Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 40 (2.10.1925)
- Date
- 1925-10-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Ich bin Jüdin, rief sie auS, auch wenn die weihen Hebräer mich nicht anerkennen wollen. Ihr Verteidiger, ebenfalls ein Neger-Jude, erklärte, das Judentum fei ein religiöser, kein Rassenbekkiff. DaS Gericht sprach die Miller frei. Zusammenbruch der Jüdisch-nationalen Politik. In Wien hat sich eine „Freie zionistische Vereinigung" auS dem jüdisch-nationalen Parteikörpcr abgesplittert. Sie besteht aus Leuten, die nur einen einzigen Programm- Punkt jüdischer Politik anerkennen: den Aufbau Palästina-. AIS Richtschnur für das Leben im GoluS verkünden sie wörtlich: „ES bleibt daS unantastbare Recht eines jeden einzelnen, seine Bürgerpflicht nach seiner persönlichen politischen DenkungSart zu erfüllen." Diese- Programm ist eine hochbedeutsame Ergänzung dewichtigsten Beschlusses, den der letzte Zionistenkongretz oefatzt hat: in di« Jewish Agency auch solche Juden zuzulassen. die sich dem zionistischen Partetleben auprinzipiellen Gründen bisher fernhielten. Diese Juden waren deshalb, weil sie bei aller Treue zum angestammten Glauben ihre geistigen und sozialen Triebkräfte auS dem betonten Zusammenhang mit dem europäische« Kulturleben schöpfen wollen, -er größten Gehässigkeit von feiten jener auSgesetzt, die den von Theodor Herzl gewiesenen Weg InS Freie paradoxerweise mit -er hermetischen Abschlietzung hinter „nationalen" Ghettomauern zu beginnen suchten. Wer stch in diese Mauern nicht etrrzwüngen lassen wollte, wurde, auch wenn er die mosaischen Glaubenssätze eifriger übte, als die Jüdischnationalen es zu tun pflegen, alS würdeloser Affirnilant an „fremdes" Wesen gebrandmarkt. Erst auf dem preußischen LandeStag der jüdischen Gemeinden haben wir aus zionistischem Munde das Geständnis vernommen, daß man in jüdischen Angelegenheiten jüdisch, aber in deutschen — deutsch fühlen müsse. Diese Formulierung bedeutete eine gewaltige Durchlöcherung der DornröSchenhecke des „jüdischen Nationalismus" und es war nunmehr eine Frage der Charakterstärke und des Mutes zur moralischen Konsequenz, wann und wo tm zionistischen Lager Männer aufstehen und offen aussprechen würden, was jetzt die Gründer der „Freien zionistischen Bereinigung" in Wien verkünden: daß Sie Grundsteine eines freien JubenstaateS in Palästina nicht gerade den europäischen Ghettomauern entnommen sein müssen und daß daher die künstliche Errichtung solcher Mauern durchaus keine Voraussetzung für die Grundsteinlegung Zions ist. Diese Erkenntnis kommt gerade zur reckten Zeit. Denn sie gewährt den Nichtnationalisten, die der Einladung in die Jewi«h Agency gern Folge leisten möchten, die Beruhigung, datz nicht sie eS sind, die dort umzulernen haben werden, sondern daß vielmehr die alten Zionisten eben darangehen. für sich jene politischen Freiheiten in Anspruch zu nehmen, deren Hockhaltung bisher das Merkmal der „Nichtzionisten" gewesen ist. Selbstverständlich ist das jüdisch-nationale Parteipräsidium über eine solche Revolte im eigenen Lager nicht sehr erbaut. Welche Verwirrung diese in den leitenden Köpfen hervorgerufen hat. zeigt deren offizielle Erklärung, in der die Eezefsionisten als Personen bezeichnet werden, „die zum größten Teil entweder seit Jahren der zionistischen Arbeit völlig fern gestanden sind, oder sich an ibr überhaupt niemals beteiligt haben." Stellt man dieser Behauptung die Tatsache entgegen, daß unter den Gründern der „Freien zionistischen Vereinigung^ Männer zu finden sind, wie Dr. Isidor Schaltt. der der Sekretär Theodor Herzls unb noch bei den letzten Wahlen zionistischer Kandidat für ben Nieberösterreichischen Landtag gewesen ist, ferner Dr. Georg Weiner, der langfährige Führer der zionistischen Studenten, dann wird man begreifen, datz die ebenso verlogene wie verlegene Deklaration des südisch-nationalen ParteipräfidiumS in Wien nur mehr oder weni>ger stille Heiterkeit hervorgerufen hat. Weniger heiter sind allerdings die Umstände, die die Abwendung so bedeutender Köpfe von der jüdisch-nationalen Politik, der auch sie einst ergeben waren, verursacht haben. Die Schäden der jüdisch-nationalen Politik beginnen sich in Oesterreich gerade auszuwirken. Im FricdenSvertrag von St. Germain ist der Passus enthalten, daß die Erlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft an den Nachweis der Zugehörigkeit zur deutschen „Rasse" gebunden ist. Dieser Nachweis wurde in den ersten Jahren der Republik durch die Beibringung deutscher Schulzeugnisse erbracht. Seit aber der deutschvölktsche Dr. Weber Justizminister ist, genügt solch dokumentarischer Beleg der kulturellen Zugehörigkeit znm Deutschtum nicht mehr. Jetzt wird der Begriff „Rasse" in dem Sinne interpretiert, den ihm die Antisemiten und die — Jüdisch-nationalen seit jeher unterschoben haben. Vergebens stellt sich heute die zionistische „Rorgenzeitung" anläßlich der abermaligen Massenabweisuna jüdischer Optionsgesuche naiv, indem sie fragt, was man denn zu tun habe, um der deutschen Rasse zugezählt zu werden, ob man etwa körperlich dem Dr. Seipel gleichen müsse, der wegen seiner Judennase einmal von Antisemiten beinahe verprügelt worden wäre, und moralisch dem Feldwebel Waldegg, der mit seiner arischen Bank die christlichen Sparer um ihr Hab und Gut gebracht hat. Als Antwort brauchten die Antisemiten nur die älteren Jahrgänge der „Jüdischen Zeitung", wie das zionistische Organ vor seiner Umwandlung in ein Tageblatt hieß, zu zitieren. Dort wurde tu Vers und Prosa der ätzendste Spott über jene Juden auSgegosien. die es trotz ihren gebogenen Nasen wagten, stch zum Deutschtum zu bekennen. Nichts vermag die Gefährlichkeit öer jüdisch-nationalen Politik so grotesk zu beleuchten, wie der Versuch des zionistischen OrganS. feine einstigen Thesen in dem Moment zu verleugnen, da sie die Sanktionierung durch die Gewalthaber im Staate gefunden haben. Dr. Hugo Spiegler. Morih Henle zum Gedächtnis. Don George Goetz -Danzig. Gering ist die Zahl derer, die die Kunst dieses Heimgegangenen zu würdigen wußten, Sie Kunst dieses Künstlers: Moritz Henle. Mehr als drei Jahrzehnte hindurch versah er sein Amt als Vorbeter am Israelitischen Tempel in Hamburg: im Jahre 1918 mußte er sich wegen schwerer Krankheit pensionieren lassen, aber sein Herz blieb verknüpft mit dem Gebiete feines Schaffens, dem er da- Beste seines Lebens gegeben batte. Als Künstler in des Wortes weitestem Sinne würdige ich Moritz Henle: Kunst kommt von Können, und ein Könner ist er gewesen, ein Mann, in dem sich alles veretuigie, was «an vom Borb-eter deS Israelitischen Tempels in Hamburg »erlangen mutz — muß wegen der unvergleichlichen, tief verpflichtenden Tradition dieses Gotteshauses. Der Israelitische Tempel in Hamburg ist das erste jüdische Betbaus gewesen, in dem die Forderungen verwirklicht wurden, die aus der Ghetto-Enge befreite, europäisch empfindende Juden an ein Gotteshaus stellen: Latz Sie Kunst als Helferin und Schwester der Religion in ein solches Haueinzichen. ES wird oft von konservativer Seite spöttisch gefragt, ob die Orgel ein Postulat des jüdischen Liberalismus f&t. DaS ist sie ganz gewiß nickt, aber europäische Kunst ist Ausdrucksmittel europäischer Menschen, und so hat der Hamburger Tempel bie AuA-MuckSformen geschaffen, die allein es den emanzipierten Juden ermöglichten. Juden zu bleiben. AmtStracht der Beamten. Ordnung. Würde. Kunstgvsang, Predigt in der Landessprache: das alles sind Einrichtungen, deren Ser europäische Jude, nicht so sehr als Jude wie alS Europäer, bedarf: ohne sie würde er kaum Erbauuna im Hause Gottes finden. Es ist das bleibende Verdienst des Hamburger Tempels und seiner Begründer, diese Forderungen erkannt unb, allen Anfeindungen, rabbinischen Bannflüchen und anderen Schwierigkeiten zum Trotz, verwirklicht zu haben. Der Hamburger Tempel ist die Muttergemeinde aller liberalen Synagogen geworden: die meisten seiner Einrichtungen sind heute Allgemeingut der Synagoge, und selbst die gottesdienstliche Form der sogenannten Gemeinde-Orthodoxie wäre ohne Len Hamburger Tempel undenkbar. Von der starken Befruchtung unseres gottesdienstlichen Lebens durch das Haus in der Poolstraße ist den wenigsten Juden heute etwas bekannt, und fast scheint es. alS hätten auch diejenigen, denen heute die Leitung öer Tempelsemeinde obliegt, wenig Bewußtsein von der großen Vergangenheit ibrer Gemeinde: sie sollten stch auf das Wort dlovlesse ovlige besinnen und stets auf Wahrung ihrer Tradition, auf Entdeckung und Erreichung neuer Ziele bedacht fein, damit sie nicht stehen bleiben bei dem für sich und die Allgemeinheit Erreichten, sondern das bleiben, was ihre Vorgänger waren: die Borartschreitenden. Diese Mahnung auszusprechen fühle ich mich durchaus befugt, da ich selber auS der Tempelgemeinde hervorgegangen und, trotz nunmehr elfjähriger Abwesenheit von Hamburg, stets innerlich mit ihr verbunden geblieben bin. (Wer daS neue D a n z i g e r Gebetbuch von 1924 mit dem Gebetbuch der Hamburger Temvelgemeinde von 1904 vergleicht, wird die Beweise bafür finden!) — In Moritz Henle war die alte Tempel-Tradition stets lebendig, ia, man kann ihn geradezu als die Verkörperung dieser Tradition bezeichnen. Sein eigener Aufsatz „Der gottesdienstliche Gesang im Israelitischen Tempel zu Hamburg" in der „Festschrift zum hundertjährigen Bestehen des Tempels" (Verlag M. Glogau jr.. Hamburgs legt davon Zeugnis ab. welch große Anzahl von Kompositionen für den Kantor und für vierstimmigen Chor und Orgel Heule für den Tempel geschaffen hat: er war während all der Jahre mehr als Vorbeter. war Musikdirektor und Komponist des Tempels, und gleich bedeutend waren seine Fähigkeiten und ist seine Lebensleistung als Sänger, als Komponist und als Dirigent. Ich weiß, was ich sage, wenn ich dies Wort ausspreche: Lebensleistung. Gewiß, öer Tempel hatte auch vor Henles Amtszeit eine Orgel, aber sie wurde fast nur benutzt, um die deutschen und lim damals sephardischen Ritus der Tempelgemetnde häufig vorkommenden) hebräischen Gemeindclieder zu begleiten. Heule schuf den vierstimmigen Chor, schuf bedeutsame Chorwerke, und setzte damit erst die Orgel in ihre volle Geltung. Seine musikalischen Schöpfungen sind leider nicht in dem Maße bekanntgewovden wie die anderer Meister, aber es kann für den Kenner keinem Zweifel unterliegen, daß sie von derselben Schönheit und Größe sinh wie diejenigen eines Sulzer und Lewandonsiky: sein 8acbartbl—lach gehört wohl zu den schönsten Synagogen-Kompositionen der Welt, und die jüdische Oeffentlichkeit tut ihm schweres Unrecht, daß sie alle die Jahre ihn eine unbeachtete Hamburger Lokalgröße sein ließ. Ja, wenn er in Berlin gelebt hätte ....! — Laßt euch, ihr liberalen Juden, seine Werke aufführen, ihr werdet sehen, daß ein Großer da war. von dem zu wissen eure Pflicht ist. Es ist Pflicht der liberalen Juden, von Henle zu wissen, denn er war nicht nur ein begnadeter Musiker und Sänger, er war auch ein Pionier des religiös-liberalen Judentums. Der künstlerische Reichtum, den er in seinem Temvel zur Schau stellte und zu Gehör brachte, begeisterte die stets kunstfreudigen Hamburger Juden: bis dahin indifferent und dem Judentum entfremdet, strömten sie nun in Scharen in das Haus, in dem jüdische Psalmen, jüdische Gebete und — jüüsiche Predigten an ihr Ohr und in ihr Gemüt -rangen, und so wuchs unter Henles Schaffen in Hamburg eine junge jüdisch-liberale Generatton heran, ganz anders als bie vorangegangene, die zwar auch liberal sich nannte, die aber ihre jüdische Betätigung in sozialen Organisationen erschöpfte, welche wohl von großer Bedeutung, aber niemals das Letzte des jüdischen Lebens sein können. Nicht nur Henles Werk, auch seine Persönlichkeit war ausschlaggebend für den Erfolg, den er in seinem Wirkungskreise dem Judentum errang. Keiner, öer je mit ihm in Berührung kam. konnte sich dem Zauber dieses feinsinnigen, weichen Süddeutschen (er war Württemberger von Geburt) entziehen. Ich sehe ihn noch, seine hohe und breite, ragende Gestalt, den massiven und doch durchgeistigten Kops: ich höre seine Friede atmende Stimme, und unvergeßlich wird mir für immer bleiben, wie er, ganz allein hoch oben, vor der geschlossenen heiligen Lade stehend, sein „Ez chaiiim .... w’chol n'thibotheha — schalom“ über die Gemeinde sang. Es ist hier nicht der Ort. von den Wirkungen zu reden, die Henles Persönlichkeit außerhalb des jüdischen Lebens hervorgerufen hat. im Hamburger Musikleben, in öer Gesellschaft, in deren höchsten Kreisen er verkehrte, und in seiner Freimaurer-Loge. Aber es muß noch erwähnt werden, datz er sich stets in den Dienst des liberalen Judentums stellte. Er gehörte der sogenannten Fünfzehner-Kommission für die Ausarbeitung öer „Richtlinien" an, und er war Ehrenmitglied der von Dr. Paul Rieger ifetzt Stadtrabbiner in Stuttgart) ins Leben gerufenen Jüdisch-liberalen Jugendorganisation. Mit unendlicher Liebe und Hingebung nahm er an den Veranstaltungen dieses zeitlich vielleicht ältesten „Jli"-Vereins teil und ließ ihm Förderung angodeihen auch während der Jahre, als sein Leiden ihn schon zur Amtsniederlegung veranlaßt hatte. Einer Fähigkeit Henles soll noch besonders Erwähnung getan werden. In den meisten Orgelsynagogen besteht -er absurde Brauch, -aß nur öer Rabbiner deuttche Gebete sprechen darf, während der Kantor lediglich zum Vortrag hebräischer Gebete befugt ist. Nicht so in -er Hamburger Tempelgemeinde: dort war der Vorbeter wirklich -er Schliach zibbur, der Vor-Beter, und wie hat Henle es verstanden. Lie oft tief religiösen, wundervollen deutschen Gebete des Tempelgebetbuchs zu sprechen! Er war ein vorbildlicher, begeisterter und begeisternder Sprecher. Selten, sehr selten nur ist es einem jüdischen Vorbeter gelungen, so in die Breite und in die Tiefe einer Gemeinde zu wirken, wie Henle es vermocht. Ich selber bekenne freudig. Saß Henle zu denen gehört, denen ich meine geistigreligiöse Erweckung danke, da seine Persönlichkeit schon, als ich noch ein Knabe von acht Jahren war, in meinen Gedanken eine Rolle spielte. — Die ihn kannten und die mit ihm in Berührung kamen, wissen von diesem seltenen Manne, dem Künstler, dem Sänger, dem Lehrer, dem Juden und Menschen Moritz Henle. Und Hie, für die er wirkte, die Juden sollen hier von ihm hören, was und wie er für sie gewirkt, und es soll sich für ihn erfüllen, was er selbst — bei jeder Seclengedächtnisfeier — so hinreißend zu sprechen verstand: „Denn die Edlen sollen leuchten wie des Himmels Glanz und die. welche zum Heile der Gesamtheit gelebt, wie die ewigen Sterne." Jubiläum des Rektors des Amsterdamer jüdischen Seminars. Am Jom-Kippur-Tage 5666 (28. September 1925) beging der Rektor des Amsterdamer Seminars, LouiS Wagenaar, seinen 76. Geburtstag. Louis Wagenaar ist am Jom« Kippur-Tage 5616 (22. September 1855) im Amsterdamer Judenviertel geboren. Mit 25 Jahren erhielt er den Rabbiner-Titel und wurde einige Monate später zum stellvertretenden Rektor des Seminars ernannt, an dem er selbst seine Ausbildung vollendet hatte. Im November 1880 wurde er zum Oberrabbiner von Friesland, im Mai 1891 zum Oberrabbiner von Gel-erlaub gewählt. In Gelderland wirkte er 28 Jahre lang und wurde 1918 wieder an das Seminar zu Amsterdam, diesmal als Rektor, berufen. Wagenaar hat mehrere wissenschaftliche Schriften über Tal- »ud, Judentum und jüdische Gebräuche veröffentlicht. Als Oberrabbiner von FrieSland veröffentlichte er eine Verteidigung der jüdisch-rituellen Schächtmethode, bie in der ganzen Welt sehr viel beachtet wurde. In Holland ist seither keine Aktion der Dierschutzvereine gegen das Schächten bemerkbar geworden. Er veröffentlichte auch ein Lehrbuch für Religionsunterricht unb übersetzte bas Buch der Propheten ins Holländische. Wagenaar ist der Begründer der ,Oberrabbiner-Bersammlung Hollands". Die holländische Regierung verlieh ihm den Ritterorden des Niederländischen Löwen. Aus Anlaß des 70. Geburtstags deS Rektors Wagenaar erschien eine Festtchrift mit wissenschaftlichen Beiträgen prominenter holländischer Gelehrter. ii Aus den Gemeinden Baden b. Wie». lUm das DecolletL.) Anläßlich der israelitischen Feiertage wurde eine tm Badener Tempel in der Grabengasse von Ser Badener Kultusgeweinde angebrachte Kundmachung lebhaft besprochen und kommenttert. Die am Sonnabend angebrachte Kundmachung hat nämlich folgenden Wortlaut: „Die P.T. Damen werden ersucht, nur in geschlossener Kleidung das Gotteshaus zn betreten," Berlin. (25jährigeS Bestehen des Warenhauses Hermann Tietz.) Die Firma Hermann Tietz konnte in diesen Tagen auf das 25jährige Bestehen ihrer Berliner Niederlassung zurückblicken. An diesem Tage ihr herzlichste Glückwünsche darzubringen. ist nickt zuletzt ehrenvolle Aufgabe des Berliner liberalen Judentums. Das Unternehmen legt beredtes Zeugnis da-von ab. in welchem Maße Juden das deutsche Wirt, schaftsleben zu fördern verstanden haben. Besonders anerkannt zu werden verdient aber, daß trotz der gewaltigen äußeren Erfolge die Inhaber dieses Unternehmens stets den Zusammenhang mit öer jüdischen Religion in Wort und Tat gepflegt haben. Einer der Begründer des Warenhauses, Oscar Tietz. war uns in langen Jahren ein bewährter Führer, besonders auch in den Wirren der Inflationszeit. Er vertrat die liberalen Interessen mit bemerkenswertem Geschick in der Berliner Nepräsentantenversammluna der jüdischen Gemeinde, wo ihn sein wohltätiger Sinn stets vor allem auf das jüdische Krankenhaus hin lenkte. Auch seine Söhne und sein Schwiegersohn, der erst vor wenigen Tagen durch den Verlust der Mutter in tiefe Trauer versetzt worden ist, haben es für ihre Ehrenpflicht ge-halten, die Tradition ihres Vaters und Schwiegervaters Oscar Tietz fortzusetzen. Sie sind der Vereinigung für das liberale Judentum treue und interessierte Mitglieder. Viele kleinere Unternehmen sollten eS sich zum Vorbild dienen lassen, daß dieser Riesenkonzern trotz der wirtschaftlichen Nöte der Zeit an den hohen Feiertagen seine Pforten geschlossen hält, wie dies auch unter Sen Begründern, Hermann und Oscar Tietz, stets der Fall gewesen ist. Am 26. September 1900 wurde das Warenhaus in der Leipziger Straße eröffnet: diese Eröffnung bildete ein Ereignis für die Stadt Berlin. Die Firma, die bereits in zahlreichen deutschen Städten Niederlassungen besaß, erweiterte bald ihr Tätigkeitsfeld auch in Berlin durch dm Bau des Hauses am Alexanderplatz und Eröffnung eines weiteren Warenhauses in der Frankfurter Allee. Berlin. (Ein jüdischer Taubstummer erster Ab i t u r i e n t.) Am 24. September 1924 hat öer taubstumme W. Zettlin, Zögling der einzigen jüdischen Taubstummenanstalt in Deutschland, im Alter von 18s- Jahren sein Abiturientenexamen als erster Taubstummer in Deutschland und vermutlich in ganz Europa gemacht. Zur mündlichen Prüfung war als Fachmann neben dem Prüfungsausschuß des Weißenseer Reformrealgymnasiums unter dem Vorsitz des Herrn Oberschulrat Lic. Fischer und Herrn Oberftudieurat Direktor Heyn der Direktor der Taubstummenanstalt Weißensce. Dr. F. Reich, zugezogen. Der Dezernent des Taubstummenwesens in Preußen. Herr Ministerialrat Stolze, erschien ebenfalls, um diesen interessanten Fall mitzuerleben. Dieses Ereignis war nicht nur selten wegen der angeborenen Taubheit des Schülers, sondern auch vor allem durch die hervorragenden Leistungen, welche er in öer schriftlichen und mündlichen Prüfung bewies. In nicht weniger als fünf Fächern erhielt er in der mündlichen Prüfung das Prädikat „Sehr gut", zwei Fächer bestand er mit „Gut" und zwei Fächer mit „Genügend". In den ersten sechs Fächern, in denen er geprüft wurde, gab er Hie Antworten laut und deutlich, während in den drei letzten Fächern seine Stimme so angestrengt war. daß die Antworten nur für die Danebensitzenden verständlich waren. Aus diesem Grunde mußte Dr. Reich die Antworten laut wiederholen. Das günstige Resultat der Prüfung verdanken wir neben seiner außerordentlichen Begabung allen denen, die sich in den Dienst seiner Ausbildung gestellt haben: dem Kollegium der Taubstummenanstalt Weißensce wie auch'mehreren Herren des Weißenseer Gymnasiums. Der junge Mann will nunmehr Phnsik und Chemie studieren. Dieser Fall ist nicht nur erfreulich für unsere Taubstummenanstalt, sondern wird vielleicht für die Taubstummenbildung in Deutschland von Einfluß sein, weil damit der Beweis erbracht ist. daß eine höhere Bildung für Taubstumme sehr gut möglich ist. Berlin. sJübische Jugendfürsorge.) Der Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände hat den bekannten Jugendforscher, Herrn Dr. Siegfried Bernfel-, Wien, gebeten, einen sechsstündigen Bortragskursus über „Psychologie der Pubertät" abzuhalten. Folgende Vorträge sind in Aussicht genommen: 1. Mittwoch, den 80. September: „Erscheinungsweisen der Pubertät." „Biologische Vorgänge." „Soziale Determinanten." _ r 2. Montag, den 5. Oktober: „Typen der gestreckten Pubertät." 8. Donnerstag, den 8. Oktober: „Die kindliche Entwicklung." „Vorpubertät." 4. Montag, den 12. Oktober: „Gemeinschaftsleben der Jugend." „Das Führerproblem." „ t 5. Mittwoch, den 14. Oktober: „Produktivität." „Liebe der Jugendlichen." „ t 6. Donnerstag, den 15. Oktober: „Allgemeine Ergebnisse." „Pädagogische Anwendungen." Der Kursus findet jeweils von 8—10 Uhr abends statt. Eintrittskarten zum Preise von 2.50 M. für alle sechs Abende oder zu je 50 Pf. für einen Abend sind im Landgemeindehaus, Berlin, Sophienstraße 23. und an der Abendkasse zu haben. Der Kursus findet im Plenarsaal der jüdischen Gemeinde. Berlin C. 2, Rosenstraße 2/4. statt. Berlin. (Jubiläum öeS Schöpfers der Che-< wraKaddiscka.i Am 26. Sevtember beaina der als Arzt,