Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 40 (2.10.1925)
- Date
- 1925-10-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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5. Jahrgang Nummer 40 Beilage 2. Oktober 1625 IlidischOerakZÄmg Zionismus im Dienste der Westmächte. Bon Professor Dr. Felix Lieber mann - Berlin. Vor einem Jahrzehnt noch fand der Zionismus entschiedene Gegner. auch in England unter jenen Juden, die den Antisemitismus mntig bekämpfen, staatliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung mit den christlichen Mitbürgern unbedingt fordern, das sittliche und geistige Erbe der Väter pflegen, die Rasse körperlich erhalten und veredeln wollen und auch jum Teil den Geboten des alten jüdischen Glaubens anhängen oder doch bewußt jode andere Konfession ablehnen. Das Land aber, in dem sie leben, ist ihnen Heimat nicht bloß im Sinne des Berwaltungsrechtes. sondern des tiefsten Gemütes: die Sprache, die sie sprechen, gilt ihnen als die Muttersprache, von der der Mensch nur die eine als vertraute liebt: die Kultur und Gesellschaftsform, die sie Fett -er Kindheit durch Erziehung, Schule, Verkehr und Literatur christlicher Mitbürger sich ungeeignet haben, genießt für sie die höchste Schätzung in der Welt: und endlich fühlen sie sich dem Staate, in dem sie geboren find, nicht blotz zu den bürgerlich erzwingbaren Diensten verpflichtet, sondern innerlich dankbar als dem Schützer ihres äußeren Daseins und dem Förderer ihres humanen Strebens. -er ihnen in steigendem Maße erlaubt, an seiner unendlichen Berbefserungsfähigkeit politisch mitzuarbeiten. Allen oder den meisten Juden fernster Länder wissen sich diese gut jüdischen Antizionisten verwandt durch gemeinsame Abstammung, kraft welcher sie ihnen in vielen körperlichen und manchen seelischen Zügen ähneln: sie helfen ihnen gegen gemeinsame Feinde oder in anderem Unglück: sie teilen mit ihnen die Verehrung für den Geistesschatz jüdischen Altertums. den Namen des Bekenntnisses und teilweise den religiösen Glauben samt dem Gottesdienste. Im Gegensatz aber etwa zu den Polen vor 1918 oder den Griechen ein Jahrhundert früher fühlt die Judenheit des einen Staates mit der des anderen sich nicht mehr so als zusammengehörig wie verschiedene Splitter einer einst einigen Nation. Die Judenschaft eines Staates von West- oder Mitteleuropa scheidet sich von der der Slawenländer durch Sprache, Kultur, Lebensgewohnheit. Geschichte und gesellschaftliche Anschauung, durch jene geistigen Faktoren also. die. wenn alle oder doch mehrere Zusammentreffen, eine Nation zu bilden vermögen, selbst trotz verschiedener Rasse. Und deshalb gibt es heute keine jüdische Nation, die doch die Juden auch Westeuropas umfassen müßte. Die jüdischen Antizionisten bekamen den Vorwurf zu hören, sie entbehrten des Zukunftsideals, des Dranges, den besonderen jüdischen Gedanken zu vertiefen und anszubreiten. Hinter solchem Tadel steckt Unkenntnis oder böser Wille. Denn Westeuropas Juden haben die Wissenschaft vom jüdischen Altertum erst methodisch begründet, uugcscheut die Erfahrungen ihrer christlichen Brüder benutzend. Mit Freude über die Sache und mit Lächeln über falsche Namengebung sehen wir als christliche Liebe im Sozialismus oder im Völkerfrieden uralte Ideen der Bibel, aber auch bescheidenen Alltagsbrauch herzlicher Menschenliebe in der jüdischen Gemeinde von heute verwirklicht oder ausgedehnt. Dieser geistige Flug des jüdischen Volkes rauscht über Vorderasien, Afrika und Europa fast zweitausend Jahre lang, bevor der Zionismus erfunden ward, und über die Neue Welt seit deren Entdeckung. Zu einem Staate bedarf es mehr als nur einer Nation, gehört ein Land d. h. ein Boden auf dem die Nation sich nicht nur nährt, sondern nach eigenem Gesetz lebt. In Palästina saß im 19. Jahrhundert nicht der hundertste Teil der über die Erde verstreuten Juden. Als nun Rußlands Nationalismus viele hunderttausende von Juden in die Fremde trieb, richtete die Westeuropäische Fürsorge der Auswanderer ihr Augenmerk auf ein mögliches Ansiedlungsziel, natürlich auch auf Palästina, das diese, fast ausnahmslos orthodoxe Juden, großenteils ersehnten. Aber wenn auch einige Siedlungen, dank riesiger Schenkungen namentlich der Rothschilds, gediehen, so riet doch die Britische Untersnchuugskommission unter Sir Julian Goldschmid von Palästina ab. lSeincn Bericht habe ich, damals im Berliner Komitee, verdeutscht.) Seitdem war der Zionismus unter den Juden des British Empire zwar zusehends erstarkt, besonders unter Beihilfe hochbegabter Literaten, wie des Ghetto-Romanciers Zangmill und der poetischen Hebräistin Niya Salaman, die 192.'» zu früh dahinschied. Aber er errang einen scheinbar durchschlagenden Erfolg, wenn auch keineswegs das Ziel eines freien Judenstaates im Heiligen Lande oder gar des Fortfalls mancher Schwierigkeit in der Stellung vieler Millionen von Juden inmitten Andersgläubiger durch die Gründung von Palästina ,>als einer Heimstätte für die Juden" kraft Mandats, das der Völkerbund Großbritannien verlieh. Seitdem steht der britische Jude dem Zionismus völlig anders gegenüber als jeder andere. Er erblickt in dem Vasallenländchen eines der vielen Glieder seines Empire, das größte Wichtigkeit besitzt für dessen Politik des Mittelmcers, Borderasiens Aegyptens, für die Beziehung zum Islam und für den Wog nach Indien. Während der jüdische Italiener. Deutsche. Franzose fürchten muß. ein vom Zionismus erträumter Judenstaat könne dereinst eine Außenpolitik gegen Italien, Deutschland, Frankreich treiben, unter der er als Staatsbürger wie als Jude daheim leiden müßte, schivindet solche Wolke vom Horizont des Briten: dieses Palästina rann ja nur britische Politik treiben. „The Jewish historical society of England“ ist ein privater Verein, älter als der Zionismus und ohne amtliche oder wesensnotwendige Beziehung zu ihm. Er hat eine Reiche geschichtlich wichtiger Urkunden aus dem Staatsarchiv trefflich herausgegeben und viele, teilweise wissenschaftlich bedeutende Forschungen und Darstellungen über die Juden in Britannien 1067—1290 und seit Cromwell bis ins 19. Jahrhundert hinab veröffentlicht. (Bor 1067 gab es keine Juden auf der Insel, und seit Edward I. blieben sie über drei und ein halbes Jahrhundert ausgeschlossen.). Führende Geister jener Gesellschaft stehen dem Zionismus schon längere Zeit nahe: und dessen Fahne trägt die durch Teilnahme Zangwills. Weizmanns und Lloyd Georges bedeutsame Tagung vom 26. Mai, deren Rede sie soeben erscheinen läßt. (London, Albu LUnwin, 64?.) Der Titel lautet nach dem Vortrag des Abends: „Napoleon and Palestine by rhilip Guedalla." Dieser junge Historiker hat bereits mehreres über achtzehntes und neunzehntes Jahrhundert sowie über geistige Bewegungen und Wirtschaftspolitik der Gegenwart veröffentlicht. Hier beginn er mit der Nachricht des „Moniteur", vom 22. Mai 1796 aus Konstantinopel datiert, Bonaparte habe eine Proklamation veröffentlicht, die die Juden Asiens und Afrikas einlade, sich unter seine Fahnen zu scharen, um das alte Jerusalem herzustellen: bereits habe er deren eine große Menge bewaffnet, und ihre Bataillone bedrohen Aleppo. Guedalla erklärt für den Inhalt mit Recht Bonaparte selbst verantwortlich. Er erweist zunächst den zweiten Satz als unwahr und vermutet (schwerlich richtig), ein Konstantinopeler Korrespondent habe ein solches Gerücht geglaubt, das irrig entstanden sei, als die Franzosen am 7. März in Jaffa einzogen, und viele Einwohner, darunter vielleicht (!) Juden mit Waffen, fortwanderten, zum Teil nach Aleppo. Jene Proklamation oder irgend eine Wirkung auf Frankreichs oder gar Palästinas Juden findet Guedalla nirgends bezeugt: letztere verschanzten vielmehr Jerusalem gegen die Franzosen. Er glaubt also nicht ans Manifest, zögert aber, dem freilich oft lügenden Bonaparte hier jedes Körnchen Wahrheit abzusprechen, wenn derselbe auch „den Vorläufer Balfours" im Aufruf an die Jüdische Nation höchstens unehrlich einen Augenblick vielleicht in mündlicher Verheißung gespielt habe. Allerdings nämlich rief Bonaparte andere der Türkei untertänige Nationen zum Aufstand auf, privilegierte das Sinaiklvster aus Hochschätzung Mosis und der jüdischen Nation und behandelte 1806 „die Juden nicht als Sekte, sondern als Nation". (Dies jedoch deutlich im feindlichen Sinne gegen einen Frankreich fremden Körper!) Im Sinne der französischen Idee schrieb er. sie sotten Jerusalem in Frankreich finden (deutlich antizionistisch!) Es widerspräche m. E. Bonapartes Methode nicht, wenn er die Moniteurnachricht erlog, um die Finanzkraft der Juden, vielleicht neben Toleranzfreunöen, für sich zu gewinnen. Hinter Napoleons (doch nur sehr bedingter) Judenfreundschast wittert Guedalla die Neigung des Selfmademan zur Verbindung mit historischem Adel: die Erklärung aus den Ideen der Toleranz und von 1789 liegt m. E. näher. L. George empfing nach obigem Vortrag die Huldigung der Zionisten als Hersteller des jüdischen Staats. Zangwill vermißt jetzt bei Georges Amtsnachfolgern dessen phantasievolles Wohlwollen, das „dieser Napoleon" gegenüber der politischen Idee des Zionismus bewies. Und der Lkiek Rabbi Hertz preist theologisch George als den Fortsetzer der Bibel, die ja im hebräischen Text mit jenem Buche der Chronik schließt, das von Kyros, dem Hersteller des Tempels, berichtet. — Der vielgewandte Staatsmann und schlagfertige Rhetor kapkivierte diese Zionisten, indem er ihre Einladung nach Palästina annahm, sich Hatikwa Vorsingen ließ und eine hier zuerst authentisch vorliegende Ansprache hielt, die meisterhaft in der Form, sachlich die Schmierigkeiten des jungen Staatswesens, außer einer einzigen, übergeht. Er verglich Bonapartes Plan, Europa vom Süd osten her zu nehmen, mit der Strategie der „östlichen" Partei im Feldzugsrat des Weltkrieges, die Deutschlands Westfront unbezwingbar sah, aber begriff, wie auch das tüchtigste Heer, wenn von hinten angegriffen, im Mute schwankt, und daher von Osten aus Oesterreich, dann Deutschland zu Fall brachte. Er, L. George liebe Psalmen, Propheten und Geschiche Israels, von der er mehr, als von britischem Altertum gelernt habe, schon von der Schule her. (Allerdings führt jede Kirche der Angelsachsen die Jugend tiefer ins Alte Testament ein als der deutsche Religionsunterricht.) So hege er liefere Sympathie als Bonapartc mit der jüdischen Nation, die harter Schicksalsdruck zu feinem Stahl schmiedete. Politik aber trat persönlicher Neigung hinzu. Als Munitionsminister nämlich brauchte er Holzessig fürs rauchlose Pulver, und das schaffte Weizmann, der als Lohn nur die Begünstigung der Entente für sein Zion erbat: „Azeton bekehrte mich so zum Zionismus", der ohne den Sturz der Türkei nie Palästina von ihr erhalten hätte, trotz all ihrer Zusagen. (Andere Beweggründe verschweigt der Politiker, der ja nicht die ganze Wahrheit zu sagen braucht.) Gewiß im Sinne jeder Negierung des Lritish Empire, das den Islam nicht kränken darf, warnt George die Zionisten, nicht etwa die 600 000 Araber durch Enteignung aus Palästina verdrängen zu wollen. (Es gibt deren über dreimal so viele als dortige Juden, und Weizmann hielt für nötig, den Zionismus gegen den Verdacht eines solchen Planes zu verteidigen.) George tröstet den Judenstaat mit dem Bergleichc, auch das Lritisb Empire umfasse ja viele Nassen und Sprachen. (Bei wem verfängt solch Sophisma?) Wenn Bonaparte den Juden bas Heilige Land versprach, so hatten sie ihm zu mißtrauen Grund: „Britannien aber honoriert seine Unterschrift." Der Führer der Liberalen Englands, wenn auch nur außerhalb des Kabinetts, verbindet hiermit erneut seine Partei mit dem Zionismus. Kutturschande. Unter der Ueberfchrift „Endlich ein Heine-Denkmal i» Deutschland" hätten wir der Freude darüber Ausdruck gegeben, daß in Godesberg am Rhein auf Anregung zahlreicher geistiger Führer Deutschlands ein Heine-Denkmal erstehen sollte. Unsere Freude war verfrüht. Denn noch herrscht tm Lande der Dichter und Denker die geistige Borniertheit. Der 'Gemeinde-Hquptausschuß von Godesberg hat sich dieser Tage mit dem Antrag auf Ueberlassung eines Platzes zur Aufstellung des Heine-DenkmalS beschäftigt und die Errichtung eines Heine-Denkmals in Godesberg ,-gvunh, fcitzlich" abgelehnt. Die Staatsbeihilfen kür leistungsschwache jüdische Gemeinden. Die Unterkommission für Überschreitung des Etats verhandelte am 28. September abends über den Beschluß de- Hauptausschusses des preußischen Landtages: „Der Landtag wolle beschließen, im Haushalt des Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung für das Rechnungsjahr 1926 hinter Kapitel 128 der dauernden Ausgaben folgendes neue Kapitel einzusügen: 128a Synagogengvmeinden. Für Zwecke der geistlichen Versorgung leistungsfähiger Synagogengemeinden unter Ausschluß einer rechtlichen Verpflichtung des Staates 610 000 M. Zu Kapitel 123a: Die Auszahlung des Betrages erfolgt an den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden und an den Preußischen Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeinden nach Maßgabe der Seelenzahl der den beiden Verbänden angeschlossenen Gemeinden. Der Antrag des Preußischen Landesverbandes wurde von folgenden Parteien unterschrieben: Demokratische Partei, Zentrum. Sozialdemokratische Partei und Deutsche Bolkspartei: im Namen der Volkspartei unterschrieb der frühere Kultusminister Dr. Boelitz." Dieser Beschluß wurde von öcn Vertretern der Regierung für unausführbar erklärt und demgegenüber zwei Positionen in Vorschlag gebracht: 1. Widerruflich Bvöürfnisznschüsse den Synagogengemeinden zur Besoldung der Rabbiner 200 000 M. 2. Im Etat der Schulverwaltung Erhöhung der von früher her bestehenden Unterstützung für leistungsschwache Synagogenigemeinden zur Erteilung des Religionsunterrichtes von 40 000 ans 260 000 M. Bei der Abstimmung wurde der Beschluß des Hauptausschnsses mit den Stimmen sämtlicher Parteien, mit Ausnahme von Demokraten und Sozialdemokraten, abgelehnt (der Antrag wurde im Hanptausschuß seinerzeit mit den Stimmen des Zentrums, der Demokraten, Sozialdemokraten und Deutschen Volkspartei gegen Deutschnationale und Kommunisten angenommen) und der Vorschlag der Regierung angenommen. Während die für die Besoldung der Rabbiner eingestellte Summe durch die Negierung selbst von Fall zu Fall zur Verteilung gelangen wird, soll die für den Religionsunterricht eingestellte Summe dem Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden und dem Preußischen Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeinden behufs Verteilung nach regierungsseitig aufgestellten Grundsätzen zur BerfüguiA gestellt werden. Zur Aufstellung der Grundsätze werden die Sachverständigen für jüdische Angelegenheiten beim Ministerium für Wissenschaft. Kunst und Volksbildung, Justizrat Dr. E. Lilienthal-Berlin und Rabbiner Dr. Esra Munk- Berlin, hinzugezogen werden. Ein Schlag qeqen die Rassenlheorie. Die Negerin Elisabeth Miller hatte sich dieser Tage vor Gericht zu verantworten, weil sie Geld für Institutionen der „Schwarzen Juden" — wie sich die jüdische Neger-Gemeinschaft in Amerika nennt — gesammelt hat. Der Staatsanwalt führte ans, die Neger können nicht Juden sein» deshalb habe die Miller rein Recht gehabt, für jüdische Institutionen zu sammeln. Die Angeklagte und die erschienenen Zeugen,lauter Neger-Rabbis, betonten leidenschaftlich, sie seien Inden nach Geist und Religion, und wenn die weißen Juden sie als Juden nicht anerkennen wollen, so sei das „Schuld und Schande" für die weißen Hebräer, nicht für sic. die schwarzen. Die Miller erklärte, sic sei in Mississippi als Kind schwarzer jüdischer Eltern geboren worden und habe von jeher Spenden für die „Chewra kol Jsroel chawerim". die arme Neger-Juden unterstützt und ein Spital erhält, gesammelt. sanos u.i!iigel cs. 150 Instrumente der verschiedenst. altrenommiert. 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