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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-08-28 · 35 (28.8.1925) · page 2

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Ein wichtiger Grund für die enorme Vermehrung der 'Gemeinden in den Hauptstädten bildet die durch den Versailler Vertrag erzwungene Abtretung großer deutscher Gebiete an Völker, die auf einer niedrigeren Kulturstufe stehen. Aus diesen Gegenden sind die jüdische» Familien in Massen wieder nach Deutschland -urückgeflutet. Schon -er große Philosoph Hermann Cohen hat in seinem Aufsatz über „Deutschtum und Judentum" darauf hingewiesen, -aß die hervorstechendsten Tugenden des germanischen und israelitischen Wesens eine merkwürdige Ueb eretnftLm mung aufwiesen. Treue sei beider Haupteigenschaft. Auch -er Völkerpsychologe Wundt wies auf diese gleichen Stammeszüge hin. Die Tatsachen zeigen die Richtigkeit dieser Urteile. Mit rührender Treue haben die im Mittelalter aus Deutschland vertriebenen Juden ihre deutsche Muttersprache durch Jahrhunderte hindurch inmitten russisch und polnisch sprechender Bevölkerung bis aus den heutigen Tag als jiddisch" sein verdorbenes mittelalterliches Hochdeutsch) bewahrt. Ebenso haben die aus Spanien verdrängten Glaubensgenossen ihr Spanisch innerhalb marokkanischer Stämme vom 14. Jahrhundert an bis jetzt behalten! — Bon ausgedehnten Studienreisen, die ich in den letzten Jahren in Neu-Pölen und der Tschechoslowakei machte, kann ich verschiedene Feststellungen berichten: Die Polen haben in vielen bisher deutschen Städten der jüdischen Intelligenz, den jüdischen Fabrikbesitzern, jüdischen Aerzten und Anwälten oft goldene Brücken gebaut und große Versprechungen gemacht, um sie zum Bleiben zu bewegen. Sehr, sehr viele Juden haben der Treue gegen ihr deutsches Vaterland, gegen die deutsche Kultur ihre ganze wirtschaftliche Existenz geopfert, haben alles aufgegeben, um nach Deutschland überzusiedeln und deutsch zu bleiben! Ich kann jüdische Großindustrielle aus Thorn, Posen, Bromberg, Graudenz, Hohensalza, Gnesen namhaft machen, die erklärten, lieber in Deutschland Kommis als in Polen unabhängige Leute sein zu wollen, und die alles im Stich ließen, um iirs Ungewisse zu gehen und ihren Wohnsitz nach Deutschland zu verlegen. Der mir bekannte Fall eines berühmten, hohensalzaer jüdischen Augenarztes, dem von den Polen die hochbesoldete Stadtarztstelle in Jnowrazlaw angeboten wurde, diese aber ausschlug und unter Ausgabe seines mühsam, lebenslang ersparten Vermögens eine undatierte Assistentenstelle in Berlin annahm, um den Nest seines Lebens auch weiterhin im Kontakt rnit deutscher Wissenschaft und Kultur zu verbringen, ist nicht vereinzelt, sondern typisch. Die Juden aber, die nicht auswandern können, sind jenseits der Grenze der festeste und zuverlässigste Rückhalt des Deutschtums und nehmen deswegen, ohne zu klagen, alle nur möglichen Anfeindungen und Unannehmlichkeiten auf sich. Ilm einen Beweis für den Wissenshunger und Lie Kulturbedürftigkeit dieser bedauernswerten Menschen zu bekommen, schlage ich den juöenfeindlichen Politikern aller Schattierungen unter anderem einmal por, eine Enauete bei den größten deutschen Exportbuchhandlungen und Verlegern über ihre Büchersendungen an deutschstämmige Juden jenseits der polnischen und tschechischen Grenze zu erheben. In der Tschechoslowakei, wo die Intelligenz hauptsächlich aus deutschen Juden besteht, (die bedeutendsten Prgger Dichter und Journalisten: Franz Werfel, Max Brod, Hügo Salus, Kisch, Teweles usw. sind deutschschreibende Juden), sieht man dasselbe Bild! Ich verweise ans meine Beobachtungen und Feststellungen mit Bezug hierauf, die ich, während einer Studienreise im Herbst 1021 in die Tschechoslowakei, machte und in der „Jüdisch-Liberalen Zeitung" seinerzeit veröffentlichte. — Von der Verringerung der jüdischen Gemeinden in den von den Polen okkupierten Gebieten mögen folgende wenige Stichproben ejne Anschauung geben: Gesamt-Zunahme Gleichzeitige Abnahme der Bevölkerung der jüdischen Seelen in Prozenten in Prozenten Brvmberg 75-.,. r.-.-i .V. ■ . , . 25 Posen 15 82 Gnesen 0 , 1 . j.1. , . 80 Thorn 4fi . . . . .!. 75 Kempen c) .87 Straßburg i. P. 18 89 Wronke 4 Tarnowitz 0 * s»:t. . r *;r. 1 ,-j 148 MySlowitz 17 1 «;i ■ 1.1 . Rybnik 8. . . . ..... 65 Die deutschen Enklaven Zoppot, Memel,' Danzig, ferner die vergewaltigten deutschen Insel» im polnisch gewordenen Oberschlesien, Kattowitz und KönigShütte, haben eine starke Zunahme ihrer jüdischen Bevölkerung aufzuweisen, die an ihrem Deutschtum mindestens so stark hängt, wie ün ihrem Judentum, und deutsche Zeitungen liest, deutsche Vereine gründet, deutsche Theater unterhält; trotz der Polen, von denen sie als Deutsche und Juden doppelt gehaßt werden. So sehr Teil 1 des Jahrbuchs mit seinem Gemeinde- Verzeichnis, seiner Umschichtung, seinen neuen Angaben über alle Synagogen, Friedhöfe und Ouellbäder Deutschlands interessiert, durchweg erfreulich ist er aus verschiedenen angegebenen Gründen nicht. Teil 2 bringt eine Uebersicht über sämtliche jüdische Schulen und sonstigen kulturellen Institute. Unter den neun deutschen Rabbinerseminaren und verwandten Anstalten finden sich nur zwei neugegründete, in .Hamburg und Frankfurt a. M., dagegen ist im letzten Jahrzehnt fast ein Drittel der zirka 35 jüdischen Mittel- und höheren Schulen in Deutschland errichtet worden. Die Zahl der jüdischen Volksschulen schrumpft immer mehr zusammen. Verschiedene größere Gemeinden haben 'neue Talmud- Thora-Lehranstalten eingerichtet. Auch die vier jüdischen Volkshochschulen, die in Berlin, Breslau, Frankfurt und München ihre segensreiche Tätigkett entfalten, leider aber noch viel zu wenig freguentiert werden, sind eine Errungenschaft des letzten Jahrzehnts, ebenso die Akademie für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Tie jüdischen Bibliotheken, Geschichtsvereine und Archive haben — auch wohl eine Wirkung der Inflation — keinen nennenswerten Zuwachs erhalten. Bon frischem, blühendem Leben berichtet Teil 3 des Werkes, welcher das jüdische Wohlfahrtswesen in Deutschland darstellt. Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden wurde 1917 gegründet, sechs neue jüdische Arbeitersürsorgeämter nach dem Kriege errichtet, ebenso Landes- und Provinzialverbände für jüdische Wohlfahrtspflege, deren mehr als 45 über ganz Deutschland verteilt sind. Jüdische Anstalten und Einrichtungen dev geschlossenen und halbvfsenen Fürsorge, wie Altersheime, Bersorgungs-, Blinden-, Taubstummen-Anstalten, Verbands-, Kranken-, Zufluchts-, Waisenhäuser, Asyle, Unterstützüngsvereine. Pfrünönerstiftnngen, Lungenheilstätten, Fürsorgeerziehungsiustitute, Erholungs-, Ferien-, Obdachlosen-, Flüchtlings- Heime, Vereine für Ferienkolonien usw. usw. zählte ich 179, die über ganz Deutschland verbreitet sind: davon entfallen 31, also nur 17 Prozent, auf Gründungen während des letzten Jahrzehnts. Ein günstigeres Ergebnis weist noch die gemeinnützige Arbeit bei der Errichtung von landwirtschaftlichen und hauswirtschaftlichen Ausbilöungsstütten und den entsprechenden Heimen auf. Von den 20 int Reiche bestehenden sind sogar 13, also mehr als die Hälfte, seit Kriegsbeginn entstanden,' hier ist wohl die Not der Zeit zum Lehrer geworden und gerade die Beschränkung hat Meister erstehen lassen. Teil 4 des Handbuches zählt die in unserem Vaterlanöe bestehenden, ferner die internationalen jüdischen Organisationen und Vereine auf. Biel neue sind nicht entstanden. Die bemerkenswertesten seit dem Kriege gebildeten sind die „Achditth", Verband gesetzestreuer Juden Deutschlands (gegr. 1923) und der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (gegr. 1919); beide geben eigene Zeitschriften heraus und entfalten eine ausgedehnte Wirksamkeit. Die zionistischen Organisationen haben — mit eine Folge der nach dem Kriege anwachsenden antisemitischen Strömungen — zugenommen. Uebrigens ist der von Max Naumann gegründete „Bund u a t i o n a l d e u t s ch e r Inden" nicht mit aufgeführt. Ein Handbuch wie das vorliegende, das mit vollem Recht Anspruch auf wissenschaftlichen Wert legt, darf natürlich weder Sympathien noch Antipathien Raum geben, sondern muß mit der Unvoreingenommenheit -es Forschers alles buchen, was in seinen Gesichtskreis tritt. — Der letzte, 6. Teil des Handbuches bringt eine Zusammen, stellung der jüdische» in Deutschland erscheinenden Zeitungen und Zeitschriften, sowie der jüdischen Verlage. Das Verzeichnis ist leider nicht ganz vollständig. Ich vermisse einige neue, jüdisch-bibliophile Verlagsunternehmuuge», wie z. 8, die von Dr. Horodisch; aber sonst ist auch hier manches frische Leben freudig 31# begrüßen. Alles in allem bietet die Neuauflage des Werkes eine hochwillkommene Orientierung für alle, die den kulturellen Auswirkungen des Judentums Interesse entgegenbringen. In noch höherem Made als ihre Vorgänger ist die vorliegende Auflage ein ehrendes Denkmal jüdischen Gemeinsinnes, wie er sich im Gemeinde- und Wohlfahrtswesen und in seinen allgemeinen ethisch-kulturellen Bestrebungen dokumentiert. Wie das Werk für jeden, der sich mit praktischen Fragen in jüdischen Einrichtungen und Persönlichkeiten zu beschäftigen hat, ein unentbehrliches Nachschlagewerk ist, so dürfte es sich auch für die wissenschaftliche Bearbeitung des in ihm enthaltenen reichhaltigen Materials als eine Grund-, läge erweisen. Für das nächste Jahrbuch muß eine größere Genauigkeit und Akribie der Angaben erstrebt werden. Noch finden sich viel Jrrtümer und Nachlässigkeiten; um nur ein paar wenige Proben davon zu geben: bei Frankfurt a. M. muß es '% statt °/oo heißen; bei Bayreuth, Ascherslebcn, Schlüchtern usw. Fehler in der "/«»-Berechnung! Bei Breslau fehlt die Zahl der Zensiten. Bei einer ganzen Reihe von Städten ist statt der Seelenzahl nur die Zahl der jüdischen Familien genannt. Bei Liegnitz fehlt die Prozentbercchnung, bei verschiedenen Orten die Einwohnerzahl. Nicht alle Abkürzungen sind erklärt, manche Städte im Index mit einer falschen Seitenzahl (z. B. Neviges) ausgeführt usw. nsw. Schließlich sind das alles jedoch nur kleine Mängel. Sie können den Dank nicht mindern, den wir den rührigen Verbänden schulden. Sie haben das Buch mit großer Mühe < und Fleiß zusammengestellt. Dieses vermittelt ein eindrucksvolles Bild von der kulturellen Wirksamkeit und der Soziologie des heutigen Judentums in Deutschland. Manche trübe Erscheinungen werden offenbar. Aber andererseits zeigt das Buch auch die umfassende Arbeit und Tätigkeit, die zur Erhaltung und Verbreitung aller gemeinnützigen Einrichtungen des Judentums heute geleistet wird. Uns allen sollen diese Beweise altruistischen Wirkens ein Ansporn sein, an den großen Werken mitzuarbeiten, die nicht nur unserer Glaubensgemeinschaft dienen, sondern, auch der Allgemeinheit. Innerhalb des letzten Jahrhunderts ist im und am Judentum mehr znsammengcbrochen als mährend eines Jahrtausends vorher. Wn Verschwinden des Judentums wäre ein unermeßliches Unglück für die Welt! Die Mission, die das Judentum auf Erden zu erfüllen hat, ist noch lange nicht vollendet! Sie muß im Gegenteil jetzt erst von neuem sichtbar und wirksam werden, wenn allüberall menschen- und daseinswürdige Zustände geschaffen werden sollen. Das Judentum gab der Menschheit vor Jahrtausenöen die Bibel, den Dekalog, die Grundlage aller Sittlichkeit und Zivilisation. — Der Erfolg'? Die Nichtachtung unserer Gebote hat sich grauenvoll gerächt! — Biele Millionen Gräber ans dem Kriege, hingemordete und vergewaltigte Völker, Haß, Neid und unerträgliche soziale Ungerechtigkeit, wohin das Auge blickt! — Wir Inden müssen an unserm seit Jahrtausenden inbrünstig und leidenschaftlich erstrebten Ideal, der Versittlichung der Menschheit, meiterschafsen, wenn wir auch wissen, daß das Ideal, gerade weil es ein solches ist, ewig unerreichbar bleibt! Wir dürfen nicht rasten und nicht rosten! Jeder Stillstand ist Rückschritt! — Laboremus! ... Dr. Ludwig Davidsohn-Berlin. Der 14. Zionistenkongreß. Wien, den 23. August 1925. Der österreichische Bundeskanzler hat in der „Wiener Morgenzeitung" vom 13. letzten Monats folgende Botschaft an den Kongreß proklamiert: Jüdische Schriftsteller der Gegenwart. (Schluß.) 3. Ernst Lissauer. Die drei Gedicht,bände „Ewige P f i n g st c n". der »Inwendige Weg", und „Flammen und Winde" sind den ^lteu Büchern ranggleich: neue, noch reichere und kräftigere Ringe an dem Baume seines fortwährend wachsenden und wirkenden Lebens, neue Stücke seiner „großen Lebenskonfession" — um mit Goethe zu reden —: dem bisher gezeichneten Dichterprofil aber vermögen sie keine bisher unbekannten Züge hinzuzufügen. Persönlich höchstens: — der Dichter hat geheiratet, und es finden sich nun eine Reihe schöner und tiefer Ehe- und Heimgedichte in den letzten Sammlungen. Edles Familienleben war stets ein Ideal jüdischer Gemeinschaft. Diese überaus heiklen Dinge poetisch zu behandeln, ist sehr, sehr schwierig. Wie süßlich wirkt das Buch „E h e f r üh li n g" -es sonst so liebenswerten Prager Lyrikers Hugo Salus. Wie männlich und vornehm-zart behandelt Lissauer dagegen diese' Sphäre! Auch sie wird bei ihm zur singenden Stille, Sitr Sammlung und zur inneren Auseinandersetzung. Keuschere und zartere Liebesgedichte an die Gattin sind selten geschrieben worden: .... „In einer Morgenhelle. Sänftlich im Raum gewiegt, Du mir von Weltallmelle An meine Brust geschmiegt . . . ." Und ein anderes Mal: „Seligste Frau, die jemals mir geschah! Glückhafte Güte! Du mein weißes Ja!" Die geistlichen Gedichte sind wieder von hehrer Reinheit und überragender Größe; sie haben ihren charakteristischen Eigentou und sind von prägnantester Prägung. Manchmal hat alleröins das Gottesempsinden des Dichters auch etwas Dionysisches und Stürmend-Gewitterhaftes! .... Da ein starkes religiöses Suchen besonders nach der furchtbaren Kriegszeit sich in allen Ländern bemerkbar machte, wurde man überall auf den Dichter aufmerksam und empfand allenthalben dankbar seine Sendung. Rein christlich-theologische Zeitschriften, wie z. B. die „Christliche Welt", brachten verständnisvolle Würdigungen des Dichters. Wenn diese und andere rechtsstehenden Kreise Lissauer rühmten. hätten sie ihn am liebsten der jüdischen Bevölkerungsgruppe abgesprochen, genau so. wie seinerzeit Houston Stewart Chamberlain seinerzeit nachzuweisen sich bemühte, daß Christus und seine sämtlichen Apostel nur waschechte Arier «ewesen sein köstllten. So Leibt es an einer Stelle, Laß das Beste am Deutschtum und am Preußentum nur eine Berbindung von Pflicht und Geist sei; uckd dann wird wörtlich fortgc fahren: „Und diese Verbindung steht wieder vor uns in der Dicht n n g Lissauers. des Vollblutjuden, der 10 ganz außerhalb aller jüdischen Tradition steht, so ganz uujüdisch in seiner Art. dem herrschenden jüdischen Literatenwesen io durchaus entgegengesetzt und von Herzen Feind ist. In ihr haben wir heute den reittsten und vollständ i g st c n Ausdruck des deutschen Wesens!" Ich zitiere dies bloß, um zu zeigen, wie ungerecht gegen das Judentum in seiner Gesamtheit selbst „Kenner" sein können! Im Grunde ist natürlich diese Art des Urteilens genau so komisch, wie etwa die Behauptung, daß „Figaros Hochzeit" unmozartisch oder der Faust uugoethisch sei! — Der Kuriosität halber sei uock erwähnt, daß die deutschseindliche „T i m e s". Englands größte Zeitung, die den Dichter nanatürlich wegen des „Haßgesanges" in übler Erinnerung behalten batte, ein Jahr nach dem Kriege einen sehr vernünftigen Lissauer-Essay brachte und darauf hinwies, wie blödsinnig es sei. „diesen Mann auf das berühmte Anti-Englandlied festzulegen;" sie schoß die Betrachtungen mit denWorten: „Wir Engländer könnten nur dankbar sein, wenn ein derartiger Dichter und Denker aus der Flut englischer Versbücher hervorginge!" — Viele von den Psalmen und ekstatischen Hymnen aus den drei letzten Büchern, die wie Orgelbrausen in hohen Kirchenhallen klingen, und die fernab von allen Moden und Stilrichtungen ihren eigenen Stil haben, werden unsere Zeit überdauern und werden dereinst das Wort ihres Schöpfers wahr machen: „ES werden Menschen sitzen und lesen. Von meiner toten Seele beschienen. Was ich gesonnen, was ich gewesen. — Da ich dies schreibe, bin ich bei ihnen. Sie werden esien von meinem Leide. Mit meinem Glücke werd' ich sie tränken. Ich bin gesäet. Gottes Getreide. Und noch im Grabe will ich mich schenken." Denn es ist wirklich eine Ueberfülle in diesem Dichter, eine Umarmung und ein Berwachsensein mit und in allen irdischen Dingen; er kann von sich sagen: „Fülle von Welt braust in mir. — ich bin nur die selige Hülle. Wie ein Springauell schießt Welt aus mir und gießt sich zurück in die ewige Fülle." Musik, eine Art Orgelranschen.Ast das innerste Wesen Lissauers; musikalisches Talent ist in feiner Familie seit Generationen heimisch, ein Bruder des Dichters ist Komponist; und so ist es nicht verwunderlich, daß ihn, den bis in die Fingerspitzen musikalischen Menschen, die größten Tonschöpfer. die die Menschheit hervorbrachtc. — es sind Deutsche! — mächtig anzogen. Den „Musikwelten" Bach und Bruckner hat er in zwei Büchern, zwei Gedichtzyklen, leuchtende Denkmale gesetzt. — in ihrer Anschaulichkeit, Kraft und ihrem inneren Nnthmus selbst eine Art Wortmusik, die unwillkürlich der Seele entströmt und kaum Deutbares in Sinnbildliches verwandelt. In beiden Werken bewundert man ein intuitives Erfassen der Genies; sie fttfb ganz zeitlos und enthalten das dichterisch Schönste, was über die beiden Komponisten je gesagt wurde! . . . Unmöglich ist es. im Rahmen eines Zeitungsartikels die ganze Gedankenfülle und -Tiefe, sowie wiederum das gute Deutschtum der beiden Lissauerschen Essaybüch er „Bon der Sendung des Dichters" und „Festlicher Werktag" zu. schildern; dazu bedarf cs schon mindestens einer Broschüre, oder besser, eines ganzen Buches. Dieses Buch ist übrigens schon geschrieben worden! Guido K. Brand hat eine ausführliche und liebevolle Biographie über Lissauer geschrieben, die — nicht schlicht genug — bei aller Einfühlungskraft und Gescheitheit den Fehler hat. daß sie n u r lobt und bewundert. Und etwas kritische Urteilskraft fotfte sich schließlich der begeistertste Biograph bewahren. Denn eine Seite des Lissauerschen Schaffens ist diskutierbar. Seine Theaterschriftsteüerei. Der Dichter hat einen Einakter-Zyklus „Die drei Gesichte", ein E ckermann-Drama, ein Avrk- Schauspiel und eine Komödie vom alten Dessauer. „Gewalt", geschrieben, da er sich kraft des Elementaren und Eruptiven seiner Natur zu vukanischen Gewaltmenschen wie Luther, seinem „Herzog Ludwig Ernst" iDessauer) Aork cto hingezogen fühlte. Es ist ia von vornherein problematisch, wenn ein Lyriker sich dem Theater zuwendet. Selbstverständlich enthalten Bühnenschöpfungen eines Autors »om Range Lissauers eine Fülle von Einzelschönheiten und Beweise großen Könnens! — Als Ganzes genommen aber sind sie nicht Mkunftweisend und werden — trotz manch' hübschen Bühnenerfolgs — keinen dauernden Bestandteil unseres Spielplans bilden. Das kleine Lutherstück „Die Anfechtun g", ist miß^ lungen! — Mystisches und Legendäres kann auf diese Weise nicht sinnfällig gemacht werden! Die beiden Norkstücke haben etwas zu Herzen Gehendes, ohne jedoch eigentlichen dramatischen Atem zu besitzen. Reich an fesselnden Zügen, geistreich angelegt und dabei wirklich bühnenwirksam ist das Casae

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