Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 26 (26.6.1925)
- Date
- 1925-06-26
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Hcrzfeld wußte genau, daß die Schwierigkeit, seine Marguerite zu verheiraten, dem Vater schon ernste Sorgen verursacht hatte. Stundenlang hatte der alte Heymann, im Cafe Qoldschmidt oder Cafe Hecht über diesen Punkt mit mehr oder weniger teilnehmenden Freunden* lange Konferenzen gepflogen, die aber bis dato noch kein greifbares Ergebnis gezeitigt hatten. Als ein erschwerender Punkt, fiel noch die hohe Schulbildung und gute Erziehung Marguerites in die .Wagschale. Weit davon entfernt, dem Mädchen zum Vorteil zu gereichen, bildeten seine geistigen Eigenschaften nur allzuhäufig ein Hindernis, an dem manche sonst recht annehmbare Partie scheiterte, denn, den ersten besten oberhessischen Viehhändler, der wohl in geistiger Beziehung seine Kundschaft, Vogelsberger oder Wetterauer Bauern, bedeutend überragte, aber dennoch kaum ein richtiges Deutsch sprach, geschweige denn schrieb, nahm Marguerite n.icht. — Lieber blieb sie ledig. Daß Herzfeld für geeignet befunden wurde, die Rolle des Ehemannes zu übernehmen, war ja recht schmeichelhaft für ihn, aber zum Heiraten gehören allemal zwei, und selbst wenn man, wie er, die Ehe mehr oder weniger als ein Geschäft betrachtete, so hatte er doch mit seinen 25 Jahren noch soviel Illusionen, um bei der Aussicht, sein ganzes Leben an der Seite der alternden, häßlichen Marguerite! verbringen zu müssen, ein gelindes Grauen zu empfinden. Ja, wenn Heymann vielleicht mit sich reden ließe und ihm Beate, die kleine, niedliche, braunhaarige Beate zur Frau geben würde, dann ließe sich der Fall eher überlegen. Die sichere Existenz, als gleichberechtigter Teilhaber der Firma Max Heymann, an der Seite der lustigen und hübschen Beate, das könnte er sich eher gefallen lassen. — Aber Marguerite, seine Frau? Sein Weib fürs ganze Leben? — Nein! — So eilig hatte er mit seinen 25 Jahren das Heiraten nun doch nicht. — Und sein Entschluß war gefaßt. „Herr Heymann!“ sagte er. „Ich kann Ihnen sofort, auch ohne vorherige Besprechung mit meinen Angehörigen, Antwort geben. Daß mir Ihr Vorschlag im Prinzip durchaus sympathisch ist, brauche ich wohl nicht besonders zu betonen. — Der Schwiegervater würde mir gut gefallen, und. auch Sie m hätten keinen schlechten Schwiegersohn an mir*denn ich bin, ohne mir schmeicheln zu wollen, fleißig, sparsam, ich habe ein selbsterspartes Vermögen von 4000 Gulden, das ich ins Geschäft stecken würde, und ich bringe Ihrem Geschäft ein weitgehendes Interesse .entgegen, aberIhre Tochter Marguerite? — Nein! Fräulein Marguerite paßt ganz und gar nicht zu mir, sie ist vor allem für mich zu alt. —" „Stuß!“ meinte Heymann. „Was die zwei Jährchen schon ausmachen?“ „Mehr als Sie glauben. — Heute noch nicht allzuviel, das mag sein. — Aber sagen wir mal in 15 Jahren. Ich bin 40 Jahre, meine Frau 42. Ich bin noch ein junger Mann, meine Frau alt und verblüht. Nein, Herr Heymann, Ihre Tochter Marguerite als meine Frau? — Nein, es geht beim besten Willen nicht. — Aber,“ fuhr er fort, als Hey mann ein recht bedenkliches. Gesicht aufsetzte, „das Projekt braucht deshalb noch nicht in die Brüche zu gehen. Sie haben ja noch eine zweite Tochter. — Geben Sie mir Beate! — Beate paßt mit ihren 19 Jahren besser zu mir, als Marguerite, und, offen gestanden, sie gefällt mir auch viel besser —“ „Kunststück —!“ sagte Heymann nur, dann schwieg er eine kleine Weile. Auch Herzfeld, der mit dem Berlocke seiner Uhrkette spielte, schwieg, dann sprach er zuerst wieder. „Herr Heymann", sagte er, „überlegen Sie eich meinen Gegenvorschlag. Im Prinzip sind wir ja einig, nur in der detaillierten ‘Äusfütfrung gibt es eine kleine Meinungsverschiedenheit, die aber sicher beizul^gen ist. — Geben Sie mir Beate zur Frau, und die Sache ist gemacht —" „Und Marguerite bleibt mir sitzen?“ brummte Hey mann ärgerlich. „Warum nicht gar!“ rief Herzfeld aus. „Fräulein Marguerite ist ein nettes, gebildetes Mädchen, das mir gut gefallen wijrde, aber sie ist, in Anbetracht meiner 25 Jahre, zu alt für mich. Hingegen zwischen Beate und mir besteht gerade der richtige Altersunterschied.“ All’ die vorgebrachten Einwände, mochten sie auch noch so stichhaltig sein, konnten Herrn Heymann nicht von der einmal gefaßten Meinung abbringen, daß es unbedingt notwendig sei, zuerst die ältere, häßliche Tochter zu verheiraten, bevor er auch nur im Entferntesten daran denken mochte, für die junge, hübsche Beate einen Mann zu suchen. Aber alle seine noch so spitzfindigen Argumente schlugen an dem festen Willen Herzfelds, sich in einer so wichtigen Lebensfrage nicht hineinlegen zu lassen, fehl. „Herr Heymann,“ sagte er schließlich, ein wenig ärgerlich, „ich kann heute Ihre Dickköpfigkeit wirklich nicht begreifen. Ein Geschäftsmann muß ab und zu geben können. Daß ein tüchtiger Kaufmann, wie Sie, an einem einmal gefaßten Standpunkt so hartnäckig festhält, kann ich kaum begreifen.“ Heymann schüttelte den Kopf. „Gerade weil ich mir einbilde, ein guter Kaufmann zu sein, muß ich Marguerite zuerst an den Mann bringen; um Beate ist es mir nicht bange. Geben Sie acht, Herzfeld. Ich will, um mich verständlicher auszudrücken, unsere Angelegenheit in ein geschäftliches Gleichnis bringen.— Nehmen wir mal an, ein Kunde kommt in Ihr Geschäft, sagen wir mal, der Polizeidiener Schmidt aus Fechenheim, und will für sei’ Frau e seidenes Kleid kaufen. — Nun haben Sie gerade zwei Coupons Seide am Lager. Ein Stück hochmoderne, weiche, geschmeidige Merveilleuxseide, eine wunderschöne War’, die jeden Kunden besticht, die so kurant ist, daß se gar keiner Anpreisung bedarf; und ’nen schwarzen Taft, ganz gute Qualität, gediegene War’, aber schon net mehr so recht modern. Das Stück liegt schon längere Zeit am Lager, und is schon im Glanz e bißche stumpf geworde. Kein eigentlicher Ladenhüter, noch kein ausgemachter Bowel, aber wenn die War’ noch ein bis zwei Saisons am Lager bleibt, laufen Se Gefahr, daß se brüchig und so schofel wird, daß der Ramscher Levi in der Äegelgaß' net emal 30 Kreuzer für die Eil’ biete möcht. Nun sagen Se mer, Herzfeld, welches Stück würde Se als guter Kaufmann dem Herrn Polizeidiener Schmidt verkaufe, den hochkurante Merveilleux, oder den halbbowelige Taft?“ Herzfeld konnte nicht anders, er mußte über das für die älteste Tochter Heymanns nicht gerade schmeichelhafte Gleichnis laut auflachen, auch Heymann schmunzelte über den, nach seiner Meinung guten Witz. „Ja, Herr Heymann,“ sagte Herzfeld, immer noch lachend, „die Frage ist doch recht einfach zu beantworten. — Solange Herr Schmidt nichts von der Existenz des kuranten, modernen Merveilleux weiß, gelingt es mir vielleicht, ich betone vielleicht, Herr Heymann, den Ladenhüter loszuwerden. — Ich meine natürlich nur den Taft, und denke selbstverständlich nicht im Entferntesten daran, Fräulein Marguerite mit dem Gleichnis in Zusammenhang zu bringen. Aber, glauben Sie vielleicht, daß mir mein Kunde den unmodernen, stumpfen, verlagerten Taft abnimmt, wenn er den schönen, weichen, zarten Merveilleux zum gleichen Preise haben kann? Wenn ich schon mal den Fehler gemacht habe, beide Stücke zur Auswahl vorzulegen, dann darf es mich nicht wundern, wenn mein Kunde, vorausgesetzt, daß er nicht gerade ein ausgewachsener W.DdmslclIdCo. Teppiche / Linoleum / Läuferstoffe Berlin SW «8. Kochslr. 32 Fernspreoher; Dönhoff 7070-76-77 Filiale: Chausseestraße 86 SONDERANGEBOT Deutsch-Perser Teppiche ca. 200/300 42.- ca. 250/360 ca. 300/400 TS.- Axmlii(ter-T«iii>lch« 200/300 SS.— 250/350 ST.— I« VBloiir.ftmilchB 200/300 SS.- sIomC uni« 67 cm breit, per Meter Uv— Linoleum »l< 180/250 ST.SO 200/300 M.- 250/350 ST. 300/400 TS.- Uluffnr 67 breit 3.SO 90 breit 4.BS 110 breit S«3S 133 breit S.SS O0OOOOGOGOOOOOOOOQOOOOO0OOOOOOGOOOOOOO Chämmer ist, den vorteilhafteren Stoff mit KuBJiand nimmt, und den Ladenhüter liegen läßt.“ Auf dieses Argument fand nun Herr Heymantti trotz seiner Gerissenheit nicht gleich die richtige Antwort, um so mehr, als Herzfeld schnell fortfuhri „Lassen wir den Taft und den Merveilleux beiseite, Herr Heymann. Es widerstrebt mir, Ihre beiden Töchter mit einem toten Stück Ware zu vergleichen, das, ohne zu wissen an wen, verhandelt werden kann. Selbst Ihre Zustimmung vorausgesetzt, die Sie mir ja bei genauem Prüfen und reiflichen Ueberlegen nicht versagen können, weiß IcH noch nicht, ob mich Fräulein Beate überhaupt haben will. Meine Ansicht in dieser Sache ist Ihnen jetzt bekannt. Besprechen Sie sich mit Ihrer Frau und Tochter und geben Sie mir von dem Ergebnis) Bescheid.“ Und noch am gleichen Abend, im Bett, Batte Herr Max Heymann eine längere Aussprache mit seiner Frau, und am nächsten Morgen mit seinen beiden Töchtern; und als er nach Sabbatausgang,; beim Nachhauseweg von der Synagoge, seinem Reisenden mitteilen konnte, daß Beate auf Befragen nicht „Nein“ gesagt habe, überkam Heymann, mit einem Blick auf das strahlende Gesicht seines Begleiters, das etwas beschämende Gefühl, daß er, wohl zum erstenmal in seinem Leben, ein Geschäft abgeschlossen hatte, bei dem er, so vorteilhaft es an und für sich auch sein mochte, doch gehörig) übers Ohr gehauen worden war. — Iflgel ca. ISO Instrumente der verschiedenst. altrenommiert. Marken _ stets vorrätig, auch Knnstspielpianos Beqiieme Teilzahlung sestattetl Hans BehbocK & Co., Motzstr.78 WWWWWWWWWWWWWW» (a. Generalvertretung von Schiedmay’er&Sölwe Veranlaßt Eure Bekannten zum Beitritt! (Hier abtrennen und ausgefüllt im Briefumschlag einsenden.) (Crsahexemplar für die zerschnittene Zeitung wird auf Wunsch kostenlos geliefert) An die Vereinigung für das liberale Judentum, Berlin W 8, Mauerstraße 22 Ich crfldrc meinen Beitritt zur Bereinigung für das liberale Judentum und erbitte regelmäßige unentgeltliche Zusendung der wöchentlich erscheinenden Iudisch-liberalen Zeitung. Mitgliedsbeitrag von Mk. 2.50 vierteljährlich sende ich anbei folgt auf Postscheck-Konto der Bereinigung für das liberale Judentum, Berlin, 7UB 7, Nr. 132069 bijte ich durch Nachnahme einzuziehen. (Jlichtgewünschtes bitte burchzustreichen.) Name:. An die Jüdisch-liberale Zeitung Berlin W 5, Mauerstraße 22 Ich abonniere hierdurch die Indisch-liberale Zeitung vorläufig für ein Bierteljahr. 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