Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 32 (7.8.1925)
- Date
- 1925-08-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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', ß>!"*VW^' igPM >. i vvf-'i?1 yy' .|,),f",!,m' n\s '* ' '- -^Wenn der moderne Rabbiner, -er Säkularisierung -es religiösen Wesens nachgahend. fetzt seiner Gemeinde in die Vereinssäle verschiedener Veranstaltungen folgt, um sie «rch auf Liese» aänzlich veränderten Felde seiner Betätigung Mit dem Blick auf die Ewigkeitswerte seines Berufeseel- >sorgerifch zu betreuen, so ist der Lehrer weit schlimmer durch die Forderung btt Kvnumrnisterung -eS MsienS bedroht. Diese dringt von zwei Setten her, von oben und von unten .gegen ihn an. Bon oben kommt -er soziale Ansturm derer, idie seit Kvraihs Zeiten her Würde. Wissen und persönlichen Wert achtlos beifette setze» und ans jede mögliche Weise zu verkleinern bemüht sind. Leicht finde» Ne gefällige Helfer, idie bereit sind, die ernste, gewissenhafte Arbeit -es LehrerjlaHmzulegen. Die von unten her erhobenen Schmähungen gegen die Lern- und Strafschule mit ihren auf ein untragbares Autoritätssystem zurückgehenden Mißständen. die ja inun längst ausgeglichen und völlig beseitigt sind, find noch -u frisch in aller Gedächtnis, als daß hier näher darauf eingeganaen m werden brauchte. Mer mancher Lehrer findet sich gern -dazu bereit, diesen auf ihn cinsMvmenden Forderungen nachzugeben. So überträgt er die Gepflogenheit -er aus Amerika zu uns herübergekommenen Einrichtung der Schulgemeinde, welche die Schüler zur Selbstverantwortung gewöhnen und auf soziale Betätigung vorbereiten will, auf seinen Unterricht, indem er einen Schüler in dessen Mtttelvunkt stellt, um sich selber möglichst auszuschalten. Dieses iZupücktreten von der Führerrolle. die doch sonst in -er Modernen Jugendbewegung allgemein durchgeführt ist, aber kann der Unterricht noch viel weniger vertragen. Statt!einer fetzt nun eine philantHrotzinisttsch spielerische Bielgechäftigkeit ein. welche die ernste zielstrebige Arbeit wie Lie Wertung sachlich normativen Wissens, das die Voraussetzung alles geistigen Strebeus ist. als überwunden gering achtet. — Auch die utopischen Hoffnungen, die an den nach der unmittelbaren Sprachmethode getriebenen Unterricht üer hebräischen Sprachschule geknüpft werden, werden sich nie. mals allgemein erfüllen. Trotzdem ist er zu begrüßen und au fördern, so lange dadurch das Interesse am hebräischen Unterrichte wach erhalten und fruchEar gemacht wird. Aber 'dies entbindet ihn nicht von der allgemeinen Forderung, auch »hn dem Gesamtzweck des Religionsunterrichts einzuordnen, der darauf htnauSgeht, die religiöse Erkenntnis zu klären und das religiöse Fühlen auszuw-eiten und zu beleben. Hier bleibt für die methodische Arbeit und ihre praktische Durchführung noch ein weites Feld zu bebauen. — Man mag den Umfang des Lehrstoffes auch im Religionsunterricht ohne feden Schaben lehrplanmäßig einschränken, aber Erfolg und Fruchtbarkeit alles Lehrbetriebs ist und bleibt einmal von der Gründlichkeit des Wissens abhängig, über Las der Lehrer selber verfügt, dann von der methodischen Geschicklichkeit, mit der er den wesentlichen, praktisch verwendbaren Inhalt seines Wissens in elementare Form zusammen zudrängen Und dem eingehenden Verständnis üer Schüler nahe zu bringen versteht. Schon dies allein gibt dem Lehrer eine schier uferlose Fülle von Aufgaben, die er ohne schweren Schaden für feine Schule nicht vernachlässigen darf. Denn -nur dann vermag er die Lernzur Uebnivgsarbeit, den itoten Gedächtnisstoff zur praktischen Schulung umzubilden jund die Schüler dadurch statt zu einer einseitigen Berufs- Kur allgemeinen Eignungsprüfung vorzubereiten. Diese Ziele sind der Kern, der dem Besrisf der Arbeitsschule überall zugrunde liegt. Allein der intelligibel basierte U nter - jricht, der auf erkenntnismäßiger Grundlage systematisch angelegt ist, verbürgt den äußern Fortschritt und je nach der gefühlsmäßigen Warwe, die den Lehrer während feiner Berufsarbeit erfüllt. Sie innere, auch die religiöse Vervollkommnung feiner Schüler. Jede Veräußerlichung und Herabsetzung der Unterrichtsarbeit aber ist die Vorfrucht der Mechanisierung und Verwilderung der Erziehung, die im Religionsunterricht zwangsläufig auch die Entseelung des Llrystaltsgeistes, die Indifferenz in religiösen Dingen, das Absterben des jüdischen GemetngefüKls zur Folge hat und den innern Verfall des Judentums vorbereitet. Daß vor allen: auf die Voraussetzung LeS Wissens nicht verzichtet werden kann, geht schon ans dem bekannten Spruch hervor: Ein Unwissender kann nicht fromm sein. Wissen und Wissenswert bleiben also die unantastbare Grundlage der Schule iüberihaupt. fast noch mehr der jüdischen. Ans alledem ergibt sich, Laß das Lehramt die Persönlichkeit des Lehrers gänzlich ansfüllen muß, wenn er vor Fehltritten bewahrt hleiben soll: „Das Studium der Tora geht allem voran." Zn dieser sachlichen möge noch kurz eine religionSgeschichtliche Erwägung hinzukommcn. Der SchaZ-MaZ in den kleinen Synagogengemeinden der früher» Zeit war bekanntlich der Scholiach Zibbur und Maure Zedek, also der Kantor und Lehrer. Vom Schächtamt aber war auch damals hierbei keine Rede. So geht die Forderung, dieses mit dem Lehramt zu verbinden, noch hinter die Zeit der amtlich bestallten Kauscherwächter zu unserer Väter Zeiten zurück. — Wenn dagegen aber noch angeführt wird, daß dadurch die persönliche Würde und die soziale Stellung des Lehrers herabgedrückt werden, so kann dem nicht durchaus zugesttmmt werden. Die Ehre und Innere Würde der Persönlichkeit sind schließlich trotz allem autonome Mter und von der freien Willenseinstellung und steten Willenskraft des einzelnen mehr als von äußern, sogar amtlichen Gegebenheiten abhängig, und jedem Kenner jüdischen Lebenwerden würöige Persönlichkeiten bekannt fein, die entweder üaS Schächtamt allein ausübten oder es mit dem Lehramt verbunden habe«. Wohl aber ist der Kampf umS Dasein inzwischen verwickelter, heißer, dringender geworden, besonders ans dem l-ebiet der Geistesarbeit, und eS darf dem zukünftigen jüdischen Schulbeamten sein ohnehin so schwerer Kampf, sich Lurchzusetzen und erfolgreich zu betätigen, nicht noch von vornherein erschwert werden, indem er den im rein Vitalen Ausgehenden zugesellt und geistig wie religiös Gleichstrebenden in so weitem Abstande nachgestellt wird. Latz er diesen in der Regel nie wieder einzuholen vermag. Notwendigerweise müssen hier auch die Verhältnisse unter Ostjuden und Bayern zum Vergleich Lerangezogen werden, da Leide stark auf unS einwirken. Jene sind erstaunt, daß bei uns die „Kultusbeamten" in so geringem Ansehen stehen, die sie selber mit der Bezeichnung kele hakodesch zusammenfassen. die heiligen Organe, eigentlich die Ausstattung der Tora. Das Schächtamt ist bei ihnen durchweg von den anderen getrennt, aber als mölsaiket bakoässck» ein heiliges Amt. gleichfalls hochgeachtet. In Bauern dagegen ist ei wohl vielfach mit dem Lehramt verbunden, dieses aber trotzdem viel höher geschätzt als Sei unS, zumal die Verhältnisse dort durch alte Tradition seit langem konsolidiert sind. Eine Nachahmung bei uns durch ähnliche organisatorische Maßnahmen muß nach den vorangegaugenen Darlegunqen notwendig zur Herabsetzung des gesamten religiösen Wesens führen. Denn die Einschätzung des Religionsunterrichts ist bei uns mit derjenigen des Religionslehrers im Wesen verknüpft, aber auch der Maßstaü, der bei uns an die Religion im ganzen gelegt wird, wird nach der jetzt einseheudcn gesetzlichen Regelung innerwie außerhalb unserer Gemeinschaft weit mehr als bisher von jener abhängen. Daher wird die grundsätzliche Regelung der Funktionen des Religionslehrers für die Zukunft unseres Glaubens entscheidend sein. Auch die eingeschränkten, sogar fehlenden Mittel zu seinem Lebensunterhalt sollten nicht zur Unterstützung jener Forderung angeführt werden. Das galt so lange, wie bisher zahlreiche Gemeinden tu Ost und West mühselig um ilm Dasein zu kämpfen hatten, sobald aber die bis ins einzelne und kleinste hinreichende Organisation diese Frage einheitlich zu regeln unternimmt, wäre es ein Kardinalfehler, eine Gruirdfrage geistiger Art nach finanziellen Erwägungen bestimmen zu wollen. Vielmehr sind beide Fragen unabhängig voneinander so zu belsandeln, daß statt der sinnwidrigen Zusammenlegung wesensverschiedener Aemter die sinngemäße Verbindung verwandter Funktionsarten angestrebt wird. In dieser allgemeinen Forderung sollten die Leiter der Gesamtorganisation mit denen der kleinsten Gemeinden, denen nach Artikel 7 der Berbandsverfassung ihre Unabhängigkeit zugestanöen ist, zusauunentrcffeu. so daß diese sie nicht als ein günstiges Mittel benutzen können, dadurch finanzielle Vorteile für ihre Verwaltung herauszuschlagen. — Das Finanzielle war feit vielen Jahrhunderten die Hauptfrage in der Regelung jüdischer Angelegenheiten, aber es ist von anderen Bindungen abhängig, die von Faktoren rein geistiger Art abgelüst werden müssen. In früher« Zeiten suchten die Männer der jüdischen Finanz ihrem Adel zu erweisen, indem sie ihre reichen Mittel nicht, wie die der Kirche, in den Dienst prunkvoller, dem Sinne schmeichelnder Werke, sondern denjenigen ernster geistiger Arbeit stellten. Die Versorgung «der kleinen Gemeinden mit Schächtern ist eine Aufgabe des Organisations-Mechanismus, die durch Zusammenlegung der kulturellen Bedürfnisse benachbarter Zwerggemeirrden in der Hand eines Beamten wohl zu lösen ist, ohne die primäre Forderung der Wissenssreiheit dadurch zu beeinträchtigen und zu schädigen. Diese aber ist streng fachlicher Art und mutz im Dienste der religionSunterrichtlichen Methodik zum Zweck der äußern und Innern religiösen Entwicklung einheitlich durchgeführt werden, nicht aber eine finanzielle im Dienst religiöser Formen. Darum bars sie nicht den Verhältnissen rückständiger Zeitumstände ausgeliefert werden, sonder» beansprucht eine ins einzelne gehende, felLständige organisatorische Bearbeitung. In diesem Punkte kann eS keine« Unterschied zwischen rechts und links. zwischen orthodox und liberal Leben, sondern nur die gemeinsame religiöse Partei. -1e den Fortbestand und Las Gedeihen -es jüdischen Gemeinwesens erstrebt, abgesehen davon. Lurch welche organisatorischen Maßnahmen dies geschieht. Sie alle brauchen den Lehrer im Dienste des religiösen Geistes an den Seelen unserer jüdischen Jugend. Dieser Geist ist für alle Bekenner deS Judentums der prophetische der Beseelung und Fortentwicklung unseres Glaubens, ganz gleich wie sie sich zu priesterlicher Formgesetzltchkeit stellen, die ihre Opfer einst für den Altar wie heute im Schlachthaus fordert. Allesamt bedürfen sie -er klaren, unentwegten, konzentrierten Arbeit deS Lehrers, das Fundament des Judentums zu befestigen und auszubauen, das „unsere Weisheit und Einsicht ist in den Augen der Völker". Jüdische Heimalgeschichte im Schulunterricht. Bon Em. Goldschm i d t - Dortmund. Die Wahlen für den Preußischen Lauöesveröand bedeuten einen Erfolg für den jüdischen Liberalismus; sie zeigen uns die von der Mehrheit der preußischen Juden betonte Anerkennung der Entwicklung ans religiösem Gebiete. Religion ist, kurz gesagt, die Regelung des menschlichen Verhältnisses zu Gott. Wachsende Erkenntnis verursacht veränderte Einstellung. Die Verehrung göttlichen Wirkens und Waltcns ist das Bleibende; ihre Form wechselt. Sie hat von jeher gewechselt. Sie war eine andere in der Zeit der Wüstenwanderung, eine andere während des Tempelbestandcs; sie kannte andere Formen im Mittelalter und weist geläutertere Formen in üer Gegenwart auf. Die Erhabenheit Gottes wird von dem Menschengeschlcchte niemals ganz begriffen werden; zur vollen Erkenntnis seines heiligen Willens immer und überall vorzudringcn, wird uns dauernd versagt bleiben. In dem Suchen nach Erkenntnis bekundet sich aber der menschliche Wille, Gottes Willen verstehen zu lernen. Das ist heiligendes Streben, ist Religion an sich. Geschichte lehr: uns den Entwicklungsgang des Menschengeschlechts also auch seine jeweilige Einstellung zu dem über uns waltenden Gottesgcistc; darum sollen wir im Unterrichte auch der jüdischen Geschichte den gebührenden Platz einräumen. Es gab Zeiten — und sie liegen noch nicht sehr weit hinter uns — wo aller Religionsunterricht beschränkt war auf die Aneignung und da3 Verständnis der Gebet- und Bibelsprüche; und da unser Gottesdienst getragen und erhallen wird von männlichen Personen, so wies man den Knaben im Religionsunterrichte naturgemäß ein größeres Pensum zu als den Mädchen. Für sie» die vor ihrer Verheiratung den Gottesdienst nicht besuchten, genügte ein bescheideneres Maß jüdischen Wissens. Wenn sie im Gebetbuche sich einigermaßen zurecht finden konnten. um dem Vorbcter in der Synagoge folgen zu können, wenn sie weiterhin ihren Z'eno ur'eno zu lesen vermochten, so erachtete inan das als ausreichend. Es mutet uns heute gar sonderbar an, wenn Bitburger vor hundert Jahren seine kleine Bibel alS „Weg des Glaubens" bezeichnete, die zugleich ein Gebetbuch für „Frauenzimmer" sein sollte, durch welche die im .Idiom" älterer jüdischer Uebertragungeu vorhandenen Uebersetzungen der Bibel entbehrlich werden sollten. Büdinger, der aus diesem Gebiete noch wenig Vorgänger hatte, fand desto mehr Nachahmer. In der Folgezeit entstanden zahlreiche mehr oder weniger brauchbare Religionsbücher; sie behandelten die systematische ReligionSlehre ober stellten die biblische Geschichte dar. Bon dem Der« Gottes Seele. Von Ar thurSilbergleit. Goldes Seele wandert oft in Geigen Aus der Heimat seiner Himmel aus; Ihre Hohe Huld uns zu erzeigen Jubiliert sie Hern durch unser Hans. Und wir schlingen Tänze um -die Töne, Und in ihrem schlanken Reigenschritt Wandelt unsichtbar voll Formenschöne Rhythmus, Gottes ewiger Diener, mit. Aber wer sich einmal eingesiedelt Gottes Seele in die Geige hat. Fühlt sich pon -er Traummusik durchfiedelt ^Seiner; Sphären und der Sternenftaöt. Mische Frauengesialten -es 18. Jahrhunderts. ' Johanna B ach - Mühringen. Jv§ achtzehnten Jahrhundert kämpften die Romantiker gegen die Moralische Versunkenheit und wirkten heilsam sowohl aus Wissenschaft als auf Leben. Durch Einführung tieferer Ideen hatten sie das nüchtern gewordene Leben erfrischt, den nationalen Sinn belebt und die patriotische Begeisterung -er Freiheitskriege hervorgerufen. Die Stellung der Inden zur damaligen Zeit war keine beneidenswerte. Irr Berlin tonnte es Friedrich der II. nicht über sich gewinnen. sie den übrigen Staatsbürgern gleichzustellen. Eine ungeheure Wgabenlast und Beschränkung ward den Juden für den ungesicherten Schutz des tm Jahre 1750 erschienenen General-PrivilegiumS aufgebüvdet. Die Juden hatten nicht die Macht, sich ihr Recht zu erkämpfen, sie klammerten sich desto fester an ihren alten überlieferten Glauben und suchten Trost in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Das frische Wehen des WeltgeifteS. die Fortschritte der Böller in Leben, lKunst und Wissenschaft konnten sie nicht verspüren, da sie abgeschlossen von der Außenwelt, auf sich selbst angewiesen, in ihren Sitten und in ihrer Sprache zurückblivben. Im Gegensatz m dieser zurückgedrängten Lage der Juden Haben wir hervorragende Jüdinnen als Mittelpunkt literarischer: Kreise. De« Dichter Heinrich Christian Bote weilte 1770 in Berlin und wurde von dem Bruder des Dichters Lessing in ei» jüdische- Haus Angeführt. Der Dichter berichtet über «ftpe Mendsesellschaft: Lch fand ein paar sehr arttge Jüdinnen da. die mit Verstand und Geschmack von unserer Literatur rAeten! Wenn ich hier länger wäre, ich würde oft in jüdischen Gesellschaften sein, und ich mutz sagen, -atz ich den steifest unsesellchastlicheR Äwana fast no^ weniger fiter finde. wie in den anderen Gesellschaften." Derartige Aeußerungen auS den letzten Jahrzehnten deS achtzehnten Jahrhunderts gibt eS viele. Die Namen Rahel Levin, Dorothea Bett und Henriette Herz waren weit über Berlin hinaus berühmt. Der Rahelsche Salon war der bedeutendste im damaligen Berlin. Es verkehrten dort glänzende Offiziere. Hvsmänner und Diplomaten, wie die Grafen Dohna und Bernstorff, Major von Qualtieri. der Flügelaöjudaut Friedrich Wilhelm III.. der schöne Graf Alexander von Lilly, der Fürst von Sigur. dem die größten Herrscher Europas ihr Vertrauen schenkten, Prinz Louis Ferdinand, der Neffe des großen Friedrich, der preußische Kriegsrat Gentz. dessen Schriften schon damals Anfscheu erregten. Wilhelm von Humboldt, die Brüder Schlegel, Friedrich Schleiermacher. Prediger an der Charit^ in Berlin, gingen dort ein und aus. Dichter, Schriftsteller, Künstler und Schauspieler und eine nicht Heringe Anzahl durch Geist und Schönheit glänzende Frauen hielten dort Einkehr. Darunter ist die durch ihre Schönheit berührnte Henriette Herz, die liebreizenden Schwestern Sarah und Marianne Mayer, die Gräfin Karoline von Schaberndorf u. a. mehr. Je-er. der den Freibrief deS Geistes, des Talentes, -er Sclrönheit mitbrachte, war willkommener Gast an der Stätte dieser vereinigten Gesellschaft. Auf Person. Stand und Rang ward nicht gesehen. Zu jener Zeit herrschte ein großer Kastengeist in Berlin und jede Klasse feierte streng abgesondert ihre Feste. Darum gehörte dieser Seistig gesellige Zirkel zu den Seltenheiten und bildete eine Ausnahme von -er Regel. Rahel Levin. die Repräsentantin dieses Salons in der Jägerstraß« in Berlin, war keine blendende Schönheit, aber von den Göttern mit Geist, Witz und Anmut reichlich beschenkt. Nahels Vater war geistreich und witzig, aber auch schroff verletzend. Für feine ganze Familie war sein Wille Gesetz mrd unter diesem eisernen Gesetz litten alle Jaanilienmitglieder. Besonders schmerzlich wurde Rahel davon berührt, da sie auch bas Leid teilte, das ihre gute, sanfte, etrvas geistesbe-schränkte Mutter traf. NahelS Jugend war keine glückliche. Ihr Vater wollte sie nach seinen Anschaungen als Paradestück erziehen, wogegen sich Rahels seinsühlende Natur wehrte; er erkannte die Tiefen ihres Wesens nicht. Wem: sie von ihrer Jugend redet, ruft sie grollenaus: „Eine gepeinigtere Jugend bis zu achtzehn Jahren erlebt mau nicht, kränker war man nicht, dem Wahnwitz näher auch nicht." Ihre Brüder fühlten Rahelgeistige Ueberlvgenheit und fanden ein Vergnügen darin, sie zu peinigen. Sie war zu grotzdenkend. um Nachträgen zu können. Durch ihre große Nachsicht war bald jeder Zwist beigelegt. Doch -rückte Rahel noch eine schwere Last: das Bewußtsein, als Jüdin geboren zu sein. Und dennoch hat gerade Rahel am längsten unter de» Ihrigen gezaudert. Li« Religion zu wechseln. Eine große HerzenLgüt« war ihr eigen. Ihre Liebe schenkte sie btm Grafen Karl von Finkenstein, Sohn eines preußischen Ministers. DaS Verhältnis löste sich später Wieder auf. Einige Zeit darauf verlobte sie sich mir einem Spanier namens Don Raphael -'Urquijo, der 1802 als Legationssekretär nach Berlin kam und durch feilten Gesandten bet Rahel emgeführt wurde. Sie liebte ihn mit glühender Leidenschaft, nur seine große Eifersucht war der Grund der Entzweiung. Berderow sagt in seinem Buche über Rahel Barnhagen: „Wenn Ranke Frauen mit universaler Bildung aus -er Berliner Gesellschaft einen nicht unbeträchtlichen Einfluß ans seine Arbeit zugesteht, so kann er in der Hauptache nur an Rahel und Bettina gedacht haben. Rahels' Lieblingsdichter war Goethe. Mit ihrem ivarmerr empfänglichen Herzen hatte sie den Dichter voll erfaßt und in sich ausgenommen. Anregend und bildenwirkte sie aus ihre Umgebung, so sehr war ihr Goethes Weltanschauung und Lebensauffassung in Fleisch und Blut übergegangen. Sie erblickte in Goethes Schriften die höchste Offenbarung. Rahel vermählte sich in ihrem 4H ten LebenSjachre mit dem kaum 30 Jahre zählenden Barnl>ogen von der Ense 11814), nachdem sie kurz vorher zum Christentum übergetreten war. Frau von Woltmann schrieb nach Rahels Tod an Barnhagen: „Als ich Rahel kennen lernte, sagte ich von ihr zu Woltmann, ich sehe sie nie, ohne an den Spruch zu denken: „Ta trat ich auf, Debora, eine Mutter in Israel; der Bach Kison wälzte sie. der Bach Kedumin; tritt, meine Seele, auf die Starken. lCitat aus Deboras Triumphlied nach dem Siege über die Kanaaniter.) Immer habe ich bejammert, daß sie keine Mutter in Israel mehr sein konnte." Das war ihre natürliche Stellung. Rahel sah die Religion nicht als Ueberlieferung an. Ihr offenbarte sich Gott in der Natur und darum äußerte sie sich: ,J>ch bete die ganze mir bekannte Natur an." Sie teilte mit Fichte die gleiche Anschauung an eine bis ins Uunendliche fortschreitende Vervollkommnung des Menschengeschlechtes. Sttit zwei Fragen, die im Znsammewhange mit den höchsten Fragen der Philosophie und Religion stehen, beschäftigte sich Rahel und dachte oft darüber nach. Ist der Mensch imstande, den in ihn gelegten Kräfte» entgegenzuhaudeln? Gibt es eine absolute Freiheil deS Willens? Sie verneinte diese Fragen. Sie betrachtete de» Willen als Grundsirnktion der Seele, auf die die Vorstellung keinen Einfluß hätte. Eigentümlich erscheint cs, daß sie ihre Abstammung als Bürde ansah und sie trotzdem nie verleugnete, ja. sich manchmal rühmte, eine Berliner Jüdin m sein. Auf ihrem Sterbebette bekannte sie, sie gehöre noch voll und ganz dem Judentum an. Sie starb am 7. März 1833 in Berlin. In ihrer Jugend mangelte es ihr an religiösen Unterweisungen und darin ist wohl -er Grund bei Rahel -n suchen, -aß ihr der Uebergang zur christlichen Religion so leicht «nrrb«. Im Gegensatz zu Rahel war Dorothea Beit in ihrer frühesten Jugend von ihrem Vater, dem weisen, gesetzestreuen Juden MoseS Mendelssohn in die Religimr unserer Pater eingeführt worbe» Der Vater hvt alles getan, sein« Kinder zu sreidenkenden. religiösen Menschen beranz»bilden. Geineir Kindern zuliebe übersetzte er den Pentateuch in klares, schöne- Deutsch. Auf seine Kinder setzte er die schönsten Hoffnungen, und fast alle verleugneten die Grundsätze ihres Paters. Dorothea Mendelssohn (spätere