Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 32 (7.8.1925)
- Date
- 1925-08-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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um yi|i. i null ip^Jli } Die jüdische Gegenwart J jj Ein Denkmal für Maimontdes. Ein Komitee von Inden, Spaniern und Marokkanern hat sich gebildet, um dem groben jüdischen Denker. Talmntisten. Astronomen und Arzt Maimonides, jetzt, 721 Jahre nach seinem Tode, ein Denkmal zu setzen. Das Denkmal soll sich über dem Grab des Maimontdes am User desTibenaS-See in Palästina erheben. Ein spezielles Sammelkomitee mit dem Präsidenten der jüdischen Gemeinde Spaniens, dem Bankier Jgnacio Bauer an der Spitze, hat es übernommen, für diesen Zweck 100 000 Pesetas auszubringeu. Das Grab des MaimonidsS ist seit langer Zeit das Ziel jüdischer und arabischer Pilger. Rabbi Moses Maimon <Rambam), in der arabischen Literatur als Abu Jmran Muss den Maimun Jbn Abd Allah bekannt, wurde am SO. März 1125 in der spanischen Stadt Cordova geboren und starb am 18. Dezember 1204 in Kairo. Als er 13 Jahre alt war lim Jahre 1148) verlieben seine Eltern mit ihm die Stadt Cor» dova, wo die arabische Herrschaft die jüdischen Bürger zwingen wollte, den Glauben des Islam anzunehmen. 1180 lieft sich die Familie in Fez. Marokko, nieder und Übersiebelte später, um weiteren Neligiousverfolgungen zu entgehen, nach Kairo. Maimontdes wurde der Leibarzt des Sultans Saladin. Neben einer groben Zahl meist in arabischer Sprache geschriebener Werke über Medizin. Theologie. Astronomie und Philosophie schrieb Maimontdes seine berühmte „Mischna Thora", eine Modifizierung der biblischen nnd talmudischen Gesetze, sein Werk „More nebuchim" lFührer der Verirrten), welches von Ebarisi ins Hebräische übertragen wurde. Er wurde zum Oberhaupt lNagid) der Juden Aegyptens erwählt. Die erste Spende für das Maimonides-Denkmal in Höhe von 5000 Pesetas leistete der Jude Jgnacio Bauer, woraufhin der Spanier Don Manuel L. Ortega eine Spende in gleicher Höhe gab. Die „Casa Universal de los Sefaröies" in Spanien und die „AffoeiaeioueS Hispano Sefardies" in Marokko übernahmen es. den Rest der nötigen Summe aufzubringen. Das christliche Spanien, welches in Maimontdes den »groben Cordovaer. den Ruhm Spaniens und Israels" verehrt, reagierte auf die Mitteilung von dem Dcnkmalsplau mit Enthusiasmus. » Bibelausstellung bei Reich und Pollack, Berlin. In dem hübschen Ausstellungsraum der bekannten Buchhandlung hat die seit 1801 bestehende Britische und Ausländische Bibelgesellschaft, die in Berlin ihre Niederlassung in der Bernburgerstraße hat. eine umfangreiche Ausstellung ihrer Erzeugnisse veranstaltet. Sie ist kulturhistorisch sehr interessant und regt zum Nachdenken an. An den Wänden stehen die hunderteinundzwauzig Jahresberichte und die große sünfbändige Geschichte der Gesellschaft. Eine aufgehängte Tafel zeigt die Sprachen ad, in welche die Vereinigung die Bibel übersetzen lieft. Das „Buch der Bücher" ist gedruckt in 570 verschiedenen Sprachen erschienen! Auf den Tischen liegen die unzähligen fremdsprachigen alten und neuen Testamente zur Ansicht aus. Da kann man die Vielfältigkeit der Schriftzeichen bewundern! Wie differenziert ist doch das Geschlecht des „homo sapiens", das sich seit Jahrtausenden so garnicht „sapient" benimmt! Da liegen Bibeln aus in der Zigeunersprache, in Urdu. Kaffrisch. Fidschi, Snrisch. Sanskrit. Suahili. Aethivpisch. Ewe. Haußa. Ossete, Nyika-Nyassa. Japanisch. Chinesisch, in den indischen Dialekten, in Jiddisch, Jargonhebräisch usw. usw. Wer kennt die Völker, zahlt die Namen!— Allo, alle die braunen, schwarzen, roten, gelben und weißen Zweifüßler, die auf diesem verwunschenen Wackelplaneten hernmkraucheu. lesen die Bibel und kennen sic! — Was wir Juden vor ein paar taufend Jahren in die Welt gesetzt haben, hat sich verbreitet, wie nichts anderes. Was ist dagegen die geistige Wirksamkeit eines Platon. Homer, Shakespeare oder Goethe! Ach. wie unangenehm ist doch das Leben auf dieser Erde. Und wie schön könnte es sein, wenn nicht nur die Bibel verbreitet wäre, sondern auch die in ihr steckende Gesinnung! Aber die Millionen Kricgstote sind noch nicht ganz vermodert und schon zucken wieder die Leiber der Geschlachteten von Bulgarien, Marokko. China. Armenien usw. Und alle lernen sie doch neben anderem in der Bibel: „Du sollst nicht toten!" .... Der Rabbi Elieser in Podolien pflegte alltäglich die Weltgeschichte und eine Tageszeitung zu lesen. Immer nach der Lektüre murmelte er: „Ein narrisches Weltcl! ,.,« L. D, Zum 70. Geburtstag I. Turoffs. Am 10. August wird der in weiten jüdischen Kreisen bekannte Schriftsteller und Politiker Jsak Turosf seinen 70. Geburtstag feiern. 1355 in Stützt, Rußland geboren, kam er noch im jugendlichen Alter nach Deutschland, wo er nachher auf den Universitäten Halle, Berlin und Breslau Medizin und Naturwifsenschaft studierte. Aber bereits im Jahre 1881 entpuppte er sich als politischer Schriftsteller von Belang. In diesem Jahre brach bekannlich in Deutschland nach einer langjährigen Atempause die antisemitische Seuche von neuem aus und manifestierte sich zunächst in einer wiitenden Verfolgung der Ostjuden, von denen allein in Berlin mehrere Hundert die sofortige Ausweisung erhielten. Der junge Turosf schlug Lärm, indem er in einer in zahlreichen Tageszeitungen veröffentlichten Serie von Aufsätzen bas damals voch liberale deutsche Volk aus diese Akte der Polizeiwillkür aufmerksam machte. Die Herren auf dem Molkenmarkte mußten ihren Mut etwas zügeln und auch das Ministerium «es Innern sah sich genötigt, in der „Nordd. Allg. Zeitung" Segen den ihm unbekannt gebliebenen Verfasser der unbequemen Zeitungsartikel hochoffiztös zu polemisieren und rhn als politischen Agenten hrrizustellerr. Zwei Jahre darauf schloß sich Turosf der eben im Entstehen begriffenen Palästinabewegung an, der er 1884 durch «ie Begründung des Kolonisationsveretns „ESra" (Verein zur Unterstützung ackerbautreibender Juden in Palästina und Syrien) einen mächtigen Impuls gab. Zwanzig Jahre lang, dtzur Entstehung -es Zionismus und lange über diese Zeit mnaublieb unser Jubilar in maßgebender Leitung dieser Bewegung, welche er durch Reisen. Borträge und zahllose Zeitungsartikel, namentlich in der von ihm und Willy Bambus herausgegeöenen Monatsschrift „Serubabel" zu fördern luchte. . Großes Aufsehen selbst in «ichtjüdischcn Kreisen erregten seine jetzt völlig vergriffenen Schriften .Judenelenö im Laude her RomanomL" und,L8o hinaus?", die er 1890/91 unter dem Pseudonym Paul Dimidow veröffentlicht hatte. „Wo hinaus?" galt viele Jahre noch nach seinem Erscheinen al- Stan- Davdwerk und einziger Wegweiser für alle Freunde Mischer Kolonisation Palästinas. Jsak Turosf gilt bis auf den heutigen Tag als bester Kenner der wirtschaftlichen Verhältnisse des heiligen Landes *nd Sachverständiger über LaS ganze weite Gebiet der jüdischen Kolonisation-- und Gmigrationsfragen. Möge eS i-hin vergönnt sein, -für sein Lebenswerk noch «arge in voller Frische zu wirke«. Dte marokkanische« Juden als Sklaven der Rijkabylen. Bon W. Olff. Gegenwärtig tobt in Nordmarotto der Krieg, und wenn es Lew Führer der Rifkabylen. AbS-el Krim, auch gelang, sich vom spanischen Joche zu befreien, so ist eS «och fraglich, ob es ihm ebenso gelingen wirb, den Sieg über die Franzosen in Marokko zu erringen. Jedenfalls bleibt die Tatfache, daß, wenn dt- Franzosen ihren politischen Einfluß in Marokko verliere», die Juden Marokkoneue und schwere Verfolgungen ertragen müssen. Denn dem Siege Abd-el Krims wird eine Vernichtung der marokkanischen Inden folgen. Der bekannte spanische Schriftsteller Blaseo Jbanez, der die Marokkaner, sogar ihren Führer Abd-el-Krim persönlich kennt. schreibt folgendes: .In die Hände des Marokkaners Add-el Krtms zu geraten, ist für einen Menschen viel schrecklicher. als von Menschenfressern gefangen zu sein. Es ist viel leichter zu sterben, als di« Torturen dieser Barbaren zu ertragen, die ihre tierischen Leidenschaften «durch viele Generationen hindurch vererbt haben, und Sie im Kontrast zu den zivilisierten Sitten der Menschen stehen." In Marokko lebten dte Juden schon seit uralten Zeiten. Während die Römer Jerusalem einnahmen, sind Sie Juden nach Marokko geflüchtet, um sich vor Sen mörderischen Römern zu retten. Nach historischen Legenden sollen sogar noch vor der Vernichtung des zweiten Tempels große jüdische Kolonien in Marokko existiert haben. Im Anfang des Mittelalters war Marokko der Mittel, punkt jüdischer Gelehrter. In Ser marokkanischen Hauptstadt Fez lebte vor 100 Jahren der berühmte Rabbi Jsaack Alfcesi. Eine gewisse Zeit wohnte auch hier Ser Vater von MaimonideS. Rabbi Maimon. und viele andere jüdische Gelehrte. Seit sich in Marokko der Islam verbreitete, hat sich Sag Leben der Juden schlimmer als in einer Hölle gestaltet. Die fanatischen Stämme und ihre vielen Sultans haben die Juden im Verlauf von Tausenden von Jahren unaufhörlich verfolgt und maltretiert. Nach Sen Feststellungen vieler Geschichtsschreiber haben zeitweilig bis zu 10 Millionen Juden in Marokko gelebt. Sie aber zum größten Teil abgeschlachtet würden. Laut deu marokkanischen Gesetzen hatte jeder Muselmane bei Ser kleinsten Ursache das Recht, einen Juden zu ermorden. In solcher Lage befanden sich die Juden noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Die ständigen Streitigkeiten zwischen den Stämmen und den Sultans führten immer zu Judenverfolgungen. Der bekannte Philantrov Moses Montefiore bemühte sich im Jahre 1864 mit Hilfe drr englischen Regierung und großer Geldbeträge, den marokkanischen Juden Menschen- und Bürgerrechte zu verschossen. Jedoch blieben alle Abmachungen auf dem Papier: in Wirklichkeit sind die Juden in Marokko rechtlos und Sklaven wie in den schrecklichen Zeiten des Mittelalters geblieben. Der bekannte italienische Schriftsteller und Reisende Edmondo di Amizis, der eine Zeitlang in Marokko lebte und die Lage der unglücklichen Juden beobachtete, berichtet folgendes: „Die Juden dürfen hier nicht als Zeugen vor Gericht erscheinen. sie müssen vor dem Richter zur Erde fallen. Sie dürfen weder Böden noch Häuser außerhalb des Ghettos besitzen. Es ist ihnen nicht erlaubt, andere, wie schwarze Kleider zu tragen. Sie dürfen sich weder verteidigen noch vor Mördern und Angreifern schützen, selbst dann nicht, wenn sie im eigenem .Hause überfallen werden. Ohne Erlaubnis des -Sultans dürfen sie nicht heiraten, auch ist ihnen das Verlassen des Judenviertels nach Sonnenuntergang verboten. Dagegen sind sie aber verpflichtet, «den Sultan und seine Angehörigen zu allen Feier- und Geburtstagen reich zu beschenken. Bei Leicheubegräbnissen dürfen sie nicht gehen, sondern sie müssen Laufschritte machen." Massenpogrome infolge religiöser Verhetzungen sind einfach tägliche Erscheinungen. Es passiert oft, daß Musulmancn Juden ans der Straße überfallen und ohne Ursache morden; und die Juden dürfen sich nach Sem Gesetz nicht verteidigen . . Solcher Straßenmorde am hellichten Tage Hat die jüdische Gesellschaft „Alliance" während einer kurzen Zeit in nur einer Stadt mehr als 300 verzeichnet. Seit der Zeit, wo die Franzosen die politische Aufsicht übernommen haben, sind viele Pogrome vereitelt und die jüSischen Viertel während der Ueberfälle von französischem Militär bewacht worden. Laut den Vereinbarungen der europäischen Staaten, die mit Marokko t«, Verbindung stehen, erhalten die europäischen Juden der betreffenden Staaten dieselben Rechte wie die Nichtjud-en. Außerdem kann ein marokkanischer Jude, der irgendeine Stellung bei einem europäischen Konsul in Marokko einnimmt, die Staatsangehörigkeit des betreffenden Konsuls erhalten. Und wenn der Jude sogar nur in Stellung bei einem europäischen Kaufmann ist, der in Marokko lebt, gewinnt er schon dieselben Rechte, wie der Kaufmann. Dieses Mittels haben sich Tausende von marokkanischen Juden bedient, schon seit der Zeit, in der die Franzosen begannen. Marokko zu kolonisieren. Unter den französischen Offizieren und Geschäftsleuten befanden sich viele Juden, die gern ihre verfolgten marokkanischen Brüder zu sich in Stellung nahmen und sie dadurch aus großer Knechtschaft und von Martern retteten. Die finsteren Rifkabnlen und Berbern merkten, wie diese Juden allmählich das Ghetto verließen. Obwohl sie tiefe Wut darüber empfanden, konnten sie gegen diese „Abmachung" nicht auftreten. In der letzten Zeit haben die marokkanischen Herrscher, die Sultans, die noch bis heute die innere Macht des Landes in ihren Händen haben, versucht, mit allen Mitteln «die Rechte der „befreiten Inden" zu beschränken: dagegen protestierten die europäischen Mächte und verlangten, daß die geschaffenen Abmachungen respektiert wurden. Ein jüdisch-amerikanischer Journalist, der Marokko bereist hat, schreibt über das Leben der jüdischen Einwohner des Riss sowie der Stadt Dibda folgendes: Unter den 500 jüdischen Familien, die in Dibda leben, befinden sich ungefähr 200 Familien Kohanim, Sie übrigen sind Jsraelim. Leviten sind nicht unter ihnen. Die marokkanischen Inden dürfen ihren Vermögensbesitz nicht zeigen, sonst bildet er eine Lebensgefahr für ihre Familien. Wie reich Ser Jude in Marokko auch ist. so bleibt er doch immer der Knecht des reichen nnd starken Arabers. SUcht ein Jude könnte einen Ta« in Rif leben, der nicht einen Araber hat. Ser sein Beschützer ist. Der Araber nennt diesen Juden „Owdi", mein Knecht. Jeder Jude hat seinen „Said", die als Heilige oder berühmte Mörder bekannt sind, die von den Arabern respektiert oder gefürchtet werden .... Der arabische „Said" schützt seinen jüdischen Knecht vor jedem Itebersall, den ein anderer Araber auf ihn machen würde. Der Jude bezahlt seinen „Said" für seine Schutztättgkeit reichlich. Der Jnde weiß wohl. daß. wenn sein -Oaib" ihn einmal besucht und etwas sieht. LaS ihm gefällt, er sich nicht geniert, den Gegenstand an sich zu nehmen. Daher sieht man in den jüdischen Häusern weder Möbel noch Schmuck. Wen» ein ^Sai>d" seinen Juden ermordet, wird er ftrtrat einmal bestraft. So leben die Juden des Rifs in fortwährender Todesangst. Die JUflabylen sind als grausame Menschen bekannt. Dte Juden erzähle«, daß in der Rifaegend kau« ein Mensch ist. der in seinem Leben nicht einen Mord begangen hat. Jetzt kann man sich leicht vorstellen, in welcher Angst die Marokkanischen Juden leben, und wie furchtbar ihre Zukunft sich gestalten kann, wenn Abd-el Krim Sen Steg über Frankreich davontragen wird. Jedenfalls ist zu hoffen, daß bald etwa- Acht und Kultur nach Marokko eindringt, datz endlich die versklavten Juden in Marokko befreit werden. Wiener Brief. Blutige Saat. Am letzten Julitaa war eine Deputation der Hakens kreuzler beim Bundeskanzler Ramek. um ihn zu einem Verbot Le- Zionisten koirgreffes zu bewegen. Sie behauptete, datz sich die Bevölkeruna Wiens in einer fieberhaften Erregung: befinde, die kaum mehr zu zügeln sei und deren Folgen nicht abgesehen werden könnten. Früher, als es die Sprecher dieser Deputation geahnt hatten, brach tatsächlich der angekündigte Orkan los. «»der er wandte sich gegen die Gesinnungsgenossen derer, die den Teufel so unvorsichtig an die Wand gemalt hatten. Schon am nächsten Taac nach der denkwürdigen Audienz, die einen Höhepunkt herausfordernder Frechheit darftellt, lag ein deutsch-völkischer Turner auf der Totenbahre, ein beklagenswertes Opfer der aufs äußerste getriebenen Hakenkreuzler» Hetze und der Wut, die diese Hetze beim Volke gegen ihren Urheber entfacht hatte. Ich habe in meinen letzten Briefen das Treiben deck Nationalsozialisten geschildert, die sich unter dem Vorwände der ZeitungSkolportage die aufreizendste Provokation der Juden und Sozialdemokraten angelegen sein ließen. Die merkwürdige Haltung der Behörden, die diesem Treiben nicht nur nicht Einhalt geboten, sondern es unter Berufung ^aus die republikanische Preßfreiheit noch schützte», war nicht geeignet, den Grimm der Provozierten zu mildern. Als die Polizei vollends beim Schutze der ihr angeblich so heiligen Preßfreiheit zweierlei Matz anlegtc. indem sie einen kommunistischen Kolporteur, der sich neben den antisemitischen postierte und diesem Konkurrenz machte, mehrmals vom Platze wies und schließlich verhaftete, bemächtigte sich der friedliebenden Bevölkerung immer me.hr das Bewußtsein, einer Handvoll Lausbuben rechtlos ausgeliefert zu sein. Dazu kam. daß gerade an dem kritischen Tage zwei Urteile im Gerichtssaal gefällt wurden, die den Glauben an eine Rechtsgleichheit in Oesterreich auch in den meisten Gemütern zerstören mußten. In Wien wurde ein nationalsozialistsscher Rowdi. der einen harmlosen jüdischen Spaziergänger niedergeschlagen und verletzt hatte, zu der erschrecklichen Strafe von 10 Schilling verurteilt, während in Wiener Neustadt ein Arbeiter für einen Steinwurf gegen provozierende. bis au die Zähne bewaffnete Hakenkreuzler einen Monat schweren Kerkers erhielt. Unter solchen Umständen kann sich niemand wundern, daß in der gewaltsam aus Ruhe und Friede gescheuchten und in ihrem Vertrauen zur hoben Obrigkeit getäuschten Bevölkerung immer mehr die Neigung überhaudnahm, sich selbst den Richter zu machen. Das Wachsen dieser Neigung: erhielt einen grotesken Gradmesser in der täglich steigenden Zahl von Arestiernngen, die die Polizei im Interesse ihrer Schützlinge vornahm vom Praterstern einer Leovoldstädter Gegend, in der antisemitische Zeitnngskolpvrteure von Hans aus nichts zu suchen hatten — als Prügel, meldete das in der letzten Woche stereotyp gewordene Kriegsbnlletin zuerst 3, Sann 11 und schließlich mehr als 20 Verhaftungen, und wer weiß, was für Progressionen sich da noch ergeben batten, wenn nicht die an sich beklagenswerten Ereignisse des ersten AugusttageS einen Wandel gebracht hätten, von dem es sich erst zeigen muß. ob er dem permanenten Skandal des behördlich unterstützten Stratzenterrors endgültig beseitigt hat oder — das Uebel noch verschärft hat. An diesem Tage fand das Leichenbegängnis des ersten sozialdemokratischen Bürgermeisters von Wien statt und aus diesem feierlichen Anlatz war der .Mepublikanische Schutzbund" ausgerückt. Es ist dies die sozialdemokratische Parteigarde, die schon durch ihren bloßen Bestand die ganze subversive Meute der „Hakenkreuzler". „Frontkämpfer", „Heimwehren" usw.. die unter der patriotischen Maske der Ordnungshüter den Pogrom anstrebt, in Schach hält. Was Wunder, daß immer weitere Kreise der friedliebenden Bevölkerung nach dem Versagen der mit offener Parteilichkeit zugunsten der Pogromistew wirkenden Behörden in der Arbeiterwehr die einzige Bürgschaft für den Fortbestand rechtlicher Zustände erblicken? Dabei ist eS sehr fraglich, ob der Republikanische Schutzbund ein solches Vertrauen in der Stunde einer ernstlichen Gefahr auch wirklich zu rechtfertigen imstande wäre. Bisher hat sich seine ganze militärische Tätigkeit auf Ausrückungen bei Fahnenweihen und Leichenbegängnissen beschränkt. Als im Vorjahre die Wiener Hakenkreuzler in Klosterneuburgs eine kleine Schießübung auf Arbeiter veranstalteten, weilte die Klosterneuburger Ortsgruppe des Schutzbundes gerade bei einer Fahnenweihe in Dullen. Bei den letzten „Frontkämpfers-Exzessen in Mödling war die Lvrlige Schutzbund- Abteilung zwar zu Hauie. das dokumentierte sich aber lodiglich darin, daß ihr Fülirer von den völkischen Exzedenten erschlagen wurde . .. Bei dessen Leichenbegängnis, sowie bei der Bestattung der anderen von Zeit zu Zeit abgeschoffenen Mitglieder des Bundes bekommt man allerdings ganz drohende Worte und Reden zu hören. Es ist aber auch noch nicht das Bescheidenste geschehen, was jemanden! berechtigen könnte, solche Drohungen ernst zu nehmen. Der Republikanische Schutzbund hat sich bisher als ein durchaus friedfertiger Verein erwiesen. waS zum Teil sicher darauf zurttckzuführen ist. baß seine Mitglieder zum Unterschied von den Hatewkreuzlern leine be,zahlten Rowdis smd, sondern Arbeiter, die sich mit Sem Ertrag ihrer Professionehrlich und anstäwdlg sorübringen. Auch die Tatsache, daß an der Spitze des Republttani-schen Schutzbundes ein gewesener General der k. und k. Armee steht, macht es vielleicht erklärlich. daß die sozialdemokratische Parteigarde eine schöne Exaktheit beim Exerzieren, aber eine ganz unleugbare Abneifluna vor kriegerischen Verwicklungen zeigt . .. Jeoeüfalls heißt es. diesem ehrsamen Korps baS größte Unrecht tun. wenn man es als eine blutrünstige Horde mordgieriger Heißsporne hinstellt, wie eS am Tage nach der Tat, von der ich heute berichten mutz, nicht bloß von den antisemitischen. sondern leider auch von sogenannten lrberalerv Zeitungen versucht wird. <c . . Ich war selbst auf dem Praterstern zugegen, als ihn dce Leovoldstädter Abteilungen des Schutzbundes Lei ihrem Einrücken von dem Leichenbegängnis des sozialdemokratischen Altbürgermeisters passierten. Ich sah. daß die! Situation beim Dhegetofs-Denkmal. auf -essen -stufe die Hakenkreuzler Posten gefaßt Hatten, einen Moment lang bedrohlich wurde. Dann aber beobachtete ich, datz gerade dte Führer der Schutzbündler auf die aufgeregte Menge beruhigend einwirkten, die antisemitischen Provokateure vor Gchlägeü bewahrten und. nachdem sie auf solche Weise Ruhe gestiftet hatten, mit ihrer Schar in voller Orbnu«« gchzogen. Was weiter geschah, kan« ich leider nicht aus eigener Wahrnebinung berichten, da ich im Mauve«, da« mit bem geschilderten Jktermezso auch die Gefachx de- Tages vorüder sei. meiner Wege ging. Es «scheint aber, baß gerade die friedfertige Haltung der Schutzbündler auf die Hakenkrenzler. die sich vorher aus Angst vor den auSgerückte» Arbeitern an diesem Tage einige Reserve anferlegt hatten, ernmligenö wirkten. Doch hatten die Provokateure diesmal nicht bloß die jübifchen Wcksanten HNd. chaffetSau-«