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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-08-28 · 35 (28.8.1925) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
35 (28.8.1925)
Date
1925-08-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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5. Jahrgang Nummer 35 Beilage 28. August 1923 Die jüdische Gegenwart Die Juden in China. Die Jüdische Telegraphen-Agentur brachte vor kurzem die Nachricht, daß der dänische Forschüngsreisende Dr. Holm das Denkmal der nestortanischen Christen in Hstnganfu nach Europa (Rom) überführt und nach seiner Rückkehr aus China über die Auffindung einer alten jüdischen Kolonie in Kaifongfu (am Hoangho, in der Provinz Honanj berichtet hat. Der bekannte China-Forscher Oberst Gudowius berichtet nun über die Geschichte der jüdisch. Siedlung in China folgendes: „Das Bestehen der Jüdischen Gemeinde in Kaifongfu war bekannt. Sie bildet den Rest einer einst großen jüdischen Kolonie. Nach jüdischer Ueberlieferuna und den Forschungen der chinesischen Jesnitenmission müssen die ersten Juden um 70 n. Chr. auf dem Landwege über Samarkand eingewandert sein — anscheinend aus Persien, worauf zahlreiche persische Worte in ihrer Sprache und Literatur, sowie vielfache Anklänge an persische Gebete in ihren Gebetbüchern schließen ließen. Während des Mittelalters breiteten sie sich sehr aus: es gab zahlreiche Gemeinden im ganzen Reich, deren religiüser und geistiger Mittelpunkt sich in Kaifongfu befand. Dort wurde im 12. Jahrhundert eine Synagoge erbaut, die später noch mehrfach vergrößert worden ist. Verschiedene der berühmten Reisenden des Mittelalters, z. B. der Araber Jbn Batuta und der Venezianer Marco Polo» berichteten über die chinesischen Juden, über ihre beträchtliche Zahl, ihren Wohlstand und zeitweisen politischen Einfluß. Noch im 15. Jahrhundert aab es eine Menge jüdischer Gemeinden — außer in Kaifongfu auch in Hangchou, Ningpo und anderen Städten Südchinas. Bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts war ihre Existenz — trotz der Reisebeschreibung Marco Polos — dem europäischen Judentum unbekannt. Erst durch die eingehenden Berichte der Jesuiten, die sich von Anfang an aus wissenschaftlichen Gründen für die indischen Gemeinden interessierten, drang die Kunde nach Europa. Verschiedene namhafte Jesuiten haben im 17. und 18. Jahrhundert Kaifongfu besucht, um sich über die dortigen Juden, ihren Glauben. Kult und Sitten -u orientieren, und sind mit ihnen in geistigen Verkehr getreten. Aus ihren Berichten ergab sich, daß die Juden nur noch geringfügige Kenntnisse im Hebräischen besaßen, trotzdem sie noch im Besitz zahlreicher hebräischer Urkunden waren: auch die Lehren und Erzählungen des Alten Testa, ments waren vielfach in Vergessenheit geraten — ihr Kult allerdings war unverändert geblieben. Seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts setzte ein immer stärker werdender Verfall der jüdischen Gemeinden ein, was wohl in der Hauptsache auf die Verarmung der Gemeinde in Kaifongfu, ihres geistigen und kultischen Mittel- Punktes. zurückzuführen ist. Die Lockerung des geistigen Zusammenhanges hatte die religiöse und schließlich auch rassenmäßige Aufsauguna des Judentums durch das Chinesentum AUx Folae. Die gänzlich verarmte und zahlenmäßig auf wenige hundert Juden zusammengeschrumpfte Gemeinde in Kaifongfu verzichtete nach der letzten großen Ueberschwemmung 1848 und den furchtbaren Verheerungen des Jaiping- Aufstandes auf einen Wiederaufbau der Synagoge, deren Platz nur noch durch einen, das jüdische Besitzrecht anzeigenden Gedenkstein bezeichnet wurde. Nack verschiedenen vergeblichen Versuchen namhafter abendländischer Juden, mit der jüdischen Gemeinde in Kaifongsu in Verbindung zu treten, kam eS 1900 in Schanghai zur Gründung einer Gesellschaft zur Rettung der chinesischen Juden, der es 1601 gelang, eine Anzahl jüdischer Männer aus Kaifongfu nach Schanghai zu ziehen. Das Schicksal der jüdischen Kolonie in China ist nicht nur in religiöser Beziehung, sondern auch rassenbiologisch interessant und bedeutungsvoll. Alle fremden Völkerbestanüteile in China — ob sie nun auf friedlichem Wege eingewandect oder als Eroberer gewaltsam eingeörungen — sind, sobald eine Rassenvermischuna eintrat, dem Chinesentum erlegen und von ihm fast spurlos aufgesogen worden. Selbst die rassezähen Juden bilden keine Ausnahme: die Bilder der nach Schanghai gekommenen Kaifongfuer Juden, die äußerlich völlige Chinesen geworden waren bis auf die Zopftracht, zeigen nur bei einem einzigen noch einige jüdische Rassenmerkmale. Baron Rothschilds 80. Geburtstag. Baron Edmond de Rothschild, der große iüdische Philantrop und Begründer der jüdischen Kolonisation in Palästina, ist am 19 August ü. I. 80 Jahre alt geworden. Der Jubilar beging Liesen Taa im Kreise seiner Familie in stiller Zurückgezogenheit. Die französische Judenheit nahm Anteil an dieser Feier: im Rothschild-Hause sind an diesem Tage zahlreiche telegraphisch und brieflich übermittelte Glückwünsche der jüdischen Gemeinden. Rabbiuate und Organisationen eingelaufen. Jüdisches im Rundsunk. Wir hatten seinerzeit von der ersten jüdischen Rundfunkpredigt berichtet, die von Herrn Rabbiner Dr. Caesar Seligmann, Frankfurt a. M., vor dem Frankfurter Sender gehalten wurde. Leider ist diese Predigt nur ein einmaliges Ereignis geblieben. Am Mittwoch, den 26. August, brachte das Waghalter- Ouartett im Abendprogramm des Berliner Rundfunks ein Streichquartett über hebräische Melodien von Paul Ertel s„Hebraikon"j zu Gehör, das aus alle Hörer den tiefsten Eindruck hervorgerufen haben dürfte. Besonders gefielen Variationen über eine bekannte Pessachmelodie. Paul Ertel, der auch mit mehreren Opern hervorgetreten ist. gehört zu den Neuromantikern. Er lebt als anerkannter Musiklehrer und Komponist in Berlin Bei dieser Gelegenheit darf wohl ein Wunsch ausgesprochen werden, zu dessen Verwirklichuna sich die Rundfunkgesellschaften nötigenfalls mit dem Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden in Verbindung setzen könnten. Allsonntäglich findet in dem Programm der verschiedenen Sendegesellschasten eine religiöse Feierstunde statt. Hierbei wechselt zumeist ein Gebet oder ein religiöser Gesang mit einer Predigt ab, die immer von evangelischen Pfarrern gehalten wird. Zahlreiche Runöfunkhörer. nicht nur solche jüdischer Konfession, würden es sicherlich dankbar begrüßen, wenn der Rundfunk eine gleiche Feierstunde am Freitagabend verbreiten würde, bei der jüdische Gesänge und Gebete mit einer kurzen Ansprache eines Rabbiners abzuwechseln Härten. Wiener Brief. „Ich verwerfe, aber ick dulde!" Diese päpstliche Formel, die ein Kompromiß zwischen der Forderung eines judenseindlichen Dogmas und den finanziellen Bedürfnissen des Kirchenstaats zum Ausdruck brachte, bildet das Motto der christlichsozialen Parteipolitik' gegenüber dem Zionistenkongresse. An den geraden Tagen fand das klerikale Parteiorgan, daß der Kongreß eine Kundgebung des „jüdischen Siegertriumphes" sei. zitierte aus dem päpstlichen Blatte Italiens das Märchen. daß die Juden in Palästina die Kreuze von den Gräbern der christlichen Söldaten entfernen, und schürte mit allen Mitteln den Haß gegen die Kongreßgäste. Hie ahnungslos die ihnen von den regierenden Parteigenossen der Hetzjournalisten angebotene Gastfreundschaft genießen wollten. An den ungeraden Tagen aber aab es offiziöse Parteiproklamationen, die betonten, daß der christlich-soziale Antisemi- . tismus sich beileibe nicht gegen die Zionisten richte, sondern gegen die Ueberheblichkeit der liberalen und sozialdemokratischen Juden. Die Bevölkerung, durch solche Schwankungen total desorientiert, glaubte ein Jntriguenspiel des ehemaligen Bundeskanzlers Dr. Seipel gegen den jetzigen Leiter der Staatsgeschäfte Dr. Ramek zu erkennen. was aber von der Parteileituna mit gutem Gewisses dementiert werden konnte. Dr. Seipel hätte es als Parteiobmann wirklich nicht nötig, etwaige Gelüste nach dem Regierungspräsidium durch Jntriguen. die die Straße mobilisieren, zur Geltung zu bringen. Der tatsächlich ausgebrochene Konflikt spielte sich nicht zwischen ihm und seinem Nachfolger ab. sondern — in seiner eigenen Brust. Je nachdem, ob gerade der päpstliche Protonotar oder der österreichische Mandatar in ihm die Oberhand gewann, waren die Kundgebungen seiner Partei und Zeitungen kongreßfeindlich oder kongreßsreundlich In diesem merkwürdigen Dilemma verloren, wie alle anderen politischen Faktoren, auch die Polizei und die Hakenkreuzler ihre Orientierung. Als diese, ermuntert von einem gerade besonders heftigen antisemitischen Anfall des Regierungsblattes, zu einem großen „Bolkstag" rüsteten, zu dem Teilnehmer aus ganz Oesterreich, ja auch aus Ungarn und Deutschland herangezogen wurden, fühlte sich der Polizeipräsident von einer am nächsten Tage im selben Organ publizierten Aufforderung zur Objektivität gegenüber dem Zionistenkongretz ermutigt, die Hakenkreuzlerkundgebung einfach zu verbieten. Das war taktisch nicht sehr klug. Denn die überraschten Hetzer, die es nach ihrer wochenlangen Kampagne gegen den Kongreß einfach ihrem Prestige schuldig waren, etwas zu unternehmen, hätten sich sehr gern auf dem geplanten „Volkstag" mit tönendem Redeschwall und anschließendem Umzug auf öer Ringstraße beschieden. Durch das polizeiliche Verbot waren sie direkt gezwungen, die wilden Männer zu spielen. Sie taten dies, indem sie zunächst heldenhaft jede Verantwortung für das Kommando ablehnen zu müssen erklärten und dann die unreifen Jungen, die ihr Hauptgefolge bilden, gegen die Polizistensäbel hetzten. lieber 100 Verhaftete und viele Verletzte, darunter distinguierte Ausländer, waren das Opfer dieser Prestigepolitik. Auch. ein paar Kassechausfenstex wurden zertrümmert. Die Kaffeesiedergenossenschaft ißtevvenierte beim Polizeipräsidium, wo ihr aber der ärgerliche' Bescheid zuteil wurde, sie mögen sich an die Parteien wen'< den, die die Straßentumulte auf dem Gewissen haben. Dicstz Aeußeruna brachte die christlichsoziale Parteileituna in Harnisch, da sie offenbar lieber dem Vatikan als den eigenen Wählern Rechenschaft ablegt Dr. Seipel erschien daher in höchst eigener Person beim Polizeipräsidenten und führte Beschwerde über das allzu scharfe Vorgehen der PolizA gegenüber jben Demonstranten. Die Herren einjqten fm schließlich dahin, daß die Verhafteten wieder in Froheit g» setzt wurden. Gleichzeitig'würde'den Hakenkreüzletn AM Haltung ihres „Volkstags" gestattet. Von dieser Erlaubnis wurde mit Freuden Gebrauch gemacht und die Dankbarkett gegenüber der Polizei durch besondere Gesittuna zum'Aus- Haß als Kullurmesser und Erzieher. Von Hedwig Ries, Nikolassee. Haß ist unter allen Leidenschaften des Menschen die ungöttlichste. Er verkleinert den Menschen, vergiftet seine Seele, löscht den Funken des Himmels aus. macht ungerecht und treibt zu verbrecherischen Taten. Aber nicht nur der Hassende, sondern auch der Gehaßte erleidet Trübungen seines Seelenlebens, Anreguna zu häßlichen Taten und Gesinnungen, Verbitterung und Erniedrigung. Haß erzeugt Gegenhab und Rachegelüste. Dies um so gewaltiger, je näher der Mensch den Instinkten der Natur steht, je weniger Kultur in seinem Blute lebt. Ja. die Empfindungen und Handlungen der Gehaßten sind geradezu ein Kulturmaßstab: Sage mir. wie du auf Haß reagierst, und ich werde dir sagen, wer du bist. >> Es zeugt von einer fast übermenschlichen sittlichen Höhe, daß der Jude. — als Gesamtheit aufgefaßt. Einzelfälle ausgenommen, — nicht haßt und nicht ans Rache sinnt, obgleich er, der Grausamkeit und Ungerechtigkeiten wegen, die seit Jahrhunderten an ihm begangen wurden und noch begangen werden, allen Grund dazu hätte. Und es zeugt, als Gegenstück, von außerordentlich niedrigem sittlichen Niveau, wenn das „völkische" Deutschtum, aufgepeitscht durch das Unglück des verlorenen Krieges und den Sturz von geschichtlicher Höhe, den Haß der Völker in blinden Rachedurst grimmig erwidert, und daß es den Haß gegen die Sieger in seiner vergifteten Seele auch auf den geschichtlichen Prügelknaben, den Juden, überträgt, der einer wehrlosen Minderheit angehört. An ihm wird nur der Fluch des Hasses lebendig, nicht aber der Segen desselben. Denn der Haß ist auch ein großer und strenger Erzieher. Er, soll die Sehkraft des Kurzsichtigen schärfen, ihm den Spiegel Vorhalten und zum Nachdenken über sich selbst und die eigenen Fehler anregen. Wir Juden wollen uns dem Segen des Hasses hingeben. Wir wollen uns und unsere Kinder zu möglichst vollkommenen und gesitteten Menschen erziehen und damit, immer höher hinaufsteigend, aus unserer Mitte heraus den Menschentyp schaffen helfen, der einst die Welt erlösen soll. Nur so trägt Haß als Erzieher zur Höhenluft. Den Staubschluckern aber verschüttet er Einsicht und Selbsterkenntnis. bläht sie auf zu Uebermut und Ueberschätzung ihrer Kraft und ihres Wertes. Die edle Gelassenheit, mit der Gehaßte den Haß ertragen, die trauernde Verachtung vnd das mutige Abwehren der Folgen des Hasses, erblüht aus dem Bewußtsein sittlichen Wertes und auS dem Glauben an den endlichen Sieg des Guten, des Rechts, öer Wahrheit und Gerechtigkeit. Nationalismus. Von Hans MargoliuS. „Du fährst mit einem Eisenbahnzuge ... in einen nüchternen Bahnhof ein. wie er an jedem gleichgültigen Punkte Europas stehen kann . . .. und an der BahnhofSmauer stehen die Silben: Jerusalem. Und ein ungeheurer Taumel, «ine tiefe Verwirrung fällt über dich, das Brausen zahlloser Stimmen, das Brausen von drei Jahrtausenden." Und du betrittst das heilige Land einer ewigen Sehnsucht, I den Grund und Boden stolzester Erinnerung, — und über den Trümmern der Vergangenheit, von Zion, vom Sinai, vom Jordan her grüßt dich der Ruf einer neuen Jugend, über den alten Stätten „Palästina" der Atem und die Blüte einer neuen werdenden Welt. Wer wollte dem Heldentum dieser Menschen Bewunderung und Ehrfurcht versagen'? Wer wollte ihnen, die in nüchtern ernster Arbeit, aller Mühsal und Gefahr zum Trotz, auf dem Boden ihrer Väter heut ein neues Reich erbauen, wer wollte dem Mut, dem Stolz, der Hoffnung ihres Tuns nicht liebend begegnen? Aber vielleicht — vielleicht sollten wir mißtrauisch sein. Und wer mag es verdenken, wenn wir wirklich mißtrauisch sind — noch nickt ein Jahrzehnt nach der großen Enttäuschung des Krieges? Mißtrauisch gegen jede Art von „Vaterländerei" und Nationalismus, gegen jegliches Heldentum im Dienst einer völkischen Sache! . - Dr. Hugo Hermann veröffentlicht in Prag „Reiseeindrücke aus Palästina": „Eine werdende W e Ich habe gern in diesem Buch gelesen: denn es atmet selbst ein wenig von der Begeisterung der schaffenden Jugend in Palästina, von jenem ernsten klaren Pathos der Chaluzim, das sich selten in berauschtem Wort verliert, das sich ganz in nüchterner Arbeit und sachlicher Betrachtung gibt und doch an tausend Stellen die Triebkraft heilig glühender Liebe verrät. Auch Hermanns Buch acht nicht auf in begeistertem Lob des Gesehenen, in schwülstiger Vathetik vor erreichten Erfolgen. Er bleibt noch einer jeden Gegebenheit gegenüber der ernste Betrachter, der sachliche Kritik und ehrliche Rechenschaft will, daß er damit sich nicht in hloßen Bericht und ökonomische Nüchternbeiten verliert, daß in aller sachlichen Betrachtung ein iedes Wort noch den Atem freudigen Stolzes und innigster Liebe trägt, das macht den besonderen Wert seiner Darstellung aus. Ist damit unser Mißtrauen zum Schweinen gebracht? Wir haben vielerlei Einwände gegen das neue iüdische Reich in Palästina: religiöse und praktisch-politische und den großen unseres natürlichen Zugehörens zum Volk unserer Heimat. Von allen diesen soll hier nicht gesprochen sein. Aber, wie dieses Buch von Hermann selbst vom ..ver sacrum' der jüdischen Jugend in Palästina spricht, vom Opferdienst und Heldentum ihrer Arbeit — ganz so, wie in den Tagen des Krieges vom Leben unserer Soldaten die Rede war, da drängt sich vor allem anderen besonders fene Skepsis auf. dir der Krieg jeder völkischen Sache gegenüber gelehrt hat: Ging nicht auch damals das Wort von der „heiligen" Angelegenheit des Volkes, vom Opfer für das „Vaterland", vom „gerechten" Kamps für Leben und Knlturbcstanö des Reiches? Und am Ende — waren es nur Notwendigkeiten der RohstofsbeNtze! — Sollten vielleicht nicht am Ende auch hier die heiligsten Namen der Menschheitsgeschichte gemißbraucht sein für irgendwelche Dinge von R o h st o f f b e s i tz? Und alles Heldentum und aller Opfer, dienst und alle liebende Begeisterung — im Namen des *) Hu go Herrmann: Eine werdende Welt. Relseeindrücke aus Palästina. Prag 1925. Halbl. 3,50 M. „Volkes der Bibel", im Namen „Jeruschulajim" — zuletzt für das Nichts eines neuen politischen Gebildes? Gibt cs nichts Besseres zu tun, als Parlamente, Präsidenten, Ministerien aus dem Boden zu stampfen? Und dies wäre selbst noch das B e st e. was erreichbar ist: ein neuer jüdischer Staat! Wozu einen neuen Staat? Oder ein Volk'? Gesetzt, daß das möglich wäre, eine bewußte Volksgemeinschaft zu machen, sollten wir es nicht wissen, was bewußte, betonte Volkheit ist? Ein „Atavismus", eine „Reaktion", eine Einschränkung des Blicks! Man sieht, wohin der bloße W ille zu betontem Volksein führen und verführen kann: das Buch von Hermann gibt auch dafür ein Beleg, wenn er im Anblick der Berge Griechenlands nur noch dies denken kann: „was soll mir jetzt diese leere Kruste einer großen Vergangenheit, die tot ist?", wenn er Venedig nur noch sieht als „jene herabgekommene Königin, deren stolze Paläste, deren.märchenvolle Kirchen setzt als Attraktion für den Fremdenverkehr dienen." . Man mag uns dagegen einwenden, daß Einseitigkeiten und Verengungen dieser Art nur Übergangserscheinungen sind, daß zwischen den Extremen einer nationa. Mischen Gemeinschaft und eines nur politisch-staatlichen Verbandes die Mitte einer nationalen Heimstätte ist. Und ich gebe zu. daß es möglich ist. sehr viel späteren Generationen eine Heimat in Palästina zu sckaffen. Aber es bleibt zuletzt auch hier die Frage, ob nicht ein Werk selbst dieser Art Verschwendung bester Kräfte ist. Man wird nicht leugnen können, daß ein jeder mit dem bloßen Faktum seiner Geburt von Natur aus seine"Heimat hat. Wie sehr in ihr die besten Kräfte seines Lebens wurzeln, es bleibt am Ende gleich, wo ihre Türme stehen, denn immer wird die Krone, die Frucht und Blüte jeder Leistung über dem Boden der Heimat, über dem Volke sein. WaS sich als Werk und Wert der Ewigkeit erhält, ist mit Notwendigkeit auch über-national!.... In Chederah, so erzählt uns das Buch von Herrmann, ist ein großer viereckiger Hof. von niedrigen, halbverfallenen Gebäuden umgeben: der „C6an von Chederah" In den Räumen dieses HofeS wohnten die dreißig Familien der ersten Ansiedler dieses' Landes — eine lange Zeit „zusammengepfercht, bedrückt voy Not und Krankheit, bis sie endlich daran denken konnten. Häuser zu bauen." „Als wir noch hier hausten. . . . war alles, was Sie ringsum sehen. das Dorf, die Höfe, Stallungen. Gärten, die Eukalnvtuswälder. Orangen- und Weinpslanzungen leere, öde Sanddünen, graubraun und wüst." — Ich weiß nicht, ob der Chan der übersichtlichste AussichtspuE für Chederah und seine Umgebung ist. ich bezweifle eS: aber ich verstehe, daß der Blick auf das in den küblen Schatten der mächtigen Bäume gebettete Dorf für die Siedler von nirgends her so süß ist wie eben vom „Chan von Chederah." -7- «Und wenn ich in. Gedanken noch einmal durch all die Siedlungen gehe." so heißt es weiter, „so scheint es mir, eS gibt keine Siedlung in Palästina, die nicht ihren „Chan von Chederah" bat." Wenn es nur das wäre, dann wäre es nichts oder nicht viel. Aber ick glaube, daß der „Chan von Chederah" mehr .ist, mehr als nur palästinensisches Eigentum, mehr akS. jüdisches Bild: ein Symbol des in e n s ch I i ch e n LeLenS überhaupt, — wie zuletzt ein jede-Schöne und Gute erst jenseits von Raum und Zeit feines Daseins, erst i e tt « seitS von Heimat und Volk seinen wahrsten Mert erweist, f

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