Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 39 (25.9.1925)
- Date
- 1925-09-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ftctßcn rer sucht', in welcher Weise man der von mir vertretenen Richiu.rg des Reform-Judentums oft nicht Gerechtigkeit widerfahren läßt, so soll das keineswegs bedeuten, daß non dieser Leite her nicht manchmal der gleiche Fehler den anderen SLuömungen gegenüber begangen wirb. ES soll nur an einem mrr nahe liegenden Beispiel erläutert werden, wie man's nicht machen darf. — Das Reform-Judentum hat Lurch die Schaffung einer modernen Kultform und durch die Einrichtung der Sonntag-Gottesdienste den Versuch unternommen, zahlreiche dem nidisch-religiösen Leben entfremdete Menschen unserer Gemeinschaft zurückzugewrnnen. Zahllose Glaubensgenossen, die sonst dem Judentum verloren gegangen wären, haben in unserer Gemeinde den Weg zum Bäterglauben zurüclgcfvnden, haben hier ihre tiefe Verbundenheit mit der jüdischen Gesamtheit wieder entdeckt und religiöse Erhebung und Erbauung gefunden. Jeder, dem nicht nur daran liegt, Leine eigene Parteimeinung durchzusetzen, sondern der vor aglem religiöses Leben fördern will, sollte sich dieser Tatsache^ freuen und — ob er auch selber in anderem Kreise s ei n.c rdligiösen Bedürfnisse befriedigt — alles tun, um eine Bewegung zu fördern, die zahlreiche Juden vor der Flucht aus dem Judentum bewahrt. Statt dessen wird — wenigstens, bei uns in Deutschland — unsere Bewegung nox orthodoxen wie liberalen Inden heftig, oft im Tone tiefer sittlicher Entrüstung bekämpft! Ich hatte diesen Sommer Gelegenheit, wiederholt Rabbiner a m e r i k a n ßfch e r Reform-Gemeinden zu sprechen, die unseren Gotteödkensten betgewohnt hatten. Diese berichteten, Satz in Slntcrilii zwar die verschiedenen Richtungen ihre Eigenart wahren, daß es aber etwa der Orthodoxie keineswegs einfalle, die Viertveter des Reform-Judentums zu bekämpfen, wie es hier der Fall sei. Im Gegenteil, es sei dort gar keine Seltenheit, daß ein orthodoxer Geistlicher in einer Reform-Synagoge predige oder umgekehrt. Solche Toleranz ist leider bei uns in Deutschland undenkbar. Wir Vertreter des Reform-Gedankens müssen uns damit abfinden, im Ton und Ausdruck tiefer Entrüstung bekämpft zu werden. Daß wir und unsere Anhänger von höchstem Idealismus erfüllt, von leidenschaftlicher Liebe znm Judentum getragen find, daß wir kein schöneres Ziel kennen als die Verwirklichung der messianischen Ideen unsrer Propheten, Latz wir uns als treue Glieder des Gesamtjudentums fühlen und — hier iu Berlin — von unseren Mitgliedern die gleichzeitige Zugehörigkeit zur Jüdischen Gemeinde verlangen, im Gegensatz zur Separat-Orthodoxie: üaö alles ficht unsere Gegner -nicht an. Für sie bleiben wir die Zerstörer und Verderber Les Judentums, deren einzige Leistung Negation und deren Wille radikale Assimilation ist. Man mag unseren Weg für irrig halten, unsere Methode für unzweckmäßig, aber man höre auf, in ungerechter Weise die wirklichen Verdienst? Ser Reform-Bewegung zu ignorieren und unS für Schäden Verantwortlich zu machen, die vor dem Aufkommen des Reformgedankens und ohne ihn genau so vorhanden waren wie jetzt. Man gewöhne sich daran, auch unsere Bewegung vus ihren eigenen Motiven heraus zu begreifen, und man wird uns gerechter würdigen. — Den gleichen Anspruch dürfen andere jüdische Richtungen, die Orthodoxie und der Zionismus, erheben. Sie alle gehören zum Gesamtbilde des modernen Judentums, keine ist darin zu entbehren. Das gegenwärtige Judentum zeigt eine solch wertvolle Vielgestaltigkeit der Anschauungen, Meinungen und Willensäußerungen, daß eS eine unendlich bedauernswerte Verkümmerung seiner Physiognomie, eine unverantwortliche Einengung seines Lebenswillens wäre, wollte man versuchen, durch Ausschaltung oder Mundkotmachen der einen oder anderen Richtung eine Uniformierung der religiösen Ideen, Vorstellungen und Lebensäußerungen im Judentum zu erzielen. Hier ist wirklich der Kamps der Vater Ser Dingenur müssen die Methoden dieses Kampfes dem idealen Kampfpreis entsprechen. Daß Sie Methode des politischen Wahlkampfes hierfür nicht geeignet ist, dürste unbestritten sein,- daß sie aber leider angewandt wird, habe ich mit tiefer Beschämung durch fanatisierte Gegner erleben müssen. Mir müssen lernen, mehr Achtung vor Sem Andersdenkenden zu hegen, den guten Willen in ihm snzuerkennendann wird auch der innerjüdische Kampf bald nur noch von jener heiligen Leidenschaft der Güte bewegt sein, die unseren großen Propheten eignete und die auch dem Judentum unserer Tage so dringend notwendig ist. Vom Standpunkt -er konservative« Weltanschannng trimmt zn der Frage Moritz A. Loeb Stellung, der in der Gemeindeorthodoxie eine führende Rolle spielt. Der Versöhnung im innerjüdischen Kampfe soll diese Nummer der „Jüdisch-liberalen Zeitung" gewidmet sein. Ein hohes Ziel! Ob es erreichbar ist, wenn auch die andere, gleichzeitig aufgestellte Forderung „keine Verwischung der Gegensätze" beachtet wird, ist eine Frage, die sich nicht ohne weiteres bejahen läßt. Indessen, in magnis voluisse sat est, und so sei dieser Versuch hier unternommen. Tie Gegensätze, um die es sich hier handelt, datieren nicht von heute und gestern. Sie traten in Deutschland von mehr denn 100 Jahren in. die Erscheinung, als die Mauern der Ghetti fielen und den ehemaligen Kammerknechten und Schutzjuden sich die Aussicht auf die Gewährung der Rechte der übrigen Staatsbürger croffnetc. In den Juden jener Zeit bestand der berechtigte und erklärliche Wunsch, es nicht bei der Aussicht zu belassen, sondern recht bald in dem Genuß der verheißenen Segnungen ideeller und wirtschaftlicher Natur zu treten. Ter Verwirklichung dieses Wunsches standen jahrhundertealte Vorurteile wie nicht minder die tiefgewurzelte Abneigung gegen die Juden entgegen. Einen «klassischen Beleg bildet die Antwort, die Friedrich Wilhelm HI. den Aeltesten der Berliner Judenschaft im Jahre 1798 auf ihre Bitte um Aufhebung der Ausnahmebestimmungen für Juden zugehen ließ: „So lange daher dieselbe ldie jüdische Nation) fortfährt, sich nicht bloß durch spekulative Religionsmeinung, sondern durch praktische Grundsätze, Sitten, Gebräuche und Verfassungen von den übrigen Staatseinwohnern avzuson- J ein . . . 10 lange sie vermöge ihrer inneren Hierarchie und Konstitution gleichsam einen besonderen Staat im Staate bilden ... so lange kann eine Aufhebung dieser Gesetze um so weniger stattfinöen . . . als das Bestehen dieser Gesetze ein Beweggrund mehr ist, auf eine solche, oben beschriebene Reform hinzuarbeiten, und sich dadurch zur Gleichsctzung mit den übrigen Staatsbürgern zu qualifizieren." SvlHc Winke von höchster Stelle, ein Nachklang des alten cujus regio ejus religio, blieben nicht unbeachtet. Der Gedanke, daß der Staat und feine Träger sich in religiöse Fragen nicht einzumischen haben, blieb einer Zeit, der daS Untertanenbewußtsein von Jugend auf eingebleut wurde, gänzlich fern. Schrieb doch Abraham Geiger noch 10 Jahre später: „Me konnte man bei allgemeiner Bildung und bei dem Anschluffe an die anderen Bewohner des Staates selbst mit der äußeren Form sich befriedigen, die allem Anstande Hohn sprach, und die bloß ein treuer Abdruck war des Zerrbildes, welches die älteren jüdischen Verhältnisse im allgemeinen üarstellten.... sich der hebräischen Sprache zu bedienen und nicht der vaterländischen, erschien den Zwecken des Gebetes zuwider, aber auch zugleich in Widerspruch mit dem festen Einleben in den Staat und dessen höchstes, geistiges, eigentümlichstes Gut, seine Sprache und Literatur: kam noch dazu Las Bestreben, den Mitbürgern, welche ohnedies alte Vorurteile genug noch gegen die Juden hegten, immer mehr auch in religiösen Dingen sich anzunähern, so mußte das Verlangen nach einem deutschen Gottesdienste sich immer stärker aufürängen* Hatte biS dahin die Autorität des jüdischen Religionsgesetzes innerhalb aller jüdischen Gemeinden des weiten Erdenrundes unbedingte Geltung gehabt, so wurde das mit dem Aufkommen der Reformbewegung anders: an die Stelle jener Autorität trat die Majorität: die Mehrheit der Gemeindemitglieder entschied fortan, was in Kultus und Ritus Geltung haben solle und was nicht. Das schlimmste war, daß diese Majorität mit dem Eifer des Neophyten ihre Entscheidung nicht nur für sich, sondern für die Gesamt gemeinde alz maßgebend betrachtete und in den meisten Fällen versuchte, ihre Meinung der anders gesinnten Minderheit aufzuzwingeu, in vieleü Fällen sogar mittels der starken Hand des Staates. So kam es zu den Kämpfen, die in der Mitte des vorigen Jahrhunderts die deutschen Großgemeinden erschütterten und die schließlich zu der Bildung von Sondergemeinöen führten. * # * War e§ nötig, einen solchen Umweg zu machen, um über die Frage der Milderung der heute bestehenden Gegensätze sprechen zu können'? Ich glaube, man darf diese Frage bejahen. Wir müssen klar erkennen, wie cs zu dieser schroffen Gegenüberstellung kommen konnte. Nur dann läßt sich feststellen, wie eine Besserung zu schassen ist. Auf die kürzeste Formel gebracht, läßt sich sagen, die Ersetzung der Autorität durch die Majorität war die Wurzel alles Uebels. AlS böse Erbschaft aus jener Zeit ragt die Anwendung des Grundsatzes noch in unsere Tage hinein. Wie soll man es sich sonst erklären, daß auch heute noch eine Zufallsmehrheit der Berliner Repräsentanten-Bersammlung darüber zu entscheiden hat, ob in einer Synagoge die Orgel eingeführt oder entfernt werden soll, ob das „Kolnidre" ge. sagt oder aus Lem Siddur gestrichen wird, ob die Thora- Vorlesung am Dersöhnungstag in der seit 2000 Jahren hergebrachten Weise zu erfolgen hat, oder ob ein anderes, von Lieser erleuchteten Versammlung gewähltes Kapitel <m ihre Stelle tritt, alles Dinge, die nicht der Phantasie entstammen, sondern einer nicht allzu fernen Wirklichkeit entnommen sind. Gern und dankbar soll hier anerkannt werden, Laß von Lieser Machtvollkommenheit im letzten Jahrfünft rm ganzen nur ein mäßiger Gebrauch gemacht wurde, aber — sind Rückfälle ausgeschlossen? Zwischen der Anschauung, die die jüdische mündliche und schriftliche Lehre als ein unteilbares Ganzes, cmsgestattet mit unbedingter Verpflichtungskraft airsieht und der Lehre des Liberalismus, die die schrankenlose Freiheit de§ Individuums in der Annahme oder Ablehnung des jüdischen Religionsgesetzes vertritt, ist auf dem Boden der Theorie kein Kompromiß möglich. Hier soll und muß der geistige Kampf weitergehen, Senn nur im Kampfe kann sich der Wahrheit spröder Kern enthüllen. Ganz anders liegen die Dinge in der Praxis. Hier, aus Sem Boden der Gesamtgemeiube finden wir uns brüderlich zusammen. Nicht nur in Len Werken der Wohlfahrtspflege, in der Fürsorge für Arme und Schwache, in der Abwehr von außen kommender Angriffe, sondern in dem Bewußtsein, Laß das gemeinsame Bekenntnis zum Judentum uns alle alL festes Band umschlingt. Eines aber ist Vorbedingung, sollen wir uns als gleichberechtigte Mitglieder dieser Gemeinde fühlen können. Es muß auch den Anhängern der gesetzestreuen Richtung Möglich sein, die Befriedigung ihrer religiösen Wünsche innerhalb der Gemeinde, nicht außerhalb, zu finden, in der Schule wie in der Synagoge, im Krankenhaus wie in allen Wohlfahrtsanstalten, im Leben wie im Tode. Im Prinzip ist diese Forderung von unseren liberalen Brüdern längst anerkannt; in der Ausführung hapert es damit noch ab und zu. Da tönen uns noch manchmal, besonders in Mahlzeiten, Klänge aus vergangenen Tagen von der „starren Orthodoxie", dem mittelalterlichen Zelotismus „fanatischer Intoleranz" usw. entgegen. Wir wollen darüber heute nicht rechten. Wenn diese Zeilen in die Hände der Leser gelangen, trennen uns nur noch wenige Stunden von dem Beginn des Jom Kippur. Die Milde, die wir an diesem Tage von dem Richter der ganzen Erde für uns erflehen, wir sollen und wollen sie auch gegen andere walten lassen und nicht nur an diesem Tage, sondern, wie es in dem wundersamen Kolnidre-Gebete heißt: „Mijaum kipurim se ad jaum kispurim habo olenu Itauwoh." Tann dürfen wir, wenn die Ne'i'la-Stunde kommt und der herrliche Tag sich zum Ende neigt, getrost einstimmen in den Ruf, der allüberall auf dem weiten Erdenrunöe millionenfach aus jüdischen Seelen dringt: Der Ewige ist Gott. Rabbiner Dr. S. Weiße, der Führer der jüdischen Mittelpartei, üderschreidt seine Antwort „Einigkeit vnd Versühnung". Der Versöhnungsgedanke ist nicht künstlich in das Judentum hineingetragen worden, sondern er fließt auS dem Wesen der jüdischen Ethik und bildet die Krönung der religiösen Weltanschauung Israels. Eine Religion, die zuerst den zündenden Gedanken, „Kinder seid ihr dem Ewigen, eurem Gott", verkündet hat, eine Religion, in der alles nach *1 Geiger: Aufgabe der Gegenwart. WisfeNschoftl. Zeitschr. f. jüd. Theologie "V., 2., fol. S Einheit in der Vielgestaltigkeit ringt, in Ser stets neben dem Prinzip des Individualismus der soziale Gedanke wachgehalten wird, muß ausklingen in der höchsten Harmonie, in der Aussöhnung des Menschen mit sich selber, mit seinen Mitmenschen und mit Gott. Dieser Gedanke ist mit dem Volke und seiner Entwicklung gewachsen und er hat im Laufe der Geschichte eine gewaltige Ausbreitung und Vertiefung erfahren. Während der Bersöhnungstag ursprünglich ein Fest wie jedes andere war, ist er später zu einem Tag höchster Weihe und Heiligung geworden, zu einem Tag des Weltgerichts und der Schicksalsentscheidung. Was mußte Israel nicht alles auf dem Wege zu einer geläüterten Weltanschauung erlebt haben.bevvr eS dem Fest einen so starken pathetischen Unterton zu geben vermochte! Wie an Stelle der Opferung der Tiere daS Opfer des Herzens, das Gebet, getreten ist, so har sich auch der ganze Kultus mystisch zu einem Symbol der Seelevreinigung gewandelt, und es entstand, wie der Talmud sich ausdrückt, die Einheit von Gott, Lehre und Israel. Während in biblischer Zeit der Hohepriester der Träger der Bersöhnungsidee war und das Volk nur eine passive Rolle spielte, hat sich später die Erkenntnis öurchgerungen, daß jeder unmittelbar vor Gott steht, daß jeder die Verantwortung für sein Tun Gott gegenüber trägt und nur von ihm die innere Erlösung, die Versöhnung erflehen kann. Und nicht nur für sich, sondern für die ganze jüdische Gesamtheit trägt jeder die Verantwortung. Darin ruht der große sozial-ethische Gedanke, das Bewußtsein der Einheit des jüdischen Organismus. Wir beichten in weihevoller Stunde nicht „Ich habe gefehlt", sondern: „Wir haben gesündigt". Wohl weiß ich, daß ich nicht gestohlen oder geraubt habe, aber e s i st gestohlen und geraubt worden. Vielleicht ist es die Schuld der Gesamtheit, daß manche Individuen entartet sind, vielleicht könnte es keine schlechten Menschen geben, wenn die soziale Gerechtigkeit im Sinne einer wahren Religiosität überall geherrscht hätte. Ich und Du, wir ave tragen an dieser Schuld. Ist es nicht seltsam, daß gerade in unserer Zeit die feinsinnigsten Ethiker auf dieses Bekenntnis zur Allverantwortlichkeit der Menschheit zurückgreisen, um aus ihm neue Gesetze für die sozialen Bindungen der Zukunft abzuleiten? Und wir beten am heiligen Tage nicht nur für uns, sondern für die ganze Menschheit, daß alles Böse schwinden und die Erkenntnis GotteS alle Herzen erfüllen möge! In diesem Gefühle der Verantwortung und Lem liefen Drange nach Liebe und Gerechtigkeit offenbart sich die hohe universelle Bedeutung dieses Tages. Wir fühlen uns als die Verkünder der ewigen Wahrheit und Gerechtigkeit. Wenn die Menschheit draußen die soziale und ethische Verantwortung verleugnet und in Sinnesrausch und Machtgier versinkt, wir Juden sind ein „Priesterreich", wir haben den hohen Beruf übernommen, den Gedanken der reinen M e n s ch l i ch k c i t ö u r.ch alle Zeilen und alle Schicksale zu tragen. War die Hochhaltung des Bersöhnungsgedankens schon für das alte Judentum, das doch relativ frei von Partei- Hader und Zersetzung mar, sehr wichtig, so ist diese Aufgabe heute geradezu zur Lebensnotwendigkeit geworden. Heute, wo wir so viele Parteien im Judentum haben, daß man die alte historische Linie beinahe nicht mehr erkennt, heute, w» Lie gegeneinander kämpfenden Richtungen die Einheit der Gemeinde zu zerstören drohen, ist eS doppelte Pflicht, Len einheitlichen Gedanken zu betonen und versöhnend zu wirken. Das kann nicht durch eine Verwischung, sondern nur durch eine höhere Ueberdachuug der Gegensätze geschehen, durch die Schaffung eineä einheitlichen Wirknngsgebietes für alle, die ihr Judentum nicht nur bekennen, sondern seinen geistigen Gehalt völlig erfassen wollen. Zwei Gefahren sind es, Sie das heutige Judentum bedrohen: E r st a r r u n g u n L A u f l ö s u u g. Durch die Erstarrung wird uns der Weg zum fließenden Leben der Religion abgeschnitten. Und durch die Auslösung werden wir entwurzelt und verlieren den Zusammenhang mit der Vergangenheit. Die Ehrfurcht vor dem, was unseren Vätern heilig gewesen ist, und das tiefe Verständnis für die Entstehung und das innere Wesen der geheiligten Formen und Bräuche bilden eine wichtige Quelle des religiösen Empfindens. Aber, wir sollen und müssen am Judentum weiter bauen, und wie es sich stets im geschichtlichen Nahmen entwickelt hat, so soll der Entfaltung seiner Eigenart freie Bahn gelassen werden. Wir solle:: das Judentum nicht nur erlernen, sondern innerlich erleben. Nicht aus Bequemlichkeit trennen wir uns von den Parteien rechts und links, sondern in der Ueberzeugung, daß eine gesunde Entwicklung nur in einer mittleren Richtung möglich ist. Jeder Radikalismus wirkt verheerend, jeder erbitterte Kampf zermürbend. Nur dort kann der Kampf der „Vater aller Tinge" sein, wo er mit den vornehmen Waffen geistiger Ueberlegenheit geführt wird. Diese Ueberlegenheit aber bedeutet schon einen Schritt aus dem Kampfseld Henaus in das Lager der — Verständigung. Wir brauchen heute die noch vorhandenen Kräfte für positive Arbeit. Das Judentum bedarf der befruchtenden Wärme und nicht deS versengenden Fanatismus, der engen Fühlung mit Sem wirklichen Leben und nicht künstlicher Reformen. Man spricht heute so oft vom „prophetischen Judentum". Das prophetische Judentum aber ist kein verblaßter Gedanke, sondern eine Religion voller Glut, eine Religion stärkster Pflichtsorderung. Ohne Pflicht und Opfer gibt es keinJudentum. Daher dankt der fromme Jude seinem Gotte im Gebete so oft für die ihm auferlegten religiösen Pflichten, und auch der so häufig verkannte Gedanke der Auserwähltheit bedeutet eine A u s e r w ä h l t h e t i zu schweren Pflichten, eine Auserwähltheit zum Träger der göttlichen Idee. Nie dürfen wir vergessen, daß unsere Propheten keine theoretischen Lehrer der Ethik, sondern die höchsten schöpferischen religiösen Genies waren. Von diesen Propheten zieht sich Jahrtausende hindurch ein Strom religiösen Lebens, und was der jüdische Geist in dieser langen Epoche geschaffen hat, ist ein wichtiger Bestandteil deS Judentums. Nur durch diese ununterbrochene Kette jüdischen Vorwärtsstrebens hat sich das Judentum und mit ihm die Judenheit erhalten. Und unsere Märtyrer, die voller Begeisterung ihr Leben opferten, um den Namen Gottes 3« heiligen, waren die Vollzieher des Geistes der Propheten. Das Judentum kann nur gesunden in seiner. Eigenart, in seiner geschichtlichen und gedankllchen Kontinuität. So feiern wir diesen Tag höchster Weihe mit unseren Vorfahren und mit den Glaubensbrüdern in der ganzen Welt, einig im Glauben cm den sittlichen Berns des Juden-