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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-08-14 · 33 (14.8.1925) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
33 (14.8.1925)
Date
1925-08-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Utqe Ein-ang-geLet ans de« Joelscher, GebetLttch d avSwendi-, -a ich nur meinen Tascheustddur Sei mir führte. -er mich seit fcüfjcr Jugend immer ans meinen Reisen Verleitet. Nach dem „Olenu" ivrack ich «in freie- Gchlutzgebet. an wel« chesich der gemeinsame Gesang von Adaun Aulom anschlotz. Bon bent Gedanken ausgehend. daß im Kur» und Er« VolungSort jeder Tag ein Festtag ist. leitete ich die Gottesdienste am Sabbatmorgen mit dem .^Hallel" ein. «eil der jungen Gemeinde dessen Text und Melodie bekannt sind. Am Sabbat Cüason freilich unterblieb diese Psalmenreibe. Statt dessen betete ich ldeutsch) Psalm 84 und erklärte bann kurz die Bedeutung dieses Sabbats, mit -essen erschütterndem Ernst froher Psalmensang nicht tm Einklang steht. Indem ech »och Psalm 190 sprach, war die durch da- Fehlen des Hallek entstandene Lücke ausgefttllt. ftiir die fehlende Thora« norlesuna suchte ich die Anwesenden jedesmal durch eine Predigt zu entschädigen. Vielleicht klingt eS vermessen, wenn ich als einfacher Lehrer eine rabbtnerliche — und kantorale — Funktion auSübtc. Aber erstens: Wer — wie ich — Hnn« öerte von Predigten gehört hat. der eignet sich leicht die Technik deS Predigenan. Zweitens bin ich seit einem Vierteljahrhundert an den Umgang mit der Jugend so gervöhnt, dass ich mir wohl die Fähigkeit zntrauen darf, ihr ernste und heilige Gedanken in einer ihr verständlichen Form vvrzutragen. Schließlich, tm Hinblick ans die Variation jenes bekannten Wortes von Theodor Sturm „Wer zur Jugend sprechen will, der spreche nicht zur In« genü". wird der Prediger beim Jugendgottesdienst unzweifelhaft auch Len anwesenden Erwachsenen etwas mehr bieten als einen vergnüglichen Ohrenschmaus! Wer vermöchte nicht aus den folgenden Bibelstellen, die ich meinen dret Ansprachen zugrunde legte, etwas zu wachen: „Wie erhaben ist dieser Ort! Nicht anderalein BethauS, denn hier ist die Pforte des Himmels" Cl. Mos. 28,17), „Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen. Israel!" (4. Mos. 24,5) und „Ich aber und mein Haus, mir wollen dem Herrn dienen!" iJosua 24.15). Am Schluß einejeden VormittaggottesdiensteS sprach ich Nach dem Olenu ein freies Gebet, welches in den Priestersegen ausklang („den wir als ein demütiges Flehen empörte nücn zu den Stufen eines ThroneS"/. Bor der „Synagoge" sammelten sich Gruppen sabbatlich geschmückter jugendlicher und erwachsener Menschen. Dazu kam die köstliche Stille des Gebirges und vor allem das beglückende Bewußtsein des Losgelöstseins von den kleinlichen Sorgen des Alltags, um ein Gefühl der Sabbatbeiligkeit zu entzünden, das hoffentlich in den Herzen der jugendlichen GotteSkinder weitcrglühen und sie mit neuer Begeisterung für unfern uralten Glauben erfüllen wird. Bekanntlich scheitern viele Maßnahmen zur Nenbelebuug unserer Religion am Geldmangel — hier ist eine Einrichtung, die nichts kostet! Der Veranstalter derartiger Gottesdienste im Kur- oder Erholungsort muß freilich Lust und Liebe zu dieser heiligen Sache mitbringen und nicht fragen: was bekomme ich für meine Tätigkeit und welche Ehren schauen hierbei für mich heraus'? In den Logen und arröeren Bereinigungen werden manchmal ganz wundervolle Reden gehalten. zu denen warmherzige, religiös-gerichtete Männer das Wort ergreifen — warum schweigen sie im Kurort, «o zwar keine Ehren einzuhetmsen sind, wo aber Hunderte gern ihren Worten lauschen und Len Weg zum Judentums zurück« finden würden? Warum scharen diese Schönredner nickt die Jugend um sich und sprechen zu ihr von der unvergleichlichen Tiefe und Innigkeit des jüdischen Glaubens rurd den Formen, die ihn symbolisieren? Wo sind die Rabbiner. Hock« schulbozenten, Lehrer, d. h. die berufenen Künder von Israel, seinem Gott und seinem Glauben? Ich weiß, viele dieser Herren wollen fünf Wochen im Jahre nichts von ihrem Amte, ^ured namentlich von ihren Amtspflichten. wissen — und doch ist ihnen allen bekannt, -atz der katholische Geistliche auch in der Sommerfrische — wo er nur irgend Gelegenheit bekommt Messe liest und täglich zwei Stunden sein Brevier betet! Was mir, der ich wahrlich zu den Vielbeschäftigten gehöre, in Fllnsbera möglich war. werben unsere Herren Führer, üie mehr im öffentlichen Loben sieben und meistens glänzend zu organisieren verstehen, erst recht können! Nicht aus Eitelkeit oder Ruhmredigkeit schilderte ich die Kon mir gehaltenen Gottesdienste in Flinsbera. Mich leitete der Wunsch. Anregung zu geben, daß an reckt vielen Kur« und Erholungsorten der Versuch gemacht werde, die Jugend auf dem Wege weihevoller Gottesdienste, in deren Mitte die Predigt steht, für baS Judentum zurückzugewinnen. Zur Erreichung dieses ebenso heiligen wie notwendigen ZieleS bleibe kein Mittel unversucht! 4444444444«44444444444444444444444444444444»444444444444444» Aus den Gemeinden Berlin. Die Haggadah -eS Gerschom Kohen. gedruckt zu Prag im Jghre jüdischer Rechnung 5287 (1526). ist die älteste illustrierte und gedruckte Haggaöah. Nur drei Exemplare sind von ihr erhalten, eines befindet sich in -er Stadtbiblio« thek zu Frankfurt a. M.. eines im British-Mnscum zu London und eines in Amerika. Diese berühmteste alte Haggadah wurde nun von dem Verlag Josef Altmann. Berlin, in einem buchstabengetreuen Neudruck reproduziert. Herausgeber ist Prof. Dr. Heinrich Loewe, der zu der Haggadah eine Einleitung geschrieben hat. in der er ihre Geschichte eingehend erzählt und den eigenartigen Buchschmuck ausführlich beschreibt. Berlin. Bon der Z e n t r a l w o h l f a h r t s st e l l e der Deutschen Juden wird uns folgendes mitgeteilt: Die neue Fürforgegefetzgebung und deren praktische Bedeutung für die jüdische Arbeit, sowie die innere Ausgestaltung der jüdisch-sozialen Fürsorge selbst stellen heute große Anforderungen an die Träger der jüdisch-sozialen Arbeit. Um diese zu schulen und über alle bestehende» Einrichtungen und alle ZuständigkeitSfragen möglichst eingehend zu informieren. hat üie Zentralwohlfahrtsstelle sich entschlossen, vom 6.—-9. September 1 i» 2 5 einen Kursus für praktische soziale Arbeit in Berlin zu veranstalten. Sie will mit diesem Kursus vielfach geäußerten Wünschen und Anfragen entgegenkomme,,. Der Lehrplan sieht Vorlesungen und Besprechungen über die Organisation der «llgernetnenWohlfahrtspfleae vor. lDie Durchführung der Verordnung über die Fürsoegepflicht in den Großstädten. Die Durchführung des ReichsjugendwoülfahrtS« SesetzeS auf Grund vorliegender Satzungen. Die Mittelbeschaffnng.) Die Organisation der jüdischen Wohlfahrtspflege. (Aufbau und Zusammensetzung einejüdische« Wohlfahrtsamtes und eines Provinzial- bzw. Landesverband«- für jüdische Wohlfahrtspflege. Au-bildung und Anstellung jüdischer Sozialbcamter. Wirtschaftliche Fürsorge. Gesundheit-- und ErholungSsstrsorge. Gesährdetenfürsorg« un- BerufSfürsorge unter Nerücksichtiaunader örtlichen Verhältnisse. Die Durchführung von überlokalen jüdische» Organisationen.) Die Durchführung der praktischen Fürsorge. (Ermittlungen. Sprechstunden. Pflegeschaften. Zusammenarbeit mit de« jüdischen Vereinen, Stiftungen, Anstalten und der Gemeinde. Zusammenarbeit wit der allgemeinen konfessionellen Wohlfahrtspflege. Vertretung bei der Behörde. Technische -Einrichtung eine- Vo-lfahrtS»mteS.) Anmeldungen werden bi» spätesten- 23. August an die Geschäftsstelle der Zentral, wo yl fahrtSstelle. Ber lin C 2. Rosenstr. 2—4. erbeten. Eine Teilnehmergebühr wird nicht erhoben. Cassel. Der Kultusbeamte und Lehrer G. Neumann Hessing dieser Tage da- Jubiläum seiner 88jährigen Amtstätigkeit. Die letzte« 19 Jahre hat er im Dienste der hiesigen Gemeinde verbracht. Bielen Fachgenosse« ist der Jubilar al- Verfasser eines praktischen methodischen Handbuchzur Erlernung der Gchechitah bekannt geworden. Anläßlich seine- BerufSjubiläumS wurden ihm mancherlei Ehrungen bereitet. Düsseldorf. Der Zentraloerband jüdischer Handwerker Deutschlands (Lid Berlin). Geschäftsstelle Berlin NO. 18, Große Frankfurter Straße 80/81. veranstaltet am Sonntag, den 6. September 1925, in Düsseldorf anläßlich -er Jahr« tansendseier der Rheinland« eine große Kundgebung. Aus allen Gauen Deutschlands werden die jüdischen Handwerker, meister in Düsseldorf zmammeukommen. um erneut das Gelöbnis der unwandelbaren Treue und Liebe znm deutschen Vaterlande abzulegen. Aber sie wollen auch in breitester Oesfentlichkeit dartun. daß sie nach wie vor gewillt sind, Schulter an Schulter mit ihren andersgläubigen Kollegen für die Wiederausrichtuna des Handwerks und somit auch der deutschen Wirtschaft zu kämpfen. Im Anschluß an diese Kundgebung wird -er Hauptvorstand -es Verbandes am Montag, den 7. September, eine Sitzung, die sich ausschließlich mit internen Berbandsangelegenheiten befassen wird, abhalten. Ueber den Verlauf der Kundgebung werden wir zur Zeit berichten. Felsberg. Tie hiesige Gemeinde betrauert den Heimgang ihres ältesten und allgemein geachteten Mitglieds Josef Spier. Wenige Wochen nach dem goldenen Ehejubiläum ist Her alS früherer Inhaber einer MazzoHfabrik um das reltgiöse Leben verdiente Greis nach kurzem Krankenlager verschieden. Als Veteran in den Kriegen 1866 und 1870/71 hat er auch seine Tapferkeit vor dem Feinde bewiesen. Seine Beisetzungsfeier legte Zeugnis ab von der Wertschätzung, der sich der Verewigte in ollen Bürgerkreisen erfreute. Haag. In der kommenden Woche begeht die große holländische Wochenschrift „Nieuw Jsraelietisch Weekblad" das Jllbiläum ihres sechzigjähriqeir Bestehens. Die Zeitung wurde im Jahre 5625 jüdischer Zeitrechnung (1865) von I. B. de Mesquita begründet. Chefredakteur in den ersten: Jahren war I. A. M. Chumaeeiro. Gegenwärtig wird die Zeitung vom Chefredakteur L. D. Staal samt einem großen Stab von Mitarbeitern redigiert. Al» Herausgeber zeichnet I. L. Joachimsthal. Aus Anlaß des Jubiläums find der Zeitung aus allen Teile» der Lande- Grüße zugegangc». De 'Nummer vom 7. August erschien als JubilüumS-Nummer in grobem Umfange und reich auSgestattet. In Wort und Bild ist die 60jährige Geschichte der Zeitung und zugleich Lie 60jährige Geschichte der holländischen Judenheit dargestellt. Grünfelb. Anläßlich der Einweihung d«S Krieser-enkmalS. das den im Weltkriege gefallenen Helden, unter denen sich auch ein jüdischer Bürger unserer Stadt befand, errichtet wurde, fand auch eine von der israelitischen Gemeinde veranstaltete Gedenkfeier statt, bei der. Lehrer Bcaunschweigen nach liturgischen Gesängen eine eindrucksvolle Gedächtnisrede hielt. Bei der Enthüllung des Denkmalermahnte der Bürgermeister zur Eintracht der Konfessionen, die im Kriege ihre Liebe zum Vaterland bewiesen hätten und sich auch jHt vertragen müßten. Am Denkmal hatte auch die israelitische Gemeinde einen Eichenlaubkranz mit Widmung niederlegen lassen. Schneidemühl. Die hiesige Synagogengemeinde hat gemeinsam mit der Kommandantur in Schneidemühl Vorsorge für eine rituelle Verpflegung -er aus Polen auSssk« wiesencn jüdischen Optanten getroffen, soweit sie darauf Wert legen. Hf Berfammlungslralender jj{ Berlin. (Liberaler Srmagogenverem Norden. Sckünhaufer Allee 162). Der Gottesdienst in unserer Spnagoge (Auer* bachsches Waisenhaus) beginnt jeden Freitag, abend- 7^ Uhr. Sonnabend, vormittags 10 Uhr. Predigt: Rabbiner Dr. Galomonöki. Alle Anfragen betreffs des Gottesdienstes sowie Beitrittserklärungen sind au unsere Geschäftsstelle (Arthur Zander. Linicnstr. 45, Tel.: Norden 3233) zu richten. Für die hohen Festtage sind noch Karten in unserer Geschäftsstelle zu haben. Bestellte Karten müssen bis zum 15. Augnst abgeholt werden. Der Jüdische SpredisaaL Warum idi gegen die höhere jüdische Schule bin. Tie Frage der allgemeinen jüdischen Schule steht jetzt im Brennpunkte de» Interesses jüdischer Kreise. Zweifellos wirb dies nach Mlanf der politisch stillen Saison in noch höherem Matze der Fall sein, ivenn man sich wieder mit öffentlichen Angelegenheiten mehr befassen wird. Bei den nächsten Wahlen für die Berliner Rcpräsentantenversammlung dürfte sie sogar einen Prüfstein für die einzelnen Parteien in der Reichshauptstadt nwd. da letztere in dieser Be» ziehlmg, wie in mancher anderen, maßgebend ist. auch in der Provinz bilden. Die Stellungnahme für die beiden — sil venia verbot — Oppositionsparteien, wenigstens in den meisten Großgemeinden. wo die Liberalen vorlänfig noch das Heil in den Händen haben, sind gegeben. Mögen sie die jüdische Schule mir als Agitationsstosf benutzen oder es ehrlich mit dieser Programmforüernng' meinen. Zionisten, pardon! jüdische Bolkspartei, und Konservative benutzen diesen Schlachtruf, um die Herrschaft an sich zu reißen. Wie stehen nun die Gemeinde-Liberalen dazu? Nota bene: Gegen üie allgemeine jüdische Volksschule, wie wir sie in Kommunen mit verhältnismäßig starker jüdischer Bevölkerung längst haben oder hatten, so Vielfach in der Provinz Posen, anch in Berlin, das bekanntlich eine jüdische Knaben» und Mädchenschule aufznweise» hot. ist an und für sich nichts einznwendrn. sobald sie nicht obligatorisch ist und daneben noch kommunale oder staatliche Anstalten bestehen, in die ihre Kinder zu schicken jüdischen Eltern sreisteht. Mit aller Gewalt muß man sich aber nach meiner Ansicht von liberaler Seite gegen den Versuch wehren, auch öffentliche höhere jüdische Schulen mit obrigkeitlicher Erlaubnis einzu, rtchten. Ansätze sind ja dazu bereits vorhanden. Was zunächst fakultativ ist. kann sehr leicht obligatorisch werden. Einen größeren Gefallen können wir dem sog. „christlichen Staat" und allen Reaktionären gar nicht erweisen, als wenn wir selbst ein „inneres Getto" errichten. D. h. wenn wir und selbst absondern, in den Schmollwinkel stellen und. waman uns so oft vorwirst, einen Staat im Staate bilden. Dieses Argument ist ja nicht neu. kann aber nicht oft genug wiederholt werden. Viäeavt ecwsuiss! Merkwürdigerweise scheint nach dieser Richtung hin seitens unserer Liberalen eine eigenartige Conninenz obznwalten. Im vorletzten Winter fand über diese brennende Frage in Charlottenburg eine öffentliche, von liberaler jüdischer Seite veranstaltete Versammlung statt. Ein Referent (Dr. Meyer) sprach gegen, ei» anderer, sogar ein von der Stadt äuge» stellter Stndicnrat (E. Geballc) für die öffentliche höhere jüdische Schule. Ein Kollege dieses Herrn (Dr. Hammerstein) vertrat vor einigen Monaten in einer ebenfalls in CHarloitenhurg, diesmal aber von kouservativ.jüdischcr Seite veranstalteten Versammlung, mit Wärme den gleichen Standpunkt, was insofern nicht wundernehmen konnte, alS der Betreffende erklärter Zionist ist. Eine große Rolle spielte in den Argumenten beider letztgenannten Redner der Schutz unserer Jugend vor dem Antisemitismus. Diesen hat es jedoch immer, wenn anch früher unter anderem Namen, gegeben. Gleichwohl haben Hunderttansenöe jüdischer Schüler seit der Jndenemanzipation die öffentliche höhere Schule besucht, Zehntausend« mit dem Abiturientenexamen verlassen. Ist es denn möglich, die Schüler vor jedem scharfen Luftzug zu bewahren? Um so weniger widerstandsfähig werden sie dann sein, wenn sie schließlich die Universität besuchen oder ins praktische Leben treten, ohne jemals mit christlichen Mitschülern oder Lehrern in Berührung gekommen zu sein. So schlimm, wie es vielfach in übertriebener Weise dargestellt wird, ist es ohnedies nickt. Schreiber dieser Zeilen, der übrigens in beiden Versammlungen in die Debatte eingegriffen und den jüdisck-liberalen Standpunkt vertreten hat. besuchte vor mehr als einem Menschenalter ein Provinz-Gymnasium und erlebte als SÄüler der höheren Klassen den Beginn der Stöckerfchen Aera. Mancher bis dahin, in der Falk-Periode, liberale Lehrer wurde nach dem neu entstandenen Schlagwort „Antisemit". ES gab mancherlei Reibungen mit Lehrern und Mitschülern: geschadet hat es keinem von unS. Nach zuverlässigen Mitteilungen, die mir aus einer Reihe jüdischer Gymnasiallehrer zuteil geworden sind, haben sich selbst die schärfsten Antisemiten ihre- Lehrerkollegiums gegenüber den Leistungen ihrer jüdischen Schüler, wie insbesondere in den Konferenzen zutage trat, stetgerecht gezeigt, manchmal sogar gegenüber dem etwas scharfen Urteil dejüdischen Kollegen die Versetzung jüdischer Schüler. die zweifelhaft war, dergleichen Verleihung von Stipendien. Gewähruna von Freischulen u. dgl. befürwortet. Ihr Gerechtigkeitsgesühl und humane Gesinnung siegte über ihre sonstige allgemeine politische Einstellung. Das gleiche habe ich selbst, ebenfalls audem höheren Lehrerstande hervorgegangeu. an verschiedenen Anstalten beobachtet. Nicht jede, bisweilen ganz harmlose, scherä-hast gemeinte, wenn auch manchmal geschmacklose Bemerkung darf allzmehr auf die Wagschale gelegt werden. Diesen StanLpunkt vertrete ich ganz öffentlich, mag mir deswegen auch, wie in besagter konservativ-jüdischer Versammlung, „Dickhäutigkeit" vorgeworsen werden, meiner Wenigkeit sowohl wie meiner ganzen. vor mehr als Menschenalter in politisch-liberalen Ideen herangewachsenen Generation. Jedenfalls ziehe ich trotz gelegentlicher kleiner Nnannehmlichkeit eine öffentliche höhere Schule, die bereits mein Vater und mein Großvater (in Breslan vor mehr als 100 Jahren) besucht haben, ohne an ihrem Seelenheil Schaden zn nehmen, einer in spezifischjüdischem Sinne geprägten, vor der nns Gott in Deutschland noch lange hoffentlich für immer — bewahren möge, entschieden vor. Die -lnstalt, deren Schüler ich selbst war» rrannte sich offiziell „katholisches Gymnasium". Bom katholischen Charakter aber war, abgesehen davon, daß die Schulen dieses Glaubens täglich vor Beginn des Unterrichtulch Sorlnabends am Wochenschlntz Andacht hatten, nichts zu merken: im Gegenteil, wir anders gläubigen Schüler evangelische und jüdische — freuten uns. daß wir taglrU? 8—10 Minuten später in die Schule kommen und sie Sonnabends um ebensoviel früher verlassen konnten. Auch die katholische Konfession der Lehrer trat nirgendin Erscheinung. Wenn dieser katholische Charakter sich nicht einmal in den „Gessunungssächern". Deutsch und Geschichte, zeigte und zweifellos sich auch gegenwärtig nirgends an einer „evangelisch" oder „katholisch" getauften Anstalt zeigt, mit welchem Reckte kommen wir Inden, die wir doch nur eine bescheidene Minorität bilden, dazu, für nns selbst zn verlangen, daß uns eine „Extrawurst gebraten" wird und Anstalten zn beanspruchen, in derren der ganze Unterricht „von Jüdischem getränkt" sein soll. Dieses immer wiederkehreicke. neben der antisemitischen TageSströmung mit Vorliebe benutzte Argument ist weiter nichts als eine bohls und leere Redensart. Es gibt kein jüdisches Französisch, Englisch, Latein, Griechisch. Mathematik. Physik usw.. ebensowenig wie antisemitisches. Zur Erfüllung mit jüdischem Geist ist der isieligionsnuterricht. sind RieligionSschulen, hauptsächlich jedoch das Elternhaus da. Ist dieses antijüdisch — auch bas soll bei unseren Ostaubensgenossen Vorkommen — oder indifferent in religiöser Hinsicht, dann ist. selbst wenn obige Forderung sich verwirklichen sollte, in der Er« ziebnng noch gar nichts erreicht. Ich bin mir wohl bewußt, mit ollem dem. wie ick schuldbewußt von vornherein zugegeben habe, nichts Originelles zu sagen. Indes, es kann nach meinem rmmaßgeVlicke« Dafürhalten gar nicht oft genug betont werben, wen» däS wirklich zutrisst. was in besagter Versammlung von autoritativer Seite (9iabbiner und Rcligionsschulleiter Dr^ Enül Levy) behauptet wurde, daß nufere liberalen Repräsentanten sich insgesamt von der Modeströmung habe» breit« schlagen lassen, selbst ihre letzte ragende Säule, ihr Führer^ der allein noch gegen die Forderung öffentlicher höherer jüdischer Schulen Widerspruch erhob (Prof. Türk). ES wäre dies zn weit getriebene Toleranz gegen biejeni-en. di« selbst in religiöser Hinsicht intolerant sind, rrnd alS solch« sträflicher Leichtsinn. Nun nur noch andeutungsweise, La dies bei dem knappen mir zngemessencn Raum sich naturgemäß hier beute nicht weiter ausführen läßt — vielleicht komme tck gelegentlich mit gütiger ErlairbniS der Redaktion darauf zurück — ein persönlicher Etnwand, den ich geaen höhere Lvhranstaltert mit durchweg jüdischen Lehrkräften erheben möchte: eü würde unS. für den Anfang wenigstens, vielleicht noch ge* raume Zeit später, an geeigneten Lehrern und Lehrerinnen in einzelnen Fächern fehlen. Als solche »enne icht Naturbeschreibung und Naturkunde, Turnen und Sport, worauf neuerdings jo bedeutendes Gewicht gelegt wird. Diesen Mangel, selbstverständlich nicht in wissenschaftliche« Hinsicht, worin ia jüdische Systematiker in Botanik Hervorragendes geleistet haben und leisten (Ferdinand Cohn» Straßburger u. a.) und Zoologie, denr Schwestersach. sondern der nicht geübte liebevolle Blick zur genügenden Beobachtung der nns?mr Versenkung in die Natur ist auf Atavismus zurückzuführen, wa-s hier, wie gesagt, ausführlich darzulcgcn zn weit führen würde. Vereinzelt« erfreuliche Ausnahmen schon in -er Gegenwart beweisen nur die Regel. Ich resümiere mich »um Schluß meiner, wenn ich reumütig gestehe, etwas langatmigen Ausführungen: wir deutsche Juden sind über ein Jahrhundert im Geiste Schiller-. Goethes und LesiingS auf öffentlichen höheren Lehranstalten herangebildet worden und dieser W«A soll auch in der Zukunft, die unS hoffentlich vor üverei.lt«n( Experimenten bewahren wird, als der normale der Heranwachsenden jüdischen Generativ» DeutsMaiÄS offew stehen. Dr. Vark Pinn, .C-arldtten-urss

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