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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-09-04 · 36 (4.9.1925) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
36 (4.9.1925)
Date
1925-09-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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letzt riudi als Mitglied deS Preußischen LanbeSverban-eS für das liberale Judentum wirkte. Gerade der religiöse Liberalismus muß sich vor Augen -alten, daß er in Platte einen feiner besten Männer verliert. Plotke vereinte mit iüdischem Wisse» ein begeistertes Empfinden für die Größe des Judentums und innigste Liebe an seiner Vergangenheit und Zukunft. Er war ein Mann, der nicht nur in Wort und Phrase für seine Sache eintrat, sondern dieser Sache nachlebte. Er fühlte sich in den Körperschaften, denen er angehörte, nicht nur als VerwaltunaSbeamter, sondern aoß die Wärme seiner jüdischen Persönlichkeit über alle seine Worte und Taten. Gangs besonders lag Emil Plotke der Gottesdienst am Herzen und noch seine letzte öffentliche Betätiguna war ein Antrag im Landesverband, den die liberale Fraktion aufnahm, der der Vereinheitlichung deS liberalen Gebetbuches in Deutschland aalt. Plotke war ein unbedingter Anbänger des modernen liberalen Gottesdienstes, insbesondere hat er in seinem Gynagogenverein darauf gehalten, daß nur Mitglieder ausgenommen wurden, die ans dem Boden des OrgelgotteSldienfteS standen: andererseits aber hielt er fest daran. daS Hebräische alS Kernstück des jüdischen Gottesdienstes zu erhalten und hat dieser Ucberzeuguna stets nachhaltigen Ausdruck gegeben. Er war eine von den tiefreligiösen Naturen, denen die Betätigung in Gotteshaus und Gemeinde innerste Herzenssache war. Persönlich war er ein Mann vornehmster Gesinnung, der, wo er auch immer stand, vielleicht sachliche Gegner, aber nur persönliche Freunde hatte. An seiner Bahre trauern mit seinen Angehörigen alle diejenigen, die an ein freies, aufbauenöes Judentum glauben und darüber hinaus alle diejenigen, die dem liebenswerten und vornehme« Menschen in Freundschaft zugetan waren. Die Lehrerbildung. * Konfessionelle oder weltliche Akademie«. Der Hauptausschuß des Preußischen Landtages beriet am Mittwoch wesentlich über die Lehrerbildung. Demokraten und Sozialdemokraten bekämpften energisch die konfessionelle Einstelluna der Akademien, die das Ministerium plant. Der Minister aber erklärte, daß er sich von der konfessionellen Akademie nicht abbringen lassen werde. Schließlich beanlraate die Bolksvartei für Frankfurt a. M., dessen DolkSjschule« simultan sind, eine simultane pädagogische Akademie, während die SPD. in der Voraussetzung, daß diese grundsätzlichen Anträge über die nichtkonfessionelle Akademie abtzelehrit würden, unter den vier ersten Hochschulen zwei simultane, eine für Berlin und eine für Frankfurt, forderten. Dagegen erhob sich der Abg. Lauscher vom Zentrum und erklärte es für absolut unmöglich, daß eine weltliche oder eine simultane Akademie errichtet würde. Tie Abstimmung Über die Anträge zur Frage der Lehrerbildung wurden auf Donnerstag vertagt. Neues von den Totengräbern des Judentums. I« Nr. 34 des „Israelit" vom 20. August ö. I. wird ein Artikel des Professors Wölbe besprochen, der sich mit der Frage der Vertretung des deutschen Judentums nach außen «befaßt und ein Oberrabbinat für Deutschland fordert. Auf den Artikel deS Herrn Professor Wölbe, der zu Widerspruch Veranlassung gibt, will ich hier nicht eingehen, auch nicht auf den Standpunkt des „Israelit", dem wir uns im Endergebnis. nämlich in der Ablehnung des Oberrabbinats, «durchaus anschliehen können. Viel wichtiger als diese ziemlich nebensächliche Angelegenheit erscheint mir. daß in dem Artikel sich folgender Satz findet, den ich wörtlich zitiere: . Wir kennen den Namen des solchergestalt geehrten Rabtbiners nicht und sehnen uns gewiß nicht danach, die *UI1. Wische Religionsgemeinschaft im Deutschen Reiche durch *ocö einen Richtlinien-Rabbiner, das heißt für uns durch einen Geistlichen fremden Bekenntnisses, vertreten zu sehen, aber unsere Sympathie gilt dennoch Herrn Prof. Wölbe, wenn er in dem genannten Blatte sich über den beschämenden . Vorgang wie folgt vernehmen läßt." In diesen Worten wird also von dem Organ der Treninungsorthodoxie mit klare» Worten behauptet, daß diejenigen Rabbiner, welche die Richtlinien unterschrieben haben, für sie Geistliche fremden Bekenntnisses sind. Einer derartigen unjüdischen Anmaßung gegenüber muß einmal wieder betont werden, daß es die Frankfurter Trennungsiorthodoxie ist. welche seit Jahr und Tag systematisch und absichtlich gegen einen der obersten jüdischen Grundjätze verstößt, der gebietet, daß man sich von der Gemeinschaft nicht absvndern darf. Während die TrcnnunpSorthodoxie früher noch in den Auge» mancher konservativer Juden zu ihrem Verhalten berechtigt erschien, weil in einigen Gemeinden — nach konservativer Angabe — für die Bedürfnisse konservativer Juden nicht genügend gesorgt sein sollte, haben setzt Konservative des äußersten rechten Flügels wiederholt öffentlich ausgesprochen, daß die Voraussetzung der Schaffung ider Trennungsgemeinden heut fortgefallen ist. Daß ober die Selbstgerechtigkeit und der Glaube an die eigene Unfehlbarkeit so weit geht, daß das fromme Blatt die Mehrzahl der deutschen Juden — diese stehen hinter den Richtlinien-Rabbinern — als Anhänger eines „fremden Bekenntnisses" von sich zurückstößt, kommt auch denjenigen überraschend. die die Maulwurfsarbeit dieses kleinen Klüngels Segen die deutsche Judenheit seit Jahren mit Abscheu beobachten. Wir haben bisher angenommen, daß es nur ein Bekenntnis im Judentum gibt, nämlich dasjenige, welches alle Inden der Welt eint, bas „Schma Jisroel". Wer dieses Schura Jisroel ausspricht, bekennt, rvas wir bekennen. Wenn sich die Herren um deu „Israelit" aus dieser Gemeinschaft ausschließen wollen, so mögen sie außerhalb der Gemeinschaft, die alle Juden umfaßt, weiter sich als die TemipeMter der reinen Frömmigkeit ausspielen. Wir halten M den Männern, die dem „Israelit" „Rabbiner fremden Bekenntnisses" sind. Interessant übrigens wird unS sein, was z. B. der Allgemeine Rabbiner-Verband, der von einem dieser Geistlichen fremden Bekenntnisses geleitet wird, was die Grotzloge für Deutschland, deren Führer derselbe Herr ist und waS die Großgemeinden hierzu zu sagen Haben. Hst. Der vierzehnte Zionistenkongreß. . 1 ' i. Nach der äußeren die innere Krise. <* ■ Wien, den 30. August 1925. Die Schutzmänner, die in ungeheurer Zahl aufgcboten waren, den Zionistenkongreß gegen antisemitische Exzedenten von außen zu verteidigen, mögen nicht wenig über^ nascht gewesen sein, als sie eines Tages ins Innere des Kongreßgebäudes beordert wurden, um das jüdischnaiionale Parlament vor den Chaluzim zu schützen, die die allzulange Kurückhaltung in dem für sie so gastlichen Wien des Herrn Stricker und seines famosen „Palästinaamtes" rabiat gewacht und zu lärmenden Kundgebungen verleitet hatte. Waren die christlich-völkischen Ausschreitungen zu Beginn des Kongresses für die außen politische Lage des Zionismus symbolisch, so sind die Verzweiflungsausbrüche der jüdischen Jugend, Sie nach Palästina will, aber nicht darf, für die zionistische Krise im Innern symptomatisch. Schärfer als die schärfsten Reden der Opposition hat dieser Borsall die Ohnmacht der Exekutive den Deputierten veranschaulicht «ruh trägt wohl die Hauptschuld, daran, daß ein größerer Teil, als man erwartet hatte, der Leitung die Absolution vorenthielt. Wohl standen 137 Pro-Stimmen im ganzen 17 Kontra-Stimmen gegenüber, nicht weniger als 80 Stimmenthaltungen zeigten aber dem Präsidenten Weizmann. daß er die Majorität der Versammlung nicht hinter sich habe. Er trat zurück und versetzte dadurch den Kongreß, dessen Stunden schon gezählt waren, in eine sehr böse Situation, die durch eine neuerliche Abstimmung, bei der die Exekutive mit 217 gegen 15 Stimmen bei 18 Stimmenthaltungen neugewählt wurde, mehr äußerlich geglättet als innerlich geklärt erscheint. WaS für eine Katastrophe ein definitiver Rücktritt WeizmannS für die zionistische Sache bedeutet hätte, kann man an dem Eindruck ermessen, den seine Persönlichkeit sogar auf den Berichterstatter der hiesigen deutschvölkischen „Tageszeitung". Dr. Wendel, gemacht hat. Dieser schrieb nach der großen Rode, mit der W e i z m a n n in die politische Debatte eingriff: „Es mar e i n V e r'g n ü g e n, ihm zuzuhören. Spielend erledigte er alle Ein wände, bald sachlich, bald witzig, bald mit G e fü h l s tö n e ri. doch immer diplomatisch und mit Geschmack. Der Zionismus, wie er ihn darstellt. ist eine vollkommen harmlose wirtschaftliche Angelegenheit, die allerdings durch die Politik gestützt wird, aber die Außenstehenden weder mit geschichtlichen Erinnerungen, noch mit rabbinischer Mystik, noch mit dem Ausblick auf künftige Weltherrschaft belästigt." Einen jüdischen Führer, der sogar einem verbissenen Hakenkreuzler eine so achtungsvolle Kritik abringt, zu stürzen, war um so unsinniger, als die meisten „Abstinenzler" erklärt hatten, daß sich ihr Streik nicht gegen die Person des Präsidenten, sondern gegen die englische Manöatspolitik richte. Weizmanns Situation erinnerte daher an die des Dorfbürgermeisters in einer bekannten Anekdote: Besagter Bürgermeister wurde eines Nachts durch eine Katzenmusik vor seinem Hause aus dem Schlaf geschreckt. Ergrimmt trat er zum Fenster und schrie zu der johlend unten versammelten Gemeinde: „Was wollt ihr von mir? Vertrete ich nicht ehrlich eure Interessen? Vernachlässig« ich nicht über meinen Bürgermeisterpflichten mein eigenes Geschäft? Schlage ich mich nicht euretwillen mit der Regierung und mit Tod und Teufel herum, und zum Danke für all das macht ihr mir eine Katzenmusik?" Darauf antwortet einer aus der Menge: „Gegen dich. Bürgermeister, haben wir ja gar nichts, du bist ein anständiger Mensch. Aber deine Frau ist ein boshafter Drache und bringt mit ihren Zwischenträgereien das ganze Dorf durcheinander." Ta sagt der würdige Dorfschulze bedächtig: „Ach so, ihr demonstriert gegen meine Alte? Wartet ein bißchen, ich komme auch hinunter!" Nur auS einer analogen psychischen Anwandlung ist der Entschluß Weizmanns zu erklären, auch seinerseits ein bißchen Obstruktion zu treiben. Er mag ja im tiefsten Herzen die Berechtigung der von den Oppositionellen an der Lage in Palästina geübten Kritik empfunden haben. Wer ist er für diese Zustände verantwortlich zu machen? Die zionistische Exekutive befindet sich in der gerade entgegengesetzten Lage wie die deutsche Negierung der wilhelminischen Aera. Diese stand mit einer schier unbegrenzten Machtfülle einem Parlament gegenüber, dem sic nicht verantwortlich war. Jene hat gar keine Macht, den weitgehenden Wünschen des Zionismus, die auch die ihrigen find, der Verwirklichung näherzubringen, soll aber dem Kongreß gegenüber die Verantwortung für die zionistische Politik tragen. Ein solches Dilemma könnte nur die besondere Klugheit und Feinfühligkeit des indischen Parlaments überbrücken. Gerade an diesen beiden Eigenschaften hat es aber der Wiener Katastrophenkongreß gründlich mangeln lassen. Er hat die Erklärung Weizmanns. daß er in die Hoheitsrechte der Mandatarmacht nicht eingreifen könne, ohne sich und dem Zionismus eine schwere Abfuhr zu holen, ignoriert. Professor Weizmann hat denen, die offen gegen ihn gestimmt, für ihre Aufrichtigkeit gedankt. Und doch erscheint gerade die Aufrichtigkeit dieser „Radikalen" in einem sehr zweifelhaften Lichte, wenn man die ganz unverhohlene Genugtuung der „Wiener Morgenzeitung" darüber bemerkt, daß Weizmann sich schließlich bewegen ließ, doch an der Syitze der Exekutive zu bleiben. Der Präsident hat mit dieser Bereitwilligkeit ein schönes Beispiel opferfreudigen Pflichtbewußtseins gegeben. Weiß er doch nur zu gut. daß er schlechthin unersetzlich ist, und hat dies auch in der rethorischen Frage.zum Ausdruck gebracht, wen denn der Kongreß an seiner Stelle wählen könnte, wenn er etwa das Opfer eines Eisenbahnunfalls geworden wäre. Niemand vermochte diese Frage zn beantworten, am wenigsten die „M orgen» z e i t u lt g". das Organ jener Radikalen, für deren offene Gegnerschaft sich Herr Weizmann bedankt hat... Nichts kann die Erbärmlichkeit dieser „Offenheit" besser charakterisieren . . . Indes darf man nicht alle „Radikalen" in einen Topf werfen. Unter den 17 Kontrastimmen befand sich nämlich nicht nur die Stricker-Partei, sondern auch Herr Wladimir Jabotinsky. und das ist ein Mann von ganz anderem Schlage. Wenn Weizmann als der Bismarck der Balfourdeklaration gilt, dann ist Jabotinsky ihr Moltke. Denn er hat an der Spitze der von ihm geschaffenen jüdischen Legion im Weltkrieg Palästina für die jetzige Mandatarmacht erobert. Während aber England die vorsichtig wägende Diplomatie Weizmanns noch heute favorisiert, hat es das militaristische Draufgängertum Jabotrnskys kaltgestellt. Der bewaffnete Widerstand, den dieser gegen die Pogromgelüste der von den Christen verhetzten Araber organisierte, bot England, das sich andere Methoden zur Aufrechterhaltung der Ruhe in seinen Kolonialländern zurechtgelegt hat, den willkommenen Anlaß, den uubeguemen Verfechter iüdischer Gewaltpolitik einzukerkern. Er wurde zwar bald begnadigt, mußte aber außer Landes gehen und lebt jetzt in Paris, von der zionistischen Jugend förmlich angebetet, aber von den Zionisten reiferen Alters ängstlich von den einflußreichen Agenden der Partei ferugehaltcn. Daß ein solcher Heißsporn, der über seine strategischen Fähigkeiten hinaus noch ein ungewöhnliches Matz von Begabung auf ollen möglichen geistigen Gebieten besitzt — von der Wirkung seiner Rhetorik habe ich schon daS letzte Mal berichtet — ein Mensch, der eine universelle Bildung besitzt und ein Dutzend Sprachen beherrscht, daß also ein solcher Mann in solcher Situation radikaloppositionell wird, ist schließlich kein Wunder. Doch schon Karl Marx hat festgestellt, daß in der Geschichte alles zweimal vorkommt, das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als — Farce, und so gesellte sich zu dem Radikalismus des genialen Helden Jabotinsky der des Wiener Demagogen Stricker, der seine Schlachten nicht in den Schützengräben Palästinas. sondern in den Versammlungslokalen der Leopolbstaöt und allenfalls noch vor dem Wiener Gewerbegericht schlägt, wo sich die zionistischen Beamten und Redakteure gegen die Versuche des jüdischnationalen „VolkSmanns", sie um ihre gesetzlichen Ansprüche zu verkürzen, wehren müssen . . . Besagter Herr Stricker ist auf die Exekutive böf«, weil sie ihn in seiner Eigenschaft als Mitglied des Aktionskomitees nicht so oft nach London berief wie die Beamten des Keren Kajemeth und des Keren Hajessod. Er hat sich auch auf dem Kongreß in einer flammenden Anklagerede darüber beschwert, daß der Leitung in Kondor» die Rechnunglegung der Sammler j^ner Fonds, die die materielle Grundlage des Zionismus bilden, wert, voller erscheint als die Ratschläge des Herrn Stricker. Merkwürdigerweise hat es niemand geringerer als Herr So kol o w der Mühe wert gefunden, die Exekutive gegen diesen schrecklichen Vorwurf zu verteidigen. Er erklärte, daß die Herren der Exekutive oft auf Dienstreisen begriffen sind, und wenn sie gelegentlich vollzählig in London beisammen sind, nicht wissen können, ob gerade in diesem Momente auch die Mitglieder des Aktionskomitees, die ja in den verschiedensten Städten der Welt wohnen, ohne Bccinträchti, gung ihres privaten Berufes zur Verfügung stehen. Ta sich Herr Stricker bei seiner Wahl in den er' 'ii österreichischen Nationalrat als Baurat der österreichischen Bundesbahnen pensionieren, aber nach seinen seither regelmäßig erfolgten Durchfällen nicht mehr reaktivieren liest, kann dieses Argument bei ihm nicht verfangen. Er empfindet Reisen nach London auf Parteikosten nicht als Berufsstörung. sondern im Gegenteil, als angenehmste Betätt, gungSform feines jetzigen Berufs: der „Beglückung" des jüdischen Volkes. . . Daher hat er trotz der BeschwichtigungSversuche Sokolows sowohl bei der ersten als auch bei der zweiten Abstimmung seine Partei gegen Weizmann dirigiert. Getroffen hat er mit dieser Taktik allerdings nicht den unersetzlichen Führer, sondern, der Stimmung in Wiener Zionistenkreisen nach zu schließen, — sich selber. Er zählt zu den politisch Toten .... Aber auch die Parteien, die durch Abstinenz bei der ersten Abstimmung die Krise herausbeschworen, sind vor dem Herum der Vernunft nur schwer zu rechtfertigen. Die sozialistische Linke befolgte gedankenlos eine der übelsten Traditionen der internationalen Sozialdemokratie, als sie dem Führer, der doch ihr Vertrauen besitzt, das Vertrauensvotum verweigerte. Und die orthodoxe Rechte, die Misrachi, besorgte die Geschäfte der Agudah, der außerhalb der zionifrischen Partei stehenden Orthodoxie, die den Wiederaufban Palästinas im Sinne Herzls geradezu als — Religion^' störung empfindet und bekämpft. Im vertraulichen Gespräch mit Schreiber dieser Zeile: hat ein Misrachi-Teputierter ein sehr gutes Mittel genannt die religiösen Forderungen der Frommen in Palästina durchzusctzen. Es bestände darin, daß die Misrachisten eben ihre Leute nach Erez Jisroel bringen . . . In ihren offiziellen Reden zeigten iich aber die Herren nicht so vernünftig. In diesen verrieten sie die Neigung, den anderen ihre orthodoxen Vorschriften aufzuzwingen, und das ist nicht mehr Frömmigkeit, sondern — K lc r i k a l i s m u s. Der jüdische Klerikalismus hätte aber alle Ursache gehabt, gerade auf dem Kongreß einige Zurückhaltung zu üben, dem der christl iche beinahe so gefährlich geworden wäre. Die antisemitischen Anschläge haben indes nicht den Kongreß selbst, wohl aber dessen gesellschaftliche und künstlerische Veranstaltungen geschädigt, da die Besucher aus Fern und Nah die Wiener Gastlichkeit, die sich ihnen bei ihrer Ankunft in so merkwürdiger Form deklariert hatte, nicht mehr als unbedingt nötig zu erproben wagten. Den Schaden davon tragen, nebst den christlichen Theaterdirektoren und Geschäftsleuten, die Veranstalter jüdischer Festspiele im Karltheater. die nach einer einzigen Aufführung von Israel Auerbachs „Mose" finanziell znsammenbrachen. ferner der Wiener Jüdische Gesangverein, der vor leeren Bänken konzertierte, und das Turn- und Sportfest, das, statt den Fortschritt des Muskeljudeutums zu zeigen, förmlich eine Parodie der gleichen Veranstaltung im Jahre 1913 bildete. Die antisemitische Hetze ist auch durch die freundliche Einladung christlichsozialer und deutschvölkischer Berichterstatter zum Kongreß nicht zur Ruhe gebracht worden. Die Soldschreiber des Vatikans haben nur den gutjüöischen Berichterstattern den Platz weggenommen und damit kommich in die mir unangenehme Situation, ein paar Worte pro clomc» wagen zu müssen. Die „Jüdisch-Liberale Zeitung" hat mitgeteilt, daß von zionistischer Seite Bedenken gegen die Zulassung des „antizionistischen" Schriftstellers Dr. Spiegler geäußert worden sind. Ich will diese zionistische Seite noch nachträglich beruhigen. Ich bin ein viel zu guter Jude, um irgend einer Bewegung, die eine gedeihliche Lösung der Judenfrage und eine Entwaffnung oder wenigstens Entgiftung des Antisemitismus anstrebt, feindlich gegenüberzustehen. Ich lasse mir aber durch nichts meinen kritischen Blick dafür trüben, in welcher Weise und vis zu welchem Grade die betreffende Bewegung ihre Aufgabe, die sie mir im Prinzip sympathisch macht, in der Praxis zu lösen sucht. Bei dieser Prüfung habe ich in der zionistischen Bewegung viel gutes gefunden und dafür bin ich stets eingetreten — auch in der „Jüdisch-Liberalen Zeitung". Ich erinnere da vor allem an meine Propaganda für die Zulassung der Liberalen in die Jewish Agency, die den A u s - bau Palästinas durchführen soll. Ist das Antizionismus? Ich erinnere aber auch an meine rühmenden Schilderungen der jüdischen Sportbewegung, die hierzulande fast ganz von Zionisten getragen wird. Dieses Lob des Guten erhöht aber moralisch mein Recht, auch das Schlechte zu tadeln. Ich finde solches vor allem in der Verlogenheit öerFührer. Was soll man zu Leuten sagen, die schweren Unfrieden in jüdische Familien tragen, indem sie unreife Gymnasiasten gegen den Willen der Eltern zum Auswandern nach Palästina begeistern, für ihre eigene Person aber gar nicht daran denken, sich den Chaluzim anzuschließen, sondern im Gegenteil bestrebt sind, sich auf Unkosten der Partei hier repräsentable Führerpositionen zu schaffen? Welche Kritik soll man einer Dame zollen, die auf dem jetzigen zionistischen Frauentag rührende Worte über die Wichtigkeit der jüdischen Kindererziehung fand, während es ganz Wien bekannt ist, daß sich ihr erster Gatte von ihr scheiden ließ, weil sie vor lauter Politisieren die Erziehung ihres eigenen Kindes vernachlässigte? Zu solchen Entgleisungen persönlicher Natur gesellt sich die verfehlte Taktik des jüdischen „Nationalismus", der schon lange, bevor er seine Fähigkeit zum Aufbau eines eigenen Judenstaats erbracht hat, von den Juden der Diaspora das Aufgeben jener nationalen Werte verlangt, die ihnen durch Milieu und Neigung teuer, ja, zur Basis ihres seelischen und geistigen Lebens geworden sind. Auf dem 14. Zionistenkongreß ist der Ruf laut geworden: „Zurück zu Herzl!" Diese Forderung kann jeder Jude unterstreichen, denn sie verlangt die Rückkehr zum gesunden Menschenverstand und zur reinen Urform der Bewegung, die von ihren klerikalen und nationalistischen Pächtern so verfälscht wurde, daß sie die Mehrheit der Juden abstoßen muß und — wie die „Radikalen" bekennen — auch abstoßen soll. Dr. Hugo Spiegler. Vom jüdischen KolonisaiionswerL in Rußland. Die Jewifh Colonisation Association hat 100 000 Dollar für die Förderung des jüdischen KolouvationZwerks in Rußland für daS laufende Jahr zur Verfügung gestellt. Im kommenden Jahre werden — wie aus maßgebender Quelle verlautet — weitere 35 000 Desjatin (95 000 Morgens Land für jüdische landwirtschaftliche Ansiedlungen in der Ukraine bereitgestellt werden. Die Centrale Lanöwirtschaftsbank gab der Comzet (Regierungskommission für jüdische Kolonisation) einen Kredit von 200 000 Rubel für ihre diesjährige Kampagne.

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