfüllt, ein Proletariat macht sich in diesen Kreisen breit, wie wir es bisher nie gekannt haben. Das sind keine Phrasen, sondern ist rauhe Wirklichkeit. Trotz aller Unkenrufe steht daS Handwerk verhältmäßig am festesten da. Unsere Macht hat sich verschoben, sie liegt auf dem Gebiet der produktiven Leistungen. Zurück zu im« sercr Tradition. Das Mißtrauen, die gesellschaftliche Mauer, die nach Ständen trennt, muß fallen, wenn unser Judentum deu schweren Kampf, in dem es während der letzten Jahre liegt, ohne Schaden bestehen soll. Wir brauchen eine höhere Wertschätzung der produktiven Arbeit. Das Handwerk verlangt ganze, an Geist und Körper gesunde Männer. Die Anschauung, daß Minderbegabte und geistig Zurückgebliebene zur Erlernung eines Handwerks gut genug sind, hat dem jüdischen Handwerker tiefe Wunden goschlagen: seit Jahren bemühen sich unsere Handwerkerorganisationen, diese Wunden zu heilen. Dieser Gesundungöprozeß mutz von der Gesamtheit des Judentums unterstützt und gefördert werden, nicht nur durch Zuführung eines geeigneten Nachwuchses, sondern auch dadurch, daß man den bereits bestehenden Handwerkerstand, und dies gilt besonders für die jüdischen Körperschaften, durch Erteilung von Aufträgen und Lieferungen lebensfähig erhält« Im jüdischen Handwerkerstand steckt ein gesunder jüdischer Geist, er hat einen geschärften Blick für die Realitäten des Lebens, in ihm steckt ein ausgeprägtes Verantwortlichkeitsgcfühl für die Allgemeinheit. Er ist stolz darauf, nicht nur mitzufchaffLn am Bestand des Judentums, sondern auchi am Wiederaufbau unseres Vaterlandes. Schasst Mittel für Handwerkerexistenzen! Von Wilhelm Marcus. Nachdem sich herausgestellt hat, datz die Existenzmöglichkeiten in den akademischen und kaufmännischen Berufen stark! gesunken sind, ist bei unseren Glaubensgenossen die Neigung, unsere Jugend wieder dem Handwerk zuzuführen, im Wachsen begriffen. Selbst diejenigen Kreise, die früher den Beruf des Handwerkers für ihre Kinder als nicht standesgemäß ablehnten, sehen sich durch die wirtschaftliche Lage in Deutschland gezwungen, die BerufSumschichtuna mitzumachen. Die im Zentralverband jüdischer Handwerker Deutschlands organisierten Vereine haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Ausbildung junger Leute, die sich dem Handwerkerstände widmen wollen, zu fördern, bis sie sich selbständig machen wollen. Ihnen aber dann eine Existenzmöglichkeit zu geben, liegt außerhalb ihres Machtbereichs. Obgleich die Aussichten im Handwerk, besonders jm Baubairdwerk. außerordentlich