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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-06-26 · 26 (26.6.1925) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
26 (26.6.1925)
Date
1925-06-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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wir uns stets bemüht sein werben, treue Kinder mnser^eä deutschen Vaterlandes zu sein (lebhafter Beifall) und ein Bestandteil jener inneren Volksgemeinschaft, von -er der Herr Reichspräsident gebrochen hat. (Beifall.) Unter diesen Umständen erscheint es wir doppelt notwendig, daß unter uns das Zusammenhanglose, dar. ZeFlreule aufhöre und damit die Möglichkeit einer gemeinjameu Vertretung nach außen geschaffen werde. Nachdem die Voraussetzung für eine solche durch den Zusammenschluß 'im Landesverband gegeben ist, ist dieser somit auch als ordentliche Vertretung der preußischen Juden sofort den staatlichen und Gemeindebehörden gegenüber a^s auch in jeder sonstigen Beziehung an.pusehen. Der Verband stützt sich dabei auf den Art. 137 der Reichsverfassung, der den Zusammenschluß öffentlich rechtlicher Körperschaften als notwendig bezeichnet und zriläßt. Daß mit der Ausführung der angedeuteten Aufgabe die WirkungsmügUchkeiten de^> VerbandeS nicht erschöpft sein werden, liegt auf der Hand. Es wäre verfrüht, schon jetzt zu zeigen, wie weit und wie bedeutunge-voll das Feld seiner Tätigkeit sich ausbreitet, well dies« Möglichkeiten sich aus unserer Tagesordnung ohne weiteres ergeben. Jeder Bericht und die anschließende Besprechung wird zeigen, wie reiche Gelegenheit zum Wirken im Verbände überall blüht und damit zugleich die Notwendigkeit seiner Gründung beweisen. Wenn ich somit über die Bedeutung des Verbandes selbst nichts hinzuzufügen habe, so erscheint es doch wesentlich, daß wir uns der Bedeutung der Tagung dieses ersten Verbanöstages, der das Hauptorgan des Verbandes ist, bewußt werden. Als wir den Verband begründeten, waren wir überzeugt, daß es zum Zusaimnentreten der ersten Tagung binnen kurier Frist kommen würde. Und doch sind drei lange Fahre verflossen. Aus welchem 'Grunde, so höre ich fragen, ist der Zusammentritt so lange verschoben worden? Nun, verschoben worden ist er überhaupt nicht) -er konnte bedauerlicherweise nicht früher erfolgen, und das aus zwei Gründen: Einmal war die Fülle der sofort in Angriff zu; nehmenden Arbeiten, die zum Teil gerade der Vorbereitung dieser j ersten Tagung dienten, sehr groß. Zweitens lag uns daran, für , den Verband die Genehmigung der Preußischen Regierung zu , erlangen. ES hat sich herausgestellt, daß für diese Genehmigung .gewisse gesetzgeberische Maßnahmen erforderlich sind, die der l Staat in liebereinstimmung mit uns vorschlagen wird, und die . dann vom Landtag gebilligt werden müssen. Ns es soweit kommt, kann noch einige Zeit vergehen. Wir haben uns daher entschlossen, unabhängig von äußeren Geschehnissen nunmehr zur Tat werden zu lassen, was nach unserer aller Äeberzeugung längst hätte Tat »werden sollen. Zur Erfüllung der uns gesetzten Aufgaben sind wir auch als ein vorläufig privater Verband von ReligiorMesell- -schaften berufen und befähigt. Es steht mir nicht zu, zu berMeilen, . ob diese Möglichkeit zur Betätigung bisher genügend ausgenutzt , ist. Aber ohne vorzugreifen, darf ich Ihnen sagen, daß der Verband nach innen eine umfangreiche Tätigkeit bereits entwickelt .hat, indem er zahlreichen Gemeinden und Einzelpersonen Helfer fiinh Berater gewesen ist. Ich darf auch hervorheben, daß er auch -mach außen bei Verhandlungen mit den Reichs- und Staatsbehörden, die ihn längst als die zusammensassend-e Vertretung der preußischen Juden anfehen, gewirkt hat. Erfahrene und arbeits- :freudige Männer haben sich von vornherein in den Menst unserer rSache gestellt. Besonders unser Dr. Ismar Freund, der sich an ^unseren gewaltitzen Aufgaben, wie an dem Zustandekommen des Landesverbandes überhaupt, mit unermüdlichem Eifer betätigt hat (Beifall.) Die vorläufige Geschäftsführung hat dem Berliner Ge- Im-rindevorstand eine große Belastung, und was schiimmer ist, eine rVerantwortung gebracht, die er zwar bisher getragen hat, die er jÄ>er für eine noch längere Zeit ablehnen mutz. Er fühlt sich auch -nicht befugt, den vorübergehenden Zustand weiter bestehen zu »lassen, und glaubte daher, im Sinne des Verbandes zu handeln, [roerm er die Wahlen zum ersten Verbandstage ausschrieb und i dessen Zusammentritt vorbereitete. Die aus all »diesen Gründen (Kr heute einberusene Tagung ist für Preußen »die erste aus alljgpmetaer ckeichor »und »direkter Wahl heworgsgamgene brr Ver- Meter der Juden. Wir werden in voller Oesferm-ichkeit tagen, und ßwenn »wir »auch kein Parlament sinh, so doch in parlamentarischen Därmen. Es wird in Rede und Gegenrede manches bisherige Mißswsrstämdms beseitigt werden können, »und es wird in vielen Fragen die bisher vermißte Klärung erreicht und ein Ergebnis gezeitigt werden. . . . Zum Schluß sagte Kammergerichtsrat Wolfs, mag es früher, wenn wir zur Beratung zusammentraten, fei' es unter dem Druck schwerer Ereignisse, lei es in ruhiger Zeit, wicht Immer ganz friedlich zugegangon fein, jo hängt doch jetzt alles davon ab, -atz es diesmal anders wird. Richten wir deshalb den Blick auf das, was uns eint, nicht auf das, was uns trennt, dann wird aus dem Zusammenwirken so viiler Kräfle die neu-r, gewaltig bahnbrechende, in sich geschlossene Macht, die dem Judentum bisher gefehlt hat, erwachsen und wird ihm eine Quelle des Segens für ewige Zeiten sein. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Dann nahm Rabbiner Dn. Baeck das Wort zu folgenden Ausführungen: Das Mort des Rabbiners soll in dieser Stunde zu Ihnen sprechen, ein Worten welchem »daher unser Judentum sich an uns alle wendet. Unser Judentum, und das bedeutet doch, was unser Eigenstes, unser Innerstes 'ist. Ein Wort in der Bedeutung, wie in der Bibel dieser Ausdruck sie Hai. Ein Wort möge zu Ihnen sprechen, ein Wort, denn die Phrase trennt und das Wort verbindet, weil es aus dem Gewissen, aus der Seele des Menschen hervovkommt,- und die Phrase trennt, weit in ihr Eitelkeit und Eigenliebe reden wollen. Jodes Wort, das von unserem Judentum zu uns spricht, spricht von dem, was wir, wir alle sind) was wir, wir alle sein sollen. Es spricht daher von dem, was uns vereinigt und verbindet. Wie oft ist nicht von der Einheit gered-et worden im Gauge der Zetten? Auch die Einheit ist oft eine bloße Phrase und darum ein Trennendes, ist eine bloße politische Redensart gewesen. Einheit, ganz ebenso wie alle ü»ie anderen politischen Ideale und Ziele,'wie etwa Demokratie und Aristokratie. Aristokratie oder Demokratie) das war ja oft in unserer Mitte besprochen worden, wenn «s erörtert wurde, in welchen Formen die Arbeit der Gesamtheit des Judentums in Deutschland geleistet werden solle. Aber was ist Aristokratie, was ist Demokratie? Aristokratie kann eine Aristokratie der führenden Männer, der führenden Frauen, eine Aristokratie der Persönlichkeit sein. Aber es gibt doch auch eine Aristokratie müder Erben, die da müde sind vor Sattheit, oder müde in Hohlheit. And Demokratie: Es gibt eine Demokratie von Plebejern, und es gibt eine Demokratie »ganzer Männer und ganzer Frauen, eine Demokratie von Vornehmen, eine Demokratie von Aristokraten, eine jüdische Demokratie, eine Demokratie des heiligen Volkes. Auf die Menschen kommt es an, auf die Menschen: denn sie sind doch die stärkste, die einzige Realität. Das gleiche gilt darum von der Einheit. Es gibt etne Einheit, die nichts »weiter ist als eine politische Rede, eine Einheit »derer, die mit am Tische sitzen wollen, um politische Zwecke zu erreichen. Und es gibt eine Einheit ja auch der Oberflächlicheu, «ine Einheit der Impotenz und Indolenz, eine Einheit der Leblosen und Gedankenlosen, die in dem, was gerade Mode, Geltung und Schein ist, so leicht Zusammenkommen. Wie oft mögen die im Gange der Geschichte, die für das Wohl eines Volkes arbeiteten, die für den Fortschritt der Menschheit kämpften, verwünscht haben die Einheit und sich gesehnt haben nach Zwiespalt. Einheit zwischen Menschen ist ein Wort und ein Gehalt erst dann, wenn sie äks dem Menschen hervorgcht, wie die Einheit im Menschen, die innere, die seelische Einheit, wenn sie aas der Lauterkeit des Gewissens hervorgeht, aus der Ehrlichkeit der Äeberzeugung, aus der Reinheit des Gedankens, die den Menschen erfüllt. Auf die Menschen mit ihrer Gesinnung kommt es an. Das allein ist wahre Einheit, die eine Einheit ist um Gottes willen, eine Einheit von Menschen, die um des Gebo-ies willen sich zusammengeschlossen haben, eine Einheit von Persönlichkeiten. Persönlichkeit bedeutet immer eine große Sachlichkeit, eine große SÄbstlvstgkeÄ. Persönlichkeiten finden immer den Weg zueinander. Persönlichkeit kommt zu Persönlichkeit. Einheit von Menschen, das ist die wahre Einigkeit. Darum ist es der große Wunsch, der d«r Beratung dieser Tage geschenkt werden kann, der große Wunsch, daß diese Versammlung hier eine Versammlung jüdischer Menschen ist. Je mehr, wir alle unserem Innersten und Eigensten nachgeben, desto mehr werden wir dessen bewußt, was uns verbindet »und einigt. Im Aeußerlichen und Oberflächlichen sind wir geschieden und gesondert, aber Kr I dem Tiefsten^ unseres Lebens, im Tiefsten un-sares Wesens sind I wir dieselben Kinder unseres Judentums, Menschen des Juden, tums. 3n der Zeit schwerer Verfolgungen hat einer unserer Weisen uns genannt „Kinder der Thora", ja, das sind wir, Kinder der Thora. Unsere Seele ist durch dir Jahrtausende gebildet und geprägt worden. Unter Wesen und Leben ist durch «inen jahrhundertelangen Kampf gebildet und geformt worden) ein Kampf um das religiöse Besitztum war es, ein Kampf um die religiöse Selbstbehauptung, ein Kampf um die Wische Eigenerl. Kinder der Thora sind wir. Je mchr wir unseres Eigensten uni Persönlichsten bewußt werden, desto mehr sind wir darum dessen gewiß, was uns einigt, »was uns zusammenschließt. Es ist immer der stärkste Beweis echten, ursprünglichen, 'jüdischen Empfindeni, wenn das,Gestchl für die jüdische Gesamtheit in unseren Herzen lebt. Es ist immer Mangel an starkem, jüdischen Empfinden, wenn dieses Empfinden der Einheit, der Gesamtheit, schwach ist oder fehlt. Es giot leider so manche, die genug Judentum haben, um einander zu befchdeu, aber nicht genug Judentum, um das Starke Ln sich zu fühlen, was uns olle eint. Dieses Gefühl -er Gesamtheit ist das Zeugnis des Wischen Gefühls, das Zeugirij ' dessen, daß das Judentum tief im Boden des Lebens wurzelt, «ine Kraft des Lebens ist, und nicht bloß eine Ranke, die sich um das Leben windet, eine Ranke, die im Topf des Treibhausei gezogen wurde. Eine Versammlung Wischer Menschen zu sein, das ist der Wunsch, der dieser Versammlung gilt, der Wunsch sür ihre Einigkeit. Gewiß, wir haben Mannigfaltigkeiten, Verschiedenhetten unter uns. Ansicht wird gegen Ansicht, Meinung gegen Meinung treten. Aber es kommt eben darauf an, ob wir nur Meinungsmenschen sind. Man sollte nie mtt Menschen, welche nur Meinungen haben, über Meinungen streiten. Li kommt darauf an, ob wir Meinungsmenschen sind oder Menschen, denen ein Wort, ein Arteil aus der Tiefe der Seele aussteigt, »denen ihre Ueberzeugung das Wort gibt, Menschen, die eine Persönlichkeit sinsi. Persönlichkeit ist die große Sachlichkeit, die große Selbstlosigkeit. Kinder der Thora nennt uns das alte Wort. And in der Bibel steht noch das größere Wort. 3m fünften Buche Moses, im 14. Kapitel heißt eö: „Kinder seid ihr dem Ewigen, Eurem Gotte, Kinder Gottes." Dieser Satz führ! fort: „Kinder »Mb ihr dem Ewigen, Eurem Gotte, darum schneidet nicht ein in Euer Leben." Schneidet nicht ein in Euer Leben! Einer der alten Weisen, ein Vollkommener und ein Denker, wie sie jene Menschen waren, Denker, weil sie vollkommen, weil sie Denker waren, einer jener Namenlosen, von bcncn nur ihr Wort geblieben ist, einer dieser alten Weisen sagte: „Kinder seid ihr dem Ewigen, Euerem Gotte, wenn ihr nicht Sinschnitte macht in euer Leven." „Wenn ihr nicht Euch sondert voneinander, sondern es wisset, daß Ihr eines seid." Ja, das ist Wesen von unserem Wesen, der Einheit bewußt zu sein, zu sich zu kommen, zu sich zu gelangen, sein Eigenstes und Persönlichstes zu finden und dadurch dessen gewiß zu werden, was uns alle verbindet, was uns alle eint. Eine Gemeinschaft jüdischer Menschen, der Kinder der Thora, die es wissen, was es bedeutet, Kinder Gottes zu sein. Eine Gemeinschaft von Persönlichkeiten, und darum einig zu sein, das ist der Wunsch für diese Tagung. Wenn Juden zusamm-rnkommen, dann soll es immer eine Heiligung des göttlichen Namens bedeuten. Eine Heiligung des göttlichen Namens, das will uns sagen, daß wir hier nicht Zusammenkommen sollen, um irgendeines Parteivorteils willen. Wir sollten für diese Tage alles das vergessen, worin eine Partei nur Partei ist. Das bedeutet, wir sollten nicht Zusammenkommen, um kluge Menschen zu sein, nicht um kluge Menschen zu sein, nicht nur deshalb nicht, weil es<iu der Folge des Lebens immer als Fehler sich zuletzt heraal s-stettt, nur klug fein zu wollen, sondern weil daS von unserem Gewissen uns abzöge, uns wegführie von unserem Innersten, von unserem eigentlichen Ich, uns wegzöge davon, -atz wir Kinder »der Thora seien. Um einander zu finden, um zueinander zu kommen, um immer wieder neu zu erleben, daß wir im Tiefsten doch eins sind. Das ist die Heiligung des göttliche^ Namens! Der Prophet Amos preist Gott als den, der drodei» im Himmel seine Herrlichkeit baut und hinieden auf Erden feinen Bund gründet. Einer jener Namenlosen des Talmud hat wiederum Empor! Ich lag, ein Samenlörnlein, im Staube, In Nacht und Not, Verloren und tot. Da keimte in mir der Gottesglaube- Und ich hob mich empor, ich wuchs und ich sproß: Nun bin ich die Älüie, die sich erschloß, Oie farbenjauchzend bezaubert lacht (nnpor in Gottes Sonnenpracht. Max Rosenfeld, Dresden Oes völkischen Pudels Kern. Von A. vom Berg. In solideren Zeiten, als die heutigen sind, belehrten alte, erfahrene Leute die Jugend) heute, wo auf allen Gebieten „die Vernunft Kopf steht", ist natürlich auch diese Kultur- Einzelheit überholt, jetzt machen, bei Kommunisten und Völkischen besonders, Siebzehnjährige, die zur Not die Buchstaben sür ihren wertgeschätzten Namen schreiben können, in Wellpolitik, in Erlösung u. dergl. und kein Mensch ist eigentlich in ihrer Umgebung 7,u bemerken, der solches Treiben a priori als Wahnsinn zu erkennen vermag. Weil nämlich die Leute,. die ihre natürlichen fünf Sinne noch halbwegs beisammen Huben, der modernen Volksversammlung fern bleiben, was ja auch Las Geratenste ist in Anbetracht dessen, daß da, wo etwa die Gehirnkraft eines jugendlichen Redners versagen könnte, hundert oder tausend 'jugendliche Fäuste um so eindringlicher die überzeugende Kraft der betreffenden Beiveissührung zu demonstrieren bereit sind. Die allgiitige Mutter Natur hat dafür gesorgt, daß das ihr notwendige Gleichgewicht niemals gestört werden kann: Bauen unverständige Kinder aus lasen Steinen eine Mauer, so weiß der Verständige im voraus, daß sie zusaminenstürzen und die kindlichen Baumeister erschlagen ivird, sobald eine gewisse Höhe erreicht ist. Er wehrt also den Unverständigen. Wie aber, wenn sie sich nicht mchr rochren lassen? Dann gehen die Kinder zugrunde und auch die Erwachsenen haben ihren Schaden von dem Unfug. Soll man sie bedauern? Haben die Alten die unvernünftige Fugend nicht in gehöriger Zucht zu halten verstanden, so ist das ihre eigene Schuld und die Strafe trifft sie nicht unverdient. Haben sie gar die unverständige Jugend das frühe „Bauen", bziv. Reden direkt angelernt, so "geschieht ihnen schon Recht, daß sie an dem Punkt, ivo sie es nun endlich selbst zu tvlt finden, bereits nichts mehr zu sagen, bzm. die Alten sich durch die Fugend belehren zu lassen haben, daß jeder Widerspruch) „Verrat" sei. Holt der Teufel dabei das Ganze, so hat sich die naturgesetzliche Gerechtigkeit bereits vom Unwert dieses Ganzen überzeugt und was nun so ausschaut, als ob das Schicksal selbst den Wahnsinn maile, ist schon das Heilmittel, ein sehr radikales für empfindsame Seelen, aber ein zielsicheres: nach dem Zusaminenbruch wird das Gleichgewicht wieder da sein, nur daß man dann vielleicht Ruinen .Häuser nennen muß, was schließlich auch nur eine Gewohnheit ist. Da in der Weit alles relativ ist, fehlt keiner Räuberbande der .König, keinem Umsturz der Zusammenhalter, keiner Jugend der „kluge Alte", denn wo diese Personen nicht in Mttürlicher Ordnung möglich sind, da gedeihen sie in künstlicher, wofür man auch „zweitnatürlich" oder in Ansehung dessen, daß es nur e i n e Natur gibt, zu der sich auch keine „Kunst" in Gegensatz zu bringen vermag, „strafnatürlick" sagen kann, bei welchem Wort der Weise an altlestamentliche Bilder wie den Turmbau zu Babylon und dergleichen denken mag. Findet man seil Jahrhunderten nichts dabei, daß die philosophischen „Weltbilder", an die eine Zeitlang jeweils jedermann zu glauben hat, wenn er mittun will, durchweg von Dreißigjährigen gemacht werden, warum sollte im Zeitalter der Weltrekorde nicht ein Zwanzigjähriger imstande sein, sich über ganze Nationen zu erheben und ein paar Fahre spater, nachdem er auch eine Zeitlang ..gesessen" hat, unbedingte Anerkennung als Diktator zu verlangen? — Daß Hitler ursprünglich Bauarbeiter war — um einen „Neubau des Reichs" handelt es sich ja gerade, also ein Grund mehr, in Adolf Hitler den „Heiland der Deutschen" zu sehen, wenn schon er im Grund gar kein Deutscher ist. sondern ein Oesterreicher, den z. B. Bismarck, dieser anerkannteste und auch von ihm selbst beschworene deutsche Heros, genau so einen Ausländer neunen müßte, wie, dibs me bayerische Regierung tut. A. V. o o n K o e r b e r hat bekanntlich schon längst „Sein Leben und seine Reden" herausqegeben und O. v o'n K u r s e l l hat „Ihn" auf eine besondere Weise gemalt, von der ich gottlob nichts verstehe, denn sonst käme ich auch noch in Versuchung, die moderne Malkunst zu bekritteln. Was wollen da noch alte Fudenbücher besagen, einer so hochmodernen Sache gegenüber, solch einem jugendlichen „Leben und seinen Reden"? Ich selbst habe das Buch vom neuen Messias deshalb nicht gelesen, weil ich von vornherein vermutete, daß er in dieser raschlebigen Zeit bald wieder veraltet sein werde, dieser neue Heiland. Jetzt, wo die Konkurrenz des „Völkischen Beobachter" entschieden bestreitet, daß Hitler der geborene Führer sei, wo sie in ihm nicht mal mehr den „Trommler", sondern nur noch einen l a h m g e - legten Trommler sieht, dessen Heilands-Probejahr, während dessen er absoluter Diktator der „Bewegung^ sein wollte, ohne einen Nebengott zu dulden, und nach Lessen Umslus; er Rechenschaft ablegen wollte, man gar nicht erst ablaufen lassen dürfe, da seine bisherige Nicht! eistung schon zum Urteil genüge, jetzt habe ich wenigstens in dieser neuen Bibel geblättert. Schon Seite 3 heißt es ovn dem jungen Bauarbeiter: „Er fühlt als unumstößliches Fundament seiner kreisenden Gedankengänge: Hier ist ein ganzes Volk auf falschen Weg gebracht worden!" — Seht ihr's: Millionen Erwachsener haben nichts bemerkt, der junge Bauarbeiter hat es sofort herausgekriegt, was da für ein Riesenschivindel vor sich ging, und daß hinter der ganzen Sache nur die Inden stecken mußten, dachte er sich auch leich. Denn, wie S. 4 zu lesen: „Mit dem zwanzigsten ebensjahr schon war die Elementarbildung dieses aufstrebenden jungen Denkers abgeschlossen." Fm Wien der Vorkriegsjahre hatte er gelernt (ganz gewiß als Lhamberlain- Lefer). „wie unter einem Bergrößerungsgtasc den Spaltpilz des Germanentums, den Totengräber der deutschen Rasse, den Leidbereiter alter von ihm kontrollierten Völker der Umwelt erkennen: das völkerbezwingende Weltbörfenfudentum." — Ist solches eigentlich zu verwundern, wenn in einem zwanzigjährigen Hirn nicht bloß, wie bei gewöhnlichen Sterblichen, Gedanken, sondern gleich ganze Gedanken -Gange (siehe oben) auf einem unumstößlichen Fundament Kreisen? Wozu noch kommt, daß Adolfs Elementarbildung mit zwanzig Jahren abgeschlossen gewesen ist! Immerhin: Fritz Eberts Elementarbildung z. B. war schon mit vierzehn Jahren abgeschlossen, da ist Adolf um volle sechs Jahre geschlagen. — S. 13 steht «s nun auch wörtlich: die vorliegende Sammlung von Hitlers Reden muß „die Bibel der Gegenwart, das deutsche Volksbuch werden." Hierzu die übermenschliche Er- Kenntnis: „Einzig zwei Dinge vermögen ein versinkendes Volk zu retten: Propaganda und Gewalt!" Wozu Hitler selbst (S. 32) sagt: „Mein christliches Gefühl weist mich hin auf meinen Herrn und Heiland als Kämpfer — der nicht der Größte war als Dulder, sondern der Größte als Streiter." Er hat die Szene der Wechslervertreibung. im Tempel im Auge, die er „in grenzenloser Liebe" zu lesen behauptet, wird sich dabei aber nicht bewußt, daß hinter dieser Austreibung, je weniger harmlos sie war, um so mehr jüdische „Nationalsozialisten" gestanden haben müssen, so daß Hitlersches Wollen und Tun weder neu, noch „arisch" ist und obendrein keinen Erfolg zu versprechen braucht. Die Weltfremdheit dieses modernen Dibelstifters ist geradezu entsetzlich: S. 21 heißt es: „Danken und Börsen ge^ deihen wie niemals zuvor" und dieser Zustand einer seit balh zweitausend Jahren bestehenden ch r i st l i ch e n Kultur *) soll! aufs Schuldkonto einer Handooll Juden gehen. Der aanze Unterschied zwischen marxistisch-sozialistischer und völkischer Heils-» lehre besieht darin, daß dort statt der Juden von einer Handvolb K a v i t a l i st e n geredet wird) in beiden Fällen steht einet Hanovott Menschen eine Mittionenmasse gegenüber, ohne derenso oder so geartetes Einverstündnis nichts geschehen kanu^ deren eigener „Geist" aus jeden Fall in all ihren Ausschüssen leben muß, die am Ende aber eine Herde unschuldiger Kinder sein will und stets denen zujubeit, die sie in diesem Irrwahubestärken. Somit ist Hitler nur ein neuer, aber unendlick flacherer und vor allem ungelehrter „Marx". Seine Behauptung» dev „christliche Kapitalismus" sei „tatsächlich zunächst schon so gut als vernichtet, der geht mit großen Schritten abwärts" steht i«^ Hinblick auf Fiqkren wie Stinnes und Konsorten einer bewußteNi Lüge so aynliMniie ein Demagöge dem andern und im ganzen isti der jüdische Anteil am übermäßigen Reichtum im chrtstltchew Abendland immer noch ein Prozent, was für denkende Menschen ein höchst natürliches Verhältnis darsteilt. . Hitlcrsche und völkische Kinderlogik überhaupt sott einmal an einem typischen Beispiel gezeigt werden. S. 20 redet Hitler:» „Heute verlangt man von uns die Auflage von 60 Milliarden! neuer Steuern. Wenn das im Frieden einst jemals einer gesagt hätte in Deutschland, daß eine Zeit kommen würde, in der Franksi reich erklärt: „Ihr legt jetzt 60 Milliarden neue Steuern aus"»! man hätte ihn ausgelacht, ins ^carrenhaus gesteckt oder tot-i geschlagen. Heute findet man das einfach selbsioerstänblich." —! Hitler und Genossen finden nichts weniger selbstverständlich als diese 60 Milliarden: sie meinen, wer sie zahlen will, müsse auch heute ausgelacht, ins Narrenhaus gesteckt oder totgeschlagen! werden. Das heißt, diese demagogischen Gaukler hiipsen hier üvers die T a 1 s a ch e. V a ß die Franzosen heute die Forderung stelleni können, weil sie dazu ein M a ch t r e ch t haben (das immerhin! moralisch bestritten werden mag, aber auf keinen Fall von den Bölkischen bestritten werden kann, da diese ja selbst nur die, blande Macht anbeten), einfach hinw^, tun so, als ob es Heutes ebenso lächerlich wäre wie vor dem Krieg, daß Frankreich, viel-, mehr die Sieger-Entente, Geld verlangt, tun so, als ob es» keinen verlorenen (durch ihresgleichen verlorenen) Weltkrieg! gegeben habe. Der einzig mögliche Smn des obigen Geredes isll der: „Seht, damals waren wir noch Kerle, damals hätten wir ujw. — heute aber sind wir so dumm, das Wahnsinnige wirklich' *) Man vergleiche tn^Kr. 3 d. Iahra. meinen Aufsatz: „Detz Jude und sein Anteil an abendländischer Kultur."

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