Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 36 (4.9.1925)
- Date
- 1925-09-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Iefedt. Xemt beide Staaten sind gleichberechtigte Mitglieder des Völkerbundes, Ungarn, obgleich es sa. ebenso wie Deutschland, zu den niedergeworfenen Staaten, gehörte und anfänglich gleich diesem verpönt und verbannt war. Und die Juden beider Länder machen einen eigentümlichen psychischen Prozeß durch. Sie lernen jetzt den Wert der edlen Schlagworte kennen, in deren Namen die „Demokratie des Westens" gegen die Mittelmächte ins Felzogen, sie besiegten. den „Frieden" von Versailles diktierten, das neue Europa aufbauten. Da troff eS vor lauter Gerechtigkeit. Menschlichkeit. Frieden der Völker. Fortschritt. Licht. Auf. klärung. Menschenliebe. Freiheit. Gleichheit und Brüderlichkeit. Frankreich war die „Befreier-Nation", die besonders die Juden zu allererst emanzipiert und ihnen die politische und bürgerliche Gleichberechtigung verliehen batte. England und Amerika waren der Hort und der Wächter der Demokratie. in ihren Grenzen war kein Raum für Rechtsungleichheit oder Hintenanfetzung eines Menschen wegen seiner Abstammung oder Religion Im Namen dieser Grundsätze waren sie entschlossen, Deutschland diesen Hauptsitz des Militarismus und der politischen Reaktion, sowie Oesterreich, dieses grobe düstere Völkergefängnis, in welchem freiheitsdürstige Helden verschmachteten, vom Erdboden zu vertilgen. Wilson war der große Prophet, der von der anderen Seite des Ozeans her mit seinen vierzehn Punkten eine neue Epoche der Weltgeschichte heraupbeschwor. eine Epoche, in der es unter den Völkern keine Unterdrücker und keine Unterdrückten mehr geben würde, da alle gemäß dem Selbstbestimmungsrecht sich voll und ungebunden ausleben können. Eine Art kleines messianisches Reich war im Heranbrechen begriffen. Dazu kam. daß am 2. November 1917 die berühmte Balsour-Deklaration erschien. Nun war nicht der leiseste Zweifel daran möglich, daß LaS Haupt und die Seele der Entente eifrig daraus bedacht ist. die Judenheit gewaltig zu erhöhen. — Wie wäre es möglich, daß die Entente zulassen sollte, daß mächtige Teile eben dieser Judenheit entrechtet. verfolgt, unterdrückt, degradiert würden? Die Schule, welche die Juden beider genannten Länder jetzt durchmachen, lehrt sie nun. den realen Wert dieser Phrasen richtig einzuschätzen. Der Glaube an die kulturelle und Befreiermission der Entente schmilzt dahin und wandelt sich in sein Gegenteil. Wenn die Ententepresfe jahrelang darauf hinwies, daß Deutschland die Urheimat des modernen Antisemitismus war. so ist das zwar richtig, aber die deutschen antisemitischen Botschaften trugen den besonderen Stempel einer eigenen Sekte, die weit davon entfernt ist. zu der geistigen und ethischen Auslese der deutschen Nation zu gehören. Die Juden des Ostens wußten ganz genau, daß die Antisemiten eine ganz besondere Art von Deutschen sind. — Wenn z. B. das Buch eines deutschen Antisemiten in Polen verbreitet wurde, so trua es im voraus einen besonderen Stempel, war sozusagen auch äußerlich als sektierisches Geisteserzeugnis gekennzeichnet. Dagegen ist z. B. das Buch der Brüder Tharaud „Ouand Israel escoi". welches in vielen Zehntausenden Exemplaren Polen überflutet hat. ein Produkt französischer literarischer Hochkultur, welches von allen Gebildeten mit Wonne verschluckt wird. Es ist schwer auszurechnen, wieviel Unheil dieses unverschämte znuische. unsagbar verlogene Buch in den Gemütern angerichtet hat. Es schildert, angeblich aus eigener Anschauung, die dreimonatliche Herrschaft des Bolschewismus in Ungarn, und bildet die vollste Rechtfertiguna der schärfsten Unterdrückungsmaßnahmen gegen die Juden in Polen, Israel war nämlich Könia in Ungarn, während der Bolschewismus dort herrschte — und die Herrschaft war natürlich furchtbar. Israel, das war Belg Kun. Tibor Samuelln und noch eine Hand voll Juden: diese waren nicht nur Juden, sondern übten ihre Herrschaft, wie die Brüder Tharaud mit unnachahmlicher Selbstverständlichkeit zu ,schildern verstehen, im Namen und im Interesse der «jüdischen Nasse". Das war die Art. wie die jüdische Rasse einen Teil ihres Welleroberungsprogramms zu verwirklichen begann, wie es in den Protokollen der Weisen von Zion geschrieben steht. Du stehst staunend vor diesem Gemälde und fragst dich: warum hat die jüdische Rasse in Ungarn gerade diese Leute und ihre Genossen ausgewählt, um sich von ihnen repräsentieren zu lassen, und noch dazu bei einem so wichtigen Geschäft wie die praktische Verwirklichung des Welteroberungsvlanes? In Ungarn gab es Juden, die in der ganzen jüdischen Welt einen klangvollen Namen hatten, als Führer, den Aasoögeln zur Speise gaben, damit die Seele leichter gen Himmel fliege. Es würde indessen zuweit führen, der religionsgeschichtlichen Seite unserer Frage einen breiteren Raum zu gewähren: näher liegt unserem Interesse die Art und Weise, wie unser Judentum zum Problem der Unsterblichkeit Stellung nimmt. Daß das Judentum den Unsterblichkeitsglauben lehrt, steht außer allem Zweifel. Unser Gebetbuch zeigt eine Fülle von Aussprüchen, die klar und deutlich dem Jenseitsgedanken Ausdruck verleiben: auch alle Richtungen im modernen Judentum sind sich darüber einig, an dieser Lehre unter jeder Bedingung festzuhalten. Die Differenzen ergeben sich erst bei der Frage, wann der Unsterblichkeitsglaube entstanden ist. ob er von Uranfang an existierte oder ob er erst im Laufe der Zeiten unter den verschiedenartigsten Einflüssen seine heutige Form erhalten hat. Bei aller Vorsicht in der Behandlung dieser Frage scheint der Jenseitsgedanke erst einer späteren Epoche des Judentums entstammt zu sein. Bekanntlich spricht unsere Bibel überhaupt nicht eindeutig von der Unsterblichkeit, wie es Mifchna und Talmud tat. Alle diesbezüglichen Stellen der Heiligen Schrift die man für den Unsterblichkeitsglauben anführt, müssen sich erst eine gewisse Interpretation gefallen lassen, ehe sie als Grundlage für unser Thema genommen werden. Man hat daher zu folgern versucht, daß die Bibel diesen Glauben bereits voraussetze, es also nicht nötig habe, ihn ausdrücklich zu formu. lieren. Diese Auffassung erscheint aber doch zu sehr gezwungen. Denn religiöse Grunöleüren wie Gottesglaube und Sittlichkeit, die dem religiösen Bewußtsein entschieden näher liegen als die Jenseitsvorstellung, werden mit einwandfreier Deutlichkeit ausgestellt. und der Unsterblichkeitsglaube sollte vorausgesetzt werden? Bei der spezifisch ethisch gerichteten Religiosität des Judentums wird es uns nicht wundernehmen, daß auch die Unsterblichkeitslehre vorwiegend sittlichen Motiven entspringt. Hier handelt es sich nicht nur um gesteigerten Willen zum Leben, hier tritt nicht so sehr die Bejahung des Selbsterhaltungstriebes in den Vordergrund wie das Verlangen nach Gerechtigkeit, nach Ausgleich der irdischen Mängel, nach Lohn und Strafe. Schon daß die Bibel keine Belohnung im Jenseits für die Befolgung ihrer Gebote verheißt, sondern nur irdische Güter in Aussicht stellt, spricht für den starken Diesseitscharakter der Heiligen Schrift. Unbefangene Lektüre der Bibel ergibt sogar das Resultat, daß teilweise gegen den UnsterblichkeitSglauben polemisiert wird. Wenn der Dichter des 103. Psalms den Tod der Menschen beklagt und den Wert seines Lebens so gering einschätzt, als wäre er überhaupt nie gewesen, oder wenn es im 6. Psalm heißt, daß in der Gruft niemand Gott preisen wird, so werden wir den unsere Anschauung ablehnenden Standpunkt feststellen müssen. Dm deutlichsten spricht gegen den Unsterblichkeitsglauben wohl die Stelle im Buche Hiob (14.12), wo es wörtlich heißt: .Hat sich der Mensch niedergelegt, so steht er nicht auf: LiS zum Verfall des Himmels erwachen sie nicht und werden nicht munter aus ihrem Schlafe«" Und der. Talmud, ein gewiß einwandfreier Zeuge, als Gelehrte, als Schriftsteller, als Politiker, als hervor- 1 ragende Matadoren des wirtschaftlichen Lebens, als Organisatoren der jüdischen öffentlichen Wohltätigkeit und Für- Ignaz Golözieher. Immanuel Loew. Ludwig Blau, Wilhelm Bacher Ludwia Mezei. Minister Wilhelm Vaszonyi. Manfred Weiß. Franz Cborin. Baron Ullmann tote drei letztgenannten Begründer der ungarischen Großindustrie und des Bankwesens, der erstgenannte unter ihnen Em eifriger Förderer aller jüdischen kulturellen und Humanitären Institutionen). Die Juden nicht nur in Ungarn waren gewohnt, diese Männer als ihre Repräsentanten zu betrachten. waren stolz auf sie. und wenn es galt, die Juöenheit zu einer gemeinsamen Tat anzuregen oder zu einer bestimmten Haltung zu veranlassen, so durften Liese Männer ihre stimme erheben und sicher sein, bei den Glaubens- und Aasse"-Genossen Gehör zu finden. Dageaen: wer in aller Welt unter den Juden hatte jemals vor der Revolution von Bela Kun oder Tibor Samuelln und ihren Genossen gehört? Auf keinem Gebiete des geistigen oder sozialen Lebens der Juden waren sie bekannt. Nie haben sie unter den Juden irgend eine Rolle gespielt oder eine Bedeutung gehabt. An den Leiden, Freuden und Kämpfen ihrer ..Rasse" in dem ergenen Vaterlands, geschweige denn außerhalb seiner Grenzen, nahmen sie nicht den qeringstn Anteil, kalt vis ans Herz hinan standen sie dem Schicksal des Judentums und der jüdischen Gemeinschaft gegenüber. Viele von ihnen hatten auch formell dem Judentum den Rücken gekehrt. Fast alle hatten durch Aenderuna ihrer Namen ihren jüdischen Ursprung unkenntlich zu machen gestrebt. Sie können deshalb nur als „Juden" gelten, weil ihre Großväter oder Urgroßväter es verabsäumt hatten, sich taufen zu lassen. Und iustament diese Juden hat die jüdische Rasse als ihre repräsentativen Männer vorgeschickt, um durch die bolschewistische Eroberuna Ungarns mit der Unterwermna aller Staaten den Anfang zu machen, die zur Begründung des jüdischen Weltreiches führen sollte? . . . Solche und ähnliche Fragen müßte sich jeder Gerechtdenkende, auch in bezug auf die bvlschewistische .Judenherrschaft" in Rußland und auf die „jüdischen" Weltrevolutionäre im allgemeinen stellen. Die Herren Tharaud stellen sich diese Frage natürlich nicht, und darum gestaltet sich ihre in den feinsten literarischen Formen gehaltene Schrift zu einer großartigen Apologie des Pogroms. Nicht nur Ungarn ist für alles, was geschah, entschuldigt, sondern die Polen haben vollkommen Recht, eine großzügige Judenpolitik im Stile Pharaos und Hamanns einzuleiten, ohne sich von irgend welchen Humanitätsduseleien abhalten zu lassen. In Ungarn, wo es die Juden gut hatten, wurden sie schließlich so übermütig, daß sie durch die Hand von Bela Kun und Tibor Samuelln das Land eroberten, sich zum Könia darüber gemacht un?> drei Monate lang eine Schreckensherrschaft darin geführt haben! Ist das ungarische Beispiel nicht absAreckend genug? So erblühte dem Pogromismus in Ungarn und Polen eine glänzende Verteidigung in Frankreich. Dagegen wissen wir, daß in Frankreich eine Liga für Menschenrechte besteht, die schon oftmals für die Juden in Polen eingcschritten ist, natürlich völlig ergebnislos, obwohl besagte Liga mit den Herren Millerand und Poincar« mächtig befreundet ist. sie sogar zu ihren Mitgliedern zählt, aber — auch der vorige polnische Außenminister. Gras Zamofski. einer der couragiertesten Judenfresser in Polen, ist mit den beiden französischen Herren sehr ena befreundet . . . Die französische Kultur in allen Ehren, aber was den Antisemitismus anbetrisft. io sagen sich die Juden, indem sie die jetzigen Zustände mit den früheren vergleichen: — als Polen noch unter deutschem Kultureinsluß stand: „Lieber ein alter Feind, als ein neuer Freund." Mit dem alten mitteleuropäischen Antisemitismus ließ sich ja leidlich hausen, mit der neuen westeuropäischen Humanität und Kultur können wir es einfach nicht mehr aushalten . . . Allein die Minderung des Ansehens der westlichen Demokratie bei den Ostjuöen wäre wahrhaftig leicht zu verschmerzen. Biel wichtiger ist es. daß die Juden in Mittel¬ und Osteuropa allmählich das Vertrauen zu den Glaubensgenossen eben dieser westlichen Demokratie verlieren. Sie hören immer zu, daß jüdische Männer in jenen Ländern auf ihre Negierung einen aroßen Einfluß ausüben. Ihre Feinde führen das als Beweis an. das die Juden die ganze Welt beherrschen. In England saßen strenggläubige Inden, darunter der jetzige Oberkommissar von Palästina im Kabinet, einer ist sogar Bizekönia der Juden. Dem jetzigen Kabinet von Frankreich gehören abermals zwei Juden an. von denen einer sogar Abraham Schrammek heißt, also selber offenbar von polnischen Juden stammt. Und der Einfluß dieser Männer auf ihre Negierungen reicht nicht einmal soweit. um sie zur Milderung des Schicksals ihrer serncn Brüder bestimmen zu können . . . Das gibt viel zu denken. Allein, wenn diese Männer vielleicht sich nicht berufen oder befugt fühlen, im Namen des Judentums und für Juden zu sprechen, so hat doch jedes der genannten Länder bedeutsame Organisationen, die eigens dazu gegründet wurden, um bei ihren aufgeklärten und demokratischen Regierungen die Sache ihrer Glaubensgenossen in den minder glücklichen Ländern zu führen, sobald die Not an sie herantritt. Da ist in Paris die hochbemährte und ruhmgekrönte Alliance Jsraölite Universelle, die seit ihrer Gründung (1860) bei keinem Anlaß, wo es sich um das Wohl und Wehe der Ostiuden handelte, gefehlt hat. deren hervorragender Sekretär Jaques Bigar t ein ausgezeichneter Kenner der Diplomatie. allzeit ein unerschrockener Fürsprecher seiner Brüder war. In London haben wir seit 1871 die Anglo Jewish Association und seit Kriegsausgang das Joint foreign Committee, welches von dieser Gesellschaft im Vereine mit dem Bord of Deputies eigens dazu eingesetzt wurde, um über die Interessen der Juden in den neuen Ländern zu wachen. Der Sekretär dieses Committees. der tapfere und unermüdliche Lu eien Wolf, einer der angesehensten Historiker und Publizisten von England, ist rastlos tätig, um bald beim Völkerbund, bald bei den Regierungen der Ententeländcr. bald bei denen der neuen Staaten, für die Juden zu plädieren. In den Vereinigten Staaten wirkt das alte würdige American Jewish Committee und der jugendkräftige American Jewish Congreß. Man weiß allgemein, welch hohes Ansehen die führenden Männer dieser Organisationen in den hohen Regierirngskreisen ihres Vaterlandes genießen... Und dennoch! . . . Wer vermag Antwort auf diese Frage zu geben? füf Lersammlungskalender j||f Berlin. (Jüdisch-liberaler Jugendverein „Jli") Gr^ weinsame Veranstaltung der Gruppen. Donnerstag, den 10. September.?«8 Uhr, Nosenstraße 2/4: Vortrag von Betty Markus „Religion im Jugendalter". — Gruppe Westen 1: Sonntag, den 13. September, Tagesausflug. Treffpunkt: Bahnhof Charlottenburg. 5 Uhr, mit Fahrkarte nach Wannsee. Stadtbahn-Bahnsteig. Abfahrt 8,15 Uhr. — Gruppe Südwesten: Sonntag, den 13. September, TagesauSflug. Treffpunkt: 8,10 Uhr am Potsdamer Fcrnbahnhof, Haupttreppe. mit Fahrkarte nach Nenbabels-berg. Gruppe Süden: Mittwoch, den 9. September, iX>8 Uhr, Heimabend bei Evr Tikotin. Möckernstraße 02. — Sonntag, den 13. September. Tagesausflug. Treffpunkt wie Gruppe Süöwesten. — Gruppe Osten: Montag, den 7. September. Heimabend, Schönhauser Allee 152, II. abends 8V2 Uhr. Einfühung in den „Prophetismilü". — Sonntag, den 13. September, Tagcsausflug nach Potsdam. Treffpunkt: 8,10 Uhr Bahnhof Börse. Hinterer Fahrkartenschalter, Abfahrt 8,21 Uhr nach Potsdam. Frankfurt a. M. (Jüdisch-liberale JugendgemcinichaH.) Sonntag, den 6. September 1925, Ausflug. Trestzmnkt Hauptbahnhof, Hut-Erker der Firma Gutmann, rechts. Treffzeit 8 Uhr vormittags. Sonntagskarten nach Eppstein bereits besorgen. — Donnerstag, den 19. September 1925, Diskujsionsabcnd abends SVo Uür im Trausaal der Synagoge an der Königsteiner Straße. Thema: „Jüdische oder Allgemeine Schule?" Referat: Herr Erwin Baer. Correse« rat: Herr Ernst Löwenthal. » bemerkt zu dieser Stelle (Bab. bathr. 16a): „Daraus geht hervor, daß Hiob die Wiederbelebung der Toten geleugnet hat." Indessen gibt es auch Stellen, die wieder zum Unsterblichkeit sglauben hin tendieren: die berühmte Vision des Ezechiel (37) und verschiedene Aussprüche, die vom Leben in der Scheol sprechen, klingen an spätere Vorstellungen von der zukünftigen Welt an. (Schluß folgt.) Der Polenknabe. ©ine wahre Begebenheit, erzählt von Esther Berger. Er kam zu mir — ein kleiner Polenknabe — schmutzig, zerrissen, ohne die geringste Ahnung, wie man sich benimmt — laut und dreist. Aber — wenn ich ihn streng vornahm, konnten die schwarzen stechenden runden Augen aufmerksam in die meinen sehen — und das Bewußtsein, daß er sich bessern müsse, sprach aus ihnen. Er konnte nicht deutsch, man mußte ihn in eine unterste Klasse setzen. Bald bemerkte man. daß sein Wissen gleich Null war. Tie anderen wilden Knaben rissen ihn noch weiter zu Ungezogenheiten hin. Da stand er eines Tages vor mir, der schlanke, gelbbleiche Junge, mit den fleckigen Hosen, ohne Schuhe und Strümpfe —- und bat mich um Nachhilfeunterricht. Ich hatte eine solche Bitte nicht erwartet und schaute streng zu dem Kinde: „Wenn du so ausgelassen bist, wird nie etwas aus dir." sagte ich verweisend — „weshalb also noch eine unnötige Geldausgabe deiner Eltern?" Plötzlich strafften sich seine Züge — die großen Augen weiteten sich — sahen ernst und bewußt: „Aus mir wird schon etwas — Fräulein! Es ist nur, weil — ich kein Deutsch kann. Ich bin nicht dumm!" War es die optimistische phantastische Poleneinbildung, war es ein verstärkt gebildetes — Lei Juden leider so oft im Blute liegendes Prahlertum? Ich sah diese von Energie des Willens gespannte Gestalt und ich antwortete bestimmt: „Gut — du sollst Nachhilfe haben, — aber wenn du böse bist, hören wir damit auf." Wirklich — seine Kenntnisse mehrten sich — er lernte mit Eifer, ohne jede Anstrengung — und ich entdeckte ungeheueren Ehrgeiz, der nicht duldete, daß ein Tadel über Faulheit ihn erreichte, der sich nach Len Kameraden reckte — sie deckte — sie überflügeln wollte. Später hörte ich, daß er ein guter Rechner geworden — als ich lange die Klasse nicht mehr hatte, und dann — verlor ich ihn aus Len Augen. Aber ich entsinne mich, daß er einmal äußerte: „Ich nehme jetzt auch Geigenstunden!" — Ich aber lachte — es schien mir zu drollig, daß der arme Polenbube zum Luxus Geigenstunden erhielt. Mein Lachen ärgerte ihn: er warf sich in die Brust: „Ich spiele schön!" Mich forderte dieses selbstbewußte Wesen des Knaben immer zur Ablehnung heraus, und so kamen wir einander nicht nahe, denn ich stand ihm kühl aegennber. Doch oft stimmte er mich nachdenklich. War dieser kleine verwahrloste Junge nicht das Symbol unierer ganzen unterdrückten Rasse — 10 wie sie aus der Gefangenschaft — ans der Knechtschaft eingewanöert einst? — Jahre waren vergangen — ich dachte des Kindes kaum mehr. Eines Tages wurde mir ein junger Herr gemeldet, der mich sprechen wollte. Ich stand gleich darauf einem .qutgeklciöcten schlanken jungen Manne gegenüber, der mir eine tiefe Verbeugung wachte und mich fragte, ob ich ihm Sprachstunden im Englischen und Französischen erteilen wollte. Ich sah ihn an — sah in ein Paar schwarze runde, lebensvolle Augen — und erfragte den Namen. Ta war mein Polenjunge — in flotter, bescheidener Jünglingsgestalt wieder erstanden! Wir unterhielten uns und er erzählte mir. daß er Musik studiere und ein Konzertmeister werden wolle! Ein Geigenkünstler! Die Eltern hatten sich — mit demselben eisernen Wollen des Sohnes und ein wenig Kriegserrungenschaft emvorgeschafft zu dem, was sie einst in der Heimat gewesen — begüterten Leuten. — Aber ich wollte doch auch sehen, ob nur Worte den Künstler" machten. Und so besuchte ich ein Konzert, das der junge Pole mit einem Klavierspieler gemeinsam gab. Da stand mein Schüler — Energie und Freude in den sprühenden jungen Augen — und alle Sehnsucht der Jahrhunderte — alles Fordern eines Erwachten — aller Stolz des Siegers — aller Jubel des Triumphes klangen und sprangen aus dem kleinen Geigenkörver und rührten mich — und machten auch mich froh und selbstbewußt. Nein, du niedergezwungenes und angeklagteS Judentum» du wirst dich nie erniedrigen lasten — nein, du wirst nie untergehcn — du wirst von zerristenen, bestäubten Kleidern deinen Geist nicht beschmutzen lasten — du wirst die Tatkraft deines Wollens nicht in der Fremde anderer Zungen einbüßen! Ich schaute durch die Fenster des Konzertsaales hinaus zu dem sternenübersaten Himmel und drang durch den Silberschimmer ziehender Wolken — bis dort hinein, wo die Majestät aller Majestäten zu suchen uns Menschen gelehrt wird — und ich fand sie — weil ich-gläubig war, in jener Stunde gläubiger wie je — ich fand sie versprechend -tröstend, einen Bund erneuernd-und ich — — glaubte! Ein „verpfuschtes Leben" als Buch erschienen. Bedeutend erweitert, mit einem ansvrechenden Titelblatt und sechs ausgezeichneten Schwarzweitz-Jllustrationen versehen, ist soeben die Serie von Feuilletons aus der „Jüdisch-liberalen Zeitung" als Buch erschienen. Die heiteren Tagebuchblätler unseres Freundes Artur Schweriner sind um das Doppelte vermehrt, so daß die Leser unseres Blattes aeir recht zahlreich diese freundliche Festesgabe Leim Verlag: Der Silberne Leuchter. Berlin-TempelhkA (Preis 3 Mark) bestellen werden. Wir wünschen dem fevt zwei Jahrzehnten für das deutsche Judentum unentwegt und selbstlos kämpfenden Schweriner einen recht guten Erfolg, Eine Besprechung des Buches folgt demnächst.