Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 42 (16.10.1925)
- Date
- 1925-10-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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wenn man vom Aberglauben nicht loSkommt. auch in politischen Dingen den Menschen als ein vernunftbegabtes Wesen *u betrachten, -aß allein schon diese Erfahrungen des AntidochiSmns im Lande der Boches den Antisemitismus hätten -unmöglich machen sollen. Daß es nicht der Fall gewesen ist. missen wir alle. Wer auch dieser Antisemitismus stellt wieder eine besondere Beziehung her und stellt eine besondere nativnalpolltische Bedeutung der Juden in Deutschland hervor. Es leben knapp 600 000 Juden unter den 60 Millionen nichtjüdischen Deutschen, also knapp 1 Prozent. Nun könnte man ja sagen, da die Geschichte nicht sentimental ist: was kommt es auf das Schicksal, dieses einett Prozent an? Möge mit ihnen werden. was das will, darüber können die anderen W Prozent zur Tagesordnung übergehen. Nein, das können sie eben nicht. Denn mit dieser Frage des einen Prozent werden die 99 Prozent nicht fertig. zu allerletzt ein reger Interesse entgegengebracht: den unmittelbar vor den LanöeSverbandswahlen veröffentlichten Aufruf prominenter Persönlichkeiten hat er mitunterzeichnet: wenige Tage vor seinem Tode erschien in der ,Hüdisch-libe. ralen. Zeitung" ein ausgezeichneter Aufsatz von ihm über „Zionismus im Dienst der Westmächte". Wer Liebermann kannte, der konnte auch aus den streng sachlich-wissenschaftlichen Ausführungen sein begeistertes Bekenntnis zum Judentum und zum Deutschtum herauslesen. Bon ganz besonderem Wert für uns deutschfichlende Juden sind die bedeutsamen Worte dieses genauen Kenners englischer Verhältnisse: Dieses Palästina kann nur britische Politik treiben". Das deutsche Judentum, besonders das liberale, hat mit Felix Lieberurarm einen seiner Besten verloren, wir können mit der Trauer um ihn nur den Wunsch verknüpfen, daß Männer wie er wieder aus unseren Reihen erstehen mögen. A. S. Der Antisemitismus der Reaktion. Jeder Versuch, jeder Ansauf, in die Bahn der modernen demokratischen national-staatlichen Entwicklung das deutsche Volk hrncinzusühren, ruft selbstverständlich den wütenden 'Widerstand aller alten Mächte und Kräfte hervor, und sie rufen schon bei den ersten Anfängen immer wieder antisemitische Regungen, das Wort ,^Iude" zur Hilfe. Man kann am letzten Ende allerdings nicht erwarten, daß die Gegner einer dem Volke als ganzem günstigen Entwicklung sagen werden: dich wollen wir nicht, dich Voll wollen wir in Untertänigkeit halten. Nein, da liegt die Argumentation näher, zu sagen: du edler Deutscher hast eine arische Abneigung gegen Freiheit, gegen Demokratie, gegen nationale Selbständigkeit, das sind fremde Erfindungen, das ist fremdes Gift, das dir cingeflößt werden soll von den Fremden, die unter dir leben, den Juden. Und dann bat eS noch den weiteren demagogischen Vorteil, auch dem Untertan, den man in vollster Urrtertänigkeit holten will, dem Landbewohner, den man in der Abhängigkeit von dem Grundherrn halten will, wie das damals im Anfang deS 19. Jahrhunderts der Kern des Kampfes war. immer sagen zu können: du bist noch nicht der Unterste auf der menschlichen Rangleitrr. du hast noch einen unter dir, das ist der Jude. Falsches Lolidaritätsgcfühl. Man sagt dem Juden: bessere dich, gehe in dich! Ja. wenn du schlecht bist, bessere dich. Gewöhnlich wird man es nicht tun. wenn man wirklich schlecht ist. aber ob man dabei Jude oder Christ ist. ist meines Erachtens gänzlich gleichgültig. Lassen wir unS — und das ist eine Pflicht, die wir dem deutschen Volk und seiner imtionalen Entwicklung gegenüber haben — nicht ein solches falsches Rassensolrüaritätögefühl einreden. Fühlen wir uns nicht verpflichtet, jeden jüdischsn Schuft zu decken. Fühlen wir uns aber auch nicht haftbar dafür, daß es auch jüdische Lumpen gibt. Diese ganze Art des Denkens ist auf den Rassen-rvcchnsinn aufgezogen und anfgepfropst. Gewiß, man sagt: der Jude soll sich nicht vordrängen. Kein Mensch soll sich vordrängen. Der Christ auch nicht. Aber er soll, was er für die Oefseutlichkeit leisten kann, nicht mrgeleistet lassen, aus Angst, man kömrte ihm nachsagen, er dränge sich vor. Und was noch wichtiger sein mag: die verehrten Glaubensgenossen sollen ihn nicht an den Rockschöße-n zurückziehen aus Angst, sie könnten davon Unannehmlichkeiten haben, wenn er den anderen nicht gefallt. Zum Tode von Helix Li Irr den letzten Tagen hat der Tod grausame Ernte Wter unseren Besten gehalten. Ans Cambridge kommt uns die schmerzliche Nachricht vom Tode des großen liberalen Geirrten Jspael Abrahams, dessen Leben und Bedeutung Professor Elbogen an anderer Stelle würdigt. DasDeutsche Reich ist dnrchHugo Preuß'Tod um einen seiner bedeutendsten Politiker, das liberale Judentum um einen aufrechten Mitstreiter ärmer geworden, die Wissenschaft beklagt bei dem Heimgang dieses Mannes, der von denen am meisten geschmäht wird, die ihm die Sicherheit verfassungsmäßiger Zustände danken, den Verlust eines Fortsetzers der Gelehrtenreihe aus der Zeit der deutschen Märzrevolution. Unsere Leser finden an anderer Stelle sein Bekenntnis zum deutschen liberalen Judentum. Und auch mit Felix Liebermann, dem großen Kenner der englischen Rechtsgeschichte und englischer Altertümer, ist uns einer von jenen Männern genommen worden, die dem liberalen Judentum noch viel zu geben hatten. Es ist ein tragisches Geschick, daß Professor Liebermann, der mit Hugo Preuß verwandtschaftlich verbunden war, in dem Augenblick dem tödlichen Autounfall zum Opfer fiel, als er, neben anderer Post, eine Karte an uns — seinen letzten Gruß — in den Kasten bringen wollte, in der er uns weitere tätige Propagierung unserer Ideen versprach. Wir werden das Andenken dieser bedeutenden Männer des Geistes und dieser großen Söhne Israels dauernd in Ehren halten. In unserer Nr. 30 vom 24. Juli hatten wir zu Liebermanns Geburtstag eine Schilderung seines Lebens und Schaffens veröffentlicht. Nachstehend aeben wir einem Liebermann Nahestehenden zn Worten der Erinnerung Raum. Mit Prof. Felix Liebermann, dessen tragisches Ende durch die Tagespreise berichtet wurde, ist nicht nur einer der ttc»- grüiidlgsten und bedeutendsten Forscher auf feinem Spezialgebiete ienglische Geschichte, insbesondere Rechtsgeschichte) dahingegangen, sondern auch einer der feinsinnigsten unliebenswertesten Menschen und einer der besten Juden. Er war ein ./guter" Jude allerdings nicht im Sinne des überlieferten Judentums in landläufigem Sinne, der alten Gebräuche und Gesetzesvorschriften bedurfte dieser kluge uninnerlich fromme und edle Mensch nicht, in seiner Bescheidenheit lebte er auch ohne sie — mehr als die meisten, die sie beachten —, das von allen Schlacken gereinigte, prophetische Judentum. Wohl wenige Menschen sibt es in der heutigen Zeit, für die wie für ihn als Leitsatz ihres Lebens und Wirkens die Dichterworte Kelten können: „Edel sei der Mensch, hilfreich und aut". Ohne ie damit, wenn es sich vermeiden ließ.andieOeffentlichkeit zu treten, übte er —gemeinsam mit seiner gleichgesinnten Gattin — in großzügigster Weise Wohltätigkeit nach altiüdischem Brauch, hauptsächlich für jüdische Zwecke und ganz besonders zugunsten armer Mischer Studenten. Wohltun war ihm Herzenssache. Nichts hat ihm — vielleicht außer dem Schmerz über all den Jammer, den das letzte Jahrzehnt über die Welt und insbesondere sein geliebtes deutsches Vaterland gebracht hat — so wehgetan. wie daß es ihm in dien letzen Jahren nicht rnÄr möglich war, in der altgewohnten Weise für andere zu sorgen. Aber nicht nur materielle Hilfe leistete er. wo er nur konnte, auch seine» klugen Rat lieb er freudig jedem, üer ihn darum angirm. Den Zielen unserer jüdisch-liberalen Bewegung bat er bis Israel Abrahams Als ich am Lcbemilli Azereth von der Seelenfeier heimkehrte. saird ich die betrübende Nachricht vor, daß Israel AibraHamö in Cambridge, England, am 6. Oktober seinem langen Herzleiden erlegen ist. Wieder ein teurer Freund und ein treuer Mitstreiter von unserer Seite gerissen. In unseren Tagen des mangelnden Nachwuchses ein harter Schlag! Ein ausgezeichneter Mensch, ein vielseitiger Gelehrter. ein anziehender Redner, ein packender Schriftsteller — bedeutet sein Heimgang sür das englische Judentum einen schweren, ja unersetzlichen Verlust. Israel Abrahams war der erste in England (London 1858s geborene und ausschließlich dort herangebildete jüdische Gelehrte der neueren Zeit. Mit Recht war die englische Judenheit stolz ans diesen vortrefflichen Sohn ihres Landes, dessen wissenschaftliche Arbeit bei Juden und Nichtjude-u weithin außerordentliche Anerkennung fand. Ein berühmter Orforder Theologe hat in einem Urteil über Abrahams Forschungen zu den Evangelien neben der echten Wissenschaftlichkeit den „Humanismus" gerühmt. In der Tat wird kein anderes Prädikat der Eigenart dieses Gelehrten gleich gerecht. Er war ein echter „Humanist" und nichts Menschliches blieb seiner Gelehrtenarbeit fern. Außer David Kauffmaun kenne ich keinen jüdischen Gelehrten unserer Zeit, Lessen Interessen so vielseitig waren wie die Israel Abrahams, der sich, um den Titel eines seiner Bücher zu gebrauchen, so gern in die „Seitenpfade der jüdischen Literatur" verlor und den verwickelten K ulln r zusammenhüngen des Judentums so gern nachging. Ein überaus fruchtbarer und anziehender: Schriftsteller war er gesuchter Mitarbeiter zahlreicher Zeitschriften und Enzyklopädien, ein beliebter Redner in populären und gelehrten Veranstaltungen. hat er zahlreiche Vorträge in Druck gebracht: einige Bände seiner gehaltvollen Reden und Aussätze erfreuen sich mit Recht großer Beliebtheit. Seinen wissenschaftlichen Ruhm begründete er durch sein klassisches Werk ..Jewish Life in thc Middle Ages" (London 1896); ans zahllosen zerstreuten Notizen in gedruckten und nng«druckten Quellen ist hier ein lebendiges, anschauliches Bild vom Leben der Inden im Mittelalter geformt und sympathisch gezeichnet. In vielen Auflagen gedruckt, besonders seitdem die Jewish Publication Society of America es übernommen hat, hat das Werk in weitesten Kreisen ungewöhnliche Verbreitung gefunden und zur Aufklärung über den Charakter des „Ghetto“ beigetragen. Als sollte er ziUetzt zu seiner ersten Liebe zurückkeihren. hat Abrahams jüngst für dieselbe Gesellschaft einen Band über „Jüdische Testamente" vorbereitet, die eine so wertvolle Quelle sür die jüdische Sittengeschichte bilden. Dazwischen liegen zahllose größere und kleinere Veröffentlichungen, in denen er die verschiedensten Probleme der jüdischen Literatur-, Kultur- und Religionsgeschichte behandelt, besonders aber als treuer Begleiter und wohlwollender Kritiker literarischer Neuerscheinungen sich bewährt. Von entscheidender Bedeutung für sein Leben wurde die Freundschaft und Zusammenarbeit mit Claude G. Montefiore. Zwanzig Jahre lang hat er uni ihm vereint die Jewish Quarterly Review Herausgegeben (1889—1908); feine selbstlose Arbeit hat die Zeitschrift auf einem sehr hohen Niveau erhalten, ihr Erscheinen bezeichnete einen bedeutsamen Aufschwung des jüdisch-geistigen Lebens in England. DurchMontefiores Evangelien-Kommentar (1999) angeregt, veröffentlichte er seine 8taäies in kbarisaym and tbs Gospels lBd. I. Cambridge 1917; Bd. II, das. 1921». die einzelne Probleme des Misch-religiösen Lebens sowie üer uxchristlichen Theologie und Polemik erqänzeild untersuchen; in tiefeinöringenden Quelle-Studien ist der iüdische Standpunkt dargelegt, die Gelehrsamkeit und der seine Takt des Verfassers haben auf christliche Forscher nachhaltigen Eindruck gemacht. Mit Montesiore zusammen gab er 1895» eine Reihe von 18 „Laienpredigten" heraus, die weit über den unmittelbaren Anlaß hinaus Bedeutung für die Entwicklung des jüdischen Lebens in England gewonnen haben. In ihnen war der Samen für die Bewegung ansgestreut, die 1902 in der Jewish Rcligious Union sich als reise Frucht darstellte und heute eine kraftvolle Erscheinung in der englischen Judenhcit bildet. Israel Abrahams war nicht nur Sämann, sondern auch treuer Hüter und Pfleger der zarten Pflanze, der das Gedeihen durchaus nicht leicht gemacht wurde. Wenn das religiöse Leben im „freien" England bekanntlich überaus konservativ ist. so erweisen sich die von Natur konservativen Juden als ganz besonders treue Hüter der Tradition und lassen lieber das gesamte religiöse Leben erstarren, als daß sie von der hergebrachten Form abweichen. Israel Abrahams kam aus einem strenz orthodoxen Milieu, sein Vater wirkte zuerst als Rabbiner in der Portugiesischen Gemeinde und später als Direktor von Jews' College, er selbst wurde an diesem Institut ausgebitdet und erreichte dort später den Rang eines stellvertretenden Direktors, wäre wahrscheinlich auch zum Leiter des Instituts aufgerückt, wenn er nicht in seinen religiösen Ueberzeuqungen sich vom orthodoxen Standpunkt weit entfernt hätte. In ernstem religiösen Ringen und ausgedehnten religionsvergleichenden Studien hatte er einen freien Standpunkt gewonnen. Abrahams war einer von den ganz wenigen wirklich liberalen Juden, die einen von Vorurteilen freien Geist, tiefes religiöses Empfinden und eine warme Liebe zum Judentum vereinten. Er war kein wilder Stürmer, aber ein sicherer Führer, der die Orthodoxie innerlich überwunden hatte, der aus Liebe zur jüdischen Tradition ..die" iüdische Tradition verwarf, aus Besorgnis um Gleichgültigkeit und Abfall neue Wege des religiösen Lebens und Aufbans suchte. Ein selbstloser Diener seiner Glaubensgemeinschaft, war er jederzeit bereit zu wirken, wo er das Gute fördern und die Zukunft des Judentums sickern zu können glaubte. So trat er. wie sein verstorbener Schwiegervater, der feinsinnige Prediger Simeon Singer, an die Seite der Fortschrittlichen und blieb ihr treuer Ekkebart bis an sein Lebensende. Das .jiverale Judentum" in England verdankt Abrahams außerordentlich viel; er brachte in die Bewegung nicht nur seine auSge« breitete Gelehrsamkeit und sein warmes Herz mit. sondern auch, was man englisch „the Jewish background“ nennt. Seine Verwurzelung im jüdischen Leben hat die Bewegung vor Entgleisungen bewahrt und ihr einen zentripetale« Mischen Charakter erhalten. Ein Mann von AVrahamS' geistiger Bedeutung ist nie »ms engstirnigen Partetmairn geworden, er Sehrelt den Zusammenhang mit der Gesamtheit de§ Judentums, er hatte feine Verbindungen und Sympathien mit allen Lagern. In Cambridge, wo er seit der Jahrhundertwende als Nachfolge« S. Schechters Dozent für Talmud und jüdiiche Literatur war. bildete sein HauS den Mittelpunkt des jüdischen Lebens. Es hat wenig Menschen gegeben, die ihre Zeit und ihr Wissen so bereitwillig zur Lersügung stellten wie er, sein Haus war in edelster Gastfreundschaft geöffnet. In einem Schreiben zum Jom Aippur erinnerte ich ihn daran, welch warmherzige Aufnahme ich vor gerade zwanzig Jahren in seinem Hause gefunden hatte. Wir haben uns seitdem nie wieder g-eseheu (in New Äork. wo er mich 1923 in den Vorlesungen ablöstc, fuhren wir infolge einer Verspätung seines Dampfers an der Freiheitssäule aneinander vorüber), aber unsere Beziehungen haben unverändert herzlich weiterbestanden. Besonders zahlreich waren seine Freunde und Verehrer in Len Bereinigten Staaten'; öaS mebrew Union College in Cincinnati. Oh. und das Jewish Institute of Religion in New Aork C. haben ihn beide zum Ehrendoktor ermannt. Eines der in Amerika von Abrahams vorgetragenen und in Buchform behandelten Themen führt den Titel „Perma-i nent Valnes“. Männer von Israel Abrahams' lauterem Wollen und Streben darf man als „bleibende Werte" bezeichnen. ihr treues, selbstloses Wirken geht im Judentum nicht unter! I. E lb ogen. ©tf. Der Verband der Gesellschaften zur Förderung des Hand^ werks und der LanEwirtschaft unter den Juden, nach den Initialen seines ursprünglich russischen Namens kurz „Ort" genannt, hatte die Berliner Presie anr Sonnabend, Len 10. Oktober, zu einer Information nach dem .Haiserhos" geladen. Nach kurzen Begrüßungsansprachen von Justizrat Brodnitz und Sanitätsrat Gold sch mi di ergriff das Wort Dr. Singalowski, der über die Frage des wirtschaftlichen UmbauL des Ostjudentums etwa folgendes ausführte: Unter den Wiederaufbau-Problemen der Gegenwart nimmt die sozial-wirtschaftliche Lage der beinahe 8 Millionen zählenden, in osteuropäischen Ländern wohnenden Juden einen nicht zu unterschätzenden Platz ein. Im vorigen Jahrhundert wickelte fick das jüdische Leben in Rußland vornehmlich in der Kleinstadt ab. Tauschgeschäfte. Schankwesen und Kleinhandel bildeten die Mehrzahl der jüdischen Beschäftigungen. Mit dem Einzüge der kapitalistischen Wirtschaftsform bricht eine Krisis aus. Aus der untergehenden Kleinstadt w änderten die Acassen nach der Großstadt ab, wo sie neue Erwerbsguellen aufsuchen müssen. Die Zahl der jüdischen Handwerker, Schwerarbeiter und Kleinbauern wächst in raschem Tempo. Diese, Entwicklung zn fördern machten sich die Führer der russisch-jüdischen Intelligenz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Aufgabe und gründeten zu diesem Zwecke im Jahre 1880 die Gesellschaft „Ort". Während vor dem Kriege die ,Qrt"-Tättgkeck sich auf das eigentliche Rußland beschränkte, umfaßt der „Ort". Verband heute 62 Organisationen in Polen, Litauen. Lettland. Estland. Finnland, Rumänien, üer Tschechoslowakei. Deutschland, England. Frankreich und Amerika. Durch den Weltkrieg wurden in Osteuropa 400 000 Juden aus ihren Wohnorten vertrieben. 600 jüdische Gemeinden wurden vernichtet. Danach folgten Bürgerkrieg. Pogrome und Epidemien Ler Jahre 1018-—1920. Die Zähl der entwurzelten Existenzen wuchs ins Ungcchenerltche. Zwei allgemeine Ursachen verursachten den voll, räudigen Ruin der meist im Kleinhandel tätigen Juden in den östlichen Ländern Europas: 1. Die Vorherrschaft der agrarischen Tendenzen und datz Monopolisierungs-System in der Politik der betreffenden Regierungen. „ „ _ 2. Das Wachstum der Genossenschafts-Bewegung nt Stadt und Land. , . . Eine gewaltige B e r u fs um 1 ch l ch tun g wurde erforderlich. Ter „Ort"-Berbandfördert den sozial-wirtschaftlichen Umbau in drei Richtungen: 1. Wiederaufbau des Handwerks durch kredrtwene Versorgung der Handwerker mit Arbeitsgeräten und Rohstoffen. 2. Förderung der landwirtschaftlichen Ansiedlung durch finanzielle und agronomische Unterstützung. 3. Berufliche Ausbildung der Jugend in Fachschulen und Lehrwerkstätten. Durch die in Berlin bestehende Zentraleintaussstelle des „Ort"-Vevbandes wurden in den letzten Jahren etwa. <000 jüdische Hanöwerkerfamilien mit Produktwnsmitteln auf Kredit versorgt. Der Uebergang zur L a n d w i r t i ch a t t hat den Charakter einer Massenbewegung angenommen. Die gegenwärttge Gesamtzahl der jüdischen Ackerbauer und Gärtner m Osteuropa übersteigt bereits eine viertel Mtllton. In besonders raschem Tempo wächst die jüdische ^andrmrtichast in Bessrrabien uud in der Ukraine, wo allein im letzteir Jahre über 6467 Familien (etwa 35 000 Seelen) auf ein« Bodenfläche von über 100 000 Hektar angesiedelt worden stnd. Die Ansiedelungskosten für eine Familie in Süd-Ukralne und in Krim betragen 1200 Rubel; 400 gibt der Ansredler selbst, 4M die Regieruna, 4M müssen die jüdischen Htlfsorganisationen („Joint". „Ort") dem Siedler vorichreßen. Im Laufe der letzten drei Jahre hat der „Ort -Verband mit Hilfe des „Joint" 12 000 jüdische Ackerbausamrilen ,n Polen und Bessarabien mit landwirtschaftlichen Krvdtten unterstützt. Außerdem 38 alte jüdische Kolonien in Suö- Rußlaud, die durch Pogrome und Mißernte vor dem Untere gang standen, gerettet. ... t .. . * Ein weiteres Feld für landwtrtichastlrche Taügkert des Verbandes ,,OrL' liegt in der Tschechoslowakei tKarpathen- Rußland), wo 30 000 jüdische Bauern leben. In Deutschland arbeitet die „Ort"-Geiellichaft mlt dem Verein zur Förderuna der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands zu Berlin („Bodenkulturvercln I Hand in Hand Auf Lebrgütern er-hält iüdriche deutsche Jugend praktische Ausbildung in Landwirtschaft, Brehzucht und Gartenbau. Für ihr weiteres Fortkommen wrrd durch Beschaffung von Stellen sowie durch Vermittlung geeigneter Ländereien gesorgt. Die Tätigkeit der Arbeitsgemecu)mast „Bodenkulturverein" und „Ort" soll demnächst m Deutschland weiter ausgedehnt werden. Viel Mühe verwendet der „Ort"-Verband s u r b t c berufliche Ausbildung der Heranwachsenden Generation in Gand werkerschulen. Insgesamt hat „Ort" 75 Handwerkerschulen mit 120 Lehrwerkstätten gegründet, m denen 60w jüdische Kinder fachliche Ausbildung erhalten. Außerdem gründete „Ort" eine Reihe praktischer Kurse für erwachsene Arbeiter und Handwerker, ein Technikum in Wtlna, eine Lehrfabrik für mechanische Weberei in Lodz und eine Musterwerkstätte für Kunstmöbel in Warschau In Paris wurde auf die Initiative üeS „Orll-Berbaudes hin ein ArbeitSbnreau für Einwanderer gegründet, das vereitS Tausenden Arbeit in Fabriken und auf dem Lande verschafft hat. Außerdem sechs Fachanstalten zur beruflichen Ausbildung von Einwanderern. In Berlin hat die Gesellschaft „Ort". Abtestunq Deutsch, land. in Gemeinschaft mit der Jüdischen Gemeinde und dem Avheiter.Fürsorgeamt eine Schneiderwerkstätte errrchtet, die sehr gut sunktivniert. Diese Art der Tätigkeit muß in » c