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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-08-14 · 33 (14.8.1925) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
33 (14.8.1925)
Date
1925-08-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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m i u «nuappi pp u i in 111 qijui wjm Iii|iinui i im iiiibuiii. H , u mii ipuiim^p I WH.IJ«" MI f 'MM II"'«11* wr rll f“«'V- ■ ^Tr, «rw sr: VA keinen Makel und führt keine gesellschaftliche Degradation «a« ftch. La er sehr vereinzelt austritt. und die geistige» Dualitäten seiner Träger sie gewöhnlich vor Verdächtigungen schützen Aber es ist biSyer noch nicht vor» gekommen, daß. die Konfession»losen sich »n einer organi« nute« Gememschasj »usammeugeschloffen hätten, die sich ebenbürtig neben Li« positiven Religionen stellte und vom Staat und von der Gesellschaft Anerkennung heischte. Die kümmerliche» freireligiösen Gemeinde» in Deutschland Le» Unmöglichkeit eines solchen Vorgang» am schla» Masten Die Konsessiouölysigkeit wird eben nur aebulLet. Jeder Versuch einer umfangreichen GemetnschaftSbildung ^Arde sogar bei den Indifferentesten aus energische Opposition stotzen Darum werden die au» dem Judentum Aus» getretenen schließlich zwischen zwei Sesseln zu sitzen kommen. Sie werden zwischen zwei Lagern stehe», tum einem dem aderen zngeschobenabcr keine« zugehörig* Der ..Makel" des Judesetns. den fte durch die Flucht in La» Nicht» abstreifen wollten, wird ihnen weiter anhasten, nur noch in einer gehässigeren, verächtlicheren Bedeutung. Kurz nach Erlaß der österreichischen Verfassung von 18S7, die Gewissen», sreiheit gewährte und das Bekenntni» zur Konfession», lastgkeit erlaubte, wurde e» in Wien Mode, von dieser Erlauonis häufig Gebrauch zu machen. Gewisse jüdische Kreise machten diese Mode reichlich mit, wohl um den christlichen Mitbürgern zu beweisen, das; sie die alten Vorurteile gründrrch abgestreift hatte» und man der neuerrnngenen Gleichberechtig««» würdig wäre. Es passierte nun oftmal», daß emer, der z. B. vor Gericht sich als konfessionslos bezeichnet«, vom Richter apostrophiert wurde: «Warum sage» Sie nicht lieber offen heraus: Jude?" Konfessionslos wurde zum Dunonym für Jude. Man versichert, daß diese chäusiaen Brr- Wechslungen viel dazu beitrüge»». Laß die Konfeffionslo», erklarungen in der christlichen Bevölkerung bald gänzlich aufhörten. Es müßte mit unnatürlichen Dingen zugehen, wenn die Sache nicht auch jetzt denselben Verlauf nähme. Die Ausgetretenen werden auf einem verlorenen Posten stehen. ... Es wird ihnen anfangen unheimlich zu werde» in ihrer polierten Lage, und sie werden beginnen, sich massenhaft ans Taufbecken zu drängen. Aber die Kirche wird sich für diesen Zuwachs schönstens bedanken. Auch 'n früheren Zeiten, sobald einmal die Jndentaufen zunahmen, ließen sich aus kirchlichen und positiv-christlichen Kreisen Stimmen der Abwehr vernehmen. Auch dem naivsten Gläubigen fällt es heutzutage schwer, zu glauben. daß ein Jude aus reinen Motiven, nämlich aus religiösem Drang, aus Sorge um keine künftige Seligkeit, um sein ewige» Herl zum Christentum Übertritt. Wenn der Talmud vor vchtzehnhundert Jahren wußte, daß die Gerechten unter den Heiden des ewigen Heils sicher sind, so weiß heute jeder nicht ganz verbohrte Christ, daß ein guter und gerechter Mensch, auch wenn er Jude ist, nicht -er ewigen Verdammnis anheimfallen kann. Dazu kam, daß die mit der Taufe verbundenen irdischen Vorteile zu sehr auf der Hand lagen. Die christliche Welt sagte sich also, daß es nicht gerade die besten Elemente unter den Juden sein können, die e» nach den Gnadenmttteln der Kirche dürstet. Man gewahrte, daß da» Reich Gottes eine ganze Menge unerwünschter Mitbürger bekam. Diese brachten überdies einen Geist hinein, -er in jeder Beziehung nicht einwandfrei war. Die natürliche, ruhige, friedliche Anhänglichkeit an die angestammte Religion, die dem geborenen Christen eignet, suchten diese Wivdergeborenen durch ausfällige» Wesen, lärmende Nebertreiöung zu ersetzen: e» wurde daran» ein unsicheres Schwanken zwischen Heuchlerischer Bigotterie und verdächtiger Gleichgültigkeit. Da» beunruhigte die «Kinder de» Hauses", e» trübt« die einheitlich« Gesinnung der Herde. ..Wir haben zu viel Juden in der christlichen Gemeinde". erscholl der Ruf. gleichwie draußen di« Antisemiten schrien: «Wir haben zu viel Juden im Lande. Bor etwa fünfundzwanzig Jahren brachte der „Simplizissimus" folgenden gelungenen Witz: Ein Jude läßt sich katholisch taufen. Ein ehemaliger Glaubensgenosse. der längst Protestant ist. fragt ihn: «Warum hast du das getan? Wir Juden lassen un» ja gewöhnlich protestantisch taufen". «Weißt du. lieber Freund." antwortete der andeke. „im Pro, testann»mu» sind wir schon zu viel Juden ..." Es entstaub eine förmlich« A-wehrbewegung gegen La» Sinströmen von Jude« in La» Christentum. Die brandenburgische Gene« ralsynode beschäftigte sich einmal mit dem Problem und beschloß feierlich, de« Geistlichen dringend zu empfohlen, mit Lew Spenden de» heiligen Sakramente» -er Taufe an Juden recht sparsam zu sein. Da» stand aller-tng» in starkem Widerspruch zu der vom christlichen Staat Lurch Bevor« B von Getauften bei Aemterbesetzung betriebenen Pro. macheret und zu dem Seelenfang. welchen die von oben stark begünstigte Gesellschaft für Juden-mtMon aus« üble. Uw so mehr aber kam darin da» Unbehagen zum Ausdruck, da» die Alteingesessene» beschlich sobald der Zudrang der Juden zu den „Quellen des Heils" größer wurde. Man kann sich nun leicht a«-malen. wie wenig die positiv christliche» Kreise erbaut sein «erden, wenn erst die «konjefsionNlosen Juden" anfangen werben, an die Pforte» der Kirche zu klopfen und um Einlaß zu bitten. Sie kommen aus dem Reiche des Nichts, vom Unglaube». von der Gott« loftsrett her; die Anschauungen» Gewohnheiten und Stimmungen. welche sie mitlbringen. sind nicht gerade geeignet, sie au Säulen der Kirche zu machen, sie werden eine Atmosphäre um sich verbreiten, die einer gedeihlichen Ent« Wicklung wenig süderlich ist. Das ist kein Boden, ans dem ein dauerhafter Bau sich erheben kann. Nicht schlichte Herzensfrömmigkeit. Hingabe und lautere Gesinnung bringen sie mit. sondern zerfressende Zweifelmcht. öden Nihilismus, gähnende Peer« ln der Seele. Sie bringen auch kein Opfer, indem sie sich der Kirche anschliehen wollen. Denn «a» sie verlassen, ist nicht eine seelische Heimat, von der Hand der Urahnen erbaut. von den Vätern seit Generationen bewohnt, mit der das ganze Wesen des Menschen verwachsen ist und von der das Scheiden den tiefsten Schmerz verursacht, sondern das Nichts, die verlasiene, ungastliche Einöde. Mögen sie doch bleiben, wo sie waren. Sie haben sich selber aus ihrer früheren Gemeinschaft ausgestohen. Die Kirche ist kein Nachtasyl für Ausgestoßene . . . ' Wer wird es der christlichen Kirche verübeln, daß sie ihre Tore vor diesen nnheiiligen Heilsuchenden nicht angelweit öffnen würde? Wir Juden wären auch nicht sonderlich beglückt, wenn plötzlich ein Schwarm zweifelhafter Kantonisten in unsere Synagoge sich drängte, nicht von ernster Gewissensprüsunq getrieben, sondern nur. um hinter dem Aushängeschild einer bekannten und bewährten Firma Zuflucht zu finden. So wird die jetzige AbfaWewegung. aus trüben, flüchtigen krankhaften, mißverstandenen 'Freiheitserregungen entstanden. ihre unheilvollen Früchte zeitigen, wenn die Stimmungen, aus denen sie geboren, längst verflogen sein und nicht mehr verstanden werden. Es würde sich loöncit, den Ursachen nachzugehen, die einen derartigen moralischen Verfall bei uns ermöglicht haben. Vor allen Dingen aber wäre es Pflicht aller maßgebenden Instanzen, sich zu einer gemeinsamen Aktion zusammen zu tun und dem weiteren Umsichfrefsen der unheimlichen Seuche nach Kräften entgegenzuwtrken. Müßig die Hand in den Schoß legen, heißt hier, sich zum M i t s ch u l d ig e n der Bösen machen. 40 Jahre Wiener „Wahrheit". Seit langen Jahren vertritt die deutsch-jüdischen Interessen Oesterreichs mit großem Geschick die „Wahrheit", österreichische Wochenschrift sstr jüdische Interessen, die am 14. August ihr 40. Jubiläum feiert. Wir wünschen der un» befreundeten Zeitschrift an diesem Tage für ihren weiteren Fortbestand alles Gute und geben der Hoffnung Ausdruck, daß sich die Bande zwischen ihr und uns noch enger verbinden. Gegründet wurde diese Zeitung von OLerkantor Jakob Bauer als Fachblatt, welches sich speziell mit den inneren Angelegenheiten der jüdischen Gemeinden der ehemaligen österreichisch-ungarische» Monarchie beschäftigte und non allem Len Vorgängen in der Wiener israelitische» Kultusgemeinde ihr Augenmerk widmete. Doch allmählich wuchs der AufgabenkreiS diese» Blatte» über Melk» engen Rahmen hinaus und wurde, al» der bekannte Journalist Ludwig HirschfelL. welcher sich al» langjähriger Fachschriftsteller einen hervorragenden Namen geschaffen hatte, dasselbe übernommen hatte, zum Zentralorgan der österreichischen Juden, zumal um diese Zeit die Einstellung der von Dr. Bloch vortrefflich redigierten „Oesterreichischen Wochenschrift" erfolgte. Die „Wahrheit" machte daher als geistige Nachfolgerin der „Blochschen Wochenschrift" die Aufgaben und Ziele derselben zu ihren eigenen und trat jederzeit und unentwegt für die Interessen Le» Judentum» im allgemeinen und der österreichischen Judenyeit im besonderen ein. Ebenso wie sie nicht zögerte, Uebelstände im eigenen Lager zn kritisieren und Mitzstände aufzudecken, so führt sie auck einen entschlossenen und erfolgreichen Kampf gegen alle offenen und versteckten Feinde de» Judentum», insbesondere gegen den in letzter Zeit auch in Oestereich leider überhanduehmendeu Rassenantisemitismus. Durch diese ihre Tätigkeit hatte sich «Die Wahrheit" soviel Ansehen und eine so große Verbreitung erworben, Latz die Schwesterorgnisation des Zentralvereiu». die „Union deutsch-österreichischer Juden" dieselbe zu ihrem offiziellen Organe machte. Als solche trat sie stet» für den Schutz der gewährleisteten Rechte der österreichischen Staatsbürger jüdischen Glaubens ein und erhob immer ihre Stimme, sobald ein Jude wegen seines Glauben« in feinen Rechten verkürzt wurde. Sie hielt es stets für ihre vornehmste Pflicht, die Ehre LeS jüdischen Namen» gegenüber ihren nichtSwürstigen Verleumdern zu verteidigen. Die „Wah'rheit" hat sich dadurch große Verdienste »m das österreichische Judentum erwprben und durch die Ehrlichkeit ihres Auftretens und ihre vornehme Kampfesweise die Sympathie und Achtung auch vieler Nichtjuden errungen. Hierbei hat die „Wahrheit" niemals die heiligsten Güter unserer Religion aus dem Auge verloren und trotz ihrer Fortschrittlichkeit in politischen und kulturellen Dingen das Festhalten an den vieltausendjährigen Idealen des Judentums betont. Sie hat sich bemüht, durch Beitrage ans der Feder hervorragender jüdischer Gelehrter das Interesse für die jüdische Wissenschaft, Geschichte und Kultur zu erwecken, und durch regelmäßige aktuelle Artikel bedeutender jüdischer und auch uichtiüdischer Schriftsteller die gegenwärtige Lage der Juden in sämtlichen Ländern der Welt beleuchtet. Sie hat selbstverständlich auch Stellung genommen zu allen modernen geistigen Bestrebungen und politischen Bewegungen der Judenheit und ihre warnende Stimme erhoben gegen alle Uebertreibungen eines jüdischen Nationalismus, welcher dem Wesen des Judentums so gar nicht entspricht. Dennoch aber hat sie dem Aufbauwerk im heiligen Lande stets wärmstes Interesse entgegengebracht sowie sämtliche soziale Bestrebungen unterstützt, die geeignet rvaren. die Not und das Elend vieler wegen ihres Glaubens verfolgter Juden )u lindern. In dieser Tätigkeit wird die „Wahrheit" von einer Reihe hervorragender Mitarbeiter des In- und Auslandes unterstützt. welche regelmäßig in diesem Blatte das Wort ergreifen. um die Leser der .Mahrheit" über alle das Judentum 'bewegenden Probleme zu unterrichten. Die aus Anlaß des 4Vjährigen Bestandes der „Wahrheit" erscheinende F e st - nummer (erhältlich im Verlage. Wien. II, Heinestr. 13) vereinigt eine große Zahl von aktuellen Aufsätzen und interessanten Beiträgen der hervorragendsten Männer der Wissenschaft und Feder und gibt zugleich Beweis dafür, daß da» jubilierende Blatt auch weiterhin an feinen Idealen festhalten wird. Werbt auf der Reife für uns! ,? bindet. Diese außerordentliche Geistigkeit d«S Lisiauerschen „amor ckei". der nie fehlende Glockenton erlebter Religiosität (vergl. z. B. ..manchmal bindet Gott Stück der Welt"j. der immer wieder zum Gebet, zum hymnischen Gesang, zum Psalm wird, hat seine starken Keime im Judentum des Dichters. Schon im Mittelalter bei Jehuda Halevi. — poetisch. — und später bei Spinoza. — gedanklich, — finden wir eine ähnliche, gottestrunkene Verinnerlichung alles Schauen» (vergl. „Bannruf". „Gebet". „Lobgesang"». Diese religiöse Inbrunst wird von einer Leiüenichast getragen, die man als die edelste, moderne Variation des allen religiös-schöpferischen Judengeisies ansehen darf. Die immer wieder zu einer Art heroischen Idylle strebende, breit-malende Landschastsschildvruirg Lisiauers. die fortwährend in ein wildes und kraftvolles Jauchzen, „in die brausende Seligkeit eine» dahinflietzenden Stromes" ausklingt, ist dagegen reine» Deutschtum. ist beste Errungenschaft und lyrische Eroberung eines mächtigen Kuusbwillens. der endgültig alles Ghettohafte abgestreift hat. In Berlin ist Lissauer zwar ausgewachsen, aber da» ganze deutsche Land mit allen seinen überreichen Naturschönheiten ist ihm .„Heimat der Seele": „ES liege» mir in Deutschland» Westen, Süden. Norden Biel Heimatörter eingesprengt. Sie wurden mir nicht durch Geburt aeschenkt. Durch liebend Schauen sind sie mein geworden." Aeußerungen einer ganz eigenen Persönlichkeit, Umriß einer neuen Provinz in unserer Dichtung sind diese tief he, lebten, rauschenden Lieder, in die da» Dtnghafte. Erbenschwere. doch dabei gleichzeitig hell Ausglühende tief einge, drungen ist. (Bgl. daS Gedicht „Mohn".) Visionen, die bisher wortmalender Darstellung kaum je zugänglich erschienen, werden -ur gestalteten ErlebniSmög, lichkeit. wie z. B. in der ganz eigenartigen Phantasmagorte „Türen": wieder siebt man bisher unbeachtete Dinge der Alltäglichkeit poetisch sinnfällig gemacht, wie in den Gedichten „Istupel" und „Balkon» in der Vorstadt", „Gäste". „Borsrüh, liug". „Der Wind". Ganz unvergeßlich wird dem Leser die Vision vom „Taktstock". bei dessen Betrachtung dem Dichter wie ln einer Symphonie die vieltönigen Melodien und Klangfarben eine» ganzen Orchesters lebendig «erde». E» ist nicht möglich. den ganzen Reichtum des „Stroms", in dem so viele» bisher unpoetisch Scheinende zum wundervollen Gedicht ge, worden ist. zu schilbern. Al» kleine Probe der ganz neuartigen Anschaulichkeit mögen folgende Zeilen dienen, die, wie fast alle» in dem Buche, weder realistisch-impressionistisch, noch expressionistisch, sondern einfach lissauertsch sind: „Da kommt der Wind wie ein Geiger au» Ungarn» Steppe«. Nimmt die Fiedel her. spielt ein» auf durch Lie _ himmlischen Wiesen und Auen, Die Wolken, die jungen Frauen, Tanze« mit weitschleifenden, weltzfewene» Schleppe». Mittenhtnetn Torkelt Mond. Ler Licke Kahlkopf, trunken von. Rheinwein. Jauchzend streut er silberne Taler in grelle« Würfe» hinab auf die gaffenden Wälder und Dellen. RaL einigen Richtungen hi« Ist der Strom gegenüber Le«»8keretnFortschritt. Set« Erlebe» -er Welt ist »och reicher geworden, schlechte, dilettantenhaste Reime und Strophen fehlen in der so untraditionellen Sprache jetzt fast ganz. Rhythmus und Takt sind freilich — wie in den rueisten Gedichten des Autors — in der Formgebung noch nicht restlos gelöst: fast prosaartig anmutende Zeilen, deren innerer Rhythmus zwar stet» fühlbar ist, aber etwas zn Schwere» und wuchtend Schreitendes an sich haben, durchsetzen allenthalben sprachlich-gedankliche Herrlichkeiten. Biel wohlgelungerr Spruchartiges ist in dem Buch, und vor allem wird das außerordentlich stark deutsche Empfinden Lisiauers fruchtbar. Gedichte aus den großen deutschen Bauernrevolten. aus dem dreißigjährigen Kriege. Balladen vom alten Dessauer, von Kleist, au» Alt-Berlin zeigen, daß ..deutschvölkisches Empfinden" — nicht in dem karikaturenhaften Sinn, in dem dieser Begriff in dem gegenwärtigen Partetenkarneval figuriert — heißer in den Adern Lisiauers rollt, als in denen mancher sogenannten BaterlandSdichter und Patrioten, deren Großspurigkeit der Gesten und Worte in umgekehrtem Berhäktnis zu ihrer Aufrichtigkeit und ihrem Fühlen sieht. Es gibt tn der ganzen modernen Literatur nicht viel Dichter, denen es gelungen ist. ihrem Deutschtum einen solch starken und unvergänglichen Ausdruck zu geben, wie diesem au» dem deutschen Judentum stammenden Dichter Ernst Lissauer. Immer häufiger wurden die Helden seiner hymnenartigen Gesänge deutsche Genies, die im Volksbcmußtsein längst zu üherle-ensgroßen Heroen geworden sind, und denen eine mothenbildende Kraft des Dichters geradezu neue Gestalt gibt, wie Luther. Goethe. Bach, Beethoven. Blücher. Zur Jahrhundertfeier -er deutschen Befreiung von 18)3 brauchte Lissauer nicht „auf Bestellung" ein matte» und sprachlich-saloppes ..Festspiel"?.n verfassen, wie Teutschlan-ö repräsentativster Dichter Gerhard Hauptmann» sondern er stellte bloß ans seinen historischen, nicht ad hve geschriebenen Gedichten cinen Cyklus „1813" zni s«ammen. Ser ganz zweifellos die einzige in Deutschland entstandene. dichterisch« Glorifizierung jener gervaltigen Tage darstellt, die VleiVenden Wert hat. Gemeingut deS ganzen Volkes geworden ist. und nicht mit der Zeit vergehen kann. Sie steht ebenso turmhoch über allem öden Hurrapatriotismus und leeren Phrasenschwall z. B. der Gchullescbuch« oder Hoftheaterliteratur, und ist auch um so viel herzensechter und erblutet-gesüblter,. wie etwa eine der zahlreichen patriotischen Bricfstellen Heines oder Lasialles, z. B. eine der modernen völkischen Ramontaden Ludclr-orfss überragt! Hier ist die gewaltige GärungSzeit von 1818 wirklich dichterisch lebendig geworben, die Leiden und Begeisterungen unserer Vorfahren sind mit den Augen -emodernen Menschen gesehen, und da» Ganze ist wieder in jene ernste, reli- «We Sphäre gehoben, die heutzutage so wenigen erreichbar t. Das war «ine neue Art. Kriegslieber zu schreiben! Wie ist hier jede bloße Vortbegetsterunq vermieden, und ml« sind hier alle Stimmungen und Betrachtungen wieder zu plastisch geschaute« Bilder» geworben! Me führen hier fast schon Visionen und Menschen -er beste» Stücke ihr eigene», vpm Dichter gelöste» Dasein. La» ihnen ihr Autor ursprünglich schenkte. Diese Poesien haben wirklich mehr Gewicht, al» die Kriegstteder de» BolkSmundes, hie sich politisch nie über kleinlichen Parteigeist erbeben und dem Gegner keine Gerechtigkeit widerfahren Men. Die freien Rhythmen der mit hellseherischer Deutlichkeit geschauten Bilder glühen und zucken aufeinander wie Schläge einer in der Sonne blitzenden Art. Größe der Auffassung wetteifert mit Kraft des poetischen Ausdrucks. Neberall ist Bewegung, die frappant wirkt, sind Farben von unmittelbarster Lebendigkeit: alle» wird von neuem sichtbar: die Not des Volkes schreit zum Himmel: es murrt gegen den Korsen. Bork schließt die Konvention von Tanroggen ab. Blücher schlägt die ersten Schlachten: wir hören die Trommeln schlagen, die Flinten knattern, das ürausend-jubelnde Lied der Lützowschen Freischar in der Ferne verklingen. Ausgezeichnet ist die Komposition des Zyklus, die vom Vorspiel über „die Erhobung" und „die Befreiung" zum resignierenden „Nachspiel" führt. Das Buch mündet nicht in eine bengalisch beleuchtete Apotheose des „viktoria-gekrönten Hvhenzollernaars", wie siebet den Regiments- und Kriegervereins-Festspielen üblich war, sondern schließt mit bittrem Grimm über die preußische ieaktion, die nach 1818 kam. „Wir hörten den Pftngstwiud ob allem Volke wehn. Wir waren getauft und gesegnet mit Feuerzeit. Wer je einaimete Ewigkeit. Ten hungert unstillbar nach großem Geschehn. Allein, da» große Geschehn kam nach 1813 leider nicht! . . 4 -ine vielgelesene, rechtsstehende Zeitung schrieb damals, daß iese „Verunglimpfung" der gewaltigen Epoche echt — jü* isch sei! Nun. wenn das Sagen der Wahrheit und La» lenuen der Dinge beim richtigen Name.: .'lue jüdische Eigen, Haft ist. kann man sich den Vorwurf gefallen lassen! Die lt-israelitischen Propheten erlaubten es sich allerdings auch, hrem Volke mit Nachdruck die Wahrheit zu sagen. Uns twas Prophetisches hat dieser Dichter von ieher gehabt. religiösen Teile haben ebenso wie die Stücke, in denen Landschaft atmosphärisch abgespiegelt ist. wie z. B. „Aufsdano er Flüsse" etc. etwas ganz Großartiges a« sich! Es mag eine interesiante ästhetUch-literarische Frage sein, ie sich mit erkenntnistheoretisch-sozzologsichen kreuzt, rn we» »eit historisches Geschehen — vor allem im Bereich Ler Nasseupsychologie — dichterischer Bearbeitung überhaupt zu, änglich ist. und noch dazu der Bewältigung durch einen ausesprochenen Lyriker. Denn es soll doch keme Dlsionanz wischen dem lyrisch-gefühlsmäßigen Element und dem un- »ermeidlich Deskriptiven entstehen! Ganz ist Lissauer mrt liefe« Zwiespalt nicht fertig geworden, aber fein außerlrdentlichcS Können hat eS bei den metstrn Visionen doch rreicht. daß der Leser mit der Glut und Wucht des Lissauerche« Schauen» erfüllt wird. Die Dichtung bietet eine solche siülle prachtvoll gesehener Einzelzüge und Feinheiten, ihr ünstlerischer Ernst ist so groß, daß man den allgem^nen ind ungewöhnlichen Widerhall, den sie vor dem Kriege fand. Mt begreift. — Selbst au» polttisch-rechtsrabtbalen und &ntu emitischen Kreisen sowie sogar von deutschnülkische« Litera, ur-Profesioren la» man eingehend-sachliche, wenn auch ein venig wibermillias Anerkennungen! E» war zu offen kundig, »atz hier deutsche» Empfinden And brutsche» Ne* chÄe» eine ganz neuartige dichterische Formung erfahren, »atz diese stürmenden. üiderwältigenLen R-ythme« «in »eutschempfindenber Poet geschaffen battz. deffeir »aterländtscheS Gefühl natürlich gewachfm und nicht künst, lAt ttanrS««* m,r. (<3cblufi folgt}]

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