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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-08-28 · 35 (28.8.1925) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
35 (28.8.1925)
Date
1925-08-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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jtftöcit Wirklichkeit. Denn was nützt es. wenn fter NeliaionSleOtct vom Sabbat erzählt, ohne daß das Kind sich des Cübbats bemüht wird, ihn wirklich empfindet? Was nützt es, wenn im Religionsunterricht Gebete übersetzt und erklärt werden, ohne dag das Kind dazu kommt, sie auch zu besen? In der indischen Schule wird das alles ein Selbstverständliches sein. Der Sabbat ist liier eben der schulfreie Tag in der Woche, an dem die werktäctliche Arbeit rubt. Wenn heute in unserem liberalenLaaer so oft der Ruf ertönt: Zurück zum Sabbat! Die indische Schule ist ein Weg, ja vielleicht heute der einzige Weg zu ihm. DaS. worum R-bbiner und Gemeindeverwaltung seit langem sich bemühen, den Besuch des SabbatgottesdienstcS zu beben, das wird erreicht sein, wenn der jüdische Schüler und die jüdische Schülerin, am schulfrei«?» Sabbat in die Synagoge gehen können. Herr Dr. Pinn berichtet von der Freude. welche jüdischen Schülern einer katholischen Schule dadurch gewährt wurde, das? sie an den katholischen Andachten am Beginn und am Schluft des Unterrichts nicht tcil.zunehmcu brauchten und infolgedessen spater zur Schule kommen oder sie früher verlassen dursten. Aber sollte es für einen jungen Menschen nicht eine weit gröbere Freude sein, wenn er inmitten seiner Kameraden vor und nach dem Unterricht in die Aula gehen darf, um dort gemeinsam mit seinem Direktor und seinen Lehrern aus dem Eiddur zu beten? Das. was in langen Jahren des Ncligionsuirterrichts oft nie erreicht wird, nämlich die Benutzung des Gebetbuches, die jüdische Schule vermag cs wahrscheinlich schon in einem der ersten Schuljahre. Denn mag eine Andacht in einer paritätischen Schule noch so interkonfessionell gehalten sein, mag sie das christliche Moment noch io sehr ausschaltcn. sie wird stets die Form einer kirchlichen Andacht haben, es wird aebetet und gesungen werden, io wie man in einer Kirche singt nnd betet. So führt die jüdische Schule zur Stärkung des religiösen Lebens, zur Vcrtiefuna des Sabbatgedankenö und zur Hebung des Gottesdienstes Wenn man nun schon die indische Volksschule befürwortet, so sollte «an sich erst recht der höheren Lehranstalt zuwenden. Denn der Schüler der vier obersten Klassen einer höheren Schule steht zumeist in dem Alter. in welchem «,r das Selbstbestimmunasrechk über seine Teilnahme am Religionsunterricht besitzt. Tie Gefahr einer Entscheidung gegen den Religionsunterricht ist in diesem jugendlichen Alter stets vorhanden. Nnd doch bedarf keiner mehr der religiösen Unterwerfung als der junge Mensch vom 14. bis zum 18. Lebensjahr, in dieser Zeit der seelischen Nubelo'-'^eit. des beginnenden Zweifels und der Auflehnung gegen alles Bestehende. Tie Gefahr wird gemindert durch die jüdische höhere Schule, die der natürliche Boden eines jüdisch religiösen Lebens ist. Wenn auf diesem Wege die Religiosität in unsere Jugend hineingetragcn wird, dann wird auch eines der Grundübel unserer Tage beseitigt werden, nämlich die mit dem frühen Iugendaltcr beginnende parteipolitische Betätigung, welche die jüdische Jugend entzweit und trennt. Denn die jüdische Sehnsucht, die heute unsere Knaben und Mädchen irgendeiner jüdischen Partei in die Arme treibt, um irgendwie jüdisch erfasst zu werden, wird dann in der Religion ihre Zusriedenheit sin den. Rabbiner Dr. Grün. Frankfurt lDdcr). |!| | Aus der Bewegung |ff| Berlin. lZ ü disch - ltb e r a l e r I u g e n d v e r e i n.) Die einzelnen Gruppen haben z. T. Ferien gemacht oder — soweit sie durcharbeitetcn — mehr oder weniger ein Ferienprogramm dnrchgenihrt. Hierher gehören vor allem die vielen ein- und zweitägigen Ausflüge, die die Gruvve Westen, Süden und Osten gemeinsam, getrennt oder auch mit einem Treffpunkt unterwegs in die weitere Umgebung Berlins (Buckow, Falkenberg. Freienwalde, Ehorin) führterr. Sie waren gewiß dazu angetan, den Zusammenhang unter den verschiedenen Grnvpeu zu stärken. Gruppe Osten iFübrerm: Betty Markus. N 58. Schönhauser Allee 1521. Wir beschäftigten uns an zwei sehr heisteu (nicht nur der Temperatur nach!) Abenden mitLessingö „Erziehung des Menschengeschlechts". Die Frage nach der Notwendigkeit der Erziehung überhaupt erregte eine heftige Diskussion, die nicht zur vollen Einigung führte. Sehr lange Bemfifiten wir uns auch, den Begriff und das Wesen der Offenbarung zu klären und zu erfassen. — Am zweiten Abende beschäftigten uns die wesentlichen Unterschiede zwischen Judentum und Christentum, die Lesung berührt. In Lejsings Zuknnstsglaube au ein drittes Alter des Menschengeschlechts. .,in dem jeder das Gute tut. weil es das Gute ist", alaubten wir die messianische Idee wiederzufinden, obwohl Lessing sie keineswegs meint. — Am 10. August war die Hitze so grob. dan wie beschlossen, einen Abeudspaziergang zu machen mit astrouomvuischen Studien und Debatten über sonst noch nicht erörterte Fragen. «»♦»♦»♦•♦♦»»»»♦»♦»»»»»»»»»»»♦»•»»♦♦•»♦♦♦♦♦♦♦♦♦»»»»»«»»»»♦♦»»fr jfj BÜCHERSCHAU jgj Ludwig Lewisohn: »Gegen den Strom", Eine amerikanische Chronik. Uebersetzt von Thea Wolf, Frankiurter Socictätsdruckerei G. m. b. H,, Frankfurt a. M, Dieses Buch ist ein Kulturdokument ersten Ranges, eine ebenso würdig-ernste, wie düstere Anklage gegen die politische Korruption und die gesellschaftliche Verlegenheit, gegen das beschämend niedrige Niveau des Geistes und des Herzens, und vor allem gegen den Antisemitismus in Amerika. Was sind gegenüber dieser eingehenden, wissenschaftlich-unanfechtbaren ■und nur auf objektiven Tatsachen und kühlen Beobachtungen beruhenden Darstellung der amerikanischen Zustände aus der Feder eines Gelehrten, der schon seit fast 40 Jahren in. Amerika lebt und dort seit Jahrzehnten Universitätsprofcssor ist, die journalistisch so überaus gewandten und niedlichen Amerikabücher etwa eines Ludwig Fulda, Hans Goslar, Alfred K e r r , Georg Hinrichsen! Nicht mehr als liebenswürdige, impressionistische Plauschereien über die nur einige Monate lang geschaute Oberfläche der Dinge. Diese deutschen Publizisten und Dichter glaubten, sich über Land und Leute in Amerika ein abschließendes Urteil bilden zu können, nachdem sie von Verwandten oder offiziösen Persönlichkeiten, an die sie Empfehlungen hatten, „drüben" höchstens „ein Semester" geführt worden waren. — Ach! sie sahen, um nüt Wilhelm Busch zu reden, immer bloß die Weste und nicht das Herz Amerikas! Das Urteil Berufener, wie z. B. das in dem kürzlich veröffentlichten Werk von S c h e f f - auer über die vereinigten Staaten lautet ein wenig anders! — Und ein biseben unerfreulicher! — Lewisohn erzählt sein Lehen, seinen Werdegang, die Odyssee seiner Seel.e und seiner Sehnsucht. — Seine frühe Kinderzeit verlebte er in Berlin. Sehr hübsch schildert er das jüdische Familienleben in seinem Elternhause, damals in der aufblühenden Residenz, die noch keine Weltstadt war, in der man mit der Pferdebahn noch durch den wildwestartigen Tiergarten nach der „Flora“ fahren konnte. Allein ein so geistig reges Leben in seinem Elternhause auch UNSERE RÄTSEL-ECKE Wir trage» einem wiederholt aus «nferem Leserkreis an uns gelangten Wunsch Rechnung und werden in jeder Nummer eine Rätselecke veröffentlichen. Di« Lösungen finden unsere Leser jeweils in der nächsten Nummer. Wir -Men» dab nnfere neue Einrichtung auf reges Interesse unserer Leser stoben wird, und dab diese unsere Arbeit durch Uebersendung recht hübscher Rätsel unterstützen werden. Wir wünschen zugleich, dab die Beschästigun» mit diesen Rätseln unsere Leser auch znm Nachdenken über jüdische Dinge anregen wird. Kreuzworlräffel. Wagerecht: 1. Herausgeber biblischer Geschichte; ± Tr'auermouat der Juden- 3. Lebensbund- 4. Gestalt aus dem Buche Ruth,- 3. luftartiger Körper; 8. Urahne: 7. Ort am „Toten Meer"; 8. Hebräische Zustimmung: g. König über Juda. Senkrecht: 1. Ort im Philisterlande: 2. männliche Gestalt aus der Genesis; 10. jüdische Königin; 11. jüdischer Ausdruck fiir Bösewicht: 12. deutsche Stadt; 13. jüdischer Borname: 14. jüdischer Reichstagsabgeordneter: 16. Mutter eines jüdischen Propheten,- 18. jüdischer Bolkssührer. Kammrätses. Die Buchstaben AAAAAAA, C, E, G, HHHH, Z Z I. L. M. N N, OO. %\ RR RR, S sind so in die Felder obcnstehender Figur einzusetzen, Latz die senkrechten Reihen der Reihe nach bedeuten: 1. Person aus dem 1. Buch Moses. 2. Jüdischer Vorname. 3. Prophet. 4. Alttestamentl. Land. 5. Bibl. Frauengestalt. Die oberste wagerechte Reihe nennt ein Fahrzeug aus dem alten Testament. (Auflösungen der Rätsel in nächster Nummer.) herrschte, — ein Idyll im Stile Jettchen Gebert s war das Dasein in den achtziger' Jahren in Berlin nicht! Bittere Not und Sorge ums tägliche Brot konnten zwar die seelische Größe der Mutter weder beugen, noch das Wesen des sehr unkaufrnännisch und idealistisch veranlagten Vaters ändern, der „am liebsten Kant las und Beethoven spielte," aber schließlich zwangen sie die Familie doch, nach Amerika auszuwandern, um dort das Glück zu suchen. Als etwa sechsjähriger Knabe kommt also Lewisohn nach Amerika, in ein kleines Städchen Südkarolinas. Auch hier findet die Familie nicht mehr, als nur eine ganz bescheidene und kümmerliche Existenz, und da sie ihr Judentum nicht verleugnet, und auch nicht verbergen kann, geht sic schließlich an einem nie offen ausgesprochenen, aber desto zäheren und nie zur Ruhe kommenden gesellschaftlichen Boykott zu Grunde. In dem „freien Amerika"! . . . Der Knabe Ludwig hat jedoch den glühenden Wissensdurst, der in den „ausgeruhten Köpfen" so mancher, jüdischen Kinder, deren Vorfahren Jahrhunderte lang geistig unterdrückt waren, wie ein lohendes Feuer brennt. Er arbeitet und studiert unablässig, Tag und Nacht, besteht alle Examina mit Auszeichnung, wird ein bekannter Schriftsteller, Gelehrter, Professor für deutsche und englische Philologie, Schreibt Bücher, die ihn berühmt machen. Und schließlich berufen ihn die ersten Universitäten des Lander als Lehrer an ihre Seminare. So oft jedoch eine ordentliche Professur frei wird, bedeutet man ihm achselzuchend: „Für diesen Posten wären Sie freilich sehr geeignet . . fja . . , mein Lieber, . . . wenn. Sie bloß nicht Jude wären!" — So immer wieder geschehen in dem „freien" Lande Amerika, an dessen New Yorker Hafeneinfahrt dem Europäer schon von fern die Göttin der Freiheit vergnügt entgegenwinkt! . , . Ludwig Lewisohn bleibt Outsider. Aber er wird nicht verbittert. Er hängt an seiner Heimat mit der erprobteren und tieferen Liebe des Enttäuschten und Zurückgestoßenen. Erst als er die geradezu bestialischen Aeußerungen der amerikanischen „Volksseele" während der Kriegspsychose miterleben muß, gegen die er trotz großen persönlichen Bekennermutes und eigener Gefahr nichts ausrichten kann, als er sieht, wie nach dem Kriege ein seelenloser Kapitalismus und verbohrtheuschlerisches Jingotum jede tiefere geistige Kultur unmöglich nachen, und das Land — trotz aller technischen Fortschritte — auf einen unglaublichen seelischen Tiefstand herabdrücken, da entringt sich ihm dies Buch voll Anklagen und Feststellungen! Bei diesen muß man nun allerdings zugeben, daß die sozialen und geistigen Unterdrückungen unter der politischen Struktur in Amerika tausendmal schlimmer sind, als die unsympatischsten Ausbreitungen des Monarchismus und Militarismus europäischer Observanz im 18, und 19, Jahrhundert bei uns. Man darf als eingefleischter Pessimist den europäischen Staaten ja ruhig eine ganze Menge Schlechtigkeiten Zutrauen, — solche Skandale jedoch, wie vor dem Kriege z. B der Rosenthal- Prozeß, (bei welchem die Polizei selbst einen Mord inszenierte), oder jetzt cIrr Affenprozeß in Dayton, in dem die amerikanische Obrigkeit, — unter dem Gelächter aller Gebildeten aus den anderen vier Erdteilen, — der Wissenschaft einen Maulkorb anlegen wollte. — solche .Affenskandale" sind bei uns doch wohl kaum möglich! Da gilt Goethes: „Amerika, du hast es besser!" wahrlich nicht! . . . Lewisohns Werk ist — wie erwähnt — kein Pamphlet, keine dialektische Geschraubtheit ä la Harden, nicht „die Rache des Enterbten," — sondern ein Buch aus überquellendem Herzen entstanden, voll heißer Sehnsucht, zu bessern und zu helfen; ln dieser Schrift wird der Ai^tor zur spezifisch jüdischen Erlöser- und Prophetengestalt, deren Ziel nicht schwächlicher Kompromiß mit der gegenwärtigen Weltordnung, sondern die Verwirklichung eines wehren neuen Reichs im Sinne allgemeiner Glückserfüllung, Humanität und Gerechtigkeit ist. Einen heiligen Kampf kämpft der Verfasser gegen das ewig unausrottbare Unrecht der menschlichen Gesellschaft, das in Amerika heute zum Teil widerlichere Formen angenommen hat, als bei uns Europäern, die wir — weiß Gott! — auch nicht auf Rosen gebettet sind. Der wahre Kulturschatz eines Volkes sind nicht seine Realien, sondern seine Imponderabilien. Und die amerikanischen sind nnch den Feststellungen unseres Autors wirklich nicht sehr achtungswert. „Die Thora der Yankees ist" um mit Kahn zu reden, „der Kurszettel und ihr Orakel die neuesten Telegramme über ihre Base-^ll-Matches," — Das Ziel Lewisohnschen Strebens ist u. a. auch, „daß die Amerikaner mit demselben Eifer, mit dem sie heute danach trachten, Kapitalisten guter Shares zu sein, lieber danach streben sollten, Kapitalisten guter Instinkte zu werden!" Damit hat es aber leider noch gute Weile. Vorläufig kann uns Europäern dieses Porträt von Amerika nur ein warnendes Beispiel sein, wie wir es bei uns nicht machen, wohin wir es nicht kommen lassen sollen! Von den politischen Befrachtungen Lewisohns ist mit die interessanteste die, in der er sich gegen äic überhand nehmenden Amerikanisierungstendenzen wendet, gegen die Bestrebungen, aus jedem Fremden in kürzester Zeit und mit den drakonischsten Mitteln einen „hundertprozentigen Yankee" zu machen. „Eine Assimilation, die durch öffentlichen Druck und amtliche Bevormundung geschaffen wird, kann nur eine Rasse ungeistiger Heloten züchten! Wir werden in öde Barbarei versinken! Jeder, der die Republik liebt, der jene Werte schätzt, die allein das Leben erträglich machen, muß den Deutschen und den Juden, den Lateiner und den Slawen bitten, sich seine kulturelle Tradition zu bewahren, sich vor den Uebergriffen einer neupuritanischen Barbarei zu schützen, — muß ihn bitten, sich nicht so weit herabdrücken zu lassen, daß er schließlich auch nichts anderes mehr ist, als noch einer in einer endlosen grauen Gleichförmigkeit!" Der geachtete Frankfurter Verlag, die „Societätsdruckerei1*, hat das Buch schön gedruckt und ausgestattet, Die Uebersetzung von Thea Wolf ist meistens flüssig und gut, nur an vereinzelten Stellen baut sie Monstra von Schachtelsätzen *(z. B, S. 220), die im Original wohl besser lauten, oder sie übersetzt Anglismen nicht ganz adaequat (S. 106.) Im allgemeinen glaubt man jedoch, gutes, im Original geschriebenes Deutsch zu lesen, . . . , und das ist das Rühmlichste, was man einer Uebersetzung nachsagen kann. Zur Lektüre empfehle ich schließlich noch den hübschen Aufsatz über Lewisohn und sein Werk, den der ausgezeichnete Amerika-Kenner C, A. Bratter am 19. April d. J. in der Vossischen Zeitung veröffentlicht hat. Dr. Ludwig Davidsohn -Berlin. 8. Dubnow, Weltgeschichte des Jüdischen Volkes, Band I Orientalische Periode: Von der Entstehung des Volkes Israel bis zum Ende der persischen Herrschaft in Judäa. Aus dem Russischen übersetzt von Dr. A. Steinberg. Jüdischer Verlag, Berlin. Die Erscheinung der deutschen Ausgabe der Dubnow’schen! „Weltgeschichte des Jüdischen Volkes" hat man gerade in döl Kreisen, die der hebräischen Ausgabe machtlos gegenüberstanden, mit großer Spannung erwartet, nachdem Duibnow’s Abhandlung: Die Jüdische Geschichte, ein geschichtsphilosophischer Versuch, zeigte, unter welchen Gesichtspunkten dieser Geschichtschreiber die Entwicklung des Judentums erfaßte und in welchem Sinne er „Jüdische Geschichte" betreibt. Die Erscheinung des 1. Bandes fällt in eine Zeit der geistigen Entwicklung der Judenheit wie sie vor Jahrzehnten noch nicht geahnt wurde. Die Epoche der auf »lost, Grätz und Zumz fußenden jüdischen Geschichtsschreibung, die in der Behandlung der mittelalterlichen und neueren Geschichte sich darauf beschränkte, einerseits das Leuchten des auch in. der Zer* Streuung leuchtenden jüdischen Geistes zu schildern, andererseits das Duldertum der jüdischen Gemeinschaft darzustellen, ist beendet, war aber notwendig, uni der Geschichtsschreibung als solcher das Material zu bieten für die Hcrausarbeitung der auch in der jüdischen Geschichte liegenden Gesetze völkischen und menschlichen Geschehens. Wenn Dubnow seine Geschichte vom rein nationalen Standpunkt aus schreibt, so ist das um so mehr zu verstehen, als seine ganze Geistesrichtung von der Entwicklung der russischen Judenheit bedingt und beeinflußt ist. Diese Einstellung kommt mit Recht der ersten Periode der Weltgeschichte des Judentums zugute, weil wir es hier mit einer reinen Volksgeschichte zu tun. haben, die ihre Quelle' fast allein in der Bibel hat. Wenn Dubnow auch außerbiblische; Gcschichtsquellen wie die Ausgrabungen in Aegypten, Mesopotamien und Palästina, den Kodex Hammurapi und die aramäischen Papyrie in Elephantine zur näheren Erklärung und. geschichtlichen Bewertung heranzieht, so ist die Grundlage seiner Geschichtsauffassung doch die biblische und er hält sich viel strenger an das Bibelwort als es z. B. bei Grätz der Fall war. Was in diesem ersten Teile besonders zu begrüßen ist, ist der klare, pragmatische Zusammenhang der einzelnen Teile dieser Periode und es wäre zu begrüßen, wenn gerade den Schülern der letzten Klassen der höheren Lehranstalten in diesem Sinne „biblische Geschichte" gelehrt würde. Dubnow behandelt in diesem Band den Zeitraum vom zwanzigsten Jahrhundert v, gew. Zeitrechnung (der Zeit, in der erstmalig nachweisbare Spuren des späteren Volkes Israel aufzufinden sind) bis zum Jahre 332 v. d. g. Z. Die Darstellung der ältesten Geschichte eines Volkes trägt große Schwierigkeiten in sich, die auch in dieser Darstellung nicht ganz überwunden sind, aber auch so lange nicht überwunden werden können, als wir nur auf Vermutungen angewiesen sind, zu denen der Geschichtsschreiber bei der biblischen Geschichte seine Zuflucht nehmen muß, wen» er nicht den dogmatisch-jüdischen Standpunkt einnimmt. Trotzdem kann man sagen, daß es Dubnow gelungen ist, uns ein einheitliches, lebendiges und abgerundetes Bild zu zeichnen. Seine Sprache ist klar, die Darstellung einfach und schlicht. Dankbar zu begrüßen ist es, daß der Verfasser in weitgehendem Maße eine Rekonstruktion der geistigen und materiellen Kulturen in den verschiedenen Epochen versucht. Was uns hierbei unangenehm berührt hat, das war seine Einstellung zu den einzelnen religiösen Problemen. Dubnow hat eben durch seine nationale Weltanschauung den Sinn für das Religiöse verloren. Dieser Band des Dubnow’schen Werkes macht uns auf die folgenden gespannt. Straßburger-Ulm. Bekanntmachung! Das außergewöhnliche Angebot im Anzeigenteil (100 Rentenmark in bar) ist kein Reklamescherz, sondern durchaus rechtsverbindlich. . > ... Oderich. Hamburg 1S.H

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