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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-08-07 · 32 (7.8.1925) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
32 (7.8.1925)
Date
1925-08-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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WWWWWW '■ ,W"" II ■,! II flH|f II .1 l,|..l •W5t'*Aet Jude» kn der Zeit von -er Auflösung beS Mischen Staatslebens bis zur Gegenwart, von ihrem Forschen und Wandern, Dulden und Denken. Lernen und Leiden erfuhren ganze Schulgoschlechter nichts, auch nichts von ihren Schöpfungen. Wie mancher wag wohl gleich jenem Mönche. Ser eine Polemik gegen den Talmud mit den Worten einleitete, ut narrat Rabbinus Talmud geglaubt haben, der Talmud sei ei» Rabbiner gewesen. Wurde -och der Schreiber dieses vor Fahren von einer mit guten Schulkenntnissen ausgestatteten Jüdin ,di« allerdings nur ln ihren Grundschuljahren einigen Religionsunterricht genoffen hatte, allen Ernstes um eine Lebensbeschreibung des seligen Herrn Talmud gebeten. Man sprach den in der nachbiblischen Zeit auftretenden Gestalten nicht die grobe sittliche Kraft der Eharakterbildung zu, die man an den biblischen Persönlichkeiten bewundert. Mag sein, daß die erhabene Einfalt der Darstellung der biblischen Geschichte in dieser Hinsicht einen Vorzug vor der Schilderung von Persönlichkeiten späterer Epochen hat. Wird doch in der biblischen Geschichte alles vom sittlichen Standpunkte aus bewertet, «ährend für die Darstellung in -er nachbiblischen Zeit auch andere, nicht zuletzt politische Gesichtspunkte, die nicht gerade gemütbildend wirken, in Betracht kommen. Wir wissen aber, ohne daß Namen genannt zu werden brauchen, daß die nachbiblische Zeit viele Persönlichkeiten von tiefem religiösen Gehalt aufzuweisen hat, deren Bedeutung weit Über ihre Zeit hinan-ragt, zu denen Menschenkinder ehrfurchtsvoll emporblicken, und an denen werdende Charaktere sich htnaufranken können. Es hat deshalb auch die nachbiblische Geschichte ihren religiösen Wert,' auch in ihr läßt sich die wunderbare Führung Israels durch Gott in mancher Epoche deutlich erkennen. Selbst die Offenbarungen Gottes, die gewisse Kreise an bestimmte Orte und Zeiten gebunden wähnen, wirke» fort und zwar big in unsere Tage hinein, denn „Wo du mich rufst, da komme ich, -ich zu segnen . . Heilige Satzung sollte uns deshalb unsereGeschichteseinmvd bleiben. Es ist erfreulich, daß sie seit einigen Jahrzehnten in de» Lehrplänen jüdischer Schulen Aufnahme gefunden hat. In dem von der Schulkommission des Verbandes der Synagogengemeinden Westfalens seinerzeit aufgestellten Lehrplan für den Religionsunterricht in den jüdischen Volksschulen hat der Vorsitzende jener Kommission, Herr Dr. Spanier, jetzt Berlin, die Aufgaben der nachbiblische» Geschichte mit folgenden Worten treffend gekennzeichnet: „Die nachbiblische Geschichte soll die Kenntnis der wichtigsten Tatsachen aus -er Geschichte der jüdischen Religionsgemeinschaft vermitteln unter besonderer Hervorhebung der Entwicklung der jüdischen Lehre. Der Stoff gruppiert sich um die bedeutendsten Persönlichkeiten und hervorragendsten Ereignisse. Insofern die politische Lage der Juden nie ohne Einfluß gewesen ist auf die Ausgestaltung ihrer Religonsübung, ist auch diese mehr politisch-geschichtliche Seite in einer dem Verständnisse der Kinder angemessenen Weise zu berücksichtigen. In allen Fällen hat der Unterricht die Aufgabe, in den Schülern das innige Gefühl des Zusammenhangs mit dem Leben und den Geschicken unserer Väter zu stärken und jenen Enthusiasmus zu wecken, der (tu Anlehnung an Goethes Wort) auch das Beste in der jüdischen Geschichte ist. Die Stoffverteilung, in der nur das Wichtigste Berücksichtigung finden konnte, läßt trotz möglichster Ausscheidung aller außerdeutsche» Verhältnisse vom Zeitalter des zweiten jüdische» GtaatSlebenS bis zur Gegenwart nichts Wesentliches vermissen, so daß ein zusammenhängender Ileberblick gcbvten wird. Es must dem pädagogischen, methodischen und praktischen Geschicke des Lehrers überlassen bleiben, diesen immerhin noch beträchtlichen Stoff zu meistern, teils vielleicht im Anschlüsse an den allgemeinen Geschichtsunterricht, teils in besonderen Stunden. Bei der Häufurrg des Lehrstoffes in der Oberstufe, Lie für diesen Unterricht im allgemeinen nur in Frage kommen kann, ist leider zu sehr auf die zur Verfügung stehende knappe Zeit Rücksicht zu nehmen. Leben gewinnt -er Unterricht und erhöht laf Interesse, wenn man an heimatliche Vorkommnisse und Personen anknüpfen kan«, und daS wird in vielen Fällen möglich Manches wird dann auch schon im heimatkundlichen Unterrichte aus -er Mittelstufe behandelt und dadurch die Oberstufe entlastet werden können. In der Erziehung und Belehrung ist iw Judentum von jeher auf Anschauirng großes Gewicht gelegt worden. Man war immer bemüht, dem Kinde zu Beobachtungen Gelegenheit zu geben, um seine Witzbegterde anzurege«, von dem Augenblicke an» wo eS der Thora seine erste Gabe brachte, oder neben, dem Vater stehend am hänSlichen Altar die Hawdolahkerz« hielt, oder schon ein Lichtlein am Chanukahleuchter anzündete, bis zu dem Alter, wo es die Schmückung der Sukkoh bereits selbständig besorgen konnte und durfte. Nichts dergestalt mag aber das Gemüt des jüdischen Kindes so nachhaltig beeinflußt habe» wie ein gut geleiteter Sederabend. an Lew es ein Stück Geschichte erlebte. Der Vater war bemüht, seinem Kinde zu zeigen, „um dessentwillen hat Gott uns aus Aegypten geführt". „Um dessentwillen" erläutert der Erklärer. kann ich nur sagen, wenn Mazzoth und Moraur vor mir liegen, d. h. wenn daS Anschauungsmaterial zur Hand ist, daran Vorgänge erläutert werden können. Line Sammlung von Anschauungsmitteln für jüdische Heimatgeschichte könnte und sollte in jeder Schule neben anderen vorgeschriebenen Sammlungen vorhanden sei». Mancher Ort bewahrt sogar wertvolle Anschauungsobjekte in sich. Da bietet die Lage der Synagoge im Hintergründe anderer Gebäude fernab von der Straße oder ans dem Grundstücke eines alten AbelSgefchlechtes, daS seinen verdienten Hofjuden zuliebe den Platz vor Zeiten zur Verfügung stellte, den Unduldsamkeit der Ortsbewohner versagt hatte, den Stoff zu wertvoller Betrachtung,' oft gibt auch me Art -er Anlage der Synagoge, zu der einige Stufen htnabführen (T. Ps. 180, 1), die innere Einrichtung u. a. m. Anlaß zu anschaulicher Besprechung über die Auffassung und naive Auslegung mancher Schriftstellen. Dort wecken StraßenlJudengasse), Flurnamen lJuöenkamp), Judentor, eine Fülle geschichtlicher Erinnerungen. Der alle Friedhof, auf dem seit urdenklichen Zeiten zahlreiche Gemeinden der Umgegend ihre Toten bestatteten, weiß in seiner stummen Sprache zu berichten von dem Begräbnis mit seinen mannigfachen leidvollen Erscheinungen in der Vergangenheit, und mancher Stein auf dem guten Ort, der immer überlagert ist von besonders zahlreichen Steinchen die ehrerbietige Besucher niederlegten, hat seine eigene Geschichte. Ein altes, halb verfallenes „Hans" in der ehemaligen Judcngasse, das heute anderen Zwecken dient, kündet von geselligem Leben und frohen Stunden unserer Altvorderen. In manchen Familien sind noch Jndenschutzbriese und andere Dokumente vorhanden, und weil der Name -eS einstigen Besitzers noch lebt tn der Gemeinde, werden sie mit besonderer Liebe betrachtet. Es findet sich noch eine Urkunde über Porzellankanf, ohne die Urgroßvater die Erlaubnis zur Gründung eines eigenen Hausstandes nicht erlangt haben würde. Hier oder da findet sich auch noch ein Amulett, baS Anlaß zu erbaulichen Betrachtungen über Sitten und Bräuche vergangener Zeiten gibt. Wer vermag die Dinge alle aufzuzählen, die den Dämmer der Vergangenheit fortnehmen-, eine fast untergegangene Welt vor uns belehrend wieder aufbauen- Reiche Anregung für derartige Sammlungen wird mancher Lehrer in diesen Tagen von der Kölner Ausstellung mit nach Hause nehmen. Erzählungen und Sagen jüdischen Inhalts, die sich schon durch Geschlechter von Mund zu Mund in der Gemeinde fortgepflanzt haben,' drohen verloren zu gehen. Man schreibe sie auf und entreiße sie der Gefahr des Vergesscmverdens. Es dürfte nicht allzu schwer sein, in einem Buche derartiges zu sammeln, daS als geschichtliches Lesebuch den Unterricht in der nachbiblischen Geschichte wirkungsvoll unterstützen könnte. In einem solchen Buche müßten die Stoffe entweder nach Landesteilen geordnet sein, oder es müßten die entsprechenden Stücke über die erste Einwanörrmtg der Fussen ln Re Gegen-, AVer bemerkenswerte Ereignisse, bedeutende Männer und ftttatcft al- «»hang zum Lefebuche der jeweiligen Provinz, -es Kreises oder Orte» herauSgegeben werden. E i n Name, e t tt Anschauung-gegenstand kann zum festen Anker werde», -er -ie Geschichte einer ganze» Zettepyche dauernd hält uub dem Wellenschläge aller spätere» Ereignisse im Lebe» eine- Mensche« Trotz bietet. Derartiges erscheint geeignet, bie Liebe zur heimatlichen Scholle zu vergrößern und womöglich Seßhaftigkeit zu fördern. ES mag auch nicht selten mit berechtigtem Ahnenstolz erfüllen und brauchbare Waffe« zur wirkungsvollen Abwehr unfreundlicher Angriffe liefern. Nicht zuletzt ist eS geeignet, anzuregen zum Studium, Forschen in der Geschichte und Liebe und Treue zu wecken zur angestammten Religion. Es sei sich -er Lehrer -er hohen Bedeutung -er Geschichte bewußt, in keiner Stunde vergesse er» „daß -ie jüdische Geschichte in -er Volksschule dem Religionsunterrichte zu diene» habe." . .>>-* H-SSM, Dar Kolumbus Jude? Der bekannte spanische Historiker Jos« M. Estrngo schreibt auf eine Anfrage der Jüdischen Telegraphen-Agentur: Ich habe alle nur zugänglichen Daten über Kolumbus' Abstammung gesammelt: eS sind untrügliche Beweise vorhanden. baß KolombuS in dem spanischen Städtchen Pontcvedra als Kind jüdischer Eltern geboren wurde. Erst nach seiner Geburt nahmen die Eltern, um den religiösen Verfolgungen zu entgehen und im Lande bleiben zu dürfen, zum Schein die christliche Religion an. ES ist nicht wahr, daß bie fromme Königin Jsabella ihre Juwelen veräußert hat, um KolumbuS feine Indien-Fahrt zu ermöglichen. An dieses» Märchen glaubt heute kein irgendwie historisch gebildeter Mensch mehr. Jüdisches Geld war eS. die die Fahrt de» Kolumbus ermöglichte, und jüdische Köpfe ermunterten und förderten Kolumbus' Pläne, und führten so zur Entdeckung der Neuen Welt. Der alte spanische Historiker Oviedo bezeugte eS, indem er schreibt: „LniS de Santangel brachte bnä Geld für die erste Fahrt auf, die zur Entdeckung Indien« führte." Er mar noch der Meinung, daß der amerikanische Kontinent Ostindien sei. Wer aber war LuiS de Santangel? Kein anderer als der Sohn des Rabbi Azarias Ginillo. Nach! der Vertreibung der Juden aus Spanien nahm der Sohn dieses Rabbi den Namen Santangel an und wurde einer der einflußreichsten Ratgeber des König-. Er und andere Marannen gewährten Kolumbus eine zinsenlofe Anleihe. Auch das geistige Gut dieses Projektes stammt von Juden. Niemand leugnet, daß die von Kolumbus benutzten Seekarten von seinem intimen Freund Abraham Zacuto, dem berühmten Astronomen und Seeforscher, dem letzten jüdischen Professor an der Salamanca-Nviversiiät-, herrührten. Mit Kolumbus reisten fünf jüdische Seeleute, unter ihnen Rodrigo de Triaua. der als erster das Land erblickte, und der Schiffsarzt Bernai, Der angesehene spanische Novellist BlaLeo Jbayez, der einer der besten Kenner der spanischen Geschicke ist. erbrachte seinerseits ebenfalls den Beweis von Kolumbus' jüöffcher Abkunft. Gin anderer Geschichtsschreiber. Enrique Maria de Arribas n Turul, brachte den Beweis, daß Kolumbus Mutter -ie Jüdin Suzana Fonterosa war und daß er Verwandte namens Abraham. Aleazar, Benjamin und Jacob besaß. Kolumbus verbarg seine jüdische Abkunst ebenso wie alle anderen Marannen in Spanien, die damals fast ein Drittel der spanischen Bevölkerung ausmachten. Die „Marannen" . waren so zahlreich, daß nach -er Judenaustreibung im Jahres 1492 in allen öffentlichen Dokumenten ein Unterschied zwischen^ „chrtstianos nneves" (Nenchristen) und „chrtstianos viejoS" (Altchristen) gemacht worden ist. Kolumbus stand in fortwährender Korespondenz mit Marannen und Juden und bediente sich in diesen Briefen sehr häufig biblischer Au-örücke aus dem Alten Testament. In seinem Vermächtnis hinterließ! er eine Geldsumme für einen „Rabbi von Inderin" in Lissabon. Veit), -ie sich bis zu ihrer Taufe Brendel unterschrieb, machte viel von sich reden. Die feinsten und edelsten Geister berühmter Zeitgenossen verkehrten in ihrem elterlichen Hanse. Die Wege echter, jüdischer Sittlichkeit waren i>hr durch Beispiel und Umgebung vorgezeichnet. Wie weit wich Dorothea von diesem Wege ab! Sie verheiratete sich auf ihres Vaters Wunsch mit dem Bankier Veit. Willenlos folgte sie dem ungeliebten Mann. Sie rvar ihm eine gehorsame Gattin und zärtliche Ntutter ihrer beiden am Leben gebliebenen Söhne. Zwei Knaben raffte der Tod im zarten Kiudesalter dahin. Ihr Gatte mochte sie für zufrieden unglücklich halten. Die verlockenden Ideen einer neuen Emanzipationstheorie hatten die geistig« Richtung der jungen Frau beeinflußt. Sie wich immer mehr non der Religion ihrer Väter av, wandte sich den Verführungen der Romantiker zu und bildete sich ein, von ihrem Mann unverstanden und darum die unglücklichste Frau zu sein. Henriette Herz berichtet von Dorothea, sie habe dieselbe kurz nach ihrer eigenen Vermählung getroffen und sofort den Eindruck gewonnen, daß Dorothea nicht glücklich sei. Wie konnte ein schlichter Kaufmann, der nur Sinn für sein Geschäft hat, einer nach geistigen Anregungen strebenden, schönen Seele genügen. Henriette schlug ihr später eine Trennung von ihrem Manne vor. Dorothea wies diesen Vorschlag mit Entschiedenheit zurück. Den Ihrigen, besonders ihrem Vater, den sie innig verehrte, diesen Schmerz zu bereiten, mit dem dieser Schritt sie erfüllen würde, vermochte sie nicht. ES war vorauSzuselien. daß eS einem Manne von Geist und Talent keine Schwierigkeiten bereitete, ihr Herz zu erringen. Da lernte die damals Dreißigjährige im Salon der Henriette Herz Friedrich Schlegel kennen (1797). Der Eindruck, den Dorothea auf Schlegel machte, gleich beim ersten zufälligen RUÄMmentreffen, war ein derartiger. daß eS Henriette sofort bemerkte. Nack kurzer Zeit war es Dorothea klar, was sie für Schlegel fühlte. — Das Herz erfüllt von der Liebe Su einem anderen, machte daS Zusammenleben mit Veit »ur Unmöglichkeit. Ihr Vater stand einer Trennung von Beit nicht mehr hindernd im Wege, da er längst tot war. Henriette Und Schleiermacher verhalfen Dorothea dazu, die Scheidung herbeizufüchren. Beit hatte keine Ahnung von der inneren Unbefriediguna seiner Frau und lehnte die Scheidung ab. Henriette Herz klärte ihn darüber auf, was seine Einwilligung zur Folge hatte. Im Jahre 1798 ward die Scheidung vollzogen. Zwölf Nähre nach dem Tode ihres religiösen Vaters Moses Mendelssohn, 11 Jahre nach ihrer Vermählung mit Veit. Ein schöner Zug von Veits Großmut war ES. daß er Dorothea feinen ältesten Dohu überließ und ihr hierfür eine Höhe Pension bezahlte, da sie kein väterliches Vermögen befass. Auf dringendes Bitte« der Mutter durfte ihr auch der »weite Sohn folgen. Durch die Scheidung war dag Verhältnis Dorotheazu Friedrich nicht gefördert worden. Ein« Bereinigung war nur möglich durch Dorotheas Uebertritt mm evangelisches Christentum, de» ihr die Rücksicht auf ihre alte Mutter verbot. Erst nach fünfjährigem freiem Verhältnis ließ sie sich in Paris protestantisch taufen und unmittelbar darauf trauen. 1808 traten beide Gatten in Köln zum katholischen Glauben über. Als Geliebte und als Gattin hing Dorothea mit großer Treue an dem Leichtsinnigen und Unsteten. Sie arbeitete für ihren Gatten mit rührender Aufopferung nnd sühnte hier gleichsam die Schuld, die sie an Veit begangen. Veit selbst konnte Dorothea nicht vergessen und trotz der angetanen Schmach ließ er ihr ansehnliche Unterstützungen zukommen, ohne daß sie wußte, rvohpr sie kamen, um sie vor Not zu schützen. Dorothea war hoch begabt. Als eine der besten Arbeiten der romantischen Schule galt der von ihr verfaßte und 1801 veröffentlichte Roman „Florentine", der ihr großes Talent verriet. Ein Verhältnis, wie das Schlegels zu Dorothea, war tn der damaligen Zeit nicht Aufsehen erregend. Man hatte in Berlin und Weimar zu jener Zeit keine hohe Auffassung von der Heiligkeit der Ehe. .Hier ist alles revolutionär kühn, und Gattinnen gelten nichts", charakterisierte Jean Paul diese Atmosphäre. Das Ueberschreiten der konventionellen Sittlichkeit hatten sich die klassischen Geister zur Lebenspraxis gemacht, nach dem bekannten Beispiel Goethes zu Frau von Stein. Goethe verdankte seinen Sieg in Berlin dem mächtigen Einfluß der Frauen. Im Salon -er Henriette Herz fansich die erste größere Goethe-Gemeinde zusammen. Um ihren Salon anziehend zu machen, lud sie Künstler und Geistesgrößen ein. Goethes Namen mußte dazu beitragen, ihren Salon zu schmücken. Man las seine Dramen mit verteilten Rollen. Nur diejenigen, denen daS oberflächliche Wesen Henriettens bekannt war. wußten, wie wenia sie im Grunde Goethe verstand. Durch die geselligen Talente die ihr eigen waren, spielte sie eine Rolle in der Gesellschaft. Sie verstand eS. sich den Menschen wie sie waren, anzupaffen. Geigers Urteil über Henriette lautete: „DaS meiste geschah bei ihr, um nach außen zu glänzen, nicht, um einem inneren Drange zu genügen." Sie war berühmt durch ihre streng orientalische Schönheit. Man nannte sie nur die schöne Herz. Der 18 jährige Börne war wahnsinnig verliebt in die 40 jährige Frau. Henriette hatte eine liebevolle Erziehung. Was am meisten auf das empfängliche Kind einwirkte, war das schöne eheliche Verhältnis ihrer Eltern. Schon in frühester Kindheit zeigte sich ihr Wotzltätigkeitssin«, sie borgte von ihrem edlen Later kleine Gummen, um sie den Armen zu schenken. Sie war noch ein halbes Kind, als sie, dem Willen ihres Vaters folgend, sich mit dem schon bejahrte» Arzte und Philosophen Markus Herz vermählte. Ihre Bildung verdankte sie ihrem Gatten. Mit Schleiermacher verband sie Jahrzehnte hindurch dazärtlichste Freundschaftsverhältnis. Sie gründete in den letzten achtziger Jahren mit Karl de la Roche und ihrer Schwester Brena «inen geheime« Tugendbund. In de« nach einer gewissen PxüfungSzelt W. von Humboldt, dessen spätere Gattin Karoliue von Beulwitz, Karoline von Dacherüden und andere Bevorzugte aufgenommen wurden. Der Zweck dieses Bundes war nach Aussage Henriettens: „Gegenseitige sittliche und geistige Heranbildung., sowie Hebung werktätiger Liebe." Humboldt; äußerte sich, der Zweck dieser Loge sei: „Beglückung durch Liebe." Und gerade W. von Humboldt soll «S gewesen sein, nach BarnhagenS Bericht, der seine Jugenögefühle verleugnete und sich sehr scharf über die Herz geäußert habe. Trotzdem Henriette so viel Liebe entzündete, fühlte sie selbst nie eine echte, große LeiLenschast. Als Witwe. 1803. wurden ihr noch die aufrichtigstem Huldigungen entgegengebracht, denerv sie mit eisiger Kälte begegnete. Sie erhielt nach dem Tode ihres Gatten eine kleine Witwenpension, von der sie kümmerlich loben konnte, da sie noch für ihre kränkliche, alte Mutter und eine unverheiratete Schwester zu sorgen hatte. Durch die Verwendung Alexander von Humboldts bei König Friedrich Wilhelm IV. erhielt sie 300 Taler Pension aus der Privatkasse des Königs, auS Anerkennung ihrer geleistetem großen Dienste für daS Vaterland im Jahre 1806. Henriette zählte schon 53 Jahre, als sie, durch Schleiermacher überredet, 1817 ihren Glauben wechselte. Der Grund der Verzögerung war wohl in der ehrfürchtigen Scheu vor ihrer streng religiösen Mutter zu suchen. Ein großer Seelenkeimer hat den Ausspruch getan: „Alle Kraftgeister, alle bedeutenden Menschen haben eine bedeutende Mutter gehabt." WaS hätten diese drei Frauengestalten, die allseitig geliebte, fast ver-< götterte Henriette Herz, die vornehme, geistreiche Dorothea Beit und die durch ihren Scharfsinn und jüdischen Witz berühmte Rahel Barnhiägen, als gute Jüdinnen wirken können, wenn ihre Seelen von der Klarheit der ethischen Bedeutung der jüdischen Religion und deren menschevbildenöen Zielen erfüllt gewesen wären! Große-, da- -er Nachwelt zum Segen geworden wäre und daß diese ihrer liebend und dank« erfüllt gedacht hätte. Welch unermeßlichen Einfluß hätten diese drei Frauen zugunsten des Judentums, zur Bekämpfung mittelalterlicher Vorurteile gegen die jüdische Religion und zur heißersehnten Gleichberechtigung ihrer Glaubensgenossen haben können, wenn sie .«S verstanden hätten, den Irrwahn zu bannen in Bezug auf des Juden Religion und die Geister darüber zu erleuchten. Schleiermacher, Alexander und Wilhelm von Humboldt, den großen Männern jener Zeit, wäre es ein leichtes gewesen, die Antipathie gegen daÄ Judentum zu beseitigen, wenn die auf sie einwirkenden jüdischen Krauen sie dazu veranlaßt hätten. Wenn sich die. Frauen bemüht hätten, das Verständnis de-jüdische» Glaubens, der jüdischen Geschichte, -er jüdischen Bestimmung bei ihren christlichen Freunden durch ihre eigene Begeisterung zu erwecke». Aber Liese 'fehlte One« für Lie angeführten Begriffe. Den Juden haben diese drei Krauen fttt gewisse Kreise zu Ehre» gebracht, -es Inden Glaube« haben sie dom Spott und der Verachtung preisgegeben. Me treffend sagt Gabriel Rießer: „Ehrlos -er Söhn. Ler sich keine- Vaters, ehrlos tat Geschlecht, das sich semer Vorzeit schämt!" Berauscht von de» gesellschaftliche» Erfolgen der Geiste-- und A-ülSgröße. geblendet von der Sonne des Glücke-, vergaßen bie drei Krauen, daedelste Ml* zu verfolgen, für ihre Religio« zu kämpfen.

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