Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 28 (10.7.1925)
- Date
- 1925-07-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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haltlich und dichterisch waren die'Machsorstücke, wenigstens dis' des deutschen und polnischen Ritus, meist minderwertig. Sie verloren deshalb, als um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die moderne Bildung unter den Juden der Städte um sich griff, immer mehr an Wertschätzung, und zwar nicht nur bei den Laien^sondern auch bei den Rabbinern. Als diese dem Drängen nach Modernisierung und namentlich nach Kürzung der Gottesdienste nachgaben und die neuen Gebetbücher, wie das Berliner, da» Frankfurter, Breslauer, Mannheimer, schufen, war es mit!das erste, daß sie sämtliche Machsorstücke für die drei Wallfahrtsfeste mit alleiniger Ausnahme der kurzen Tal- und Geschem- Arieu beseitigten. Sie konnten sich theoretisch rühmen, damit zum ,Luten Alten", nämlich zu dem Zustand vor Einführung . des Machsor, zurückgekehrt zu sein. Praktisch aber bedeutete die Beseitigung des Machsor eine Verarmung der Aesttagsgottesdienste, weil die Verfasser der neuen Gebetbücher nicht Schzettig für einen vollwertigen Ersatz des alten Machsors sie«. Eine Verbesserung des gegenwärtigen Zustandes unserer «tagsgoUesdienste ist dringend geboten. Also, sagen unsere, heuttgM Reaktionäre, kehren mir zum guten alten Machsor Mrücki Sie kennen eben den Verlauf der Dinge nicht und besitze« sicht die genügenden hebräischen Kenntnisse, um ein- Mseyen, daß die einfache Wiedereinführung des alten Machsor f&c unsere modernen Gemeinden nicht die Rückkehr zu wirklichem Guten, sondern ein wahrer Verderb wäre. Wir liberalen Juden oettiaWen. daß das wahrhaft gute Alle — i nd das ist glücklicherweise außerordentlich viel — erhalten und daß das zweifellos Verallete durch Besseres, Len höchsten Anforderungen des Ziürentums Entsprechendes ersetzt werde. Nur Las ist wirklicher, ersprießlicher Konservatismus, und wir erwarten von unfern ^Führers, den geistlichen und welllichen, daß sie diesen Weg Zbeiönnsn, aber tatkräftig gehen. Auch die Orthodoxie sollte '„fön freue», wenn ans solche Weise diejenigen, die sie nicht zu sich herüberzuziehen und sestzuhalten vermag, wenigstens beim wenn auch bei ünem nach ihrer Ansicht minderjasetige«, erhallen werden. Ich Mieße mit dem Wunsche, daß alle nichtorthodoxen Skwb«tsgenossen, unter Vermeidung jeder Bekämpfung der orthodoxen Richtung, ja unter möglichster Unterstützung der orthodoxen Gsselsden, ihrerseits am wahren Fortschritt im Judentum festlnrllen Md ihn noch Kräften fördern. Religiöse Symbolik. Vov Hans Margolius. Das Unsichtbare sichtbar zu machen, das von Natur aus den Sinnes Verschlossene doch irgendwie der Wahrnehmung zu offenbaren — d a s ist das eigentümliche Paradoxon, das den Begriff des Symb ols bezeichnet. Da ist— ein Vieles dunkler Gefühle, ein gewisses Gerichtetsei» «rserer Stimmung, ein Stück Erinnern, ein Etwas unbestimmten Höffens und ein besonderes Empfinden des Moments — wir sagen „Freude" — und fassen so in einem Wort Grbar und vernehmlich das Ganze, das in alle diesem lebt. — Wir sehen ein Sichneigen, ein Niederknien, Weinen oder Lachen — und haben deutlich sichtbar: Verehrung, Demut. Schmerz ober Lust. — Wir fassen die streichelnde Bewegung einer Hand Mb fühlen den Atem leiser Liebkosung.- In dem Gesamtbererch der Symbole des Menschen: neben den Worten der Sprache, den Bildern der Gebärden und Künste nimmt die Symbolik des religiösen Lebens eine besondere und ausgezeichnete Stellung ein. Sofern Religion als Geschichte spricht, spricht auch sie in den Symbolen der Worte und Bilder. So prägt sie den Begriff von Gott. So stellt sie die Tafeln der Gesetze vor uns hin. Aber sie hat darüber hinaus, sofern sie Leben ist, noch eine andere, ihr allein eigentümliche Symbolik in Ritus und Zeremonie. Änd hier erscheint die allgemeine Paradoxie, die dem Symbolbegrisf zuqrundeliegt, vielleicht am stärksten ausgeprägt. Sprache, Klang, Gebärde und Bewegung verdichten sich zu der Erscheinung eines lebendigen Geschehens. In diesem Stück vollkommen konkretesten Lebens aber: hörbar, sichtbar, greifbar in Raum und Zeit bildet sich ein tiefstes Gefühl religiöser Ergriffenheit ab, ein Gefühl, das seinem Wesen nach unbegreiflich, über Raum und Zeit hinaus, jenseits jeder konkreten Erfahrung geheimnisvoll verwurzelt scheint. Doch es ist vielleicht gerade dieser seltsame Widerstreit: zwischen Inhalt und Form,^ zwischen irrealstem Sinn und realster Gestalt, der dem Weiheakt des religiösen Symbols seinen besonderen Reiz gewährt. Und gewiß sind Riten und Zeremonien, wie sie am reinsten dem Begriff des Symbols entsprechen, auch am reinsten und stärksten Ausdruck der innersten Wesenheit der Religion überhaupt. Das ist nicht Sache eines Zufallspiels, sondern notwendig gegründet in dem Strukturprinzip des Religiösen, das selbst im ganzen und im allgemeinen nichts anderes sagt als deutschen Mittelaller" stellen bereits alle ethischen Verirrungen, die heute als Folge der „Verjudung" Deutschlands hingestellt werden, schon zu einer Zeit bei den Deutschen fest, als sich zwischen jüdische und christliche Art noch Ghettomauern schoben. Wir hören zum Beispiel über eine der berüchtigsten christlichen Institutionen: ,Me Ketzergerichte suchten sich ihr einträgliches Amt zu erhalten, da ja die Verurteilung sich stets mit Vermögenseinziehung verband: reiche Leute zahlten den Priestern jede Summe, um sich vor Anklagen zu schützen." Das also war der Geist jenes „heiligen" Amtes, das seine unerhörten Grausamkeiten gegen Ketzer und Juden mit der erhabenen Aufgabe bemäntelte, dem christlichen Volke die wahre Religion rein und unverfälscht erhalten zu müssen. Die Keuschheit des deutschen Liebeslebens, das heute mit allen Mitteln — man denke an die Ermordung Dettauers und das Attentat auf Magnus Hirschfeld! — gegen den „Ansturm des Judentums" geschützt wird, erfährt folgende Beleuchtung: „Die Bewilligung des Gutsherrn zur Verehelichung mußte. zwar e'mgeholt werden, er ließ sich aber das ..ins primae noctis" in der Regel ab Kausen, wie die zahlreichen Ausdrücke beweisen, die für diese Zahlung überliefert sind: Frauen,ge ld, Schürzenzins, Hemden - schilling." Also gesetzliche Sanktionierung des Ehebruchs, gemildert durch einen alles überragenden Schachergeist . . . Die Sittenreinheit jener Zeit, der die klerikalen und völkischen Reaktionäre wie einem entschwundenen Paradiese nachwrinen, wird auch durch die bevorzugte Stellung des Dirnentums grotesk beleuchtet. Kaiser Sigismund, der letzte Luxemburger, wie sein Verhalten gegen Hus zeigte, streng ultramontan gesinnt, tanzt: während eines Aufenthalts in Straßburg im Jahre 1414 cuf offener Straße mit Prostituierten! In Wien bildete ein Wettlauf der Dirnen den Abschluß der Pferderennen . . . Die Laxheit des sittlichen Empfindens beschränkte sich im Mittelalter nach den Ausführungen Dr. Bozutas nicht bloß auf die Laien. Auch die Priester legten von ihr manch bezeichnendes Pröbchen ab. Anberührt von diesem Treiben blieb nur — diese Feststellung einer geschichtlichen Tatsache fehlte allerdings in dem zitierten Vortrag — das 3uü enquart ier. An den Toren des Ghettos prallte aller Schmutz des Lebens da draußen ab. Niemals haben die Juden die religiöse Gesinnung zum Handelsobjekt erniedrigt. Sie haben ihre eigene nie verkauft und die anderer nie zum Gegenstand einträglicher Erpressungen gemacht wie die allerchristlichsten K-eherrichter. Und nuch sonst hätten, was die Reinheit des Lebens betrifft, die größten Verächter der Juden von diesen am meisten zu lernen gehabt. .. Dr. H ugo S p j eg l e r, Men., Las, was der Symbolbegrisf im einzelnen und beförderen-bedeutet. Es ist die gleiche In-einsbildung der Gegen- K, die hier dem an fick stummen Fühlen unsrer Seele in Symbol des Wortes Ausdruck gibt, die dort «in dunkles unsichtbares Wollen in der Gebärde unferm Auge deutlich macht, die im Bereich der Religion das Ewige im Zeitlichen erscheinen läßt, das Endliche mit dem Unendlichen, den Menschen 'mit dem All verbindet. So kann es kaum verwunderlich erscheinen, daß im besonderen Symbol der Religion, in ihrem Ritus ihr innerlichstes Wesen am klarsten zu uns spricht; so ist auch die Zahl der Riten unL Zeremonien groß in jeder religiösen Gemeinschaft. Da sind die Tänze der primitiven Völkerschaften, die dionysischen Feste und die vielfachen Formen des Opferdienstes» dort sind die Glocken der Kirche, die Tanne der Weihnacht, das Abendmahl und die heilige Monstranz am Tag des Fronleichnam, hier die Lichter des Freitagabend, die Töne des Schofar, dir Schüssel Les Seder und der Becher Wein, den der Hausherr an den Rand des Tisches stellt, den Propheten Elia zu Gaste zu laden. - W i e aber wirken all diese Riten in bestimmtem religiösen Sinne? Und was bewirken sie, von welcher Art ist dieser Sinn, die Seele, die sie verkörpern- Alle Akte des Lebens erscheinen uns fimwoll, ziveckhaft und irgendwie zielgerichtet. Sv wird uns auch der religiöse Akt erst wahrhaft „sichtbar", wenn er zunächst einmal als äußerer Vorgang in sich sinnvoll strukturiert erscheint: wie auf ein Ziel gerichtet, wie zu bestimmtem Zweck gebaut. Doch dieser äußeren Form zweckhast, sinnvoller Gerichtetheit entspricht in ihm kein volles ganzes, irgendwie res les Ziel. So aber wird aus innerster Notwendigkett heraus dem sinnvoll geformten Akt ein anderes Ziel, ein Lieferer Sinn als Inhalt zugefüat: ein Sinn jenseits des konkreten Lebens, jenseits der realen Zwecke: im Gefühl des Ewigen. Und dieses ist auch vielleicht das einzige, was vom Gehalt, vom Sinn des religiösen Aktes sagbar ist. Was immer. im besonderen sein Gegenstand sein mag: ein Hoffen, ein Erinnern, Erhöhung des Moments, ein Zeichen des Beginns, ein Schlußakkord, — fein eigentliches Wesen ruht in der Verknüpfung alles diesen mit dem Gedanken einer ewigen Unendlichkeit, mit dem Gefühle eines glaubenden Vertrauens an einen Sinn der Well. An einen Sinn, der, über sein endliches Dasein hinaus, dem einzelnen im ganzen, dem Menschen Im ewigen Leben des Kosmos feine Stelle, feinen bleibenden Wert garantiert! r lforole des Vorstandes der Gemeinde Hannöver dem neugÄschaffe- >nen Heim einen vollen Erfolg. Das gleiche halte schriftlich Herr Pastor Eyne vom evangelischen Wohlsahrtsbund getan. Rach weiteren Ansprachen des Präsidenten der Kaiser-Fried rich-Logeim unabhängigen Orden Bne Brith, eines Spenders und des Herrn Jacob Meyer, der als Vorsitzender des Verwaltungsrates »das Heim übernahm, schloß die erhebende Feier mit dem Dortrage des »Halleluja" durch Fräulein Corel!. Aus de« Gemeinden. Bremen. Als erste jLLLsche Gemeinde in Deutschland nach dem Kriege hat die Bremer israelitische Gemeinde den vom Atter Gebeugten eine Heimstätte geschaffen. Mit unendlicher Mühe, Sorgfalt und Liebe gelang es, durch namhafte Spenden jüdischer und auch nichtjüdischer sozial interessierter Kreise Bremens dieses Werk zur Tat werden zu lassen, das schon lange die besten Köpfe und Herzen der Gemeinde beschäftigte. Bald nach dem Friedensschluß regte Herr Jacob Meyer au, ein Altersheim in unserer Stadt zu gründen. Schon schien die Verwirklichung des Planes nur noch eine Frage kurzer Zeit zu sein, als die Larvine der Inflation alle Pläne in den Wgrund hinunterriß. Die Leopold-und- Bella-Rosenak-Sttftung, anläßlich der Silberhochzeit und des gleichzeitigen 25jührigon AmtssubMums von hochherzigen Gebern zum Zwecke der Gründung eines jüdischen Altersheims in Bremen gestiftet, gab den Grundstock ab für das, was erst jetzt nach dem Tode des Gemeinderabviners Dr. Rosenack geschaffen werden konnte. Nicht unerwähnt bleibe die Rührigkeit «er Bremer Damen, besonders der Frau Michrl, denen es gelang, offene Herzen und offene Beutet auch in dieser Zeit für den großzügigen Plan zu gewinnen. Das Heim selbst, schon äußerlich ein stattliches, von einem großen Garben umgebenes Dillengebäude, ist auch -in seinem Innern ebenso geschmackvoll wie zweck-mäßig eingerichtet. Helle luftige Zimmer mit nicht mehr als zwei Betten, Schreibzimmer, Wohnzimmer usw. sorgen dafür, daß d-ie Bewohner dieses Heims hier nicht nur eine notdürftige Unterkunft finden werden, sondern ein Heim, das ihnen mehr sein kann und will als das, welches sie aufgeben. Die Einwerhungsfeier, die am 5. L. M. vor geladenen Gästen stattfand, nahm einen sehr würdigen Verlauf. Rach einem einleitenden Musikvortragr schilderte zunächst der Vorsteher der israelitischen Gemeinde zu Bremen, Herr Markreich, den Werdegang des Planes bis zu seiner Verwirklichung. Er wies daraus hin, daß einschließlich der 600 Quadratmeter Gartenland das Grundstück des Mersheims ein Areal von etwa 1200 Quadratmeter umfasse. Dieses Werk sei nur möglich geworden, weil man erkannt habe, daß Geben Pflicht sei. In Kürze beginne der Wirtschaftsbetrieb. Möge auch dann die Begeisterung und Anteilnahme aller an dieser Einrichtung niemals verlöschen. Damit übergab der Redner im Aufträge des Gemeindevorstand-rs das Heim seinem neugewählten Vorstande und Derwaltnngsrat. Herr Oberkantor Meergut trug dann meisterhaft das „Mah tauwoh" vor. Rach ihm ergriff der Rabbiner der Gemeinde Bremen das Wort zur Festansprache. Er führte aus: „Dieser Tag ist ein Tag froher Botschaft. Rur sich selbst ehrt eine Gemeinschaft, die für ihre Alten und Schwachen sorgt. Dieses Haus soll sich einreihen in die Wohlsahrtsemrichtungen der Gemeinde und Ler Heimatstadt. Des Mannes soll am heutigen Tage gedacht werden, dessen immerwährender Gedanke die Verwirklichung des Planes war, der von ihm geleiteten Gemeinde ein würdiges Heim für das Alter zu schaffen, des verstorbenen Rabbiners Rosenack. Diesen Bestrebungen hatte seine letzte Fahrt zur neuen Welt gegolten, von der er nicht lebend zurückkommen sollte. Den besten Lohn für all die rührigen Helfer bildet das Werk selbst. Jeder muß sich vornehmen, stets nach besten Kräften das Werk zu fördern. Der Edle sinnt auf edles Werk, denn edles Werk führt ihn selber hinan. Das Heim ist ein Haus des Dankes der Jugend an das Alber, der Schaffenden an die, deren Kraft erlahmt ist. Vor einem grauen Haupte sollst du aufftehen, ist nicht ein Gebot der Thora, ein Gckot des Herzens. Blumen der Liebe in reicher Fülle müssen in diesem Hause unsere Alten finden. Der Talmud erzählt, daß in der Bundeslade nicht nur die ganzen Tafeln lagen, sondern auch die Trümmer der ersten von Moses zerbrochenen Tafeln. Dieses Heim fei eine Hilfe in dem schweren Kampfe, den gegenwärtig das Älter durchkämpft. Unsere Zeit wird es einmal schwer haben, sich zu verantworten gegen den Vorwurf, das Alter geschädigt zu haben. Am die Früchte Jahrzehnte langer Arbeit haben die letzten Jahre unsere Alten gebracht. Niemals darf dieses Heim eine Stätte für „Wohltäter" werden. Niemails darf vergessen werden, daß wir Schuldner, nicht Gläubiger der Alben sind. Wenn der Herr das Haus nicht baut, dann bauen die Bauleute vergebens. Mit einem Segen über Haus und Gemeinde, Stadt und Staat schloß der Rabbiner. Die Glückwünsche der staatlichen und privaten Wohlfahrtspflege, deren ehrwürdiger Leiter, Bürgermeister Hlldebrarrd, auch persönlich der Veranstaltung beiwohnt-r, Überfracht« Herr Oderregierungsrat Dr. Iüdeseind. Er bezeichnete die Errichtung dieses Heims in unserer Zeit als eine soziale Tat, die eine um so größere Freude erwecke, als sie die Oeffentlichkeit überrascht habe. Fräulein Weinreich-Berlin übermittelte die Grütze und Segenswünsche der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden. Herr Landesrabbiner Dr. Freund-Hannover wünschte tm Namen der Zentralstelle für soziale Wohlfahrt in der Provinz Hannover Cassel. Zur 53. Iahresversamlung der Israelitischen Lehrerkonferenz Hessens, die letzten Montag im „Hotel Meyer" stattsand, hatten sich außer zahlreichen Mitgliedern auch Vertreter der Gemeinde und Vorsteherämter eingefunden. Lehrer Schaumburg, Neukirchen, richtete an die Teilnehmer der Tagung herzliche BegrÜßungsworte und beleuchtete die mannigfachen Vorteile gemeinsamer Beratungen, deren letzte Aufgabe in Weckung des Solidaritätsgefühls und Gemeinschaftsgedankens, in der Pflege geistiger und materieller Interessen und in der Hebung des religiösen Lebens in Haus und Schule bestehe. Für die anwesenden Vertreter der Vorsteherämter der Israeliten zu Cassel, Marburg, Hanau sprach Landrabbiner Dr. Malter, Cassel. Er knüpfte an das biblische Bild vom Tode Mirjams und der Wassersnot der Israellten an und gab dem Bedauern Ausdruck, daß das in früherer Zeit festgefügte Bollwerk der jüdischen Volksschule Hessens heftig erschüttert sei, daß es vielen Gemeinden, weil Mirjam starb, d. h. ihre Schule einging und das religiöse Leben zerfiel und verwaiste, am Wasser echten Glaubens fehle. Lebhaften Beifall und freudige Zustimmung fanden die von aufrichtiger demokratischer Gesinnung zeugenden Begrüßungsworte des Vertreters vom Geschästsführenden Ausschuß des Hessischen Volksschullehrervereins. Lehrer Treiber!, Besse, der Obmann hessischer Junglehrer ist und gleichzeitig im Bezirks-Lehrerrat die Interessen der hessischen jüdischen Volksschulen und ihrer Lehrer vertritt, erkannte nicht nur mit ehrenden Worten die Treue der jüdischen Berulsgenossen innerhalb der großen Organisation an: er bekannte sich auch zum Simultanschulgedanken, der durch Anstellung jüdischer Lehrkräfte praktische Anerkennung finde, hob die Beteiligung jüdischer Geistesarbeit an der Entwicklung deutschen Kulturlebens hervor, wollte das Schlechte nur um des Schlechten willen bekämpft sehen, nicht aus religionsfanatischen Rücksichten und wünschte endlich, daß jüdisches Kulturleben einmünde in den Strom deutscher Kultur. Die Teilnehmer der Tagung nahmen diese nur selten ausgesprochenen Gedanken mit starkem Beifall auf: auch der Vorsitzende unterstrich die oft bewiesene Treue des hessischen Volksschullehrervereins zu seinen jüdischen Mitgliedern und dankte seinem Delegierten für die sympathischen Worte, lieber „Aufbau des jüdischen Unterrichts" verbreitete sich dann Lehrer Schuster aus Groß-Krotzenburg in längeren Ausführungen. Der Referent will die Förderung religiösen Lebens durch vielen Diskussionsrednern zu hoch gesteckten Ziele; in den einzelnen Disziplinen erreichen. Vertiefung des Willens durch Quellenstudien und andere Mittel sollen zum gewünschten Ziele gründlicher Belehrung führen. Die umfangreiche Aussprache ließ erkennen, daß man die vom Referenten gegebenen Hinweise als Anregung betrachten könne, daß ihrer allgemeinen Verwirklichung aber große Hindernisse entgegenständen. Rach einer! Mittagspause, die zu gemeinsamer Mahlzeit benutzt wurde, er-' statteten Mitglieder des Vorstandes den Jahres- und Kassenbericht. Anträge des Ausschusses wurden erörtert, Mitteilungen über interne Vereinsangelegenheiten, gemacht und Wahlen zum Ausschuß und Ehrenrat vorgenommen. Für die nächstjährige Tagung der Israelitischen Lehrerkonferenz ist Bebra in Aussicht genommen. Anker den Beratungsgegenständen des Nachmittags i nahm auch die Frage der Besteuerung der Lehrer und in de»! Ruhestand getretener Beamten einen weiten Raum ein. Oelsberg (Hessen). Der hiesige Lehrer und Kantor DaauKn-; berg, der kürzlich unter reger Beteiligung der Gemeinde sein! 25jähriges Ortsjubiläum beging, ist nun auch dem Abbaugesetz zum Opfer gefallen und in den einstweiligen Ruhestand veriseM worden. Ob die erledigte Schulstelle den öffentlichen Charakter beibehält, hängt noch von der Entscheidung der Regierung zu Cassel ab. Jedenfalls besteht die Gefahr, daß die Zahl der öffemlichen jüdischen Schulstellen Hessens um-eine weichete vermmdert wird. Feankfuri. Im 66. Jahre verstarb der in allen Kreisen der. »Mischen Gemeinde geachtete Rektor der israelitischen Volks-! schule, B. Falk.' Eine stattliche Anzahl der Gemeind emitgllederi verdanken dem bewährten Schulmann, den pädagogisches Geschick! und freundliches Wesen auszeichneten, ihre Ausbildung. Die! Trauerfeier legte beredtes Zeugnis ab von der allgemeinen Wert-! schätzung, deren sich der Verstorbene bei seinen ehemattgeu! Schülern und Freunden erfreute. Hamburg. Am 30. Juni hat der Oberarzt der inneren Ab-, teilung am Israelitischen Krankenhause, Prof. Dr. Siegfried ■ Korach, das 70. Lebensjahr vollendet. Es sind ihm aus diesem! Anlaß aus den weitesten Kreisen Hamburgs zahlreiche Ehrungen zuteil geworden. Prof. Korach, am 30. Inni 1855 in Posen geboren, studierte in Berlin und Breslau, bildete sich dort und ln _ Köln vorwiegend auf drin Gebier der inneren Nledizin weiter' aus und kam 1882 nach Hamburg, zunächst als Assisi-ent und -im Jahre 1886 als Oberarzt der inneren Abteilung an das Israelitische Krankenhaus. Prof. Korach ist Mitglied der Aerztekammer und der Gesundheitsbehörde, außerdem in der Leitung einer größeren Anzahl privater Wohlsahrtsansialten tätig. Köln. In den letzten Iunilagen wurde in Köln eine Tagung des Provinzialverbandes jüdischer Frauenivereine abgehalten. Zu dem im Rahmen der Tagung veranstalteten öffentlichen Abend waren zahlreiche Gäste erschienen, so daß der Majolika-Saal des Parkhauses sie nicht fassen konnte. Die Vorsitzende des Verbandes, Frau Auerhach, begrüßte die Erschienenen und vor allem die Ehrengäste, unter denen Verlreierinnen christlicher Frauenverbände und geistliche Vertreter des katholischen und des evangelischen Bekenntnisses zu bemerken waren. Frau Auerbach betonte, daß es ihr zur hohen Freude gereiche, hier seWellen zu dürfen, daß dieses Zusammenhalten der christlichen Frauenverbände mit den jüdischen nicht nur aus Anlaß der Frauenwoche sich zeige, sondern auch außerhalb der Tagung wahrzunehmen sei. Im Ram-en der Ehrengäste dankte Rabbiner Rosentha! und «vünschte den Bestrebungen der jüdischen FrauenuereiuL den besten Erfolg. Im Namen des katholischen Frauenbundes überbrachte dann noch Frau Heyder dessen Gtülllwünsche. Alsdamt hielt Frau Ollendors-Breslau einen Vortrag über „Familienpflicht — Familienglück". Sie führte aus, di-r Religion der deutschen Familie wiederzubringen, bedeute gleichzeitig, den Wiederausstieg Deutschlands zu begiunen. Daß die deutsche Frau das könne, daß vor allem die jüdische Frau auf Grund ihrer Zugehörigkeit zur ältesten Religion hierzu berufen sei, diese Aeberzeugung müsse jede Frau durchdringen. Der Vortrag fand lebhaften Beifall. Mannheim. Die hiesige Gemeinde hat einstimmig beschlossen, an Herrn Rabbiner Dr. Max Wiener in Stettin die ehrende Berufung zu richten, das Amt des Rabbiners der jüdischen Gemeinde Mauicheims zu übernehmen. Dr. Max Wiener, der im vorigen Jahre den zu den Vorlesungen in Amerika beurlaubten ^Prof. Dr. Guttmann an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin vertreten hat, ist durch seine wissenschaiftlichen Arbeiten, insbesondere auch aus dem Gebiete der Rellgionsphilosophie, weiten Kreisen bekannt geworden. Unseren Lesern ist Herr Rabbiner Dr. Wiener durch seine wiederholte Mitarbeit an diesem Blatte bekannt. Erst kürzlich veröffentlichten wir einen "Aussatz von ihm „Der Prediger und seine Hörer", der berechtigtes Aussehen erregte und in der Oeffentlichkeit viel diskutiert wurde.