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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-07-31 · 31 (31.7.1925) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
31 (31.7.1925)
Date
1925-07-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
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tzen kachMschen M«jprttätÄÄnb'er-n den We<W präsentieren würden, den die KoHoliken» dort, wo sie in der Mlnderyett sind, auf Toleranz und dsTnokvalische Gleichberechttgunig aller Konfessionen ausstellen. Mit ganz besonderer Heftigkeit muh sich der Vatikan gegen eine SeMaftigkeii der Anden an jener Stätte wenden, von der Christus prophezeit hat, daß dort kein Stein |<uuf dem andern bleiben wird. So kommt es, daß auch jene ^klerikalen ZeibunHen, die vor dem Kriege dem damals für eine Utopie gehaltenen Zionismus ihre Sympathie ausdrück len — natürlich Mr, um bä dieser Deleyenhoit au>f die jüdischen AssimÄanten Seitenhiebr führen zu können, — jetzt auch die Zion-iisten die ga-nge Schürfe ihres Judenhasses fühlen lassen. Auch die iWiener „Reichspoft" hätt es so, das Organ der Regierung. Nun «ist unsere Regierung vom internationalen Kapital, natürlich auch vom jüdischen, abhängig, und kann daher den Antisemitismus, der!einen Programmpunckt beider Regierungsparteien bildet, nicht >hemmungslos praktizieren. Arme indische Studenten und Hausierer bekommen es ja oft genug hart zu fühlen, daß wir eine i„chrWich" regierter Staat sind, aber gegen reiche oder sonst irgendw-ie emflntzreiche Juden'fühlt man sich zur Höflichkeit iverpftichtet, die manchmal eine so außerordentliche Höhe erklimmt, wie die eingangs geschilderte unseres Londoner Gesandten gegenüber der zionistischen Exekutive. Ämter solchen Amständen «muh sich auch das christl-ichFoziale 'Regie rungsorgan (die gleichfalls in der Regierung sitzenden Groß-ent sehen Haben in Wien keine eigene Zeitung) eine gewisse iMäßigung aus erlegen. Man kann es den Hetzern nach fühlen.!wie lästig ihnen dieser Maulkorb zwang fällt, und wie sehr sie unter der Pflichtenkolllsion leiden, in die sie durch ihre doppeljseitige Bindung — einerseits dem Vatikan, andererseits der österreichischen Regierung gegenüber — geraten sind. Den Grad ihres Schmerzes ermißt man so recht aus der Größe ihrer Genugtuung darüber, daß ihnen andere das Amt der Judenhetze, im!besonderen der Hetze gegen den zionistischen Kongreß, abgenommen haben, andere, die der Regierung gegenüber keine VerjpftichÄng haben und für deren Haltung vice versa die Regiestwmg nicht vevantwortlich gemacht werden keim; die Hakenkt««3ier. Zwar widerspricht es jeder Logik, daß gerade jene Partei, die als einzige Losung ,^tuden hinaus!" aus ihre «zahne geschrieben haben, gegen einen Kongreß Sturm läuft, der im Grunde dieselbe Tendenz verficht. Aber sie tut es nun einmal und mag sie dabei auch eine erschreckende geistige und sittliche Jnfenivrität an den Tag legen — das hindert das „sittlich-reli- IffiBf'e" Regierungsblatt nicht, sie zu ermutigen und ihr kräftige Waff-mchÄfe angedeihen 'zu lassen. Diese geht so weit, daß die bestens informierte „Reichspost" sich nicht entöl ödet, den Käseblättern der Hakenkreuzler „Nachrichten" nachzudrucken, die den unverkennbaren Stempel der Erfindung — schlechter Erfindung!;— tragen. So zum Beispiel das Märchen von den jüdischen Provokateuren, die den harmlosen Hakenkreuzlern nach dem Leben trachten. Ich habe schon in meinem letzten Brief geschildert, wie kräftig die Polizei die so „u-nschuld-ig" Gefährdeten schützt. Erst tiefer Tage wurde wieder ein Arier verhaftet, iveA er feinem Anmut über die freche Aufdringlichkeit der antisemitischen Kolporteure temperamentvoll Ausdruck gab. And diese Polizei soll d-ie ungestörte Tagung des Zionistenkongresses verbürgen! Es ist ja möglich, daß sie für den Ernstfall wirklich die strengen Weisungen erhalten hat, von denen ich im vorigen Briese sprach. Vorläufig handelt sie offenbar nach e-ntegegengesetzten WeÄsungen und das ist im Hinblick darauf, daß die Hakenkreuzler hauptsächlich, wenigstens was ihre „Exekutivorgane" betrifft, aus Unreifen Jungen besteht, wenig pädagogisch. Gut zwei Drittel der geistigen Kost, die diesen Jungen in den völkischen Zeitungen aufgetischt wird, könnte nach dem Strafgesetz wegen Aufreizung eingezögen werden. Statt dessen gibt man den Kolporteuren ein kostspieliges Wacheaufgcbot zu ihrem Schuh mit. And da sollen die Jungen glauben, daß sich dieselbe Wache eines Tages gegen sie wenden wird, gerade wenn sie im Begriff sind, das auszusühcen. wozu sie in den so geschützten Zeitungen täglich aüfgefordert werden! Was nützt es, daß der Polizeipräsident aii die Eltern die Mahnung richtet, ihre Kinder nicht verhetzen zu lassen, wenn er nicht gleichzeitig gegen die Hetzer dieselbe Energie ausbvingt, wie gegen jene Zeitungsschreiber, die die Jugend angeblich sexuell vergiften. Man sollte doch glauben, daß die permanente Aufforderung zum Mord eine schwerere sittliche Gefährdung der Jugend bildet. Jedenfalls erschwert sich die Polizei durch Duldung dieses Treibens selbst die Ausgabe, die sie mit dem Schuhe des Zionistenkongresses übernommen hat. Diese Ausgabe wäre, wie die Erfahrung von 1918 lehrt, sehr leicht gewesen. Denn ebensowenig wie damals ist die Bevölkerung heule gegen den Kongreß. Aber heute -ist es geradezu schon zu einer Prestigefrage der Haken-kreuzsiihrer geworden, „daß etwas geschieht"'. Es ist kein Zweifel, daß die Herren bereils vor ihrer eigenen Courage zittern. Sie haben, als sie ihre ersten Drohungen gegen den Kongreß ausstießen, mit der sprichwörtlichen „Feigheit" der Juden gerechnet. Als sie sich getäuscht sahen, haben sie die Zionisten sörmlich -beschworen, den Kongreß zu verlegen, Als sie auf taube Ohren stießen, bestürmten sie die Regierung, den Kongreß zu verbieten. Und da sie auch damit kein Glück hakten, bemühen sie sich schon jetzt, sich als die Märtyrer der kommenden Ereignisse hinzustellen. Sie geben die „Aeußerung" eines Polize'.sunktionärs wieder, derzusolge die Polizei sogar entschlossen sei, beim Schutz des Kongresses zu „verbluten". Dieses Wort ist wieder aus'die Nerven der Juden berechnet. Es ist indessen nicht anzunchmen, daß es zu einem Blutbad kommt. Aber^andererseils ist e6 auch unwahrscheinlich, daß die von Tag zu Tag, mit den brutalsten Nutteln gesteigerte Hetze, die aus den wenig gelesenen Käseblättern neuestrns auch schon aus hie Plakatwände übergegrisfen hat, ganz wirkungslos verpufft. And wenn selbst — bestenfalls — der Kongreß ohne -ernstere Zwischenfälle verlaufen sollte, wird eine schwer-: Wolke von künstlich genährtem Haß in dieser Stadt Zurückbleiben und sich irennend zwischen Bevölkerungsschichten legen, die auseinander angewiesen sind. Dieser Haß wird in den jugendlichen Herzen noch verheerend toben, wenn seine Anstifter sich schon längst — wie ihr-e antisemitischen Vorgänger aus anderen, inzwischen regierungsfähig gewordenen Parteien — mit jüdischen Vankdirekioren am grünen Verroaltungsratstisch zusammengcsundcn haben werden — zu löblichem Tun . . . Dieser Haß wird die Menschheit wieder um einige beschämende Stufen zurückschleudcrn, doppelt beschämend in den Tagen, da sich der Ausbruch jenes Krieges jnhrt, der aus der Mordtat politisch verhetzter Jünglinge in Sarajewo geboren wurde ... Dr. Hugo Spiegle r. Aus den Gemeinden. Berlin. Das Bureau „Eschkol" der Enzyklopädie des Judentums' teilt mit: Rach Abschluß der Vorarbeiten an der großangelegten alphabetischen Karthotek der Artikel ist nunmehr mit der eigentlichen redaktionellen Arbeit der Enzyklopädie begonnen worden. Zunächst wurde folgendes Redaktionskollegium von fünf Mitgliedern eingesetzt: D. Jacob Klatzkin. Chefredakteur, Pros. Elbogen, Redakteur für alte Geschichte und Lithurgie, Dr. Simon Bern leid, Redakteur für neuere Geschichte. Literatur und Dtbelroissensw-oft, Dr. M. Sotowettschik, Generalsekretär und Redakteur für Bibeiwi Herrschaft, Dr. I. M. Simchoni, Redakteur für mittelalterliche Geschichte und hebräische Poesie. Für verschiedene Abteilungen werden noch weitere Redakteure ernannt werden. - Berlin. Der Berliner Chirurg Pros. Dr. Paul Rosenstein. /Direktor des Krankenhauses^der Jüdischen Gemeinde, feierte fesÄlilÄ ' ~.. Eaffel. Seit einigen Wochen besteht hier ein jüdischer Kindergarten, der von Fräulein Ka is erbt ttth und Fräu lein Kaufmann geleitet wird und sich in zunehmendem Matze allgemeiner Inanspruchnahme erfreut, zumal wiederholt darüber Klage geführt werden mußte, daß man auch den Kindern -im vorschnlpflicht-igen Älter durch antisemitisch eingestellte Wärterinnen wicht etnwawdfrvi begegnete. Auch in Eschwege ist seit dem 1. Juli ein jüdischer Kindergarten ins Leben gerufen worden, der ebenfalls einem dringenden Bedürfnis entsprach und von 20 Kindern besucht wird. Die Leitung desselben hat das im hiesigen Fröbelseminar ausgebildete Fräulein Paula Bacharach übernommen. — Die hiesige Gemeinde beabsichtigt die Anstellung einer Fürsorgerin,' die sich den Zwecken der Wohlfahrtspflege widmen soll. Dortmund. In aller Stille wurden durch den Obmann des R. I. F„ Herrn Lehrer Nußbaum, eine Reihe von Turn- und Sportabteilungen ins Leben gerufen, die sich in aussteigender Entwicklung bewegen. Sie umfassen zur Zeit folgende Gruppen: 1. Boxabt eil ung, 2. Turn- und Lei chtathietlkg ruppe, 3. Damenturngruppe, 4. Fuhballgruppe, 5. Handballmannschast. — Dir Gründung weiterer Gruppen, besonders die einer „Alten Herren- Riege und Gruppen Juge-nlicher" sind für die nächste Zeit vorgesehen. — Gelegentlich des Sommerfestes des R. I. F. am 19. Juli trat die Boxgruppe erstmalig zu Schaukämpfen öffentlich ans. Es kämpften: In der Jugendklasse: Emil Morelka gegen Simon Müller. Im Fliegengewicht: Moritz Morelka gegen Carl Pell-c-r. Im gemischten Gewicht: Vogelfang gegen Selinger, Lewkow-itz gegen'Kllnger. Als Gäste im Federgewicht: Steiner gegen Haas. "Als Ringrichter fungierte der technische Leiter der Boxgruppe Herr Hugo Mayer, vom „Hakeah" Turn- und Sportgruppe des R. J.F. Dortmund. Alle Kämpfe zeigten gut durchtrainierte Form und waren besonders in der Jugendklasse von bestechender Technik. — Das -erste öffentliche Auftreten der Boxgruppe des „Hakoah" Dortmund berechtigt zu den besten Erwartungen für die Zukunft. Die zahlreichen Anwesenden belohnlen alle Kämpfer für ihr-e vornehme durchgeführte Kampfesweise durch reichen Beifall. — Der Ringrichter leitete einwandfrei! — Düsseldorf. Am Sonntag, dem 12. Juli fand in Düsseldorf unter der Leitung des Vorsitzenden der Synagogengemeinde, Herrn Erich Felsenthal, eine gut besuchte Versammlung von Vertretern der rheinisch-westfälischen Synagogengemeinden zwecks Förderung der jüdischen Abteilung der großen Düsseldorfer Ausstellung für Gesundheits-pflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen statt. Eine erhebliche Anzahl größerer und Kleinerer Gemeinden war vertreten. Die Versammelten nahmen mit großem Interesse und lebhafter Befriedigung einen ausführlichen Bericht des Herrn Rabbiner Dr. Eschelbach-er, Düsseldorf, über den Plan der Ausstellung und die bereits geleisteten umfangreichen Vorarbeiten entgegen. In einer eingehenden Aussprache wurden wertvolle Anregungen gegeben und Mittel und Wege zur finanziellen Sicherstellung des großen Unternehmens erwogen. In einer einstimmig angenommenen Resolution wurde der Synagogengemeinde Düsseldorf, der Trägerin der Gruppe „Hygiene der Juden" der Dank für die von ihr vollbrachte umfangreiche wirbelt und die großen von ihr bereits gebrachtem Opfer ausgesprochen. Es wurde bekundet, -daß die jüdischen Gemeinden des Rheml-andes und Westfalens -die Ausstellung als eine Angelegenheit des gesamten deutschen Judentums betrachten, und das Versprechen abgegeben, aus den Mitteln der Gemeinden und durch Sammlungen bei ihren Mitgliedern sie nach Kräften zu fördern. Ein Propagandaausschuß, der diese Resolution in die Tat umsetzen soll, wurde gewählt und hat seine Tätigkeit bereits ausgenommen. Köln. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten e. V. hält vom 5. bis 7. September 1925 seine diesjährige ordentliche Hauptversammlung ab, die in Form einer Rheinlandkundgebuirg vor sich gehen wird. Die Tagung beginnt mit einer großen Veranstaltung in Worms, der Stätte ältester jüdischer Vergangenheit lm Rheinlande. — Eine Fahrt mit einem Eond-erdampfer, bei der sämtliche am Rhein liegende Ortsgruppen des Bundes ausgenommen werden, führt die Teilnehmer nach Köln, wo abermals eine große Kundgebung vor sich gehen wird. Bei den Versammlungen werden prominente Redner, wie der Land tag sabge ordnete Justizrat Bernhard Falk, das Bundesvorstands Mitglied Dr. Ludwig Haas, Staatsrat a. D., M. d. R., u. a. sprechen. Bei den Versammlungen werden öle Vertreter der Behörden und Korporationen das Wort ergreifen. Der „Schild", die Zeitschrift deS Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, gibt aus Anlaß der Rheinlandkund-gebung -eine reich ausgestattete Sondernummer heraus. Mosbach (Odenwald). Hier fand eine Wiederschensfeier, verbunden mit einem Gedenktag der ehemaligen Angehörigen des badischen Regiments 110 statt. Rach Eintreffen der Sonderzüge wurden zunächst Feldgottesd-iensie für die evangelischen, katholischen u>rd jüdischen Tei!nchm-er abgehalten. IM: Aus der Bewegung, rK; ♦♦♦ * 4404444M 44M44M ***** ********** Hamburg. (Jüdischer Jugendbund Hamburg.) Die Hitze dieser Tag: ist nicht dazu angetan, den Aufenthalt in geschlossenen Räumeu, nach des Tages Last und Nlühen, als angenehm erscheinen zu lassen. Alle, denen es nlögiich ist, einen Aufenlhalt an der See oder auf dem Lande, gegen das heiße Pflaster der Stadt einzutauschen, haben .Hamburg den Rücken'gekeyrt und »die Wenig-en, die zurückgeblieben sind, verbringen die Ferienzeit auf dem Wasser oder in der Umgebung der Stadt. Deshalb finden auch die regelmäßig en Zusammenkünfte des Jüdischen Jugendbuirdes im Hamburger Stadtpark statt, wo alle 14 Tage, NNttwvch abends, im Bauernhaus, eine gcselitge Zusammenkunft alle ZurückgebiiebL-nen vereinig!. Die letzten Trcsfabeilde waren in Anbetracht der Hundstage ganz gut besucht, doch scheint es wünschenswert, daß diese Abende in weiteren Krciseir bekannt werden. Die nächsten Trefsabei.de finden am 12. und 29. August statt. — DieAbteilung d e r Jüngeren ist in der Bildung begriffen, und wir bitten unsere Freunde, Jugendliche, Knaben und Mädels, dem Jüdischen Jugendbund zuzuführen. Es wird beabsichtigt, bereits in der nächsten Zeit -eine Zusammenkunft größeren Stils der Knaben und Mädels zu vcranstail-en. Rähereü diese AbleNwng betreffend ist bei Herrn 9101). Mannheimer i. Fa. Foliender & Hansen, Hüxter 9, und Herrn Walter Selig, Rutschbahn 28, zu erfahren. t r\t Int! g | Versammlungskatenoer. | g r ♦44M4444444444444444444444444H444444 ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦♦♦♦♦♦♦♦ Berlin. Liberaler Synagogcnvere-in Norden, Schönhauser All-ee 162. Der Gottesdienst in unserer Synagog-e (Auerbachsches Waisenhaus) beginnt jeden Freitag, abends VA Uhr, 'Sonnabend, vormittags 10 Uhr. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Alle Anfragen betreffs des Gottesdienstes sowie Beitrittserklärungen sind an unsere Geschäftsstelle (Arthur Zander, Liniensir. 45, Tel.: Norden 8238) zu richten. Für die hohen Festtage sind noch Karten in unserer Geschäftsstelle zu haben. Bestellte Karten müssen bis zum 15. August obgeholt werden. Werbt neue Leser! Der „Ewige Jude“ am Fenster (Aus den „Geschichten vom Mühlendamm“) Von Ma x Rosenfeld (Schluss.) Und dann kam der fürchterliche letzte AuUrilt. Nachdem im Stück Odoardo Emilien erstochen hat, trete ich als Prinz herein: „Was ist das? — Ist Emilien nicht wohl?“ ging es nach dem Textbuche weiter: Odoardo: Sehr wohl; sehr wohl! Der Prinz (indem er näher kommt): Was seh' ich? — Entsetzen! M a r i n e 11 i: Weh mir! Der Prinz: Grausamer Vater, was haben Sie getan! Odoardo: Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert. War es nicht so, meine Tochter?“ Hier hätte Emilia nun sagen müssen: „Nicht Sie, mein Vater — ich selbst — ich selbst“, aber die Worte blieben ans, stumm und regungslos lag meine Verlobte in den Armen des anderen, Blut sickerte von ihrem Busen herab . . . Wie wahnsinnig sprang ich hinzu — der eifersüchtige Schurke hatte sie wirklich erstochen . . . Ein furchtbarer Tumult entstand — man trennte mich gewaltsam von dem Mörder, den ich mit meinen Händen erwürgen wollte — der Vorhang wurde herabgelassen. Ohnmächtig sank ich an der Leiche meiner geliebten Braut nieder. Die weiteren Einzelheiten will ich nicht erzählen, nach so langer, langer Zeit erregt es mich alten Mann noch zu sehr. Als ich aus meiner Ohnmacht erwachte, fand ich mich in meinem Heim, man war besorgt um mich, aber ich sprang vom Lager auf und eilte nach der Wohnung meiner Braut. Da sah ich alles deutlich, was ich für einen schrecklichen Traum gehalten hatte. Frau Thorwart, die Mutter meiner Braut, kam mir händeringend entgegen, sie fühlte sich in einer Art schuldig, daß sie Grosser Vertrauen geschenkt hatte. Mit überströmenden Tränen führte sie mich in ein Zimmer, — da fand ich meine geliebte Cordelia aufgebahrt. Sie sah im Tode fast noch schöner aus, ich wachte Tag und Nacht bei der Leiche, bis zu ihrem Begräbnis, Als ich auf dem Friedhof die Trauerrede des evangelischen Geistlichen hörte, fiel mir zum erstenmal wieder meine beabsichtigte Taufe ein. „Das war also dein Zeichen, o Gott, mußte es denn so grausam sein!“ schrie es in mir. Meinen Gottesglauben verlor ich nicht wieder, aber ich haderte mit dem Allmächtigen, daß er jenes zugelassen. Als wir von dem Friedhof nach Hause kehrten, verbreitete sich die Nachricht, der Schauspieler Grosser habe sich in der Untersuchungshaft erhängt. Ich wollte meinem Leben ebenfalls ein Ende machen, denn ich wurde von einer gewissen Eifersucht befallen, daß mein verhaßter Nebenbuhler mit der Geliebten meines Herzens im Tode vereint sei. Ich überwand jedoch diese Krise. Die Taufe ließ ich nun selbstverständlich nicht an mir vollziehen, ich wurde ein gläubiger Jude, Eine Zeitlang führte ich ein unstätes Wanderleben, doch bald entsagte ich meiner Bühnenlaufbahn, denn in der mir einst so lieben Theaterluft wurde ich auf Schritt und Tritt an jenes furchtbare Ereignis erinnert . . . Ich wählte den kaufmännischen Beruf, wechselte öfter meinen Wohnort und ließ mich endlich hier in Berlin nieder, wo ich das Makulaturgeschäft gründete, welches meine Kinder und Enkel noch führen. Denn ich blieb ja nicht'Junggeselle, ich verheiratete mich mit einer Jüdin, die mich den Verlust meiner ersten Braut mit den Jahren fast völlig vergessen ließ. Wenn ich heute an das Erlebnis von vor 60 Jahren zurückdenke, so ist es mir manchmal, als hätte ich es selbst gar nicht erlebt, und doch kommen Stunden, wo ich 'mich so zurückversetzt fühle, als wäre alles gestern geschehen. Daß ich so alt wurde, ist ein wahres Wunder, — ich bin jetzt über neunzig — die Leute nennen mich ja schon den „Ewigen Juden“, Wir sind keine reichen Juden, haben vielfach Unglück gehabt. Aber wie der Ewige im Himmel es fügt, so müssen wir Menschen es tragen,“ — Ich staunte den greisen Levi wie ein Wunder an. Er aber stopfte sich jetzt ruhig eine neue Pfeife und besichtigte meine inzwischen vollendete Zeichnung seines Porträts. Er lachte und sagte: „Glänzend!" Dann rief er seine Kinder, Enkel und Urenkel herauf. Sie fanden das Bildnis ebenfalls gut und gelungen. Der Herr, der mir die Wendeltreppe im Laden gezeigt hatte, der Sohn des „Ewigen Juden“, wellte mir die Zeichnung abkaufen, ich aber schenkte sic der Famifie. Den „Ewigen Juden“ besuchte ich noch oft, er gab mir manche seiner Uebersetzungen aus dem Hebräischen mit nach Hause, da ich mich erboten hatte, sie ins Reine zu schreiben, weil seine greisen Hände schon sehr zittrig waren. Einige dieser Originalhandschriften besitze ich heute noch, denn bevor die Arkaden des Berliner Mühlendammes abgerissen wurden, verzog die Familie Levi nach einer anderen Stadt, ich hörte nie wieder von den Leuten, So blieben die alten Manuskripte in meinem Besitz. Mein „Ewiger Jude“ hat wohl lange, lange schon die ewige Ruhe gefunden. Nur manchmal, in stillen Abendstunden, wenn ich verträumt nach dem Sternenhimmel blicke und mich aus dem Wirrwarr dieser unruhigen Gegenwart irgendwohin nach Frieden sehne, dann ist es mir, als sähe ich den alten Levi aus einem Himmelsfenster winken und als riefe er mir.wie.einst zuLuKomrn.doch herauf!“

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