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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-06-26 · 26 (26.6.1925) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
26 (26.6.1925)
Date
1925-06-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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hatten den deutschen Namen schänden und ihn als einen Auswurf und Abscheu des Menschengeschlechts hinzustellen drohen, steht, linb wenn man sich dessen erinnert, was jene Paroxismen der nationalen Wut und Verhetzung während des Weltkrieges erzeugt haben, dann möchte man mit Grillparzer sprechen, mit Grillparzer. der, noch zurückdenkend an seine Jugend, beseelt war von den humanen Ideen der kosmopolitischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts und der dann die düsteren und feindseligeren Zeiten -erlebte, da er das Wort sprach: Die politische Entwicklung Europas scheint zu gehen von der Humanität durch Nationalität zur Bestialität. Gewiß, wenn das Nationalität wäre, wovon ich eben sprach, dann möchte man das glauben. Aber sind nicht im Gegenteil solche Auswüchse ein Beweis dcffür, daß entweder durch einen ungeheuren feindlichen Anprall und pusammenprall der Nationen, die natürliche, gesunde, nationale Gesinnung in Fieberwahn ausgeartet ist, oder aber, wo sich solche Erscheinungen im gewöhnlichen täglichen Leben eines Bolkes zeigen, daß es jene geistige Einheit der kulturellen Gemeinsamkeit der Staatsnativn noch nicht voll entwickelt hat? An solchen Schwächeerscheinungen krankt unser deutsches national-staatliches Leben. Es ist das nicht verwunderlich nach den Jahrhunderten seiner Geschichte, nicht verwunderlich nach den unglückseligen Umständen und Verhältnissen, unter denen es in sein neues, staatliches Stadium eingetreten ist. Alle jene Rückfälligkeiten in den Gedanken, daß jenes in seiner -inneren Morschheit hilflos Zusammengebrochene, weil es einst mächtig und glänzend war, doch das Bessere gewesen sei, alle Jene Veilletäten toben sich nun in Feindschaft gegen den werdenden einheitlichen modernen deutschen Nationalstaat auch wieder in den neuen Paroxismen des Antisemitismus aus. And doch gibt es für Deutschlands Lage keine Rettung als die Konsolidierung des modernen Nationalstaates, die Ueberwinduna all jener trennenden und zerreißenden Klassen-, Kasten-, Konfessions-, Rassen-, Pseudorassen- Gegensöhe, die die alten Mächte lm Interesse ihres divide et impera wieder aufzuhehen und aufzvpeltfchen suchen. Deutschland kann nicht existieren, wenn eS nicht unendlich später als alle anderen großen Völker und nach einer Erfahrung furchtbarster Schmerze« eingeht in den großen Weg der modernen national-staatlichen demokratischen Entwicklung. Das ist die Einheit des staatlichen Volkes, der Staatsnation. insofern haben wir deutsche Juden, wie ich zu Anfang andeutete, einen hohen deutschen national-politischen Beruf, teils als Objekt, teils als Subjekt. Als Objekt insofern, als, wie ich vorhin schon sagte, es ein Barometerzeichen für den Stand der nationalpolitischen Entwicklung Deutschlands, von dersein Heil oder Unheil abhängt, ist, datz die sogenannte Zudenfrage aus der Mitte des politischen Lebens in Deutschland verschwindet. Und aktiv, indem wir in nationaler politischer Tätigkeit und Betätigung dazu beizutragen haben, dieses Ziel nach Möglichkeit zu , erreichen. Man wird sagen: sollen wir uns assimilieren? Wie kann man so antisemitisch sein, eine solche Forderung aufzustellen? Wem soll ich mich assimilieren? Bin ich ein minderer Deutscher als /irgendein anderer? Es gibt Landsleute, denen mich zu assimilieren ich mit einem herzlichen Pfui Teufel ablehne. (Bravo!) Aber diese ganze Voraussetzung: > der Jude soll sich dem Deutschen assimilieren, macht eine falsche Prämisse, nämlich die, daß das zwei verschiedene Wesen wären.; Den Deutschen, der nicht irgendwie sonsinoch bestimmt wäre als Jude oder Protestant oder Katholik oder Norddeutscher oder -Süddeutscher oder Handwerker oder Bauer oder Arbeiter, den .gibt es ebensowenig, wie es den Baum kat exochen gibt, der weder Buche noch Eiche noch Tanne noch irgendeine sonstige .. Art von Baum, sondern nur schlechthin Baum ist. Das gibt es < nicht. Aber von diesen verschiedenen Erscheinungen der einheit- > lichen deutschen Staats- und Kulturuation ist der Jude nicht § etwas anderes als irgendein anderes dieser Elemente. Er ist .einig mit dem Vaterlandsgefühl-, und er hat im 'übrigen deshalb auch gar nicht nötig, sich al's ^nationalgesinnter Jude zu bekennen« (Sehr gut!) Das wäre genau so, als ob man sich als nichtwuchernder Jude \ oder als nicht perverser Mitmensch besonders bekennen wollte, (Bravo!) Ich mutz sagen, ich habe mir oft den Kopf zerbrochen, wie es überhaupt denkbar ist, daß jemand, der als Deutscher ge- , Horen, womöglich seit Generationen da ist — und wir wissen doch ' alle, daß die sogenannten polnischen Juden alles deutsche Juden . sind (denn sie sind nach Jahrhunderten nach Deutschland wieder ^urÜckgeDLndert, von Haus aus sind sie deutsche Juden gewesen), «hre Vorfahren haben wahrscheinlich sehr viel länger auf deut- ^schem, und zwar altem deutschen Kulturboden in den Nheinlandengefesten, als, na sagen wir mal, die Vorfahren des Junkers v, d. Marwitz, ich sage, wie kann jemand, der aufgewachsen ist in seiner ganzen Familie, in seinem ganzen Denken, in seinem gangen Leben und Treiben innerhalb eines Volkes, nicht national , gesinnt sein? Es kann sein, daß er es mal sagt, und dann muß "man ihm eben sagen: du weißt nicht, was du redest? denn selbst wenn du >rs nicht wolltest, du kannst eS ja gar nicht fein. (Gehr richtig!) Man -kann -och nicht fein eigenes Sein und Wesen 'abstreiten. Vielleicht wenn man auswandert und lange Jahre unter ärgerer Kultur und Sprache und Amgebungsverhältnisten lebt, dann mag es sein, daß man da einwurzelt, und auch das immer noch nicht ohne Vorbehalt und nicht ohne große Schmerzest ■ und Schwierigkeiten. Es ist aber das Mittel der Herrschaft der reaktionären Kräfte, alles, was ihnen nicht dienlich ist, als antinational zu verschreien. Bald sind es gewisse soziale Klasten und Stände, bald sind es Konfessionen und Religionen, denn schließlich sind die Katholiken doch wohl noch nicht eine Raste. (Heiterkeit.) And das in einer Lage des Vaterlandes, wo in der Tat die Rettung nur durch drn einheitlichen nationalen Seist und die einheitliche nationale Ge- (Innung denkbar ist. ■ Man sagt dem Juden: bessere dich, gehe ln dich! 3a, wenn dlt schlecht bist, bessere dich. Gewöhnlich wird man es nicht tun, wmst man wirklich schlecht ist, aber ob man dabei Jude oder Christ ist, ist meines Erachtens gänzlich gleichgültig. Lassen wir uns —. und das ist eine Pflicht, die wir dem deutschen Volk und seiner nationalen Entwicklung gegenüber haben — nicht ein solches falsches Rost-ensolidaritatsgesühl einreden. (Bravo! und sehr gut.) Fühlen wir uns nicht verpflichtet, jeden Mischen Schuft au decken. (Sehr richtig!) Fühlen wir uns aber auch nicht hanbar dafür, daß es^uch jüdische Lumpen gibt. Diese ganze Art des Denkens ist aus den Rassenwahnsinn aufgezogen und ausgepfropft. Gewiß, man sagt sich: der Jude soll sich nicht vordrangen. Kein Mensch soll sich vordrängen. Der Ehrist auch nicht. Aber er soll, was er für die Oeffentlichkett leisten kann, nicht ung-el eistet lassen, aus Angst, man könnte ihm nachsagen, cr dränge sich vor. (Bravo!) And was noch wichtiger sein mag! dieverehrtenGlaubensgenossen sollenihnnicht an den Rockschössen zurückzieyen aus Anast, sie könnten davon Unnannehmlichkeiter, haben, wenn er den anderen nicht gefällt, (Stürmische Zustimmung.) Das, meine Damen und Herren, ist nicht nur eine siMcht Pflicht, die wir als Juden für uns haben, sonbrrn es ist, was ich für viel wichtiger halte, eine Pflicht, die wir als Deutsche für Deutschland haben. (Bravo!) Ich komme zurück auf das, was ich in den Mittelpunkt dieser Betrachtung gestellt habe:' dig Aeberwlndung jener Veilletäten, die der Konsolidierung des Ratio, nalstaates -und nalionalpolittfchen Gedankens im Wege stehen, ist eine Existenzfrage für Deutschland, und wir hindern, hemmen deren U-eberwindung, wenn wir in solchen Fällen unter dem Eindruck — man kann das in doppeltem Sinne nehmen — der Judenangst handeln. (Sehr richtig!) Da mutz man denn auch ein offenes Wort über das Vrrhatteß .der politischen Parteien sagen, Maß die rechtsgewandtei; Politik scheu Parteien mit dem AnttsemittSmuS mehr ober minder brünstig liebeln, oas ist unschön, ist «ine Versündigung am deutschen Vaterlande. aber er ist vom parteitaktischm Standpunkt aus begreiflich. Denn, mein Gott, sie haben wirklich so gar nichts Propagandistisches. (Heitere Zustimmung.) Womit sollen sie Begeisterung. Eifer, heiliges Feuer erregen? Geht es nicht mit dem heiligen, geht es mit dem unheiligen Feuer. Es ist für einen geistig nicht all zu reich ausgestatteten Agitator eine kaum abzuweisende Versuchung, eine große Versammlung zu jubelndem Beifall fortzureißen, wenn er nur einfach da- Wort „Jude" ausspricht. Ich habe mir manchmal sagen müssen: mein Gott, vielleicht wäre es dir selber unter Amständen schwer gewesen, du hast eine lebertranige Versammlung vor dir, kannst sie nicht recht in Feuer bringen, wenn du jetzt mit ein paar antisemitischen Scherzen losfeuern würdest! Es ist also begreiflich, daß das für Leute dieser Richtung sehr verführerisch ist. Und wenn es auch gegen das Wohl des Vaterlandes geht, es liegt doch in der Richtung ihrer Tendenzen. Sie wollen ja nicht den modernen einheitlichen Nationalstaat. Nun aber die Parteien, die ihn wollen und die natürlich nicht antisemitisch sind. Sie sind es nicht in verschiedenen Abstufungen, aber darüber will ich nicht reden. Aber auch manche, die es ganz gewiß nicht sind, und auch nicht sein können, ja die sogar in ihren Programmen und Kundgebungen mit schr schönen einwandfreien Erklärungen sich dagegen wenden, die es ja bekämpfen müssen — denn sie werden von der anderen Seite als Iudenpartei bekämpft — sind vielfach ebenso tapfer, wie es die Juden in der Selbstverteidigung sind. Sie werden ganz sicher niemals erklären, daß sie einen Juden nicht in die erste Reihe stellen. Aber sie werden alles tun, um es zu vermeiden. (Sehr richtig!) Man braucht das nicht mit moralischen Werturtellen zu betrachten. Viele der Leute meinen des beste dabei, aber was sie tun, ist nicht das Beste. Es hat nämlich glücklich jetzt schon dahin geführt, daß ihre eigenen Gegner drei Viertel dessen, was' sie im Falle ihres Sieges hätten erreichen können, ohne diesen Sieg erreicht haben. Ja, sie haben in weitem Maße das innere Mark und die Kraft der modernen fortschrittlichen Parteien gegeknickt, ausgesogen, wiederum nicht nur wegen der paar Juden. Das ist auch wieder nur Barometer und Symptom. Sie sind verstrickt worden in eine eigene innere Unwahrhaftigkeit, in einen Widerspruch ihres Handels mit ihren Grundsätzen. Dergleichen können sich rückschrittüche Parteien leisten. Wir haben davon reiche Beispiele erfahren. Fortschrittliche Parteien, Parteien des neuen modernen Staates, seines Wesens und Lebens, dürfen sich das nicht leisten. Sie brechen sich selbst das Rückgrat damit. Sie müssen nach ihren Grundsätzen handeln, denn nur fo können sie die propagandistischen und agitatorischen Kräfte entfalten, die sie nicht gewinnen können durch Appelle an den Eigennutz, durch Einzelvorteile usw. Ich meine, der Zustand, wie er bei uns tatsächlich eingetreten ist und nach einem ganz kurzen Schwanken nach dem Umsturz heute Wieher so stark und vielfach stärker ist, als er vor dem Weltkriege war. ist ein schlimmes Schwächesymptom für den neuen deutschen Staat. Ungerade im Interesse unserer nationalpolitischen Kosolidierung im modernen Ginn haben hier die Juden den Beruf, dafür zu sorgen, daß Ehrlichkeit herrscht bei den Parteien, die den Antisemittsmus bekämpfen. Nicht, daß wir so und soviel Plätze irgendwelcher Art für Juden reklamieren. Ich habe immer erklärt und erkläre: mir ist es vollkommen gleichgültig, ob ein Jude oder zwei oder drei oder vier ober wer weih wieviele Juden da find? aber unerträglich ist, wenn jemand, der dienen kann, an der geeigneten Stelle nicht dienen darf der Sache unserer nationalen Konsolidierung und unseres Fortschritts, weil er Jode ist und weil man nicht einmal wagt zv sagen: deshalb, weil er Jude ist. Es ist ein BÄrürfnis der Ehrlichkeit unseres öffentlichen Lebens und brr inneren siegreichen Kraft der modernen Gedanken, daß dem abgeholfen werde, und die Juden sind die ersten dazu, dafür zu sorgen, datz das geschieht. Was in der Beziehung sich bei uns eingenifiet hat, ist schlimmer Äs alte Barmat-Skandale. Wenn durch solche energische Arbeit -er Fortschritt erzielt wird, so ist das nur im Interesse der Iudenhett. Bielleicht wäre es in ihrem engsten Interesse vorteilhaft — und es gibt manche werte Glaubensgenossen, die das meinen —, toemt sie sich um politische Dinge Möglichst gar nicht kümmern, wenn sie ihren geschäftlichen imb sonstigen Interessen leben, nach außen keinen Anstoß erregen usw. Ich glaube, es würde ihnen vielleicht ein Weilchen besser gehen, §e würden sich manche Unannehmlichkeiten ersparen. Aber was den udeu bereitet wird in Völkern und Staaten, denen der moderne Nationalstaat fremd blieb, das sollten sie zur Genüge erfahren haben. Sie arbeiten für sich, indem skr für diesen nationalen Staat arbeiten, und das Ziel mag sein, was schon vor vier Jahr- Hunderten einer der klarsten deutschen Köpfe, Johannes Aeuchltn, ausgesprochen hat, wenn er sagte: .Daß Christen und Juden, wir und sie eines einigen römischen Reiches Mitbürger sind und bei einem Bürgerrecht auf Burgfrieden sitzen." Nicht mehr eines heiligen römischen Reiches, sondern eines nationalen deutschen Reiches in Wahrheit gleichberechtigte Glieder und Bürger in nationalpolitischer Gemeinschaft. (Stürmischer, a-nhaltender Beifall!) Hierauf ergriff das Wort 'l Professor Türk, Berlin: Dis zum Jahre 1847 gab es eine' gesetzliche Regelung der Gemeindeverhällnisse der Juden überhaupt nicht. Die Regierung griff zwar dann und wann ein, besonders wenn eine eifervolle Orthodoxie sie zu Hilfe rief, sobald an einigen Stellen die Juden einen modernen Gottesdienst einrichten wollten. In den 40er Jahren -nahm man eine legislatorische Arbeit in Angriff, hielt eine Umfrage über Einrichtungen der Kultusbeamten bei «men Mischen Gemeinden. Um nur ja nicht eine Gemeinsamkeit der preußischen Juden anzuerkennen, vermied man es, was doch das Natürlichste gewesen wäre, Abgeordnete derselben einzuberufen, man wandte sich lieber an mehr als 1000 Gemeinden, von denen einige vier bis fünf Mitglieder Mtten und nicht einmal deutsch schreiben konnten. Die Regierung legte dem Vereinigten Landtag einen ausführlichen Entwurf vor, der die preußischen Joden in zahllose E-inzelgemeinden ohne Nur in betreff der die Gemeinden der meinde frei. Damit war zwar die religiöse Unabhängigkrit bewahrt, aber dafür waren die schwächeren Zwerggemeinden, deren Zahl ungeheuer anwachsen sollte, ohne Schuh und Unterstützung gelassen. Wirklich gottesdienstliches Leben mit Predigt, geordnetem Kultus und würdigem Religionsunterricht war nur den mittleren und großen Gemeinden Vorbehalten. Während die christliche Kirche geordnet mrd zentralisiert war, war die jüdische Kirche, die preußische Iudenhett, völlig atomisiert. Die jüdische Minderheit war m den kleinen Orten dem Zerfall amsgrlfetzt. der immer drohender wurde, je mehr dtp Butterten tu größer« Zentren abwamderten. Eine zettlang brachte der Opfersimr de< Iudeii einige Hilfe. Ein israelitischer Gemttndelmnd entstand, und obwohl ihn nur wenige von den großen Gemeinden unterstützten, gelang es chm doch, durch Stlftömgen und persönliche Beiträge besonders den Religionsunterricht in den kleinen Gemeinden aufrecht zu erhalten. Aber auch der Gemeindebund konnte nicht verhindern, baß die Lehrer und Kultusbeamten in vielen Gemeinden ein kümmerliches Leven fristeten, daß sie ohne Anssicht auf Altersversorgung war« und oft einen Nebenerwerb tteiben mußten, der mit de; rÄigchsey Stellung nicht vereinbar war. Die Notwendigkeit einer starken Zentralisation war tmobweisbar. Die Bemühungen um die Gründung des Landesverbandes Jinn Zwecke eines finanziellen Ausgleichs zwischen großen-und leinen Gemeinden wurden stärker und lmhaffer. Dann kam der Krieg und die Nachkriegszeit. Die allgemein« Not machte vor deg. Toren der, Iudyzuuh der jüdische^ «Gemeinden. Gotteshäuser wurden baufällig, die Friedhöfe waren verwahrlost in vielen Gemeinden waren überhaupt keine Beamten, keine ReligionÄchrer mehr. Wenn jetzt die Rettung nicht kam, war der Untergang der kleinen Gemeinden. besiegelt. Und wenn drr Landesverband keine andere Aufgabe hätte, als diesen Nöten Einhalt zu tun, so -mußte er gegründet werden. Und wenn men El dieser Aufgabe noch die Unterstützung wisfrnfchofilicher I». tute, die Unterstützung von Rabbinerseminarem und Lehrer, lduagsanstalten htnzunimmt, die Förderung Mischer Wissen, schaff und die sozialen Aufgaben, dann fragt man sich ängstlich: wird der Landesverband all dem gewachsen sein? Nach einem programmatischen Haushalt sollen die Ausgaben ff» Millionen betragen. Daist eine Summe, die selbst bei drr höchsten Opferfreudigkeit die Gemeinden nicht aufbringen können, und dclrum werden unsere Bemühungen nunmehr bei der Negierung einsehen müssen. Gr genügt nicht, daß man den Lande;- verband nur gesetzlich anerkennt. Gewiß war -eine Aenderung der Anschauung der Regierungen Über ihr Dechättnis zu Len Juden deutlich in der letzten Zeit erkennbar. Wir haben mit großer Freude davon gehört, daß neben den Vertretern der evangsttschen Kirche und der katholischen Kirche kürzlich auch der Vorsitzende des Landesverbandes von dem Herrn Reichspräsidenten empfangen wurde, und es gereicht uni zu nicht minderer Befri«. digang, daß vor einigen Tagen, als der Reichstag einen Kulturfonds zu schaffen beschloß, der den Kirchen zugute kommen soll, von diesem Kulturfonds auch die Mischen Landesverbände Nutzen ziehen sollen. Ader eine tatkräftige ftnanzielle Unterstützung ist unabweisbar. Wohl ist die grundsätzliche Bereitwilligkeit an einigen Regierungsstellen vorhanden. Aber man scheint sich daraus beschräicken zir wollen, die Unterstützung nach der Zahl der Rabbiner in Preutzrir bemessen, zu wollen, man ficht nicht ein ober will nicht einscher, daß die Verhältnisse m den jüdischen Gemeinden ganz anders gelagert sind als in den christlichen. Von 900 preußischer Gyn rgogengemeinden haben nur 67 einen Rabbiner. (Hört! Hört!) Alle anderen müssen sich mll einem Lehrer und Kultusbeamten begnügen Und in 206 Gemeinden existiert auch nicht einmal dieser. Sollen die Lehrergemeinden bei der Rrgierung leer ausgehen, dann ist die ganze Aktion bedeutungslos. Wir rechnen, falls die Regierung uns im Stich lassen sollte, auf die Hilft -es Abgordnetenhauses, bis weit in die rechtsstehenden Parteien hinein. Run, meine Damen und Herren, ich habe die Absicht gehabt. Ihnen heute einen kurzen Bericht darüber zu geben, welche Auf. gaben des Landesoerbandes noch harren, besonders in bezug auf die Abänderung des Iudengesetzes von 1847. Ich folge einem Wunsche des Herrn Vorsitzenden dieser Versammlung, wenn Ich mich möglichst kurz fasse. Ich lasse also alles beiseite und hebe aus dem kommenden Juden ge setz, -as wir erstreben, das wir schaffen wollen, nur einen Punkt hervor: das ist die Austrittsfrage, von der ich annehme, daß sie hier interessieren wird. Das Gesetz von 1876 schuf die Möglichkeit, daß ein Jude, ohne aus dem Judentum auszuscheiden, seünen Austritt aus der Ortsgemeinde erklären' konnte. Bedingung war, datz -er Austretende vor dem Richter seines Wohnortes die Versicherung abgab. -atz der Austritt aus religiösen Bedenken erfolge. Das Gesetz von 1918 erleichterte diesen Austritt, indem nunmehr eine schriftliche Erklärung in öffentlich beglaubigter Form genügt«. Irgendeine Begründung war nicht mehr nötig. War der Auätretende früher genötW, noch für zwei Fahre und für perfönlichr Lasten der Gemeind-e noch für fünf Jahre Stenern zu zahlen, so ist er jetzt nur noch bis zum Ablauf des Kalenderjahres verpflichtet, in welchem der Austritt erfolgt. Das Gesetz von 1920 änderte für die Juden so gut Me nichts. Die Folge war, daß Austritte lediglich angemel>drt wurden, um der Steuerzahlung $i entgehen. Dieser Zustand winkt für schwüchere Gemeinden geradezu katastrophal. Besonders hoch Brsteuerte scheuen sich nicht, mit dem Austritt zu drohen, wenn chre Steuer nicht herabgesetzt wird. Dabei können Gemeinden ihre Existenzfähigk-eit völlig verlieren. Wenn das Gesetz abgeändert wird, so soll doch wenigstens -nach dem Willen von uns Liberalen ein Zroang in keiner Weise ausgeübt werden. Wir müssen eben zu dem Gesetz von 1876 zurückkchren. Der Austretende soll auf Ehre und Gewissen erklären, daß der Austritt aus religiösen Bedenken erfolgt. Bei der Verfassung des Landesverbandes haben tvir ddrauf geachtet, datz Mr jedem Versuch uns wldersetzen, den Parteien machen könnten, um den Charakter der Aeligionsgemriude zu ändern, das heißt -irr den Gemeinden durch die Gemeinde pMttsche Ziele zu erreichen. Unsere Hauptgegner, die Zionisten — dem die Orthodoxen betrachten wir nicht als unsere Gegner, Mr sinder Meinung, weil wir eben Liberale sind, daß jeder nach seiner Fasson -selig werden möge —- die Zionisten werden nicht nur diesen Versuch machen, sondern sie haben chn heut« schon gemacht. Für die Zionisten ist dir Bildung des preußischen Landesoerbcmde; und später des Reichsverbandes nur eine Etappe auf dem Wege zum Allsvdentum. Es ist jetzt Mode geworden, in Ve^aumckmgeil das Wort zu hören: Klal jisroÄ. Mau mutz sich fragen: was soll denn unter diesem Ausdruck verstanden werden? Soll dieser Ausdruck die Solidarität der Juden aller Länder bedeuten, «so könne« Mr Liberalen erklären, datz Mr uns dieser Anschauung voll und ganz anschließen. In der T« sind Mr der Ansicht, datz in retigiöfc! Beziehung und ganz besonders in phttcmtropischer Hinsicht die Juden aller Länder Brüder sind. Diese Auffassung, die SolidarÄÄ aller Juden, ist aber nicht eine Erfindung der Zionisten. Im ganze« 19. Jahrhundert, zu der Zeit, als angMich die ß&erokn die Herrschaft in den Gemeinden hatten, haben es die Liberalen an hiM Verpflichtung, den berückten, geknechteten Juden zu helfen, -nies mals fchleu lassen. Ich könnte Ihnen «ine ganze Reihe von B«bj spielen dafür anführen. Aber ich Mll mich um einem Beispiels begnügen. Der Hilfsverein der deutschen Juden ist von <ßdew!«t Juden gegründet worden, um den geknechteten, nvßhandeltw^ ihrer Lebensmöglichkeit beraubten Brüdern im Osten za helfen,, (Bravo!) Wenn ober mit dieser Solidarität etwas ganz anderes gewetut wird, wenn aemelnt wird: Mr Juden der ganzen Wett bllden eine absolute Einheit, dann müssen Mr dieser Auffassung wSderspvechen.' Denn der Jurlturkreis, m dem wir leben, ist ein anderer als d$ KulturkreiS vieler Juden in anderen Ländern. (Sehr wahr!) Was wollen die Zionisten? Sie wollen zurück z» derjenigen Gemeinde, wie sie etwa bei Beginn des 18. Icchchunder-ts gestattck war, die alle LsbsnsbEichungen der Juden in chren Kreis gezogen hatte. Sie wollen der Gemeinde den Rattoualcharakter aufdrücken. Die Trenmmg der Juden von chren Mtbürgern, die früher eine erzwungene war. soll mm eine freiwillige werden. Für sie ist das deutsche Judentum nur ein Glied des GesamGwentums. S»e wollen, daß die Grundlagen, auf denen unser Leben sich 19. Jahrhundert aufbaute, revidiert Mrd und sich den Idealen zu wendet, von denen die Juden in anderen Ländern, besonders inden östlichen, getragen werden. Die deutschen Joden sollen unters diesen Umständen sich womöglich die Bevormundung der Juden, anderer £fader gefallen lassen. Die Volksgemeinde, so heißt ihr! Schlagwort, soll alle Hre kulturellen Angelegenheitsn autonom regeln. Als öle Mchttgsie Forderung betrachten sie die jüdisch^ Erziehung durch die Mische Schule. Meine Damen und Herren! Die Gründung jüdisches Schulen kr Deutschland ist die große Gtretffroge, die in nächsten Zett wie schon in den letzten Jahren im Vordergrunds stehen wtw. Wir Liberalen sind Mrzweffelhaft in einer schMerigen Laar. Wir haben im 19. Jahrhundert stets daran festgehalten, daß die Schule nicht konfessionell, sondern paritätisch sein M, daß Mr der Religionsunterricht die Kinder von einander v denr^M^nes MeichSsKWM.es/

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