Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 37 (11.9.1925)
- Date
- 1925-09-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Abdankung der Mutter; die wirtschaftliche Los» lösung des jungen Mädchens von der Gesetzmäßigkeit des Elternhauses schließt seine automatische Mündigsprechung und LelLstöestimmuug in allen Angelegenheiten der eigenen Person und Persönlichkeit ein. Und — das Seitenstück dazu'. — der etwa 19jährige Sohn, der, vielleicht dank guter Beobachtung von Menschen, Dingen, Konstellationen und Kombinationen, oder auch nur dank klüglicher Ausnutzung einflußreicher Beziehungen, schon ansehnliche Summen sein nennt, Sie den unter saurem Schweiß genährten und — geehrten Sparpfennig des Vaters um ein mannigfaches übersteigen: wird dieser selbe Sohn sich von diesem selben Vater das Recht aus den Hausschlüssel zusprechen oder versagen lassen? «Wie die tragische Szene in .Hasenelevers „Sohn" lehrt!. Just an solch grotesken Exempeln wird offenbar, welch heimlichen Klippen und Fährnissen das Familienleben von heute ausgesetzt ist. Sicher ist, daß guter Wille, Takt und liebevolles Einfühlungsvermögen in Mentalität und Sentimentalität der älteren wie der jüngeren Generation den Ausbruch offener Konflikte zu verhüten wissen werden. Aber — ebenso sicher ist leider, daß Takt, guter Wille und Einfühlungsvermögen selten sprießende und selten gepflückte Heilkräuter in dem großen bunten Menschheitsgarten sind. Es wird heute oft mit Fingern gezeigt auf die Verwahrlosung und sittliche Verlotterung eines Teils der großstädtischen Jugend. Wir wollen diese Verwahrlosung und Verlotterung, die sich leider in einer zunehmenden Kriminalität Jugendlicher auswirkt, gewiß nicht leugnen,- aber wir wollen auch freimütig die Finger in die offenen Wundmale am Bolkskärper legen und wollen die Erkenntnis fordern und fördern, daß eii» Teil der Schuld an sotaner Verlotterung in der vorzeitigen wirtschaftlichen Unabhängigkeit besagter Jugend und in der mit dieser wirtschaftlichen Ertüchtigung (die aus sozialen Gesichtspunkten wieder anders bewertet werden mußt unabweisbar verbundenen Untergrabung des bisherigen Familienlebens liegt. Müde Mütter, resignierende Väter: sie sind die Protagonisten des „Jahrhunderts des Kindes". Und leider nicht zuletzt die Protagonisten des „jüdischen Hauses" westeuropäischer Kultur, das in dem Kampf ums „tägliche Brot" zugrunde geht, ohne zu missen, daß, wie und warum . . . . Wer ahnt, wieviel heimliche Tränen fließen hinter den Masken scheinbaren Stolzes über die häufig verblüffenden äußeren und wirtschaftlichen Erfolge der „Jungen", der Generation der Kinder? Diese verschämten Tragödien werden niemals kund; denn von der älteren Generation, insbesondere jüdischen Stammes, denen es ein unverbrüchliches Gedor bedeutet, fremdem Blick in eigene Häuser, Herzen und Hirne zu wehren, von diesem zeitlos-unzeitgemäßen Geschlecht der Eltern loben die Besten immer noch treu dem Wort des größten, weil keuschesten Deutschen, des knorrigen Meisters Hebbel, der da gesagt hat: „Selb st w c n n b u blute st , sag, ich s ch m i n f t c m i ch." — 0 temporn mutantur! Die Juden in Japan. Bon W. Wolfs. Das Interesse, über das Leben der javanischen Juden etwas zu erfahren, war immer sehr groß. Obwohl verschiedene Forscher und Reisende versucht haben, genaues über die japanischen Juden zu erfahren, waren ihre Berichte sehr spärlich. In den letzten '»0 Jahren ließen sich viele Juden aus Persien. Indien, Kleinasien und hauptsächlich aus Rußland in Japan nieder. Viele russische Juden bekamen dadurch die Gelegenheit, nach Japan zu kommen und den Kult und die Litten der japanischen Juden kennen zu lernen. Nachfolgende Schilderung eines jüdischen Kaufmanns aus Rußlands, der vuläugst (Gelegenheit hatte. Japan zu bereisen, machen cs möglich, sich genau über das Leben der Juden Japans zu orientieren. Es ist interessant, daß es trotz der großen Bemühungen der verschiedenen Jesuitengcsellschasteu und Missionare. diesen nicht gelungen ist, den japanischen Inden den Glauben zu rauben oder sie irgendwie zu beetnslussen. Sie bewahren bis zum heutigen Tage, im Gegensatz zu deir chinesischen Juden, die durch die Armut ihres kulturellen und geistigen Lebens, sowie durch die Mischehen dem vollständigen Untergang nahe find, ihren Glauben. Es ist charakteristisch, daß. nach der folgenden Erzählung, die Juden in Japan ein produktives Element darstellen und sich ausschließlich nur mit dem Handwerk befassen. „Die Frage, ob in Japan Juden leben, hat mich immer interessiert. Als ich in Japan geschäftlich weilte, beschloß ich, mich um diese Angelegenheit zu kümmern. Ich suchte und forschte, doch gelang cö mir nur zufällig, mit Juden in Japan in Berührung zu kommen. Ich kam in Osoki in eine Werkstatt, um Koffer zu bestellen. Ich war gerade ohne Dolmetscher, und durch verschiedene Bewegungen und Zeichen gelang es mir. Ausschluß über die gewünschten Koffer und deren Preise zu erhalten. Plötzlich bemerkte ich an der Wand die Bilder von Moses und Aron, und als ich das Gesicht des Eigentümers betrachtete, kam ich zu der lieberzeuguna. daß vor mix ein Mensch semitischer Abstammung stehe. Ich überließ ihm meine Adresse, und mit Hilfe von Gesten, gelang es mir. ihn für den Abend in mein Hotel eiuzuladen. wo mein Dolmetscher zugegen sein werde. Torr würde ich ihm einen Auftrag geben. An diesem Abend, als ich auf den Besucher wartete, legte ick den Tallrs und eine offene Bibel auf den Tisch, um ihn auf die Probe zu füllen. Der Japaner kam zur bestimmten Zeit. Es war ein Mann von 35 bis 40 Jahren mit einem glattrasierten Gesicht, großem Kopf, sehr schmalen Augen, einer breiten platten Nase und einem a oßcu Mund; Merkmale die eher ans einen Mongolen, als einen Sohn der „ausgehenden Sonne" schließen ließen. Als ich rhu bat, sich zu setzen, zeigte ich ihm. Laß mein Dolmetscher gleich eintresfen würde. Kaum hatte der Japaner den Tallis und die offene Bibel erblickt, als er von einem außergewöhnlichen Gefühl berührt wurde, welches sich gar nicht beschreiben läßt. Der Japaner bekam direkt eine neue Haut. Er erhob sich vom Platze, mit Ehrfurcht faßte er mit den Fingern den Tallis und fein Gesicht strahlte vor Freude. Auf japanisch bat n wich, ihm etwas von mir zu erzählen. Darauf wandte ich mich zu ihm auf hebräisch — Jahnd! Er verst-and meine Frage und bejahte sie kopsuickend. Den Finger zur Stirne zuwendend, gab er mir ans stumme Weise zu verstehen, daß ihm eben cm Gedanke gekommen sei. Ohne aus die Zeichen zu achten, die ich ihm gab, mein Dolmetscher werde glecch kommen, reichte er mir die Hand und verschwand. Inzwischen war mein lieber* setzer eingetrofscn. Es dauerte kaum eine Stunde, und der Japaner kam zu mir in das Hotel zurück, diesmal in Begleitung eines Mannes desselben Aussehens, nur mit einem länglich schmalen Bari und GesichtSzügcn, die stark denen LeS Juden ähnlich sind, die ich in Aegypten und der Türkei gesehen habe. Der neue AnrömmUna begrnßie mich freudestrahlend mit folgenden Worten: „Solo alaee!" was in seiner Sprache die jüdische Begrüßung Lchalom Alcchcm bedeuten soll. Dann fragte ich ihn auf Hebraftch: „Mi arhoh?" (Wer b'st du.! Er verstand meine Frage nicht, sagte der Dolmetscher, außer japanisch versteht er keine andere Sprache, doch seien er. sowie der Besitzer der Kosserwerlstatt, Israeliten. Auf meine Frage über das jüdische Glaubensbekenntnis, lud mich mein Bekannter, statt einer Antwort, mit meinem Dolmetscher in Las GcbeLyaus ein, wo er Schämest sei. Dort würde ich Auskunft über die japanischen Juden erhalten. Am nächsten Tage mieteten wir eine Rikscha und ließen uns nach der angegebenen Adresse vor das Gebethaus bringen. Nachdem wir eine ganze Stunde durch die Stadt gefahren waren, blieben wir endlich vor dem Tor eines prächtigen Partes stehen. 11ns entgegen kam mein gestriger Bekannter in Gesellschaft eines patriarchalischen Japaners im mittleren Alter, in japanischer Tracht, doch mit einem Zylinder nach europäischem Muster. Der letztere stellte sich als Rabbiner der Gemeinde vor und» auf nufere Frage sagte cr, in Hebräisch beherrschte er nur einige Gebete, dagegen sei er ausgezeichnet über die Geschichte der japanischen Inden uvkerrichtet. Er versicherte uns. er könne dokumentarisch Nachweisen, daß sie wirklich von den zehn Volksstämmen herstammten. Nachher begrüßte vc uns nach japanischer Sitte und Lat uns ihm zu folgen. Als wir in Len P§r6 kamen, wurden wir er.iucht, die europäischen Schuhe abzu-. legen und Strohpantoffeln anzuziehen. Gleich beim Ein», gang sahen wir einen hohen Pfeiler mit einer Tafel, auf der fvlgenLe Inschrift in japanisch und englisch zu lesen war: „Fremdländer! wer du auch sein solltest und zu was für einem Glauben du auch gehörst, denke daran, du trittst die Lurch Geucratioueic des Glaubens geheiligte Erde und dienst Gott." In seinem äußeren Aussehen hat sich der Tempel von Len anderen einfachen buddhistischen Tempeln nicht unterschieden. Er besaß dieselbe Architektonik. Im Inneren dagegen herrschte in der Synagoge, gegenüber den buddhistischen Tempeln, die übertrieben reichen Schmuck bergen, ein sehr starker Unterschied. Tie Einfachheit und das absolute Fehlen von Bildern und Götzen zeigte deutlich, wo man sich befand. Auf die Wände waren die Gesetzt,ftelnJtemalt. mit Buchstaben in japanischer Schrift, und viele Sprüche, die der. Bibel entnommen waren. Äußer den Schränken mit Gebetbüchern waren teive Möbel vorhanden. Später lud nnS der Rabbiner in ein Seiteuz immer ein. wohin er eine alte -Handschrift brachte. Daraus las er mir folgenden. Terr vor: „Wir. Kinder von zehn VoUSstämmev. gehörten in den alten Zeiten dem Staate Israel an. nachher wurden wir durch Nebuchadnezar vertrieben. Nack dem Niedergang des syrischen Staates sind unsere Vorfahren nach dem Osten Asiens gegangen, wunderten von Ort zu Ort. bis sie endlich zum fernen Osten kamen. Der größte Teil unserer Vorfahren hat sich in Ehina niedergelassen und nur ein kleiner Bruchteil hier im Laude." In Japan leben wir schon AM Jahre. Die historischen Dokumente und die alten Vorkommnisse sind in unseren Büchern ein getragen, nach der mündlichen Uebcrlieferung non einer Generation zur anderen. Auf meine weiteren Anfragen ha be. ich Folgendes ersah reu: Thorarollen besitzen die Juden Japans nicht. Ihre aanze Lehre über die jüdische Religion ziehen sie aus der Bibel, bei ihnen anfgezeichnek auf Pergament in japanischer Sprache. Den BeschueidungsritUL halten sie streng, führen ihn während des ersten Jahres nach der Gebanst des Kindes aus. Die wichtigsten Festtage der javanischen Juden sind: Passah, Schewuoth Sukkoth. die nur durch vollständige Arbeitsruhe gefeiert werden. Dagegen unterscheiden sich die anderen Feiertage nicht vom Alltag. Außer den einfachen jüdischen Feiertagen werden die Tage des 13. bis 16. Juli als große Feiertage geheiligt als Gedenktage für die verstorbenen Seelen. Bekannt ist, daß dieselben Fisie.'tage von den Buddcftsien gefeiert werden. Jeden Samstag mroie Feckricm kommen die javanischen Juden in den Gcbcthäuseru zusammen. Bevor der Betende in den Demyes ttttk. muß er baden, die besten Gewänder an ziehen und stolz mit erhobenem Hounta dem Eingänge des Tempels zugezeu. Bei der Tür wäscht man die Hände in dem Brunnen, und bevor man das Innere des Tempels betritt, muß man in einen Lori hängenden Spiegel schaue;;, was bedeuten soll: ..Gleich wie du dein Antlitz im Spiegel siehst, w schank Gott in dein Herz hinein und liest alle deine Gedanken." Tallis und Teplsillim besitzt jeder japanische Jude, nun ziehen sie diese nicht an, behalten sie vielmehr als Heiligtum ttt einem elfenbeinernen Kästchen. Während des Gottesdienstes liest der Rabbiner Abschnitte der Psalmen. Dagegen bewahrt.die Allgemeinheit die. größte Ruhe. Hieraus halb der Rabbiner die Predigt. Trotzdem sich die Juden in Japan äußerlich vollkommen ihrer Umgebung angepaßt haben, achten sie streng daraus, Eheschließungen nur unten sich einzugehen. Mit dieser Angelegenheit beschäftigen fick lediglich die Eltern; die Verlobten sehen sich nicht, bevor' der Bräutigam seine Braut in sein Heim führen kann. Sogar in der Synagoge, wo die Traunngszerewouie unter dem Baldachin stattfindet. ist die Braut mit einem Schleier vom Kopf bis zu den Füßen bedeckt. Die jüdische Gemeinde in Japan zählt 3000 Seelen. Alle Juden sind ausschließlich mit Handwerk beschäftigt und wohnen in Osoki, Kioto und Umgebung. Ihre Gebräuche unterscheiden sich gar nicht von denen der japanischen Nichtsudeu. Während einer Unterhaltung sagt mir der Rabbiner flüsternd: „Israel! Israel! glaubt Freund, daß wir Israeli-- teu sind und an den einzigen 0>aü glauben, an eilten Gott Israels. Weder früher noch später hat bei uns jemand seinen Glauben verlassen und ist dem Glauben nnseccr Bvr-i fahren abtrünnig geworden." ■ra«isaB88iBs»iiBHnaa!£KB2BB8&ttaaEsauaB!nn der Welt geben, das ihrem wahrhaften Wesen nicht entsprechen kann. Wohl können wir es nicht einmal ahnen, was unser eigentliches Wesen bedeutet; hier flehen wir an der Grenze, die uns nimmer ein Vorwärtsdringen gestattet. Und vielleicht ist es gut so, daß uns diese Schranke gesetzt ist. Tenn gäbe es keine Rätsel mehr, wäre das Unbegreifliche nicht unbegreiflich, sondern faßbar für unseren Verstand, so wäre auch das Unendliche nicht mehr unendlich, und die Schranken eines dürren Begreifens und Verstehens wurden uns das Leben als einen Kerker erscheinen lassen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Das große Mysterium unseres Seins läßt erst unser kleines Ich den Weg zum Unendlichen finden und erfüllt unser Herz mit der Wahrheit jenes Wortes, das wir segnend über unsere Thora sprechen: „Gott hat den Kenn des ewigen Lebens in uns gepflanzt." Eine Zudensache vor dem Reichskamm ergerichl in Wetzlar'. (Aus der Heimatgeschichte der badischen Inden.! Von B. Rose u t h a l - Mannheim. In weiten jüdischen Kreisen ist. hervvcgerufen durch Ungenaue Darstellung in den üblichen Lehrbüchern, die Meinung verbreitet, bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts wäre es einem Juden unmöglich gewesen, bei Streitigkeiten mit Nichtjuden vor einent öffentlichen Gerichte Rechtsschutz zu finden. Diese Ansicht ist irrig. Schon in den Jndenvrivilegien und Judenvrdnuugen des 16. Jahrhunderts wird den in Schutz Anfgenommenen Rechtsschutz zugesichert, allerdings oft mit der Einschränkung, daß es nicht gestattet war. einen Prozeß weiter als Ins zur höchsten inländischen Instanz zu führen. Aus dem Wirken des Rabbi Josel aus Nosheim (erste Hälfte des 16. Jahrhunderts» geht auch klar hervor, daß damals schon wiederholt Rechtsstreitigketten von Juden sowohl beim kaiserl. Hof- und Landgericht in Nottiveil. als auch beim Neichskammergericht (damals in Speyer! anhängig gemacht und siegreich durchgefühct wurden. In dem jetzt badischen Städtchen Ettenheim, vormals zum Bistum Straßburg gehörig, wohnten nachweislich seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts einige Juden. Während des spanischen Erbfolgekriegs hatten sie sich sowohl dem Landesherrn als auch seinen Untertanen nützlich und unentbehrlich gemacht. Taste aber später durch Uebernahme des Eisenhandels, der damals ein landesherrliches Monopol war und durch Erösfnuna offener Kramläden den christlichen *1 Der Verfasser hakte die Freundlichkeit, uns einen Ausschnitt ans seiner demnächst erscheinenden „HeimatgesHichte der badischen Juden" zur Versüguna zu stellen. Die Schriftleit-ung. Kansleuten scharfe Konkurrenz machten, erbot sich 1716 die Stadt, dem Bischof durch eine einmalige Abfindungssumme und Weiterzahlung des jährlichen Schirmgelds der Juden zu deren Abschaffung (Ausweisung! zu bewegen. Die ettenhcrmer Juden, die in die umliegenden, anderen Hoheitsgebieten zugehörigen, Ortsch asten über gesiedelt waren, wußten aber die Stadtvätcr kurze Zeit später zu veranlassen, den Bischof um Wiederzulassuna zu bitten, da „ihnen die Juden nicht so schädlich seien, wie sie vermeint hätten und sie deshalb gerne sehen täten. wenn wieder einigen Familien gestattet würde, in Ettenheim Aufenthalt und Niederlassung zu nehmen." So kehrten die Vertriebenen nach kurzer Abwesenheit bald wieder zurück, und die Stadt verpflichtete sich 1717 vertraglich, fünf Judenfannlien eine Fortdauer ihres Aufenthaltes in der Weise zuzugestehen, daß jeweils die Familie eines Sohnes anstelle der abgehenden väterlichen nachrücken soll. Der Bischof hatte zwar der Stadt zugesagt, die Zahl der Schirmjnden nicht über fünf zu erhöhen. Allein er kümmerte sich wenig um diese Zusicherung und nahm, wenn er gerade in Geldverlegenheit war, neue Juden in Ettenheim ans. Als die Stadtverwaltung einutal hiergegen Einspruch erhob, erhielt sie die tröstliche Antwort: „Der gnädigste Landessürst sei ihr souveräner Herr und könne mit ihnen wachen, was er wolle und könne Juden annehmeu, so viel er wolle, dagegen könne die Stadt nichts machen." So war um 1790 die Zahl der jüdischen Haushaltungen auf zwölf angcwachsen. Nachdem aber infolge der französischen Revvlution die linksrheinischen Gebiete des Bistums für den französischen Staat eingezogen worden waren, besann sich Kardinal Rohaw*! der bisher größtenteils in Paris geweilt hatte, darauf, daß er auch deutscher Reichsfürst sci und verlegte, obwohl er kaum Deutsch verstand, seinen Wohnsitz (1790» nach Ettenheim. Um sich den Bürgern seiner neuen Residenz erkenntlich zu zeigen, verfügte er, daß die Zahl der Judenfamilien ans fünf herabgemindert werden soll und diese in die sogenannte Borstadt ziehen müssen. Die Stadt erhielt sogar noch, nachdem sie dem Bischof ein Darlehen von 12 000 Gulden gewährt hatte, die weitere Zusicherung, daß sie von jetzt an keine Juden mehr aufnehmen brauche, d. h. nach Äbsterben oder Wegzug der jetzigen sollen keine frischen mehr an ihre Stelle einrücken. Alle Schritte um Rückgängige machunq des bischöflichen Beschlusses blieben wirkungslos. Die Schrift Dohms, das Wirken Mendelssohns, die Judengesetzgebung Kaiser Josefs II. und die Erklärung der Men. schenrechte in der französischen Nationalversammlung hatten aber die ettenbeimer Juden angeeifert, ihre Rechte zu nnchren. So wandten sie sich 1792 an das Neichskammergericht insWetzlar und beantragten ein Mandat, „daß sich die (bischöflische! Hof- *) Es ist dies derselbe, der wenig Jahre vorher in die mysteriöse Halsbandacschichte verwickelt war. kammer keine unbefugte Enlscheiäung in vorliegender Sache' anmaße, vielmehr sich mit dem Wege Rechtens begnüge und ihre Dekrete selbst unverzüglich wieder anfhebe, die Stadt aber den vorliegenden Verträgen. Vergleichen und rechtskräftigen Entscheidungen ferner nicht zuwider handle, dessalls hinlängliche Kaution leisten und alle verursachten Schäden und Koste-n ersetzen solle." Dem Mandate. möge auch noch eine geschärite Verwarnung augcfügt werden, „daß man der Judenschaft den Neknrs nicht entgelten lassen solle" Der Prozeß schwebte der damaligen Gepflogenheit nach mehrere Jahre imb die beiderfeitigen Anwälte füllten manche Aktenbogen in dieser Angelegenheit. »Das gesamte Aktenmaterial befindet sich jetzt beim badischen General-Landesarchiv in Karlsruhe.» Das Reichskammergericht hob 1793 durch Zwischenurteil die Ausweisung und die ttebersiedlung der Juden in die Vorstadt einstmeilia auf. Im Gegensätze zu Kardinal Rohan, der noch ganz im ancien rsZims wurzelte, zeigten sich die Richter des obersten Reichsgerichts zeitgemäßeren Rechtsanschauungeu zugänglich .und mau glaubt nicht, cs mit einer rückständigen Einrichtung, als welche das Neichskammergericht ja verschrien war, zu tun zu haben, wenn mau folgende Stellen aus der Urtcilsbc-- gründung liest: „Die Juden sind ebensogut Staats-Muer, tauen wie die andern auch. Sie werden zu den Lasten bei-» gezogen, müssen also auch ihre Rechte genießen. Die Judeuschast ha» durch den Vertrag (von 1717) und die rechtskräftigen Urteile welche von der Stadt und Regierung anerkannt seien, ein rechtmäßiges Eigentum erworben und aus diesem könne sie nicht vertrieben werden." Die endgültige Entscheidung ließ noch lange auf sich warten. Mittlerweile waren auch die rechtsrheinischen Teile des Bistums säkularisiert und Baden zngesprochen worden (1803»; auch Kardinal Rohan hatte das Zeitliche gesegnet. Die dadi« sche Regierung fand die Prozeßakten vor und war bestrebt» die Streitsache durch einen Vergleich aus der Welt zu schaffen. Obwohl das Gutachten des mit der Angelegenheit betrauten Hofrats alles eher als judenfreurtdlich lautete, so kam cs doch zu dem Ergebnisse: „Wenn man die Juden in ihrem vermögensrechtlich erworLenen Eigentum beläßt, so fei der Prozeß zu Ende. Wird diese Erklärung, daß mau die Judenschaft in Ettenheim belassen wolle, dieser eröffnet, so werde diese sehr froh fein, daß sie ihre vertragsmäßige Existenz gegen Aufkündigung des Rechtsstreits bewahren» könnte." Anfangs 1801 wurde dies der ettenheimer Juden-, schaft eröffnet, und sie erklärte sich mit dieser Siegelung völlig einverstanden. Da sich die Juden aber, so lange der Prozeß schwebte, geweigert hatten. Kriegs-, Frondienste und Kriegsabgaüen zu leisten und auch sonst wegen ihrer Beiträge au die Stadt Unklarheit bestand, wurde im gleichen Jahre auch wegen dieser Punkte durch Vermittelung der badischen Regie, rung ein Vergleich abgeschlossen, so daß nun alle Miß- Helligkeiten ans der Welt geschafft waren.