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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-08-28 · 35 (28.8.1925) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
35 (28.8.1925)
Date
1925-08-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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WWW» Organ der Bereinigung für das liberale Judentum e. B. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonpareillezeile 0.45 Goldmark, die Neklamezeile 3.0V Goldmark, bei :: :: :: Wiederholungen Rabatt. :: :: :: Anzeigenannahme: «Jüdischliberale Zeitung- Inseratenabteilung: Berlin SD 48. Dilhelmstrahe 147 (Lützow: 9160-61). sowie sLmtl. AnnoneenLxpeditiönen. Nr. 35 Berlin, 28. August 1925 5. Jahrgang Bezugspreis durch die Geschäftsstelle ^jährlich M. 2.5V Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung i. Inland 0.25 Zür die Mtglieber der Vereinigung ist der Bezugspreis :: :: im Mtgliedsbeitrage enthalte«. :: :: :: Ehefreda kteur: Dipl.-Jng. Bruno Woyda. Die „Jüdisch - liberale Zeitung erscheint jeven Sreitag. Re&aktion u. SeschüttsfleUe: Berlin BW, Wllbelmftr. 147. Sernruf: Amt Lützow llr. 9160-61 Poftfdiackkonto: BerllnnWT n«.lS7009 (Vtrilitiaimg für da» liberal» Jubetitum Nadjbrucfc fflmtlldy»r Origlnal-B»Hr&0» nur mit vorb»cta»r 0»net)mlgung ber R«bokH»i» g»ftatt»t. Mit großer Freude ist es zu begrüßen, daß jetzt endlich «ach zwölfjähriger Pause das von allen an dem jüdischen Leben in Deutschland Interessierten mit Ungeduld erwartete Handbuch der jüdischen Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege 192 4/1925 als 22. Jahrgang wieder erschienen ist. Unermüdlich hat man «ach dem Kriege versucht, das Nachschlagewerk neu herauszugeben. allein die bekannten Verhältnisse brachten alle Bemühungen zum Scheitern. Erst mit der Markstabilisierung war jetzt die Möglichkeit gegeben, mit diesen Zusammenstellungen gewissermaßen das Fazit der jüngsten Zeit zu ziehen. Das bekannte Handbuch, das wohl das wichtigste wissenschaftliche Material zum Studium jüdisch-soziologischer Fragen vermittelt, war zum letzten Male im Jahre 1913 vom Deutsch-Israelitischen Geureindebünd veröffentlicht worden. Derselbe Herausgeber bat sich diesmal mit der „Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden" vereinigt und hat die Bearbeitung dem Bureau für Statistik der derrtschen Juden übertragen, dessen Leiter der rühmlichst bekannte Statistiker und Soziologe Dr. Jakob Segall ist. Die Bearbeitungszeit hat mehr als ein volles Jahr beansprucht, denn überaus groß sind die Veränderungen gewesen, Sie sich innerhalb aller jüdischen 'Organisationen Deutschlands m der sogenannten „großen Zeit". 1» den.letzten zwölf Jahren, vollzogen haben. Die schwermütig-tronische Bemerkung eines alten Berliner SynagogendienerS. der zwei Söhne im Kriege verloren hatte: ,^ck wäre janz jut ohne die jroße Zeit ausgekommen!" trifft den Nagel auf den Kopf. Die Jahre, richtiger gesagt wohl Jahrzehnte, die wir seht durchleben müssen, sind schlimmer als die nach dem dreißigjährigen Kriege. Denn nach dieser furchtbaren Verwüstung „im Namen Gottes und der Religion", welche die Entwicklung Europas um Jahrhunderte aushielt, konnte man allerseits ungestört wieder an den Aufbau denken, während, jetzt die allgemeine kulturelle Neu-Arbeit durch unsinnige, undurchführbare „Frieüensverträge" gehindert wird, deren Revision gar nicht abzuse-hen ist. — Auch im Leben der deutschen Judenheit haben die Ereignisse seit 1914 tiefe Spuren hinterlassen. Der Krieg hat non ihnen dieselben schweren Blutopfer gefordert wie von den übrigen Bevölkerungsgruppen. Etwa 12 009 jüdische Soldaten liegen auf den Schlachtfeldern Frankreichs und Rußlands. Die Hoffnung, daß das gemeinsam vergosiene Blnt ein glücklichevss, geeinigteres Vaterland erringen könnte, in dem aller Rassen-, Massen- und Klassenhaß abgeöämpft sein würde, hat getrogen. — Es gibt für den Soziologen, der sich mit dem Wachstum des gesamten deutschen Judentums beschäftigt, nichts Interessanteres, als das vorliegende Handbuch durchzublättern und es mit dem letzten, aus dem Jahre 1913, zu vergleichen. Verschiedene traurige Fakta werden offenbar. Die Regenerationöfahigkeit der jüdischen BevölkerungSgruppe ist leider schwächer geworden. Die Auslösung zahlreicher kleinerer Gemeinden ist in bedrohliche Nähe gerückt. Eine Folge der ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse seit der Inflationszeit ist es, daß in einer erschreckengroßen Zahl von Gemeinden, namentlich Preußens, jetzt der Kultusbeamte verschwunden ist. Damit ist zumeist der letzte Rest des religiösen Lebens erloschen. Der Frieöensschluß hat uralte, blühende Gemeinden im Osten und Westen von Deutschland abgetrennt. AuS den abgetretenen Gebieten flutete ein Strom jüdischer Familien in ihre deutsche Heimat zurück, hauptsächlich in die nächstgelegenen Großstädte. Wie stark'die Einwanderungswelle aus dem Osten ist. die dem deutschen Judentum, besten Wurzeln zu verdorren beginnen, neues Leben zuführre, ist leider aus dem vorliegenden Jahrbuch nicht zu ersehe«, ebensowenig wie sich die Verteilung des ostjüdischen Elements gestaltet hat. Aus einer vor kurzem veranstalteten Enquete ergibt eS sich jedoch, daß der Umfang der ostjüdischen Einwanderung außerordentlich übertrieben worden ist; die tatsächliche Zahl — ca. 40 000 bis 50 000 — dürfte etwa ein Siebentel bis ein Sechste! von derjenigen ausmachen, die zahlreiche rechtsstehende Zeitungen ihren gläubigen Lesern wiederholt auftischten; Sie ^.Deutsche Tageszeitung" sprach übertreibend von 300 000 bis 400 000 Seelen. Für die allgemeine Kultur ist diese Einwanderung sicher sehr wichtig, denn der Prozentsatz an überragenden Intelligenzen ist in diesem ostjüdischen Zuwachs recht groß! -~ Man darf diese Tatsache nicht vergessen, wenn man mit berechtigtem Bedauern und Naserümpfen von jüdischer und gehässigem Hohn von antisemitischer Seite Differenzen -wisch-n den alteingesessenen Kreise» und den neuen, namentlich in bezug auf ästhetische und gesellschaftliche Aeußerlichkeiten, ja sogar aus sittliche Kultur feststellt. Die Eltern einer ganzen Reihe hervorragender Männer, die in den letzten Jahrzehnten dem deutschen Vaterlande und dem Judentum zur Zierde gereicht und außerordentlich genützt haben, waren O st j u d e n. Ganz auffallend viel bedeutende Gelehrte, Forscher, Künstler, Schauspieler, die wir im deutschen Geistesleben nicht mehr missen möchten, entstammen diesem Kulturboden sPosner, Baginsky, Joseph Joachim, Hubermann. Lester Ilry, Lilien. Max Reinhardt, Alexander Strakosch, Ludwig Hartau, Fritz Kortner usw. usw.). Auf diese Dinge mutz der Gerechtigkeit wegen mit Nachdruck hingewiesen werden, wenn von allen Seiten — sicher auch zum Teil mit Recht — die so sehr in die Augen springende« Fehler der Ostjuden betont werden. Es geht nicht an, bei gewissen Menschengruppen bloß die Schattenseiten hervorzuheben! (Man lese nur einmal nach, was ein so unbefangener Beurteiler wie der urdeutsche Dichter Herbert Enlenüerg. der sehr lange und eingehend die Verhältnisse im Osten studiert hat, über die Geistigkeit, Kulturfähigkeit und die guten Eigenschaften der Ostjuden zu sagen weiß.) Das Ostjudenproblem laßt sich auf die Formel bringen: Energische und tatkräftige Erziehung ist für das, Allgemeiuwohl ersprießlicher als Nichtduldung! Die zahlreichen im 'Gefolge der Revolution eingetretenen Umwälzungen auf politischem und-rechtlichem Gebiet haben Heu Anstoß zu einer Neuorganisationder jüdischen .Gemeinschaften in den einzelnen Ländern, namentlich in Preußen gegeben. Die furchtbare Jnflationsperioöe, die bei einer seinerzeit ebensogut durchführbaren früheren Markstabilisierung nicht jo katastrophale Folgen gehabt haben würde, hat auf .religiösem, kulturellem und sozialem Gebiet einen kaum je wieder gutzumachenden Schaden angerichtet'. — Wie viele jüdische Stiftungen, von denen unendlich viel Segen aüsging, sind nicht mehr! — Die Gemeinde-Etats — soweit solche bereits übersichtlich aufgestellt sind. — weisen überall einen außerordentlich, starken Rückgang auf, ein Zeichen der Verarmung der jüdischen Bevölkerung. Daß darunter die religiösen, kulturellen und sozialen Aufgaben der Gemeinden leiden müssen, ist klar. Die Schaffung der Unterlagen, Herstellung des Manuskripts, haben mehr als ein Jahr in Anspruch genommen. An alle jüdischen Gemeinden und Institutionen sind Fragebogen versandt worden. Leider ist Vollständigkeit und Genauigkeit nirgends erreicht! Nicht alle Organisationen haben geantwortet! Biele kleine Unrichtigkeiten, Druckfehler, — auch Nachlässigkeiten —, haben sich eingeschlichen. Der erste, umfangreichste und wichtigste Teil des Buches enthält das Verzeichnis sämtlicher Gemeinden Deutschlands, mit Angabe des Umfangs der jeweiligen jüdischen Bevölkerung und der jüdischen Institutionen an dem betreffenden Ort. Das Verzeichnis ist analog den früheren Auflagen nach Landesteilen alphabetisch geordnet. Es sind diesmal alle Synagogen, Friedhöfe unö Ouellbäder festgestellt worden. Indem ich die Zahlen mit denen des Jahrbuchs 1913 vergleiche und die Veränderungen rund lohne Dezimalstelle«) in Prozenten berechne, läßt sich eine Reihe bedeutsamer Veränderungen feststellen, wobei vorauszuschicken ist, daß eS selbstverständlich ganz unmöglich ist. daS überaus reiche Material im Nahmen eines Zeitungsberichts wissenschaftlich aüszuwerten. Es können nur einige der wichtigsten und interessantesten Dinge in Form kurzer Hinweise gestreift werden. Die jüdische Gesamtbevölkerung in Deutschland hat infolge der Kriegsverluste und Abtretungen im Osten und Westen nicht ganz so abgenommen wie die christliche. Der allgemeine Pro-Mille-Satz der Juden im Verhältnis zum Volksganzen hat sich nur sehr wenig verändert. Dagegen hat die Abwanderung der Inden von den kleineren Städten und den Landörtchen und ihr Eindringen in die größeren Städte wieder starke Fortschritte gemacht. Die kleineren Gemeinden sind in ihrer Seelenzahl überall erheblich zurückgegangen und dafür sind die Gemeinden der. größeren Städte gewachsen. Diese Entwicklung ist aus verschiedenen, hier nicht näher zu erörternden Gründen bedauerlich. Folgende Stichproben mögen diese Angaben illustrieren. beachten Sie unsere neue födiselecfte (föetfage 3, fette) Gesamt-Zunahme der Bevöl- Gleichzeitige Abnahme kerung während der letzten d2r jüdischen Seelen- 12 Jahre in Prozenten zahl in Prozenten Kolberg ca. 44 ...... '... i.:..! C<t. 6 Brieg „ ‘ * : .V. r . - '] »'! *1 ,, 11 Hirschberg „ 50 .; . .1 .■ o „ 3 Groß-Strehlitz „ 5 : . ’ „ 30 Kreuzburg „ 9 . . . :. - .’■•■! .i „ 23 Leobschütz „ 7 ...... 1 . ' 1 „ 27 Neustadt i. Schl. „ — . " .'. . . ' o „ 12 Rosenberg „ 6 . . . . .7 „ 17 Bleicherode „ 20 . . . 20 Elmshorn „ 7 . . . O .‘1 .'I .".IO „ 14 Hameln „ 23 . . . ... . . .-.1 „ 10 Norden „ 62 . . . . . : 1 n 15 Weener „ 2 ... . o „ 9 Northeim „ 5 •i. -i. t. r o .-j o „ 6 Münster „ 22 . •. o . ■ .- . o „ 5 Gelseukirchen „ 21 . . . . . .• O // 56 Eschwege „ 8 ...... ■ „ 18 Hanau „ — ... . . . . ... O . -!■•■: . 1 „ 21 Marburg „ 5 ...... - . .-T.-i .'OO „ 29 Neuwied „ 18 Erefejd „ 6 Duisburg. . „ 10 . . . 'O .1 „ 22 Boun „ 0 . , . i . 18 Kaiserslautern „ 2;? ,, 3 Landau „ - 1 . : .-ro . ■ o „ 0 Bamberg „ 5 .; . ' . . *> .; . ’ 1 „ 15 Plauen „ 10 ... . i o o . ■ o. o ,, 46 Bruchsal „ 7 . . ... . .1 „ 5 Offenbach a. M. „ ■— . ..-.->.0.0 „ 27 Weimar „ 20 . ... . .I. . . ... „ 75 Die Zwerggemeinden in den ganz kleinen Landstädtchen sind ausnahmslos stark vermindert. Die Großstädte, sowie solche, deren Wirtschaftsleben einen Aufschwung genommen hat, .weisen zum Teil außerordentliches Wachstum ihrer jüdischen Bevölkerung auf. Die Ursachen für die Abwanderung in die Zentralen sind aber nur zu geringem Teile wirtschaftlicher Natur. Bieten doch gerade die Landörtchen häufig recht günstige ökonomische Lebensbedingungen! Es sind vielmehr die gesellschaftliche Isolation und der Mangel an reicheren Bildungsmöglichkeiten, welche diese durchschnittlich intelligenteren und bildungsbedürftigereu Bevölkerungsteile in die Metropolen treiben. Wie stark in diesen die jüdische Vermehrung ist, zeigen folgende Berechnungen: Gesamt-Zunahme Gleichzeitige Zunahme der Bevölkerung der iüd. Bevölkerung in Prozenten in Prozenten Königsberg i. Pr. ca. 10 .;; * . . l ca. 15 Frankfurt a. M. „ 18 . . : o „ 32 Berlin „ 33 . :.' o o •;• o „116 Stettin „ 6 . i o i o „ 11 Breslau „ 17 .!•«•: 1 „ 50 Holberstaöt „ 8 . „100 Magdeburg „ 7 . 'o..... o „ 3ö Halle „ 11 .. „ lo Altona „ 8 . .ro . ..." -ro „lin Hannover „ 30 . „ 55 Harburg a. E. „ 4 . Bremerhaven „ 20 . I . | .! . T .1 .! ' O „ 30 Dortmund „ 48 . „ 30 Cassel „ 9 . „ 36 Fulda „ 18 . oo . . ..... o „ 58 Frankfurt a. M. „ 7 . . > .1 „ 1» Barmen „ 11 . „ 16 Düsieldorf „ 25 . „ 150 Elberfeld „ — . „ 58 Essen „ 70 . . . •.• o o .1 ,, 45 Köln „ 46 . „ 67 0)leiwitz „ 24 . I . i-.!.-•■; o „ 22 Oppeln „ 36 . „ 22 HilöeZheim „ 10 . .. O . O „ 8 Saarbrücken „ 14 . „ 50 Düren „ 25 . „ 70 München „ — . „ 24 Nürnberg „ 20 . Chemnitz „ — . . » . . ... . ' . , „ 50 DreShen ft — . „ 50 Leipzig „ — . „ 50 Stuttgart „ 38 . . . , . l .1 „ 25 Karlsruhe „ 8 . „100 Darmstadt „ — 30 Braunschweig „ — . * 1 j »T#'( »'1 »T»T• .1 *"5 „ 52 Hamburg „ — . ,, 28 «r * iüft 4241 C00D

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