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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-08-14 · 33 (14.8.1925) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
33 (14.8.1925)
Date
1925-08-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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"V!1- 'TT*'th 'rrv^[' ’"j.r%-, ^.'\\rr T*” Da mu| man sich sagen. Latz dir Gewalt, die Las Jabentmn über die Seelen seiner Bekenner hat. »och immer «ftMttriHm« ltch grotz ist und eine Untergrabung. oder auch nur eine an. sehnliche veeintt-chtiauna der latsche» Gemeinschaft von dieser Seite nicht au befürchten ist. Eine Lücke, die ander. «Lrts ganz unbeachtet bliebe, macht bet uni schon einen so starken Eindruck, bat wir ihre Dimensionen leicht AN überschätzen senetat sind. ■«kJS&S*? ffnschauunatweise Augrunde lleaent» Gefühl ist sehr berechtigt, denn eine große und herrschend« Gemeinschaft empfindet den Abfall viel schwächer als eine kleine, die nicht aerade aus Rosen gebettet ist. Und eben darum «eist bei unS der Abfall auf tiefer äsende moralische Defekte bin xrls anderswo. Deswegen fordert diese Er» scheirmna unsere volle Aufmerksamkeit berauS. ' Go wenig Ehre eS der Menschennatur macht, so kann e» doch nicht geleugnet «erden, daß die ausfallende Annahme der Austritte in den meisten Fällen auf den Wunsch zurück, zuführen ist. leichten Kaufs der jüdischen Gemeindesteuer zu entgehen. Personen mit Milltoneneinkommen haben sich davon bestimmen lassen ... Ueber die bodenlose Rohheit und Niedrigkeit diese- Motivist kein Wort zu verlieren. Wer aus irgendeine «eise die staatlichen Steuern htnterzieht, pflegt das vor seinem Gewissen, wenn er ein solches bat, damit zu rechtfertigen, daß dies eine Zwangssteuer ist. denn man kann ia aus dem Staat nicht austreten, und überall fordert jeder Staat seine Steuern. Die jüdische Gemeinde» steuer ist stets eine freiwillige, eben weil man sich ihr durch den Austritt entziehen kann. Und gerade dieser Umstand mutz jeden, der nicht jegliches Feingefühl eingebützt hat. hindern. von dieser ultima ratio Gebrauch zu machen. Der Staat verwendete den weitaus grötzten Teil -er Steuern auf den Unterhalt von Riesenheeren zu Land und zu Wasser, die den Pazifisten überflüssig bünikten. und auf die Zivtllisten der regierenden Staatsoberhäupter, die der prinzipielle Republikaner gern entbehrt. (Diese Bovwände fallen letzt in Deutschland und in Oesterreich weg.) DaS Judentum ist keine kccleoia miliians. unterhält keine Armee und keine Flotte, die Besoldung -er Rabbiner, der einzigen Funktionäre. zu deren Unterhalt der ..Freigeist" nichtbeitragen möchte, nimmt im jüdischen Gemetndobutget den aller* geringsten Raum ei». Der ganze Rest wirzum Unterhalt von Humanitären und kulturellen Institutionen verwendet: Krankenhäuser. Asyl«, Waisenhäuser. Erziehungsanstalten. Schulen. Museen. Bibliotheken. Einrichtungen sozialer Fürsorge und -ergl. Wer sich der indischen Gemeindesteuer entzieht. beraubt also -ie OMentlichkeit um einen Betrag zur Förderung der wichtigsten Zweige degeistigen und materiellen Gemeinschaftslevens. Er wälzt in der unehrenhaftesten Weise seinen Teil der Last auf andere ab. Ueberdies möchte doch jeder der AuStretenden überlegen, ob nicht er selbst oder einer seiner nächsten Angehörigen einmal Beistand und Nutze» ans einer der genannten jüdischen Institutionen gezagen hat! Begründet das nickt eine soziale Verpflichtung, zum Unterhalt dieser Institutionen nach Kräfte» Seizutragen Wenigstens sie in den Tagen der Not nicht ihrem Schicksal zu überlassen? Und datz .Zeiten schwerer Not über all« iü-ischen Institutionen herein gebrochen sind, unterliegt gar reinem Zweifel. Alle, in, heuen sich ein Fünkchen sozialen 'Gewissenregt, «rüsten sich jetzt immer enger zusammenschließen und alle Mittel aufbieten, um die jüdischen Gemetndeinstttutionen zu erhalten, von denen eine solche Fülle LeS Segens über Generationen auSgeströmt ist. und bet Lene» vielleicht schon nächstens wir selber oder unsere unmittelbaren Angehörigen Zuflucht, Schutz und Hilfe zu suchen genötigt sein «erden! Wie mutz es nun in der Gesinnung von Leuten auSseben. die gerade jetzt das Ha-senvanier ergreifen und sich aus dem Staube machen, um sich einige Mark lährltch zu ersparen? Stellt sich nickt jeder, der in dieser Beit seinen Austritt aus dem Judentum anmeldet, selber das Zeugnis aus. datz er, jedes sozialen Pflichtgefühls. jeder Verantwortlichkeit Var ist? Wer aber der engen Gemeinschaft in der Stund« der Gefahr so schnöde den Rücke» kehrt, wird er der weiteren Gemeinschaft, dem Staat, die Treue bewahren? Wird er «in zuverlässiger Bürger, ein treuer .Soldat, ein ehrlicher Beamter sein? U« sich einige Mark jährlich zu retten, hat er uralte, geweihte vanöe zerrissen, die ihn mit einer ewigen, geistigen und nur moralischen Zwecke» dienenden Gemeinschaft verknüpften. Wie solle» ih« die Baude heilig sei«, die ihn a» eine Gemeiufchast wie den Staat Mel», der vor unseren Augen entsteht und verseht. d« von sterblichen Mensche» «Massen und zerstört wird, der in erster Reihe den realen, materiellen, sehr irdischen, allzu menschlich,» Zwecken dient, und hei dem dah Geistige und Moralische nur im Hintergründe ftefit? .*. -> ck » Haben wir den Ausgangspunkt der ÄuStritt-Hewogung betrachtet. so müssen wir «Nu dag Ziel, zu dem sie hinfüyrt, in» Luge fasse». Sie «Endet jetzt nicht wie ihre Vorgängerin im Schotze der herrschenden Religio«, Lea« dm» Scheine nach gibt eS letzt kein« herrsche»-« Religion. Di« Flut der LuS- Lreienden staut sich im Zwischenraum der KoufesstonSlosigkeit. Das erleichtert den LuStvetenden auch ein hlSche» das Gewtsien. Es ist immerhin ein« äußerst fragwürdig«, ein« sehr heikle Sache, ein positive- Bekenntnis abzulegen, wenn alle Welt «vitz, Latz eS die reinste Heuchelei ist. Um an- -er alten Religion zu scheiben, braucht «an ja nur einen Zettel Papier, aus den man ei» paar Zeilen hinkritzelt. Unter de« früheren Zuständen ging man aller durch den Austritt aus dem Judentum erworbenen positiven Vorteilverlustig, wenn man auf halbem Weg« stehen blieb und nicht schleunigst ins Christentum eintrat. Dem Staate gegenüber, von dem man Ae-mter und Würden und Gehälter erwartete, der „höheren Gesellschaft" gegenüber, zu deren erlesenen Zirkeln man Zutritt wünschte, befand sich dazumal ein „konfessionsloser Jude" in einer noch ungünstigeren Vag« als ein Jude. Heutzutage glauLt man, hätten sich die Dinge geändert. Republik und Revolution. Trennung von Staat und Kirche und alleander« hätten der herrschend«» Religion (und damit dem reli. Mösen Prinzip überhaupt) di« überwiegende Bedeutung im öffentlich,« Leben genommen, und damit sei der -er Konfessionslosigkeit anhaftende Makel verschwunden. Das ist eine schwere Täuschung, entsprungen aus einer mangelhaften, oberflächlichen Kenntnis der Geschichte. In keinem Staat mit christlicher Tradition ist durch politische Umwälzungen oder Umgestaltungen der Einfluß der Kirche oder gar der Religion in der Oeffentlichkeit auf die Dauer verdrängt, höchstens sind die Uebergriff, politischer Parteien, die die Religion für ihre Zwecke mißbrauchten, eingedämmt worden. Weder in den Vereinigten Staaten, die 1787 die Trennung von Kirche und Staat Vornahmen, aber den Kongreß noch heutzutage mit dem Gebet eines Priesters eröffnen: noch in England, wo Lloyd George, der radikale Sozialreformer. der Feind der Landlords und des Oberhauses., nach der Verkündung des Sieges das gesamte Unterhaus mit den Worten: „Jetzt gehen wir beten!" zum Gottesdienst in die Westmiusteraötei einlud, und wo Macdonald in den Tagen, als er dar sozialistische Kabinett bildete, auf einer religiösen Tagung ein Referat über eine kirchliche Frage übernahm: noch in Frankreich, wo nach Ser Revolution die katholische Restauration einsetzte, und nach Ser Durchführung beS unsinnigen TrennungSgefetzes die katholische „Erstarkungsbewegung" auflebte, und sich sogar bei -er Philosophie des genialen Jude» Bergson die Waffen für den Kampf borgte; noch in Italien, wo nach vierzigjährigem Hadern mit dem Heiligen Stuhl, jetzt eine mächtige katholische Partei in der Kammer sitzt. Die Kirche war die Erzieherin der Völker des europäisch^rmerikanischen KulturkreiseS: mit katholischen, überhaupt mit christlichen, mit religiösen Vorstellungen sind alle Ausgestaltungen ihres Volkslebens aufs engste verknüpft. ihre Kunst, ihre Poesie, ihre Philosophie, ihre StaatSetnrichtimgen, ihre sozialen und bürgerlichen Institutionen. Nur bornierter Doktrinarismus kann wähnen, daß ein revolutivnärer Sturm, der über die Erdoberfläche hinfegt, diese tausendjährigen Wurzeln augdem tiefen Erdreich ziehen kann. Und nur vollkommene Verkennung der innersten Menschennatur und der Gesetze der geschichtlichen Entwicklung kann solches, wenn eS möglich wäre, für einen Segen halten. — Wir wissen heute: dareligiöse Gefühl ist ei» GvundZefühl der Menschennatur. inhärent und unausrottbar. Die Macht- Lader. einzelne wie Gruppen, mißbrauchen eS zu egoistischem seinem Wesen fevnlieaendrn Zwecken, und rufen dadurch Wider stand und Kampf hervor. In -er Litze LeS Kampfe» verwechseln die Kämpfer die äußere Bersastung der Religion und Lie Mißbräuche dieser Verfassung mit dem Kern der Religion unrichte« di« Angriff, gegen diese letztere. Nun liegt eS in der Natur aller menschlichen Grundgesühle, datz sie sich umso stärker aufbäumen, befestigen und konzentrieren, je mehr sie gereizt werden. Sie werden dem Menschen umso teurer, je mehr sie bedroht erscheinen. Die Verteidiger -er Religion gegenüber ihren Angreifern übertragen wiederum diese Verteidigung auch auf ihr« äußeren Institutionen, in Lenen sich dareligiöse Gefühl verkörpert und sogar auf die Mißbräuche, den-n sie unterworfen waren. Daher tritt «ach jeder Epoche heftigerer Religion-destteituna unfehlbar ei«« Reaktion ein. Lie zunächst als äußere Frömmelei und unduldsamer Fanatt-muS in die Erscheinung tritt. Diese Zu. stände rufen ihrerseits wieder da» entgegengesetzte Extrem hervor. So verlaust die Geschichte zwischen schroffen Gegen, sähen, und nur selten sind Lie Epochen der Ausgeglichenheit und des ruhigen Gleichgewichts. Da» sollten sich die Streiter auf beiden Seiten merken und sich vor je-em übertriebenen Radikalismus in der einen wie der anderen Richtung hüten, da jedes Extrem unweigerlich seinen schroffsten Gegensatz auf Len Plan ruft. Es unterliegt keinem Zweifel, Latz auch diesmal die Reaktion unausbleiblich ist. Die retrograde Welle wird kommen, so sicher, wie sic vor hundert Jahren gekommen ist. Sie wird vielleicht andere Formen tragen, andere Begleiterscheiuungen mit sich führen, aber erfreulich werden sie nicht sein. Eins aber wird dieser Reaktion eignen: sie wirdie jetzige negative Phase, den „Kampf gegen die Religion" Len Streit für die Trennung von Staat und Kirche auf Rechnung -er Juden stellen und Len „zersetzenden Einfluß des Juden, tums" für Sie Verheerungen verantwortlich machen. Sie der jetzige Kulturkampf mit seinen Schlagwocten im Gemütsleben des Volkes angerichtet haben wird. Vergebens wird man darauf Hinweisen, datz diese Kämpfe dem Judentum unseinen Jnstitutiouen noch ärgeren Schaden zugefügt haben, wofür die in so enormer Zahl Ausgetretenen die beredtesten Zeugen sind. Eben diese Ausgetretenen. Sie im freien Felde Ser Konfessionslosigkeit kampieren. weröen den Beweis liefern, -atz im Judentum zerfetzende Kräfte wirksam sind, die den „religiösen NWliSmuS", die „sterile Negation" fördern, jegliche Autorität untergraben, die Glaubenskraft, den Idealismus Sex Völker vernichten. Len groben Materialismus, das kalte, schneidende Vernünfteln, daan Ser gemeinen, platten Alltäglichkeit haftende, keine» höheren Schwunges, keiner Hingabe fähige, jeder schöpferischen Macht beraubte Krittln repräsentieren unsomit eine Gefahr für die europäische Kultur bilden. Die Ausgetretenen werden nicht atzfhören, in den Augen der nichtjüdischen Welt Juden zu sein, nur werden sie dann konfessionslose Juden sein. Eine viel schlimmere, eine viel gefährlichere Sorte von Juden. Mit den wirklichen Juden weiß man wenigstens, woran man ist. Man mag der jüdischen Religion andichten, was man will, im allgemeinen weiß man dock), was sie lehrt, was sie fordert und gebietet. Man weiß, welche Gesinnungen und Stimmungen sie einflößt. durch welche Handlungen man ihre Gebote verletzt, durch welche Anschauungen man sich in einen Gegensatz zu ihr stellt. Man kann in ihrem Namen positive und negative Forderungen an die Juden richten. Mer die „konfessionslosen Juden"? Woran sind sie gebunden? Wo liegen Lie psychischen Hemmungen und Triebfedern ihres Gewissen»? Ist nicht LaL Strafgesetzbuch das einzige Heiligtum. daS ihnen Ehrfurcht einslößt, und die Polizei die einzige Macht, vor der sie sich beugen? ... In den modernen Gesellschaften werden die verschiedenste»! religiösen Meinungen geduldet, sogar geachtet. In Le» tolerantesten, der englischen und amerikanischen, obgleich sie sehr religiös sind, bildet sogar der offen bekannte Atheismus, Wanderung. Wanderung. v Bon Franz Cingia. Manchmal trifft uns plötzlich das Verlangen, Durch La» Leben ewig hinzuschreiten. Jeden Strom der Nacht in Licht zu leiten, Üm da» Schicksal lächelnd zu empfangen, ' Umd wir wünschen Kraft, den Tod zu zwingen^ Der fast heimlich schleicht in unser Leben, " Nur um -er Gedanken neue» Streben In die Tiefe seiner Macht zu singen. ‘ Aber schmerzlich müssen wir erkennen, >' Datz wir an das Weltgesetz gebunden . Uneö nimmer auden Angeln heben; TrMich doch ist auch dies herbe Trennen, —- Wenn wir längst dem Erdeulicht entschwunden, , Dürfen wir im Enkel rveiterleben. I Jüdische Schriftsteller der Gegenwart. ß. Ernst Liffaner. Bon Dr. Ludwig Davidsohn.Berlin. Die geistigen Ausstrahlungen SeS modernen Judentums sind so weit verzweigt, so unendlich vielfältiger Art. bewege» sich nach so verschiedenen Richtungen bin in so seltsamen Antinomieen. datz es fast schwer ist, diesem umfang- »reichen Nexus von Kulturäutzerungen Borwürfe zu machen, an denen nicht irgendwie ein Körnchen Wahrheit ist. Eine Ser Anklage», die häufig erhoben wird und nicht restlos zu- «ückgvwiesen werden kann, ist. datz manchen jüdischen Dichtern etwa» MübeS. Morbides. Melancholisch--DegenerativeS anhaftet. ES ist wahr, datz auf der jüdischen Psyche ererbt der Druck und die Not von Jahrtausenden lastet, datz die deutschen Juden deshalb auch — wie statistisch «achgowiesen äst —- ei» etwas höheres Kontingent DeaenerationS-Jrrer stellen als -ie übrigen BevölkerungSgrupven. Natürlich haben die Juden Weltschmerz un.- hoffnungslose Schwermut nicht in Erbpacht genommen. Hermann Bang. Graf Eduard' Keyserlingk. Leopardi. — an» nur einige wenige Namen zu nennen. — sind nichtjüdifche Poeten -er Weltverneinuna und Trauer par exellenee: aber «S mag richtig sein. Satz -ie analntische und fast möchte ich sagen zersetzende und anti-idyllische Melancholie mancher .Mische» Dichter ich Senke vor allem an Wassermann, Schnitzler. Beer-Hofmann — zmveilen etwaganz besonders Aufwühlendes und Deprimierendes an .sich hat. Um so erfreulicher und begrüßenswerter ist e» darum, datz unter Len deutschen Dichtern südtscher Herkunft eine Erschet, nung «ie der Lyriker Ernst Ltssaner zu rühmen ist, dem so ganz und gar nichts Krankhaftes. Müde», verlebte» auh astet, -er ~~ obwohl er aus der Großstadt stammt — $o urgesrrrch. unverbraucht, frisch und iugendkräftta ist. datz seine Persönlichkeit und Werke allein genügen, uw den Vorwurf Ser Degeneration. Sem man Sem deutschen Schrifttum jüdischer Seele macht, zurnckzuwersen. zum mindesten stark einzuschränken. Schon -er Name seines ersten GedichtbandeS — etwa 1910 erschienen — ist ein Programm: „Der Acker" Inhalt und Titel sind hier Symbol des Lissauerschen Wesens selbst, SeS gesunden, sich stets erneuernden Wachsens. Ser lenchten- Sen Erde, auf der bei unbewölktem Himmel Sonnenlicht in verschwenderischer Fülle rubt. Ein Buch voll Glück und DieLsettigkeit, voll lebensbejahendem Jubel und fröhlichem Dank dem Schöpfer, -er Sie Welt so schön gemacht. Es ent, hält auf bloß zirka 60 Seiten fast nur kurze Gedichte, aber das Ganze ist gleichsam ein einziger, religiös hochgestimmter Hymnus auf Licht und Luft. Sonne. Gott-Natur und Erde. Das Gefühl Ser Unendlichkeit in ollen Dinaen ist zum andächtigen, gleichsam metaphysisch begründeten Heimatglück und zur gedanklich-neugebildeten Idylle geworden. Ueberall ist Sicherheit und beherrschte Ruhe: überall sird die frischen Farben jugendlicher Gesundheit und Kraft: die Verse erinnern, trotzdem ihre Diktion ganz ncuartia und modern ist. in ihrer Älangschöulicit und Bezwingung der Form oft an die besten Meister unserer Literatur. Die Seligkeit des All-Natur-Empfindens hat Walt Whit« mau. die Poesie des Alltags hat Verhaeren ähnlich gestaltet. beide aber anders, rhetorischer, weniger geschlossen, nicht in dieser prägnanten, ehernen Kürze und verhaltenen Gedrungenheit. Wenige Dichter unserer Tage haben diese vorbildliche lyrische Äonzentriertheit erreicht, diese außerordentliche Aildkraft der Worte. DaS. was Alfred Kerr Lie „Seligkeit des Daseins" nennt, ist in einer Sprache von außerordentlicher Selbstältdigkeit „GoLicht" geworden. Ueberall klingt ein Jauchzen auf: .-Als ob noch tausendfacher Segen schliefe. So fühl' ich reich das Bergwerk meiner Kraft. Ich löse, was zu Licht will, aus der Haft. Ich bin der Bergmann meiner eignen Tiefe." Der Jubel, den dieser glückliche Erdenvilaer anstimmt, hat in seinem elementaren, naturhaften Optimismus zuweilen etwas Berauschendes: „Rosen wuchsen aus meiner Wiege. Um meine Tische wilder Wein. Ich klang durch Halle. Saal und Stiege, Und Blumen sprangen aus dem Stein." Und ein andere» Mal: „Schnitter schaffen im Fevd. Sensen dengeln läutet die Arbeit ein. Das lei» rauschende Klingen fällt Wie Lichttropfen in mich hinein." Wenige Stücke audem Werk sind lediglich nur „intellektnell": aber auch da. wo der Dichter mit dem Zauberftab seines lyrischen Empfindens an den svöden Felsen de» Rein-BegriMche« schlägt, entspringt dem barten Gestein ein Quell, und er entsteht zuweilen ein kleine» Kunstwerk von so dauerndem Wert, wie das schon berühmt gewordene -weistropchig« Gedickt „Der Kreis": Ich sprach zum KreiSr du lebst i« Wanderschaft. Du schreitest langsam in gestillter Kraft. Dein Weg ist ganz erbaut au» WegeSweude. Und jvder Schritt G Anfang, Mitt' und Ende. Es sprach der Kreis: mein Leben ist nicht Glück. Ich »vandre nicht, ich kehre nur zurück. Ein Stücklein Welt erglänzt mir lied und licht. Mein Wea umkränzt es. Er betritt es nicht." Man vergleiche hierzu nur einmal die schönen mathematischen Gedichte Ginzkeys. um die ganze Tiefe und Formrraft der Lissauerschen Strophen zu bewundern. Welch ein Labsal und Trost in unserer verfallenden, -wiespältigen unü -von so vielen Leiden kranken Zeit ist das Werk dieses Dichters, den man sich in seiner fröhlichen Sonnengebräuntheit so gut als bukolischen Glückswanderer vor» stellen könnte, wenn nicht sein Lied immerdar mit Naturnotwendigkeit am Schluß ganz in den tiefernsten, religiösen Ton der Bibel und Les Gsbetes münden würde. Vorher iedock frohlockt noch einmal nn'bekümmerter. beseligender Pantheismus, wie z. B. in dem reizenden Gedicht „das Weglein", das zu lang ist. um hier zitiert zu werden. Die größere Hälfte der Gedickte aus dem „Tlcker" sind „Treffe?", sind kleine Kunstwerke, die unserer deutschen Literatur nicht mehr verloren gehen können! Der Widerhall des Lissauerschen Erstlinas.bei Publikum und Kritik war außerordentlich, und — merkwürdig genug —- es trat der im öffentlichen Loben so seltene Fall ein. daß nur eine einzige.Stimme des Lobes und der Anerkennung laut wurde. Hämisches Glossieren und übelwollendes „Verreißen", das bisher bei jeder neuen und großen Kunst — besonders wenn sie von jüdischer Seite kam — laut wurde, fehlte öiesmal völlig. In späteren Jahren bat Lissauer dann so manche bösartige und verständnislose Kritik zu hören bekommen! — . . Man wartete ungeduldig auf neue Werke LeS Dichters, der nun jahrelang nur eine reiche kritische und essayistische Tätigkeit entfaltete und erst 1012 seinen zweiten Gedtchtband: „Der Strom" erscheinen ließ. Mit großer Freude konnte man jetzt seststellen, daß der Weg des Künstlers bergauf führte. Die Hoffnungen und Erwartungen, die der „Acker" erregt hatte, wurden nicht enttäuscht. Noch klarer und eindrucksvoller traten die Vorzüge -er Lissauerschen Kunst hervor. Hier wie nirgend wo ander» war modernes Naturerleiben, moderne Frömmigkeit aemeinfam mit dem Atem unserer Zeit gleichsam zur lyrischen Formel geworden. Gegenüber dieser Lyrik verblassen die sogenannten „Neutöner" unserer Moderne. De» ganzen Kosmos fast hat der Dichter in dem schmalen Geöichibawd eingefangen. Wenn man die Frage beantworten soll. waS eigentlich da» Neue dieser Kuvft ansmackt. so mutz man seststellen, datz der Dichter den Ginn vieler deutschen Worte ganz neu erlebt hat und die Fähigkeit besitzt, den Leser a» diesem Prozeß teilnehmen zu lasien. Die Dinge kehren einem neue Gefickter zu. ohne etwas von ihrer WeffenSart zu verliere« . Daher wirkt die Btldkraft feiner Bert« auch so außerordentlich frisch und die Klang kraft seiner Worte so original. Fast überall ist — bei größter Knappheit des Ausdrucks — eine wundervolle Berschmelzuna SeS Rein- Gedanklichen und de» «ufikalischea Elements erreicht. I» den Verse» schwfngt ein neueS sittlicher PatLoS. eine i« tiefster Frömmhrbett wurzeln-«, aanz neuartige Deutung unserer «lltagSdaseinS, dar überall die anscheinend unbedeutendsten Dinge -e» täglichen Erlebens mit dem Gefühl -er Unendlichkeit und -er gotterfüllten Verkliiruna ver.

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