Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 39 (25.9.1925)
- Date
- 1925-09-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IWchNeraleZeilML Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle jährlich M. 2.50 Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung i. Inland 0.25 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: :: :: im Milgliedsbeitrage enthalten. :: n :: Chefredakteur: Dipl.-Lng. Bruno Woyda. vis „Jüdisch - liberale Zeitung erscheint jeden §reitag. Redaktion u. SeschSttsstelle: Berlin SW, Wilbelmftr. 147. Sernruf: Amt Lützow Nr. 9160 61 Poftfct)«<kkonto: Berlin n\V7 tlr.137069 (Vereinigung für Da» liberale Judentum NadjDruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorvoriger Genehmigung Der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonpareillezeile 0,45 Goldmark, die Neklamezeile 3.00 Goldmark, bei :: :: :: Wiederholungen Radall. :: :: :: Anzeigenannahme: «jüdisch - liberale Zeitung" bnseratenabteilnng: Berlin SW 48. Dilhelmstrahe 14? (Lützow: 9160—61). sowie sämtl. AnnoncenExpeditionen. Nr. 39 Berlin. 25. September 1925 5. Jahrgang Versöhnung. Beiträge von Rechtsanwalt Heinrich Stern / Prediger Dr. Rosenthal , Moritz A. Loeb Rabbiner Dr. Weiße / Iustizrat Dr. I. Brodnitz / Rechtsanwalt Dr. Max Naumann Professor Heinrich Löwe über: „Versöhnung im innerjüdischen Kampf". Zum diesjährigen Bersöhnnngstag haben mir Führer der größten jüdische« Parteiorganisationen zu einer Aeußernng über das Thema „Versöhnung im innerjüdische« Kamps" aufgefordert. Alter jüdischliberaler Tradition folgend, schien es uns an der Zeit, auf das Gemeinsame aller jüdischen Parteien im Dienste der jüdische« Gegenmarts- und Zuknnftsaufgabeu hinzuweisen. Denn nur wenn die großen Gesichtspunkte nicht vergessen werden, kann das Judentum seine geistige Bedeutung wahren. Wir hatten in Unserer Rundfrage darauf hingewiesen, daß uns nichts ferner läge, als die bei der notwendigen innerjüdische« Auseinandersetzung hervortreteude« Gegensätze zu verwischen. Diese Auseinandersetzungen sind ei« erfreuliches Zeichen des innere« Lebens der jüdischen Gemeinschaft und tragen mit dazu bei, die Judenheit mit jüdischen Inhalten zn durchdringe». Notwendig aber ist, daß der Kampf der Meinungen von einem versöhnlichen Geiste getragen werde. Daß das geschehen kann, beweisen die nachstehenden Aenßerungen jüdischer Organisationsführer. Rechtsanwalt Heinrich Stern. der Vorsitzende der Bereinigung für das liberale Judentum e. V., sandte uns folgenden Beitrag: (?s ist eine glückliche Idee der Schriftleitung unserer Zeitung. Vertreter aller Richtungen im Judentum aufzurufen, um am Tage der Versöhnung das Gefühl des Gemeinschaftlichen zu betonen, das alle Juden beseelt, wenn sie ihren Blick ans ihre Brüder und deren Stellung zum Judentum richtet. Eine Selbstverständlichkeit sei vorweggenommen: Solange cs Inden gibt, war das Gefühl der Gemeinschaftlichkeit vorhanden,- die Idee, über das, was uns gemeinsam, ist aber je nach der Einstellung zum Judentum grundverschieden. Mehr oder weniger war cs Temperamentssache, wie man diese Verschiedenheiten beurteilt, ob man sic als verabscheuungswürdige Ketzerei auffaßte, oder aber als „Worte des lebendigen Gottes", wie in dem vielberühmten Urteil über den Schulftreit zwischen Hillel und Schammai. Mit einem Wort, es entspricht dem Geist des Jom Kippur, die Gegensätze in Klarheit zu erkennen, das Gemeinschaftliche im Geiste der Versöhnung zn begreifen. Liberales Judentum ist eine jüdische Bewegung. Sie blickt mit Stolz auf die Vergangenheit des Judentums, strebt nach Mitarbeit an den Problemen der Gegenwart und glaubt an eine jüdische Zukunft. Tie Juden sind nach unserer Ansicht um des Judentums willen da, sie sind Träger einer weltgeschichtlichen Idee. Sie sind nicht ein „Volk wie andere Völker", sondern ein „Reich von Priestern und ein heiliges Volk", dazu bestimmt, die völkerverbindenden Ideen der Einheit Gottes und der Menschheit, der Nächstenliebe, der rechtigkeit und deS Friedens in sich zu tragen und durch sittlichen Wandel nntcr den Völkern beispielgebend vorzuleben. Israels Leben und Leiden mären sinnlos ohne den Glauben, das; dieses Leben und Leiden nicht Selbstzweck ist, sondern ein Bausteinchen auf dem Wege zur Einigung der Menschheit. Wenn wir das Leben der einzelnen Juden und das Leben der jüdischen Gemeinschaft von -dieser großen Idee ablösen, so sind wir ein Sandkorn, das von der Bölkerbrandung verschlungen bald würde. Stellen wir unser Leben und Handeln in den Dienst dieser Idee, so wird es sinn- und planvoll, festigt unsere Gemeinschaft und hält sie aufrecht im Strudel des Weltgeschehens. Ter Schlüssel zu gegenseitigem Verstehen scheint mir nur das Eine zu sein, daß wir Bewegungen im Judentum, die von anderen Grundlagen ausgehen und andere Mittel anwenden als wir, daraufhin prüfen, ob sie das gleiche Endziel haben, wie wir, die Erhaltung des Judentums und der jüdischen Gemeinschaft. Was unsere Beziehungen zum konservativen Judentum angeht, so haben wir uns ihm gegenüber niemals in Angriffsstellung befunden. Wir wissen, daß das konservative Judentum, die jüdische Gemeinschaft als eine Lebensgemeinschaft auffaßt, über der das Religionsgesetz in seiner Totalität waltet, jenes Gesetz, welches von den Konservativen als göttlich angesehen und deshalb ohne Prüfung befolgt wird. Wir wissen aber auch, daß unsere konservativen Brüder in dem Glauben an die messianische Zukunft unseres Volkes mit uns einig sind, daß sie mit uns arbeiten an der Verinnerlichung und religiösen Durchdringung der jüdischen Massen,- das Ziel ist das gleiche, nur der Weg ein anderer. Wir glauben nicht an die Unteilbarkeit des Religionsgesetzes, scheiden die göttlichen Grundwahrheiten von dem irdischen Zeremonialgesctz und halten uns für berechtigt, dieses Zeremonialgesctz den Bedürfnissen der jeweiligen Gemeinschaft anzupassen. Mit dem Augenblick, in welchem die Konservativen erkennen, daß auch wir, wurzelnd in der gemeinschaftlichen Ueberlieferung, zustrebend dem gemeinsamen Menschheitsziel, heute danach trachten, jüdische Gemeinschaftsarbeit zu leisten, auch wenn wir dazu andere Msttel wählen, mit dem Augenblick, in welchem wir erkennen, daß der konservative Jude nicht aus Trägheit und Stumpfheit, sondern unter der Wucht einer Gewlssensmahnung das Joch des Religionsgesetzes trägt und daher Anspruch hat, sein Leben nach seinem Wollen zu gestalten, mit dem Augenblick gibt es zwar kein Verschmolzensein, aber ein Mtteinanderarbeiten. Es ist erfreulich, daß hervorragende Vertreter des konservativen Judentums in feierlicher Fvrm auch in der Oesfentlichkeit bekundet haben, daß in den liberal regierten Gemeinden auch für konservatives jüdisches Leben breitester Raum gewährt ist: je mehr die Konservativen ihrerseits von der Verkennung zur Anerkennung unserer Arbeit fortschreiten werden, um so schneller werden sich noch vorhandene Gegensätze ausgleichen. Schwerer fällt es, der großen Masse ein vorurteilsfreies Bild der nationaljüdischen Bewegung zu geben. Es muß immer wieder daran erinnert werden, daß das Nationaljudentum geboren wurde aus der Not der Zeit, in welcher der moderne Antisemitismus drauf und dran war, in den westeuropäischen Ländern große Massen der Indifferenten aus dem Judentum herauszustoßen, weil sie von dem Warum und Wozu des Judentums keine Ahnung mehr hatten. Das Nationaljudentum hat cs verstanden, eine Formel zu finden, welche, so sehr wir uns im einzelnen gegen sie wenden müssen, es erreicht Hat, aus Tausenden von indifferenten Juden wieder rege Mitarbeiter am Körper jüdischen Gemeinschaftslebens zu machen. Das Ziel des Nationaljndentums, die jüdische Gemeinschaft zu erhalten durch Aktivierung jedes einzelnen Juden, ist auch unser Ziel. Freilich, der Weg, den das Nationaljudentum gewählt hat, weicht von dem unsrigcn erheblich ab. Es hat Zeiten gegeben, in denen im Nationaljudentum eine Gruppe das große Wort hatte, welche vom Judentum wenig wissen wollte und das jüdische Problem ausschließlich in der Frage der Erhaltung der jüdischen Menschheit umdeutete. Diese Gruppe, die noch heute nicht ganz verstummt ist, wenn sie auch an Bedeutung verloren hat, ging davon aus, daß alle jüdisch geborenen Menschen eine eigene Gemeinschaft um ihrer selbst willen darstellcn, ein Volk wie andere Völker, und daß cs Ausgabe dieses Volkes wäre, sich die bestmöglichsten Lebcnsbcdingungcn zu schaffen,- die Stellung der einzelnen zum Judentum, zur Religion spielte dabei keine Rolle. Dieser Weg der.Erhaltung jüdischer Gemeinschaft durch Umgicßung der Juden zu einem Bolk mehr führt nach unserer Meinung ans dem Judentum heraus. Zwischen den Anhängern dieses Zieles und uns gibt es keine Brücke. Anders liegt cs mit der heutigen in der zionistischen Organisation herrschenden Richtung, welche nicht nur die Frage der Judenheit, sondern auch des Judentums lösen möchte, indem sie zunächst einen Teil der Inden ans der Umwelt heranszicht, um sie im alten Lande zu einem selbständigen Gemeinwesen zusarnmenznfassen. Wir halten diesen Weg für einen Umweg, der viel Kräfte vergeudet und voraussichtlich schwere Enttäuschungen bringen wird. Wir glauben, daß die Erhaltung des Judentums in den Ländern der Zerstreuung niemals gelöst werden kann auf dem Umweg über die Palästinasiedlung. Nicht das ist das Problem, Juden und Judentum!'zu isolieren, sondern es ist das Problem, Juden und Judentum im Gefüge der Umwelt stark und in ihrer jüdischen Eigenart zu erhalten. Tausend Jahre jüdischer Geschichte haben gezeigt, daß das Judentum ohne Palästina sich erhalten hat. Unsere Ausgabe wird es sein, durch Vertiefung des Wissens vom Judentum, durch Stählung des jüdischen Wollens, durch Belebung der jüdischen Gemeinschaftsarbeit nicht ein Zion zu schaffen, sondern heiliges Land in jedem Land. Trotzdem anerkennen wir, daß der Zionismus Lurch die Problemstellung, durch Las Heransreißen der jüdischen Jugend aus dem Jndiffecentismus auch uns wertvollstes Menschenmaterial geschaffen hat. Sein Endziel, die Erhaltung der jüdischen Gemeinschaft, ist unser Endziel. Wenn wir daher ihm auf seinem Wege nicht folgen können, wenn wir warnen und abraten müssen, diesen Weg bis zn Ende zu gehen, so mutz es uns fernliegen, die Echtheit seines jüdischen Wollens und die Reinheit seines Strebens anzuzweifeln. Wir wollen jüdische Gemeinschaftsarbeit leisten, um die jüdische Gemeinschaft dem Judentum zn erhalten. Wir gellen unseren Weg und verlangen Achtung für unsere Arb it. Wir verlangen keine Opfer der Ueberzeugung und wir bringen keine Opfer der Ueberzeugung. Wir blicken zum Anfang zurück und richten unser Auge auf das Endziel. Mit alten Juden hat Lee Ewige feinen Bund geschlossen. Es ist eine Menschheit, die dereinst zu dem heiligen Berg aufsteigen soll, den die Propheten des Judentums gezeigt haben. Inniger als an jedem anderen Tage fühlen wir am Jomkippur gemeinsame Abkunft, gemeinsames Endziel, stärker denn je verschwinden die Gegensätze des Weges. Es gibt nur eins, was wir bekämpfen, das ist die Untätigkeit und das feige Herausschleichen aus der einenden Gemeinschaft. Jede andere jüdische Tat, die der Erhaltung jüdischer Gemeinschaft dient, können wir, wo sie nach rmserer Meinung im Wege irrt, bekämpfen, immer aber werden wir in solchem Gegner den Bruder erkennen und achten. Hoffen und wünsche.-, nur, das; auch in Len anderen Richtungen des Judentums die Erkenntnis sich bah-nbricht, daß Las liberale Judentum auf eigenen; Wege dem uralt-jüdischen Endziel, Sem Bunde mit dem Ewigen, entgegenstrebt. Das ist der beste Weg zur Versöhnung. Sehr Wichtig sind auch die Ausführungen über den jüdischen Wahlkampf, die einen Teil der Aeußernng von Prediger Dr. Karl Rosenthal bilden, den wir als Bertreterderjüdischen Reformgemeinde zu Wort kommen lassen. In keinem Bezirke des geistigen Lebens löst das Aufeinander prallen der Meinungen im Kampfe der Geister solch riefe Bewegung aus wie auf dem Gebiete der Politik und der Religion. Tenn was man auch über die „materialistische Einstellung unseres Zeitalters" sagen möge, die Tatsache kann nicht weggeleugnet werden, daß Fragen der Ueberzeugung und der Weltanschauung auch die Menschen unserer Epoche so tief und leidenschaftlich aufzuwnhlen vermögen, wie es nur je und je der Fall war. So ist auch der Kamps der Richtungen und Parteien innerhalb unserer jüdischen Gemeinschaft zunächst eine au sich begrüßenswerte Erscheinung, die uns davon Zeugnis gibt, daß das Judentum der Gegenwart lebt. Es ist ein Kampf „lockern sckomajim", um ideale Lebensgüter, von dem der Perik sagt, daß er au einem guten Ende führen müsse. Aufgabe der streitenden Richtungen ist es, diesen Kampf immer so zn führen, daß der erhabene Endzweck durch die Form der ^Kriegführung" nicht in Frage gestellt wird. Unerläßliche Voraussetzung für eine edle, dem hohen Streitgegenstände angemessene Kampfform wird für alle Parteien sein, das Wesen der gegnerischen Richtung psychologisch zn begreifen. Jode Richtung hat Anspruch daraus, das; man die Bedingungen und Gesetze ihres Werdens, sowie ihre Endabsichten zunächst einmal aus der Mentalität und dem Willen der eigenen Anhänger zu verstehen trachtet. Erst wenn das genügend beachtet ist, hat der andere das Röcht, die Wirkungen gegnerischen Tuns mit der ursprünglichen Absicht zu vergleichen, die letzten Konsequenzen zn erwägen und gegebenenfalls ernste Kritik zu üben. Gegen diese Pflicht fachlicher Kampfesweise ist von den Vertretern aller Parteien, ohne Ausnahme, oft gesündigt worden. Wenn ich im folgenden mit ein War Worten zu