Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 27 (3.7.1925)
- Date
- 1925-07-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Patron. Von Koloraam MMszLM. Autorisierte UeBersefztmg ans dem Ungarischen v. C Längs eff. In unserem kleinen Dorfe gab" es außer mir nur nocli zwei Knaben, welche die Eltern in städtische Schulen schickten, nachdem sie den Händen des alten Dorfkantors entwachsen waren. Der eine von ihnen hieß Paul Szentgaly, er wohnte in einem Schlosse und war der Sproß mächtiger Vizegespane und Landesrichter, der zweite Nebulor war ich, aus der, am andern Ende des Dorfes befindlichen einfachen Kurie stammend, der dritte war Philipp Wasserstein, der krummnasige Abkömmling des Pächters der elenden Dorfschänke. Wir kamen wenig miteinander zusammen, der Familienstolz ließ es nicht zu. Man lud mich zwar einige Mal, um mit Paul zu spielen, ins Schloß zu Gaste, aber mein Vater sah es nicht gern. Er sagte: ,,Alle Adligen des Landes sind gleich. Wenn die Habsburger aussterben sollten (was ja nicht geschehen w ird), so könnte man ebenso den einen wie den andern zum Kaiser wählen. Ich sehe darum nicht ein, weshalb du dich herabsetzen sollst. Wenn Paul spielen will, soll er hierher kommen. Deine Mutter wird ihm auch eine Jause geben; die Milch unserer Kühe ist genau so wie die der seinigen." Mit Philipp kam ich eher zusammen, denn ihn konnte ich nach Gefallen zu Boden werfen, ihm die Vogeleier, die er sich suchte, fortnehmen oder ihn an den Ohren ziehen, das hatte keine weiteren Folgen. Nur meine Mutter sagte einige Male vorwurfsvoll: „Kind, Kind, sei nicht so schlecht. Ein Jud ist doch auch ein Mensch.“ Man hörte es aber an ihrer Stimme, daß sie es selbst nicht glaubte. So wuchsen wir heran und zerstreuten uns alsdann in verschiedene Gegenden. Junker Paul gab sein Vater nach Waizen, damit er Pfarrer werden sollte. Die Familie war zahlreich; der Schloßherr hatte noch zwei ältere Söhne und drei Töchter, die Besitzung aber war verschuldet. Paul wurde daher für den geistlichen Stand bestimmt, in der Hoffnung, daß man ihn vielleicht dereinst zum Bischof wähle. Philipp kam in eine kaufmännische Schule nach Pest, ich in das Lyzeum in Rimaßanbat, um mir "dort das Fundament, auf welches man einen Staatsbeamten aufbaut, zu erwerben. Später riet minder. Vater allerdings von dieser Laufbahn ab. „Wähle nur einen anderen Beruf, mein Sohn,“ sagte ec. „Die Fiskalischen lügen so viel und ich kann das nicht ausstehen,“ Die Schültüren wurden hinter uns geschlossen, w$r sahen einander gute 30 Jahre nicht mehr und ich wußte nicht einmal, ob beide noch am Leben seien, Einst, vor noch nicht gar zu langer Zeit, saß ich daheim an meinem Schreibtisch, aber nicht als Beamter, denn ich hatte wirklich meinem Berufe entsagt und war ein Zeitungsschreiber geworden. (Obwohl auch diese viel lügen.) Da öffnete sich die Tür und herein trat ein ländlicher Pfarrer mit guten, freundlichen Gesichtszügen und abgetragener Referende. „Kennen Sie mich nicht mehr, Herr Abgeordneter?“ fragte er, mich freundschaftlich anlächelnd. „Nein, ich erinnere mich’ nicht.“ „Ich bin Paul Szentgaly.“ „Szerwuß! Also dü bist es! Freilich! Wiefkonnte ich dich auch' nicht gleich erkennen, du hast dich' doch Zar nicht verändert. Nun das ist schön. Setze dich; was bringt dich hierher?" „Das Elend hieß mich kommens" antwortete er ruhig. „Ach geh1, 'die Pfarrer sind alle groBe Herren.“ „So weißt du nicht, zu wem du sprichst,“ antwortete er düster, „Ich bin der Pfarrer von Hlinai.“ „Nun ich sagte ja auch nicht, daß du der zinkotaer Kantor bist.“ „Was willst du mit dem zinkotaer Kantor?" stieß er hervor. „Der hatte wenigstens noch' ein Feiertagsgewand, das er in die Schänke schicken konnte, wenn er Gäste bewirten mußte. Der Hlinaer Pfarrer, aber ist ein Bettler. Das Gehalt ist winzig klein, das Feld der reine Sand* nichts wächst darauf, es bringt kaum 200 Gulden. Von Hause habe ich1 nicht das geringste, denn die Szentgalys sind bankerott, es blieb ihnen nicht ein Nußkern.“ „Das ist wirklich traurig, doch bei einem Geistlichen rinnt und tropft es überall. Da sind z. B. Trauungen . . .“ „Glaubst du, die Hlinaer lassen sich' traueni?.Ber denen ist Heirat einfaches Zusammenwohnen.“ „Nun dann gibt’s Begräbnisse.“ „Die Hlinaer sterben alle im Gefängnis.“ „Da sind ja 'die Hlinaer Hundsfötter. Kannst du nicht eine bessere Pfarre erhalten?“ „Darum komme ich ja zu dir. E§ ist jetzt eine vorzügliche Stelle in Rckestyei frei, ein wahres Königreich. Prachtvolle Felder, an 50 Morgen, schöne Wiesen, dazu 2000 Gulden vom Patron.“ „Das ist allerdings verlockend. Aber zünde dir doch an, es ist eine gute, trockene Britania.“ „Danke, aber ich habe mir den Tabak abgewöhnt. Getrocknete Kartoffelblätter wären mir lieber. Hast au keine Pfeife?“ „Nein.“ „Nun so muß dies auch gelten." _ Er nahm eine der Zigarren und zündete an. „Der neue Bischof, ein entfernter Verwandter von mir, versprach mir die Pfründe, aber der Patron ist noch zu berücksichtigen. Von ihm hängt es ab.“ „Will er nicht?“ „Jch weiß es noch nicht.“ „Wer Ist der Patron?“ „Das ist ja eben das Schlimme,“ sagte er langsam, stockend, als ob ihm der Name im Halse stecken bliebe, „der Patron ist Philipp Keöpataky auf Ilway.“ „Ich kenne ihn nicht.“ „Freilich kennst du ihn. Es ist Philipp Wasserstein, der Judenjunge aus unserem Dorfe.“ „Was du sagst!“ rief ich erstaunt. „Ich glaubte einer vom alten Adel.“ „Das ist er jetzt. Er kaufte die Herrschaft Ilway und den Rekestyer Gerichtsort, dort ist auch sein Schloß’. Er war ein fleißiger Mensch, ein geschickter Kaufmann, der ein großes Vermögen erwarb. Nun ist er Patron. Ist dies nicht schrecklich?“ „Im Gegenteil, ich finde es sehr erfreulich. Die Kindheitserinnerungen werden für dich von Vorteil sein. Wo wohnt er?“ „Hier in Pest, Andrassystraße im eigenen Palais.“ „Unbegreiflich, daß ich ihm noch nicht begegnete. Vielleicht sah ich ihn auch schon. Es ist ja jetzt mit den Namen so. Keöpataky hörte ich schon öfter nennen, aber wer denkt denn, daß dies der Wasserstein Philipp sein kann. Ist er nicht Hof rat?“ Ja.“ „So gehe doch zu ihm, du wirst deine Sache sicher gut zustande bringen.“ „Jch?“ sagte der Pfarrer dumpf, während ein düsterer Glanz in seinen Augen auf stieg und er den Kopf stolz wie ein beleidigter König zurück warf. Der untertänige Hlinaer Geistliche verschwand vor meinen Augen und der Sproß der mächtigen Szentgalys stand vor mir. „Natürlich du,“ sagte ich etwas befremdet über dieses Verletztsein. Er schüttelte das Haupt. „Das ist unmöglich,“ sagte er ruhig, „ich habe keinen Magen dazu.“ Und plötzlich1 aus der ruhigen Sprache hervorbrechend, wie ein wildes Pferd, das mit einem Ruck sich von seinem Geschirr befreit, rief er: „Ich, ich soll zu Wasserstein gehen? Ich, ein Szentgaly soll um Brot bitten? Nein, lieber sterbe ich Hungers.“ Ich zuckte die Schultern. „Meiner Meinung nach wäre dies der Gang der Sache.“ „Sagst du dies dem Edelmann oder dem christlichen Priester?“ „Auch dem Edelmann,“ entgegnete ich'. „Ich finde darin keine blutheischende Beleidigung. Keöpataky ist doch jetzt auch adlig.“ „Dieses Frühjahr bekam er sein Diplom,“ entgegnete der Pfarrer verächtlich. „Das ist ganz egal. So ist er eben ein Jungadliger, deshalb braucht man immerhin nicht auf ihn herabzusehen. Ich gebe zu, daß alter Wein mehr gilt als junger, bei den Anzügen aber ist der neue wieder schon mehr wert, als der, alte; bei den Stiefeln ist es zweifelhaft. Manche lieben die neuen mehr, andere wieder die alten, wenn sie noch nicht zu abgetragen sind, da sie darill besser gehen. Wie stehen wir nun zu den beiden Adelsarten? Derjdeine ist alt, aber abgenützt und drückt vermutlich, der seinige ist neu, glänzend und drückt wahrscheinlich nicht. Außerdem versichere ich dich, daß er eines Tages ebenfalls alt sein wird.“ Szentgaly antwortete nicht, sondern senkte nur sein schönes, feines Haupt. „Da wir nun mit dem adligen Herrn so weit sind, wenden wir uns einmal an den Pfarrer. Ich weiß, daß die schönste Eigenschaft eines Priesters die Demut ist. Vor Gott sind wir alle gleich, doch’ seine Diener müssen sich' noch verkleinern, daß sie sich selbst achten können, so lehrt es uns das Christentum.“ Meine Stimme muß etwas spöttisch geklungen haben, denn der Hals des Pfarrers rötete sich, die Adern seiner Schläfe schwollen an und seine Nasenflügel bebten. „Du erwähntest das christliche Bekenntnis? Was verstehst du davon, der sich nur mit Politik und Schriftstellerei beschäftigt? Dieses Bekenntnis vermögen nur die wenigsten zu befolgen.“ „Hm, ich verstehe dich nicht.“ „Sie halten es damit, wie mit der Steuererklärung. Besitzt jemand tausend Gulden Einkommen, so gesteht er nur fünfhundert ein und bezahlt danach." „Wie?“ „Die Christen arbeiten meist auch' mit solchen Prozenten. ,Liebe deinen Nächsten wie dicht selbst*, lautet der Befehl. Den Christen aber erscheint es schon genug, wenn sie ihrem Nächsten nicht gerade den Kopf Einschlägen. „Wer dir Steine gibt, dem reiche Brot*. Kann dies jemand befolgen?“ „Du hast nicht unrecht. Doch gestehe, daß du bei dem Juden gern sehen würdest, wenn er die )OGOGÖOOO©OC W.RdmsfeMACo. Teppiche / Linoleum / Läuferstoffe Berlin sw H. Kochslr. 32 Fernspreoher; Dönhoff 7676*76-7? Filiale: Chausseestraße 85 SONDERANGEBOT Deutsch-Perser T epplche ca. 200/300 4a.- ca. 250/350 ca. 300/400 Axnlmttr-Tniiplchft 200/300 44 - 250/360 »5. la Valeur « Tomplche 200/300 89.— Velour uni« 67 cm breit, per Meter flB.— Linoleum Teeelalftu 180/250 97.58 200/300 31.- 250/350 97.— 300/400 7«. Muffer 67 breit 3.30 SO breit 4.58 110 breit 5«50 133 breit 8 88 ÖOGOOOOOOOGOOGOOOOOOOOOOGOOOOOOOOGOOOC christlichen Lehren etwas befolgte und dir mit einem Stück Kuchen zurückwerfen würde." „Gewiß, das täte mir wohl.** „So gehe zu ihm.** „Das ist es ja eben, wozu ich nicht imstande bin Verzeihe mir, aber stelle dir vor, wie ich, Paul Szentgaly, zusammengebrochen, heruntergekommen wie ein Bettler, vor dem Judenknaben Philipp stehe. Ich würde es selbst dann nicht tun, wenn ich ihn nicht gekannt hätte, wenn nicht, während ich vor ihm stehe, das Bild des krummbeinigen, blättrigen Fili durch meine Erinnerung ginge. Stelle dir seinen Triumph vor. Ein Szentgaly, der Sproß des mächtigen Geschlechtes, vor welchem mein Vater und Großvater sich beugten, bittet mich um Brot. Soll ich ihm geben, oder verweigern?* Welches Kalvarien v^äre das für meine Seele.** . „Ei was, eigentlich bekommst du doch die Pfarre nicht von ihm, sondern vom Gesetz. Dieses trifft die Vereinbarungen mit den Patronen. Das Gesetz gibt ihnen Rechte, aber auch Verpflichtungen." „Euer Gesetz ist schmachvoll, das in einem christlichen Staate einen christlichen Priester so herabwürdigt" „Nun, nun, ereifere dich nicht Kehren wir zur Sache zurück. Ich sehe, daß du nicht zu ihm gehen willst. Nicht wahr, du bist gekommen, damit ich mtt ihm rede?** Sofort besänftigte er sich. Dankbarerhob ec seine Augen zu mir, weil ich' seine Gedanken, die er sich zu bekennen scheute, herausgefunden hatte!. „So ist es. Ich dachte es mir so. Du bittest nicht für dich', sondern für einen anderen.“ „Selbstverständlich tue ich1 es. Wenn rdu etwas: warten willst und die Nummer seines Hauses weißt, gehe ich gleich zu ihm.** Wir machten uns auf den Weg und nachdem ich Öen Pfarrer in einem Kaffeehause untergebracht hätte* bestieg ich einen Wagen. Auf 'der Andrassystraße, im Villenviertel, befand sich das Haus Keöpatakys. Lustig rollte der Wagen an den glänzenden Palais der Reichen vorüber. Wie Neid und Mißgunst stieg, es in mir auf, während ich die Namen der Eigen, tümer betrachtete. Oh, es war anders ehedem, das erkennt man noch heut an den menschenleeren Straßen Budas, das zeigen die marmornen Türschilder. Nach dem Hause der Garos, kommt das der Perenyi, nach diesem das der Bath'oryy Ujlocky und Banfsys, dazwischen befindet sich' die Junggesellen Wohnung Paul Kinipsys. Aber welch ärmliche Hütten sind dies gegen d e jetzigen Paläste der Mayers und Steiners. Ich sann während des Weges darüber nach' and indem ich den Wechsel der Zeiten betrachtete, schienen zwei verschiedene Menschen in mir m disputieren, ein Antisemit und ein zynischer Philosoph. Der Antisemit sagte: Es ist schrecklich1, idaß uns diese Juden so über den Kopf wachsen. Der alte Wahrmann hatte wirklich recht, als er in der, Tissa-Eßlarer Affäre die Gemüter mit den Worten aufstachelte „Wenn Ihr uns aufhängen wollt, müßt Ihr Euch beeilen, sonst bleibt Euch nicht mehr das: Geld, um die Stricke zu kaufen.** Darauf erhob' sich1 der zynische Philosoph: Possen, Possen. Der ungarische Adel hat das Geld in solchen Mengen zum Fenster hinausgeworfen, daß es doch jemand endlich aufheben mußte. Wer dies tat, ist doch ganz gleich’. Ein glänzendes Gespann kam während meines bescheidenen Konfliktes in Sicht. Das Geschirr der Vollblutpferde funkelte in der Sonne, auf dem Rücksitz breitete sich stolz ein Geldaristokrat. „Schau nur schau,** kritisierte der Antisemit, „wkj prahlerisch, wie unausstehlich.** (Schluß folgt)