Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 26 (26.6.1925)
- Date
- 1925-06-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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daß sich mehr und mehr eine fleroiffe Scheidung Mischen Lchreruno Schä'chterberuf herausgebildet hat. Biele Gemeinden mutzten auf ausländische Scliächter zurück-greisen. Auf der anderen Seite wissen wir, wie der Kurs augenblicklich läuft; daß die Neigung. Ausländer und noch dazu Beamte aufzunchmen, in Preußen nicht besteht und daß wir uns fragen müssen, was haben wir getan, wenn einmal durch irgendwelche Maßnahmen außerhalb unseres Bereiches Hunderte der Gemeinden in eine Lage der Gewissensnot kommen. Wir müssen deshalb di-e Einrichtung treffen, daß deutsch ausgebildete Kultusbeamte auch die Möglichkeit finden, sich als Schächter auszubilden. Wir denken dabei nicht daran, daß das Lehreramt obligatorisch mit dem Schächterami verbunden werden soll. Zeder, der sich zum Lehrer ausbilüet, muß aber di-e Möglichkeit haben, sich auch im Berufe des Schächters auszubilden. Es wird notwendig sein, hier den religiösen Wünschen Rechnung zu tragen und einmal auch in konservativer Richtung vorzugehen. Der Etat hat diesem Bestreben im Kap. 8 dadurch Rechnung getragen, daß der in Titel 1 für zwei Bildungsanstalten zur Heranbildung von Lehrern, Kantoren und Schächtern eine Summe einsetzt. Wir wollen damit bereits bestehenden Anstalten keine Konkurrenz machen. Wir haben angenommen, daß zunächst nur ein Jahrgang in den beiden Anstalten ausgebi'ldet wird. Außer den Ge',altern haben wir auch in weitem Ausmaß Stipendien vorgesehen, denn wir müssen von uns aus unendlich viel inehr tun, um einen geeigneten Rachwuchs herauszubilden. Es ist eine Tatsache, daß der Lehrerberuf bisher alles andere als verlockend gewesen ist. Za, in Lehrerkreisen wurde eine weitgehende Agitation getrieben, um den weiteren Zustrom zu einem Berufe zu unterbinden, den man nicht glaubte, dem Rachwuchs empfehlen zu können. Wir wollen summarisch sagen, daß an diesen Zuständen im wesentlichen die wirtschaftliche Situation schuld war. Aber die Tatsache besteht, daß ein ganz besonders eindringliches Eingreifen notwendig ist, um wertvolles Material in den jüdischen Lehrcrveruf hineinzuzlehen. Aus diesem Grunde müssen wir für die Ausbildung der Lehrer Unterstützung-rn gewähren. Die übrigen Positionen sind von weniger großer Bedeutung. Im Kap. 5 handelt es sich um den Berbandstag und den Rat, um Reisegelder für die Abgeordneten und Reisegeld und Diäten für den Rat. Die vorläufige Geschäftsordnung hat zu diesen Dingen überhaupt keine Stellung genommen. Der Derbandsrag soll die Möglichkeit haben, seine Wünsche in dieser Frage zum Ausdruck zu bringen. Wir enthalten uns ioder Meinung nach dieser Richtung. Das ist wohl das wesentlichste, was ich Ihnen generaliter zu sagen habe. Auf Einzelheiten kann ich ja evtl, in der Debatte zu sprechen kommen. (Beifall und Händeklatschen.) Oie Etatdebatte. Nunmehr erhielt das Wort für die liberale Fraktion der Vorsitzende der Vereinigung für das liberale Judentum. Abgeordneter Stern: Namens meiner Freunde werde ich beantragen, den Etat einem Ausschuß zur Beratung zu überweisen, der über Abänderungsvorschläge zu befinden und Ihnen Bericht zu erstatten hat, denn wir werden ja doch eine zweite Lesung vornehmen. Ich werde daher nur generaliter sprechen. Unsere Fraktion und ich persönlich haben diesen Tag herbeigesehnt und herüben den Zusammentritt des Preußischen Landesverbandes mit erzlicher Freude und Genugtuung. Wir erblicken darin nicht einen Abschluß, sondern den Anfang der Entwicklung der deutschen Juden, einen wichtigen Schritt zur Gesamtor-gamsation der deutscheu Juden überhaupt, die wir für eine unumgängliche Notwendigkeit hasten und deren Erfüllung nun nicht länger hinausgeschoben werden darf. Denn wir kennen keine preußischen, hessischen und sächsischen Juden, sondern nur ein einiges und großes in sich geschlossenes deutsches Judentum. (Beifall.) Ich halte es auch für meine Pflicht, daraus hinzuweisen, daß der heutige Tag in gewissem Sinne ein geschichtlich denkwürdiger ist. eine Krönung des Werkes liberaler Männer, die in unermüdlicher Arbeit die Organisation der deutschen Juden vorbereitet haben: Biele von ihnen deckt der grüne Rasen. Wir danken von Herzen denen, die unter uns weilen, und gedenken in Liebe der Toten: Martin Philtppson, Edmund Lachmann, Maximilian Horwitz. Oscar Cassel, Eugen Fuchs und Salomon Kalischer. Ihr Gedächtnis wird in aller Herzen fortleben. (Die Versammlung erhebt sich zu ihren Ehren von den Plätzen.) Wir begrüßen diesen Verbandsbag und die Arbeiten des Verbandstages nicht nur um ihrer selbst willen, sondern in mehrfacher Hinstcht. Einmal, well im preußischem Judentum endlich einmal eine feste Vertretung der Juden dem Staate gegenüber geschaffen wird. Und ich muß hervorheben, daß ich es für notwendig halte, in erster Linie darauf hinguweifen, wie wesentlich es ist, daß wir endlich einmal dem Staate gegenüber eine einige und hoffentlich auch in der Ausführung ihrer Beschlüsse eine einheitliche Vertretung haben. Das ist nicht nur um des Judentums willen, sondern auch um drs Staates willen notwendig. Denn, wie wir Juden einen festen und blühenden Staat nicht entbehren können und schon kraft unserer religiösen Ueberzeugung nicht nur die Gesetze des Staates als bindend anerkennen, sondern wie wir dieses unser Vaterland auch mit unserer Liebe umfassen, so erwarten wir vom Staat, daß er nicht nur seine verfassungsmäßigen Pflichten gegenüber uns erfüllt, sondern auch der Grundsatz der Parität uns Juden gegenüber zur Anwendung kommt. Der Staat braucht das deutsche Judentum, und der Staat kann die Juden ebenso wenig entbehren, wie unsere Juden ein blühendes und starkes deutsches Vaterland, mit dem wir auf Gedeiht und Verderb unlöslich verknüpft sind. (Lebh. Beifall.) Zweitens ist hervorzuheben, und das ist eigentlich selbstverständlich, daß öi-r Gesamtvertretung der preußischen Juden notwendig ist wegen der zahllosen Einzelaufgaben, die unserer harren und im Etat ihren Ausdruck gesunden haben. Wie wir im einzelnen auch dazu stehen mögen, ist cs dach ein Gebot, hier einmal in aller Oeffentlichkeit festzustellen, wie gewaltig die Aufgaben nach allen Richtungen find, in religiöser, sozialer und sonstiger Beziehung, die wir deutschen Juden uns gegenüber zu erfüllen haben und' daß wir keinen Mann und keine Frau entbehren können, an diesem großen Werke mitzuarbeilen. Wir brauchen jeden Juden und jede Jüdin. Ich glaube in aller Sinne zu sprechen, wenn ich der bisherigen Geschäftsführung dafür, daß sie uns die Aufgaben präzisiert und das Programm gegeben hat. für ihre große, und wie ich am besten weih, sehr miihsvolle Arbeit, wenn ich dafür der bisherigen Geschäftsführung des Verbandes unseren aufrichtigsten Dank ausspreche, insbesondere auch Herrn Dr. Freund, dessen Arbeit es ja im wesentlichen ist, die wir hier vor uns haben. (Beifall auch Händeklatschen.) Dieser grundsätzliche Dank entbindet uns nicht von der Verpflichtung sorgfältiger Prüfung. In sehr wesentlichen Punkten sind wir der Ansicht. daß die Berbandssorderrmgen zu bescheiden gewesen sind und die Ansprüche eher zu gering als zu hoch aufgefaßt, -die wir an sie zu stellen haben. Jedenfalls möchte ich mit aller Entschiedenheit betonen, die Aufgaben, die unserer harren, sind so gewaltig, daß wir hier einmal zeigen müssen, daß unsere Opserwilligkeit nicht bloß auf dem Papier stcht, sondern eine Opferwilligkeit des Herzens und der Tat ist. Von diesem Gesichtspunkte aus müssen die einzelnen Gemeinden an den Etat Herangehen. Ich hebe zwei wesentliche Punkte hervor: 1. das. was wir hier für Wohlfahrtspflege eingesetzt haben, ist /völlig unzureichend, auch unter dein Gesichtspunkte betrachtet, -daß die Zentralwohlfcchrtsstelle augenblicklich in der Lage ist. die notwendigen Aufgaben zu erfüllen. Es ist unter unserer Würde, nachdem wir die Ausgabe übernommen haben, daß eine andere Stelle, und mag sie noch so großartig gearbeitet haben, diese unsere Arbeiten -und Lasten übernehmen soll. (Sehr richtig.) Haben wir die Verpflichtung übernommen, so müssen wir ihr auch nachkömmen. Wir werden Ihnen eine sehr wesentliche Heraufsetzung dieser Etatsposition vorschlagen müssen. Als unsere speziellen Wünsche habe ich auszusprechen, daß wir selbstverständlich dafür eiwftefcn ' ' - ' ' ’ 1. — - r r'.--V" " •) v . werben, daß (im ^bedingte Parität und Anerkennung jeder religiösen Richluni in der'Wohlfahrtspflege gewährleistet wird, daß wir unser Augenmerk darauf richten werden, daß unsere Anschauung die gebührende Würdigung finden wird, daß es nicht Vorkommen darf, ouß Menschen von der Wohlfahrtspflege ausgeschlossen werden, die uns nahestchen, weil sie die Forderungen des Religionsgesetzes nicht in dem Umfange erfüllen, wie es eine andere Richtung des Judentums heute noch für erforderlich hält. Ferner möchte ich meiner hohen Befriedignng darüber Ausdruck geben, daß hier einmal gezeigt wird, wie vielfältig die Aufgaben sind, die wir in sozialer Arbeit zu leisten haben. Sie alle wissen, datz private jüdische Ltebestätigkeit an Kranken usw. bisher im wesentlichen den Gemeinden für die Lösung dieser Aufgaben gehrllfen hat. Allen Brüdern und Schwestern, die daran mitgeholfen haben, danken wir an dieser Stelle und bitten sie, auch weiterhin mit tätig zu sein. (Beifall.) Diese Aufgaben auf eine größere Basis zu stellen, wird unsere Aufgabe sein. Es wird unsere Ausgabe sein, dafür zu sorgen, daß die im Etat aufgestellten Buchstaben und Zahlen Leben haben werden, und ich darf hier die Hoffnung aussprechen, daß auf diesem Gebiete nur ein einheitliches Ziel bestehe und erreicht werde. Dem sozialen Hilfswerk gegenüber stehen die Aufgaben auf dem Gebiete d-rr Lehrerbildung und des Kultus, die religiösen und Wissenselemente, diese Kernstücke jedes modernen Judentums'. Auch wir Liberalen sind von der Notwendigkeit überzeugt: „lalnnid tauroh kenngad Kulan," — daß Lehren und Lernen und Lernen über allem steht. Wir wollen, daß lebendiges, aufbauendes religiöses Leben bei uns einziehc, daß nicht nur bloßes Pietätsgefühl. sondern eine durch Wissen gefestigte, zum Opfer bereite Begeisterung in alle jüdischen Herzen einziche! Daß die Gemeinschaft des Judentums befestigt werde, die sich im Elternhaus, Schulhaus und Gotteshaus nusspricht, daran wollen wir Liberalen Mitarbeiten. Bei der Wichtigkeit der religiösen Ausgaben werden wir beantragen, daß zwei Kultusausschüsse gebildet werden, einer für die gesctzestrcue Richtung und für die liberale Richtung der andere. Wichtige und dringende Aufgaben harren auch des liberalen Ausschusses. Die Zersplitterung des Gottesdienstes und der Gebetsübimgen hoffen mir beseitigen zu können, indem wir endlich ein einheitliches Gebetbuch für die liberale Richtung Herstellen, damit es aufhört, daß wir in Preußen, Hessen oder anderen Ländern jeweils besondere Gebetbücher haben. Alles, was hier Dr. Freund über die Notwendigkeit der Unterstützung leistungsschwacher Gemeinden gesagt hat, ist -eine absolute Selbstverständlichkeit. Die meisten von Ihnen werden den Zauber -des jüdischen Gemeinde- und Gemeinschaftslebens in kleinen und mittleren Gemeinden noch selbst teilen oder in der Kindheit erfahren haben. Wir alle wissen, welche Bedeutung -rs hat, daß Jude und Jüdin um des Judentums willen gemeinsam zusammentreten in allen Aufgaben, die uns gestellt sind. Die Großstadt mit ihren weiten Entfernungen gibt nur unvollständig die Möglichkeit, hiervon Gebrauch zu machen. Um so mehr ist es notwendig, die kleinen Gemeinden zu erhalten, aus denen die Kraft des deutschen Judentums seit jeher geflossen ist. Durch den unglücklichen Frieden haben wir wesentliche' Teile unserer östlichen und westlichen kleinen Gemeinden verloren, Teile, die heute nicht mehr zu unserem Vaterland gehören und in denen jüdisches Leben infolge der politischen Umwälzung so gut wie erstorben ist. Wir hoffen aber, daß die Männer und Frauen, die dort gewirkt haben, auch in ihren neuen Wirkungskreise diese heilige Flamme jüdischen Lebens verpflanzen werden. (Beifall.) Was dazu geschehen kann, um das geistige und seelische Leben in den kleinen Gemeinden aufrechtzuerhalten, können sie von uns und unserer Liebe und Opserwilligkeit erwarten. Ich komme nunmehr zu einem anderen Punkt. Alles das, was wir hier leisten, wird nur Stückwerk sein, wenn wir uns nicht vor Augen halten, daß wir nicht bestimmte Einzelzwecke verfolgen, sondern daß wir im Dienste des großen von Geschlecht zu Geschlecht dauernden ewigen und unsterblichen Judentums stehen (Beifall), und daß wir im Dienste dieser Idee einig sind. Wohl mag der eine oder andere ein anderes Bild vom Judentum im Herzen tragen. Aber daran, daß wir weder durch örtliche noch zeitliche Schranken getrennt nur ein Judentum unter uns kennen, darin unterscheiden wir Liberalen uns wohl von keiner Richtung-im Saale. Auch wir wissen, daß Gottes Wort zum gesamten Volke Israel gesprochen, daß die Propheten zu allen Juden, ja, zur ganzen Welt gesprochen haben. Und wenn wir heute aüf dem Standpunkt stehen, daß wir selbst in der Zerstreuung, die für uns der gottgewollte Zustand der Zudenheit ist, auch nicht in Einzelheiten gleicher Meinung sind, in der Liebe zum Judentum, im Stolz auf seine Vergangenheit und in der Hoffnung auf feine ewige Zukunft sind wir einig. (Beifall.) Jüdische Arbeit kann nur dann wertvolle Arbeit sein, wenn sie jüdische Gemeinschaftsarbeit ist, wenn sie davon diktiert ist. daß jeder einzelne nicht Selbstzweck ist, sondern -daß wir alle im Dienste der großen gewaltigen religiösen Idee sieben, um der-etwillen unsere Väter den Scheiterhaufen bestiegen haben. Freilich -wird es unsere Aufgabe sein, und das betrachten wir Liberalen als wichtigste Aufgabe, diejenigen Männer und Frauen, die dem Judentum angehören, aber mit dem Herzen noch nicht dabei sind, mehr und mehr heranzuziehen, die Ueberzeugung derjenigen, die wobt dem Judentum angehören möchten, aber kraft ihrer Vorbildung und Erziehung nicht dazu gelangen können, also diejenigen, die man indifferent nennt, die es aber oft gar nicht sind. Die Heranziehung dieser großen jüdischen Masse ist eine der großen Aufgaben, die entscheidende Aufgabe des deutschen Judentums. Diese Aufgabe zu lösen, an ihr mitzuarbeiten, wird im wesentlichen die Aufgabe der Verbandsorganisation sein. Wir wollen keine leere Verwaltungsmaschine und kein Dekorationsstück, sondern eine Gemeinschaft jüdischer Männer und Frauen als Führer für unsere Schwestern und Brüder im Lande sein. Lassen Sie mich schließen mit einem Wort, das wir am letzten Sabbat in unserer Thora gelesen haben. Da ist die Rede von den Männern, die als Kundschafter in das unbekannte Land geschickt werden. Da sind die zehn Kundschafter, die sagen, wir werden es nicht 'erreichen können, und da ist ein Mann, welcher dem cnigegenhält: Wir werden es erreichen. Ja, wir werden es erreichen. Haben Sie Glauben an die Sache, wir werden es erreichen, wir müssen es erreichen. (Lebh. Beifall und Händeklalschen.) Dr. Klee (Jüdische Volksparlei)'. Der Blick schweift zurück auf den Beginn der Arbeit, in der wir heute einen bedeutenden Schritt weitergekommen sind, und ich danke all den Männern, die für die Gründung dieses Landesverbandes e-i-n-getoeten sind. Ich glaube, das Verdienst für meine Freunde mit i-n Anspruch nehmen zu können, und wenn ich mir heute das preußische Judenparlament ans che, so darf ich als eine der erfreulichsten Tatsachen feststellen, -daß es auf absolut demokratischer Basis arbeitet. Wir haben um diese demokratische Basis gerungen, weil wir der Ansicht sind, daß jeder Jude und jede Jüdin die Pflicht und das Recht der Mitarbeit haben und daß, wenn man den Gleichgültigen und Indifferenten steuern will, es kein besseres Mittel gibt, als den einzelnen lsinzustellen in den Kreis der Mitarbeit. Wir find nicht ganz befriedigt in bezug auf den Landesverband. Die Zusammensetzung des Rates entspricht nicht der prinzipiellen demokratischen Einstellung., Sie ist im wesentlichen noch auf der Basis alter Rotabeln-Politik erfolgt und trägt einen ausgesprochenen plutokratische-n Charakter, womit sie von wahrer Demokratie weit entfernt sind. Es ist dabei keineswegs Rücksicht genommen auf die berechtigten Wünsche der Minoritäten und wir können schon aus diesem Grunde nicht sagen, daß das, was wir als Ideal auf diesem Gebiete erstreben, für uns erreicht ist. Aber preußisches Judentum ist für uns natürlich kein Begriff, mit dem wir arbeiten können. Preußisches Judentum ist ein Zufall oder Schicksal, wie Sie wollen. Die Grenzen sind ohne unser Hinzutarn vollkommen gezogen. Auch deutsches Judentum ist für uns t kein abschließender Begriff. Wir kennen nur eines in unserer Einstellung: -ein Judentum aut der Welt, ein jüdisches Volk und aus diesem jüdischen Volke haben wir heute in Preußen -einen Ausschnitt. Wenn wir natürlich in erster Linie im Landesverband mit den Angelegenheiten des preußischen Judentums zu tun haben, so erklärt sich das -daraus, daß brr Familienvater zuerst für sein eigenes Haus sorgt. Mit weisem Vorbedacht ist der erste Paragraph, der sich über den Zweck der Organisation ausspricht, -der tu die Verfassung ausgenommen worden ist, nämlich der Paragraph 3 so gefaßt,<dah der Verband die Zusammenfassung der preußischen Synagogengemeinden zur Pflege aller ihrer Interessen durstcllt. Was heißt ..aller" Interessen, mos heißt „ihrer" Interessen? „Ihre" Interessen — dabei gibt es für einen Juden keine einengende Bestimmung. Nichts jüdisches kann einem Juden»fremd sein, so kann natürlich auch „ihre' Interessen nur so interpretiert werden, daß unsere Aufgaben alle diejenigen Aufgaben sind, die jüdische Menschen zu'bewegen haben. Des wird natürlich an und für sich von Fall zu Fall unter einem gewissen praktischen Gesichtspunkt zu erörtern sein. Wer alles im selben Augenblick will, wird nichts erreichen. Aber das Prinzip muß festgelegt werden, und deshalb haben wir zunächst klarzulegen, daß die großen Gesamtausgaben der Judenheit auf der Welt in den Rahm-e-n auch «unserer Tätigkeit hineinfallen. Selbst wenn jemand in Einzelheiten anderer Ansicht ist, so würde er in der Gesamtheit aus unparteiischen Gründen gar nicht anders denken können. Sie werden verstehen, daß uns das erste und wichtigste ist, eine neue Belebung des jüdischen Lebens, das, was man im allgemeinen versteht unter einer Renaissance — die Wiedergeburt jeder Art unseres jüdischen Lebens. Wenn man daran denkt, so kann man in der historischen Stunde an der Wiederbelebung des alten Volkes auf dem alten historischen Boden auch in dieser Versammlung nicht vorbeikommen, an dem neuen entstehenden Leben in Pnlästim:. jBeifall.) Es ist unmöglich, in einer jüdischen Versammlung nicht davon zu sprechen, was es heißt, daß -ein zweitausendjähriger Traum in nnserer Vergangenheit -in Erfüllung geht. Ich möchte zwei Dinge hierzu sagen, erstens, daß wir es mit Freuden begrüßen, daß die Einheit der Mitarbeit am Wiederaufbau Palästinas heute die allgemeine Auffassung der gesamten jüdisch fühlenden Menschheit geworden ist. (Beifall.) Es gibt keinen echten und rechten Juden mehr, und -ich glaube, hier mit aller Zustimmung zu sprechen, der die Mitarbeit am Wiederaufbau Palästinas nicht als jüdische Pflicht empfindet, und ich habe die Resolution des Rabbinerverbandes in Köln mit großer Freude gelesen und bin erfreut über die Tatsache, daß aus -diesen Kreisen treue Mitarbeit für Palästina kommen wird. (Beifall.) Ist es nicht ein Stück Messianismus? Von 40 geistigen Anstalten, Universitäten der Welt, hat die geistige Elite auf dem Oelberg gestanden und gesegnet — wo man bisher für Israel keinen Segen hatte. Ist das nicht ein Stück der Erfüllung unseres Traumes, ein neues jüdisches Leben -dort zu gründen? (Beifall links.) Wer aber so eingestellt ist, wer nur ein Judentum auf der Welt sieht, der muß mir folgen, wenn ich das Problem auch nur mit einigen Worten anschneide — Ostjudentum — Westjudentum. Ich hassr das Wort Ostjudentum, wie auch das Wort Westjudentum. Dieses Wort, aus dem Kriege heraus geboren. Hai eine künstliche Scheidung hervorgerufen zwischen Juden und-Juden der Welt, -die wir nicht wollen. Wir kennen kein Ostjudentum und kein Westjudentum. Wir kennen nur ein Judentum auf der Welt, nur eine Judenheit, der unsere Liebe bis zum letzten Atemzuge un-d unsere dauernde Arbeit gilt. (Sehr richtig links.) Insbesondere begrüßen wir es, daß in diesem Jahre bedeutende Vorkämpfer oftjüdischer Provenienz in unserer Mitte weilen. Ich darf noch eins hinzufügen. Wir deutschen Juden, wenn ich das sage, der ich aus uralter «er Familie stamme, so hat das ein besonderes Gewicht. lisch en Juden haben Dank zu sagen dem Ostjud-entum in dieser Stunde, denn wir wissen, daß durch ostjüdischen Geist und ostjüdische Kraft das ersterbende Judentum in unserer Mitte sehr oft eine Auffrischung erhalten hat. Es handelt sich dabei nicht etwa um Konzessionen gegen Oftjuden, sondern um die Erkenntnis, daß wir ein einheitliches Volk sind, und daß, wenn das Ostjudentum uns in irgendeinem Punkte einmal zu Dank verpflichtet sein sollte, daß der Dank dann unter Brüdern erstattet werden sott, wie wir >rs dem Oftjudentnm auch schuldig sind. Bei uns Juden ist es «ine eigentümliche Sache. Ich kenne Pofener Juden, stolze, edle und weise Juden. Si-e waren gewohnt zu geben, Rehmen war für sie etwas Furchtbares. Und es kam die Stunde, daß gar manche, die unabhängig waren von uns, ihre Heimat verloren und fortgeh-en mußten und zu Nehmenden wurden. Trauriges Schicksal — Judenschicksal. Da wollen wir dankbar des Ostjudentums gedenken. Ich entsinne mich der ZM. als etwa im Jahre 1881 die aus dem Osten durchziehenden Bruder hier passierten und wir sie unterstützten. Diese Ostj-ud-en haben unsere Liebe mit Zinsen und Zinseszinfen i-n den Tagen der Rot für uns durch Joint und ähnliche Institute erstattet. Denn die Geber in Amerika, die große Masse, di-e dort sich unserer deutschen, jüdischen Rot erbarmten, ohne die wir unsere Institute nicht hätten ausrecht erhalten können, waren Ostjuden. Darum bedeutet das Wort Ostju-de kein Problem, sondern wir wollen brüderlich mit ihnen verbunden sein — verbunden auch mit jedem Juden auf der Welt. Und so werden wir uns zu fragen haben: welche Aufgaben haben wir aus unserer Grundeinstellung heraus im Landesverband zu lösen? Ich habe nicht die Absicht, m -etne Detaildebatte einzutreten und ich habe es als meine Aufgabe empfunden, die Hauptlinien zu zeichnen. Eine -der wichtigsten und bedeutungsvollsten Fragen ist für uns die Frage der Erziehung unserer Jugend. Es kommt darauf an, ,-afür zu sorgen, daß ein Geschlecht uns folgt, hoffentlich noch nehr vereint, noch jüdischer als das abtretende Geschlecht, und -eshach bekennen sich meine Freunde uneingeschränkt zu dem Prinzip der jüdischen Schule. (Beifall links.) In dieser Frage ,ibt es für uns kein Problem mehr. Wir wissen, daß lediglich ne jüdische Schule den jüdischen Menschen entwickeln kann. Zwei Stunden Religionsunterricht in der Woche oder selbst vrea Stunden können kaum genügen. Wir wünschen für unsere jü- »ischen Kinder eine jüdische Ausbildung, die sie zu vollen Inden nacht. Wir wünschen auch, daß unsere jüdischen Kmder von fugend auf etwas besser von Sabbat und jüdischen Feiertagen cnd von -deren Bedeutung unterrichtet werden. Das ist nurnöalich in der jüdischen Schule, wo das jüdische Kind zusammen nit Vaier und Mutter ins jüdische Gotteshaus gehen kann. Beifall.) Wenn wir das wünschen, ist natürlich eine der dmnlendsten Ausgaben, die wir zu lösen haben, die Lehrevfrage. In seinen weiteren Ausführungen wendet sich Dr. Klee gegen >ie Politik des Raumannsch-en Verbandes. Als Dcrtr-eter der Konservativen formulierte R.- A. Dr. Oorowitz. Frankfurt a. M., die kulturellem und Schulforderunlen der g-esehestreuen Juden. Er forderte jüdische Schmen. in >enen die Thora ein Heim hat. Es gibt, sagte er. kem jüdisches Leben ohne die Thora. Wir KonservatiVen. schloß er, jte&en iüerall da. wo es eine Angelegenheit der jüdflchen Geme^l^fl' >es Klal-Jisroel, zu vertreten gilt. Arbeit für Klal-Jisroel ist Arbeit für die Menschheit. Mag.-Rat Reumann (Religiöse Mittelpartei) trat ebenf-alls Ür religiöse Erziehung ein. Er bekämpfte aber die Forderung, >aß Hebräisch Unterrichtssprache in religiÄen Fächern sein sollte Hebräisch, sagte er. ist unsere heilige Sprache. Mer sie als llmaangssprache gebrauchen will, der mag es Lun, uns widerfrrem rs, so etwas zu unterstützen. Dem Aufbauwerk iu Palästma stehen wir sympathisch gegenüber, aber auch das ist Sache des einzelnen. Der Landesverband ist ein Verband preußischer Iw kn, ihm ohl-iegrn einzig preußisch-jüdische Aufgaben. Alfred Berger (Poale Zion) protestierte gegen die «mrarM« lifche Zusammensetzung des Rates, welcher von der liberalem Mehrheit beherrscht ist. Das Wahlrecht in zchlrMey ^sichen