Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 31 (31.7.1925)
- Date
- 1925-07-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ffanifmte gefehlt. Das Ritual aber ■fei «in solches ClMen^NÄslomtl gestimmter Religiosität unö habe seinen gebührenden Platz im Ganzen der Religion. Dagegen ist zu sagen, daß es gewiß richtig ist, Laß dem jüdischen Liberalismus von der Zeit seiner Entstehung her ein gewisser aufklärerischer Zug, ein Schulmeisterrationalismus anhaftet, das; aber seine bleibende geschichtliche Bedeutung durch die nur zufällige Verbindung mit dem Gehaben einer überwundenen Zeit nicht gemindert wird. Seine bleibende Bedeutung für das Judentum liegt in der koperNikanischen Drehung vom Ritual zur Gesinnung, die er bewirkte. Diese kopernikanische Tat erössnete dem in mittelalterlichen Denkvoraussetzungen beharrenden und nicht mehr beweglich erscheinenden Judentum die dRöglichkeit einer Renaissance der religiösen und weltlichen Kultur. Sie hat nichts mit einseitigem Rationalismus zu tun. Denn gerade die Gesinnungsreligion, die das Erleben des Individuums kultiviert, das persönliche Erleben seiner Verstandes- und Gefühlskräfte. wird die irrationalen Gehalte erst in wirklich tiefem Maße erfassen können. Wenn sich heute die Sehnsucht nach den irrationalen Gehalten der Religion frei ausleben kann, so ist die kopernikanüsche Tat, bi« der persönlichen Gesinnung, die Freiheit des Suchens, des Ablehnens und Annehmens, gibt, die Voraussetzung dafür. Wie weit dis zu einem Aufleben des einen oder anderen Rituals führen wird, ist nicht vorauszusagen. Nichts ist lächerlicher und dem Geiste des Liberalismus widersprechender, als die Forderung, die jüngst aus der liberalen Gemeinde erhoben wurde, es möchte ein Beth Din liberaler '-Rabbiner einen neuen Schulchan Aruch schassen, damit man wisse, welches Ritual denn noch verbindlich sei, und welches nicht. Wir leben nicht mehr in der Zeit der Dogmen ausarbeitenden Konzile. In kleinen Kreisen der Familie, der Freundschaft, in kleinen religiös interessierten Konventikeln kann einer dem andern erzählen, wie er mit seinem Gefühl dieses und jenes Ritual auffass-e, was es ihm in seinem religiösen Erleben bedeutet, welche Erinnerungswerte und geistige Aspekte seiner Seele dadurch eröffnet wurden, und so im Austausch individueller Erfahrung in der religiösen Gemeinde selbst und nicht etwa von oben durch eine dekretierende Räbbinerverfammluna kann es zu einer Renaissance des einen oder anderen Rituals kommen, kann sestgestellt werden, was zu unrecht vergessen wurde, und was dagegen zu beleben einen Rückschritt des religiösen Lebens bleuten würbe. Aber auch dann, wenn sich unsere Zeit für manches Ritual aufnahmefähig erweisen sollle (es hat den Anschein, als ob die das Wesen des Sabbats aus-drückenden Rituale und die, welche im Gottesdienst selbst ihren Platz haben, ihre wachsende Gemeinde finden), auch dann muß der Schwerpunkt jüdischer Religion in der Gesinnung bleiben. Die kopernikanische Tat des Liberalismus darf nicht rüch-<siing:g gemacht werden, niemals darf das Ritual den Absolut!) ettscharakter annehmeir. Ihr sollt keine andern Götter haben neben mir, dieses Gebot hat seine Bedeutung noch nicht verloren. Es muß alle die aufrütteln, die in -der Ausdrucksroelt des Religiösen bleiben, in den Formen und rituellen Handlungen und es damit genug sein lassen, den Weg ins Allerheiligsie auch nicht einmal antrel-en. Das Ritual schläfert, wenn daraus der Schwerpunkt der Religiosität gelegt wird, -das Gewissen ein. Und nichts ist un-jüdischer als diese seichte Stille, die uns dem heiligen Leben der Auszüge und Sendungen entzieht, dieser billige Frieden, der hier unterschoben wird, und uns vergessen macht, wo der wahre Gottesfrieden errungen wird. Und auch an das Gebot: Ihr sollt euch kein Abbild machen von Gott, sei erinnert. Das Ritual ist auch ein Bild, ist Ausdruck der Frömmigkeit, die sich mit Gott verbunden weiß. Wenn der jüdische Genius, dem andere Bilder versagt waren, auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung sich int Ritual ausleben konnte, so sei doch wieder an dieses Gebot erinnert. Wenn das Ritual uns mit Rührung erfüllt, so wie das Bild die Liebe aufmühlt und richtet auf den, von dem es Bil-d ist, dann ist es gut. Aber welche Verkehrtheit, wenn das Bild als solches u-ns befriedigt, wenn es die Sehnsucht -ein lull tz die Sehw-. ^acht, die dem Frommen ewig wach ist. Gerade unsere Zeit, sie, die Verstand und Neigung für das 'Wesen des Rituals hat und manches zu rezipieren begabt ist, muh sich klar niad)eit» das; ein Reichtum in der Ausdrückswelt des Religiösen nicht unbedingt Zeuge von Tiefe sein muß, ja es ist Poch wieder ernstlich in Erwägung zu ziehen, ob nicht religiöse Tiefe nur in puritanischer Einfachheit gedeihen kann, um so mehr diese Einfachheit auch das Wesen alttestamentlicher Religiosität ist, die alles '-Nebensächlichen, Verzierten und Spielerischen bar ist. And das Ritual ist doch etwas Barockhaftes, für die klassische Religiosität der Propheten ist das Ritual unwesentlich, sie predigten das reine Gotteswort, wo sich die Religion im Opferkultus, im Tempelglauben, in nationalen Beschränktheiten verdinglichte, erhoben sie ihre protestierende Rede. Religion. Bon Ella von Cleef. Der reine Geist ist ungewandelt — 3ft Gottheit — frei und obsolut. Doch ward aus ihm, was webt und wandelt Als Mensch und Pflanze, Tier und Flut. Zu niedren, immer höheren Sprossen Hat Gottes Geist sich aufgeschlossen. Gestaltet band sich Geistes Welte — Gesetz, Geschehen, Element. Natur heißt sie — doch ihre Helle Die erdgetrübte Stirn verkennt. Wir hasten an der Dinge Blendung, Die Zugeständnis nur der Senkung. Qlm Stoff den reinen Geist erleben, Zst unsres Daseins höchstes Ziel — ©er, Ewigkeit im Weltcnwebea, Ersinnt stets schön'res Weihespiel Vom Sinn des Seins: Ans Dämmergrauen Als Schöpfung klar sich selbst zu schauen. Dahin bilst uns Gefühl erlösen: Durch Heimatsehnsncht vager Brunst, Den Stoff in Geist ganz aufzulösen, Führt zur Natur zurück — die Kunst. Denn Religion ist beider Schaffen, Künden, Da Geist und Geist im Anschau'n sich verbinden. Wilhelm Jerusalem. Der Philosoph des ethischen Idealismus. Von V. W. Segel. Es war eine vortreffliche Idee vom Verlage Felix Meiner ln Leipzig, eine Reihe von Bänden herauszugeben, welche die ,,Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungcn" enthalten. Die bedeutendsten Denker der Gegenwart erzählen hier ihren Lebenstauf und die Entwicklung ihrer Gcdan-kensystcme. Mit Wehmut Es liegt etwas Katholisierendes ln der Sympathie, mit der manche in unserer Nachkriegszeit die Ritualreligion der Orthodoxie umgeben. Denn man soll es nur aussprechen: trotz aller Verschiedenheiten, die das Judentum als eine einmalige in sich geschlossene Welt herausheben, geht der Gegensatz zwischen der Gesinnungsreligion des jüdischen Liberalismus und der Ritualreligion der jüdischen Orthodoxie parallel mit dem Gegensatz vom Protestantismus und Katholizismus. Eine katholische Messe ist vielleicht wirklich „schöner" als ein protestantischer Gottesdienst. Aber ein waches Gewissen wird in der klaren, die Vernunft nicht ausschaltenden Geistigkeit einer protestantischen Predigt eher befriedigt werden. And reich an Darstellung, an Schauspiel lst auch die Ritualreligion der jüdischen Orthodoxie, während der jüdische Liberalismus, -einfacher, aber dadurch konzentrierter und daher größer, nur das Gotteswort hat und sonst nichts. Die katholische Technik bedeutet eine große geistige Gefahr. Stendhal, äußerst sehend für diesen hier vorliegenden Gegensatz, schildert (in der Certosa von Parma) einen höchst sympachischen jungen Menschen, der in -einem Liebeshandel dazu kommt, s-etnen Gegner zu töten. Also ein Mord. Der betreffende Mensch, erzählt Stendhal, geht in eure Kirche, sagt seine Gebete, die ihn feine Lehrer, die Jesuiten, gelehrt habeiu Für jeden bestimmten Fall gibt es ein vorgeschrlebenes Gebet, und er hatte sie alle auswendig lernen müssen. Er sägt also die für diesen Fall vorgeschriebenen Gebete und geht erleichtert aus der Kirche. Nicht als ob er von Haus aus ein oberflächlicher ober schlechter Mensch gewesen wäre, sagt Stendhal, aber das ist eben die Leistung des Iesuitismus, daß ihre Erziehung das Gewissen ein-schläfert. Für jeden Fall gibt es eine bestimmte Vorschrift, ein bestimmtes Gebet. Darüber hinaus in sich zu gehen, ist gar nickt verdienstlich, ist im Gegenteil Sünde, denn es zeugt vo-n Zweifel und schwachem Glauben. Von jesuitischer Erziehungsmethode kann aber in der Tat auch der Ritualreligion unserer Orthodoxie gegenüber gesprochen werden. Der Gläubige wird in ein Schema von Vorschriften eingezwängt, und ein Gewissen, das fortwährend mit diesem vorgeschriebenen Schema beschäftigt ist und so ausgefüllt ist, wird so leicht nicht aufgerüttelt werden. Eine einige Herde von Gläubigen. „Aber darum steht -es so schlecht mit allem Glauben, weil es so viele Gläubige gibt", möchte man mit Nietzsche diesen Sicheren und Ruhigen zurufen. And noch ein Zweites bewirkt die Ritualr-eli-gion. Nicht nur das Gewissen wird cingeschläf-ert, noch ein zweiter Schaden wird allzuoft auftreten. Der Volksmund prägte im protestantischen Deutschland das Wort vom „k-atholisaF-n Mick", ln der Bedeutung von heuchlerischem, falschem Blick. Hier liegt gute Beobachtung vor, denn die ständige Hochgespanntheit Per katholischen Formen wird oft auf ein teilnahmsloses Gewissen stoßen. Aber das tut nichts. Die Form ist fest gefugt, es ist nicht nötig, an teilnehmende Gegenwart zu appellieren, es macht sich auch so. And so werden Heuchler erzogen. Die Fülle des Rituals, die die jüdische Orthodoxie dem einzelnen aus erlegt, birgt diese Gefahr in sich. Die häufige Unfähigkeit, dem Ritual lebendiges Erleben entgeg-enzubringen, wird unterdrückt, vielleicht weil man dies schon selbst für unreligiös hälsi — der häufige Fall vornehmer Naturen, die schließlich der Hysterie nicht enlgehen, oder die Unfähigkeit wird aus äußeren Gründen unterdrückt u-nd der Heuchler ist geboren. Der Iesuitenstül, der vielleicht durchaus ehrlich gemeinte, aber durchaus zu bekämpfende Stil der Seelsorge, der das Individuum mit einer Fülle von Einzelheiten zu fesseln sucht, um es so stückweise ganz in d-en Bann der Religion zu ziehen, kann heute und vielleicht immer nur eine oberflächlich zusammenhängende und eine oberflächlich ergriffene Gemeinde schaffen. An das Zentrum der Person wurde nicht appelliert. Und doch kann nur in der letzten Tiefe der Geisinnung die demütige Zustimmung geboren werden, die den Menschen wahrhaft mit Gott vereint. Aber der religiöse Liberalismus hat heute die Gesinnungsreligion nicht nur gegen die katholisi-erenden Tendenzen einer mit der Ritualreligion der Orthodoxie sympathisierenden, weil in sich haltlosen Nachkriegsgeneration zu behaupten, sondern er muß auch gegen den atheistischen Nationalismus (womit der Zionismus in feiner Gesamtheit ganz und gar nicht gemeint ist) eine Front unterhalten. Dieser atheistische Nationalismus argumentiert: Das Ritual ist etwas jüdisches. Wir behalten es bei, nicht aus religiösen Motiven, sondern weil es jüdische Formen sind. Ob sie sonst noch in sich religiös bedeutsam sind, untersuchen wir nicht, als volkhaste Formen sind sie uns schon von vornherein wertvoll. Hier muß nun eindringlich gefragt werden, was ist jüdisch? Letzten Endes bedeutet Judentum einen geistigen Zusammenhang. Daß hinter dem Ideenzusomm-enhang, den das Judentum bedeutet, eine historische Gemeinde mit volkhaster Struktur steht, das ist selbstverständlich. Aber was Judentum ist, ist allein liest man im dritten Band die Selbsidarstellung des Wiener Philosophen Wilhelm Jerusalem, der gerade vor zwei Jahren der Wissenschaft viel zu früh entrissen wurde. Es ist etwas herzhaft Erquickendes, die Lebensbeschreibung des Mannes zu lesen, -dessen Seele zur Harmonie und Ausgeglichenheit geführt wurde durch eine streng fromme, aber von aller Engherzigkeit freie Erziehung im Elternhause (er war 1854 in einem Dorfe hei Pardubitz in Böhmen geboren), wo ihm hebräisches -und profanes Wissen durch Hauslehrer zugefiihrt wurde. Während der Studienjahre wurde seine Seele von der Bibel und Homer, von Jesajas und Sophokles, von Talmud und Aristoteles geformt. Hedraismus und Hellenismus vereinigten sich in ihm gewissermaßen von selber zu einer Synthese. Es'ist bezeichnend, daß er auf die Philosophie erst in späteren I-ahrc-n gelenkt wurde, und zwar durch den Verkehr mit dem Rabbiner von Nikolsburg Dr. M. Feuchtmang, jetzt in Wien, „der ein philosophisch gründlich durchgebildeler Herbartianer" war. Durch diesen Rabbiner wurde er auch zum Studium von Wundt angeregt. Dieser Mitbegründer der modernen Psychologie sowie Herbert Spencer gaben Jerusalems Denken die Richtung aus das Biologische und überhaupt Ncalisiisch-Naturwissenschaftliche. In Wien bestärkte ihn in dieser Richtung der langjährige vertrauliche Ilm gang mit Ernst Mach, dem genialen Physiker und Erkenutnisiheoretlker, mit dem Jerusalem in intimer Freundschaft verbunden war. 30 Jahre lang wirkte er als Lehrer der klassischen Philologie und der Logik am Gymnasium. Einige der bedeutendsten Männer, die jetzt im geistigen und öffentlichen Leben führende Stellen einnehmen, waren seine Schüler, und was für einen starken Einfluß er auf sie ausübte und wie tief verpflichtet sie sich ihm suhlten, das haben sie in dem ihm zum 00. Geburtstage gewidmeten Sammelbuch enthusiastisch bekundet. Mit bedeutenden Abhandlungen sind in diesem Gedenkbuch vertreten: Ernst Mach, Rudolf Eisler, Rudolf Go'.dscheid, Mar Adler, Siegmund Fcilbogen, Rosa Mayreder, Anton Lampa, Julius Offner,' Stephan Hock, Helen Keller, Joseph Poppcr-Lynkeus, Anton Wildgans, einer der bedeutendsten deutschen Lyriker und Dramatiker der Gegenwart, feiert den geliebten und bewunderten Lehrer in einem Gedicht von ungewöhnlicher Schönheit, welches der herzlichen Anhänglichkeit und begeisterten Dankbarkeit einer ganzen Generation unvergänglichen Ausdruck verleiht. Hat man dieses Gedicht gelesen, so versteht man das Wort des Verfassers: „Die Stunden in der Schule gehörten ebenso wie die auf dem Katheder zu den glücklichsten meines Lebens." Gleichzeitig hielt er ais Privatdozent an der Wiener Universität Vorlesungen über Philosophie. Im Jahre 1007 hat die Philosophische Fakultät ihn der Regierung für eine Professur vorgeschlagen, aber aus einem naheliegenden Grunde wurde der Vorschlag nicht berücksichtigt. Erst im Jahre 1021 wurde auf Initiative des Staatssekretärs für den Unterricht Otto Glöck-el der Vorschlag der Fakultät erneuert und auf Grund dessen ernannte der Präsident der Republik, Karl Seist. Jerusalem zum -außerordentlichen Professor der Philosophie und von d-en Ideen her zu begreifen und auch die Stimmen des;üdischen BluteS verstehen wir nur richtig vom Geiste her. Wenn gesagt wird, -daß das Ritual die feste Klammer ist, mit der die als zerstreute Minderheit lebende Zudenheit zulsammengehalten wird, so ist entgegenzuhaiten, daß dort, wo die Ideen des Judenlums lebendig sind, es solcher Klammer, deren Leistungsfähigkeit übrigens sehr fragwürdig ist, nicht erst bedarf. Wo Judentum, als religiöse Ideenwelt verstanden, lebendig ist. ist es gemein, schuftsstist-eni» im eminenten Sinn. Denn ein Volk entsteht nicht und besteht nicht durch eine besondere Blutmischung, — die Mythe von der Rasse muß endlich abgetan werden, — sondern durch die Besonderheit seines geistig-religiösen Weltbildes. Die Individualität öicjeö Weltbildes ist das 'Primäre und das die volkhaste Individualität. Verursachende. Dort, wo das Weltbild selbst lebendig ist, hat man nicht nötig, auf Formen ängstlich be- -dacht zu sein. Alan ist reich genug, manches über Bord zu werfen, wenn man den Weg zum -ewig lebendigen Urquell selbst -besitzt und so die alte Wahrheit m überzeugend und begeisternd neuer Form erlangen kann. In Erez Israel selbst ist nicht im geringsten die Rebe davon, das Ritual in Bausch und Bogen zu übernehmen. Die Auseinandersetzung, die jüngst in der "-New Pal-estine zum Thema: Religion und Zionismus stattfand, zeiigt-e dies in klarer Weise. Da klagt ein Führer des Misrachi: In den Kwuzoth wird nicht koscher gelebt, die Grenze, innerhalb der am Sabbat Spaziergänge erlaubt sind, ist in keiner Siedlung bestimmt, es fehlt die Mikwe (das rituelle Bad). Und Tesillm legen die Ehaluzün auch nicht. Was immer in Erez Israel erwachen wird, die Rückwärtsgewandten innerhalb der Iudenheit werden sicher -enttäuscht wer-,, den. Allen -orthodoxen Forderungen hält in der erwähnten Aus--' einandersehung der die Meinung der Ehaluzim vertretendem Dr. Elieser Aieger, Lehrer «nt hebräischen Gymnasium in Std-; Aviv, folgendes 'entgegnen: ,Sie Weisen sagten, ein Talles, d-er.j ganz bla-u ist, brauche keine Zizith. Die Ehaluzim, die dem Juden--! tum alles geben, was sie haben, ihre Talente und ihre Zukuavsts-! aussichtcn, ihr Herz und ihr Hirn, die Arbeit ihrer Hände und' das Mark ihrer Knochen, brauchen keine rituellen Uebungen, um! ihr Judentum zu bewahren." (Zitiert in der Iüd. Rundschau: vom 12. 6. 1925.) Das ist «in schönes Dokument l«bendiy«r( Judentums, des Judentums, zu dem der religiöse LSbovaLSmoS! sich bekennt. Das Ritual hat gewiß seinen Platz im Ganzen der Relügiom, Wir müssen lernen, in welchem Maße chm dieser Matz gebühÄ, und über welches Maß hinauszugch-eu keinerlei BerarUasstm^j vorliegt. Das aber, was wir das „Joch des Gesetzes" nemvva»' diese Würde einer treu cmfgenommenen Sendung«» ihrer Schwere! und Erhabenheit hat nichts zu tun mit der Berpsilchtung, dfeii wir uns dem Ritual gegenüber oufevlegen, oder Sb« tte v/ht\ uns hinweg setzen. Das „Gesetz", das aus der TiÄe der fromN men ©cfimmna aus steigende Gebot, das Wort des Herrn hinaus-! zutragen in alte Welt, ihm alle Welt zu unterwerfen, drestrs Ge^ setz lst der Ausdruck einer mächtigeren Frömmigkeit, ais es die! Frömmigkeit ist, die das Ritual pstegt. Was demuach undey! einem ,-gesetzestreuen Judentum" zu verstehen rväoe, ist. tzlDÄ Kult und Ritus. Bon Edith Echu-lhöfar, München. Religiöse Empfindung vermag sich in zwei grundEtschSedeM Formen zu gießen: in Kult und in Ritus. Die primitiveren ReS^ gionen besitzen diese Formen in chrer Zweiheit; der Heide tantzts um seine Gottheit (Kult) und ist auch In seinen Gebräuchen reÄ-j giös gebunden (Ritus). Die fortgeschrittenen Religionen habsnti sich zur Einheit der Form durchgerumgen, nach der SeAe des! Kult oder des Ritus. Es fragt sich, ob eine dieser Formen Dr religiöse Inhalte geeigneter ist, und wenn, ob KM oder RÄaS: den Vorzug verdient. Kult im weitesten und erhabensten Ginne und fr«8 von Ällevit Auswuchs des Fetischismus ist die hingehende Pflege von Wertem^ Es steht außer Frage, daß neben und mit dem Kult auch Kutturs entstehen muß. Aber darauf kann es uns hier nicht ankommenü sondern auf die Einheit religiöser Inhalte mit chrer Form. Nach! der Schöpfung welcher Art von Werten zielen nun die ver-schie-i denen Richtungen der Kultrsligio-nen hin? Der Katholizismus! strahlt in einem Glanz von Schönheit und Kunst. Die Christian! Society übt ihre Kräfte an Werken der Menschenliebe. Und die Scholastik war nichts anderes als eine Reche r-Äigiöser Inhalte, die auf theoretische Formeln gebracht wurden. Kurz gesagt, Kult indem von uns verstandenen Sinne ist die A-usnÄrmmg relickdsar Kräfte auf ästh-eti'sch-em, ethisch-sozialem, ja selbst auf cheoreÄschem^ Pädagogik. (Glöckel und Seih waren beide sÄne Schüler ge-' wesen.) Seine philosophischen Anschauiung.e.n hat Jerusalem in einer^ Reihe von Werken und Abhandlungen m-ed-erg-elegt. In der voriiegenden Schrift zieht der Verfasser gewissermaßen das F<Mt feiner Lebensarbeit. Natürlich mußte diese Selbsta-nalyfe sehr knapp ausfallen, man k-cmn einem philosophischen Schriftsteller nicht zumut-cn, das Gesagte nochmals zu wiederholen. Aber in großen Umrissen haben wir hier das Gedankensystem Jerusalems vor uns. Es lst jedoch zu tadeln, daß der Verfasser, offenbar aus übertriebener Bescheidenheit, -es vermeidet, jene Punkte besonders zu -unterstreichen, wo er über die Lehre der Vorgänger hinausgeht (nur Kant gegenüber tut er es an zwei Stellen). Und doch ist er auf allen Gebieten der Ph-ilojophie seine eigenen Wege gegangen -und hat unsere Erkenntnis um wesentlich neue Ergebnisse bereichert, die zu deren eisernen Bestand gehören. Eine eimgerinaßeit umfassende Darstellung bietet Jerusalems „Einleitung i-n L-!e Philosophie", welche in fast alle Kultur-sprachen üb-er-seht ist. Sehr wichtig in bezug auf seine erkenntnistheoretischen Lehrern sind seine Schriften „Der kritische Idealismus und die re-me Logik" und die „Ur teilsfunktion". Jerusalem ist ein entschi-oben-er Gegivcr des erKeiii>tnis!heoretis ch-rn Apriorismus und bekannt sich zum kritischen Realismus. Er bejaht das Vorhandensein eines subjektiven Faktors in den Inhalten unserer Erkenntnis, -ist aber nicht -mir von der Realität, send-ern aucy von der Erkennbarkei-t des obj ektiven Faktors überzeugt. Er lehrt: „Die Dinge sind gewiß nicht nur so, wie sie uns erscheinen, sie sin»d aber um so sicherer auch so. Was wir wahvnehmen und deutlich -erkennen, das ist eine Seite des wirklichen unabhängig von uns sich vollziehenden Geschehens, und zwar die einzige uns zugängliche, aber auch die einzige für nmbedeutungsvolle Seite." Die Erfahrung, die für uns di-e einzig sichere Quelle der Erkennims ist, führt uns aber niemals bis zur'Erfassung des Ganzen -und -seiner letzten Ursachen. „Wenn nun unser seelisches Bedürfnis nach Abschluß und Ganzheit so stark ist, daß wir e-ine unvollendete Weltanschauung nicht zu ertragen vermögen, so dürfen wir getrost einen Schritt ins Transzendent wagen und durch eine nickt v-ersieckte, sondern offen und ehrlich eingestandene Metaphysik unser Weltbild zum Ganzen zusammemzuschauen und zusammenzudonk-en versuchen." In seiner Metaphysik hat Jerusalem immer den Materialismus bekämpft und die Selbständigkeit des Geistigen verteidigt, d-ie Soziologie li-eserte ihm für seine Auffassung ein neues sehr originelles und wirksames Argument, auf das' hier näher einzugehen wir uns leider versagen müssen. Allein auch den M o n -i s m u s in jeglicher Form lehnt er ah. ,^ch werde weder jemals begreifen, daß die Aial-erie denken, noch daß der Geist ausgcd-chnt werden kann," sagt er sarkastisch, und bekennt sich flank und frei zum Dualismus von Geist und Materie, Leib und Seele. Gott und Welt. Auf eine hier nicht näher zu charakterisierende originelle und tiefsinnige Weise leitet er aus dem uni