Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 29 (17.7.1925)
- Date
- 1925-07-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Dasselbe aitt vom Erfahren -es Sabbats. Es mag auch zunächst befremsllch erscheinen, das feltenc zarte Gefühl -er Eabbätsreride, das in ferner ganzen Reinheit vielleicht nur auf den Höhen des Lebens erwerbbar iisi, durch kalendarifche Wiederkehr kultivieren zu Vollen. K-eppIer, Bischof von Aottenburg, schreibt in seinem Büchlein „Mehr Freude" folgendes Rezept denen vor, die nach dem Weg zur Freude fragen: Freue dich. Sehr einfach und sehr wahr. Es ist von der Psychologie aus nur zu bestätigen. Wer z. B. mit Kindern scherzt und sie zu erheitern sucht, den wird schließlich, auch wenn er zuerst innerlich ganz ernst gestimmt war. doch der Frohsinn allmählich erfassen, lind deshalb hat die Aufforderung, den Sabbat zu feiern, in ihrer strengen Gejehesform ihre tiefe Berechtigung. An jedem siebenten Tag der Woche widerfährt uns die Aufforderung des Gesetzes: Du sollst den Sabbat feiern. Wie immer dann das Herz des einzelnen fühlen mag, ob es bereit ist zur Feier oder nicht, das Gesetz kümmert sich nicht darum. Das Gesetz führt uns zur Synagoge, führt uns dahin, wo die sabbatliche Botschaft: Gott ist bei euch, also freuet euch! verkündet wird. Das Gesetz führt uns in eine Gemeinschaft von solchen, die den Sabbat feiern. Gebete, Gesänge um uns, die Thora wird feierlich ausgchoben, Hände strecken sich aus, sie zu küssen, Bibelworte, prophetische Verheißungen berühren unser Ohr und da kommt es über uns. Uns, die nur das Gesetz gerufen, wir sind jetzt da, nicht mehr wegen des Gesetzes, uns hat der Sabbat selbst erfaßt, die Freude nahm uns gefangen, die Freude, daß Gott da ist, bei uns ist. So ist das erste, was zu antworten ist auf die Frage: wie wir den Sabbat, der doch ein Erlebnis ist, im Individuum vorhanden durch Gnade, feiern, dies: Der Satzung gehorchen. Wenn der siebente Dag ruft, sich aufraffcn zur Feier. Durch die Folgel-eistung wird das Erlebnis des Sabbat, sofern es der Seele schon -einmal gegenwärtig war, wieder in Erinnerung gerächt oder taucht als Ahnung auf, falls es ihr noch nie erschienen war (ein unmöglicher Fall). Das zweite, was zu sagen ist zur Frage, wie wir den Sabbat feiern sotten, wie wir lebendige Sabbaterl cbnisse in den Sabbat genannten Tag hineintragen, ist einfach dies: Sammle die Erfahrungen eines sittlichen Lebens. Diese führen, wie wir sahen, auf zweifache Art zum Sabbaterlebnis. Erstens erleben wir das Träger des sittlichen Gesetzes eine Befriedigung, eine Auszeichnung, vergleichbar der Opfersreudigkeit des Liebenden. Das Opfer bleibt ein Opfer, schwer und bitter. Aber es ist unser Vorzug, unsere Erwähltheit. Diese Erhebung, die uns erfüllt, diese Freude über die Erwähltheit, ist aufbauend für die Sabbctsreude, ist sie schon selbst. Zweitens erleben wir als Träger des sittlichen Gesetzes den Augenblick, da wir erfahren, daß die Opfer sittlichen Lebens unser Leben nicht vernichten, sondern das Leben bestehen lassen, ja es verklären, es erhöhen. Wenn wir das wissen, dann ist es Sabbat in der Welt, dann hören wir die Stimme, die Abra- Ham abhielt vom Opfer und rief: Segnen will ich dich. Das dritte, was zu sagen ist zur Frage: wie wir den Sabbat feiern wollen, ist dies: Erfahre die Hoheit des Menschen. Gewiß, der Mensch ist eine unvollkommene Sache. Aber er ist doch auch nicht nur dies. Alles Große und Erhabene, von dem wir wissen, wissen wir durch die menschliche Seele. Es ist eines der schönsten und feierlichsten Erlebnisse, die einem geschenkt werden können: Im Verkehr mit dem Rebeinnenschen plötzlich eine Seite des Charakters zu entdecken, die, ganz von Adel durchleuchtet ist. Rembrandt, der uns Iuden doch so nahe sieht, nicht bloß, weil er in seinen biblischen Bildern wirklich Iuden hinstellt, wie er sie im Ghetto von Amsterdam täglich sah, und wie er sie in seinen jüdischen Freunden schätzen lernte, sondern weil er als Künstler allem Barock abhold ist, aller Verzärtlichung und Versüß-ich-ung der Realität und vielmehr in der unkorrigierten Realität dem Golüglanz -es Heiligen ausspürt, dieser Rembrandt hält in seinem Bilde: Die Jünger von Emmaus dieses Erlebnis fest, von dem wir sprechen. Drei Leute nehmen ein einfaches Mahl ein; der vierte von ihnen ist der Nazarener. Da weicht der eine — das ist der Augenblick, den Rembrandt festhält — im Tiefsten erschüttert, zurück. Er hat den Gottessohn erkannt. Das ist ein durchaus weltliches, wenigstens wenn Rembrandt es darstellt, jedermann erwerbbares Erlebnis. Wir Iuden haben nicht den barocken Aus- 'toack der GvtteSsohnschaft. Wir haben den einfachen Ausdruck von der Gottesebenbildlichkeit, den einfachen Ausdruck des Alten Testaments von der dem Menschen einwohnenden Ebenbildlichkeit Gottes. Diese Ebeirbildlichkeit in seinem Nebenmenschen aufzusuchen, Augen dafür zu haben, daß der Mensch nicht nur Diener Gottes ist, sondern auch sein Repräsentant f-ei-n kann, welche Fülle von Glück Kanu man -dadurch erwerben. Eine Wirklich vornehme, sittliche Person ist der zwingendste Gottesbeweis. Das ist der wahre Menschenkenner, der ein Auge für die Tiefen seiner Mitmenschen hat, mit Güte über ihr« Fehler, über ihr Allzinnenschliches, hinwe-gsieht. Der dies kann, der lebt in einem ständigen Liebeskreis und wenn dann der Sabbat ruft: Gott ist bei euch, freut euch, ihr Menschen, dann steigt aus dem Herzen eines so Erfahrenen die dankbarste Zustimmung und er ist schon begabt, di« Botschaft zu verstehen und ihr auch weiter zu folgen. Der sabbatliche Lobpreis an den Daure kedauschim, den Schöpfer der Heiligen, wird ihm gemäß. Wenn es in di-esem Lobpreis von den Heiligen heißt: kullom ahu-wim kullom berurim kullom gibaurim kullom aussim bee-hmo uwejiroh rezaum kaulom . . . sie alle sind wert, sie alle sind lauter, sie alle sind Helden, sie alle tun in Ehrfurcht den Willen ihres Schöpfers, so ist dem Begriff der Heiligkeil nichts von seiner Weihe genommen, wenn wir dabei an menschliche Vorbiider denken. Als Iuden müssen wir den Wert des Heiligen mit dem Wesen einer Person verbinden, weil sittliche Handlung und sittliches Sein nur an einer Person denkbar ist. And wo sittliche Handlung und sittliches Sein am Menschen von uns angescheut wird, dürfen, ja müssen sie uns Erinnerung des Heiligsten bedeuten, weil uns Gott selbst, den wir den einzigen Heiligen nennen, auch als Schöpfer und Förderer des Sittlichen gilt. Weil also der Wert des Heiligen immer als P-ersomoert zu gelten hat, ist es von vornherein unwahr, baß -die Heiligkeit des Sabbats in der freien Natur erlebbar ist. Ein Ausflug ins Freie mag eine Fülle von geistigen Freuden bieten, mit einem Tempelgang ist er nicht zu vergleichen. In den Raum der Synagoge -darf das Tageslicht nur gebrochen dringen und Kerzen und Lampen geben ihm seine Helle. Wir werden abgelenkt von allem Außen und wenn die Welt um uns verschwindet, was bleibt dann -noch übrig, als auf die Stimmen zu lauschen, di« im tiefsten Grund unserer Seele ihre leise Sprache führen und uns Gott offenbaren. Die äußere Natur bei ihrer Größe und Erhabenheit ist nicht imstande, uns die Heiligkeit Gottes so überzeugend darzustellen, wie die Größe und Erhabenheit einer echten sittlichen Gesinnung, deren eine menschliche Seele fähig ist. Hat man in den Sphären des sittlich Guten, und diese sind für uns mir im menschlichen Sein anschaubar, Gott erkannt, dann erst kann man aus der mm anschließenden Erfahrung, die Gesetze des Guten als Allgesetze erfassend auch die Natur von Gottes Sein durchwaltet aistehen. Dann war aber schon die höchste Liebe und Vollkommenheit Gottes die erworbene Gewißheit, von der aus die Natur göttliche Natur genannt würbe. Die Natur selbst ist doch zu arm, um d ie Heiligkeit aufweisrn zu können, wie sie das sittliche Sem des g-ottesebenbrldiicheil Menschen ahnen lassen. Me sabbatliche Gegenwart Gottes können wir also nicht in der ftel-en Natur feiern. Wir erleben sie und feiern sie in der Gemeinde der Beter. And wenn der Gottesdienst in der Synagoge vorüber ist, so ist es der Kreis der Familie und der Freundschaft, in dem uns der Rest des hohen Tages voriibergehen soll. In diesem Bei-einand-ersitzen, wie es die Sabbatruhr mit sich bringt, die uns von jeder Betätigung, bei der wir doch notwendig übereinander hinwegsehen, abhält, in der Art, wie die kleinen Aufmerksamkeiten des Tages gegeben und empfangen werden, offenbart sich oft eine so schöne Menschlichkeit, die in ihrer Zartheit doch nur m stillen Stuben bemerkt worden kann. Wenn alles zweckhafte Tun verpönt ist, so kommen die Menschen doch wie von selbst auf sich fekbsi, auf ihr eigenes' Selbst, und auf das Selbst des Nächsten, und« wieviel Gold wird da oft aus sonst nicht beachteter Tiefe hervorgeholt. Denn das zweckhaist« Tun des Alltags läßt alle Sotten der Person gar nicht zur Geltung kommen, notwendig wird die eine und die andere Anlage im Interesse der besonderen, di« auf den Beruf gerichtet ist, unterdrückt. Am Sabbat, da schweigt aber dieses Interesse, da darf diese im Alttag notwendige Unterordnung schwinden und derganzeMensch tritt harmonisch in Ersch-eiinuw. Am Sabbat ist jeder Iude ein König; das ist ein altes, wahres Wort. Dieses gehoben« Zusammensein festlich gekleideter Menschen, die einander gut sind, mit Gesprächen, die den Alltag meiden, also ganz von selbst in die Tiefe gehen, das gehört zur Feier des Sabbats wie der Gottesdienst selbst. Und nun noch dies« Möglichkett, den Sabbat zu «.fahren und ihn zu feiern: Wir gelangen zum Sabbaterlebnis durch Teilnahme am geschichtlichen Leben: Hängt deine Liebe an irgendeinem Ziel, das die Geschichte deiner Zeit im Werden zeigt, schenk ihm, soweit dein Vermögen reicht, deine helfende Kraft und feiere alle Siege deiner erwählten Idee als sabbatliche Feste. Mit diesen Freuden voll begehe den siebenten Tag. Der Sabbat als Fest, in dem die menschlichem Sein zugeteilte Gegenwärtigkeit Goites gefeiert wird, rveist uns auf das geschichtliche Leben, welches -der Schauplatz ist. in dem geistig-sittliche Tendenzen naturhaftes Sein als Material gestalten. Dem Romantiker gilt die Geschichte ohne weiteres als Selbstdarstellung Gottes. Das ist allerdings zuviel. Die Gebilde, die die Geschichte in ihrem Prozeß aus sich heraus kristallisiert, sind ein Gemisch von Heiligem und Anhöiligem. Das historisch Geworden« als das Absolut«, als ohne weiteres von Gottes Gnaden anzulehen, ist katholisch, aber es ist religiös nicht tief. Gerade dann vielmehr, wenn man sich hier eines gewissen Distanzgefühles befleißigt, wird man für das. was hier wirklich von Gottes'Gnaden ist, um so sehender. Der Weg der Geschichte ist nicht ohne weiteres der Weg Gottes; aber Gott erscheint in der Geschichte. Wenn eine geschichtliche Periode ausklingt, ist es immer ein Sieg der Ide-en, die zum Schluß triumphieren. Hier als Mensch auf Grund von gebrachten Opfern berechtigt zu sein, mitzutriumphieren, ist ein schönes Los, das menschliches Sein treffen kann. So Beglückte werden die Freude des Sabbats tief erfassen. Es waren immer > nur Perioden der Dek-adenze im Judentum, wenn j ödst 6)-religiöses Leben nichts anderes zu bedeuten schien, als eine Legitimierung kleinbürgerlicher Lebensformen. Der jüdische Gott heißt: Herr Zebaoth. Zu deutsch: Herr der Heerscharen. HI. Ein wirklich allerletztes, wie wir zum Sabbat kommen, läßt sich aber nicht sagen, weil es so viele Wege zum Sabbat gibt, als es individuelle Wege zum Guten überhaupt gibt. Aber jedes sittliche Leben kann sich durch -den Besitz oder Nichlbefih des Sabbats prüfen, ob es Tiefe hat. Das sittliche Leben, das überglänzt ist vom Glück des Sabbats, ist mehr als sittliches Leben, ist religiöses Leben. Das Glück des Sabbats ist das Tiefste und Schönste, von dem unise-r Leben weiß. Es ist das, wodurch das Leben sich überwindet und sich verklärt. Der Prophet schildert es mit den Worten, die noch ganz getränkt find vom Erlebnis: Sie werden erschauern und erzittern ob all des Guten und ob all des Friedens, den ich ihnen geben werde (Ier. 33, 8). jHj Die jüdische Gegenwart. j||jj Die Juden in Molen. Me Minderheitssektion des politischen Komitees des polnischen Minisierrates trat am 11. Juli zusammen, um die einzelnen Punkte, die den Inhalt des Abkommens zwischen der polnischen Negierung und der jüdischen parlamentarischen Vertretung bilden, zu fixieren. Nach einem Referat des Unterrichtsministers Stanislaw Grabski beschloß d-ie Sektion, dem Ministerrat die durchführung einer Reihe von Maßnahmen zu empfehlen, die das jüdische Gemeinwesen, das jüdische «Schulwesen sowie die Erlaubnis der hebräischen und jiddischen Sprach« i-n öffentlichen Versammlungen betreffen. Die Vorschläge sind folgende: 1. Der Ministerrat beauftragt den Vildunasminister, ein Gesetzesprojekt betreffend die einheitliche Organisation der jüdischen religiösen Gemeinden ganz Polens und deren religiöse Räte vorzulcgen. 2. Der Ministerrat bevollmächtigt den Bildungsmi-nister, ein Projekt vorzulegen, welches eine Verordnung des Ministerrats über die Ausdehnung des Dekrets vom 7. Februar 1919, betreffend die Aenderung der Organisation der jüdischen Gemeinden des früheren Kongreß-Polens auf die ehcmms russischen Provinzen enthält. 3. Der Minisierrat nimmt die Erklärungen des Bildnngsmimsters zur Kenntnis, daß er auf dem Territorium der ehemals österreichischen Gebiete eine Demokratisierung der jüdischen Gemeinden in der Weise zulassen wird, daß er seine Zustimmung zur Aenderung der Statuten der Kultusgemeinden (§ 28 und 29 des österreichischen Gesetzes über die innerrechttichen Verhältnisse der jüdischen religiösen Gemeinden vom 21. März 1890) gibt. 4. Der Ministerin! beauftragt den Bildungsminister, ein Gesetzprojekt über die Benutzung der hebräischen und jiddischen Sprache als Geschäfts- und Verhandlungssprache in den jüdischen religiösen Gemeinden analog den Vorschriften über den Gebrauch der rumänischen und weißrussischen Sprache innerhalb der betrefsend-en C-elbstverw-aitungsorga-ne vorzulegen. 5. Der Ministerrat drückt sein prinzipielles Einverständnis damit aus, daß der Gebrauch der hebräischen und der jiddischen Sprache in öffcn-tlidjeri Versammlungen z^gelassen wird. 6. Der Ministerrat nimmt die Erklärung des Bildungsminiisters zur Kenntnis, daß er in einer gewissen Zahl öffentlicher Sta-atsschulen in Orten mit einem großen Prozentsatz jüdischer Bevölkerung die Anterrichtsfreibeit an Sabbattagen und den Unterricht in jüdisch-religiösen Fächern in einem Mindestmaß von 10 Stunden wöchentlich einführen wird. 7. Der Ministerrat nimmt die Erklärung des Bildungs- Ministers zur Kenntnis, daß er ein« Verordnung Herausgaben wird, wonach der Besuch eines den Slaatsvorschriften für Schulen entsprechenden Cheder von jeder anderen Schulpflicht befreit. 8. Der Ministerrat nimmt die Erklärung des Bildungs- Ministers zur Kenntnis, daß er einer gewissen Zahl allgemeiner Schulen, Mittelschulen und Seminarien mit hebräischer oder jiddischer Unterrichtssprache, die den allgemeinen Schulvorschriften genügen, das staatliche Oeffontlichckeits recht zuerkennen wird. 9. Der Ministerrat nimmt die Erklärung des BildungsmmrsterS zur Kenntnis, daß er besonders verdienstvollen jüdischen Fachschulen Subventionen zukommen lassen wird. 10. Der Ministerrat nimmt zur Kenntnis, daß der Bildungs- Minister dl« Schulkinder jüdischer Konfession an den staatlichen Volksschulen von der Schreibepflicht an den Sabbattagen befreien wird. 11. Der Ministerrat nimmt zur Kenntnis, daß der Bildungs- Minister den Kindern jüdischer Konfession, und daß der Kriegsminister den Soldaten jüdischer Konfession den Besuch der Gottesdienst« an den «Sabbattagen ermöglichen werden. 12. Der Ministerrat nimmt zur Kenntnis, daß der Kriegs- Minister, ohne die prinzipiellen Vorschriften des Militärdienstes zu verletzen, ein« Verordnung erlassen wird, daß den Soldaten jüdischer Konfession, die sich außerhalb der Kaserne rituell beköstigen wollen, das Menage-Geld ausgezahlt wird. Wie der I. T. A.-Vertreter erfährt, wird der Ministerrat am 15. Iul-i ein« Sitzung abhalten und alle 12 Vorschläge der Sektion für i»ie nationalen Minderheiten annehmen. Wiener Brief. Radikaler Zionismus. Bor einiger Zeit hatte sich vor einem Wiener Gericht ein Ehaluz zu verantworten, weil er im hiesigen Palästina-Amte exzediert und dabei einige Linrichtungsgegenstände demoliert hatte. Der Angeklagte verantwortete sich mit dem Hinweis auf die hochgradig« Erregung, in die er geraten sei, weil seine Bemühungen, nach Erez Israel zu gelangen, immer wieder aus neue Hindernisse gestoßen seien und weil das jüdisch-nationale Parteiinstitut, dem die Beseitigung solcher Hindernisse obliege, viel zu langsam für seine Sehnsucht arbeite. Der Richter trug den idealen Beweggründen des Missetäters durch ein sehr mildes Arteil Rechnung. Als ich einige Tage später erfuhr, daß sich in Wien eine Partei „radikaler Zionisten" konstituiert habe, glaubte ich, diese Gründung im Interesse der momentan sehr im Argen liegenden österreichischen Möbelindustrie begrüßen zu dürfen, denn ich dachte nichts anders, als daß sich alle jenen rabiaten Elemente, die es vor Sehnsucht nach Zion gar nicht mehr aushalten können, nunmehr zu einem systematischen Ausrottungskriege gegen die Einrichtungsgegenstände der viel zu langsam arbeitenden Partei zusammengeschlossen hätten.... Aber bald wurde ich eines Besseren belehrt. Es stellte sich heraus, daß die neue Parteigruppe nicht aus Leuten besteht, die es sehr eilig haben, nach Palästina zu kommen, sondern im Gegenteil aus solchen Zionisten, die sich gar kein Gewissen daraus machen, aus kleinlichen Gründen den Aufbau „Alt-Neulands" gewaltsam zu verzögern. Es handelt sich nämlich um eine Gründung des vom hiesigen zionistischen Landeskomitre abgesäglen „Führers" Stricker, der die vom Völkerbund verlangte Schaffung einer Jewifh A.'.cncy auf dem bevorstehenden Zionistenkongreß obstruieren möchte und sich für diesen Zweck ein geeignetes Instrument im der neuen Parteigruppe zu schassen sucht. Die Iewish Agency soll der vom Völkerbund eingesetzten Manö alarmacht über Palästina, d. i. England, in allen dieses Land befreffemb.cn Verwaltungsfragen beratend zur Seite stehen. Di« englische Regierung legt begreiflicherweise Wert darauf, daß ein solches Komitee wirklich die Repräsentanz des Gesamtsudcniums der Welt darstellt und nicht nur die Kliqnr einer Partei, die in den meisten Ländern unter den dortigen öaden nur ein - mehr oder weniger bedeutende Minderheit bildet. Andrers>eits yat der Aebergang Palästinas aus der Haird der zu jedem Aufbau ansühigen Türken in die Obhut jener europäischen Kulturmacht, ine seit Jahrhunderten die glücklichste Hand bei der Verwaltung und Zivilifterung von Kolonialländern gezeigt hat, auch bei jenen Iuden Interesse für die jüdische Kolonialifierung des gelobten Landes ausgelöst, die vor dieser gewaltigen Veräwderung der Weltkarte den Zionismus als Atopie ablehnten. Bei einer jüngst stacktgefundeuen Aussprach« der Zionistenführer mit Vertretern der Wiener Presse hat der Präsident des zionistischen Ackttons- Komitees, Oberrabbiner Prof. Dr. H. P. Chajes, ausdrücklich anerkannt: „Anläßlich der Eröffnung der Universität in Ienvsalem hat es sich gezeigt, daß tatsächlich das ganze Judentum mit dem dlusbau Palästinas geht, auch jene Teile, die aus reliHlvsen, sozialen und politischen Gründen der zionistischen Organisation nicht angehören." Der Redner zog aus dieser Erkenntnis auch gleich die Konsequenz, daß die Frage, wie man solche Mensch«» ausschließlich für den Palästina-^lufbau organisatorisch erfasieu könne, das Hauptproblem des Zionistenkongr-esies fein müßte. Und so wie der Wiener Oberrabbtner sind auch die übrigem bedeutenderen Zionistenführer, vor allem der geniale Präsident der Weltorganisation, Professor Dr. Ch a i m W e iz ma irn« für die Heranziehung aller Juden zu de-m Werke, das seinesgleichen in der ganzen Weltgeschichte nicht findet. Aber diese geistig und moralisch hervorragenden Männer, die über geachtete soziale Positionen zu politischen Führerrollen gelangt sind, haben jene Parteigenossen gegen sich, die durch cmgemaßte politische Führerrollen geachtete soziale Positionen zu ergattern suchen. Die benifenen Führer des national ortentierlw Judentums stoßen auf den Widerstand der jüdisch nationalen Berufspolitiker. Da ist einmal ein Herr Soloweitschlk, dem seine „Weltanschauung" sogar schon zu einem regelrechten Minist erst o rief euille „für jüdische Angelegenbeiten" in Litauen »er- Holsen hat. Dann ein Herr Grünbaum, der sich mit der bescheideneren, aber immerhin einflußreichen Stellung eines polnischen Sejmdeputierten begnügen muß, und schließlich unser guter alter Freund Stricker, über dessen „Führereigenschäften" ich die Leser der .Hüdisch-liberalen.Zeitung" schon oster unterhalten habe urd der einmal Mitglied der vsierreichischen Nationalvers>ammlueß gewesen ist — einmal und nicht wieder. Jetzt ist er dank der Eut-! Herzigkeit der Liberalen — euphemistisch „Wahlbündnis" genonnl! — Mitglied der Wiener Kultusgeineinde. Dort treibt der „radikale Zionist" keine Opposition, sondern sucht sich mit den Herren der Alaioriiät gut zu verhalten. Er weiß eben, wem er fein Mandat verdankt. Er weiß aber natürlich ebenso gut, wer srinr politische Geltung — oder was der von so ziemlich allen Schichten des Wiener Indentnins wiederholt Abgelehnte so nennt — in ihren Gruniöfesten zu erschüttern droht: nämlich jene Zionisten, die, um ihr politisches Ideal zu verwirklichen, alle zur Mttarbrit rufen, dir guten Willens smd, während bas streitbare Häuflein der Berufspoliker nur den Bierzipf, das erhabene Symbol srih geübter Ver-rlnsmeierei, als Legitimation für die KandDetn: in die Iewish Agency gelten lassen will. Durch eine Vermischung 5 er Partei - Unterschiede innerhalb des Iudentnrns sehen die abgetakelten Minister und Parlamentarier ihr Lebens werk bebrohl, das auf die Errichtung und Festigung von Scheibcmauern zielic, weil man in einem kleinen Teile — je kleine desto besser — leichter eine Rolle zu spielen vermag als in Kr ungeteilten Gesamtheit. Darum müssen die großzüg'igen Führer von der „radikalen" Opposition folgende Belehrung entgegcnnehmen: Zionismus bedeutet nicht die Ueberführung jüdischer Emigranten nach Palästina, .sondern hat eine seiner stärksten Wurzeln in dem Willen zur fundamentalen Amgostaltung des jüdischen Lebens, ebensosehr in seiner naironal-kulturellen ve auch in seinen wirtschaftlichen Formen." Das klingt sehr schön und bestechend. Wer sich aber non schönem Klang nicht bestechen läßt, erkennt, daß hier künstich ein Gegensatz konsttuiert wird, der keiner ist. Denn es gibt kein: Emigration, die nicht den Willen des Auswanderers — er st: Jude oder Christ — zur fundamentalen Amgestaltung scinrs Lebens zur Voraussetzung hat. Der Ostjude, der aus dem?£>• nischcn „Gaßchen" in ein westeuropäisches Kulturzentrum übersiedelt, assimiliert sich in der Aegel schon in der zweiten Ecnrration. Der aus einer kleinen mährischen Kehilla nach Wien eingewanderie Violinvirtuose Alfred Grünfeld hat es sogar noch in eigener Person dazu gebracht, hier geradezu als Repräsentant künstierifchen Wienertums gefeiert zu werden. And der sprÄwörtliche Typus des durchgefallenen Studenten aus Europa, dsi in Amerika zunächst Liftboy und später vielleicht Fabrikant größten Stils wird, muß den Umgestalt ungs Prozeß sogar mehrmals durchmachen. Dieser vollzieht sich unter dem Einfluß des äußarck AUlieus ganz von selbst. Eine Iudengener-ation, die in einen! freien Iubenslaate aufwächst, wird sich ganz gewiß äußerlich uru innerlich von dem gedrückten Typus des Golusjudentums unterscheiden. Die naive Ansicht der „radikalen" Zionisten, daß diesel Anterschied nur durch eine theoretische Schulung vor der Envgration zu erreichen ist, widerspricht aller geschichtlichen Erfcb rung. Das neugcgründete Rom wäre, trotz der Anziehungskirast' die es als Freistätte Kriminell Verfolgter auf alle ausüben muM denen anderwärts der Boden, zu heiß geworden war, vermat!><v unbevölkrri geblieben, wenn man von den dort Zuflucht Suchenden ein Examen über ihre Fähigkeit verlangt hätte, die Väter künftiger Welteroberer zu werden . . . Die ganze Weltgeschich" kennt überhaupt nur ein einziges Beispiel für di« national-kulturelle Amfchulung eines Volkes, bevor es das Ziel seiner