Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 28 (10.7.1925)
- Date
- 1925-07-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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HusKderi Ukraine^ fragt {<3teni"Juden ftel uns>Pkr xr^6M,-'V»r^ strotz allem und, altem Lade bleibt — und dann sagt, ob wir ‘ nicht durch unser Aushcuren die treuesten Pioniere des Weltfriedens. waren! O ja, wir wissen, was Blut bedeutet, Mut der Körper und Blut der Seelen. Denn für den Glauben gaben wir jenes »nd für den Glauben weihen wir dies. Und nicht wenige von den 12 000, die in dem Weltkrieg gefallen find, haben es freiwillig damals getan für die Idee des Dal erlaub es. Aber weil wir für Ideen sterben gewußt, so Lurchen wir cs als (Entfiel ausstellen: für Ideen zu leben — dazu sind wir da! Ja, uns ist Weltgeschichte nicht btöß Weltgericht, uns ist Weltgeschichte heiße Wellliebe — Weltliebe z« dem heiligen Weltleben! Und daher, wende ich mich zum Schluß an euch, ihr jüdischen Brüder und Schwestern! Waren u>lr bisher vielleicht nur passiv im Arbeiten für Len großen Gedanken, die Menschheit durch Frieden einander zu nähern, so laßt uns von Tag zu Tag mehr aktiv in dieser grandiosen Bewegung sein. Und vor allem: Jüdische Jugend heraus! Seid ihr stolz aus die Worte jenes Propheten, der es schon vor Jahrtausenden der Menschheit gesagt: daß man Lanzen dereinst zu Rebmessern schmiedet; stolz darauf, daß wir an den heiligsten Tagen — am Neujahr und am Vcrsohnungstage die heilige Allianz der Völker erflehen, so sollt ihr in Zukunft die Weltgeschichte mitformen in jenem dreifachen Sinn: der Zukunft, des Menschen, des heiligen Lebens! Ein neues Feldgeschrei sollt ihr erwählen, den herrlichen Ruf aus uralter Zeit: Adonaj schalom! Gott will den Frieden! deu^Friedenl^den Frieden! Rabb, Dr. G attchch a-l 6, Berlin. positiver Liberalismus. Bon Hans Norden- Elberfeld. Die-das^ Wesen jeder liberalen Gesinnung -ausMachendr FMheit und elastische Unmittelbarkeit der geistigen Einstellung bedeutet zugleich die schwere Probe auf die Erfüllung und Tatwerdung der von ihr propagierten Gedankengänge. Jüdischer Liberalismus im weitesten Umfange kennt nur dieses eine Ideal. Befreiung und Erlösung, Entfesselung und Vergeistigung des Judentums. Daß Judentum -uns Bewegung, Leben, Befreiung, nicht Erstarrung, Verkrustung und Tod ist, das heißt, es liberal, als einen empsangsbereiten Organismus ausfassen. Liberalismus ist die Bejahung des Prinzips der Entwicklung, hier der Anerkennung jüdisch-religiöser WaMungssährgkett. Soweit das seettschweltanschauiiche Fundament, von dem alle einzelnen Inhalte wie von der unendlichen Kraft tiefen Glaubens getragen sein müssen. Daß unser Juden tum mit dieser vertrauenden, zuversichtlichen Hoffnung und Berettschast zur erlösenden Kraft des jüdischen Gedankens steht und fällt, das heißt jüNsch-liberal sein. Wahre Liberalität ist die Bestätigung und Kräftigung eines Gedanklichen und Seelischen. Jüdischer Liberalismus aber ist die Potenzierung dieser These, wenn Judentum die Verkündung und OfserchArung reinster Idealität, brennendster Sehnsucht nach Erlösung und heiligster Prophetie allmenschlicher Liebe ist. Nach innen gewandt, unser tiefstes Selbst suchend, also sollen wir liberale Juden sein. Liegt darin nicht schon ein Pleonasmus, soweit, wie betont, Judentum den Auszug aus dem Reiche seelischer Versklavung und gedanklicher Amfruchtbarkeik bedeutet? Ja, wenn wir den tiefen Sinn echter Freiheit fasten, wenn wir sie begreifen können - ÄS unfere höchste religiös-ethische Aufgabe und Verpflichtung. Kategorien wie Freiheit, Seldstverantworklichkeit, Autonomie^ können fruchtbar werden nur dann, wenn wir jenes „frei nwgo" als unsere heiligste Parole verkünden. Daß Liberalismus jedoch, der sorMlos ungestalteten Maste nur die Verkündung des so leichten, aller Verpflichtung ledigen und darum rrchüdrschen!^fner. wovon" war und leider noch ist, daß heißt die ErzielMug ««freier, oecantwortungÄoser, zur letzten Konsequenz unfähiger Aäturen. Daß wir,, d^verzerrende Dogmaitisierung des Judeichumsablschueude Bekenner jüdischer Evolution, nicht rückwärts, durch nivellierende Verflachung echter Freiheit, aus dem Liberalismus wieder ein Dogma machen, das bäieutet unsere Versuchung. Wer dieser Versuchung unterliegt und jüdischen Liberalismus -Äs die aOeäntoe Abschaffung orthodoxer Bindungen begreift, hat damit ferne Gedankenarmut und das Nichtverstehen jüdischer Freiheit gegeigt. WaS denn besagt der -immer noch so notwendige Kampf gegen den JnLi-fserentismus anders, als daß entfruchteud-e Gleich- «Migkeri das gerade Gegenteil -leuchtender Freiheit, nämlich das Dogma der Negativität und darum innerer Unfreiheit, seelischer Verkümmerung, jüdischen Untergang bedeutet. Nun weiß ich zwar, daß mit der starken Betonung gedanklicher Freiheit wir nicht im luftleeren Raum abstruser Rationalität leben. Sehr wahr: doch jede Konzession, die wir tötenden, unfreiheitttchen Bindungen mach-ea, sollte darüber nicht vergessen die Erhabenheit und ideelle Reinheit unseres, des liberalen Judentums. JMschLr*MrrÄisMs"-al-^''ist mEWeg Ä3E- Prinzip fefioehdlteu, so ist damit jede, für unsere seMsche Befirenzcheit oft so nötige, -rein menschliche Bindung bejaht. Entagen wir dieser, starke Freiheitlichkeit niemals einengenden weltanschaulichen Grundtatsach«, so verleugnen wir damit uns selbst. Es bedarf nicht erst der Betonung, daß schwache Kompromitzlerei und methodische Skepsis mir fern liegt. Am Gegenteil kann liberales Judentum nur die Begeisterung für die Umbedingtheit und tätige Kraft der Idee sein. Daß wir vor lauter ,^iberaiitä-t" und .Idealität" der Kultur! osigkett eines absoluten, des spezifisch JMschvn entblößten Nichts verfallen, bildet di« Gefahr deutet den Starken Gnade. Soweit unsere Stellung und unser Bekennen zu uns selbst. And nun die anderen. Zunächst sei f-rstgesteltt, daß über alle religiöse und national« Parteigruppierung hinaus wir alle Juden find. Ferner, daß jüdifch-religiöfer Liberalismus als solcher die Monistische Ideologie nicht ausschlietzt. Den konträren Widerspruch zu unserem Liberalismus bildet allein die Orthodoxie; denn religiöse Liberalität und konservative Stagnation sind schlechthin unvereinbare einander ausschließende Dinge. Soweit das ganz elementare Gefühl der «ns olle als Juden einigenden Solidarität. Die uns andererseits trennenden Momente logischer, weltanschaulicher und seelischer Art können im Rahmen dieser Ausführungen nicht diskutiert werden. Ich berührte diese PrMeme nur, um nun auf di« fundamentale Audersartigkeit beider, der zionistischen und orthodoxen Einstellung einerseits und der ILeralen Praxis andererseits hinzuw-risen. Nicht trotzdem, sondern weil ich entschieden liberaler Jude bin, darum glaube ich, verpflichtet zu sein, auf diejenigen Elemente der andersartigen jüdischen Einstellungen hinzuweisen, von denen auch wir lernen können. Daß hiermit alles andere ate -eine, wie auch immer geartete Wertrangisrung gemeint sein kann, ist selbstverständlich. Im Wesen jeder extremen Anschauung liegt die sie bedingende Intensität und Jntransigenz -ihrer Forderungen. Dieser primäre Extremismus aber bedingt durch den zu ihm gehörenden Mut gesellschaftlicher Abschnürung das sekundäre Element der Minorität. Deren typisches Merkmal ober ist das geistige und praktisch-pölltische Feuer, ein idealer Enthusiasmus und die Anbedi-ngtheit seiner Verwirklichung. Weil eben liberales Judentum nur den Gesamtkomplex werthaitiger Tradition sowohl wie gegenwärtiger Größe und zukunftssicherer Wahrheit bleutet, darum Möchte ich, daß wir in unserem Gebaren bewußter, stolzer, heldenhafter, jüdischer würden. Gewiß, die Eigenart der von uns vertretenen Idee bedeutet «in Mehr an geistiger Durchdringung, weltanschaulicher Fundamentierung und philosophischer Analyse. Wiederum weit entfernt von einer Abstufung auf oer Skala drr Werte, heißt Zionismus z. D. die Jnembeziehung so vieler, zunächst spezifisch unjüdischer, ja ungeistiger Tatsachen, die aber nrngekeyrt wieder die Erleichterung jüdisch-nationaler Taktik bedeuten; heißt Orthodoxie das sich Klammern an eine Unmenge uns nichtssagender, durch ihre deutliche Veranschaulichung und den starken Symbostvert ober fest zusammonkRender Gebräuche -und kultischer Verrichtungen. Ms liberale Inden abstrahieren wir vyn diesen, hier als Erleichterungen fpegi-ftfch zionistischer oder -orthodoxer VerwiMichnng gekennzeichneten Elementen. Wenn w»r aber ein Positives aus beider, innerwie autzer-seMscher Einstellung, entnehmen können, so werden wir es tun Mt dem Bewußtsein, daß Güter und Werte ihre Kennzeichen nicht verlieren können dadurch, daß sie aus den anderen Lagern stammen. Wir müssen heraus auS der psychologisch so verständlichen, durch unsere Majorität nun einmal besteheirüen Lethargie. Es ist so oft darauf hingewiesen worden, daß überzeugungstreu«, ihrer ganzen VerantworMchkeit bewirke Führer uns zwar iricht fehlen, daß diese aber auf verlorenem Posten stehen, wenn eine indifs-rreme Maste chnen nicht folgt, ja zu folgen nicht einmal gewillt ist. Man werde sich doch dessen bewußt, daß Judentum im heroischsten Sinne alles andere als eine angeborene Selbstverständlichkeit ist. Ja, selbst einen geistigen Kapitalismus in dem Sinne, daß durch die bloße Existenz an-gesammelten Wissens und durch eine wirtschaftliche Kausalität uns seelische Zinsen erwachsen, gibt es nicht. Unser Judentum können wir „erwerben und besitzen" nur durch stetes Wachsein, durch tiefe Einfühlung und durch di« Reinhett -unseres jüdischen Willens. Religiös liberale Joden im klassischen Sinne des Wortes können wir werden nur durch tätigen Heroismus, durch absolutes Einstehen unserer ganzen Person für die innere Wahrhaftigkeit der gelebten Idee und den organisch gefestigten Ausbau unseres ganzen Seins. Das eben bedeutet jüdische Freiheit, daß wir, unserer eigenen Kraft bewußt, uns -der Verwirklichuirg unseres Judentums opfern dürfen. Zur Freiheit aber gehört viel Entsagung und Verzicht, viel Selbstverleugnung und tiefe Demut. Nur auf diesem Grunde ist wahre Freiheit möglich, und nur auf ihr ein echter jüdisch-religiöser Liberalismus. ünsere Aufgabe. beging die AarWruQtr S,meli>dr dle-Feier des rojöhrige 2kestehenr ihrer oleuen Synagoge. Nach dem Sotteedlenff fand »in Fe«, mahl statt, zu dem der Synagogenrat die Berireter de« Badischen Obcrra« der Israeliten und der an<vä«igea Gemeinden elnaeiaden Halle. Hierbei hielt v. a. Herr Geheimer Oderreglrrungyrai vr. Mayer nachstehende be. achtcaswrNe Rede; der Sprecher stand beinahe vier Jahrzehnte hindurch an der Spitz« der Dadischen Zudrnhelt; was er sagte, gründet sich aus die reichen Erfahrungen einer ausgeprstgtea Pers-nlichtett. Ich habe als Primaner am hiesigen Gymnasium den Brand der alten Synagoge und den Beginn des Neubaues mit angesehen. Von 1877 an bin ich dann ununterbrochen im Staatsdienste hier tätig gewesen. Bon Kindheit an in streng religiösen Traditionen ausgewachsen, voll warmen Interesses fjst alles Jüdische, darf ich sagen, daß ich nahezu wie ein ge» borener Karlsruher mit den hiesigen Gerneindeverhältnissen. j„ die ich mich allerdings niemals eingemischt habe, von Grund aus vertraut geworden bin. Haben mir nun Veranlassung, im Hinblick auf die seit Erbauung der Synagoge verflossenen 50 Jahre unseres Gemeindelebens zu jubilieren? Wir wissen alle, daß unser Gemeindeleben — ich habe jetzt nur unser religiöses, unser gottesdienstliches Leben im Auge — noch lange nicht mustergültig geworden ist. Manche unter uns, namentlich unter der jüngeren Generation, spielen sogar mit dem Gedanken, daß man er bei dem „guten Alten" hätte belassen sollen und das; man am besten zu ihm zurückkchren würde. Diesen reaktionär Denkenden — ich bitte, diesen Ausdruck nicht als Beleidigung aufzufassen — möchte ich nur folgendes entgegenhalten: Die Karlsruher Gemeinde steht mit ihren gottesdienstlichen Einrichtungen, mit Orgel und gemischtem Chor,"nicht vereinzelt da, fast alle deutschen Großgemeinden sind ihr darin voran» gegangen oder nachgefolgt. Ferner: alle Anhänger dieser Neuerungen sind aus ursprünglich orthodoxen Familien hervorge» gangen. Die Orthodoxie vermochte das vermeintliche „gute Alte" bei dem weitaus größten Teil der modernen Iudenheit nickt festzuhalten. Auch die vielen aus Landgemeinden mit altherkömmlichen Einrichtungen in die Städte zugezogenen Familien haben sich mit verhältnismäßig recht wenigen Ausnahmen den fortschrittlichen Gemeinden, nicht den orthodoxen Religumsgesellschaften ihrer neuen Wohnsitze angeschlossen. Wie in der ganzen modernen Welt aus allen Gebiete« der Kultur, in der Politik wie im Kirchen- und Schulwesen, so gibt es auch im Judentum eine streng am Alten, am Hergebrachten hängende und eine fortschrittliche Richtung. Kein« dieser beiden Richtungen kann und sott ausgemerzt, vielmehr sollen beide nach Möglichkeit zum allgemeinen Besten gesondert werden. Wenn die Orthodoxie von sich glaubt, daß an ihren Einrichtungen, an ihrem Gottesdienst und an ihrem religiösen Unterricht, nichts gebessert zu werden brauche, wollen nur sie in dieser guten Meinung von sich selbst durchaus nicht stören. Als ich vor etwa zwei Jahrzehnten im Verordnungsblatt des Oberrats zur Beleuchtung der gegen diesen gerichteten Angriffe wegen angeblicher Verschuldung religiösen Zerfalls in Baden lediglich aus orthodoxen Blättern entnommene Klagen über bedenkliche Erscheinungen in angesehenen orthodoxen Gemeinden aller Länder zusammenstellte, hat man mir das in orthodoxen Kreisen sehr verübelt. Ich will es nicht wieder tun, sondern, wenn ich überhaupt in der Oeffenllichkeit das Wort ergreife, nur auf die Mangel in dem religiösen Leben und den religiösen Einrichtungen innerer liberalen Gemeinden Hinweisen. Wir Liberale sind auf den Grundsatz der religiösen Ent-- Wicklung eingestellt. Wir anerkennen dankbar die Be» strebungen unserer Vorgänger zur kulturfördernden, das Innenleben befriedigenden Gestaltung der religiösen Einrichtungen. Für uns ist jedoch das früher Geschaffene kein Dogma. Dir machen, wo sich Mängel zeigen, nicht allein die Sündhaftigkeit der modernen Menschen, sondern vielmehr die Mangelhaftigkeit des früher Geschaffenen verantwortlich und suchen unter Verwertung der seitherigen Erfahrungen zu bessern. Diese Besserung wird jedoch nie oder fast nie durch einfache Rückkehr zu dem Status unserer Großväter und Urgroßväter zu erzielen sein. Lassen Sie mich nur ein Beispiel anführen: Schon in frühen Zeiten des Mittelalters waren unser« Ahnen die Gottesdienste an Festtagen und ausgezeichneten Sabbathen zu einförmig geworden. Die Rabbiner hatten jedoch zunächst keinen Sinn für dieses Volksempfinden. Was geschah? Kantoren dichteten und sangen ohne rabbrnische Genehmigung Einlagen in den Hauptgebeten (in Dorchu und in Tefillas Schema von Schacharis und Mussaf). Sie fanden damit Anklang bei ihren Gemeinden und so setzte sich allmählich eine mächtige Reform, das Machsor, durch, das besonders durch die damit verbundenen neuen Melodien populär wurde. In- Morgengang Noch schlaft der Morgen— Grau und grenzenlos dehnt sich die Größe alles Ungeahnten. Steinerne Straßen ducken darin gebändigtdie aufdringlichen Hauser schwinden vor der großen - Da schließt hinter glühender Wolkenwand sStille.. Sonnenaufgang die Erde auf und überstrahlt sie mit Ewigkeit — Ich seh' hinein in Goft, wie er in Schöpfungsharmonie sich selbst verherrlicht. . Ma van Cleef. Gommemoi. Von L. Enp-ol!. Jawohl, die gibt's auch. Wintersnot bedeutet die körperliche Not — das Frieren, öle Armut, der Hunger, die ^Not -der Alten — der Gebrechlichen und LcdenSulüden. Derer, denen die Not auch nicht das NvtVendigstt gelassen. Denen das Bündel ReÄsig, der siedende Kesseetopfl das Dach über dem Kops altes bedeutet. Das ist die Rot der A-rrmsten der Armen. Wessen aber ist die Sommernot? Derer, die an Lebensfülle „leiden" — denen Frohsinn und Leb-rnslust die Brust -erfüllt — die die Kraft -des Körpers spüren — die Sehnsucht nach Freiheit — nach Sonne. And was finden sie. Dienst — Pflicht— vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Eine oder zwei Stunden Mittagspause, wo durch der Sonne Glut sie ihren Heirn-weg von der Berufsstelle antret-rn — ihr Mittagbrot hinabschlingen — schlapp und müde die freie Stunde im Halbschlaf verbringen — dann zurück zur Arbeitsstelle traben — weiter Dienst tun bis zum Abend — so Tag für Tag. And wer -i-st das? Ansere frohe, zukunstswillige öugend — junge Menschen mit Wünschen und Hoffnungen im Herzen BegeisierungÄville im Gemüt. So verbringt sie die Tage — Räder an der Maschine des Alltags. Der Sonntag, der freie Tag, lacht. Soviel war übrig, daß man den Fährmann bezahlt und drüben am andern Afer, nach der langen Wanderung von der Stadt weg, den Körper in Sonne und ' Luft «nd -im kühlenden Wasser badet. Jugend vereint uns — Singen und Tanzen, Tollen und Springen läßt uns Men — noch sind wir nicht ganz tot! Gang morden konnte uns der Alltag nicht. Aber die Zukunft — was bringt die? Werden wir lieben können? — Werden wir die Welt sehen dürfen? — Menschen? — Werke -- Denkmäler alter Zeiten? — Länder und fremde Sitten? Schrecklich verlorener Krieg — du erwürgst unsere Jugend — du tötest die Sinne — knechtest uns in ewigem Alltag! Möge Arbeit wieder lohnen — Frohsinn erlaubt sein — Lebensfreude anerkannt zur Gesundung der Welt. Lohnet die Arbeit — gebet der Jugend Ferien und Freiheit und die mäßigen Mittel, die Welt zu sehen. Sie lohnt's euch und bringt euch Fr-rude und Fülle mit von draußen herein — wärmt euch und freut euch — ihr alten Müden — zu Hause Gebliebenen. Versucht zu verstehen, wie eng den JuWvn heute die Welt geworden. And waren diese Worte an Sie gerichtet? Sie sprechen vom Antergang der deutschen Juden? Laßt die Jugend körperlich erstarken — am Leben froh werden; sie werden die ersten sein, die sich für Religiöses begeistern lassen — ö-rnn sie suchen ja den Sinn des Lebens außerhalb des Materiellen — sie suchen Reinheit und streben zum Hohen. Mittelalterliches. Im Spiegel deutschvölkischer Geschichtsforschung. Dem geistigen und sittlichen Niveau der ant'rsemttisch-en Tagesberlchterstattung entspricht vollkommen die deutschvölkische Methodik der Geschichtsforschung. Jüngst ist mir durch ZufÄl eine wahre Perle solch „wissenschastlicher" Gelstesprodukte in die Hände gefallen und die heitere Stunde, öle mir seine Lektüre verschafft hat, veranlaßt mtch, auch die Leser der jüdisch-liberalen Zeitung" aus dieses Werk aufmerksam zu machen, obwohl sein Erscheinen um volle drei Jahre zurückliegt. Es ist nämlich ein im Juniheft 1922 der Zeitschrift „Deutschlands Erneuerung" abgedruckter Artikel eines Historikers mit dem teutonischen Namen Alfred Rosenberg, „Der Antisemitismus". Dieser Auifsatz gibt einen Aeberblick über Äe Menge Rechte und Vorrechte, die die Juden im Altertum und Alillelalrer genossen haben. Als besondere Judenfreunde zählt der Autor die römischen Kaiser 9t ero und T i l u s aut. Daß der erster« den Krieg Hegen -den jüdischen Staat begann, den der letztere mit der Zerstörung des weltlichen und religiösen Zentrums der Juden beendete, scheint dem deutschvölkischen Geschichtsforscher ebenso entgangen zu sein wie die Tatsache, daß unter Nero im ganzen römischen Reiche die grausamsten Judenverfolgungen emsehten, weil man die „unerwünschten Gäste aus dem Osten" ftir -die armstürzlerischen mrö kommunMschen Lehren des Christentums verantwortlich machte, das ja tatsächlich in Palästina seinen Ausgang genommen hatte und -die Fundamente des Weltreichs untergrub. Mit dem Christentum haben sich die europäischen Erben der alten Römer inzwischen beikanntlich schon ausgesöhnt, bloß mit dem Kommunisrnns stehen sie -wach wie vor auf dem Kriegsfuß, wofür merkwürdigerweise auch heute noch das Judentum die Kriegs-Kosten zu zahlen hat. Herr Rosenberg allerdings bekämpft die Juden nicht als Bahnbrecher des Bolschewismus, sondern als Repräsentanten des Kapitalismus. Rach seiner Meinung war das -einzige Geschäft der m-itte-lalterlichen Juden der Wucher, obwohl ihnen angeblich bis ins 14. Jahrhundert die Handwerkszünste osfenstanden . . . Was die Juden in Wirklichkeit auf allen Gebisten des öffentlichen Lebens geleistet haben, die ihnen vorübergehend durch vorurteilssrerere Herrscher erschlossen wurden, davon weiß der deutschvölkische Historiker -nichts, obwohl die bekannte Literaturgeschichte von Wilhelm Scherer brispi-elsweise sehr interessante Dinge über die wissenschaftliche und literarische Kulturarbeit der Juden unter dem großen Hohenstaufen Kaiser Friedrich II. erzählt. Dafür ttscht Herr Rosenberg andere Folgen der ausnehmend guten Behandlung, die die Juden im Mittelalter genossen, auf, -die beweisen, wie üppig die paradiesischen Wonn-e-n des Ghettos deren Genießer machte, öo wußten sich diese kein besseres Sonntags -vergnügen — der Sonntag war bekanntlich den Juden im Mittelalter besonders heilig! — als eine Spazierfahrt auf den christlichen Friedhöfen. Kann man sich denn auch einen fideleren Ausflugsort denken? Leider verschweigt der Entdecker dieser jüdischen Lustbarkeit, mit was für einer Art Fahrzeug -man auf einem mittelalterlichen Friedyof herumkutfchieren konnte. Er verra. nur, daß die in raffinierten Genüssen so er sin der! schon Juden bei dieser Gelegenheit vollste Gala angelegt hatten. Die Habenkreuzler, die -in unseren Tagen die jüdischen Friedhöfe entweihen, zeigen jedenfalls, um -wieviel gesitteter sich Angehörige einer Edelrasse an den Gräbern Andersalaublger benehmen ... Dieser Gegensatz machte sich schon im Mittelalter bemerkbar und auch das vermittelt uns ein deutschnationaler Gefchichl^ forscher, Dr. Ferdinand Boz-u 1a, der vor längerer Zeit der Wiener „Urania" Sittenbilder aus dem deutschen Mittelalter vorführte. Dr. Bozuta repräsentiert einen seriöseren Gelehrtentypus als Herr Rosenberg, und seine Forschungsergebnisse sind jedenfalls ernster zu nehmen a-ls die Geschichtsklitterungen des letzteren. Mit um so größerer Genugtuung können wir feststellen, daß die Sitl-rnschWerungen Dr. Bozut-as eine wahre Rehabilstierung des Judentums gegenüber den Anwürfen des AntiseMtisnms repräsentieren. Denn die besagten „Sittenbilder aus dem