Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 26 (26.6.1925)
- Date
- 1925-06-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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T «emebifceti H noch immer da'ä veraltete Drrhältniswahlrecht, in vielen Gemeinden toben Mc ausländische« Juden überhaupt totot Wahlrecht. Der Reimer bezeichnete et als Ln« Ehrenpflicht der orenMchen Iutolcheit, bat Auchamoerk im Palästina zu fördern. Xt» von den tüdiischen Ärbeiterparteien geschaffenen Jnstnutionen das arbeitende Palästina zu unterstützen, chenso das Wer» k. >er fachlichen ÄusbWung von ThÄuziim. Die soziale Wohlfahrt ist «ine der vornehmsten Aufgaben det Verbandes, ober sie müsse nicht an den Grenzen Aalt machen. Ls rv-ird beschlossen, dem voraeleaten Aauühalt für das Jahr 1025 einem fünfzehnglkdriigen Ausschuß rur Durchberatung und Berichterstattung zu Übenoeisen,' worauf sich die Sitzung auf Nachmittag vertagte. * * * (lkfct den weiteren Verlauf der Ta-«ng werden wir in unseßev nächste« Nummer berichten.) vle tzut« Partie. Efne altfrankfurter Heiralsgeschich'le von Otto Schwerin. (Schluß.) Wie er vor 15 Jahr’, mit schiefe Absatz aus Bürgen räfenro'de hier angekomme is, war er der größte Schnorrer, 'den mer sich denke könnt’. Heut spielt er sich als 'den feinen Mann auf, weil ihm sei Frau, die geborene Mastbaum aus Düsseldorf, 60 Mille mitgebracht Kat. Auch1 e Mensch. Der Stern! — Wenn sei Vater seelig wüfft’, 'daß sei Sohn am Schabbes arbeit', fcn Grab tät er sich umdrehe. Es is e Schmach rm e Sehand —!" Nichts konnte den sonst so ruhigen und auch1 gerecht denkenden Mann mehr in ‘die Wolle bringen, als die Tatsache, daß! sein Vetter am Samstag, sein Geschäft offen hielt. Die Entrüstung über diesen Vetter, der ihm schon manchen Landkunden, der nur Samstags in 'die Stadt zu kommen pflegte, weggeschnanpt, hätte Heymann wieder einmal so gepackt, daß er darüber eigentlich den Grund der Anwesenheit Hfrzfelds gänzlich vergaß. Dieser hatte den Zornesausbruch1 seines Chefs ruhig über sich1 ergehen lassen. Nun glaubte er Herrn Heymänn wieder sanft an die noch ungelöste Gehaltsfrage erinnern zu müssen, wenn er es auch’ nicht für empfehlenswert hielt, eine Entscheidung iü dem gerade nicht sehr günstigen Moment zu forcieren, denn wenn Heymann mit seinem Vetter Stern die Laune verdorben wurde, war er zu einer ruhigen, leidenschaftslosen Verhandlung, in puncto Gehaltszulage, noch weniger fähig als sonst. Deshalb sagte Herzfeld: „Lassen wir doch Herrn Stern aus dem Spiele. Ich sagte Ihnen ja bereits, Herr Heymann, 'daß ich gar nicht daran denke, bei Stern jr. einzutreten. — Nur müssen Sie mir auch ein wenig entgegenkommen. Lassen Sie mich einen Vorschlag machen. — Wir schließen die Debatte für jetzt. — Ich will in die Synagoge und muß mich vorher noch umziehen. — Nach dem Gottesdienst, oder nach dem Nachtessen komme,ich noch einmal zu Ihnen in die Wohnung. — Bis dahin haben Sie sich die Sache gründlich überlegt, und wie ich Sie kenne, läßt sich mit Ihnen nach einem guten Abendessen leichter reden, als mit nüchternem Magen." Heymann hatte sich wieder etwas beruhigt. Er überlegte einen Augenblick und sagte dann: „Schön, Herzfeld. Ich will Ihnen noch einen besseren Vorschlag machen. Komme Sie nicht erst nach dem Essen, sondern schon um halb acht Uhr und esse Sie mit uns. Ich glaub’ bis dahin auch en Ausweg gesunde zu hawwe. Wir hawwc uns noch immer verständigt, Herzfeld, und es war’ doch sonderbar, wenn ausgerechnet heut’ kei Einigung zu Stand’ kam." Pünktlich um halb acht Uhr stellte sich Herzfeld in der Wohnung seines Chefs, die im gleichen Hause, wie das Geschäft lag ein. Die geräumige Wohnung von 7 Zimmern war im ersten Stock, die Gcschäftslokalitäten im Erdgeschoß. Er begrüßte höflich die Gattin seines Prinzipals, eine frisch aussehende, ungefähr 55jährige Dame, deren dichtes, noch fast schwarzes Haar durch einen jener unklcidsamen, glatten, künstlichen Scheitel verdeckt war, die der Ritus den verheirateten Frauen vorschreibt. Auch die beiden Töchter waren anwesend. Die blonde, spitze, und mit ihren 27 Jahren schon ein wenig verblühte Marguerite, und die brünette, hübsche, zierliche Beate, die mit der Frische ihrer 19 Jahre einen angenehmen Kontrast gegen ihre, um acht Jahre ältere, grämliche und häßliche Schwester bot. Dem Weitblick 'der in religiösen Fragen sonst noch recht konservativen Frau Heymann verdankten es die beiden Mädchen, daß sie bei ihrer Geburt nicht mit heutzutage unmodernen, dem alten Testament entnommenen Vornamen beglückt wurden. noch' In seiner Heimat Heldenbergen, hingegen in Frankfurt am Main keine Existenzberechtigung mehr hatte. Meier, o'der wie er sich1 heute nannte, Max Heymann war im allgemeinen ein ruhiger, umgänglicher Charakter und eine sanguinische Natur. Wie jeder gute Frankfurter Lokalpatriot, schimpfte er furchtbar auf die Preußen im allgemeinen, und auf Bismarck im besonderen, sonst* Kümmerte er sich’ aber um Politik nicht das Geringste, und hatte neben seiner Familie nur für sein Geschäft Interesse. Er gab keinen Pfennig umsonst aus, ohne 'dabei ein Knicker im eigentlichen Sinne des Wortes zu sein. So durfte zum Beispiel an der Küche in seinem Hause nicht gespart werden. Gutes und reichliches Essen ging ihm über alles, und seine kluge Frau, die ihren Mann vorzüglich1 zu nehmen verstand, trug auch' Heute diesem Faktor insofern Rechnung, als sie ihrem Gatten, nach1 einer kräftigen Nudelsuppe,, einen süßsauren Karpfen mit Rosinensauce und zum Schlüsse einen prachtvollen Apfelschalet vorsetzte. Die Qualität als auch1 die Quantität des Abendessens ließ nichts zu wünschen übrig, und es verlief dementsprechend in schönster Harmonie. Herzfeld kam neben Marguerite, der ältesten Tochter seines Chefs, zu sitzen, die heute nicht ganz so vergrämt aussah, wie sonst, und es sich1 angelegen sein ließ, ihrem Tischnachbar die größten und schönsten Stücke vorzulegen. Auch Papa Heymann aß, wie immer, mit vorzüglichem Appetit. Herzfeld konstatierte 'diese Tatsache mit größtem Vergnügen, denn er kannte seinen Chef tatsächlich zu genau, um nicht zu wissen, daß dieser nach einem guten, reichlichen Essen meist in einer recht vergnügten und zugänglichen Verfassung zu sein pflegte, und da Herzfeld in der geschäftlichen Angelegenheit fest auf seigem schon geäußerten Standpunkt zu verharren gedachte, so konnte es ihm nur erwünscht sein, wenn sein Prinzipal in recht gesättigtem Zustand an die nochmalige Prüfung der Gehaltsfrage herantrat. An einer unfriedlichen Lösung des so lange Jahre schon bestehenden Engagements Verhältnisses hatte er selbst nicht das geringste Interesse. Einen besseren Chef wie Heymann konnte er sich eigentlich kaum wünschen. Mit Ausnahme der an und für sich1 recht geringfügigen Dispute wegen der Gehaltszulagen, hatte er nie irgend welche Differenzen mit ihm gehabt, und diese, wenn auch1 manchmal recht stürmischen Debatten, zählten eigentlich gar nicht als Differenzen, denn es war doch nicht nur das gute Recht, sondern auch die Pflicht eines Kaufmanns, seinen Vorteil überall wahrzunehmen. Daß der Chef begreiflicherweise an einem anderen Stricke zog, wie er, der Angestellte, durfte Herzfeld, bei objektiver Beurteilung, seinem Prinzipal nicht verübeln. Als Heymann nach1 beendigter Mahlzeit sein Weinglas ausgetrunken, das Tischgebet gesprochen und die Serviette zusammengelegt hatte, befand er sich tatsächlich in weit besserer Stimmung, als wenige Stunden vorher in seinem Privatkontor, und dem Ausgang der nun folgenden geschäftlichen Unterredung konnte infolgedessen ein weit günstigeres Prognostikon gestellt werden. Für die Töchter war das Zusammenlegen der Serviette ein Zeichen, das Geschirr abzutragen. Frau Heymann stand gleichfalls vom Tische auf, reichte dem jungen Mann die Hand, indem sie einen langen, wie es Herzfeld schien, prüfenden Blick auf ihn richtete und verließ das Zimmer. Die beiden Männer waren allein. „Kommen Se, Herzfeld!" sagte Heymann. „Setzen Se sich hier zu mir auf das Sofa; — ich1 hab’ was Wichtiges mit Ihnen zu bespreche. Also, um auf unsere Unterredung von vorhin zurückzukommen; — ich beurteil’ jetzt, nach 'nem gute Abendescc, die ganze Sach net mehr so kraß wie vorhin. — Aber, lieber Herzfeld, en Gehalt von 2000 Guide kann ich für en Reisende, und wenn er noch so tüchtig wär’, net anlege. Ich bin kein Rothschild, der die Taler und Guideschein’ haufeweis Jm Kaste liege hat, und kein König Wilhelm, der Ministergehälter bezahle kann. Nu, bleibe se nur ruhig sitze, wir einige’ uns vielleicht doch. Wenn ich gesagt hüb’, daß mir ein Reisender für 2000 Guide zu teuer ist, so ist mir hingege ein braver, tüchtiger Schwiegersohn, mindestens soviel wert, wenn net noch mehr. Leider, lieber Herzfeld, hab’ ich kein1 Sohn. Nur zwei Töchter. — Brave, gebildete, gescheite Kinder, gewiß — aber einen Sohn können se mer net ersetze. Frau Heymann konnte es bis an ihr Lebensende ihren Eltern nie ganz verzeihen, daß sie deij für ihre Begriffe geradezu schrecklichen Vornamen »Brendel" durchs Leben tragen mußte. Ihre Töchter wollte sie vor einem derartigen Anhängsel bewahren, und fand darin bei ihrem Mann volles Verständnis, denn es soll verraten werden, daß er sich den Vornamen Max höchstselbst verliehen hatte, weil er schon vor über dreißig Jahren zu der Erkenntnis gekommen war, daß sein eigentlicher ,Vorname „Meier", vielleicht Ich hab’ mich die ganze Zeit schon nach 'nem gediegene Schwiegersohn, nach ’nem Mann für mei Aelteste, mei Marguerite, umgesehe, möglichst jemand aus der Brauch', aber es is schwer, den Richtige zu finde. Sie, Herzfeld, wäre, glaub’ ich, der geeignete Mann für mei Tochter. Sie sind unberufen e gesunder, hübscher Mensch1, aus guter Familie, sind tüchtig und ehrlich, kenne mei Geschäft und habe Interesse dran. Mit niemand macht ich lieber zusammearbeite, als mit Ihne. — „ 'Als mein Teilhaber Kawwe Se auch1 e ganz nettes Einkomme und ein für allemal e gesicherte Existenz. Mit meiner Frau hab’ ich* 'die Sach' vorhin genau 'durchgesproche. Sie steht dem Problem sympathisch1 gegenüber, und was mei Marguerite anbelangt, so überlasse Se alles meiner Frau. Ich glaub net, daß 'das Mädche nein sagt. Es fragt sich1 jetzt nur —" fuhr Heymann fort, „wie Sie mein’ Vorschlag aufnehme. In was für 'e Familie Sie hineinkommen, brauch1 ich Ihne net zu sage. Sie kenne mich, kenne mei Frau und kenne Marguerite. Das Mädchen is unberufen tüchtig und klug. Es hat alle Klassen 'des Philanthropie durchgemacht, spielt gut Klavier, und hat kei meschuggene Possen im Kopf, denn sie is, das wissen Se ja auch, einfach1 und bescheiden erzogen, so daß es 'die geeignetste Frau für Se abgebe würd’. Das is mein Vorschlag, Herzfeld, den ich Ihne machen wollt. Ich will heut’ Abend noch1 gar kei Antwort von Ihne. So etwas darf net übers Knie gebroche werde. Ueberlegen Se sich1 die Sach’, spreche Se sich’ daheim mit Ihre Eltern aus, und gebe Se mir 'dann Bescheid." , Heymann schwieg und sah1 den jungen Mann gespannt an. Er schien in 'dessen ruhigen und ernsten Zügen studieren zu wollen, welchen Eindruck der nach seiner Ansicht mehr als vorteilhafte Vorschlag auf Herzfeld gemacht hatte, jedoch zu seinem Befremden glaubte er konstatieren zu müssen, daß die Mienen des jungen Mannes nicht gerade überschwengliche Freude verrieten. Die Gefühle, die das Innere des jungen Herzfeld bewegten, waren tatsächlich recht verschiedener Art. — Schon die ersten einleitenden Worte seines Prinzipals ließen keinen Zweifel in ihm aufkommen, welche Absichten das Vaterherz Heymanns bewegten. Der Gedanke, mit dem gutgehenden, ausdehnungsfähigen Geschäft fest verbunden zu werden, gleichberechtigter Teilhaber seines früheren Chefs zu sein, hatte etwas sehr Verlockendes für sich. Ein vorteilhafteres Geschäft konnte er gar nicht machen. Aber — aber — Marguerite! — Mit der häßlichen, vergrämten Marguerite, die noch dazu älter war, als er selbst, für das ganze, lange Leben fest verbunden zu sein — mit diesem *Ge- Kankeirttonnte er sich ganz und gar nicht zurechtfinden. Sentimental oder Idealist auf dem Gebiet der Liebe war Herzfeld 'durchaus nicht. Die Ehe war für ihn ein Geschäft wie jedes andere auch. In seinen Kreisen pflegte man aus Liebe kaum zu heiraten. Lediglich die Vernunft war ausschlaggebend. Man prüfte, ob die familiären, und vor allem auch die pekuniären Faktoren in die Rechnung hineinpaßten, und wartete auf die Liebe, oder besser Zuneigung, die sich in der Ehe schon einstellen würde. Seine ganze Verwandtschaft hatte auf eine gleich nüchterne Weise geheiratet. — Sein eigner Vater hatte von der Existenz seiner Mutter 14 Tage vor 'der Verlobung noch keine Ahnung gehabt. Der in Büdesheimer Kreisen eingeführte Schadchen Kann, aus Friedberg, hatte den 28jährigen Isaak Herzfeld in Büdesheim, auf die Reginc Kulb aus Groß-Karben aufmerksam gemacht, und der Vater Isaaks hatte sich darauf mit Regincs Eltern ins Benehmen gesetzt. Die Angaben des Schadchen betreffs der Mitgift stimmten, Regine war häuslich, klug und auch hübsch. Die beiden jungen Leute wurden, ein Paar und hatten die Verbindung nie zu bereuen gehabt. So, wie die Ehe seiner eigenen Eltern gemacht wurde, so wurde in .jüdischen Kreisen seit Jahrhunderten verfahren, und Jacob Herzfeld hatte nie daran gedacht, eine Ausnahme von dieser Regel zu machen. Aber Marguerite Heymann? — Nein — 'die gefiel ihm ganz und gar nicht, mochte auch alles andere noch so vorteilhaft scheinen. — Herzfeld wußte natürlich ganz genau, daß es schon seit mehreren Jahren das eifrigste Bestreben Heymanns war, seine älteste Tochter zu verheiraten. Der Schadchen Mayer, eine im ganzen Ostendviertel bekannte Persönlichkeit, hatte sich die denkbar größte Mühe gegeben, Marguerite Heymann im wahren Sinne des Wortes an den Mann zu bringen. — Aber vergebens. — Mangelnde äußere Schönheit war und ist auch heute noch kein direkter Hinderungsgrund für ein junges Mädchen, einen M^nn zu bekommen; wenn, und das ist der Nervus r£rum, die Häßlichkeit durch eine schöne Mitgift möglichst zugedeckt wird, i Heymann, der für seine älteste Tochter zuerst eine Mitgift von 15 000 Gulden ausgesetzt hatte, sah sich im Laufe der Jahre gezwungen, die Summe bis auf das Doppelte zu erhöhen. Die Tatsacke, daß selbst bei der für damalige Zeiten recht ansehnlichen Mitgift, Marguerite Heymann mit 27 Jahr^i noch immer auf einen Mann wartete, öffnet, nach dem Obengesagten, eine bedenklich weite Perspektive, wie gering und wenig in die Augen fallend die jungfräulichen Reize sein mußten, die ihr magerer Körper aufzuweisen hatte