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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-09-11 · 37 (11.9.1925) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
37 (11.9.1925)
Date
1925-09-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang Das jüdische Elternhaus. Unsere verarmte Jugend. Bon I. Landau „Das Jahrhundert des Kindes" hat man unsere Zeit genannt und man meint, daß wir der Jugend jetzt Vorrechte einräumen, das; wir ihr mehr Rücksicht, mehr Liebe zmvendcn, eine reichere Ausstattung für das Leben, eine stärkere Rüstung für den Kampf ums Dasein geben- Bis zu einem gewissen Grade ist das richtig. Fast bis zur Selbstentänßerung treibt die Gegenwart in der Tat den Respekt vor der Zukunft. D.s hat oft zur Folge, daß der Geist des Goethcschen Baccalaureus einen Teil unserer Jugend beherrscht. Wie geberdet sie sich oft in den Schulen, wie lärmt sic in den Reihen der Demonstranten, wie drängt sie sich in das für einen wenig rühmlichen Krieg geworbene Heer der Hakenkreuzler! Wie erschreckend groß ist überdies der Anteil der Jugendlichen am Verbrechen. Von der körperlichen Ertüchtigung ist jetzt viel die Rede und wir wollen den hohen Wert sportlicher Ucbungcn keineswegs unterschätzen. Wie aber ist es um die „Ertüchtigung" des Charakters bestellt'? Wie steht es nm die Ausrüstung des Gemütes, um die Heranbildung der Seele, mit ihrer Stärkung für den Lebenskampf? In dieser Richtung bleibt unsere Zeit der Jugend sehr viel schuldig. Die Mitgift, die wir dem Herzen, dem Innenleben unserer Kinder gewähren, ist sehr viel dürftiger geworden. In der jüdischen Familie mindestens. Aber viel anders ist es auch bei den anderen Volksschichten, den anderen Bekenntnissen nicht. Dieselben Einflüsse, die auf die Sinnesart der jüdischen Jugend wirken, sie machen sich ganz allgemein und in anderen Gesellschaftskreisen oft in verstärktem Maße geltend. Mit welch einer Welt leuchtender Erinnerungen hat ehedem, das jüdische Heim die Kinder erfüllt. Welch einen Schatz an Herzenswärme nahmen sie aus dem Elternhanse hinaus ins Leben. Ein Gemütsarsenal, das sie widerstandsfähig machte gegen die Widrigkeiten des Daseins und das ihnen inneres Licht, innere Wärme g-ab als Schutz gegen die . -düstere Rauheit des Schicksals. Wobei freilich nicht verkannt und nicht geleugnet werden soll, daß die altjüdische Erziehung in erster Reihe auf die Heranbildung von Hirnmenschen bedacht, das; sie einseitig war und die gleichmäßige Ausbildung aller geistigen, wie aller körperlichen Kräfte und Eigenschaften vernachlässigte. Fing doch der Schulunterricht, und ein strenger, harter Unterricht, schon im fünften, oft aber auch schon im vierten Lebensjahre der Kinder an. In einem so frühen Alter, daß die Kinder noch nicht selbst in die Schule gehen konnten, sondern geführt, meist aber vom Schul-Bchelfer getragen werden mußten. Diese Schule nun, die in Ranmausmaß, in Licht und Luft selten unseren heutigen hygienischen Anforderungen entsprach und deren Lehrmethoden von dem trefflichen, pädagogischen Reformen eines Fröbel oder Pestalozzi nichts wußte, hatte bei allen Mängeln, doch auch manch' unschätzbaren Vorzug. Der Unterricht begann mit der Unterweisung im hebräischen Alphabet und Lesen, sofort schloß sich dann die Uebersetzung der Bibel an. Der „Anfang", das erste Wort der Bibel bildete auch den Anfang des Schulunterrichts. Einer der ersten Gegenstände des Lehrplans war danach aber der Unterricht in Lebensart, im richtigen Benehmen Eltern, Lehrern, Verwandten, Fremden gegenüber, der Unterricht in Takt und gesittetem Betragen im „D c r c ch c r e z"> An die Theorie reiht sich hier auch gleich die Praxis. Durch die sabbathlich stillen Straßen der östlichen Jndenstadt sah man — oft noch im langen Kaftan — die jüdischen Lehrer geschäftig eilen, ihnen zur Seite je ein mächtiger, in graue Leinwand gebundener Talmud-Foliant, an dessen Ende ein winziger Dreikäsehoch von Ehcöer-Schüler befestigt schien. Die Lehrer führen eine Art Schul-Paradc auf. Sic führen ihre besseren Schüler, die, mit denen sie Ehre einlcgen können, den wohlhabenden, angesehenen Verwandten zu. Nach dem Gottesdienst im Tempel, nach dem Austausch der üblichen Besuche, nach dem von heiteren Gesängen begleiteten, in gehobenem Behagen abgehaltenen Festessen, nach dem ausgiebigen Mittagsschläfchen, das man sich nur an diesem Tage gönnt, erwarten Onkel. Tanten, Gevattern und Freunde gern die Besuche der Kinder, und prüfen sie mit breitbehaglicher Anteilnahme, bewundern den Fortschritt, den ihre kleinen Lieblinge — Wunderkinder sind sie ja alle! — wieder gemacht haben. Der reichliche Lohn für den Lehrer, in flüssiger und fester Form, bleibt nicht aus, und auch für den erfolgstolzen jungen Talmud-Gelehrten findet sich ein Leckerbissen. Für den ist ohnehin solch ein Sabbath immer wieder reich an seligen Wonnen, Mag die Woche in ihren sechs Werktagen noch so viel Plage und Mühe gebracht, mag der Schulbafel noch so oft auf dem Rücken des guten Jungen Ballett getanzt haben — am Freitag Mittag beginnt allemal ein neues, von keiner Sorge, keiner Furcht beschwertes, von keinem trüben Gedanken beunruhigtes, seliges Leben. Mag sechs Tage lang Schmalhans Küchenmeister gewesen sein, der siebente bereitet dem Gaumen, bereitet allen Sinnen ein Fest. Beim Heimweg ans dem Tempel strahlt den Kindern aus allen Häusern, aus allen Fenstern ein übcrströmcnd festliches Licht, eine wahre Illumination entgegen. Im eigenen Heim verbreiten die von der Mutter unter Segenssprüchen entzündeten Kerzen ein wahres Meer von Licht und in Jnbeltöncn, im hellen Fcstgesang grüßt der Vater den einziehenden Sabbath: „komm, Freund, der Braut entgegen!" Heitere Lieder erklingen beim üppigen Mahl und bis zum Ablauf des nächsten Tages darf kein trüber Gedanke, kein Wort von Geschäften und Alltäglichkeiten das Fest entweihen. Eine feste, heitere Insel der Seligen mitten im Meer von Widerwärtigkeiten. llnd weihevoll gehoben auch der Sabbath- Ausgang. Zum Abschiedsmahl vereint sitzen die Hausgenossen, Freunde. Studien- und Gesilinungsgefährten unter gelchrten Erörterungen, unter Gesprächen über Welt- und Menschheits-Probleme, bis die Dämmerung so tief, das Abenddunkel so stark geworden ist, daß die Debattierenden sich kaum noch.sehen. Tenn es ist ein Verdienst und eine Freude, den Sabbath möglichst zu verlängern. Endlich aber nimmt man unter Segenssprüchen von ihm Abschied, riecht an der silbernen Gewürzbüchse seinem entfliehenden Duste nach, und entzündet das Wachslicht, dessen Flamme den Wcihetag vom Werkcltag scheidet. Mit einem „Gut Wvch" wird die neue Arbeitswoche begrüßt. Solcher Hausscste bringt das religiöse Jahr noch viele. Und jedes ist anders, jedes von einer besonderen Weihe umgeben, jedes an Eindrücken so stark, daß sie sich in einem langen Leben nicht vermischen und umso stärker das Gemüt, die Seele, innerlich durchwärmen, je weniger der späteren Generation Welt und Leben cs gestatten, jener Ueberliefernng treu zu bleiben. Das graue Einerlei moderner Lebensweise, in der die Tage sich folgen und die Tage sich gleichen in ihrer nüchternen Physiognomielosigkc.it, beraubt die moderne Jugend um einen Schatz, von dem die Abkömmlinge des jüdischen Hauses sonst ihr Lebenlang in Freud und Leid zehrten. Wobei auch Härten und Entbehrungen im milden, vergoldenden Lichte der Vergangenheit von demselben verklärenden Strahlenglanzc umschimmert sind. Und an solchen Härten hat es nicht gefehlt! Der allzufrühe Beginn des Schnluntcrrichis hat die Kinder um ein gut Teil der Freuden gebracht, die sonst den Kleinen ans ihren Spielplätzen und in den Kindergärten blühen. Gesellte sich aber erst der allgemeine Schulunterricht zum jüdischen, dann hatte das Kind die doppelten Schullasten zu tragen und dafür weniger als die Hälfte der Erholnngszeit zu genießen. Uebcrdies wurde die Jugend nicht etwa streng a n g c ha l t cn, das lange, an Montagen und Donnerstagen verlängerte Morgengcbet, sowie das Abendgebet zu verrichtest, nein, es war ihr zur Gewohnheit, zur Sclbstvcrständlichteit, förmlich zum Bedürfnis geworden. Vom dreizehnten Jahre an traten die strengeren religiösen Pflichten, die Wahrnehmung der Fasttage etwa, hinzu. Und für all das fand die jüdische Jugend die reichste Entschädigung in der Innigkeit, in der wohligen Atmosphäre des altjüdischen Heims und im engeren Zusammenhang der Familie. „Ties in nuferem Volke wurzelt die Familie" läßt Karl Gutzkow seinen llricl Acosta sagen, ein grundwahres, aus tiefem Verständnis für das jüdsiche Höesen erblühtes Wort. Von der Geburt an, die, bei Knabciy nach acht Tagen Anlaß zu einer großen heiteren Feier, zum Beschncidungsfest bietet, bis zur Berufswahl und Verheiratung begleitet die Anteilnahme der Angehörigen, Verwandten und Freunde Leben, Entwicklung und Schicksal der jungen Sippcngenossen. An profanen Festen ist das altiüdische Familienleben nie reich gewesen. So wurden zum Beispiel Geburtstage nicht gefeiert — wogegen Todes-Gedeuktage in der Verwandtschaft umso ernster, feierlicher begangen wurden. Aber ein Fest für die ganze Familiengemeinschaft und den Freundeskreis war es immer, wenn ein Knabe zum ersten Male der Schule zugeführt wurde. Held des Tages, beziehungsweise des Abends, war dann der vierjährige Knirps, dem der Lehrer einige Sprüche und einige Antworten auf seine Fragen einstudicrt hatte. Der ans dem Babystand ins Schulwesen einbicgende Kleine, der Mittelpunkt des Festes, wurde auf die Festtafel gehoben, über die an seinem Platz für ihn ein kleines Scidentuch gebreitet war — dieses Tuch verblieb als Festgeschenk dem Lehrer — und das Examen, feierlicher als später die Doktor-Promotion, begann. Etwa: „Was willst' du jetzt in der Schule lernen'?" „Cyumesch!" „Was heißt Chumesch?" „Ehmncsch heißt fünf." „Was sind das für fünf? Etwa fünf Stück Kuchens „Rein. Es sind die fünf heiligen Bücher Moses." Und so ging es noch eine kleine Weile fort. Nach gründlicher Durchnahme der Bibel begann der Talmud-Unterricht mit dem Kapitel über die Pflichten des Kindes gegen Eltern und Lehrer. Sollen wir nun etwa dieser Form des Jugcndunternchts. das Wort reden? Keineswegs! Sollen wir jener verloren gegangenen, fast vergessenen Erziehungsweise eine Träne nachweinen? Man wird das von uns nicht erwarten. Unsere geläui terten Anschauungen vom Recht des Kindes lehnen jenes Einspannen der Vier- oder Fünfjährigen ins Schuljoch ab. Unsere vorgcichrittcue Pädagogik verwirft einen Unterricht, der mit dem Bibclstudium ansängt. Der Talmud wird vollends ein Forschungsgebiet der Fachgelehrten bleiben. Die moderne Jndeuheit kennt ihn nicht. Sie weiß von ihm fast so wenig, wie die antisemitischen Hetzschriftsteller, die gefälschte Zitate abschreiben. ' Das jüdische Hans, das Elternhaus, kann jene alte Struktur längst nicht mehr zeigen. Das liegt im Wandel der Zeiten, dem wir uns anpasscn müssen. Was wir aber für unsere Jugend empfehlen, wärmstens empfehlen, um nicht zu sagen fordern müssen, das ist: Gebt ihnen ein Heim von Wärme, von religiöser Weihe, ein Familienleben voller Innigkeit, ein Elternhaus, das seine ausgeprägte, schöne Eigenart, seine dem Wesen und Gemüt entsprechende Besonderheit zeigt. Belebt, erhellt das Haus mit einem Schimmer von Poesie. Formt das Heim nach den Anforderungen einer neueren Zeit, nach sreiereu religiösen Ideen, aber gebt ihm Gehalt, Charakter, Gedanken- und Formgehalt. Prägt ihm den Stempel eures Wesens auf. Gebt ihm Feste, die vom grauen Alltag leuchtend sich abheben. Laßt Freud und Leid ihren charakteristischen Ansdruck finden. Tie „Erinnerung" ist, nach Jean Paul, „das einzige Paradies, ans dem wir nicht vertrieben werden können." Die Nüchternheit des modernen Hauses, seine öde Eintönigkeit, laßt der heutigen Jugend ein solches Paradies garnicht erst erblühen. In düsteren, trüben Zeiten, wie sie keinem von uns erspart bleiben, ist die Erinnerung an ein glückbesonntes Elternhaus, die nie erlöschende, die ewige Lampe, die unseren Schicksalsweg erhellt und die uns innerlich erwärmt. Nicht wahr ist das Dante'sche Wort, cs iei „kein größerer Schmerz, als beglückter Zeit im Elend sich erinnern" und der Dichter der „göttlichen Komödie" hat, weit entfernt cs als allgemeine Wahrheit zu verkünden, daS Wort nur als eine zweckmäßige, wirksame Verstärkung verwendet, die er gerade im „Inferno" brauchte. Ganz im Gegenteil bildet die Erinnerung an genossenes Glück die. beste Freuden-Rescruc, die reiche Gemüts-Mitgift, die wir aus dem Elternhause ins Leben mitnehmcn. Die Gegenwart ist — muß es in unserer Zeit erst bewiesen werden? — oft betrüblich. Die Zukunft ist unsicher und bei höheren Jahren hat man nur geringes Anrecht ans sie. Ein sicherer, wohltuender Besitz ist nur eine edelschöne Vergangenheit, eine in die Jugend zurückleuchtcndc, die Jugend ivach und lebendig erhaltende Erinnerung. Versorgt unsere Jugend mit schönen, strahlenden Erinnerungen! Das Büro des Liberalen Oereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin e. O. befindet sich jetzt SW 48. Wilhelmstraße 147- Fernsprecher: Lützow 9160, 9161

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