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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-07-31 · 31 (31.7.1925) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
31 (31.7.1925)
Date
1925-07-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
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j BÜCHERSCHAU. j§| Jüdische Republik« Ich glaube nicht, dass ein jüdisches Volk existiert. Und vielleicht gab es aiucth damals, in jener Zeit, in der ein jüdisches Staat sweson wirklich bestand, nicht eigentlich ein Volk der .luden, wie heut das französische, das englische Volk rin Tatbestand ist. Doch es gab ohne Zweifel immerhin etwas mehr als einen nur staatlichen Verband, wenn nicht ein jüdisches Volk, so doch eine jüdische „res publica“, einen gewissen Gemeingeist de« Judentums, wie etwa ebenso heute <lem deutschen Staate kaum ein Volk im letzten Sinne, doch ohne Zweifel ein deutscher Geist entspricht: eine besondere Art der inneren Haltung, die Idee einer bestimmten Mentalität. In der Unfähigkeit zum Volk-sein ist selbst schon ein Merkmal dieses Geistes beschlossen. Sie ist zugleich vielleicht da:: deutlichste Zeichen einer gewissen inneren Verwandtschaft deutscher und jüdischer Mentalität. Es fehlt diesem Geiste die Kraft zur Bindung, zum Sich- Beschränken, zum Zusammenbilden, vielleicht die Fähigkeit zur Kunst des Formens überhaupt. Wie ihm von hier aus der Hang zum unbeschränkten Ganzen einerseits und andererseits der Wille unbedingter Freiheit der Person zueigen sind, so ist sein Wesen Parteiung und W e 11 s i n n zugleich. So hasst er die Bindung des Volkes als Nivellierung seines persönlichen Seins, wie er sie hasst als Grenze und Beschränkung eines unendlichen Strebens zum Ganzen der Welt. So steht ihm der persönliche1 Glaube über dem Willen zum Volke. So macht er Denker mehr denn Künstler einer reinen Form. Es ist gewiss kein Zufall, dass unser Grosser, Goethe, nicht so als Künstler, denn als Men ch. als Weiser in ims lebt, — dass Einer unserer Deutschesten, dass Hölderlin ein Schüler Platon« ist und sein Hyperion-Bueh als „p h i- 1 o s o p h l s c h e n“ Roman mit einem Vorwort zu den Lesern schickt, — dass Kant und Nietzsche Deutsche sind. Es ist gewiss auch ebenso kein Zufall, wenn jene höchste Gabe, die das Judentum der Welt zu bringen hatte, wenn unsre Bibel kaum jemals anders denn als heilige Le ii r e vor uns steht. - duiss wo der Geist des Judentums auch nachdem noch zur Menschheit sprach, sein Werk vor allein Work des ethischen Gedankens war: im Talmud, in Spinoza, in Karl M a r x. ln diesen Tagen ist ein Buch erschiene,,: „Die erst,' j ü d i s c h e R e p u b 1 i k“ von S c h a 1 o m A I e c li c m*). Und dieses Buch ist wirklich Darstellung der jüdischen ..res publica“, ein Zeichen jener besonderen Mentalität des Judentums, die nicht ein ,,V ol k s - Geist“, eher ein Geist gegen das Volk bedeutet, jener ethisch .grüblerischen Haltung, die wohl auch durch Tradition erworben wird, doch darüber hinaus als die Idee einer typischen Anlage überhaupt erscheint. In diesem Sinne ist das Buch von Schalom Alechem von doppeltem Wert: Es will seinem Inhalt nach Darstellung dieses jüdischen Geistes sein, undes ist seiner Form nach in sich falbst ein Zeugnis seiner Eigenart. Wenn der Autor in einem Vorwort an den Leser sagt, was er will : Die Schatten verbannen, die die verhängnisvolle Mauer des Ghettos auf seine Bewohner wirft, — wenn er sich wehrt gegen den „Vorwurf“, Humorist zu sein und den Reiz der komischen Situation dem Leben, das er daxstellt, zueigen schreibt, dann fühlen wir den „Freund der Wahrheit“, der sich irgendwie auflehnt dagegen, „nur Narr. — nur Dichter“ zu sein. Und der doch etwas von diesem ist! Denn cs ist eine eigentümliche schwermütige Selbstironie, die hier im Milieu des .ostjüdischen Ghettos erwachsen, mit der allgemeinen Grundhaltung des jüdischen Geistes zu einer seltsamen Einheit verwoben erscheint. So fühlen sich auch all die Geschöpfe dieses Buches als Grübler, als kleine oder grosse Philosophen, aber „selbst selten als Freunde der Weisheit, sondern eher als unangenehme Narren und gefährliche Fragezeichen.“ . . Dreizehn Juden, der eine Anarchist, der andere Zionist, der 'eine Sozialist, der andere Kapitalist, der eine Assimilant, der andere Orthodox, der eine Russe, der andere aus Amerika- ■„dreizehn Reisende, dreizehn verschiedene Personen, mit dreizehn verschiedenen Berufen begeben sich auf die Reise und fahren auf einem Schiff nach dreizehn verschiedenen Punkten. Plötzlich erhebt sich ein Sturm, das Schiff zerschellt, das Meer . . . wirft alle dreizehn auf ein und dieselbe Insel hinaus. Hier finden sie alles Gute; Höhlen, . . . Bäume, auf denen süsse ■Bananen und fette Nüsse wachsen. . . . Wasser und schliesslich eine Ziegenherde, die sie mit Milch versieht . . . Andere an unserer Stelle hätten sich gleich Robinson damit beschäftigt, das neue Territorium gründlich auszuforschen, nachzuprüfen, wo man sich befände utnd w&is man tun müsse. Wir dagegen verfallen auf die Idee . . . eine Konstitution der ersten jüdischen Republik „aaszuarbeiten“, über dir lieste Form des Staates zu disputieren, über das richtigste Wahlrecht zu konferieren, über das Wesen des Eigentums, über den Sinn der Arbeit zu streiten, Manifeste zu erlassen — — — und süssen wahrscheinlich noch heut, auf unserer Insel, wenn nicht die Eingeborenen des Landes eines schönen Tages kämen und uns entdeckten, den ganzen seltsamen Klub der „dreizehn vereinigten Staaten“ am Schopfe fassen, um schliesslich einen jeden wieder gemach in seine Heimat zu schicken. - — — Wie die dreizehn Robinsons dieser „ersten jüdischen Republik“, so sind auch die kindlichen Helden (Er kleineren Skizzen, die ihr folgen. Alle disputieren sie, immer haben sie ihre Fragen: warum denn so? — warum nicht anders? — warum nicht besser? — und sind doch alle irgendwo, irgendwie der Sinnlosigkeit all dieses Griibclns gewiss. Aber - und das ist vielleicht das Sonderbarste — diese Sinnlosigkeit scheint nicht drohend und hart als finsteres Geschick, eher lieb und vertraut, wie ein Zeichen seltsamer Wunderkräfte, ln aller Schwermut lebt das Lächeln einer vertrauenden Seele — dass es vielleicht doch gut ist, wie Gott es schickt? Und sogar eine ganze Freude kann in dieser Schwermut einer stillen Ergebenheit wachsen. „Alle beide sind immer bei der Arbeit, die Mutter beim Herd, der Vater bei den Schachteln. Wer braucht die Schachteln? Wozu werden so viele gemacht? Die ganze Welt scheint von Schachteln voll zu sein . . So beginnt es in den „Drei Köpfchen“, der vielleicht schönsten Studie des ganzen Bandes. — Und weiter: „Ein einziges kleine« Fenster haben sie. Allo drei Köpfchen drängen sieh an das Fenster. Was gibl’s denn dort zu sehen? . . . Schaut die Sonne wohl herein? - Manchmal zeigt sieh, wenn auch nicht die Sonne, so doch ihr Licht. Dann ist es Feiertag für die Kinder ... — Seht ihr Kinder? dort ist der Himmel, -r- Das sagt der älteste, Abramtschik. Abramtschik weiss es . . . Mosejtschik und Dworka lauschen, seufzen und beneiden Abramtschik. Alles weiss er, alles! . . -- Und zum Schluss heisst es: „Der Buchbinder . . . brachte diesmal weder Semmeln noch Kringeln . . . vom Markt nach Hause: er brachte Gras, grünes, duftendes Gras. — Alle drei Köpfchen drängen sich um den Vater. — Papa, was ist das liier? — Das ist — Grünes. - Was heisst — Grünes? — Grünes für den Feiertag. Zum Pfingstfeiertag muss man Grünes haben. *) Schalom Alechem: „Die erste jüdische Republik.“ Novellen. -20 Seiten. 3. Auflage. Oesterheld &. Co., Verlag, Ber- — Und wo nimmt man es her, Papa? Man kauft es auf dem Markt. — So antwortet der Vater und streut das grüne, duftend« Grün auf dem Fussboden umhier . . . Und die drei kleinen Köpfchen Kücken auf die Mutter, blicken auf den Vater, blicken aufeinander. Als Vater und Mutter sieh umgedreht haben, logen sie sich alle drei auf den Fussboden, schmiegen die Gesichtchen in das duftende Gras und küssen das weiche, wonnesame, wunderschöne, das man „Grünes“ nennt, das man zum Festtag braucht und auf dem Markte bekommt. — Alles bekommt man auf dem Markt, sogar Grünes. Alles kauft der Vater, alles benützen sie, alles haben sie! Sogar Grünes! Sogar Grünes! — Hans M a r g o 1 i u s. Josef Popper-Lynkeus: „Das Recht zu leben und die Pflicht zu sterben.“ Sozialphilosophischc Betrachtungen. Ferner „Fürst Bismarck und der Antisemitismus.“ R. Löwit-Veilag, Wien nnd Leipzig. Mit bewundernswertem Fleiß hat der kürzlich verstorbene. Oberlehrer Brummer in der Reklani-Bibliothek ein schon in siebenter Auflage erschienenes, achtbändiges Lexikon von Biographien und Literatur Verzeichnissen sämtlicher deutschschreibenden Schriftsteller des 19. Jahrhunderts zusammengestelll. Das Durchblättern des umfangreichen Nachschlagewerks stimmt ebenso schwermütig, wie ein Gang durch e’ae grobe Büchersainmlung, wie eine Wanderung über den Friedhof ... — Ein kurzes Vorsichhinträumen abends in den dämmrigen Magazinen der Berliner Staatsbibliothek: Wie friedlich da die Millionen Bücher in den hohen Regalen beieinander - sichen, die sich dereinst einmal so arg befehdeten! — Nun sind sic alle stumm! — Hier stehen unzählige bestaubte Werke, die so gern einmal zu einem Menschen reden möchten, aber nie mehr gelesen werden: letzte Exemplare Makulatur - zerstampfter Erzeugnisse einer Vergangenheit! Es sind so viel Bücher, die da harren, die meisten wohl, dünkt mir, geschrieben mit der Hoffnung auf ungezählte Menschen und nicht von cir.ern vernommen! Wie viel Schriftsteller sind auch bei Brümmer aufgeführt, deren Wirken und Schaffen längst vergessen sind, die kaum noch der Literaturhistoriker kennt! Es sind sehr viel jüdische Namen unter all den Autoren des vorigen Jahrhunderts. Die Antisemiten können sich über Ungeistigkeit der so lange Unterdrückten nicht beklagen! Vor geraumer Zeit wurden von deutschvölkischer Seite mit gehässig ein Vorwort im „Seini-Kürschncr“ alle lebenden deutschen Autoren jüdischen Ursprungs zusammengestellt. Und siche da: es zeigte sich, daß von der zeitgenössischen Literatur unverhältnismäßig große und wichtige Gruppen fehlen ■würden, wenn man die Juden missen müßte. Dieses ganze Beginnen der Judengegner unter Mitwirkung von Adolf Bartels erinnert etwas an Bileam und seinen Esel, der mit der Absicht, Böses zu sprechen, wider Willen rühmen muß. Allein, wie gesagt, viel von dem, was in den letzten Generationen geschrieben wurde, ist untergegangen, manches mit Recht, manches auch mit Unrecht. Andrerseits ist die Welt bekanntlich auch voll Antinomien! Es gibt auch Fürsten im Reiche des Geistes, die auf lange Zeit vergessen werden, um dann plötzlich wieder von neuem entdeckt zu werden und fröhliche Auferstehung zu feiern. Shakespeare, Hölderlin, Max Stirner, Bach, Händel — um nur einige Namen zu nennen — wurden von ihren Zeitgenossen nicht genügend oder gar nicht verstanden und geschätzt. Erst lange nach ihrem Tode begann man ihre ganze Größe zu erkennen und ihren Ruhm zu verbreiten. Vor kurzem hat der bekannte Verlag R, Löwit in Wien und Leipzig zwei Bücher eines jüdischen Weitweisen, Josef Popper, neu gedruckt, der sich mit seinem Pseudonym „Lynkeus“ (der Hellsichtige) nannte. Die erste Abhandlung „Das Recht zu leben und die Pflicht zu sterben“ erschien zuerst in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, die zweite „Fürst Bismarck und der Antisemitismus" Anfang der achtziger Jahre. Beide Werke sind fast ganz unveränderte Nachdrucke der seinerzeit erschienenen alten Ausgaben. Man liest die Bücher mit tielem, ernstem Erstaunen. Man blättert in Brümmers Literatur-Lexikon, in dem doch soviel Unbedeutende „verewigt" sind, man sieht die alphabetischen Verzeichnisse der wichtigsten neueren Literaturgeschichten durch, — nirgends findet man Poppers Namen! Ich glaube jedoch, daß bald die Z ' ^kommen sein wird, in der das Genie dieses überragenden nnes gewürdigt werden wird und in der die Ideen -dieses wundervollen Menschen Allgemeingut geworden sein werden. Die Gegenwart scheint zu klein für diesen Riesen zu sein! Josef Popper war ein universaler Kopf, ein allumfassender Geist, wie er in dieser Totalität auf Erden selten ist. Er entstammte einem kleinen böhmischen Ghetto, wurde in den dreißiger Jahren geboren und war im Hauptberuf Ingenieur und Physiker. Als solcher hat er eine ganze Reihe naturwissenschaftlicher Werke verfaßt, von denen einige wie z. B, „Physikalische Grundsätze der elektrischen Kraftübertragung“ (1884), „Flugtechnik" (1888), „Technische Fortschritte“ (1886), „Maschinen- und Vogelflug" (1910), außerordentlich anregend gewesen sind und für sich allein genügen würden, um ihm einen Ehrenplatz in der deutschen Gelehrtenwelt zu sichern. Allein Popper war auch Sozialphilosoph von Rang, Mathematiker, Historiker und last not least ein unnachahmliches Gemisch von Denker und Dichter! Wie nach der Sage bei König Midas alles, was er berührte, zu Gold wurde, so wird hei Popper jedes menschliche Wissensgebiet, mit dem er sich beschäftigt, zu einer bisher ungekannten geistigen Ueberschau mit neuartigen Ausblicken und Ideen. „Das Recht zu leben und die Pflicht zu sterben“ ist eine soziologische Phantasmagorie, eine großartige, flammende Rede, eine Art hinreißende Ansprache an die Völker der Erde, die einen gewissen Ewigkeitswert hat. — Die kritischen Einwände gegen gewisse Einzelheiten der Popperschen Ausführungen sind billig und rasch aufgezählt. Das Werk, das 142 Druckseiten umfaßt, ist wie die meisten Popperschen Werke, schlecht disponiert. Die Krönung des Buches, ein dichterisch hochstehender Panegyrikus auf Voltaire nimmt zu viel Raum ein. Dabei kommen Probleme, die dem Autor viel mehr am Herzen liegen, zu kurz. Die moderne Forschung kann das strahlende Bild, das Popper von dem großen, geistigen Befreier und Kulturhelden Voltaire entwirft, nicht in diesem Umfange anerkennen. Gewiß, Voltaire war der Führer der Aufklärung im 18. Jahrhundert, sein Geist und seine ungeheure Arbeitsleistung waren einst eine europäische Großmacht, die die glänzendsten Siege über religiöse Unduldsamkeit und geistige Knechtung erstritt. Sein Einfluß auf sein Zeitalter ist von unermeßlichen Folgen gewesen; aber ihn in dieser Weise als den einzigen Heros und geistigen Befreier der neuen Zeit darzustellen, geht zu weit. . . . Letzten Endes waren bei ihm Talent und Fähigkeiten größer, als der Charakter; sein Streben war oft von kleinlichen, nicht ganz reinen Motiven beherrscht, und in manchen seiner Satiren und Tendenzromanen wird der glühende Wahrheitsfanatismus des gewaltigen Mannes von . Frivolität, Eitelkeit und Leichtsinn etwas verdunkelt. ®®®®o0eee0®0®<50000(%F( OOOGXDGOOOOGOOOOOOOOOOGXDOO0OOO0OOGOQ3CX3 W.RclmsfeM&Co.1 | Teppiche / Linoleum / Läuferstoffe | Berlin sw 6S. Kochstr 32 O Fernsprecher; Dönhoff 7576-76-77 O Filiale: Chausseestraöe-Bö O v * * * SONDERANGEBOT Deolsch-PerserTepplche ca. 200/300 4a.— ca. 250/350 99 — ca. 300/400 79. Vel< Axmlnster-TepplcHc 200/300 6®.- 250/350 07.- la Velpur-feppiche 200/300 09.- >ur uni. 67 cm breit, per Meter 19 — Linoleum Teppiche LAuffer 180/250 97.50 250/350 97. 67 breit 3.50 110 breit 9,90 200/300 SS. 300/40G 70. 90 bre t 4.90 133 breit 0.00 O G> OOGO0GOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOGQ 90999099909999900009 Die Popperschen Vorschläge, die darauf hinzielen, daß der wahrhaft soziale Staat jedes Individuum vor Hunger schützen soll, sind in dieser Form sicher nicht durchführbar, seine Ideenj über die Projizierung von Glück und Glauben, Religion und. Kultur ins reale Leben werden immer fromme Wünsche bleiben, die wundervoll-humanen Gedanken über Verbrechen und ihre unzeitgemäße Bestrafung fordern trotz ihrer menschlichen. Hoheit und ihrem sittlichen Ernst Widerspruch heraus. Denn wenn alle Vergehen nur katasteramtsähnlich gebucht und veröffentlicht würden, wie Popper vorschlägt, könnten die gebesserten Kriminellen niemals wieder den Makel von ihrer Person tilgen; es würde ihnen wahrscheinlich niemals mehr glücken, ihre bürgerliche Stellung im Leben zurückzuerobern. Die — wie erwähnt, in den siebziger Jahren geschriebenen — Betrachtungen über die bürgerliche Pflicht, itn Kriegszwang zu sterben, sind allerdings von einer geradezu gespenstischen Aktualität. Schade, daß diese Meditationen 1914 nicht in Millionen Händen waren! Der Weltkriegswahnsinn hätte dann vielleicht nicht so lange gedauert! Auch auf diese soziologischen Philosopheme läßt sich einiges erwidern. Aber was besagen alle diese kritischen Bedenken gegenüber dem Gedankenreichtum, der Fülle neuer, überraschender Ideen und dem bezwingenden ethischen Pathos der Popperschen Bücher, das seine tiefsten Wurzeln in der gewaltigen Ethik des Judentums hat! ln leuchtenden F arben wird ein Zukunftsbild gern alt, da* dem Individuum ein freies, gesichertes Leben gewährleistet,! in dem die Gesamtheit keinem Menschen als solchem Schutz und Achtung versagt Der ganz besondere Wert dieser Arbeit liegt darin, dafi sie nicht nur eine Utopie unter vielen ist, daß di« prophetisch gezeigten Wege aus allem Elend und aus aUei| Not herauszukommen, nicht nur leblose Phantasien sind, sondern daß überall auch ganz realistisch gefaßte und klar gezeichnete Entwicklungsprognose® gewiesen werden, van, denen viele sicherlich völlig richtig sind. Es ist nicht au be-j zweifeln, daß eine Reihe von Fortschritten menschlicher Hiuma-j nisierung nur in der Richtung der Popperschen Gedanken-j gange gemacht werden können. Das Buch über „Bismarck und der Antisemiiia-< ra u s“ bietet ebenso wie das erste weit mehr, als der Titel besagt.' Es hat ebenfalls große historische Perspektiven. Auch hei diesem Werk muß man den hell seherischen Scharfblick des Verfassers bewundern. Traurige politische Entwickn lungen, vor denen Popper warnt, und die hier vor fast 50 Jahren vorausgesagt wurden, sind genau so eingetroffen, wie sie hier prophezeit wurden, weil niemand der verantwortlichen Re-i gierenden seine Ratschläge beherzigt hat. Auch in diese* geschichtlich eingestellten soziologischen Betrachtung kann man gewisse Irrtümer feststellen; sie sind gegenüber dem Ganzen irrelevant. Alle Ausführungen sind mit dem Blut ihres Schöpfer getränkt und sind heute, fast ein halbes Jahrhundert nach ihrer Niederschrift, so lebendig, daß sich kein Staubkorn eben von Makulatur auf ihren frischen Zügen fe®tsetzeii konnte, so daß sie nie in jenes Schattenreich hinabsiniken kön-j nen, das man autoritätsgläubig „Literatur" zu nennen pflegt» Poppers Bücher weiten sich für den, der tiefer in ihre Welt; ein dringt, vom national und zeitlich Begrenzten in» raum-* und zeitlos Unbegrenzte: ins schlechthin Menschliche. Win können in Poppers Werken unsere eigene Epoche wie einem Spiegel sehen und blicken darüber hinaus vorwärt* und rückwärts in welthistorische Weiten. Anschließend an Aeußerungen und Regierungsmaßmabroe!® Bismarcks und antisemitische Induktionen Dührings und von Hartmanns wird neben allgemeinen, geschichtlichen Ausblicken; eine tiefe und eingehende psychologisch-historische Widerlegung der „antisemitischen Weltanschauung“ gegeben. Gegenschriften wider die Verunglimpfung der Juden sind in den letzten 5 Jahrzehnten zu Tausenden erschienen! NtrC wenige haben den bleibenden kulturellen und sittlichen Wert., wie diese von Popper. Hier hält der große Philantrop und Vorkämpfer für Humanität Gericht über die kulturfeindliche!* ökonomischen und gedanklichen Grundlagen des Antisemitis-i mus. Hier ist keine bloße Dialektik, sondern logische Beweis-* führung und überzeugender Appell an das Gerechtigkeitsgefühl aller Gutgesinnten. Punkt für Punkt wird die Unhaltbarkeit» der meisten üblichen Angriffe gegen das Judentum nach-« gewiesen. Gerade in unserer Zeit der wieder attfflaramendets Kämpfe und des sinnlosen Hasses ist dieses Buch besonders, geeignet, Frieden und Versöhnung zwischen den einzelnen Völkern und den hadernden Parteien zu stiften. Ein kleines Versehen sei festgestellt. Seite 62 ist von dem „Originalgenie Ludwig Geiger" die Rede. Gemeint ist wohl Abraham Geiger. — Ueber die Bedeutung des noch nicht genügend bekanntet und gewürdigten „realistischen Idealisten" Josef Popper- Lynkeus soll in absehbarer Zeit ausführlich die Rede sein. Hier sei nur noch zum Schluß für alle Freunde guter Lektüre erwähnt, daß die beiden lange vergriffenen, innerlich so reichen Bücher in der neuen großen Tiemann-Antiqua gedruckt, jetzt wieder überall zu haben sind. j Dr, Ludwig Qayi dsobn, BerKru

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