Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 42 (16.10.1925)
- Date
- 1925-10-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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8. Jahrgang Nummer 4L Beilage 18. Gktober 1925 Die jüdische Gegenwart Hugo Preutz. „Die Weisen leuchten wie Les Himmels Glanz, und die zum Heile der Gesamtheit gewirket, wie die Sterne für und für." # * * Deutschland ist um einen Großen ärmer geworden. Bewußtes Deutschtum, gepaart mit einer seltenen Tiefe sozialen Empfindens, gewaltiges Wissen und politischer Gestaltungswilleu vereinten sich in Hugo Pveuß. Diese Grunöelemente seines Wesens prädestinierten ihn zum Führer des deutschen Volkes, das auf Len Triimmern der wilhelminischen Epoche sich selbst Len Staat neu zu errichten hatte. Im kaiserlichen Deutschland war für einen Preuß kein Platz. Dem Privatdozenten eine ordentliche Professur zu übertragen, war unmöglich, den ausgezeichneten Mitarbeiter der Wochenschrift „Die Nation" ein Staatsamt bekleiden zu lassen, undenkbar — denn Preuß war Jude. Erst der Zusammenbruch im November 1918 stellte Preuß seine Lebensaufgabe. Ebert übertrug ihm die Leitung des Reichsministeriums des Innern, dem -als wichtigste Aufgabe die Schaffung der neuen „Verfassung des Deutschen Reiches" oblag. Klar erkannte Preuß die ihm gestellte Aufgabe: „Deutschland kann nicht existieren, wenn es nicht unendlich später als alle anderen großen Völker und nach einer Erfahrung furchtbarster Schmerzen eingebt in den großen Weg der modernen nationalstaatlichen demokratischen Entwicklung. Das ist die Einheit des staatlichen Volkes, der Staatsnation. f * Preuß schuf die Weimarer Verfassung. Dann trat er wieder in den Hintergrund. Er war Jude und machte aus seinem Judentum keinen Hehl. Die deutsche Republik der Gegenwart kann Juden nur mit Vorsicht gebrauchen. Und nicht einmal ein ReichStagsmandat glaubte ihm seine Partei anvertrauen zu dürfen. Galt sie doch schon als „jüdisch belastet". So konnte der Lebende auch in der deutschen Republik nicht an den Stellen wirken, die ihm gebührten. Dem Toten winden sie nun die Kränze, die sie dem Lebenden vorenthielten. Das deutsche Judentum ist stolz auf Hugo Preuß, den Kämpfer für die Gleichberechtigung der deutschen Juden. Er hat ihm ein Vermächtnis hinterlassen, dessen Erfüllung nunmehr, da er selbst nicht mehr wirken kann, unsere Pfiicht'üst: Vdikzuarbeiten an der Konsolidierung des deutschen Nationalstaates, fortzufchreiten auf dem Wege „vom Obrigkeitsstaat zum Volksstaat". B. W. Anläßlich der ersten Tagung des Preutzischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden hielt Reichsminister a. D. Prof. Dr. Hugo Preutz im Liberalen Verein sür die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde «.u Verl in eine Rede, die hier veröffentlicht wurde. Nachstehend seien aus ihr einige Stellen wiedergegeben. Antisemitismus und moderner Nationalstaat. Der Antisemitismus, nicht als gesellschaftliche oder individuelle Erscheinung, aber als politisches Machtmittel und politisch wichtige Erscheinung, ist in ö-emrselben Matze .überall zurückgetreten, wie sich der moderne Nationalstaat in seiner heutigen, in seiner politisch-demokratischen Form und Gestaltung entwickelt und konsolidiert hat. Man kann geradezu sagen: es ist ein Sympton, das wie ein historischpolitisches Barometer anzeigt, wo die sagenannte Indenfr age eine große Rolle spielt. Wo der Antisemitismus im öffentlichen Leben überwiegt und bedeutungsvoll ist, da ist die Entwicklung des Nationalstaates noch nicht vollendet, da ist der moderne nationale und demokratische Staat noch im Entwicklungsstadium steckengeblieben. Deutschtum uud Judentum Man wird sagen: Sollen wir uns assimilieren? Wie kann man so antisemitisch sein, eine solche Forderung aufzustellen? Wen! soll ich mich assimilieren? Bin ich ein minderer Deutscher als irgend ein anderer? Es gibt Landsleute, denen mich zu assimilieren ich mit einem herzlichen Pfui Teufel! ■ ablehne. Aber diese ganze Voraussetzung: Der Jude soll sich dem Deutschen assimilieren, macht eine falsche Prämisse, nämlich die. datz das zwei verschiedene Wesen wären. Den Deutschen, der nicht irgendwie sonst noch bestimmt wäre, als Jude oder Protestant oder Katholik oder Norddeutscher oder Süddeutscher oder Handwerker oder Bauer oder Arbeiter, den gibt es ebensowenig, wie es den Baum kat exochen gibt, der weder Buche noch Eiche noch Tanne noch irgendeine sonstige Art von Baum, sondern nur schlechthin Baum ist. Das gibt es nicht. Mer von diesen verschiedenen Erscheinungen der einheitlichen deutschen Staats- und Kultnrnativn ist der Jude nicht etwas anderes als irgendein anderes dieser Elemente. Er ist einig mit dem Vaterlandsgefühl. und er hat im übrigen deshalb auch gar nicht nötig, sich als nationalgesinnter Jude zu bekennen! Das wäre genau so. als ob man sich als nichtwuchernder Jude oder als nichtperverser Mitmensch besonders bekennen wollte. Ich mutz sagen, ich habe mir oft den Kops zerbrochen, wie cs überhaupt denkbar ist. daß jemand, der als Deutscher geboren, womöglich seit Generationen da ist — und wir wissen doch alle, datz die sogenannten polnischen Juden alles deutsche Juden sind, denn sie sind nach Jahrhunderten nach Deutschland wieder zurückgcwandert, von Haus ans sind sie deutsche Juden gewesen —, ich sage, wie kann jemand, der ausgewachsen ist in seiner ganzen Familie, in seinem ganzen Denken, in seinem ganzen Leben und Treiben innerhalb eines Volkes, nicht national gesinnt sein? Es kann sein, datz er cs mal sagt, und dann mutz man ihm eben sagen: Du weitzt nicht, was du redest: denn selbst wenn du es nicht wolltest, du kannst es ja gar nicht sein. Man kann doch nicht sein eigenes Sein und Wesen abstreiten. Vielleicht, wenn mau auswandert und lange Jahre unter anderer Kultur und Sprache und anderen UmgebungSvevhältnissen lebt, dann mag es sein, daß mau da einwurzelt. und auch das immer noch nicht ohne Vorbehalt uud nicht.ohne große Schmerzen und Schwierigkeiten. Die Rasieujragc. Tie Stimmung gegen das Judentum wurde nicht nur auf Leidenschaften und Fanatismus gestützt, sondern aus eine wissenschaftliche Grundlage. Wir Deutsche dürfen allerdings mit Stolz bekennen: die wissenschaftlichen Väter dieser Pseudowissenschaft. die die Edelrasse des reinen Ariertums verkündet und die so viele Gläubige bei den Deutschen gefunden haben, waren keine Deutschen, weder Gobinean. noch Houston Stuart Ehamberlain. Ein Franzose und ein Engländer mutzten die Deutschen ihre Rassenreinheit lehren. Es ist in diesem Kreise nicht nötig, cs ist wohl überhaupt vor vernünftigen Menschen nicht nötig, diese Lehre zu widerlegen. Mau mochte mit Nietzsche, der ja auch gelegentlich jenen Gesinnungsgenossen zugerechnet wurde, sagen: es sei seine Maxime, mit keinem Menschen zu verkehren, der an den verlogenen Rassenschwindel glaubt. Ja, im politischen Leben kann man sich nun leider nicht anssuchen, mit wem man verkehren will, und mit wem man nicht verkehren will, der will feindlich mit einem verkehren. Aber in der Tat ist es so: man hört ein ganzes Heer von hunderttausend Narrcn sprechen. Was aber das Entscheidende unter hem Gesichtspunkt, den ich hier in den Mittelpunkt gestellt habe, ist: diese ganze Auffassung der Rasienlehre als politisches Fundament verkennt vollkommen, was ein Volk in natimralpolitischern Sinne ist, verkennt vollkommen die staatspvlitische Bedeutung, das staatspolitische Wesen der Nation. Tenn eine Nation ist keine Tierrasse, nicht eine Vrehkoppel. sondern sie ist ein geistiges, ein geistigsittliches Element, beruhend auf tausend verschiedenen Komponenten. Unter diesen tausenden von Komponenten spielen auch Mstammungs-, sogenannte Rassenverhältnisse eine gewisse, aber noch in keiner Weise wirklich klar ergründete Rolle. Aber nur eine unter tausend anderen, unendlich viel wichtigeren. Rassehunde, Rassepferde jawohl — aber was den Menschen vom Vieh trennt oder trennen sollte, ist nicht nur seine Sprache, sondern auch das Denken, aus dem diese Sprache resultiert und darauf sich aufbauend die ganze Kulturgemeinschast und die weiteren phnsischcn Merkmale. Es Gmmen dabei die scherzhaftesten Tinge vor. Wir wissen, datz der Jude verächtlich angesehen und nicht als Deutscher betrachtet wird, weil er ein Rnndschädel ist, während der wahre Edeldeutsche ein Langschädel sein mutz. Haben Sie mal ein Bild von Luther gesehen? Einen ausgeprägteren Rundschädel kann man sich nicht vorstellen. Er wird wohl den Weg anderer Deutscher gehen, die als Juden entlarvt sind. Oder sehen Sie sich Goethe an: cbev'^^s ein ausgeprägter Rundschädel. Dasselbe gilt von Kant. Schopenhauer und last not least auch von Bismarck, auch ein ausgeprägter Rundschädel'. Trotzdem wird der Unsinn immer weiter geredet. Di« Juden in de« fortschrittlichen Parteien. Die Parteien, die Len moLernen einheitlichen Nationalstaat wollen, sind natürlich nicht antisemitisch. Sie sind cs nicht in verschiedenen Abstufungen. aber darüber will ich nicht roden. Aber auch manche, die es ganz gewiß nicht sind und auch Nichtsein können, ja die sogar in ihren Programmen und Kundgebungen mit sehr schönen!einwandsrcien Erklärungen sich dagegen wenden, die es ja bekämpfen müssen — denn sie rvevLcn von der anderen Seite als Judenpartei bekämpft —, sind vielfach ebenso tapfer, rvie es die Juden in der Selbstverteidigung sind. Sie werden ganz sicher rriemaLS erklären, datz sie einen Jüdnr nicht in die erste Reibe stellen. Aber sie werden alles tun, um es zu vermeiden. Man braucht das nicht mit moralischen Werturteilen zu betrachten. Viele der Leute meinen das Beste dabet. aber was sie tun, ist nicht das Beste. Es hat nämlich glücklich jetzt schon dahin geführt, Latz ihre eigenen Gegner drei Viertel dessen, was sie im Falle ihres Sieges hätten erreichen können, ohne diesen Sieg erreicht haben. Ja, sie haben in weitem Matze Las innere Mark und die Krcvst der modernen fortschrittlichen Parteien geknickt, ausgesogen, wiederum nicht nur wogen der paar Juden. Das ist auch wieder nur Barometer und Symptom. Sie sind verstrickt worden in eine eigene innere llmvahrhaftigkeit. in einen Widerspruch ihres Handelns mit ihren Grundsätzen. Dergleichen können sich rückschrittliche Parteien leisten. Wir haben davon reiche Beispiele erfahren. Fortschrittliche Parteien, Parteien des neuen modernen Staates, seines Wesens und Lübens, dürfen sich das nicht leisten. Sie brechen sich selbst Las Rückgrat damit. Sie müssen nach ihren Grundsätzen handeln, denn nur so können sic die propagandistischen und agitatorischen Kräfte entfalten, die sie nicht gewinnen können durch Appelle an den Eigennutz, durch Emzelvorteile nsm. Ich meine, der Zustand, wie er bei uns tatsächlich eingetreten ist und nach einem ganz kurzen Schwanken nach dem Umsturz heute wieder so stark und vielfach stärker ist, als er vor dem Weltkriege war, ist ein schlimmes Schwächcsymptvm für den neuen deutschen Staat. Und gerade im Interesse unserer nationalpolitischen Konsolidierung int modernen Sinn haben hier die Juden den Beruf, dafür zu sorgen. Latz Ehrlichkeit herrscht bei den Parteien, die öow Antisemitismus bekämpfen. Nicht, datz wir so und soviel Plätze irgendwelcher Art für Juden reklamieren. Ich habe immer erklärt und erkläre: mir ist es vollkommen gleichgültig. ob ein Jude oder zwei oder Lrei oder vier oder wer weitz wieviele Inden da sind: aber unerträglich ist, wenn jemand, der dienen kann, an der geeigneten Stelle nicht dienen Lars der Sache unserer nationalen Konsolidierung und unseres Fortschritts, weil er Jude ist und weil man nicht einmal wagt zu sagen: deshalb, weil er Jude ist. Die Judeuversasiung. Die Verfassung von Weimar hat den modernen deinem kratischcn Nationalstaat zur Grundlage nach dem 3ih sam menbruch der politischen Organisation des deutschen Volkes gemacht. Sie hat damit augeknüpft an Bestrebungen. Wünsche. Gedanken der besten Deutschen vergangener Generationen. Und laut hallte in allen Gassen, anknüpfend an die sehr sekundäre Tatsache, datz es mir, einem Juden, vergönnt war. etwas mitzuurbeiten an der Gestaltung dieser neuen Verfassung: ein undeutsches Werk, eine Iudenverfassung. Undeutsch, weil sie deutsch-national ist. weil sie den deutschen Nationalstaat organisiert. Und wie wenig «n-ic, deutsch sie ist, wie echt deutsch sie ist. Las zeigt sich an ilffiit g Schwachen noch mehr als an ihren Vorzügen. Denn'"die ' Einheit des Nationalstaates hat sie trotz Zusammenbruch und sogenannter Revolution nicht schaffen können, so deutsch ist sie. Deutsche und Juden. Es scheint fast, datz zwischen Deutschen und Juden eiue' besondere Schicksalsverkettnng vorhanden ist. Nachweislich seit min'dvstens anderthalb Jahrtausenden, wahrscheinlich lau-' ger. leben Liese „Fremdlinge" auf deutschem Boden. Es.' gibt, glaube ich. ans üer Erde praeter propter 15 Millionen Juden. Von denen leben etwas über eine halbe Million iw Deutschland, aber für ungefähr 10 Millionen ist Deutsch die eigentliche Muttersprache, für zwei Drittel der Juden, die die Erde bewohnen. Ta sind vielleicht mystische Zusammenhänge. und wenn es das Schicksal des Judentums vielfach gewesen ist, fremd unter den Völkern herumgestoben zw werden, Feindschaft auf allen Seiten zu finden, — was wie als Juden in Vergangenheit und Gegenwart erlebt haben» das haben wir als Deutsche in den letzten Jahren und Jahrzehnten fast in derselben Weise erlebt. Man sollte meinen. Haben Sie schon Me Spende auf das Postscheckkonto der Vereinigung für das liberale Judentum E. 23., Berlin NW. 7, Nr. 137 000 eingezahlt? reicht fbrüeni in allen. c±cucbjsn cuncL Ojyvrris^rt Herren - Ulster Dunkelgrauer Diagonal-Cheviot, j* qoo moderne Form . 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