Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 31 (31.7.1925)
- Date
- 1925-07-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Organ -er Vereinigung für -as liberale Judentum e. V. Bezugspreis bmch die GtschöfiSsirtte »/. jöhrüch «. 2M, Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung im Inland 0^rs. Kür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: u u im Mitgliedsbeitrage enthalte«. » « » Ehesredakteur: Dipl..Ing. Brun» Woyda. Vie „^sUäilcb - liberale - Leitung" erkckemt jeden freitags. Redaktion u. GefcbäftöfteUe: Berlin BGH, Cdübelmftr. 147. ftrtmrf s Hmt Lützow 916O-61 poftrdKckhonto: Berlin JVÄI 1 J*r. 13Z069 (Vereinigung für das liberale 'Judentum) Jfadidruch fötntlichcr Original - Beitrage nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion geftattetl Slnzeigenpreife: Die 12gespalteneNonpareillezeile 0,45 Soldmnrk, die Reklamezeile 3,00 Goldmark, bei! :: s s Wiederholungen Rabatt. :: Anzeigenannahme: Hermann Baswitz, Verlags« abteilung, Berlin SW 68. Lharlottenstr. 96 (Kernsprecher: . Dönhoff 5360-6S), sowie sämtl. Annoncen-Gkpeditionen.! Nr. 31 Berlin, 31. Juli 1923 3. Jahrgang Das Ritual im Ludenium. Gesinnung und Ritual. Dr. Ignaz Maybaum. Wohin soll man den weisen, der die Sehnsucht hat, in das Innerste des religiösen Lebens zu dringen? Soll man chm sagen: Geh hinaus 'Ln3 Leben, Kämpfe und leide, bleib deiner Sehnsucht treu, lasse nicht von ihr trotz aller Enttäuschungen und hoffe, daß dein Sehnen gestillt wird, daß du erfährst, was die erfuhren, die still und ruhig find, die ihre Tränen trocknen, das Leben loben und danlibar von Gott sprechen. Soll man so zu chm sprechen und chm allein ins Leben schicken? Oder soll man chm sagen: Du brauchst nicht mehr zu suchen. Hier sind Menschen, die singen und boten, die feiern ihre Feste und haben fromme Brauche, Singe und bete mit chnen, begehe die Feste wie sie und nimm ihre Bräuche an. Soll man ihn wegrufen vom. Suchen und ihn heißen, in diesem Kreise ganz aufergehen? Weder das eine noch das andere. Denn gewiß kann nur das Leben, das eigene, individuelle Schicksal, uns in die Tiefen von Ehrfurcht und Liebe, von Sehnsucht und Erfüllung, von Freiheit und Demut führen und uns fromm werden lassen. Aber menschliches Leben ist nicht so arm, daß jeder allein und führerlos diesen Weg gehen müßte. Es gibt Vorbilder der Frömmigkeit, die uns belehren und beraten und uns Wahrheiten schenken, die wir nicht mchr zu erkämpfen brauchen, und es sind uns Gebote und Bräuche geschenkt, die uns in Erlebnisse führen, an denen wir vorher im Leben vorübergingen. Solche Führung können wir annehmen, ohne daß wir fürchten müßten, uns den Weg zmn unmittelbaren ,Erlebnis Gattesnäbe abzvschneiden. Denn gewiß i5t es immer die eigene, einsame Seele, der Gott sich offenbart. Nur das eigene, selbstgelebte Erlebnis kann diese Ofenbarung aufsteigen lassen, aber deshalb müssen wir uns nicht ängstlich absperren von den abgeschlossenen Entwicklungen, die das religiöse Leben in unserer allernächsten geschichtlichen Nähe erreicht hat; wir können uns hier helfen und fördern lassen von denen, die nicht suchen, die erzählen vom Gefundenen und Erreichten und darin leben. Das Ritual, in welchem sich oft ein Niederschlag des religiösen Lebens langer Generationsketten darstellt, kann uns ein Führer und Helfer von unschätzbarem Werte sein. Es kann uns manches erfahren und finden lassen, das dem eigenen Erleben noch fremd war. und kann so unser persönliches Suchen, in dem wir nichts annchmen, als was uns selbst evident wurde, in vielem glücklich bereichern. Es kann dies der Fall sein. Denken wir, um ein Beispiel herauzuziehen, an das kultische Ritual, in dessen Mittelpunkt die Thorarolle stcht. Die Thorarolle ist geschmückt mit reichbesticktom, schwerem Samt, ist mit silbemen Zieraten und Glöckchen versehen. Es ist der Höhepunkt der Andacht, wenn die heilige Lage geöffnet wird, die Thora ausgehoben und der Gemeinde, die sich feierlich von ihren Plätzen erhebt, dargesiellt wird. Der Borbeter fingt: Höre Israel, er singt: Preiset Gott mit mir, und hebt die Thora empor wie einer, der von Gottes Herrlichkeit selbst ein Stück in Händen hält. Es kommt der feierliche Umzug mit der Thora, das auszeichnende Aufrufen zu ihr und dann das ebenfalls mit einem Umzug vorsichgehende Einheben. Durch all dies wird dem einzelnen Beter sicher und selbstverständlich zum Bewußtsein gebracht, daß der Fromme Gott besitzt, daß er von der erhebenden und beseligenden Gegenwart Gottes weiß. Das Wort des Psalmisten: Der Herr '.st nahe allen, die ihn mit Ernst anrufen (Ps. 145, 18), wird durch hie Anschaulichkeit der einzelnen Akte des hier vorliegenden Rituals zum Erlebnis. In der Tat war es zwar unsere eigene Gesinnung, die die Gewißheil gab, daß das reine Gebet Gott herbeirufen kann und er dann bei uns ist. Aber wir sehen uns doch -'-ach einer Darstellung dieser Gewißheil. Änd es wird dieses „Ex st bei uns", das wir'erfahren haben, greifbare Deutlichkeit durch das vermittelnde Symbol -der dargestellten Thorarolle. Alle Scheu und alle Liebe, die wir dem Hochheiligen, der immer um uns ist, bezeugen würden, wenn die Nebel zerrissen und er vor uns träte, t iefe Scheu und Liebe bringen wir der Thora entgegen, die die §eine ist. Wir fchnen uns, so zu tun, und indem wir es tun, wächst unsere Scheu und Liebe, und damit kommt Er uns näher, wir küssen die Thora, wir küssen den Vorhang: Pergament und Samt. Aber unsere Seele, einmal geöffnet, erfährt mehr. Oder nehmen wir das liturgische Ritual der leise gesprochenen Tefilla. Dem oberflächlichen Beobachter mag es als eine grundwse Verlängerung des Gottesdienstes erscheinen, daß die Gemeinde :uerfl leise die Schemone Essre betet, bevor sie ihr durch den Vorvtot laut vorgesagt wird und sie dann immer nur bei der Bene- •Mion einsällt und mit dem Amen beschließt. Dieses Ritual der aelprochenen Schemone Essre leistet folgendes: Es bewirkt,!U die aktive Teilnahme des einzelnen Andächtigen hernngcholt : \ ft? verhütet, daß der Gottesdienst Schauspiel wird, daß der ächliae passiv aufzunehmen hätte. Der katholische Gotteslis; ist Schauspiel. Der Priester allein kann die Messe lesen, .L der Andächtige ist mx ausnehmend. Gang besonders der ' ..juiii-iinus zeigt diese Tendenz klar: Dos Individuum wird einu!U; es ist eine gefährliche, höchst riskante Sache, wenn jedes tividuum geweckt wird und selbständig Gott sucht. Das Iudenrcht auf dieses Risiko ein: Wer wissen will, wie Gewißheit - a Eottes-nähe die Seele durchzittert, der muh letzten Endes in - - ichen. Man kann ihm helfen, aber das LeKe kann man nicht ihn tun. Dieses ganze Stück Judentum von der mittlerlosen T.äkTgkeit der Seele vor Gott steckt in dem Ritual der leise schonen Tefilla. wird bei jedesmaliger Ausübung lebendig. Dringt zu anschaulicher Wirklichkeit, daß bei jüdischer Fröm- :■ der Begriff des Oie jüdische Wanderfürsorge in Oeuischland. Die Neuorganisation der Wandersürsorge, die die Hauptstelle für jüdische Wandersürsorge und Arbeitsnachweise in den letzten Monaten mit aller Energie weiter betrieb, hat erfreuliche Fortschritte gemacht. Am 14. Juni d. 3. fand in Breslau eine Tagung des Niederschlesischen Geineindebundes Breslau-Liegnitz 'latt, auf der zirka 40 nieberschlesische Gemeinden vertreten waren. Auf der Tagesordnung stand neben einigen organisatorischen Fragen in der Hauptsache die Gründung einer Drovinzialkasse für Wandersürsorge. Es wurde ein Antrag Dr. Iacobsohn angenommen, dar folgendes forderte: 1. Der Ausschuß des Verbandes wird beauftragt, die Gründung einer Provinzialkasse für Wand-erarmensürsorge unter finanziellem Anschluß aller Provinzgemeinden zu betreiben. 2. Es wird empfohlen, daß alle Verbandsgemeinden die in Breslau bestehende Arbeitersnrsorgestelle, die zur Provinzialkasse ausgebaut werden soll, durch angemessene Beiträge finanzieren müssen (Antrag Hoffmann). 3. Die Schaffung eines gut organisierten jüdischen Arbsttsnachweises ist anzustreben. Fernerhin ist es der Hauptstelle gelungen, den Anschluß der chüringischen Gemeinden an die neu gegründete Provinzialkasse für die Provinz Sachsen mtt dem Sitz in Magdeburg herböizufühven. Auf der Sitzung der chüringischen Gemeinden am Sonntag, den 28. Juni waren die wichitigisten Vertreter der chüringischen Gemeinden zusamenberufen worden. Die angeschlossenen Gemeinden verpflichteten sich mit 6 Mark pro Zenstt an. der Finanzierung der Provimialkasse zu beteiligen. Die Vertreter von Gotha, Med -Rat CTV. Roack vb «von Erfurt, Herr Meyerh^f. sprachen sich dafür aus, daß für die Uebergangszeit noch eine Äbfertigungssiellr in Erfurt bestehen müsse, da Frankfurt a. M. nicht so arbeite, wie es eigentlich zu wünschen wäre. Es käme immer noch eine Anzahl Durchwand erer nach Erfurt, die von Frankfurt nur auf ganz kurze Strecken befördert worden wären. Es wurde deshalb beschlossen, neben der Provinziatkasse Magdeburg eine Abfertigungsstelle in Erfurt zu errichten dergestalt, daß die angeschlossenen Gemeinden ihre gesamten Beiträge nach Magdeburg leisten und Erfurt nach Bedarf von Magdeburg Geld zurückgezahlt erhält. « Am 5. Juli fand zu Nürnberg eine Delegiertonversammtung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden statt. Ein einziger Punkt stand auf der Tagesordnung: die Regelung der Wanderarmenfürsorge. Alle größeren Gemeinden des Verbandes waren durch ihre führenden Persönlichkeiten vertreten. Es wurde nach eingehender Diskussion beschlossen, in München, Nürnberg und Würzburg Provinzialstellen für Wandersürsorge zu errichten. Es wurde folgender Antrag Dr. Strauß, München, einstimmig angenommen: „Die zu einer Beratung der Angelegenheiten der Wanderarmenfürsorge auf Einladung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden am 6. Juli 1925 in Nürnberg zusammengetretene Versammlung von Vertretern bayerischer Gemeinden, Rabbinern, Lehrern und UnterstützungSvereinen beschließt den Anschluß der bayerischen Gemeinden umd Fürsorgestellen an die von der ,Haupt stelle für jüdische Wandersürsorge und Arbetts- Nachweise" in Berlin geschaffene Organisation und erklärt ihre Zustimmung zu den von der ,Hanptslelle" vorgelegton Grundsätzen für die Arbeit dieser Organisation. Das Ziel dieser Zentralisierung muß neben der im Interesse der Allgemeinheit erstrebenswerten Einschränkung des Wanderbettels in erster Linie die Fürsorge für die Wanderarmen sein, denen unter Vermeidung von Bürokratie und Schablonisierung band) Arbeitsnachweise, Arbeitsstätten und zweckmäßige Gewährung von Unterstützungen die Existenzgründung erleichtert werden soll. Die Provinzialst eilen sollen Stellen für Wandcrarinenfürsorge und Arbeitsnachweise sein." Die Aufbringung der erforderlichen Mittel soll geschehen in erster Linie durch die auf freiwilligen Leistungen aufgebaute Vereimstätigkeit, ferner durch Umlegung der Kosten auf die Gemeinden den Landes durd) Vermittlung des Verbandes auf Grundlage der Leistungsfähigkeit der Gemeinden im Verhältnis ihrer Steueremgänge. Die Hauptstelle für jüdische Wandersürsorge, die auf allen drei Tagungen durch Herrn Dr. Kreutzberger vertreten war, hat damit den bisher organisierten Bezirken Deutschlands weitere wichtige Teile hinzugefügt. Als nächste dringende Aufgabe ist die Organisierung Hessen-Nassaus mit Frankfurt a. M., Württembergs mit Stuttgart, Badens mit Karlsruhe und der Pfalz mit Mannheim in Aussicht genommen. Oie Kalenderreform vor dem Völkerbund. Die Völkerbundkommission für Internationalen Verkehr U'Nd Transit begann am 24. Juli ihre achte Session. In der ersten Sitzung wurde über die geplant« Kalenderreform beraten. Es lag ein Bericht der Kalender res orm-K ommission vor, in welchem auf Grund der im Februar dieses Jahres gepflogenen Verhandlungen mit den Vertretern der verschiedenen Bekenntnisse festgestellt wurde, daß sid) die jüdischen Vertreter ausnahmslos gegen die Institution der „Weißen Tage" aussprachen, weil durch die Schaffung einer Sechstagewoche der Sabbattag der Juden labil werden und jedesmal auf einen anderen Tag fallen würde. Dadurch würde den religiösen Juden die Sabbatbeobachtung beschwert. Im Namen der protestantischen Kirche sprach sich Dr. Keller für die Sechstagewoche aus. dienst die Weche geben könnte, der Begriff des von der Weihe abgeschlossenen Laien, der sonst die Weihe gar nicht erlangeu könnte, wogzufallen hat. Die Borschrift der leise zu betenden Tefilla unterbricht den Gottesdienst, der doch naturnotwendig Gemeindegottesdienst ist, Gottesdienst, in dem eine Gemeinde durd) eine festgefügte, herkömmliche Gebetordnung geführt wird, der also leicht die Gefahr in sich bergen wird, daß die einzelne Person, weil sie faktisch nicht in Anspruch genommen wird, auch seelisch nicht so wach ist, wie sie es sein sollte. Die leise Tefilla verhütet das, sie bringt in Deutlichkeit zum Bewußtsein, daß die Andacht, die Weihe nicht etwas ist, das der Beter vorfindet, sondern daß das Gebet jedes einzelnen es ist, dessen Tiefe und Reinheit dem Gottesdienst diese hohe Weihe geben kann, die der Beter zu empfangen sich sehnt. Wir müssen eben wissen, was in jedem Ritual steckt, bevor wir, zu ihm Stellung nehmen. Ist es wirklich ein Vermittler vonj Judentum, dann kann es sich jederzeit einordnen, denn Iudentumi ist nicht zeitlich bedingt. Ist es aber nicht Judentum, sondern ab-! gelebte, jüdische Vergangenheit, so wird es allerdings bei der! Unfähigkeit, Totes und Fremdes nachzuleben, bleiben müssen.! Aber scheu wir uns doch weiter um in der Schatzkammer der heiligen Geräte. Sabbatlichter, das Ritual des Hawdolv, Mesuso, der Kiddusch vor dem Festmahl. Soderschüssel und der Becher für den Propheten Elia . . . Formen? Ja, aber Formen des Geistes. Dod) bei diesen Geräten, deren Gold trotz des Staubes der Zeit noch hell und blinkend ist, liegt noch sehr vieles andere, und das Wort von der Gerümpelkammer ist schon krage gefalle». Denn das Ritual ist nur die Form, die ftcmvme Gesinnung sich schafft. Also der Gesinnung gegenüber das Llbgeleibebe, wenn es aucy das Wefen der frommen Gesinnung ist, sich in Formen dar-i zustellen, aus sich herauszutreten und sich in Ritualen aaszuleben. Doch Judentum als ein in sich Identisches, zeitlich Unbedingtes, kann nur in der Sphäre der Gesinnung gefunden werbe», b« religiösen Formen dagegen tragen das Gesicht der Zeit, in -er sie entstanden sind und sind untereinander verschieben. Es ist durchaus sinnvoll, zu fordern, unser Werden und Tun von einer Gesinnung zu lenken, die auch die der Propheten gewesen ist, es ist dies durchaus sinnvoll, wie längst vergangen auch die Zeit ist, in der diese Gesinnung der Welt zum ersten Male gepredigt würbe. Sinnlos aber ist es, zu fordern, Formen anzunehmen, in der sich irgend einer Vergangenheit diese Gesinnung darstellte. Uever Generationen hinweg bedeutet die Gesinnung das Gemeinsame, aber d ie Form dieser Gesinnung trennt Generation von Generation. In der Stellung zum Ritual überhaupt ist nun ein prinzipieller Unterschied zwischen mittelalterlichem, und modernem religiösen Erleben. Der neuzeitliche Individualismus muß der im Ritual sich bewegenden Religiosität des Mittelalters, in der das Individuum mit seinem eigenen Erleben ausgeschaltet war, fremd gegenüberstehen. Das Individuum, das seinen Gott sucht, kann das Ritual nicht mehr mit dem Absolutheitscharakter umgeben, wie es dem rabbinischen Judentum in seinen mittelalterlichen Denkvoraussetzungen möglich sein konnte. Auch dann, wenn das Ritual als Ausdruck individueller Frömmigkeit noch erlebt wird, muß es als störend empfunden werden, wo die Frömmigkeit von der Sehnsud)t getragen ist, mit Gott allein .zu sein. Auch dann, wenn Verständnis dafür da ist, daß das Ritual natürliches Ausdru dis mittel der Frömmigkeit ist, bleibt der Protest gegen die Aleinung, im öurchgeführten Ritual einen Ablaß von letzten Verpflichlungen religiöser Tiefe zu besitzen. Die geistige Tat dieses Protestes ist das historisch bleibende^ Verdienst des jüdischen religiösen Liberalismus. Wenn es für eine so große Anzahl von Juden der gegenwärtigen Generation ohne den geringsten Gewissenskampf möglich ist, sid) außerhalb z. B. des Speiserituals zu stellen, und dabei nicht im geringsten das Gefühl zu haben, dadurch schlechtere Juden zu sein, so ist dies ein Zeichen, wie sehr die geistige Umstellung, für die ein Abraham Geiger gekämpft hat, jüdisches Allgemeingut geworden ist. Die religiöse Erneuerung, die auf das Wesentliche Hinweisen will, muß den negativen Weg der Kritik und der Zersetzung des Abgeleiteten gehen. Und die Gesinnung ist das allein Wesentliche, das Ritual immer das Abgeleitete, das Leben und Tiefe nur von der Gesinnung erhalten kann. Für das Epigonentum des rabbinischen Judentums im ausgehenden Mittelalter war das Abgeleitete zur Hauptsache geworden: Das Ritual dominierte über die Gesinnung., Es mußte also die wiedererwachende Religiosität des neuen Zeitalters rücksichtslos gegen die Kultur des Rituals kämpfen trotz der religiösen Gehalte, die die Pflege des Rituals immerhin r«-i präsentierte: im Interesse der Tiefe und Unmittelbarkeit der Frömmigkeit mußte gegen solche Lebensform angekämpft werden, die zwar immer noch Frömmigkeit war, aber sich nur in ihren Sd)nörkeln, in nid)t mchr verstandenen Erinnorungen und Ueberbleibseln bewegte. Wir stehen gegenwärtig in einer Zett, es ist die noch immer nicht gefestigte Nachkriegszeit, in der eine Reaktion gegen die Errungenschaften des Liberalismus Boden zu gewinnen scheint., Dieser Vorstoß gegen den Liberalismus geschicht nur scheinbarj von der Gedankenwelt der Orthodoxie her, in Wirklichkeit vielmchr von einer sich mit der Orthodoxie identifizierenden Gruppe von modernen Romantikern, die sich gar nicht bewußt ist, wie sehr sie trotz ihrer Kritik des Liberalismus noch immer auf dem geistigen Boden des Liberalismus, aus dem Boden des religiösen Individualismus stcht. Dem Liberalismus wird einseitiger RattonaliSmus, Bilderstürmerei, voroeworsen, er habe die jüdische Religion nur nach ihrer rationalen und ethischen Seite begriffen)! für die letzten eigentlich religiösen Tiefen, für die raiional nicht' mehr MflöSbaven Elemente des Ivbentvms habe chm das Der^