Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 35 (28.8.1925)
- Date
- 1925-08-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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I druck gebracht. So erlebte man das groteske Schauspiel, daß ein Umzug von 5000 uniformierten Jünglingen gegen die Abhaltung eines Kongresses protestierte, der seine Verhandlungen beinahe schon beendet hat. Aber die Jungen waren.befriedigt, einmal auf der Ringstraße exerzieren zu dürfen, ihre Anführer, pensionierte Habsburger Offiziere, konnten sich nach langer Zeit wieder öffentlich kommandieren hören, waren.also gleichfalls selig, bleibt nur die anständige Bevölkerung, die sich über die Haltuna der regierenden Partei noch immer höchlichst verwundert. Dieses Staunen spiegelt sich sogar in der christlichsozialen Provinzpresse wieder und das Grazer wie das Linker Organ fanden ganz energische Worte zur .Kennzeichnung des Vorgehens, zuerst Gäste einzuladen und dann gegen sie zu demonstrieren. Es gibt eben auch sehr fromme und gute Katholiken, die keine Ahnung davon haben, daß die österreichische Regierungspolitik gelegentlich uralten kirchlichen Dogmen Rechnung tragen muß — wenigstens symbolisch Das Wiener Kleinbürgertum hätte vielleicht, wie so oft so auch diesmal ihm unverständliche Handlungen seiner Erwählten geduldig hingenommen, Ta es aber diesmal nicht nur um schwer verdauliche geistige Probleme geht, sondern auch um materielle Interessen, weil nämlich der Schaden, den die Exzesse verursacht haben, auf 100—260 Millionen Kronen geschätzt wird, werden sich die bisherigen Stützen der christlichsozialen Partei, die Gewerbetreibenden, vielleicht doch um die Notwendigkeit anstrengenden Nachdenkens nicht herumdrücken und die nächsten Wahlen werden zeigen, ob sie sich auch zu der Parole bekennen werden: „Ich verwerfe, aber ich dulde!" Dr. Hugo Sviegler. Aus den Gemeinden Berlin. lA ö o p t i o n jüdischer Kinder.) Am 8. September d. I. vormittags 11 Uhr findet in Berlin, Rosenstraße 2—1, eine Besprechung über Adoptionsarbeit statt. Diese Besprechung wird vom Jüdischen Frauenbund einberufen. der dazu Einladungen an die einzelnen Adoptionsvermittlungsstellerk innerhalb des Jüd. Frauenbundes, an die beiden Jüd. Sammelvormundschaften in Frankfurt a. M. und Berlin, an die Zentralwohlfahrlsstelle der deutschen Juden und an einige Mütterunö Kinderheime, die sich besonders mit Adoptionsvermittlung befallen, hat ergehen lassen. Interessierte Stellen, die keine direkte Einladung erhalten haben, sind hiermit sreundlichst aufgefordert, sich an dieser Besprechung zu beteiligen. Vor allem richten wir diese Aufforderung an Vertreter jüdischer Wohlfahrtsämter, die zu dem Schulungskursus für soziale Arbeit, veranstaltet von der Zentralwohlfahrtsstelle vom 0.—9. September d. I. in Berlin sind. Meldungen erbeten an: Die Geschäftsstelle der Adoptionszentrale, Elberfeld. Genügsamkeitstrabe 7. Berlin. (I ü d i s ch e A r b e i t s v e r m i t t l u n g.) Da Arbeitsbeschaffung und Arbeitsvermittlung die beste Hilse für jeden arbeitsfähigen und in Not befindlichen Menschen ist. hat das .Kartell der meib l. Arbeitsnachweise. gegründet vom Jnd. Frauenbund, seine Arbeit wieder ausgenommen. Im Anschluß an die Delegiertentagung des I. Fr.-B. im November 1924 wurde die Geschäftsstelle des Kartells seit Februar dieses Jahres nach Elberfeld. Genügsamkeitstraße 7. verlegt. Aufgabe des Kartells ist. regelmäßig Listen Uber Angebot und Nachfrage von den angeschlvsscnen Vereinen und Arbeitsnachweisen entgegenzunehmen und mit diesen auszutauschen, um auf diese Weise die Vermittlung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmerinnen zu regeln und zu ernüchtern. Das Kartell will ferner Anregungen über gesetzliche Neuerungen geben, die Aussichten der einzelnen Berufe und Bernssmoglichkeiten. speziell für Jüdinnen, erforschen und weitcrgeben. Zur Zeit ist das Kartell an alle dem Jüdischen Frauenbund angeschlosienen Vereine herangetreten mit der Aufforderung/sich ihm anzuschließen. Schon in wenigen Tagen hat außer den bereits angeschlossenen sich eine Anzahl Vermittlungsstellen und Vereine in Erkenntnis der Aufgaben und Notwendigkeit des Kartells den Anschluß vollzogen. Gerade die heutigen besonders schweren wirtschaftlichen Verhältnisse machen Arbeitsnachweise und Arbeits- Vermittlungsstellen notwendig. Es geht deshalb an alle Stellen, die sich mit weiblicher Arbeitsvermit.llung. wenn auch nur in vereinzelten Fällen, befassen, der Ruf, sich dem Kartell anzuschließen. Der Mindestbeitrag, der die Unkosten decken füll, beträgt jährlich 10 M. Zur Zeit ist das Kartell damit beschäftigt, statistisches Material für die Gesund Heils- und sozial-hygienische Ausstellung (Gesolei) in Düsseldorf 1926 über die Berufsverteilung der jüdischen Frauen und M ä d -- chen zu beschaffen. Berlin. (Eine neue Tub er ku lose-H eilst ä t t e.) Bon der Indischen Tuberkulosefürsorge lArbeitsgemeinschaft. gebildet aus der Zentralwohlsahrtsitelle der deutschen Juden. G'oßloge für Deutschland, Jüd. Frauenbund. Zionistischen Vereinigung f. Deutschland, Deutsch-Israel. Gemeindcbund) wird uns mitgeteilt: Die letzte Sitzung der Arbeitsgemeinschaft „Jüdische Tuberkulosenfürsorge" beschloß die B e r e t r ft e l l u n g eines offenen Fonds, aus dem Zuschüsse für Tb.- Heilstättcnbehandlung zur Verfügung gestellt werden sollen. Zu diesem Fonds hat der JFB. die Zinsen seines Kapitals sür eine Tb.-Heilstatte in Höhe von 5000 M., die ZWSt. 30 000 M.. die Grotzloge 5000 M. bcreitgestellt. Der DJGB. stellte ebenfalls eine größere Summe in Aussicht. Zuschüsse aus diesem Fonds sollen vor allem solchen Fällen zugute kommen, für die ans lokalen (jüdischen und städtischen) Mitteln die Summe für eilie Heilstättenbehandlung nicht völlig aufgebracht werden kann. Im allgemeinen soll der Fonds Laher möglichst nur von kleineren und mittlerem Gemeinden in Anspruch genommen werden, mährend man hofft, daß die Großgemeinden auch weiterhin bestrebt sein werden, für die Fälle aus ihrer Mitte allein aufzukommen. Anträge auf Bewilligung von Zuschüssen sind ans sozialwirtschaftlichen mnd ärztlichen Fragebogen einzureichen, die demnächst von Der „Jüd. Tb.-Fürsorge" zur Ausgabe gelangen. Ueber die Bewilligungen aus Mitteln dieses Fonds wird den in der Arbeitsgemeinschaft vereinigten Organisationen regelmäßig Rechenschaft erteilt. Die Bewilligungen selbst erfolgen durch eine dreigliedrige Kommission, die aus den Vertretern des JFB., der ZWSt. und der Großloge lein Arzt) besteht. Ilm die für die Bewilligung eines Zuschusses notwendigen Vorarbeiten (Ermittlungen. ärztliche Untersuchungen. Eingaben an die Städtische Tuberkulosefürsorge etc.) zu leisten, ist die Bildung örtlicher Arbeitsgemeinschaften «zur Bekämpfung öcr Tb. unerläßlich. Die „Jüdische Tuberkulosefürsorge" wird die örtlichen Stellen, die die Tb.-Arbeit übernehmen. Litten, die von ihr entworfenen Fragebogen in allen Fällen bei Tb.-Erkrankungen zu benutzen (nicht nur, wenn es sich um Anträge an die „Jüüische Tuberkulosefürsorge" handelt), um dadurch statistische Unterlagen über Umfang und Art der Tb. unter den Juden »u bekommen. Die Vorarbeiten zur Errichtung einer Tb. - H e i l st ä t t e And noch zu keinem Abschluß gelangt. Es werden Verhandlungen betreffs eines Erholungsheims für tb.-gefährdete Kinder geführt (im Schwarzwald und an der Nordsee) und por allem sind Bestrebungen im Gange, um sm Schwarz? walü die Konzession für eine Tb.-H eilst ätt e zu erlangen. Eine Enquete, die die ZWSt. im Auftrag der ./Jüdischen Tuberkulosefürsorge" eingeleitet hat. ergab, daß in den letzten Jahren tb.-kranke Kinder verschiedener jüdischer Gemeinden nicht verichickt werden konnten, weil keine rituell geführte Db.-Heilstätte für Kinder besteht. Bei der Unterbringun« tb.-kranker Frauen spielte — nach den allerdings ziemlich lückenhaften Ergebnissen der Enquete — nur der Geldmangel, aber nicht das Fehlen einer H ei l - stätte ein« Rolle. (Das Heim in Nordrach gibt an. noch niemals wegen Platzmangel Fälle abqelehnt zu haben.) Nach diesen Ergebnissen sott die erste von der „Jüdischen Tuberkulosefürsorge" zu errichtende Heilstätte für tb.-kranke Kinder und Jugendliche eingerichtet werden. Wir bitten aber Gemeinden und Vereine, die andere diesbezügliche Erfahrungen in ihrer Praxis gemacht haben, -er „Jüdischen Tuberkulosenfürsorge", Berlin. Rosenstraße 2/4, Mitteilung zu geben. Berlin, lW e rb e spo r t fe st der „Bi s"). Am Sonntag. den 30. August 1925, veranstaltet die „Vis", die Vereinigung jüdischer Sportverbände ein Werbesportfest, dessen Erträgnisse der Errichtung eines Sportplatzes zugute kommen sollen. Zu den Wettkämpfen liegen zahlreiche Meldungen vor, so daß sich die Kämpfe interessant gestalten werden und ein Besuch sehr lohnend ist. Näheres siehe im Inserat der heutigen Nummer. Cassel. (60. Geburtstag von Tt; Lazarus.) Direktor Dr. Lazarus, der frühere Leiter des hiesigen Seminars. das im Jahre 1920 schon der Auflösung zum Opfer fiel, beging am 20. August seinen 66. Geburtstag. Ans diesem Anlaß wurden ihm aus den Kreisen seiner früheren Schüler von Bekannten und Freunden Glückwünsche übermittelt. Neben seiner beruflichen Tätigkeit, die sich heute auf die jüdische Volksschule erstreckt, hat Dr. Lazarus sich auch auf wissenschaftlichem Gebiete mit Erfolg schriftstellerisch versucht. Eine beachtenswerte Schrift über das Westfälische Konsistorium wurde ursprünglich in den Monatsheften für die Wissenschaft des Judentums veröffentlicht und erschien später in Buchform. Bei der Herausgabe des Lesebuchs für israelitische Volksschulen in Hessen ist er neben den verstorbenen Lehrern Amram in Borken und Oppenheim in Treysa in hervorragendem Maße beteiligt gewesen. Nach dem Ableben des Landrabbincrs Dr. Doctor hat er auch längere Zeit als stellvertretender Rabbiner fungiert. Cassel. (Eine neue Fürsorgerin.) Die Stelle einer Fürsorgerin in hiesiger Gemeine ist Fräulein Guttmann aus Worms übertragen morden. Außerdem ist die Anstellung zweier jüdischer Krankenschwestern geplant, die die Fürsorgerin bei ihren Wohlfahrtsbestrebungen unterstützen sollen. Cassel. (Die ä l t e st e jüdische Einwohnerin gestorben.) Dieser Tage starb die älteste jüdische Einwohnerin Cassels, Frau H. Heinemann im 94. Lebensjahre. Trotz ihres selten hohen Alters war die Verewigte bis wenige Wochen vor ihrem Tckde geistig rege, wenn auch körperliche Gebrechen sich in zunehmendem Matz« bei ihr bemerkbar machten. Cassel. (E in Veteran von 1870/71 g cst o r ben.) Im 83. Lebensjahre verstarb der Kaufmann Hermann Engelbert, der sich in Geschäfts- und Bürgerkreisen allgemeiner Wertschätzung erfreute. An «dem Deutsch-französischen Kriege hat der Verstorbene als Frontkämpfer teilgenommen, wie auch fein Großvater zu den Teilnehmern der Freiheitskriege 1813/14 gehörte. München. (Amtsjubiläen.) Herr Oberlandesgcrichtsrat Dr. Alfred Nenmeyer, Präsident des Rats des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden und Vorsitzender der israelitischen Kultusgemeinde München, sieht auf eine nunmehr dreißigjährige Tätigkeit als bayerischer Richter zurück. Herr Kommerzienrat Sigmund Frankel blickt auf eine nunmehr 25 jährige Tätigkeit in der Handelskammer zurück, der er nun auch seit langen Jahren als Vizepräsident . vorsteht. Naumburg (Tod des Kantors Grünstein). Im75. Lebensjahre verstarb der Lehrer und Kantor der hiesigen Gemeinde. Herr L. Grünstein. 31 Jahre hat er sich die Förderung des religiösen Lebens angelegen sein lassen und trotz der bescheidenen Einkünfte, die ihm das Amt des Religionslehrers in kleiner Gemeinde einbrachte, im steten Einvernehmen mit allen Ortseingesessenen gelebt. In einem ehrenden Nachruf, der seine Pflichttreue und Freundlichkeit hexvorhcbt, gedenkt der Vorstand des treuen Beamten. Rothenburg. (Aenderunq im Vorst eheramt.) Der vor Jahresfrist gewählte Vorsteher der hiesiges Gemeinde, Fabrikant Siegfr. Katzenstein. hat sein Amt wegen Ueberlastuna mit beruflicher Arbeit niedergelegt. Bis zur Neuwahl wird der zweite Vorsteher. Herr Brandes, die Leitung der Gemeindcangelegenheiten übernehmen. Saarbrücken. (Jüdische Vaterlandsliebe.) Daß die Juden an der Grenzmark, im Saargebict. in keiner Weise ihren Brüdern im unbesetzten Deutschland nachstehen mid sich an Vaterlandsliebe und Anhänglichkeit an Deutschland von niemandem übertreffen lassen, bewies der erhebende Verlauf der Jahrtausendfeier im ganzen Saargebiet und insbesondere in Saarbrücken. Es fand ein feierlicher FestgotteSdienst in der Synagoge statt. Rabbiner Dr. Jacob hielt die Festpredigt. Im Anschluß an das Wort des Propheten Jeremia: „Suchet das Wohl des Landes, in das ich Euch geführt habe und bettet dafür zu Gott, denn in seinem Wohl liegt Euer Wohl", zeigte er, was der Rhein dem deutschen Volke bedeutet als ein herrliches Gut der Natur, der Kultur und der Geschichte. Am Rhein haben sich Deutschtum und Judentum, die sich in vielem verwandt sind, gefunden und verbunden. Ern Symbol dafür ist, däß viele der schönsten und beliebtesten Rheinlieder von Juden gedichtet sind. Der Redner schloß mit dem Wunsche, daß der Rhein nicht der Schauplatz eines neuen Krieges werden möge, sondern eine Brücke darstellen soll zwischen den großen Nationen Europas. «Rhein und Saar ewiq deutsch." In dieses Gelöbnis der Iahrtausendfeier stimmen auch die Saarbrücker Juden freudig ein. Die jüdischen Einwohner beteiligten sich durch Ausschmückung ihrer Häuser, sowie ganz besonders durch sehr schöne Srhanfensterdekorationen und festliche Beleuchtung während der Nacht in hervorragender Weise am Verlauf des Festes. Uelzen. (Selma Bachenheimer gestorben.) Nach schwerem Leiden ist Frau Selma Bachenheimer. die treue Lebensgefährtin unseres Lehrers H. Bachenheimer. verstorben. Mit ihr ist eine durch echte Frömmigkeit und vornehme Charaktereigenschaften ausgezeichnete Frau, eine Esches chajil im wahrsten Sinne des Wortes, eine hilfsbereite Freundin aller Bedrängten und Ratsuchenden von uiks gegangen. Ihr Ableben hat in allen Kreisen der Gemeinde lebhafte Anteilnahme geweckt, was nicht zuletzt durch das stattliche Trauergesolge bestätigt wurde, das ihr Montag nachmittag auf dem lebten Wege zum Gottesacker das Geleit gab. Landrabbiner Dr. Lewinsky. Hildesheim, der im Tranerhause und am Grabe sprach, entwarf ein lebenswahres Bild der Entschlafenen, die sich in allen Kreisen hiesiger Bevölkerung wegen ihres sympathischen Wesens großer Beliebtheit erfreute. Ein treues Gedenken bleibt ihr bei allen, die sie schätzen und lieben lernten, gesichert Ulm. (Ein geschichtlicher Fund.) Bei Einebnungsarbeiten auf dem Juden Hof wurden von Arbeitern 25 Zentimeter unter der Oberfläche drei Rollen Silbermünzen gesunden, die ungefähr 700 Münzen enthielten. Da die Geldstücke mit Grünspan überzogen und teilweise angefressen waren, wurden die Fundstücke zum Teil wieder weggeworfen oder verschenkt. Es gelang aber unter Zuhilfenahme der Polizei, noch 93 Stück für die städtische Sammlung zu retten. Diese Münzen (sog. Brakteaten-Dirnnblechlinge) tragen alle auf der Vorderseite in einem Kreis eine Hand eingeprägt. das Wappen von Hall, woher der Name Heller kommt. Da bei den Münzen das durch das Mstnzedikt von 1356 angevrdnete Münzzeichen (das Zeichen für den Ort der Herstellung) fehlt, ist es sicher, daß die Fundstücke aus der Zeit von 1356 stammen. Ob sic in Zusammenhang zu bringen sind mit der Judenniederlassung auf dem Judenhof, ist nicht feststellbar. Wesermünd e-Lehe. sBau einer Leichenhalle.) Die jüdische Gemeinde bringt einen seit langem gehegten Plan zur Ausführung und läßt zurzeit auf ihrem Fried- Hofe an der Svadener Straße eine geräumige Leichenhalle erbauen. Wolfhagen. (Ein erfreulicher Freispruch.' 28 jüdische Bewohner unseres Ortes waren angeklagt, voi etwa zwei Jahren Mitglieder des Jungdeutschen Ordens überfallen und verprügelt zu haben. Wegen schweren LandfricüenSbruchs hatten sich 18 Bewohner und wegen Anstiftung hierzu vier weitere Mitglieder der jüdischen Gemeinde vor Gericht zu verantworten. Drei Beschuldigte wurden von der Strafkammer in Cassel frei gesprochen, weil nach den Worten des Vorsitzenden in der Urteilsbegründung auch nicht der Schimmer eines Beweises in der Verhandlung erbracht worden sei. Auch bei der vierten Angeklagten, Frau Paula Giesberg, die s. Zt. wegen Krankheit nicht vor Gericht erscheinen konnte, gegen die daher erst kürzlich verhandelt wurde, stellte sich nicht der geringste Anhaltspunkt einer Schuld heraus. Vielmehr wurde vom Gericht ermittelt und betont, daß Frau Giesberg erst einige Stunden nach dem Vorfall von den Geschehnissen Kunde erhielt. Es erfolgte daher auch in diesem Falle kostenlose Freisprechung. Tie Gerichtskosten hat die Staatskasse zu tragen. Rechtsanwalt Dr. Marx, Frankfurt, hatte die Verteidigung aller Angeklagten übernommen. Bei der stark antisemitischen Einstellung der hiesigen Einwohnerschaft ist der mit der Rehabilitierung aller jüdischen Angeklagten ve-, schlossene Prozeß mit großer Genugtuung zu begrüßen. Der jüdische Sprechsaal, Zum Sabbatgottcsdienst Aus den verschiedenen Ausführungen zum Sabbatgottesdienste ergibt sich zweifellos, daß ein entsprechender Gottesdienst am Sonntag nicht beliebt, ja nicht gewollt ist. Zwiefach sind die Gründe, aus welchen so viele am Sabbat dem Gottesdienste fern bleiben. Einmal all diejenigen, welche in Diensten anderer stehen und unmöglich frei sind, oder in ihrer Berufstätigkeit tatsächlich unabkömmlich sind: sodann eine wohl beträchtliche Zahl solcher, welche teils ans religiöser Gleichgültigkeit oder aus'Bequemlichkeit zurückbleiben. Die einen können nicht, selbst wenn sie wollten: die anderen wollen nicht, obgleich sie können. Aber durch noch so tiefgründige mit den schönsten Worten ausgeschmückte Belehrungen wird man h»um eine Aendernng resp. Besserung herbciführen. Die Synagogen kdären sonst ja übervoll von Besuchern, wenigstens im Hochsommer, wo der Freitag- Abendgottesdienst erst um 7 oder 7X- Uhr beginnt. Lohamidrosch ikkor. eloh hamasseß. Nicht die Belehrung ist das Fundamentale, sondern die Tat. — Aber wir? — Hier entsteht für die jüdikch-liberalen Jngendvereine eine befreiende, hochbedeutfame Aufgabe für unsere Frage. Ein jedes Mitglied der jüdisch-liberalen Jugendgemeinde übernehme beim Eintritt in den Verein die Pflicht, möglichst an jedem Freitagabend zu einer allgemein beliebten, festgesetzten Zeit zum Gottesdienste zu erscheinen. Dies muß unerläßliche Vereinspflicht sein. Jede Vereinigung verlangt von seinen Mitgliedern unbedingte Pflichten und die Mitglieder der I ü d i sch e n liberalen Jugend vereine müssen eine solche religiöse Pflicht betätigen wollen. Betätigen wollen und diesen Willen, der doch religiös wahrhaft begründet ist. auch in die Tat Umsetzen. Gebeipflicht erkennt doch jeder Jude an, auch der wahrhaft liberale: ebenso Sabbatheiligung. sei es auch nur, oder wenigstens, weil für viele kaum anders möglich, am Freitagabend. Vesser doch wenig als nichts. In diesem Gottesdienste, der, weil zu einer anderen Zeit, außerhalb des Gemeindegottesdienstes st-attfindet. mögen die Beter selbst die Responsen sprechen resp. singen, ein-, höchstens zweistimmig, wie es so vorbildlich Lewandowski im Kol reimoh utfillah gestaltet hat — Gemeindegesang. — Gin jeder sei mittät.ia und der .Synagogenchor ist entbehrlich, nicht die Orgel. Jeder Rabbiner wird, nicht etwa aus Pflicht, vielmehr selbstwillig, sehr gern bereit sein, bei diesem Gottes? dienste durch Predigt oder Bibelerklärung religiöses Empfinden unö religiöse Belehrung zu wecken und zu fördern. Jeweils vor und nach der Predigt werde ein Psalm — deutsch — oder ein Preütgtlied gesungen. Wenn ich zur Förderung der Sabbatfeier, soweit es unter gegebenen Verhältnissen irgendwie möglich ist, ganz besonders die Jugend und hier die jüdisch-liberale Jugend zur Tat ausgerufen habe, so folge sch hierbei der Forderung, die unser Lehrer Mose ausgestellt hat. Als Pharao zu wissen verlangt hat. wer zum Gottesdienste in die Wüste gehen solle, antwortete Mose: „Binure'nu Ubiskenenu nelech." „Mit unserer Jugend und mit unseren Alten wollen wir gehen. Er stellte die Jugend voran. Die Jugend war es auch, welche die Hindernisse und die Mühen der Wandernna durch die Wüste überstanden hat und ins gelobte Land cinziehen. es erobern und besitzen durfte. Vielleicht ersteht auch unseren jüdisch-liberalen Jugendvereinen ein Mose, der ihnen tatkräftig zürnst: N'urenj». nelech! Wir. rüdisch-liberale Jugendvereine, wollen vorangehen'. — R. Abel. Lörrach. Was mich für die höhere jüdische Schule einnimmt Die jüdische Schule ist zum Schibbolet der Parteien geworden . Auch innerhalb des liberalen Judentums bat sto ihr Für und Wider erlebt. Dennoch glaube ich, daß die jüdische Schule, sowohl die Volksals auch die höhere Schule, kommen wird und muß, weil sic besonders in der heutigen Zeit religiöser Abkehr und Indifferenz ein Lebens element des religiösen Judentums bedeutet. Was mich an den Ausführungen des Herrn Dr. Pinn am meisten .befremdet, ist die Annahme, daß jüdische Religiosität ohne religiöses Elternhaus auch in der jüdischen Schule nicht geweckt werden könne. Diese Annahme besteht zu Recht, soweit es sich um die Religionsschule und den bisherigen zwei» stündiqen Religionsunterricht in der Woche bandelt Von der jüdischen Schule versprechen wir uns aber gerade, das sie VaS Elternhaus religiös beeinflussen wird. Was in der Religionsschule für das jüdische Kind oft nur bloße Tbeorre. ein Thema des Unterrichts, ein Körper ohne Seele bleibt, das wird in der jüdischen Schule doch von selbst zur vra»