Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 37 (11.9.1925)
- Date
- 1925-09-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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« Das jüdische Haus. Von Toris W i 11 n c r „Es war einmal . . .wie Märchen aus alter grauer Vorzeit dünkt es den Chronisten unserer Tage, dünkt es uns selbst, wenn er singen und sagen soll von dem patrizischen, patriarchalischen Wesen des vormaligen „jüdischen Hauses". Des jüdischen Hauses, wie der Gott des „Alten Bundes" es den Kindern Israels durch Moses anbefohlen Hatte, und wie es durch die Jahrtausende, in Knechtschaft und Entrechtung, den Stamm Juda allenthalben in der Diaspora aufrechterhalten und gekittet hat. Mochten die Tore menschenunwürdiger Ghetii abends mit rostigem Ton znfallen und Menschen von Menschen sondern, wie man wohl milde und gefährliche Tiere in Käfige sperrt, um die bürgerliche Gemeinschaft zu schützen vor tierisch unvernünftigen, .grimmen Instinkten; mochte man den Kindern Israel diese und andere Schmach znfügen: in dem Augenblick, wo sie, meistens zwangsläufig, beieinander und miteinander waren in Muhe, wie Arbeit: da auch erglühte der Glanz und die Wärme des jüdischen Hauses und die schützende Reinheit des jüdischen Herdes. „Gehet hin und mehret euch'', so hatte der Befehl des Herrn an sein Volk gelautet. Und in eifernder Bnchstabentrcue ward das Gesetz gehalten, obwohl es häufig schwere Belastung und wirtschaftliche Erschwernis bedeutete. Ja, das Wort Gottes ward mit solchem Fanatismus gehalten, das;, wo es unerfüllbar schien, der Mann dem ihm angetranten Weibe den Scheidebrief in die Hand drucken und die Lebensgefährtin von feiner Seite verbannen durfte. Unfruchtbarkeit des Weibes war Schande schlechthin und rechtfertigte vor Goit und den Menschen die Verstoßung aus der ehelichen Gemeinschaft. Es war einmal. Auch nachdem die Tore des Ghettos sich geöffnet, blieb das „indische Haus" ein unantastbares Heiligtum, Heim und Heimat jeden: Kinde des Wüstenmander stamm es, unb eg reisbar und nnbegrifsen dem Fremden, der in Freiheit und Unabhängigkeit groß geworden und der nicht ahnte, daß Haus uns Häuslichkeit einem Volke Ersatz bieten muhte für Freiheit, Weltemvcite, eigene Nation und die primitivsten Gerechtsame des Menschengeschlechts. Je weiter die Diaspora sich breitete über die bewohnte Erde und ie mehr Schein.freiheitcn das Judentum von seinen Wirtsvöltern erfuhr, desto lockerer wurde altehrwürdige Tradition. Und was aushöhlcnde Assimilation begonnen, vollendeten Krieg, Niederlage, wirtschaft- .licher Niedergang, das Friedensdiktat von Versailles mit feinen ökonomischen Erdrosselungsbestrebungen und zuguterletzt der Staatsumsturz in den großen Reichen des europäischen Kontinents: Deutschland, Oesterreich, Rußland. Heutzutage, wo der wirtschaftliche Kampf aller gegen alle tobt und wo neue Geschlechter den patrizischen Ücüerlieserungen der Väter Fehde ausagen, ist auch das jüdische Hans bedroht und unterminiert. Und — os muß ausgesprochen werden, was ist — man kann der Entwicklung nicht gebieten, stille zu stehen, wenn diese Entwicklung ihre immanente Gesetzmäßigkeit in sich trägt. Der Kampf der Generationen war immer. Von alters her. Und wird immer sein. Für und für. Bis in Ewigkeit. Nur hat er unter dem materiellen Wandel und den moralischen Wandlungen unserer Zeit heutzutage vielfach ./Formen der Zuspitzung und Ucberhitzung angenommen, die tatsächlich zuweilen Eltern und Kinder in zwei feindliche Lager spalten und Hellen Streitruf erschallen lassen zwischen hüben und drüben. Dazu kommt, daß trotz einer statistisch 'höheren Ziffer an Änabengebnrten dennoch allenthalben 'in Europa ein FrauenÜberschuß zu verzeichnen ist. Laut einer solchen jüngsten Statist,k stieg der Frauenüberschuß in den ev'-opä sichen Staaten, die am Ictztuergangenen Kriege bewaren, von etwa 6,2 Millionen im Frieden auf rund 16 Millionen nach dem Kriege. Im Zählungsabschnitt 1019/1921 trafen in Deutschland auf 1090 männliche Einwohner 1099 weibliche Personen (1010/1911 waren es 1026). Doch geben derartige Gesamtzahlen kein klares Bild über die Verschiebung des Geschlechtsverhältnisscs der Bevölkerung. Am wichtigsten sind zunächst die Altersklassen zwischen 18 und 45 Jahren, das sind die für Heirat und Fortpflanzung in Betracht kommenden, nn Kriege durch Männerverlüste besonders geschädigten Jahre. In diesen Jahrgängen ist der Frauenüberschuß viel größer geworden. Es kamen auf 1000 Mäner im Alter von 18 bis 15 Jahren Frauen: 1913 1919 In Deutschland ....... 1180 In Oester eich und Ungarn . . . . , 1018 1230 In Großbritannien und Irland . . . 1078 1175 In Frankreich. * 1017 1230 In Italien. 1228 Derartige Zahlen leihen dem immerwährenden Kampf der Geschlechter besondere Aktualität. Daß einstmals ein siebzehnjähriges Genie die Tragödie des Kampfes um Freiheit schreiben und ihr als flammendes Motto voravsetzcn mußte: „In tnrannos": gut —, daß besagte Tragödie aber als sinnbildlicher Vorwurf des Aufstandes der Jungen gegen die Alten diente, und fürder dienen soll, wirkt heute gelinde anachronistisch, Noch unzeitgemäßer, befremdender und wirklichkeitsferner indes mutete eine Tichtung unserer Zeit und eines unserer Zeitgenossen <W. Hojcnclever) an, worin in einer bis an die Grenzen der Karikatur übertriebenen Formulierung der Schnlsall einer Iunglingstragödie, die legendär wirtende Begebenheit von der Knechtung eines achtzehnjährigen Sohnes durch einen verständnislosen, von falschen pädagogischen Grundsätzen bis zur Grausamkeit geleiteten Vaters dargestellt wurde. Ach nein'.: die „Kindertragödie" im Schillcrschcn und HI enclcverschcn Sinn ist nicht mehr von dieser Welt. Unser m Zeitalter, das dereinst allerdings unter wesentlich anderen Auspizien und Aspekten —, das „Jahrhundert des Kindes" gelaust ward, entsprießen weit eher E l t e r n t r a g ö d i e n oder doch schmerzliche Konflikte zwischen den Generationen, die sich aus dem individuell gefärbten Eiuzelfall ins Tnpüche hinaus erheben. Und im „i üdis cf) c n H a u s c", wo das Fa m il r en o b crhaupt, der Gatte und Vater, übcrtiesernngswäßig die Stellung eines Patriarchen — entstanden und entwickelt aus dem Begriff des Sippen- oder Stammeshäuptlings — bekleidete, mck allen Insignien herkömmlicher Macht und Würde ausgestattet, bestätigt durch die Demut und bedingungslose Unterwerfung aller andern Familienmitglieder unter den väterlichen Willen: — in eben diesem „jüdischen Hause" vollzog sich d,e uaturgemollte Emanzipation natürlich nicht ohne besonders hescige. tiefschürfende Reibungen, aber immerhin: er vollzog sich. Auch hier... Der wirtschaftliche Zwang unserer „mechanisierten und materialisierten Epoche" leiht unserer jungen Generation vielfach, um nicht zu sagen: zumeist, schon ökonomische Selbständigkeit, Der zäh und zärtlich behütete Begriff der „Haustochter" beispielsweise ist — eines natürlichen Todes gestorben. Das innge Mädchen, gleichviel, ob cs den arbeitenden Schichten, dem Mittelstand oder der besitzenden Kaste entstammt, pflegt heute, sobald es die Schule oder das Lnzeum verlassen hat, sofern cs sich nicht einem Universilätsstudinm widmet, unverzüglich in einen praktischen Beruf einzntreten. Der Tarifvertrag tder allerdings heute nicht immer innegehallen wird), sichert den jugendlichen Anwärterinnen auf derartige Stellen und Stellungen binnen kurzer Zeit ein Einkommen, das sie unabhängig macht und auf eigene Füße stellt. Junge Damen, die fremde Sprachen in Wort und Schrift beherrschen, die Handelsschule besucht haben und doppelte Buchführung verstehen, beziehen bald höhere Gehälter. Aber auch als Laborantinnen, photographische Hilssarbeiterinnen, Buchbindcrinnen und als Bankbeamtinnkli finden ehemalige Haustöchter heute Unterkilnft und Unterhalt. Nicht anders die gleichaltrigen Brüder, die gegenwärtig oft frisch von Gymnasien und Realschulen weg in Gewerbe und Geschäft eintreten, das langjährige Studium an den Brüsten einer „Alma mater“ mit praktischem Lcbensblick als kostspieligen und aufhaltenden Luxus verwerfen und sich darum lieber unmittelbar in den Strudel von Welt und Wirtschaft schlendern. So schön, lobesam und zeitgemäß dieser Arbeitstrieb und die früh erreichte wirtschaftliche Selbständigkeit der jungen Generation auch sind, darf doch nicht verkannt werden, daß sie Gefahren und Bedenklichkeiten mancher Art in sich schließen. Mit der materiellen Autorität der Elteru selbständig erwerbenden Kindern gegenüber ist auch die moralische Autorität vielfach ins Wanken geraten, zuweilen — in besonders krassen Fällen — völlig in die Bruche gegangen. Kinder von 18 bis 20 Iahrcu, die während der I ns l a t i o n s z e i t in ein bis zwcc Monaten womöglich mehr verdienten, als der 60 bis 60jährige Vater in einem Jahr tFälle, die dazumal nicht selten waren, wenn der Vater vielleicht geistiger Arbeiter in freiem Beruf — wenig beschäftigter Arzt oder Rechtsanwalt, Künstler oder Privatgelehrter — war, während die 18 bis 19jährige Tochter in der Metallindustrie als sprachgewandte Korrespondentin ein glanzendes Engagement innehatte, der 20jährigc Sohn im Bankfach tätig war und neben seinem Gehalt, dank leichtem Einblick in die Hochkonjunktur der Efsektcnipekulation oder des Deviscnhandels, noch ein fürstkiches Ncbcncinkvmmcn bezog), solche Kinder, die ihren Eltern durch die „Macht der Verhältnisse" wirtschaftlich überlegen sind, verlernen die Unterwerfung inicht Unterwürfigkeit) dem elterlichen Willen gegenüber auch in sittlichen und seelischen Dingen. Wer gewöhnt ist, außer .'Hause in Freiheit und unter eigener Verantwortung zu disponieren, vermag auch im Hause nicht plötzlich stumm zu horchen und gehorchen. So wandelte sich Segen hie und da in Fluch: und viele Familien icbeit voll verschämter Kümmernis und heimlicher Trauer einen klaffenden Rist durch die ehemalige patrizisäre Geschlossenheit des Familienlebens gehen. Die D eflation hat der Hypertrophie solcher Entwicklung ein Ende gesetzt. Trotzdem ist mirtschastlichc Unabhängigkeit der jungen Generation ein erstrebenswertes Ziel geblieben und heute auch eine ökonomische Notwendigkeit geworden. Kluge und gütige Eltern, denen längere Lebenserfahrung, Einsicht, Vorsicht, Rücksicht und Nachsicht eignen, werden die Gespenster deS häuslichen Kleinkrieges, der Politik der Nadelstiche zu scheuchen verstehen: sie werden im psvchologischcu Augenblick die notwendigen Konzessionen machen und die Kompromisse schließen, die der Geist einer neuen Zeit und die „Umwertung aller Werte" heischen. Aber der Durchschnitt, die kompakte Majorität derer, die dem Fortschritt nicht geben, was des Forschritts ist, sondern die statt dessen hartnäckig am Gewesenen und Gestrigen hangen, aus keinem anderen Grunde, als w e i l es eben g c m c s c n und g e st r t g ist und mithin — laut ihrem Wahn und Wähnen — auch heute und morgen und immerdar so bleiben müßte: über sst rollt unbarmherzig das Rad der Entwicklung dahin und sie bleiben zermalmt am Wege liegen. Unschuldig-schuldige Opfer eines Zeitvcrhängnisses und einer verhängnisvollen Zeit! Viele, viel zu viele „Meister Antons" gibt cs heute, die „diese Welt nicht mehr verstehen". Und zahllose Frauen, von Natur aus konservativ, L. h. am Bestehenden festhaltenö, deren Gefühle und Gedanken die Gegenständlichkeit der Zeit nicht fassen und erfassen können und sich darum in Jrrnis und Wirrnis verlieren. Man bedenke: ein junges Mädchen, noch vor der Schwelle der Zwanzig, das sich aus eigener Kraft erhält, wird sie sich von einer noch so treu sorgenden Mutter vvrschreiben lassen, wie der Schnitt ihrer Kleider sein soll, wieviel Paar Schuhe sie besitzen dürfe, welche Theaterstücke sie besuchen oder nicht besuchen, welche Bücher sie lesen oder nicht lesen solle, wann sie abends daheim zu sein habe, von wem und wohin sie sich begleiten lassen dürfe oder nicht'? Nie und nimmer! Die materielle Unabhängigkeit der Tochter bedeutet die moralische Me Unsterblichkeit der Seele. Von Rabbiner D r. L n b a s ch, Hamburg. (Schluß.f Im späteren Judentum finden mir dann den Unstcrblichkeitsglauben eindeutia ausgesprochen. Daß die apoikalriptticheu Bücher einen konkreten Ienseilsglauben lehren, nimmt bet der Art dieses Schrifttums nicht Wunder. Aber auch das talmudischc Judentum, das stark rationalistisch gefärbt ist, spricht an vielen Stellen von. einem Fortleben nach dem Tode. Von Rab wird tBer. 1<1) erzählt, daß er sich das Leben in der zukünftigen Wett ir£ folgender Weise denkt: „Es gibt im Jenseits weder Essen noch Trinken, noch Fortpflanzung, noch Vermehrung, noch Kauf, noch Verkauf, noch Neid und Haß. Es sitzen vielmehr die Gerechten mit «ihren Kronen auf den Häuptern und erfreuen sich am Glanze der göttlichen Majestät." Hier sehen wir das ethische Rio ment in den Uniterülichkeitsglaubcn eingreisen, das auch noch das Zitat Sabb. lila erhärten soll: „R. Eleasar ist der Meinung, Laß die Toten außerhalb Palästinas nicht aufersteheu." Ta antwortete man ihm: „Ist cs denn möglich, daß die Gerechten in der Diaspora nicht anferstehen werden'?" Da sprach R. Eleasar: „Durch die Wanderung nach Palästina werden sie der Anferstehung teilhaftig." In der jüdischen Religions- Philosophie wird der Unsterblichkeitsglaube als eine der lelbstverstand,lichiten Grundlagen des Judentums angesehen: nur das „Wie" der Unsterblichkeit wird noch erörtert, Rach Philo verlangt es die Seele, wie Plato es lehrte, ihren Körper zu verlassen, da er ihr Gefängnis ist. Bachja lehrt «ine Erhebung der Seele durch sittliche Läuterung zu deu Engeln. Maimonides kennt eine Unsterblichkeit nur für intellektuell und sittlich hochstehende Periönlichkeiten, — während Erescar an der unterschiedslosen Unsterblichkeit aller Menschen festhält. Die Kabbala geht noch einen Schritt weiter und lehrt in engster Anlehnung an Plato.und den Neuplatonismus sogar eine Präeristenz der Seelen. Der bedeutendste jüdische Denker der Neuzeit. Mendelssohn, hat bekanntlich unserem Problem eine eigene Schrift gewidmet und sucht systematisch die Unsterblichkeitslehre zu begründen. Da wir nie in unserem diesseitigen Leben das uns gesteckte sittliche Ziel erreichen, andererseits aber an einen nach sittlichen Zwecken handelnden Gott glauben, so kann unser Leben durch den Tod nicht den endgültigen Abschluß gefunden lhaben, sondern weise auf eine endlose Fortdauer hin. Damit haben wir aber bereits den Boden eines naiven religiösen Glaubens verlassen, der dogmatisch die Grundsätze der Religion hinnimmt, ohne nach der Möglichkeit ihrer Begründung zu fragen und wenden uns der systematischen Seite unserer Frage zu. Kann man den Unsterblichkeitsglauben rationell begründen? Oder ist es zum wenigsten möglich, mit Hilfe unserer Vernunft dieser zweifelsohne sehr aewaglen Hypothese eine Stütze zu bieten? Die bedeutendsten Philosophen aller Zeiten gingen in diesem Punkte völlig auseinander. Zugunsten der Unsterblichkeit sprechen Descartes. Leibmz, Kant, Fichte, Hegel u.s.f. Gegen die Unsterblichkeit nehmen Epitur. Spinoza. Hume, Hegel und Schleiermacher Stellung. Schwankend sind Voltaire. Fries. Darwin und Mach. Untersuchen wir also in aller Kürze das Für und Wider unserer Lehre! Zuerst ein ethischer Grund für die Unsrerb- Uchkeit. Hören wir. wie Goethe seine Anschauungen formuliert: „Wenn ich bis an mein Ende rastlos wirke, so ist die Natur verpflichten mir eine andere Form des Daseins anznweiscm. wenn die fetzige meinen Geist nicht ansznfüllen vermag." Ist die Natur wirtlich dazu „verpflichtet"? Und wenn sie dazu verpsliwtet ist, ihren Pflichten aber nicht nachkommt'? Im Diesseits ist diese ethische Forderung doch niemals erfüllt. .Kosmische Gewalten vernichten erbarmungslos unzählige Werte, Erdbeben zerstören blühende Gemeinwesen. Das Verlangen von Millionen nach Sonne unb Lebensfreude bleibt ungestillt! Gottes Gerechtigkeit müßte ferner die Entwicklung des sittlichen Triebes im iOtc;tieften ermöglichen, da wir hier im Diesseits nie unser sittliches Ziel erreichen lMendelsiohn). Aber dürfen wir wirklich das unermeßliche Weltall nach unseren kleinen meufchlichen Zielen und Zwecken bestimmen? Dürfen wir vorschnell den Menschen als Krone der Schöpfung ansehen, um den Lauf einer Welt seinetwegen zu beeinflussen? Aber das Unrecht, das die Welt erfüllt, verlangt gebieterisch seine Lösung, und bas Recht will seinen Lohn, und „wenn die Frevler ansblühen rvie das Gras, so ist es nur, um airf ewig vertilgt zu werden"! Begründet man die Unsterblichkeitslehre auf diese ethische Weise, dann kann man die Gegenfrage stellen, was das höchste Gut sei, die Tugend an sich oder ihre Belohnund. Sollte nicht gerade darin der Wert einer sittlichen Handlung bestehen, daß sic auf keinerlei Vergeltung, weder im Diesseits noch im Jenseits. Anspruch erhebt'? Ten Unsterblichkeitsglanveu auf die Sittlichkeit zu fundieren, birgt also eine starke ethische Schwierigkeit in sich, und außerdem ergäbe, zugegeben, daß eine ethische Grundlegung möglich wäre, eine moralische Begründung noch lange keinen logisch zwingenden Schluß. Daß ferner der Unsterblichkeitsglaube die Quelle des Trostes und der Beruhigung für unzählige Menschenkinder ist, daß er ihnen hinwcghilst über die zahllosen Unbilden und Miß- Helligkeiten unseres Daseins, ist nicht zu leugnen, kann aber niemals einen zwingenden Grund für seine Richtigkeit abgeben: es gibt viele schöne Träume und Phantasien, die aber niemals beanspruchen können, daß man sie für bare Münze nimmt. Stehen wir also wirklich vor dem unermeßlichen Abgrund, in dem das schaurige Nichts uns lauernd erwartet, um uns für ewig zu sich hinabznziehen? Sehen wir keine Rettung vor gänzlicher Vernichtung,- wenn wir die rücksichtslose Logik befragen, um eine Antwort auf unsere anäleude Frage zu erhalten? Wenn wir die Erfahrung zu Rate ziehen, wird sich uns doch eine tröstlichere Aussicht ergeben. Wenn wir nämlich von Tod und Vernichtung sprechen, so geben diese Worte gar nicht das wieder, was wir darunter verstehen. Denn es gibt im Weltall überhaupt keine Vernichtung. Kein Körper, kein Gedanke kann das All vertanen: denn wo tollte er hin? In das Nichts vergehen, widerspricht dem Naturgesetz: denn w wenig wie aus 'Nichts ein Ding entstehen kann, kann irgend etwas, was es auch sei, in das Nichts sich verwandeln. Denn ein „'Nichts" gibt es über Haupt nicht. Ertstierte nämlich das „'Nichts", so wäre es kein „Nichts", sondern irgend etwas Gegenständliches. Dieser Gedanke, der im ersten Augenblick wie eine geistige Spielerei aussieht, ist aber nicht zu widerlegen. Wir können also niemals vom Tode im eigentlichen Sinne des Wortes sprechen, sondern nur von einer Umwandlung in uns oft unbekannte Dinge. Wenn wir beispielsweise den Mond als ein totes Gebilde bezeichnen, so ist auch dieses eine irreführende Aussage. Denn wir wissen, daß Gestein und ähnliche „tote" Gebilde von wilden Bewegungen durchzuckt werden, die auf gesteigertes Leben hindcuten. Es würde hier nun eine eingehende Untersuchung über die Frage einer WeitercMenz des Selbstbcwußtjeins folgcic müssen, aber der Raum verbietet mir eine zuweit gehende Betrachtung. Das Gesetz der Erhaltung der Materie und der Energie scheint mir entscheidend zu sein: nichts geht verloren und nichts kommt hinzu. Der Körper fällt durch seine Auslösung nicht der Vernichtuna anheim, sondern verwandelt sich in andere Materie: er bleibt erhalten, zwar in anderer Form, kann aber nicht vergehen. Sollte dann die Seele des Menschen, die wir als die stärkste Macht ansehen, als solche den Körper beherrscht und bestimmt, zu einem „Nichts" werden'? Diese Auffassung erscheint absurd, entschieden widervernünftigcr als der Glaube einer persönlichen Unsterblichkeit. Zu dieser Betrachtung mag ergänzend der Glaube hinzutreten. Denn undurchdringlich für unser Erkennen sind jene letzten Tinge. Das icns Sichtbare, das mir zu erkennen und zu begreifen vermögen, ruht auf dunklem, vom Schleier des Geheimnisses nmwobenen Urgründe. Hier ist die Grenze unseres Verstandes: niemals werden wir imstande sein, das Wesen der Dinge zu begreifen. Aber was unserem Verstände versagt ist, vermag unser Gefühl ahnend zu erfassen. Und so kommt cs uns vielleicht zum Bewußtsein, daß die Schranken von Raum und Zeit, in denen wir uns bewegen, nicht das Wesen unserer Persönlichkeit treffen. Auch unser Ich gehört der Unendlichkeit alles Seins an: ewig und unvergänglich wie das Universum sind auch wir selbst. So klein unser Menschenwerk uns erscheinen mag. so winzig unsere Bedeutung ist, so erhält auch unser Ich neuen Wert, wenn wir uns als Wesen betrachten. befreit von den Schranken des Raumes und der Zeit, frei von jenen Vorstellungen, die uns ein Bild von