Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 30 (24.7.1925)
- Date
- 1925-07-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2613366-2613788-2613818--1418-2618778- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
IMchÄemteZeMm Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Anzeigenpreise: vi'e 12gespalteneKonpareittezeile 0,45 Goldmark, die lieklamezeile 3,00 Soldmark, -ei »nn Wiederholungen Rabatt. n n n Anzeigenannahme: Hermann Baswih, Verlagsa-teilung, Berlin GW SS, Eharlottenfir. SS (Kernsprecher: Dönhoff 5360-SS), sowie sämtl. Annoncen'Srpedittonen.' 7kr. 30 Berlin, 24. Juli 4925 5. Jahrgang Bezugspreis durch die Geschäftsstelle sie jährlich M. 2,50, Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung im Inland 0,25. Kür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis s » n im Mitgliedsbeitrage enthalten. ns« Ehefredakteur: Dipl.'Ing. Bruno Woyda. Die üdifd> - liberale - Leitung" erfchetnt jeden frntag. Redaktion u. 6ercbäftsftelle : Berlin 6CU, Milkeim kr. 147. fernruf: Hmt Lützow JSr. 9160-61 poftXdiedtltonto: Berlin JV<H 2 JTr. -132060 (Vereinigung fOr das liberale Jucken turn) Nach4 udt lamtlicber Original - Beitrage nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gertattet! Oie Weisen von Zion. Maurice Zoly und die Weisen von Zion. Don B. Segel. B»r etwa Zahr-sfrisl veröffentlichte der Derfasser dieses Artikels im philv'Verlag ein Werk, das die „Protokolle der Weisen von Zion" kr!> »fth beleuchtete. DaS Werk, das in seltener Gründlichleit die an isemi» tischen Th sen über die Protokolle widerlegte, erregte in der weiteren Öffentlichkeit berechtigtes Auffehen. Nachstehend berichtet der Autor über die neuesten Entdeckungen, durch die d e Personalien des Verfassers der lüvellsihnst der Protokolle einwandfrei festgestellt worden sind. Die Redaktion. Als die Protokolle der Weisen von Zion Anfang 1920 in der Ausgabe des Herrn Gottfried zur Beek erschienen, veröffentlichte Dr. 3. Stanjek, in Deutschland wohl der beste Kenner der Geschichte und Literatur des Antisemitismus, im Maihest der Monatsschrift ,Zm deutschen Reich" eine vernichtende Kritik über das Opus und wies nach, daß es «ine Fälschung war. 1l. a. sprach Stanjek die Vermutung aus, daß die Konrpilatoren der Protokolle vieles aus einer französischen Schrift geschöpft haben, die vor dem Eturz des zweiten Kaiserreiches erschienen war. Diese Vermutung fand 16 Monate später eine glanzende Bestätigung. Am 16., 17. imd 18. August 1921 brachte nämlich die Londoner ,T/imes" drei Leitartikel ihres Konstanttiwpeler Korrespondenten, der von einem kleinen abgegriffenen frai -ifchen Büchlein berichtete, welches aus dem Besitz eines nach Konstantinopel geflüchteten früheren russischen Ochrana-Offiziers stammte und eine ganze Menge von Stellen enthielt, die sich in den Protokollen wieder fanden. Nähere Untersuchungen ergaben, daß es sich um eine ursprünglich anonym erschienene Satire ans Napoleon III., den Usurpator und Autokraten, handelte, die den Pariser Advokaten Maurice 2oly zum Derfasser hatte und überschrieben war: „Dialogue aux Eniers entre Machiav«l et Montesquieu, ou la politique de Machiavel au XIXv jp&cle." DiesM Dtzchl.^. poxuoiegeud den Reden rmd ' HWWdptt ''ÄLüWavdkS, war' üiin vie giinze schreckliche Staatschilosophie fast wörtlich entnommen, die die Weisen von Zion, in den Protokollen entwickelten. Es handelte sich hier offenbar um Lin grobes und plumpes Plagiat, welches die Kompilatoren der Protokolle an diesem wenig bekannten und nunmehrganz vergessenen kleinen Buch begangen hatten. Me Sache machte großes Aufsehen. Da trat der Londoner Aniisemätenführer Lord Alfred Douglas in seiner Zeitschrift "Llaln Engliisb'' vom 27. August 1921 mit der merkwürdigen Entdeckung hervor, daß Maurice 3oly als Moses 3 o g l beschnitten worden, also Jude gewesen sei. Das wollte Lord Alfred Douglas in den Memoiren eines sonst unbekannten Monsieur Ren « Marcuil gefunden haben. Wenn aber der Derfasser des bestohlenen Buches ein Jude war, so gewann die ganze Sache ein verändertes Gesicht. Males 3-oel war eben ein.jüdischer Revolutionär und Kommunist '(es wurde von antisemitischer Seite bald „festgestellt", daß er 1871 als Kommunard erschossen worden sei (ein Dorläuser der Trotzki, 3ofse und Cinowjew und der — Weisen von Zion!). Sein Buch war nicht eine Satire auf den unrechtmäßigen Monarchen, öeu Dhronräuber Napoleon III., sondern zielte darauf los, das monarchische Prinzip als solches zu untergraben und das Kommen des jüdischen Weltreiches vvrzubereiten, er hat Teile des Mischen Wetteroberungsplanes darin verwoben. Was Wunder, daß die Weisen von Zion jetzl diese 3deen aus seinem Buche wieder herausgeholt und.ihren Protokollen «iriverleibt haben? Diese Theorie wurde besonders in Deutschland in zahllosen Broschüren, Flugblättern und Artikeln weit und breit auseinandergeseht. Die Herausgeber der erst vor wenigen Monaten erschienenen neuen Wiener lieber sehung der Protokolle, die eine starke Verbreitung gefunden hat, halten an chm fest. Wenig fehlte, und Maurice 3oly wäre als Moses 3oül in Me Unsterblichkeit eingegangen. Nun hat der tapfere und unerschrockene 3acques Bi gart ln Paris, der langjährige Sekretär der Alliance Israelite Universelle im letzten Novemberhest der von ihm herausgegebenen Monatsschrift ,,Paix et Droit“ einen Artikel veröffentlicht, der der Legende ein Ende zu machen geeignet ist. 3acques Bigart fand nämlich in der Rechtsanwallsbibliothek im Palais de 3u>stice die Eelbstbiographie des Maurice 3oly, zusammengebunden mit Selbstdivgraphien anderer Advokaten (im Katalog verzeichnet unter der Nummer 122/10), die über die Herkunft des Verfassers die gewünschte Auskunft gibt. Nach seinen eigenen Angaben wurde Maurice 3oly geboren zu Lons te Saulnier >am 22. September 1829 und wurde getauft in der Pfarrkirche von Saint-Desirü derselben Stadt am 17. Dezember 1829. Der Taufakt, der von beiden mit Namen genannten Paten unterzeichnet ist, wurde in das Tarisregister des 3ahres 1829 unter der Nummer 59 eingetragen. Seine Mutter, Florentine Cvrbara, war italienischen Ursprunges und mit den besten Familien von Bastia verwandt. Sein Großvater. Laurent Courtois, entstammte einer in Saint-Laurent- Laroche ansässigen, mit den Lorenceins und Saint Legers verwandten Familie und bekleidete bis 1813 das hochangeiehene Amt cineö „Payeur general“ von Corsioa. Sein Dater Philipp5 Luurbert 3aly, geboren in Dieppe, versah 10 3ahre lang die Würde eines Eeneral-Rates des 3ura. Es ist, wie man sieht, an Maurice 3oly nicht nur keine Spur von einem Moses oder von «mein 3oÄ, sondern in seinem und seiner Däter Ahnen Blut rollt offenbar kein Tröpfchen jüdischen Blutes.... Ein Teil der antisemitischen Publizistik machte gegen den Vorwurf des Plagiates andere Argumente geltend: PaGat und Fälschung, hieß es, seien zweierlei, wer ein Plagiat habe noch lange nicht den Beweis erbracht, daß eme Fälschung vorliege. Man müsse zuerst ergründen, wer das Plagiat begangen habe . . . Wer anders als die Weifen von Zwn? . . . Wchrend sie den. Mn ihres Weltreiches mit dem <»bsosuttstrschenWecherr. scher au der Spitze ausbavten, machten sw natüchch .Entlehnungen. wo sie nur konnten, auch bei Machiavelli,sogar bei Pobjedonosz e w. Nun fanden sie bei 3oly eine schön ausgebaute Theorie der politischen Usurpation und der’ skrupellosen Vergewaltigung der Dölker. Wie sollten sie sich das nicht zunutze machen?. Stanjek hatte in seinem obengenannten Artikel unwiderleglich nachgewiesen, daß der jüdische Welteroberungsplan der Protokolle derselbe ist, den der berüchtigte Revolverjonrnolist und Dielschreiber Hermann Goedsche 1868 in seinem Schundroman Biarritz den Juden imputiert hatte: ein Vergleich des Kapitels „Auf dem Prager 3udenfriedhof" mit den Protokollen zeigte sogar die unbestreitbare 3dentttät des Textes . . . Die Antisemiten ließen sich davon nicht beirren, die Aehnlichkeit des in den Protokollen vorgetragenen Planes mit dem bei Goedsche entwickelten, versicherten sie, sei eben nur ein Beweis dafür, daß die jüdische Weltverschwörung seit langem existiere. Goedsche bat natürlich genaue Kenntnis davon gehabt — es wird behauptet, Ferdinand Lassalle in eigener Person habe ihn in diese Geheimnisse der Weisen von Zion eingeweiht — und Goedsche habe das Thema poetisch verwertet. Auf jeden Fall könne selbst der Rachweis, daß die ganzen Protokolle nichts als ein einziges Plagiat seien, den Glauben nicht mnstohen, daß sie aus dem Baseler Zionistenkongreß Herbst 1897 als Welteroberungsprogrouim der 3uden vor ge tragen wurden. Rein juristisch ist diese Argumentation unanfechtbar. Allein um die Protokolle ihrem inneren Wert nach abzuschahen, braucht man nicht erst nach ihren wirklichen oder vermeintlichen Quellen zu forschen, ebenso wenig wie man sich um die Persönlichkeit u-nd die Vergangenheit ihres Urhebers Sergy A. Nilus zu kümmern braucht. Man muß nur den Text aufmerksam lesen und außerdem noch die verschiedenen Uebersetzungen und deren reiche Einrahmungen untereinander und mit dem russischen Urtext Und dessen stanzen Apparat kritisch vergleichen, um zu merkwürdigen Ergebnissen, zu. kommen. Vergleiche mein Buch „Die Protokolle der Weisen von Zion kritisch beleuchtet, eine Erledigung.'" Berlin, Philo-Derlag 1924. Trotz der reichlichen Angaben des Nilus und seiner Apostel über Ursprung and Herkunft der Protokolle ist es nämlich unmöglich, festzustellen, in welcher Sprache die dem Nilus vorgelegene Urschrift abgesaßt war, ebenso wann, wo, durch wen und auf welche Weise sie in den Besitz des Nilus gekommen war. Es ergibt sich ferner die merkwürdige, unbegreifliche Tatsache, daß Nllus dieses furchtbare, unheimliche Manuskript, in dessen Besitz er im Herbst 1897 gelängt war, volle a ch t 3ahre ruhig bei sich behielt und es erst 1905 der Welt offenbarte. Er verschloß das schreckliche Geheimnis, welches das Christentum und die christliche Kultur, die Völker Europas und ihre ganze Zivilisation bedrohte, in seinem tapferen Busen, ohne zu bedenken, daß das Unheil jeden Moment Hereinbrechen könnte. Wer weiß, hätte Nilus die jüdische Weltverschwörung rechtzeitig entlarvt und die Dölker Europas gewarnt, die Weisen von Zion wären vielleicht in ihrer unterirdischen Wühlarbeit gestört worden, und uns wäre der gesamte Weltkrieg mit allen seinen Folgen erspart geblieben. 3ch konnte aber auch eine Reihe von Fälschungen seststellen, die Beek an dem russischen Text des Nilus, der an sich eine einzige Fälschung ist, verübt hat. Die wichtigste dieser Fälschungen befindet sich -im zweiten Absatz des neunten Protokolls, das bei Beek also beginnt: „Das alte freisinnige Feldgeschrei Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, das von unseren z i o n i sti schen Logen in die Gelt gesetzt wurde" — während Im russischen Original mit keinem Wort von zionistischen Logen die Rede ist! Das ganze Buch des Nilus mitsamt den Protokollen richtet sich nämlich ausschließlich gegen die Freimaurer, die Nilus allerdings mit den 3üden identifiziert. Aber vom Zionismus, von den Zionisten und deren Bestrebungen ist dann überhaupt nie die Rede. Erst in der Einleitung zu der vierten Ausgabe seines Buches von 1917 bekennt Nilus, daß er jetzt zum ersten Male erfahren habe, daß der in den Protokollen enthaltene Welteroberungsplan der 3uden von Theodor Herz! auf dem ersten Zionistenkongreß 1897 vorgetragen wurde, daß die geheimnisvollen Welsen von Zion eben die Führer des Zionismus sind . . . Diese bewußten Fälschungen Beeks wurden von den anderen Aebersehern Übernommen, und durch sie erst gewannen die Protokolle ihren aktuellen und sensationellen Charakter, sie erst haben bewirkt, daß die Protokolle als handgrerslicher Beweis dafür angesehen wurden, daß die „Weisen von Zion" eine geheime Weltoberregierung bilden, die schon in dem letzten Dezennium des vorigen 3ahrhunderts den Weltkrieg vorbereitete, dessen Ansgang die Gründung des 3udenstaates in Palästina zur Folge hatte, der die Keimzelle des von der geheimen alljüdischen Wettverschwörung erstrebten jüdischen Weltreiches bilden soll: dieses Weltreich soll aus den Trümmern aller nichtjüdischen Reiche errichtet werden, deren Zerstörung die von den Juden geförderte Weltrevoiution vollbringen soll. Der Bolschewismus, diese erste und urjüdische Schöpfung, habe damit in Rußland bereits den Anfang gemacht. Untersucht man den Text der Protokolle genau, so überzeugt man sich bald, daß sie in der vorliegenden Gestalt nicht früher als in dem Zeitraum zwischen August 1903 und Dezember 1905, also in der Periode des japanischen Krieges und der ersten russischen Revolution hergestellt sein können, wobei natürlich viel älteres Material in den Text oerwoben wurde. Prüft man den Text an der Hand der Ereignisse jenes Zeitraumes, so gehl einem ein Licht auf. Die Weisen von Zion sagen z. B. voraus, daß die ganze christliche Weltanschauung bald zusammenbrechen werde, da jetzt in Rußland die Gewissensfreiheit eiEführt wurde. Run wissen wir, daß die Gewissens- ' freiheit in Rußland durch die Edikte vom 25. Dezember 1904 und vom 30. April 1905 eiugeführt wurde. Wie konnten die Weisen von Zion auf dieses Ereignis schon im August 1897 anspielen? Anzählige solcher Analogien habe ich zusammengestellt, wer sie erwägt, muß staunen, daß denkende Menschen jemals diese plumpe und unverschämte Fälschung ernst nehmen konnten. Gleichwohl haben die Protokolle nicht nur unzählige Gläubige gerade unter den Gebildeten gefunden, sondern auch fürnehme, und mächtige Paten. Am nur 'einge zu nennen: der Fürst Otto' Salm und der Graf B'ehr, ehemaliger Dorsitzend^r der konservativen Fraktion des preußischen Herrenhauses, sammelten sehr bedeutende Summen, um das Werk des Herrn zur Beek in würdiger Form herauszugeben und es im Volke zu verbreiten. Der' Prinz 3oachim Al brecht von Preußen verschenkte höchst eigenhändig Exemplare an alle Kellner und Hausdiener der Hotels^ tiitb Restaurants, in denen er verkehrte. K a i s e r W i l h e l m II. empfahl es allen seinen Besuchern, und einzelne Kapitel darauswurden in Doorn bei der Tafel im Kreise der Gäste vorgelesen. 3n alle Kulturiprachen wurde es (mehrmals) übersetzt und erreichte ungewöhnlich Hohe Auflagen. Einem der französischen Aebersetzer, Mgr. 3oui n, übersandte der Papst durch Kardinal Gasparri Dank und Segen! Kein Werk der modernen Literalur hat eine ähnliche Derbreilung in der ganzen Kulturwelt gefunden. Ein merkwürdiges Zeichen unserer Zeit. Bilanz des Liberalismus. Don Rabbiner Dr. Siegfried Behrens in Fürth (Bayern). Eine, geistige Bewegung tritt Mil so schärfer in die Erscheinung, je stärker sie um ihr Dasein, um ihre Existenz kämpfen mutz. Der Liberalismus hat sich in den jüngsten Wahlen^ zmn preußischen Derdandstage gegen eine starke Phalanr von links und rechts, gegen Zionismus und Orthodoxie, durchzusehen gewußt, und er 'hat auch aus dem Derbandstage mit jener Ruhe und Sicherheit seine Pflicht erfüllt, die aus der errungenen Stellung sich von selbst ergibt. Damit wird bestätigt,, was längst bekanntwar, daß die große Mehrzahl der deutschen Juden der liberalen' Richtung huldigt, daß er die Führung -ohne Machtgelüste gern übernimmt und die Gesamtheit ihm vertraut und daß er es versteht, mit der loyal gesinnten Gemeinde-Orthodoxie in friedlichem! Einvernehmen.die jüdischen Ausgaben der Gemeinde, der deut-s sichen 3udenhett, zu lösen. Wenn es dem Derbande gelingt, den! Zusammenhalt der Gemeinschaft zu verbürgen, bis in die kleinsten! Gemeinden. hinein die Pflege der religiös-stttlichen Güter zu i retten und die sozialen Probleme leidenschaftsloser Lösung ent-' gegenzusühren, dann hat er damit ein Kulturwerk von unendlicher^ Tcagwette eingeleitet, das nicht zuletzt der Derwurzelung dev! deutschen 3uden im deutschen Heimatboden zustatten kommen wird.. Durch die Tagung aber tritt ins Licht des Tags, was durch die Verhandlungen jenseiis der erstrebten gemeinsamen großen Ziele an Kampf und Gegensatz schreitet. Ohne Aeberzeugung' und Weltanschauung anderer anzutaften, deren wohlerworbenen geistigen Besitz er zu respektieren weih, nimmt der Liberalismus für sich das Recht in Anspruch, die Weltweite und die Frecheitlichkeit seiner religiösen Richtung mit jener inneren Anteilnahme des Herzens zu vertreten, in der sich die mannigfaltigen Triebkräfte vergeistigten jüdischen Lebens widerspiegeln. Nichts kann sinnenfällige'r die reife Weisheit und das reine Feuer leidenschaftlicher Hingebung und. unbedingter Treue dartun, als der jüdische Wille, den die führenden Persönlichkeiten für die ausbaue nde Kraft aus ihrer jüdi-sch-lliberaien 3nnenwelt heraus im Dienste , an der Gemeinschaft eingesetzt haben. Aussprache und Auseinandersetzung sollen die Meinungen klären und vertiefen, aber sie sollen nicht nach irgendeiner Richtung Derstimm-ung und Verbitterung tragen. Räch Grundsätzen handeln, mit Grundsätzen die Treue umranken, das wird am ehesten die Gegner davon unterrichten, daß der Liberalismus die Wahrheit aus religiösem Grunde zu suchen unablässig bemüht ist, diesen Willen in die weitesten Kreise seiner Anhänger zu tragen. Don der verständnisvollen Würdigung dieses seines Gedankens hängt die Starke der Bewegung ab,' und es läßt sich nicht leugnen, daß es noch viele Widerstände zu besiegen gilt. Es mag sein, daß es im politischen Kampf des Tages viel leichter ist, die Massen zu polMsieren als Begeisterung zu wecken für lebendiges religiöses Leben, das über die Erstarrung des Buchstabens, über die Konservierung der Dergangenheit hinweg fähig sein muß, das Erbe der Däter, die Macht des jüdischen Geistes, den Mut und den Stolz einer großen DergangenhLit im Sinne der Propheten sich zu eigen zu machen. Die Gewohnheit allein darf dieser Begeisterung nicht hemmend in den Weg treten, das Dorurteil, daß der Liberalismus zu kühn sei in seinen Forderungen und Entschlüssen, darf nicht di« Regsamkelt und Beweglichkeit des Geistes abstumpsen, und die Sorge darf nicht schrecken, als ob die chrlich gesuchte Wahrhaftigkeit nach irgendeiner Seite Anstoß erregen könnte. Die alte jüdische Tapferkeit des Bekennermutes ist dem Liberalismus noch niemals erspart worden und gilt im Bezirk des religiösen Denkens noch immer als Zeichen eines freien Geistes und geistiger Freihe-it, die den starken Machten der dunklen und finstern GewÄten des Lebens erfriischend entgegemvirkt. Aber Freiheit befreit nicht von der Pflicht, mcht von der jüdischen, nicht von der religiösen Pflicht. Geistesmacht gibt keinen Raum der Indolenz ‘ nnd der Willkür, Ahnenstolz weicht nicht -der Fremdheit, mit der viele aus Arroganz oder Eitelkeit sich brüsten, ohne ein inneres Recht dafür ansühren zu können. Me starke religiöse Welle, die heute die Welt. durchflutet, kann den jüdisch-religiösen Liberalismus und seine Kreise nicht unberührt lassen und darf erwarten, . daß Rührigkeit und Regsaückeit uns ganz erfassen mutz, soll mchi die Entwicklung über vns dahin gehen, ohne eine ßpu-r unserer