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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-07-17 · 29 (17.7.1925) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
29 (17.7.1925)
Date
1925-07-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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WWWWWW MW Beilage 17. Juli 1925' Vom Sabbat. Al« Dr. phll. Ignaz Maybaum, L Dv «eosiHKcheS Lebe« fich seiner höheren Stufe bewußt ist. menfchliches Leben geistiges Leben ist, ist die Form dieses n Lchens durch folgende Zweiheit gekennzeichnet. — Jenes Sein, das Reich der Ideal-r, erscheint als Ziel, und menschliches Leben ist seiner höheren Aufgabe nur dann gerecht, wenn es jeden Augenblick durch dieses Ziel bestimmt ist. Durch die sitttiche Handlung, durch die Handlung, die in ihrer Richtung bestimmt ist durch das Ideal, gelingt es menschlichem Leben, sich in die Sphäre geistigen Seins zu überwinden, sich mit ihr zu verbinden. |©ieje Verbindung ist nie abgeschlossen, immer bleibt das Ideal das ewige Ziel menschlichen Lebens: Die Verbindung mit dem jj^heren Sein bleibt unendliche Aufgabe. Dort, wo die Gesinnung D bisse Aufgabe lebendig ist, muß jenes Pathos entstehen, das man als den hervorstechendsten Zug olttestamentlicher Religiosität «gesprochen hat. Geistig-religiöses Leben als Tun verstanden. ®or in der sittlichen Handlung, in dem rastlosen Streben auf das :«b»e, was nottut, kann diese Religiosität sich darstellen. Man hat 'm diesem Zusammenhang von der mehr als anderswo gesteigerten iAküvität der Juden gesprochen, di« auf alttestamentlichen Einfluß!«d diesbezügliche Erzichung zurückgcht. Gewiß ist das richtig, jcher damit ist das Ganze alttestamentlicher Religiosität noch nicht endgültig charakterisiert. Denn geistiges Leben ist nicht nur gekennzeichnet durch Akttvi- M, sondern auch durch eine Haltung, die — zunächst grob geistrochen — das Gegenteil aller Aktivität genannt werden kann. Ms Ideal ist nicht nur unendliche Aufgabe, sondern noch mehr. Das Ideal — als unendliche Aufgabe — ist mein Besitz. Mein siltzer Besitz. Das ganze menschliche Leben hindurch bedeutet das Ideal die Forderung, die immer Der uns schwebt. Die Strenge di^er Forderung beruht darin, daß sie für unser zeitliches Leben gte als ausgehlw-en angesehen werden kann. Aber diese Strenge bekommt sofort eine gang besondere Betontheit, macht man sich Lar, baß bei aller Jenseitigkeit, die dem Ideal als solchem anbafien muß, und die meinen Weg zu chm in diesem Leben nie fertig «scheinen läßt, -mein Weg zu dem Ideal doch überglänzt ist — vom Idecü. Erreichen kann mein Weg zum Ideal sein hohes Ael im zeillichen Leben nie, aber die Richtung bekommt mein Weg Lorch das Ideal. Und darin liegt die Diesseitswendung des Ideals oft seines Ienseitscharakters ungeachtet. In der traditionellen Sprache der Religion: Gott ist nicht nur der ewig Ferne, dem «oenäber mein menschliches Sein unzulänglich bleibt, der uns durch rastloses Tun unser menschliches, Sein zu über- «Men, Gott ist nicht nur der unerbitüiche Ansporn sittlichen Lebens, sondern ist auch der ewig Nahe. Angeachtet der unmöglichen Abschließbarkeii sittlichen Handelns ist er gegenwärtig durch das Aufleuchten der sittlichen Gesinnung in uns, die dem sittlichen .Handeln sellst vorhergeht und das erfüllte ganze sittliche Leben di bestimmende Maxime seht, wenn auch kein menschliches Leben Msreicht, der Tendenz solcher Gesinnung endgültig gerecht zu iverden. Wo solche Gesinnung aufleuchtet, ist Gott in der Zeitlichkdt menschlicher Existenz gegenwärtig geworden, und das selige Bewußtsein dieser Gegenwav Gottes gehört auch zum Wesen Mestamentlicher Religiosität. Es kann also nicht das Ganze Mefiamenklicher Religiosität wirksam sein, wo Aktivität als aus- Meßemües Charakteristikum geistig höheren Lebens gefordert ist. Hwrih gehört das Pathos für die ErtMenhett der sittlichen Folterung E sein« Zuwendung zur Sphäre des Tuns zur Mischen Migwsität, ober ebenso gewiß gehört zu ihr das dankbare, selige Bewußtsein. daß schon vor allem Tun, welches die VollkommenhÄt erstrebt, die Vollkommenheit der Welt eingeboren sein muß: Är einer teuflttchen Welt müßte alles sittliche Tun zerschellen, «der in einer Welt von der Gnade Gottes ist das Opfer sittlichen Lchens sinnvoll. Die Erfahrung, die allerdings nur der machen Kann, der die Leiden eines'sittlichen Lebens kennt, diese von Glück «ad fassungsloser Dankbarkeit gettänkte Erfahrung, daß die Welt GotteSwett ist, Gotteswelt war, schon bevor men schlich-sittliches Tun anhob, Gotteswelt ist, weil sonst sittliches Tun gar nicht hätte anheben können, diese selige Erfahrung gehört als wesentlicher B^tandieil zur Mischen Religion. Der Sabbatkult ist Ausdruck dieser Erfahrung. Das Judentum ist eben ein Zweifaches. Es erzieht in seinem Bekenner eine Anspannung auf Leistungen, deren Grundschema die Form des Amgestaltens ist, des'revolutionären Tuns, wie sie icke Sendung meint. Der Mensch soll, kantisch gesprochen, das Reich des mundus phaenomenaiis durchbrechen und sich in das Reich des nrnndus intellegibilis hingestalten, er soll, in der Sprache Nietzsches, ein Hinübergehender sein. Die Bibel nennt diese Haltung, die sie dem Frommen von dieser Seite der Religiosität anmutet, Mizwoh. Wörtlich: Forderung, Befehl, und zwar göttlicher Befehl. Wenn Bund (Berts) das Bild für jüdische Religiosität ist, so läßt es sich so auSdrücken: Dir Haltung des Menschen, der der Träger der göttlichen Forderung (der Mizwoh) ist, st die eine Form, in der der Bund zwischen Gott und Mensch, der Berts, Realität wird. Die eine Form. Das Judentum ist aber ein Zweifaches. Die andere Form des Bundes, der jüdischen Religiosität, ist die Haltung des Menschen, da er in sich von vornherein, und nicht als Erfolg des Strebens, geschenkt und nicht erwirkt, ein Sein entrisst, das ihn heraushebt aus der nurmenschlichen Sphäre, und durch, das er hineinragt in die wahrhaft menschliche Sphäre der Gottverbundenheit. War das psychologisch.Charakteristische bei der erstbeschriebenen Haltung die Anspannung, so ist hier die Entspannung das Bezeichnende, das Sichverlieren. Das Sichverlieren ist hier der religiöse Akt, in dem nunmehr der Mensch das findet, was er im Zusammenraffen seiner ganzen Kräfte erreichen wollte. Was im religiösen Akt der Mizwoh die sittliche Handlung realisieren Mißte, ist hier realisiert in der Feier. Der Mensch schließt dir Augen und meilenfern vom opfervollen Kampf der Welt sittlichen Handelns sinkt die am sittlichen Handeln geläuterte Seele — dies immer als Bedingung -— in ein Reich, in dem alles Handeln überslüstig erscheint, indem die Vollkommenheit dem Menschen nicht ausgegeden ist, sondern da ist durch Geschenk, durch Liebe, durch Gnade. So erlebt der Mensch den Sabbat. In der Haltung, die öie Feier des Sabbat bedingt, ist die andere Form des Bundes realisiert. Diese Zweiheit der religiösen Haltung ist bezeichnend für die fische Religiosität. Für die ganze Tiefe der Religiosität der Atzwoh erweckte neuerdings Hermann Cohen, von Kants impera- Avischer Ethik herkommend, das Verständnis seiner Zeitgenossen. Aber es scheint doch, daß diese Generation Cohens, so sehr deeinuu&f von dem Marburger Kantianismus ihres Führers, zu wenig Ginn aufbrachte für die Seite des religiösen Kosmos, in dem die öen Sabbat erfassende Religiosität entdeckt wird. Darin aber Nf gerade die Klassizität des Judentums, daß sie dieser Doppeltder Religiosität, die hier vorliegt, gerecht wird, nicht die eine "Ale im Interesse der andern vergewaltigt. (Sollte dieses Gehchtwerüen auch zugleich die Unmöglichkeit zur Folge haben, die gedeckten Tatsachen in einem theoretischen System zu meistern, änd diese Unmöglichkeit ist für ein System! der Vernunft sicher . Wenden wir uns nun der Idee des Sabbats zu, der Haltung Ar Frömmigkeit, die erwacht sein muß, wenn die Feier des Sabbats, hinauswachsenü aus der Enge einer sozialen Institution -- - - - » erkannte Cohen den Sabbat), hinauswachsend ferner aus der Starrheit eines vol'khafien Festes und Rituals, wirklich erlebte Religiosität wird. Die Sonderbetrachtung dieses religiösen Erlebnisses, das uns zur Erfassung der Sabbatfeier befähigt, muß immer daran festyalten, daß dieses hier vorliegende Erlebnis in seiner ganzen Mächtigkeit nur in solchem Bewußtsein austreten kann, dem auch das andere Erlebnis, das der sittlichen Forderung, der Mizwoh, zugänglich ist. Denn schon im Erlebnis der sittlichen Forderung und in der Erfahrung, die ein solcher Forderung Genüge tuendes Leben beschert, fühlen wir uns herausgehoben aus der niederen Sphäre allzumenschlichen Seins, und diese Erhebung mit ihrem beglückenden Gefühl ist schon aufbamend für das Seligkeitsgefühl, das das Sabbaterlebnis ausmacht. Bei aller Entsagung, allem Kampf, wodurch das Gesetz eines sittlichen Lebens wirksam wird, bleibt doch dieses Gesetz ein geschenktes. Denn gewiß führt uns dieses Gesetz von den glücklichen Häfen geruhsamen Lebens weg: In einer Welt, in der die andern den Tag genießen, so wie er ist, rüttelt dieses Gesetz uns auf aus solcher Ruhe und übergibt uns eine Sendung, von der der Tag nichts weiß. Aber bei allen Opfern, die solches Leben ausmacht, ist solches Leben doch glückliches Leben. Das Gesetz, das es durchwaltet — und das nicht mchr Gesetz des Lebens ist — hebt es aus der Sphäre des Lebens und dessen Glück und Leid heraus. Ein neues Glück und ein neues Leid kennt das vom sittlichen Gesetz geformte Leben. Der Mittelpunkt solchen Lebens ist gebildet von einem Gefühl der Seligkeit, das entsteht, weil das menfchliche Leben, in dem es Träger des sittlichen Gesetzes wird, notwendig als begnadetes Leben angesehen werden muß. Ein psychologischer Ausdruck dieses Seligkeitsgefühles ist der Auserwählcheitsglaube: Wir sind die, die sein Gesetz kragen, die andern sind dem Gesetz gegenüber gleichgültig, oder folgen chm nicht in der klaren Bewußtheit seiner Erhabenheil (Autonomie), sondern weil es sich ihnen in der Form der Tradition oder Konvention Larbietet (Heteronomie). Das Seligkeitsgesühl also, das mit dem bewußten Ergreifen des sittlichen Gesetzes verbunden ist, führt uns zum Sabbat, an dem wir uns des Gegebenen und nicht des Aufgegebenen des Sittengesetzes bewußt werden. Bei aller Anerfüllbarkeit dar sittlichen Aufgabe bekommt der Mensch durch seine Teilhabe an chr eine Erfülltheit, deren seliges Bewußtsein die Sabbatfeier'ausmacht. Am Sabbat besingt der Mensch sein seliges Schicksal, daß er durch die Möglichkeit des sittlichen Tuns Zutritt hat zu einer Gemeinschaft von Personen, die bei aller Verschiedenheit ihrer Ziele doch gemeinsam haben Liese spezifische Leistung der Zuwendung zu der Sphäre eines Seins, die — was immer 'sie sein mag — als bloß menschliche nicht mehr charakterisiert werden kann. Der Auserwählcheitsglaube ist eine rational-theologische Formulierung solchen Glückserlebnisses und im Interesse der Verdeutlichung des hier vorliegenden Erlebnisses wird es immer gut sein, Erlebnis und dessen rationale Formel von einander zu halten, ja es wird gut sein, darauf hinzuweisen, daß der AuSerwählcheitsglaube nicht die einzige Formel für dieses Erlebnis ist, die wir in der Religionsgeschichte finden. Die Lehre von dem Eingeborensein Gottes im Menschen ist nichts anderes als solch eine Formulierung eben jenes Glückserlebnisses, auf das wir in unserer Erörterung des Sabbats notwendig stoßein. Doch ist die Formel der Auserwähcheit, obwohl sie ein bestimmtes, wertvolles Sein im Menschen bezeichnet, das da ist durch Geschenk, sie also dasselbe leistet, wie die Formulierung vom Eingeborensein Gottes im Menschen, trotzdem deshalb glücklicher, weil bei chr die lieberleitung zum Tun ohne werteres gegeben ist. Alles Erwähltsem ist Erwähltsein zu etwas. Die theologische Formulierung vom Eingeborensein Gottes im Menschen hat den Mangel, daß sie das Erlebnis, das sie treffen will, nach einer bestimmten Richtung hin deutet, in das Erlebnis etwas hinemträgi, das in ihm doch nicht ausgesprochen ist. Gewiß ist die Tatsache, daß das Gefühl der sittlichen Verpflichtung in uns spricht, von einer für unsere EMenz so tief ausschlaggebenden Bedeutung, daß das selige Bewußtsein des Besitzes solcher Anlage nach einer so hohen Formel wie sie das Eingeborensein Gottes im Menschen ist, greifen wird. Aber diese Formel darf nicht vergessen machen, daß das, was uns so beseligt, nur durch das Tun zu dauernder Erscheinung kommt. Jenes Glücksgefühl, jene Seligkeit, welch«" die Sabbatfreude meint, leuchtet nur in uns als sittlich Handelnden auf. Es ist die — immer wiederkehrende — Ansicht, die jede Dekadente neu gefunden zu haben glaubt, es könnte das Hohe im Menschen anders als durch entsagendes Tun festgehalten werden. Bezeichnen wir dieses Hohe im Menschen, durch das unser Schicksal prinzipiell bestimmt ist, als Erwählung, so ist von vornherein solcher schiefen Auffassung leichter der Weg abg-eschnttten, weil eben Erwähllmg doch nur Erwählung sein kann zu einem Tun. Aber zu diesem erhebenden Gefühl des sittlich Aktiven, welches die theologische Formel von der Erwähltheit meint, und welches uns schon zum Sabbat zu führen geeignet ist, kommt doch noch ein ganz besonderes Erlebnis, welches evst das ganz Spezifische des Sabbats ausmacht. Dieses Erlebnis, das nunmehr gemeint ist, befähigt, in der lebendigsten Aktion des sittlichen Lebens plötzlich ruhig still zu stehen, den Blick und die Sorgen abzuw-enden von dem zufälligen Ziel der Aktion und deren Schicksal, beides zu vergessen, und ruhig und glücklich um sich zu sehen in einer Welt, in der die Sonne scheint und das Grün sprießt, sich dankbar umzusehen m einer herrlichen Welt, in der zwar sittliche Aktion mit ihrer Tragik und ihrer Erhabenheit notwendig ist, deren unendlicher Reichtum aber durch solche Notwendigkeit nicht gemindert wird. Ja, diese Notwendigkeit erscheint vielmehr noch einen Teil des Reichtums auszumachen. In solcher stillen Stunde sind wir jenseits von Gut und Böse, jenseits aller sittlichen Kämpfe, da wird der durch die sittliche Erfahrung geläuterten Seele ein Friede zuteil, der sie vom sittlichen Tun abhält und doch auf einer Höhr bewahrt, auf die sittliches Tun hinsiredt. Solche heilige Ruhe ist nämlich keineswegs das Fiasko der sittlichen Aktion: sondern gerade durch solche Ruhe bekommt die Aktion eine Sicherheit und eine Kraft, die den möglichen Erfolg garantiert. Es fehlt jede Exaltiertheit, durch die der Erfolg einer sittlichen Aktivität, die von der Erfahrung solcher Ruhe nicht begnadet ist, schließlich scheitern muß. In der Bibel ist dieser Üebergang von sittlicher Aktivität zur sabbatlichen Ruhe plastisch dargestellt in der Erzählung von der Opferung Isaaks. In der Gesinnung, das Opfer zu bringen, erfährt Abraham die gnadenvolle Gewißheit, daß auf das Opfer verzichtet ist. In der Gesinnung des sittlichen Entschlusses liegt ein opferbereites Wegwerfen von Glück und Frieden und aus dem Wege solcher Opfer ersteht Glück und Frieden. Sittliche Gesinnung führt zum Tun, sie ist opservolles Entsagen des Friedens, der Ruhe und des Glücks im Interesse der Tat, und diese Gesinnung ist es, durch die wir Frieden, Ruhe und Glück erfahren und nunmehr behalten dürfen, durch die wir den Sabbat erfahren. Hier müssen wir nochmals jenes Charakteristikum jüdischer Religiosität betonen, so wie es schon bei der Unterscheidung der theologischen Formeln von Erwähltheit und Eingeborensein Gottes im Menschen geschcch. "Gewiß nämlich führt uns der Sabbat in eine neue Welt, die durchaus anders aussicht, als sie sich dem sittlich Handelnden darstellt. Aber wir dürfen nicht vergessen, wenn wir auf dem Boden des Judentums bleiben wollen, daß der Sabbat nur für den sittlich Handelnden da ist. Welche Abirrung hier als Gefahr droht, mag der religjonsgeschichtliche Fall, den Paulus darstellt, veranschaulichen. Der entzückende Ruf des Paulus: Das Gesetz ist erfüllt, ist verständlich für jeden den Sabbat erlebenden Juden. Wenn die Botschaft des göttlichen Gebotes, der Mizwoh, uns aufwühlt, daß wir alle Ruhe meiden und wir nur Ruhe finden in Kampf und Streben, so unterbricht die Botschaft des Sabbats diesen strengen Dienst, den uns die Mizwoh aüflädt und gibt uns Frieden. Am Sabbat laben wir uns an der vollkommenen Welt. Alle Gebote schweigen am Sabbat und sind überflüssig. Eine heilige Stille geht durch die Weit. Der Sabbat gibt der aufgewühlten Erde Frieden, wir sehen sie überflutet von einem Licht, das uns tröstet und froh macht. Das Leben ist nicht nur „Material der Pflichterfüllung" (Fichte), nein, das Leben ist auch schönes Leben. So lehrt uns der Sabbat. Wir empfinden das Leben nicht mchr allein als Aufgabe, sondern auch als Geschenk. Wenn wir es können^ habeil wir den Sabbat erfahren. Wir fühlen uns dann getragen von einer sicheren, gütigen Hand und vergleichen uns den Lilien auf dem Felde, die vollkommen sind und doch von keiner Strenge einer sittlichen Forderung wissen. Wenn wir also den Sabbat erleben, dann ruft es in uns: Das Gesetz ist erfüllt. Auch der Talmud spricht dies aus, wenn er sagt: Schabvos schekullo kennägäd Kol hamizwaus: der Sabbat wiegt alle Gebote auf, wer den Sabbat begeht, erfüllt damit alle anderen Gebote. Mit dem Erlebnis, daß das Gesetz (hebr. Mizwoh) erfüllt fei, ist Paulus also noch immer Jude. Seine Abkehr vom Judentum liegt anderSwo. Sie liegt darin, daß er dieses sabbatliche Erlebnis von der Erfülltheit des Gesetzes, das in uns doch nur cmfteuchten kann, stärker oder schwächer, je nach der verschiedenen Begnadung des Individuums und im selben Individuum zu verschiedenen Zeiten immer verschieben, zu einem statischen Zustand gestalten will, daß er es als möglich hinstellt, dieses Seligkeitserlevnis erwerben zu können, ohne in die Verpflichtungen sittlichen Lebens eintreten zu müssen. Durch den Leidensweg Eyristi sei ein für allemal die Menschheit vom Gesetz erlöst. Eine imitatio Christi müßte nach Paulus eigentlich verwerflich sein, denn sie zeugte vom schwachen Glauben an die Erlöserbai Christi. Eine imn. t o Christi wäre ein Rückfall ins Gesetz, und Rückfall ins Gesetz nennt Paulus Rückfall ins Judentum. Ganz im Gegenteil wurde auf dem Boden des Christentums eine imitatio Christi immer gefordert,' nicht nur im protestantischen, sondern auch im traditionssttengeren kacholischen — es trage jeder sein Kreuz — und damit der pauli- Nische Standpunkt wieder aufgehoben. Er kommt letzten Endes, um dies für sein Verständnis und seine teilweise Rehabilitierung zu sagen, daher, daß im Menschen vieles von vornherein angelegt ist, das sich dem Guten so selbstverständlich zuwendet, daß die strenge, atttestamentliche Forderung unnötig erscheint. Der Mensch ist in vielem zum Guten begabt, und insofern ist er des Befehles, es zu tun, enthoben, ist er vom „Gesetz erlöst". Er ist „schöne Seele", wozu also, heißt es, noch ein kategorischer Imperativ? Gewiß ist dem in manchem so, aber ebenso gewiß ist, daß jeder, und sei er der beste, an eine Grenze seirier Person kommt, wo diese Begabung für das, was sittlich gut ist, aufhört. An dieser Stelle beginnt die strenge Forderung, beginnt das Gesetz, von dem uns nichts erlöst, sondern dem wir in Entsagung zu gehorchen haben. Diese Grenze wird bei jeder Person anders svin: aber La ist diese Grenze für jeden, und an dieser Grenze ertönt der Ruf oer Mizwoh, die Grenze zu überwinden. Hier beginnt das sittliche Leven mit seiner Erhabenhett und seinem Leid: mit diesem Zwischen von Segen und Fluch, so wie eS das Alte Testament beschreibt, beginnt der enge Steg zwischen Gut und Böse, dieses gefährliche Schwanken, dieses nie endende Hin und Zurück. Davon erlöst uns nichts, aber wer will denn davon erlöst sein? Sich mit Seligkeit in diesen schweren Geisteskampf stürzen, das ist jüdischer Glaube, der deswegen auch die Seligkeit des Nichtkämp-fals» die Ruhe der sadbattich erfüllten Welt kennt und verlandet. Der aber auch lehrt, daß der Sabbat nur da ist für dem Träger der Mizwoh: Rur der kann erfahren die SeliMeit von der ErfüllHeit des Gesetzes, der die Seligkett des Dienstes im Gesetze erkennt. Was hier vorliegt, ist ln Wahcheit ein Kreis. Man kann bei einem Kreis nur willkürlich Anfang und Ende zeigen. Die Mizwoh führt Mm Sabbat. Wir erfahren bas Glück des Sabbats nur nach entsagendem sittlichen Handeln. Aber wenn wir es erfahren haben, dann verstehen wir, daß eS da war, auch bevor wir es erfahren haben und begreifen, daß der Sabbat es war, der uns. zur Mizwoh führte. Denn olles Tun ist das Aeberquellen der. seligen Person zu verstehen. Ein Mensch ist um so aktiver, je tiefer das Glück ist, das in seiner Seele eingeschlossen ist. Nichts ist falscher als Sähe: Not lehrt beten, Not macht erfinderisch. Nie ist Not geistig produktiv, der Anlaß kann sie höchsbens sein, sich des vergesse.nen Besitzes zu entsinnen, da4 überquellende Glücksgefühl der Person ermöglicht das Beten. Gebet ist ein Erfassen des höchsten Gutes, von dem unsere Seele weiß. Nicht die Not, der Reichtum unserer Seele ist der Grund des Gebetes, und sittliches Handeln ist auch ein solches Hinaustragen des Glückes der seligen Person, sie erzählt im sittlichen Handeln der Welt von oem Strahlenden, das ihrer Seele sich offenbarte. So wird der Mensch vom Sabbat zur Mizwoh geführt. Je tiefer er den Sabbat erfuhr, um so aktiver wurde er befähigt als sittliche Person. Die Botschaft >des Sabbats ist aber diese: Gott ist da. Er ist nicht jenseits des Meeres, er ist in keinem weltenfernen Himmel, er isi nicht zu unbegreiflich. Gott ist da, der Wett eingeboren, bei dir. Und diese Botschaft isi notwendig Freudenbotschaft, Warum? Zündet die Sabbatlichter an und erfahret es. Es ist so, II. Wie feiern wir den Tag, der uns als Sabbat gilt? Wie erfahren wir ihn? Am Sabbat schweigen alle Gebote. Rur ein Gebot nicht, und das heißt: Du sollst den Sabbat heiligen. Wie ist dieses Gebot zu verstehen? Me kann das Nichtwollbare Gegenstand des Millens werden? Der Sab^bat muß doch zu uns kommen. Diese passive Haltung demütigen und vertrauensvollen Wartens, wie sie am Freitag abend zum Ausdruck kommt, wenn die betende Gemeinde sich beim letzten Vers des lecho daudi umdreht und zur Türe gewendet singt: Komme, o Braut — diese Haltung ist hier die richtige. In der Mizwoh, in der sittlichen Tat, geht der Mensch zu Gott, in der Feier des Sabbats kommt Gott zum Menschen. Wenn der Tag herankommt, den die Satzung der Gemeinschaft als Tag der Feier bestimmt, wer gibt die Gewähr, daß dann das Herz jedes einzelnen voll ist jener Gnade, die die Bedingung ist für die Feier? Kann man zerrissenen Herzen zumuten, sich zum Sabbat zu rüsten? Die Problematik, die hier in dem Gebote: Du sollst den Sabbat feiern, vorliegt, ist schließlich keine andere, als die Problematik, die auftreten muß, wenn man von Liebes- und Glaubenspflichten spricht. Daß Liebe nicht geboten werden kann, ist schon sprichwörtliche Einsicht. Der Sabbat als Erfahrung der auf sittliche Leistungen zurückblickenden Person (eigene sowohl als fremde), kann zunächst gar nicht Gegenstand des Erstrebens, des Willens werden, genau so wenig wie Liebe und Glaube. Wo es der Fall ist, müssen bedauerliche Erscheinungen enistchen. Alles „Glaubenwoll-en" und „Liebenwollen" ist nicht Glaube und ist nicht Liebe, sondern zeigt vielmehr deutlich an, daß Glaube und Liche fehlt. „Du bist boshaft, weil du religiös bist", so charakterisiert Strindberg in seinem Stück „Nach Damaskus" eine Person, die die Haltung des Glaubens annimmt, ohne innerlich bestimmt zu sein. Nichtsdestoweniger hat es guten Sinn, von Liebes- und Glaubenspflichteu zu reden, wenn man meint, den Willen zu richten — nicht auf Liebe und Glaube —sondern auf solche Form des Lebens, dem Liebe und Glauben wesensmäßig anhasten. Das Vorbild einer religiösen Person und die Plastik ihres Tun und Lassens wird hier das sein, was von dem auf der Stufe der Liebe und des Glaubens noch nicht Stchenden aufzusuchen sein wird. Daß er hier lernen soll, kann man fordern.

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