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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-07-24 · 30 (24.7.1925) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
30 (24.7.1925)
Date
1925-07-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Generation ins Herz zu graben. Wenn -er LiberalÄMv? sich von Kerner Seite fiberfreffen lassen will an Mut und Opfer- Willigkeit, an Ernst und Einsicht in der Verfolgung seiner Ziele, dann darf er nicht minder von den weitesten Kreisen seiner Anhänger erwarten, daß sie denselben Eifer für die Pflege -es religiösen Lebens und für die sorgfältige religiöse Erziehung der Jagend entfalten. Wie auch di« Lösung dieser Aufgabe in Angriff genommen wird, ohne Zeit und Kraft und Mühe können in dieser Weit Erfolge nicht erzielt werden und ohne die Teilnahme des Elternhauses kommen wir nur zur Verewigung gegenwärtiger Zustände, die vielfach als deprimierend sich erweisen. Wer die tiefen erzieherischen Einflüsse und Mächte der Religion verkennt, der leistet sich und seinem Hause nicht nur einen schlechten Dienst, er begreift auch nicht die Erhabenheit, die aus der Religion zum Menschenherzen spricht, den Reiz und den Reichtum, den das Leben gerade in seinen Pflichtenkreis hin-eingestellt hat. Die Jugend aber hat ein lebendiges Empfinden für das, was ihr das Elternhaus an Glück, an Phantasie, an Poesie und wirklichem Reichtum in einer geradezu unbegreiflichen Verengung des GefühiÄebens voremthalten hat Aus der Verengung des Geistes und des religiösen Lebens streben wir hinaus. An Versuchen fehlt es nicht, uns in diese Welt der Verengung, die wir bewußt verlassen haben, zurückzudrängen. Die Stimmen, die uns in unserm Denken fernliegäide Kreise des religiösen Lebens locken wollen, werden nur Arteilslose und Gedanken träge umstimmen können. Daß sie vorhanden sind, daß sie rührig und betriebsam an der Arbeit sind, das sollte uns nachdenklich stimmen und aufhorchen lasten. Kleine Gruppen müssen nicht bloß Proselyten der Aeberzeugung werben, sie glauben auch berechtigt zu sein, mit einer gewissen Wayllosigkeit der Mittel, mit rücksichtsloser Intranstgenz auf ihr Ziel zustreben zu sollen. Dagegen haben wir wachsam zu sein, behutsam in der Würdigung ihrer Forderungen, die oft genug die schlecht verhüllte Herrschsucht, die Aebersremdung der Majorität offenbaren. Wir wollen — wie jüngst gesagt worden ist — nicht, daß die Partei die Persönlichkeit, sondern daß die Persönlichkeit die Richtung bestimmt. Im Kampf um die Weltanschauung kann es keine Ruh-epunkte geben. Der friedliche Einklang der Parteien in gemoinfamer Arbeit kann uns nicht darüber hinwegtäuschen, daß von rühriger Seite gegen uns ein unerbittlicher Kampf geführt wird. Sich seiner Gegner erwehren, ist immer ehrenvoll gewesen. Wir wollen nur mit den Mitteln des Geistes uns wappnen, andere verschmähen wir. Davon aber wollen wir unsere Reihen fo ertüchtigen, daß sich zu dem Stammesstolz die Reife der religiösen Aeberzeugung und die Rührigkeit des religiösen Lebens gesellen, dann wollen wir, daß an die Stelle der sträflichen und verächtlichen Indolenz der Gedanke tritt, daß der religiöse Liberalismus verpflichtet, uns verpflichtet zur teilnehmenden Tat. Wir begnügen uns mit dem Wunsch und dem Willen, daß unsere Arbeit dem deutschen Judentum zugute kommt. Daß das immer zum Segen der jüdischen Gefamtgemein- 1 ch a s t gewesen ist, das wisten wir, aber wir verschmähen es, mit großen Worten dessen uns zu rühmen, Vickeaut coosules... Aufgaben der Liberalen. Von Herbert Perlmann. Im K-nIgsberger jüdischen Gcnielndeblait war ein Horirag übe die Aufgaben der konfenxilloen Eynagogengemelnschest abgedruck woi-'-en. Im Anschluß hieran seht Herr Herber perlmann, ein eifriger Förderer unserer Bestrebungen die Aufgaben der Liberalen auseinander. Wir glauben, daß die in diesem Aufsak enthaltenen Anregungen auch außerhalb der Königsberger Gemeinde großem Inieiefe begegnen werden und drucken sie hier mit Zustimmung des Verfassers und freundlicher Genehmigung der Echrifileliung deS Königsberger jüdischen Gemeindeblattes ab. Die Redaktion. Wenn ich hier als Liberaler das Wort nehme, so möchte ich von vornherein bemerken, daß unser Liberalismus nicht darin besteht, daß wir alles, was uns unbequem ist, Mchaffen und reli» grafe Betätigung bekämpfen oder erschweren wollen. Ans komikt es gerade darauf an, das religiöse Leben in unserer Glaubensgemeinschaft m fördern und alle Kreise zur Betätigung im Gemeindeloben heranzuziehen. Wir wisten sehr wohl, daß die Gestaltung des modernen Wirtschaftslebens den meisten unserer Glaubensgenossen es auch unter Opfern kaum mehr möglich macht, Sabbale unö Feste in -er Form zu begehen, wie es vor 100 oder 50 Jahren noch möglich war. Das hat zur Folge, daß der Gottesdienst an den 0abbat*n und teilwäse auch an den Feiertagen, besonders morgens, sehr schlecht besucht ist, daß die Gottsdienste am Fre-iLägabend und an den Abenden der Festtage auch nur selten eine größere Besucherzahl aufweisen. Wir wollen nun etwa nicht, wie von unseren Gegnern behauptet wird, aus diesem Grunde den Sabbat und die Feiertage abschaffen oder «mf den Sonntag oder auf christliche Feiertage verlegen, zumal wir von der Aeberzeugung ausgehen, daß ein schroffer Bruch mit der Traditton unser religiöses Empfinden ertötet, während eine allmähliche Fortenwicklung der Tradition dazu angetan ist, das religiöse Leben zu stärken, sondern wir halten es für wünschenswert, daß z. D. die Abendgottesdienste nicht zu Zeiten stattfinden, ln welchen die -im Berufsleben stehenden Gemeandemitglieder gar nicht die Möglichkeit haben, sich an denselben zu beteiligen. Wenn z. B. im Winter der Sabbatgottesdienst Freitag nachmittag um VA Ahr beginnt, so ist es für jeden Geschäftsmann, Arzt und Rechtsanwalt unmöglich, ihn zu besuchen. Evenso ist es mit Rücksicht darauf, daß die meisten Gemeindemitglieder heute nicht mehr im Innern der Stadt wohnen, absolut unmöglich, daß dieselben im Sommer, z. B. am Wocheirfeste, abends um 8 Ähr oder um 9 Ahr in die Synagoge kommen. Für die Besucher eines am späten Abend statffindendrn Gottesdienstes ist es ja dann außerdem ganz unmöglich, im Hause im Kreise der Familie und besonders der jüngeren Kinder den Festtag oder Sabbat in feierlicher Weife zu begehen. Gerade hierauf legen wir ganz besonderen Wert, und wie unsere Vorfahren den Morgengottesdienst am Montag und Donnerstag ganz besonders reichhaltig ausgestalteten, um den auf dem Lande wohnenden Juden, die an diesen Tagen zum Markt nach der Stadt kamen, ein besondere Erhebung in der Synagoge zuteil werden zu lassen — eine Einrichtung, die sich trotz veränderter Zeitverhältnlsse bis aus den heutigen Tag erhalten hat —, so wollen auch wir jedem einzigen die Möglichkeit verschaffen, dann im Gotteshause Erbauung zu finden, wenn er nicht durch wirtschaftliche Röte und Sorgen an dem Besuche des Gottesdienstes verhindert wird. Wenn wir nun auch mit Rücksicht auf die verhältnismäßig geringe Anzahl unserer Gemeinbemitglieder es uns versagen müssen, in Königsberg II Freitagabendgottesdienfte im Winter einzuführen, wie sie in Berlin bestehen, so halten wir es doch für dringend geboten, daß für das gange Jahr zwei Durchschnittstermine für den Beginn des Gottesdienstes am Freitagabend eingesetzt würden, etwa im Winter um 6 Ahr abends, im Sommer um 6V Uhr abends. Hierbei ist noch besonders zu bedenken, daß unsere Gemeindemitglieder sich daran gewöhnen, am Freitag nachmittag zu einer bestimmten Zeit das Gotteshaus aufzusuchen. Auch müßte di« Bestimmung eingeführt werden, daß in der Reuen Synagoge kein Äbendgottesdienst am Eingang der Sabbate und Feste später als um 7V Ahr abends sein Ende findet. Daß wir dann tatsächlich um einige Stunden zu früh oder zu spät nach dem Kalender den Sabbat oder das Fest in der; Synagoge begehen, würde ja damit nicht vereinzelt in der Welt dastehend denn bekanntlich haben die Länder des Nordens und, soviel ich weiß, auch die Länder der südlichen Halbkugel der Erde ähnliche Einrichtungen getroffen. Würde dadurch der Besuch des Gotteshauses gehoben, so würde der heutige -entwürdigende Zustand beseitigt, und unsere verdienten Rabbiner und Kantoren hätten nicht die undankbare Aufgabe, vor leeren Bänken ihres heiligen Amts zu walten. Hinsichtlich unseres Gottesdienstes sind wir der Aeberzeugung, daß heutzutage gerade dessen wichtigste Teile bei den Besuchern nicht diejenige Beachtung erfahren und diejenige Wirkung auslösen, welche ihnen zukommt. Das ist vor allem die Vorlesung aus der Thora. Wenn man an sich schon darüber streiten kann, ob heutzutage die Vorlesung des ganzen Wochenabschnittes an jedem Sabbat angemessen ist, oder ob es nicht vielmehr richtiger ist, nur ein Drittel des jeweiligen Abschnittes zu verlesen, wie es ja in vielen Gemeinden geschieht, so müssen wir unbedingt die Forderung erheben, daß mindestens ein Teil des im Artext Vorgelesenen nachher vom Rabbiner in deutscher Sprache vorgetragen wird. Außerdem müssen wir fordern, daß Tafeln in der Synagoge angebracht werden, auf welchen ersichtlich ist, welcher Wochenabschnitt vorgelefen wird, und wo dieser in der Bibel zu finden ist. Das ist übrigens absolut keine Neuerung, sondern besteht in verschiedenen Gemeinden. Wir beseitigen durch diese Einrichtungen den würdelosen Zustand, daß ein Teil der Anwesenden gelangweilt während der Vorlesung aus der heiligen Schrift dastkt, weil er nicht in der Lage ist, den Text zu verfolgen. Ebenso müssen wir fordern, daß z. B. am Purim im Abendgoltesdienst der wesentliche Inhalt des Buches Esther vom Rabbiner in deutscher Aebersehung vorgetragen wird. Äehnlich verhält cs sich mit dem Prophetenabschnitt des ersten Tages des Wochenfestes. Wenn hier unsere Weisen die Bestimmung getroffen haben, daß keine Auslegung der Viston des Propheten Ezechiel erfolgen soll, und wenn daraus die Einrichtung stammt, daß dieser Provhetenabschnitt nicht in deutscher Sprache vorgetragen wird, so stehen wir auf dem Standpunkt, daß dies Verbot heute entweder aufgehoben werden muß, oder daß ein anderer Prophetenabschnitt am ersten Tage,des Wochenfestes in deutscher Sprache vorgelesen wird. Geschlecht dies nicht, so wird gerade das Gegenteil davon erreicht, was der Gottesdienst bewirken soll, nämlich eine religiöse Erbauung. Äehnlich verhält es sich mit der Vorlesung des Provhetenabschnittes am Nachmittage des Versöhnungsfestes. Wir legen großes Gewicht darauf, daß das Buch Jona vom Rabbiner in deutscher Sprache vorgelesen wird; denn es ist so sinnreich geschrieben und dabei so leicht verständlich, daß wir wünschen müßten, daß ein jeder, auch der jüngste und .ungebildetste Besucher> des Gottesdienstes, sich bei dem Vortrag des Buches erbaue. Ein erhebliches Gewicht ist am Neujahrstage auf das Schofarblasen gelegt, welches den ganzen Ernst und die Weihe der Stunde uns' ins Gemüt rufen soll. Gewöhnlich wird aber das Gegenteil dieser^ Wirkung erzielt, weil es fast selten gelingt, alle 27 Töne gut herauszubringen. Wir' würden es daher begrüßen, wenn das Schofarblasen wieder auf die drei Haupttöne beschränkt würde, wie es ja auch in alten Zeiten der Fall gewesen ist. Wenn ich davon gesprochen habe, daß manche Einrichtung in, unserem Gottesdienste ihre Wirkung verfehlt, weil sie zu lange ausgedehnt ist, so möchte ich im Anschluß hieran besonders noch darauf Hinweisen, daß das Kaddischgebet, welches die Allmacht Gottes verherrlicht und unseren Leidtragenden Trost und Erhevung bringen soll, unserem Empfinden nach viel zu oft am Tage gesprochen wird. Das besonders Bedauerliche ist aber, daß die Leidtragenden gewöhnlich gar nicht in der Lage sind, das Gebet in der erforderlichen Sammlung und Ruhe zu verrichten, weil am Schlüsse des Gottesdienstes gewöhnlich schon eine gewisse Aufdruchsftimmung herrscht, welche die Leidtragenden in ihrer Andacht stört. Am hier Abhilfe zu schaffen, würden wir Vorschlägen, daß ebenso wie in Berlin und in anderen Gemeinden das Kaddisch der Leidtragenden durch ein kurzes deutsches Gehet des Rabbiners eingeleitet wird, und daß der Rabbiner so lange auf der Kanzel stehen bleibt, bis das Kaddischgebet beendet ist. Ferner wehren wlr uns dagegen, daß die wenigen deutschen Lieder, welche in unserem Gottesdienste vorhanden sind oder bist vor wenigen Jahren vorhanden waren, abgeschafft werden. Wir! wissen, daß weite.ste Kreise der Gemeinde durch sie erhoben wer-, den, und daß durch den Vortrag derartiger Gesäuge wie Schofarlieh oder deutsche Keduschr oder Kompositionen von Psalmen von Lewandowski, Sulzer usw. diejenige Stimmung bei vielen Besuchern des Gotteshauses erzeugt wird, welche der Weihe der' Stunde entspricht. Wenn einzelne derartiger Gesänge sich vielleicht überlebt haben, so ersetze man sie durch andere deutsche, Gesänge, aber man schaffe sie nicht einfach ab oder ersetze sie durch hebräische Gesänge! Weil wir eben alle Kreise der Gemeinde zum Besuche teä. Gottesdienstes und zur Mitarbeit in der Gemeinde heranziehen wollen, legen wir ganz besonders Gewicht darauf, daß die äußere Form des Gottesdienstes durchaus würdig ist, daß die allergrößte Ordnung und Ruhe gewahrt werden, und -atz auch die Mitwirkung des Chors und der Orgel einen Genuß für die Besuche^ bedeutet. Die Liberalen betrachten es als ihre wichtigste Aufgabe, den Indifferentismus, welchem weite Kreise des deutschen Judentums verfallen sind, zu bekämpfen und zu beseitigen und jedes Mitglied der Gemeinde, das dazu überhaupt in der Lage ist, zur Betätigung heranzuziehen. Wie eine sehr große Anzahl von Wohltätigkeitsveranstaltungen -er Gemeinde unter Führung und tätiger Förderung der liberalen Kreise ins Leben gerufen ist und segens- Zum Tode <£. M. Lilien's. Zwei Große der zeitgenössischen Kunst starben in letzter Woche: die Maler Loois Eorlnth und E. M. Lilien. Die Werte, die diese beiden überragenden und liebenswerten Menschen schufen, sind ganz und gar inkommensurabel. Nichts wäre törichter, als das Schassen der beiden vergleichen zu wollen. Sie lassen sich ebensowenig in eine Beziehung zueinander bringen, wie etwa die Schriften zweier Schriftsteller ganz verschiedener Richtung und Weltanschauung. Aber mit einer gewissen Wehmut mutz man jetzt beobachten, wie die gesamte deutsche Presse über den unzähligen begeisterten und ausführlichen Würdigung des großen C o - r in t b den stilleren und zurückgezogenen Lilien fast ganz vergißt! — And demgegenüber ist nun bei Li lie ns Tod erschüttert festzustellen, daß hier ein Heldenleben zu Ende gegangen ist, so groß und ans Herz greifend, wie es deren nur wenige gegeben hat! — Man kann Nichsche's Wort variierend sagen: „Was er schasste, ist zwar nicht abgetan, aber was er! eb t e, w i r d v o r allem bleiben st a h n!" — Liliens Leben und Weg zur Kunst waren nichts Geringeres, als die Realisierung deS herrlichsten, menschlichen Ethos, des unablässigsten Ringens und des ehrfurchtgebietendsten Strebens! Nicht weniger gewaltig, als Beethovens Titanenkampf mit dem Schicksal! — Der völlig mittellose und schwächliche jüdische Handwerkerssohn aus dem fernen, gaiizijchen Dörfchen befaß nichis, aber auch gar nichts, was ihnr seine brennende Sehnsucht nach -er Kunst erfüllen half, keinen Pfennig in der Tasche, keinen Protektor, nicht einmal eine richtige Schulung. Er hatte nur den leidenschaftlichen und glühenden Willen zur Kunst, der Inhalt und innerster Nerv seines ganzen Lebens war. Dieser brennende Trieb zum künstlerischen Schaffen trieb ihn aus der engen, väterlichen Tischlerwerkstatt in die Welt hinaus. Er ging nach Wien, um dort die Akademie zu besuchen. Seine Barschaft reichte aber nicht einmal aus, um die Anmeldegebühren der Schule zu bezahlen. Er nächtigte unter Brückenbogen, hungerte sich durch, lebte von Obstabfällen und im Walde gesuchten Beeren, c r, der zarte, kränkliche, empfindliche Mensch, — bis er zusammenbrach und wieder zurück mußte nach Galizien in die Werkstatt seines Vaters. Immer wieder versuchte er, der engen Heimat zu entfliehen, und immer wieder mußte er zurück in die Hölle der Alllagssklaverei. Endlich faßte er in Berlin festen Fuß und arbeitete, ganz als Autodidakt — immer hungernd und darbend — mit einem solch' heiligem Eifer und hingebungsvollem Fleiß, wie sie nur ein ganz großer Mensch und Künstler ausbringen kann. Was wußten die, welche seine Bilder, Zeichnungen, Stiche und Radierungen sahen, wieviel Tränen, wieviel Aufopferung an Kraft und Gesundheit, wieviel zäheste Energie und Herzblut an all diesen Werken hing! — And dann kam allmählich der Ruhm, aber — o typisches Künstler's ErdenwaUen! — damit nicht zugleich auch der finanzielle Erfolg. Es erschienen seine Zeichnungen in der fugend", seine Illustrationen zum „Buch Juda", seine Zeichnungen zu Morris Rosenfelds „Ghetto-Liedern", zu Gabriele d'Annunzios „Gesängen", diese großflächigen, ornamentalen Bilder mit den kräftigen Linien, der außerordenilichen Raumausnuhung und der absichtlichen Vernachlässigung des kleinlichen Details. Sie erinnerten ein klein wenig an die englischen Meister, machten großes Auffehen und waren in der Geschichte der Buchkunst jedenfalls ein bedeutendes Ereignis! Viel verdient hat Lilien jedoch — wie erwähnt — damit nicht. And wenn er schon von Verlegern und Käufern kleine Beträge erhielt, dieser uneigennützige, bescheidene Mensch hatte immer nur für andere Geld übrig! — Für sich war er zeitlebens von einer rührenden Bedürfnislosigkeit und gab lieber für wohltätige Zwecke und humanitäre Fürsorge seine paar Taler dahin, als daß er sich selbst einen kleinen, berechtigten Wunsch erfüllte! — Seine Hinneigung zur Vergangenheit und Gegenwart der Juden, seine leidenschaftliche Anhänglichkeit an die Geschichte und Kulturüberlieferungen der jüdischen Bevölkerung ließen ihn immer wieder Aufenthalt in Palästina nehmen. Die Eindrücke, die er dort gewann, hat Lilien in einer Reihe von ergreifenden Bildern niedergelegt. Im vorigen Jahre wurde anläßlich seines 50. Geburtstages in Berlin eine größere Ausstellung seines Gesamtschaffens gezeigt, das die Wesensart dieses so innig fühlenden Künstlers einmal summarisch darlegte. Da konnten wir seine eindrucksvollen Bilder „An den Wassern Babels", seine vielen, vielen Ansichten von Jerusalem, wie „Tempelplatz", „Zypressenhain", Helberg", „Klagemauer" usw., seine zahlreichen galizischjüdischen Charaklerköpse, seinen „Saulus", „Thoraschreiber", „Ahasver". „Talmudlerner" usw. usw. bewundern. Unser Referent, Dr. Botho Laserscein, besuchte damals die Ausstellung und schrieb hier über sie (Nr. 16, Jahrgang 1924). Er wies auf die vielen wundervollen deutschen Städtebilder Liliens hin und warf die interessante Frage auf: „Ist dieser Mann ein jüdischer Künstler (im spezifischen Sinne des Wortes), und gibt es überhaupt eine jüdische Run st?" Laserstein verneinte die Frage und wohl mit Recht. — Denn jede große Kunst ist eben international, oder richtiger gesagt, übernational, und Lilien war schließlich ebensogut auch ein echter deutscher Künstler, wie der große Joseph Israels, der ebenfalls jüdische Motive bevorzugte, dabei der weltberühmte holländische Maler blieb. Der urdeutsche Brahms schrieb unvergleichlich charakteristische ungarische Tänze und Beethoven herrliche schottische Ecossaisen. Trotzdem soll und braucht man den Bestrebungen der sogenannten „Assi milation sfanatiker" nicht blindlings zu folgen. Die Vorliebe all dieser jüdischen Künstler für jüdische Sujets bedeutet eine Bereicherung der Kunst ihres Heimatlandes, eine Bereicherung um neue Nuancen, um neue, bisher unbekannte Motive. And -ein Orchester ist bekanntlich um so reicher, farbiger und volltöniger, je mehr Stimmen und Instrumente in ihm zu Worte kommen! Deutschtum und Judentum sind — 's ist ja bald schon eine Binsenweisheit — keine Gegensätze, sondern geistige Emanationen, die sehr harmonisch beieinander wohnen und sich gegenseitig ergänzen und bedingen können. Lilien war ein guter Deutscher und ein guter Jude. Wer mit solcher Liebe z. A. Braunschweigische Städtebilder malte, dem kann nur böswillige Verständnislosigkeit ein „Deutschtum zweiten Ranges" nachsagen. In seinen letzten Jahrzehnten wandte sich Lilien — diese Liebe hatte er nebenbei bemerkt z. B. mit dem Avdeutfchen, Dr. M artin u s Luther gemeinsam — mit glühender Begeisterung der Bibel zu, und begann, dieses „Buch der Bücher" zu illustrieren. Schade, schade, daß der frühe Tod des Fünfzigers jetzt diese Hauptleistung feines Lebens bloß zu einem riesigen, unvergänglichen Fragment gemacht hat! — Liliens „Bilder zur Bibel" (Verlag Wester mann in Braunschweig) allein würden genügen, um ihm einen dauernden Ehrenplatz in der Kunstgeschichte zu sichern und ihn unsterblich zu machen! Dr. Lud wig Davidsohn - Berlin. Papinis „Lebensgeschichie Christi^. Von G i se l 1 a Selüen-Goth (Firenze). Seit vier Jahren liest das sonst wenig lesewütige Italien ein dickes Buch; liest es mit Eifer, Heißhunger, Begeisterung. Lu: Buch, dessen verschiedene Ausgaben und Aebersetzungen jetzt am der Internationalen Buchausstellung in Florenz ein ganzes langes Regal füllen, von dem innerhalb vier Jahre im Lande hunderitausend, in Amerika doppelt soviel, in England hundertsechzigmal, in Frankreich siinfundsiebzigmal tausend Exemplare abgesetzt wurden, das seinen Autor, einen angesehenen und vielgedruckien. doch bekannt zynischen, streitsüchtigen und stark angefeindelci: Literaten zu einer Erscheinung gestempelt hat, deren seltsam müden, durchgeardeiteten Aethiopierprofil die Florentiner scheu und ehrfürchtig nachstaunen, wenn es zuweilen in den Straßen seiner Heimatstadt austaucht. Dieses Buch ist keine Dichtung, die dem chauDinistischen Nationalbewußtsein schmeichelt, kein ^Roman, V:: spannungsvolle Leidenschaften aufwühlt, kein lr*ifi c:v)chaf 11:ci>v t Werk, das Probleme zum Wohl der Ä^enschheU löst. Es ist ela „Lebensgeschichte Christi", eine Geschichte Christ! nach uruuh'igc.r anderen: ein Suchen und Finden Christi durch den Inirllektuelicn des zwanzigsten Jahrhunderts, den modernen Menschen, der einen ungeheuren Teil des Wissens dieser zwanzig Jahrhunderte in sick aufgesogen hat, der sich in der inneren und äußeren Wirrnis des Lebens verloren fühlte und sich wiederfand in der Sehnsucht naco Christum, im Verlangen nach Christum. Es ist die neue Verkündigung Ehristr durch Giovanni Papini Fiorentino, der sick stolz als Antertan und Soldat Christi bekennt, den das Volk Firenzes in einer historischen Notstunde des Jahres 1527 als seinen König ausgerufen hat. Don diesem Buch'Z ist kürzlich in der Aebersehung von Äcax Schwarz die deutsch« Äusg>abe erschienen. Die Aebertwgung vermittelt den sprachlichen Reiz des Originals nur zu geringem Teil: doch welches Idiom erreichte auch die adelige Grandezza, die sonore Tonfülle, den hallenden Schwung des Italie-nischeu, das auch noch heute durch jedes Mani-sost der faszisrischen Partei ein sich am eigenen Klang berauschendes Pathos brausen läßt? Der Amoendung des getragenen Redestils, die dem Italiener so viel natürlicher fällt, als dem Germanen, ist Papini nicht aus dem Wege gegangen: von der Wucht und der Erhabenheit seines Gegenstandes überwältigt, öffnet er absichtsvoll alle rhetorischen Schleusen eines großen romanischen Stilisten, wünscht sich, u»l seinen Leser mitzureißen und zu überzeugen, „eine rassige, hinreißende Beredsamkeit, stark genug, jedes Herz ins Zittern zu bringen, eine üppige Phantasie, die Seelen wie mit einem Zauber in eine neue, Uchte, goldene Feuerwelt zu verrücken". And er wölbt seine Säke mit einer Älacht und Kunst in die Höhe, daß die Seele des Lesers unter chnen wandelt, wie unter den weitgojpannten Kuppeln der Dome Toskanas: halb unbewußt Stim- *) Papini: Lebensgeschichte Christi. Allgemeine Verlagsanstalt München.

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