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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-08-14 · 33 (14.8.1925) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
33 (14.8.1925)
Date
1925-08-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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4^!. ':,fir-4|T«5f.- ^l»,v -J ■' V.V-. - Das Bild des Königs. Skizze aus dem alten Berlin. Ä* & Von Max Rosenfeld. '? i; Es war im Jahre 1877, als sich die nachfolgend auf» .gezeichneten Begebenheiten unter dem alten Berliner Mühlendamm zugetragen haben. Die volle Verantwortung ffir die Glaubwürdigkeit aller Einzelheiten muß ich denen überlassen, die mir alles nach und nach berichteten. Die Erzählungen der Beteiligten, die ich selbst noch kannte, sind jedoch stets so lebendig gewesen, daß mir der Her» gang dieser Geschichte vom Mühlendamm greifbar vor Augen stand, und deshalb glaube ich es versuchen zu dürfen, die Schilderungen in meiner Skizze wiederzugeben. Eine der putzigsten Erscheinungen unter dem alten Mühlendamm war Pagiel Rubens, ein Trödler, dessen Spezialität im An» und Verkauf alter Bilder bestand, er Wurde deshalb stets als „Bilderjude“ bezeichnet. Pagiel Rubens hatte seinen Laden dicht neben dem Gewölbe von Löb Mandelblüt, der als einzige Ausnahme unter den 'Altkleiderhändlern einen Verkauf neuer Herren- und Knabenanzüge betrieb, er führte allerdings nur sogenannte ««Stangenanzüge“. Heber seiner Tür stand in großen Lettern: „Herren- und Knaben-Konfektion“. Pagiel Rubens, ein Junggeselle von etwa zweiunddreißig Jahren, trug in seinem Bilderladen immer Gehrock und Zylinder, dabei hatte er stets im Munde einen kalten Zigarrenstummel, den er beim Sprechen auch nicht herausnahm, sondern von einem Mundwinkel nach dem anderen wandern ließ. Der Mann hinkte stark mit dem linken Fuß, und man erzählte, daß er im Kriege 1870/71 als preußischer Grenadier bei Sedan eine Verwundung erhalten habe. Auf seinem Gehrock trug er auch stets die Ordensschnalle mit dem Eisernen Kreuz und einigen Kriegsmedaillen. Und doch hatten Judenfeinde einmal bezweifelt, daß Pagiel sich die Auszeichnungen wirklich im Kriege verdiente, die neidischen Leute behaupteten, der Bilderjude hätte die Orden alt gekauft. Die Polizei untersuchte die Sache, es wurde jedoch einwandfrei festgestellt, daß Pagiel sowohl das Eiserne Kreuz, wie auch die anderen Auszeichnungen tatsächlich im Kriege 1870/71 für sein tapferes Verhalten bekommen hatte. Daß er darauf stolz war und in einer gewissen Eitelkeit die Orden immer trug, konnte man dem guten Pagiel nicht übelnehmen, denn je^ar, der an dem damals für Deutschland so siegreich ausgegangenen Kriege teilgenommen, war von Stolz erfüllt. Pagiel Rubens kaufte häufig alten Bodenrummel, er scheute keine Mühe, stieg mit seinem lahmen Bein in die unzugänglichsten Kammern, wo er etwas vermutete, das Wert für ihn haben könnte. Bei solchem Umherstöbern hatte er einst ein altes zusammengerolltes Oelbild entdeckt, das den alten Fritz darstellte. Pagiel sah auf den ersten Blick, daß es ein gutes Gemälde war und zahlte den Leuten, die es verkaufen wollten, den gewünschten Preis, ohne zu bändeln. . In seinem Ladengewölbe unter dem Mühlendamm glättete Pagiel die Leinwand, säuberte sie vom Schmutz upd spannte sie schließlich auf einen alten Blendrahmen, den. er bei seinem Trödel gerade in passender Größe vorrätig hatte. Dann nahm er auf ein Wattebäuschchen einen Tropfen Mohnoel und rieb das Bild damit ab. Pagiel war äußerst befriedigt, denn es schien wirklich ejy sehr gutes Kunstwerk zu sein, das er gekauft hatte. E| Stellte den großen König in dreiviertel Lebensgröße ftfjjr, Leider fand Pagiel nirgends eine Signatur, ein Um- $tapd. der seine Befriedigung etwas mäßigte, denn er wüßte wohl, daß ein signiertes Bild im KunsthancM bedeutend mehr Wert hatte, als ein namenloses. Immerhin . cs war ein gutes Porträt des alten Fritzen, von dem «ehr wenig hervorragende Bildnisse der Nachwelt überliefert wurden. Freudestrahlend erzählte Pagiel Rubens seinem Nachbar Mandelblüt von seiner Erwerbung. „Mandelblüt, ich glaube, ich habe das große Los gewönnen/' Der Nachbar, ein älterer Jude mit graumeliertem Haar und Bart, sah Pagiel etwas ironisch an. „Woso? Wie heißt: du „glaubst“, du hast es gewonnen?" „Nu — das Bild, was is der alte Fritz, das werde ich verkaufen-“ „Stuß! Is das etwa das große Los? Was mit dem alten Fritz zu tun hat, bringt nix ein, ne uralte Erfahrung.“ Pagiel ließ seinen kalten Zigarrenstummel von einem Mundwinkel zum andern wandern. „Mandelblüt, du redtst, wie du's verstehst. Wenn das Bild hätte ne Signatur, dann wäre ich heut 'n gemachter Mann, und du würdest mir deine Tochter Dina nicht länger vorenthalten. Denn worum? Soll erst werden aus mir e Altgesell, und soll aus der Jungfrau Dina werden ne Altfrau? Ich warte jetzt beinahe sieben Jahre auf Dina, denn 71, wie ich kam aus dem Felde, fragte ich zum erstenmale bei dir an. Aber was heißt warten — hat nicht Jakob auch um Rahel gefreit sieben Jahre? Das Mädel sieht mich gern, frag' sie selbst, und ich kann mir für mich gar keine andere Frau denken, als deine Tochter Dina. „Pagiel, was hat meine Dina mit dem alten Fritzen zu tun? Du redtst mit de Händ', du redtst mit dem Mund, und dein kalter Zigarrenstummel geht zwischen deinen Lippen spazieren. Der ist wohl auch noch von 70?“ „Mandelblüt — kalt rauche ich nur aus Sparsamkeit, denn die Kirnst tut leider nicht so viel einbringen, daß ich mir jeden Tag frischen Tabak kann kaufen bei Wilhelm Ermeler. Das Rauchen habe ich mir allerdings im Kriege angewöhnt. Glaube mir, Mandelblüt, wenn wir Grenadiere im Felde nur zu rauchen hatten, dann konnten wir Hunger, Durst, Strapazen und Schmerzen mit Leichtigkeit ertragen.“ „Ja, Pagiel, damals in der Uniform sahst du gar nicht übel aus; aber jetzt bist du doch wieder e mießer Jüd, trotz Gehrock und Zylinder.“ „Nu, bist du verlleicht ein Apollo von Belvedere? Bist du nicht genau so ’n mießer Jüd wie ich?“ „Pagiel, du redtst wieder mit de Händ'. Wenn ich dich tu sehen, dann bin ich e Antisemit, ich kann unsre Lait nich mehr verknusen.“ „Gott soll 6chitzen, Mandelblüt, willste deine Dina verlleicht verkuppeln an einen Goj?“ „Das gerade nicht. Meine Dina braucht überhaupt nicht zu heiraten. Aber nu tu me? bloß sagen, was hat dein alter Fritz mit dem großen Los zu tun, und was is das mit de Signaltur?“ „Eine Signatur — das is, wenn der Künstler seinen Namen eigenhändig gesetzt hat unter sein Werk. Und siehste, bei meinem alten Fritzen fehlt die Signatur.“ „Also hat das Bild überhaupt keiner gemalen?“ „Mandelblüt, jetzt redtst du Stuß. Wie kann es da sein, wenn es keiner hat gemalt? Der Maler hat vergessen, seinen Namen unter das Bild zu schreiben. Man weiß nun nicht, von wem es ist. Du wirst verlleicht sagen: Schreib doch selber einen Namen drunter. Und wenn ich meinen Namen P. Rubens auf das Bild setzte, so könnten dumme Leute denken, das ist ein echter Rubens.“ „Ja, Pagiel, bist du denn nich e echter Rubens? Ich hab* doch noch deinen Vater gekannt . . .“ „0 Mandelblüt, was denkst du. Der Rubens, von dem ich spreche, war einer der größten Maler, die je gelebt haben; aber siehste, wenn ich nun wirklich meinen Namen auf das Bild schreiben täte, das wäre wieder Stuß, denn der große Rubens hat 150 Jahre vor dem alten Fritzen gelebt, und dann hat Rubens ganz anders gemalt. Und es wäre ja Schwindel.“ „War denn der große Maler Rubens auch einer von unsre Lait?“ „Das glaube ich nicht, er hieß bloß so. Ich bin nicht mit ihm verwandt." „Nu, also, was is mit dem großen Los?“ Pagiel machte eine pfiffige Miene. „Ich werde das Bild dem Kaiserlichen Hof anbieten.“ Mandelblüt lachte hell auf. „Du bist glatt meschugge. Der Kaiserliche Hof wird sich gerade um solchen Humpeljüd kümmern.“ Der Kriegsveteran errötete jetzt vor Zorn. „Ich sage dir, Mandelblüt, spotte nicht über mein Humpelbein, du weißt, daß ich da hinein bei Sedan meinen Schuß bekommen habe. Nun höre weiter: Ich sprach gestern schon mit dem Kröngardisten Müller, der 1870 mein Feldwebel war. Der Krongardist besuchte mich heut, er hat sich den alten Fritzen angesehen und fand ihn sehr gut. Der Krongardist wird mit dem Generaladjutanten sprechen, der Adjutant mit dem Hofmarschall, und der Hofmarschall mit Seiner Majestät, Kaiser Wilhelm I.“ Höhnisch blinzelte Mandelblüt seinen Nachbar an. „Pagiel, du tust eine lebhaftige Phantasie haben. Damit kannst du aber keine Frau ernähren. Schlage dir also meine Dina aus dem Sinn, denn deinen alten Fritzen kauft keiner." „Das Bild kommt zu Hofe, so wahr ich Pagiel Rubens heiße.“ Der Nachbar ahmte ironisch seine Sprechweise nach. „Kommt zu Hofe . . . gewiß, du wirst aoeh werden Hoflieferant. Nächstens wird noch hier die Hofequipage halten bei Pagiel Rubens, der Kaiser wird den Humpel* jüd unterm Mühlendamm noch besuchen.“ Pagiel wandte sich, durch den Hohn seines Nachbarn tief gekränkt, zurück in seinen Laden, Später, als Mandelblüt einmal ausgegangen war, trat Dina auf die Schwelle, sogleich stand Pagiel bei ihr. Die beiden Leutchen waren sich längst einig, galten als still verlobt, sie stießen nur immer wieder auf die Weigerung Mandelblüt«, der von einer Verbindung seiner Tochter mit dem unpraktischen „eitlen Bildemarren“ nichts wissen wollte. Pagiel tätschelte Dina die Hände, als er bei ihr in der Tür stand. „Dinaleben, jetzt wird es bald, ich werde dein Vater mit einem großen Erfolg unter die Augen treten, dann gibt er uns zusammen. Du weißt — der alte Fritz wenn ihn der Hof kauft, bin ich ein gemachter Mann." „Wenn das doch wäre. Pagiel, du, guter, treuer Mensch, wartest nun schon beinahe sieben Jahre auf mich. Aber wenn es auch noch so lange dauern sollte, ich nehme keinen anderen als dich.“ „Dann muß Gott uns ja segnen, Dinaleben." Es kam Kundschaft, die beiden Liebenden trennten sich und traten in die Ladengewölbe zurück. Der Krongardist Müller mußte wirklich etwas unter-, nommen haben, denn in der Abenddämmerung betrat ein Offizier den Laden Pagiels und verlangte das Bild des alten Fritzen zu sehen. Er fragte den Händler alles mögliche, auch über sein Militärverhältnis, äußerte sich aber weiter nicht. Kaum war der Offizier fort, da rannte Pagiel zu Man* delblüts. „Es fangt an, es fängt an. Der Adjutant des Kronprinzen war bei mir und hat sich den alten Fritzen an* gesehen.“ Am nächsten Tage kam der alte Professor Menzel in Pagiels Gewölbe und besichtigte ebenfalls das Bild Friedrichs des Großen. Dina Stand mit ihrem Vater vor der Tür, sie warteten lange. Was mochte wohl der kleine Menzel so lange bei Pagiel machen? Nach Verlauf einer guten Stunde sahen sie endlich den kleinen putzigen Mann aus dem Laden treten. Pagiel kam wieder freudig erregt zu Mandelblüt und Tochter. „Es wird, es wird. Der alte Menzel ist abgesandt worden. Er hat allerdings das Bild nur ein paar Minuten lang betrachtet." Mandelblüt sah ihn erstaunt an. „Dazu brauchte der kleine Menzel doch keine Stunde." Pagiel lächelte sonderbar überlegen. „Hat es doch so lange gedauert? Menzel hat mich nämlich in sein Skizzenbuch gezeichnet. Ich mußte die Tür verriegeln und mich ins Licht stellen. So hab' ich gestanden ..." Er machte die Stellung nach, die ihn Menzel hatte einnehmen lassen, und das wirkte derart komisch, daß Mandelblüt und Dina laut lachen mußten. „Husch, husch, hat er mich gezeichnet, wie ich lebe und sterbe, mit meinem Gehrock, mit den Kriegsmünzen, mit meinem Zylinder." „Auch mit dem kalten Zigarrenstummel?" „Den hat er auch mitgezeichnet. Vorzigglich! Von zigglich! Und alles mit der linken Hand.“ „Und was hat dir der Professor für das Modellstfeheu bezahlt?“ Pagiel Rubens blickte seinen Nachbar verächtlich am (Schluß folgt.) Kalendarium str die Zeit dom 15.8. bis 22.8.1925. Anaust 1925 Ab 5685 Sonnabend 18. Sonntag 16. Montaa 17. Dienstaa 18. Mittwock 19. Donnerstaa 20. Freitag A. Sonnabend 22. 25. Neumondwethe Wochen-Abschnitt: Res (5. B. M. Statute!: 11.26—16,17) Haftarah: Jes. 54,11-17; 55,1-5 26. 27. 28. 29. Jom Kippur Koto» 30. 1. Taa Rösch Choöesch El»! 5685 1. 2. Taa Rosch Choöesch 2. Wochen-Abschnitt: Schanftim (3. B. M. Kapitel 16,18—21,9) Haftarah: Jes. 51,12—23: 52,1—12 Rische i Wiemers WWWWMIiMWWMIWiliWWWWUMMWU Berlin SW, Kochstr. 16/17. Ecke Friedrichstraße (Friedrichshof) Fernruf: Dönhoff 1245 Feine Herren» Maßschneiderei Solide Preise lügel ca. 150 Instrumente der verschiedenst. altrenommiert. Matken stets vorrätig, auch Kunstspielpianos Bequeme Teilzahlung gestattet Bans ReMiflcK & Co.. 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