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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-09-04 · 36 (4.9.1925) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
36 (4.9.1925)
Date
1925-09-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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'V, Schon fett einigen Monaten wurde die KolonisationSarbeit vorbereitet. Diesen Frühling hat man mit der Durchführung begonnen. Dieses Jahr sollen 4000 Familien angesiedelt werden. Gegenwärtig werden von jüdischen Besiedlern 400 000 Morgen Land bearbeitet; bis -um Herbst d. I. wirsich die Aufbaufläche auf 500000 erhöhen. Der Boden, der verteilt wurde, befindet sich in -er Krim. Ukraine und in Weißrußland. Das nächste Jahr sollen 10000 Familien übersiedeln. In den nächsten Jahre» werde» gewiß, soweit es möglich ist. Voraussagungen zu machen. 100000 Inden, die ernstlich zur Landarbeit übergehen wollen, kolonisiert werden. Vorläufig werden Siedlungen in der Krim und in der Ukraine öurchgeführt. In diesen Gebieten werden im Laufe der Zeit größere jüdische Niederlassungen entstehen. Diese werden auch unweit der alten Mischen Zentren sein. Di« jüdische Kolonisation wird dadurch Massensisdlungs. städte schaffen, die auch ihre kulturellen und anderen Bedürf. »iffe, wie bei den übrigen nationalen Minderheiten, befriedigen werden. Di« Tätigkeit auf diesem Gebiet hat ein gehöriges Echo in der jüdischen Gesellschaft gefunden. Vor einigen Monaten hat sich «in Moskau eine Gesellschaft zur Unterstützung der jüdischen Kolonisation „Oset" gegründet. Au dieser Gesellschaft gehören die angesehensten jüdischen Persönlichkeiten Rußlands, unter 200 Gründern figurieren bekannte Professoren. Schriftsteller. Aerzte, Journalisten. Rechtsanwälte. Agronomen ufw. In der Verwaltung -er Gesellschaft sitzen unter anderen, der Volkskommissar für Handel. Scheimann; Professor Kogen; Professor Kazenellbaum: Fabrikant Lojowetzky: Agronom Olenikow und Journalist Sonowsky. Die Gesellschaft „Oset" stellt sich zur Aufgabe: gesellschaftliche Hilfsaktionen im In- und Ausland, um die Kolonisation zu verbreiten und landwirtschaftliche und juristische Hilfe zu leisten. Die amerikanische Agro-Joint hat sich bereits dieser Bewegung angeschlofsen und für diesen Zweck 400 000 Dollar assigniert. Auch die Gesellschaft ,L?ca" hat 500000 Goldrubel assigniert. In dem gegenwärtigen jüdischen Leben existiert wohl keine größere Historische Erscheinung, die endlich unsere krüppelhaste soziale Struktur bedeutend ändern kann, wie dieser grandiose Plan, existenzlose Kaufleute. Handwerker und Arbeiter einer gesunden Landarbeit zuzuführen. ein Plan, an dem die besten und humansten Männer deS jüdischen Volkes gedacht haben. CS muß begrüßt werden, daß jüdische Persönlichkeiten in Rußland. Sie keine Sympathie für die politische Ordnung in Rußland haben, den größten Protest gegen die Feinde dieser Idee erheben und sagen, daß es ein Verbrechen sei. das Mische Kolonisationswerk in Rußland zu stören. ES ist auch zu begrüßen, daß die großen Organisationen wie „Agro- Joint«'. ,Hca". „Ort" und ,Jcor" sich nicht durch politische Kniffe. Sie die Kolonisation in Rußland zerstören wollen, täuschen lassen. «Iudenjagden" Schauderhaft« Grausamkeiten gegen jüdisch« Heimlose in Rumänien. Bon I o s e f G r o b, Wien. In Belz. Zgurica und Kischenew konnte man sich längere Teit nicht darüber klar werden, wohin die unzähligen Heimlosen. dessen Ankunft den Flüchtlingskomiteen angeführter Grenzorte, von ihren Verwandten angekündigr wurde, ver-- ischwunden sind. Immer wieder langten bei diesen Komiteen Mitteilungen an. daß eine Anzahl Flüchtlinge an diesem oder jenem Tage den Dniester überschreiten wird, sie dürften schon längst in Kischenew oder einem anderen Grenzorte einge- ^troffen sein, jedoch man sah und hörte nichts von ihnen. ^--DaS Komitee hat natürlicherweise hierzu nichts tun können, weil doch das Ueberschreiten der Grenze verboten ist, deshalb sich niemand bei der Behörde anzufragen getraute, wo diese oder jene Personen, die sich über die Grenze nach Rumänien hineingeschmuggelt, dahin gekommen sind. Erst vor nicht langer Zeit erfuhr man zufällig von den verbrecherischen und schauderhaften Greueltaten, die am Dniesterberg durch den rumänischen Kapitän Moraresci und seine 21 Soldaten. gegen wehrlose Juden verübt worden sind. Als man die Bücher der Kompagnie am DniesterVreg, die unter der Leitung des Kapitäns Moraresci stand, revidierte, da wurden eine Menge Schwindeleien entdeckt. ES stellte sich heraus, daß sich der erwähnte Kapitän nicht nur in jüdischem Blute gebadet, sondern auch die Staatskasse in gemeinster Weise beschwindelte. Während der Ausforschung sind eine ganze Reihe verbrecherischer Untaten, die er gegen die jüdische Bevölkerung in Werteschen, einem Dorfe nahe deS DniesterS. begangen hat. entdeckt worben, und man kann sich daher leicht vorstelle», welche Bestialitäten dieser Sadist gegen die Ukrainer Heimlosen verübte, wenn er schon die Bessarabier. altgesessene jüdische Bürger auf brutalste Weise zu behandeln sich erlaubte. Zwei- oder dreimal wöchentlich veranstaltete er in Werte, schen Menschenjagden, oder richtiger gesagt: Jndenjagden. Die Juden sind von seiner Soldateska am hellichten Tage abgefangen und zu Moraresci gebracht worden. Dieser entwickelte in seiner Martertheorie ein teuflisches Programm. Er ließ sie zuerst ganz nackt entkleiden, hieß sie auf den Hr,f hinauSjagen — auch während des strengsten WinterS. bei Frost. Schnee und größter Kälte — und dann erst wir: den die Armen auf die entblößten Leiber derart geprügelt, daß ihre Schmerzensschrere förmlich die Luit durchschnerden konnten. Es kamen dann begreiflicherweise Verwandte und Freunde der Eingefangenen, um sie für Geld auSzuknufen. Moraresci ließ jedoch seine Opfer nickr so leicht frei. Er wickelte sein „Geschäft folgendermaßen ab: Sobald jemand gekommen war, um seinen Freund für gutes Geld aus Morarescis Mörderhänden zu befreien, ließ er den Gefangenen vorführen, befahl neuerlich diesen zu prügeln, immer stärker und brutaler, um so die erschienenen Angehörigen von der Befreiungsnotwendigkeit zu überzeugen und je brutaler die Schläge waren, desto höher stieg bei Moraresci der Auslösungstarif. . . Die Judenjagden wurden derart häufig ungeordnet, daß fast kein einziger Jude in Werteschen sich Lessen rühmen konnte, von der Morarescischen Soldateska nicht verprügelt worden zu fein und noch dafür Geld bezahlt zu haben, weil jedesmal ein anderer an die Reihe kam, der, weil er heute von seinem Freunde aus Morarescis Händen losgekauft, morgen wieder für die Befreiung seines Retters Moraresci zahlen mußte. Auf diese Weise häufte Moraresci ganze nässer Gold. Diese Handlungsweise des Herrn Moraresci gegen die boöenbeständige jüdische Bevölkerung muß jedoch gegen die Brutalität, die er gegen die jüdischen Heimlosen, welche sich aus der blutigen Ukraine auf rumänischen Boden hinüberflüchten wollten, beging, als Kinderspiel aufgefaßt werden. Seime grausamen Folterqualen gegen diese unglücklichen Juden übertrafcn weit diese aus der finsteren russischen Pogromzeit. Er hatte eine ganze Bande um sich, — zu unserer Schande auch mehrere Inden darunter —. die von Zeit zu Zeit nach der Ukraine fuhren, um dort auszuspionieren, wer und mann der Betreffende die Grenze zü überschreiten beabsichtige. Die Morarescischen Juden, seine bezahlten Agenten, sind derart demoralisiert worden, daß sie in ihrer Handlungsweise ihren Lehrer und Anführer weit übertrafen. Sie schlichen sich in die Flüchtlingsheime ein, gaben sich selbst als Flüchtlinge aus. und forschten in raffiniertester Weise aus. wer die Grenze zu überschmuggeln gedenke und an welchem Tage. Wenn es sich um solche Flüchtlinge handelte, die cs noch vermochten, Geld, Schmuck und wertvolle Kleidungsstücke aus der ukrainischen Hölle zu retten, so wurde Moraresci rechtzeitig verständigt, damit er seinen Wachsoldaten die entsprechenden Befehle erteilen konnte. Bei der Grenzüberschreitung der Flüchtlinge stellte sich die Wache blind, als jedoch diese auf rumänischem Boden waren, wurden sie von den Soldaten ihrer ganzen Habe beraubt, zu Tode verprügelt und in den Teich geschleudert. Nach Kischenew, wo sich die höhere Militärbehörde befindet, telegraphierte dann Moraresci gewöhnlich, daß eine Gruppe Bolschewiken in der Nacht die Grenze zu überschreiten versuchte, wurde aber von den Grenzsoldaten rechtzeitig bemerkt und niederaemacht. Dies machte Moraresci.aus diesem Grunde, weil die toten Körper im Teich herumschwammen, oft an einer anderen Grenzstation aus dem Wasser gezogen und hiervon der Hauptmacht in Kischenew Mitteilung gemacht wurde. Der grausame Mörder kannte keinen Unterschied zwischen Geschlecht und Alter und malträtierte alte Frauen sowie junge Kinder. Er beging an ihnen die schauderhaftesten Folterqualen, und als das Wehgeschrei seiner Opfer die Himmel zu stürmen drohte, verstopfte er ihnen mit Glas. Fetzen und anderen Knebeln die Mäuler. Zum Schluß ließ er sie mit Petroleum begießen, anzünöen und in den Teich werfen, so daß mau nicht selten des Nachts lebende Fackeln im Teiche herumschwimmen sehen konnte. Die Ausforschung dieser verbrecherischen Greueltaten ist bereits beendigt und soll angeblich in den nächsten Tagen der Bukarester Presse zur Veröffentlichung übergben werden. Wie lange Moraresci seine Bluttaten ausüben konnte, beweisen die sieben großen Bände, jeder Band tausend Bogen stark, in welchem die Akten über Morarescis Judenja^cn enthalten sind. Brennende jüdische Probleme. I. Die Judeufrage in Polen und in Ungarn. Dom jüdischen Standpunkt gesehen, ist die merkwürdigste Erscheinung im politischen Leben Europas nach dem Kriege die Lage der Juden in den beiden prominentesten unter den neuen von der Entente geschaffenen Staaten: Polen und Ungarn. Diese beiden Staaten stehen sozusagen an den entgegengesetzten Polen der „Schöpferarbeit" von Versailles: Polen ist durch das Machtwort der Friedensgötter von der Residenz des Sonnenkönigs aus dem Nichts in das Dasein eines Grotzstaates gerufen worden. Gebiete wurden ihm zugesprochen, die sieben- oder achthundert Jahre anderen Staaten zugehörten: Ungarn ist durch dasselbe Machtwort aus einem Großstaat in einen Zwergstaat, in ein förmliches Nichts verwandelt worden. Die Polen fühlen sich erhöht und befriedigt, blicken mit großen Hoffnungen in die Zukunft, die kühnsten Träume, die sic in den 150 Jahren der Knechtschaft zu hegen wagten, sind von der Wirklichkeit noch gewaltig überflügelt worden. Die Ungarn füülen sich gcdemütigt und bedrückt und wälzen düstre Rache.aedanken im Herzen: Gebiete, die seit 1000 Jahren zu ihrem Staat gehörten und überwiegend von Menschen macmarischen Stammes bevölkert sind, wurden gegen den Willen der Vevölkerungsmehrheit anderen feindlichen Staaten einverleibt. und nur von einem noch viel schrecklicheren Weltkrieg könnte man die vage Hoffnung hegen, daß er die alte Ordnung wieder Herstellen würde. Eins aber haben Polen und Ungarn gemein: sie stehen beide unter dem unbedingten, ausschließlichen Einsluß der Ententestaaten, namentlich Frankreichs, das in Polen jetzt politisch und kulturell maßgebend ist. und in letzterer Hinsicht den früheren Einsluß Deutschlands fast schon völlig verdrängt hat. während Ungarn demütig bittend und hoffend seine Augen zu Amerika und England emporhebt und von dort zunächst sein wirtschaftliches, dann aber auch sein politisches Heil erhofft . . Aber noch eins haben diese beiden Staaten gemeinsam: den exzessiven, alles Dagewesene übertrefsendcn werktätigen Antisemitismus. Dieser hat freilich in jedem der h?iöcn Staaten eine verschiedene Form angenommen. In Ungarn trat er sogleich als weißer Terror au?, mit Pogromen. Meuchelmorden. Masscnüberfällen. Vergewaltigungen. Ausplünderungen: daneben rann, immer mehr anschwellend. der Strom des legalen, gesetzgeberischen Antisimltiömus, der eine wirtschaftliche Abschnürung und Erdrosselung der Juden erstrebt, damit sie gezwungen werden, einfach das Land zu verlassen und das Weite zu suchen. In Polen dagegen hat die erste blutig« Pvaromwelle. die gleich nach dem Zusammenbruch der Mittelmächte über das befreite Land dahinrollte, nach kurzem Wüten inncgehaltcn. viel weniger Brutalität. Roheit und Blutdurst kamen in Polen zum Vorschein als in Ungarn, dagegen nahmen die leitenden Kreise alSbald die Sache in die Hand und organisierten den unblutigen schleichenden Pogrom, der sich in einer Reihe immer schärferer und strengerer gesetzlicher und administrativer Maßregeln äußert, die dem gleichen Ziele zustrcScn wie in Ungarn. Und beides unter dem Schutz des Völkerbundes, in vollkommener Uebcrcinstimmuna mit den diversen Verträgen des Friedens von Versailles und seinen verschiedenen Dependancen, ohne das hochheilige Prinzip der Selbstbcstimmung der Völker und des Schutzes der Minderheiten zu vcrnatürliche und selbstverständliche Drang, der jedes Lebewesen bewegt, wirkt, subjektiv gesprochen, noch über das Grab hinaus: der Wunsch wird zum Vater des Gedankens, und es entstehen die mannigfachsten und verschiedenartigsten Formen des Unsterblichkeitsglaubens. Tie Rcligionsnc schichte liefert uns ein reichhaltiges Material zu dicicm Thema: in erstaunlicher Fülle ziehen au uns die seltsamsten und eigenartigsten Vorstellungen vorüber. Denn hier hat die Phantasie ihr eigenstes Reich, in der ihr niemand die Herrschaft strittig macht: unbehindert von Wissen und Erfahrung, kann sie schrankenlos walten und ihrer Aufgabe gerecht werden. Bei den Aegyptern nahm der Totenknß einen großen Raum im Leben ein: denn dort herrschte die Vorstellung, daß das Wohl und Wehe der Tahinaeschiedencn vom pietätvollen Verhalten der Lebendigen abhängig ist. Eine gerade entgegengesetzte Anschauung vertreten die. Japaner: bei ihnen hängt das Leben vom Tode ab. Die Geister der Ahnen haben großen Einfluß aus ihr Leben, und, ihre Verehrung hat demnach praktischen Wert. Bei vielen wilden Stämmen zählen die Toten zu den bösen Geistern, die den Menschen gefährlich werden, während die Katholiken die Seligen als Fürsprecher vor Gottes Thron verehren. Die ältesten und primitivsten Vorstellungen haben eigentlich kaum den regulären Jenseitsbegrifs. mit dem sich für uns das Transzendente, das „Jenseitige", verbindet. Die bekannte Lehre von der Seelenwandernng besagt t* von selbst, daß die Seele der Menschen hier in unserer Welt in den Körper eines anderen Wesens, sei es Mensch oder Tier, ihren Einzug hält. Aber auch dort, wo dieser Glaube nicht heimisch geworden ist. finden wir den eigentlichen Unsterblichkeitsgedanken früher als den Jenscitsaedauken. Nach den ältesten Borstellunaen lebt die Seele im Diesseits wuter in einer gewissen zeitlichen Beschränkung. Sie existiert etwa solange, wie die Erinnerung an den Verstorbenen anhä'.t. Dann geht sie in Gegenden unterhalb oder oberhalb der Erde, die natürlich noch innerweltlich, also nicht transzendent vorgestellt werden. Die Irokesen erzählen von Geistcrdörfern, die in weiter Ferne zwischen Felsen und Bergen liegen, zu denen die Seele entführt wird. Bekannt dürste die Anschauung der Griechen vom Hades sein: dort herrscht dumpfe Finsternis: ein Verkehr mit den Lebendigen ist den traurigen Schotten nur ganz ausnahmsweise gestattet. Das Lehen ist dort so trübselig und düster, daß das unglücklichste Menschenschicksal dagegen beneidenswert ist. Andererseits treffen wir auch vielfach Vorstellungen, die denen moderner Religionen entsprechen. Wir finden hier, daß der Himmel als der Ort der Seligen aufgefatzt wird. Nach den lieberzeugungen vieler Völker werden nur diejenigen der Unsterblichkeit teilhaftig, die die Lieblinge der Götter sind. Daher die mythologische Vorstellung Lei vielen Völkern des Altertums einer Entrückung in den Himmel. Vielleicht hat die Verbrennung der Leichen den Gedanken eines Ausstiegs gen Gimmel unterstützt. Seltsam lwsiet uns in diesem Zusammenhang die Tatsache an, daß die Eranier die Leiber Aufschwung. Wie wird die Seele groß uttb weil — Wie klein die Welt und wie beengt. Sie hat das ird'sche All zersprengt , Und reicht hinan zur Ewigkeit. Die Tage fallen von uns ad, i'Btr fühlen ihre Krallen nicht — .. Wir steh'n in Gottes Angesicht, >Das uns von.feinem Manze gab. : . Ma van Eleef. N Die A«sterblichkett der Seele. Von Rabbiner Dr. Lubasch, Hamburg. » ^Scheinbar selbstverständliche Dinge erweisen sich sehr tzlürfis bei näherem Zusehen als äußerst verwickelt und kompliziert. Worte wie Verstand. Wille, Gefühl, die wir Lauer«- im Munde führen, sind offensichtlich die einfachsten Dinge von der Welt, sowie wir aber ernsthaft versuchen, mit diesen Worten klare und abgegrenzte Begriffe zu verbinden, eröffnet sich unserem erstaunten Blick eine ganze Welt von Schwierigkeiten, die sich bisher dem Beobachter geschickt verbargen. Genau so verhält es sich mit Begriffen wie Wissenschaft. Religion. Judentum u. s. f., es will scheinen, als ob Ler sogenannte „gesunde Menschenverstand" nicht ganz dazu ausreicht. uns ein zuverlässiger Führer durch die Welt Ler Probleme zu sein. Laß wir tiefer schürfen müssen, wenn wir den Schwierigkeiten der uns umgebenden Welt gerecht werden wollen. Die scheinbar einfachste und selbst -!verstä«dlichste aller Tatsachen ist die deS Lebens überhaupt. Daß wir existieren, liegt auf der Hand: eS wird uns nicht erst »am Problem. Mitbestimmend für diese Selbstverständlichkeit ist die Tatsache, -atz wir ohne unser Zutun in Las Dasein «intretenr Las Leben wiruns geschenkt, und so genießen wir in naiver Lebensfreude unser Sein, ungehemmt und unbeschwert von gedanklichen Anfechtungen. Erft eine Tatsache vflegt uns stutzig zu machen und unser Denke« anzuregen. Wenn der Tod in unsere Mitte tritt und einen unserer Lieben von uns nimmt, dann wird, abgesehen einmal von den natürlichen Empfindungen der Wehmut ud deS Schmerzes, jene bange Frage in uns laut, Sie unS den Tod und zugleich das Leben -um Problem macht: denn wo Tod ist. ist Leben: und umgekehrt wird -as Leben nur verständlich, wenn es seinen natürlichen Abschluß durch den Tod findet. Aber will uns der Tod als ein natürlicher Abschluß erscheinen? Schaudern wir nicht zurück vor dem groben * Unbekannten, -as uns erwartet?^ Klammern wir uns nicht mit allen Fasern unseres Herzens an unser armseliges Leben, um es zu erhalten, um es zu verlängern, um das Ende nach Möglichkeit hinauszuzvgern? All unsere Kultur ist nicht nur darauf gerichtet, unser Leben schöner, besser und angenehmer zu gestalten, sondern sie will auch unser Leben nach Möglichkeit verlängern. „Nicht die Toten preisen Gott", sagt der Psalmist. und nur das Leben erscheint uns Anfang und Ende aller Güter. Schon der Gedanke an unser Ende läßt uns schaudern. Wir wollen daran nicht denken: doch hält es uns mit unheimlicher Gewalt in seinem Bann. Je mehr wir von ihm loswollen, desto mehr umkreisen^ es unsere Gedanken, „dleckia in vita, in morte sumus", sagt ein Sprichwort: ja hinter allem Werden und Entstehen lauert er. -er Verderber: mag unsere Kultur auch noch so schöne Blüten zeitigen, mögen wir auch all das erreichen, was die Phantasie unserer kühnsten Träume uns ausmalt. „Hawel hawolim“, alles ist doch vergebens, denn Ler unerbittliche Sensenmann kommt, um es zu vernichten. Sind wir eigentlich gerecht in unserem Urteil? Es scheint, als wenn unser Gefühl uns zu manchem Trugschluß verleiten will. Wir legen so manches dem Tode zur Last, was nicht auf sein Konto zu setzen ist. Jene Schmerzen unserer Krankheit. jene letzten qualvollen Augenblicke, die uns von dem großen Unbekannten trennen, sinh doch nicht sein Werk, sondern gehören dem Leben an, an dem wir hängen, und üas wir ersehnen. Für wie viele war nicht der Tod ein Freund und Erlöser! Wie viele haben ihn gesucht und herbeigesehnt'. Und ferner erkennen wir die Bedeutung des Todes für unser Dasein erst, wenn wir das Leben so manches | Bedeutenden üieser Seit betrachten. Wie vielen Denkern und Künstlern hat erst der Tod zu -er Berühmtheit verholfen, nach der sie sich bei ihren Lebzeiten vergebens sehnten! Platos große Gedanken wirkten erst lange nach seinem Tode. Die Bedeutung eines Jeremia wurde erst lange nach seinem Hinscheiden anerkannt. Und der Stifter unserer großen Tochterreligiyn hat eigentlich nur durch seinen Tod die Menschheit für sich gewonnen. „Oe mortuis nihilnisi bene" sagt man, und nichts stimmt uns versöhnlicher, milder und gerechter als der Gedanke an die, die nicht mehr zu den Unsrigen zählen. Aber auch diese Betrachtung kann uns noch nicht mit dem großen Verderber alles Lebens aussvhnen: wir empfinden in jedem Fall die Bernunftlosigkeit dieses für alle gleichen Abschlusses. Unser Leben und Strebe» auf dieser Welt verliert Wert und Bedeutung. Denn was hat es für einen Sinn, ob wir eine größere oder kleinere Strecke in Lie Unendlichkeit gebaut, ob wir mehr oder weniger gestrebt und gewirkt haben, es will uns alles als ein mehr ober minder ungeschickter Versuch erscheinen, die Unendlichkeit zu erfassen, das Meer mit unseren Händen auszuschöpfen. In jagender Eile vergeht die Zeit, alles mit sich fortreißend: vergebens sagen wir vom Augenblick: „er ist", kaum haben wir eS ausgesprochen, so ist er vorüber. Kein Wunder, daß sich der Mensch zu keiner Zeit mit diesem Abschluß seines Daseins zusriedengeben sollte. Jener

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