Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 26 (26.6.1925)
- Date
- 1925-06-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. D. Anzeigenpreise: Oie 12gespalteneRonpareillereile 0/45 Goldmark, die Veklamezeile 3,00 Goldmark, bei :: :: :: Wiederholungen Rabatt. :: :: :: Anz ei ge na nn ahme: Hermann Vaswitz, Verlagsabteilung, Berlin SW 65, Eharlotterifir. 96 (Kernsprecher- Dönhoff 5569-65), sowie somtl. AnnoncemSrpeditionen. Sezugspreis durch die Geschäftsstelle l/4 jährlich M. 2,30, Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung im Inland 0,25. Kür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis L s im Mitgliedsbeitrage enthalten. « « » Lhefredakteur: Dipl.-Ing. Bruno Woyda. Die „^Uäifck - liberale - Leitung" ertckeint jeden freitag, Redaktion u. 6ercbäftöfteUe: Berlin 8M. (ftübelmftr. 147. fern ruf: Hmt JVWrbjr JHr. 8225 poCtrchedtkonto: Berlin /NOT 2 JSTr. 1320€9 (Vereinigung für das liberale Judentum) ffadtdrudt f&mtltehcr Original - Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gcftattetl Ar. 26 Berlin, 26. Juni 1925 5. Jahrgang Der Landesverbandstag Als Napoleon daran ging, die Verhältnisse der Juden in Frankreich neu zu regeln, und die Nutzanwendung aus den Lehren der französischen Revolution, aus dem Ruf nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auch für die bedrücktesten Stiefkinder der Geschichte ziehen wollte, berief er die Notabeln der seinem Machtbereich unterworfenen Judenheit zum großen Synheörion. Eine ähnliche Bedeutung soll für das preußische Judentum und in weiterer Ausgestaltung für alle deutschen Juden der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden gewinnen, wenn es nach dem Millen seiner Paten geht, unter denen liberale Juden, nicht Zuletzt Philipp,on Cassel, Horwitz, Kalischer und Fuchs, einen besonders ehrenvollen Platz einnehmen. Aber unser Preußischer Landesverband wird eine gesteigerte Bedeutung haben müssen, weil er, im Gegensatz zu jenem Synhedrion, einen ständigen Platz im jüdischen Gemeinfchastsleben einnehmen wird. Nachdem am 1. Februar alle an dem Weiterbestand und der Fortentwicklung des Judentums interessierten jüdischen Männer und Frauen nach gleichem, geheimem m\b direktem Wahlrecht die Abgeordneten zum ersten Verbandstag gewählt haben, hat dieser nun vom 21. bis 23. Juni seine ersten Sitzungen im würdigen Saal des ehemaligen preußischen Herrenhauses zu Berlin abgehalten. And was unsere Leser aus dem Bericht, den wir ihnen in den folgenden Blättern bieten, wohl ebenso entnehmen werden, wie wir es am Puls der Tagung fühlten, das ist der aus religiösem Gemeinschaftssinn geborene Wille zur einheitlichen jüdischen Tat, der alle diese Männer und Frauen beseelte, die hier um die Rettung unserer religiösen Einrichtungen und um die Befreiung des jüdischen Lebens von einem einengenden Gesetz rangen. Am wenigsten trat es wohl noch in den ein wenig Obstruktionsgeist atmenden Abstimmungen der Abgeordneten hervor, die unter dem Signal „Für Frieden und Einheit in der Gemeinde" ihre Wähler aufgerufen und gewonnen hatten. Das zeigte sich, wie es uns scheinen will, schon bei jenen Wahlen und formellen Dingen, die vielleicht besser nicht so sehr herausgehoben worden wären, weil dann mehr das Imposante der neuen Einrichtung hervorgetreten wäre. Dieser Negiesehler war schuld daran, daß sich die großen Aufgaben des Landesverbandes erst bei den Verhandlungen des zweiten Tages, den Debatten zum Etat des Landesverbandes, herauskristallisierten. And hier war es besonders die geistvolle und eindringliche Rede unseres Freundes und Führers Heinri ch St e r n, die nicht nur bei den Liberalen, sondern bei allen Parteien ein tiefes religiöses Gefühl weckte. Ansere Leser werden dieser Rede ihre besondere Aufmerksamkeit widmen müssen, weil sie in kurzen Worten alles das ausdrückt, was jeder liberale Jude und jede liberale Jüdin von den ferneren Arbeiten des Landesverbandes erhoffen und erwarten muß. Das wird nämlich einmal die eingehende Erörterung aller Wege sein müssen, die dahin führen, daß überall ba, wo jüdische Menschen in Preußen leben, für eine ausreichende Seelsorge gewirkt wird. Aeberall werden genügend jüdische Rabbiner anzusiellen sein; aber es Dird mit besonderer Aufmerksamkeit auch die Frage des jüdischen Anterrichtes, der jüdischen Lehrerbildung, der ausreichenden Versorgung aller jüdischen Kultusbeamten und nicht zuletzt der jüdischen Wohlfahrtspflege gelöst werden müssen. Das sind die Aufgaben, die der Landesverband im Interesse des innerjüdischen Gemeinschaftslebens in Angriff zu nehmen hat. Sie können aber nur dann einem segensreichen Ende zugeführt werden, wenn der Preußische Staat Ernst mit dem Grundsatz macht, daß den gleichen Verpflichtungen der Juden auch völlig gleiche Rechte gegenüberstehen müssen. Darum bildete den weiteren Punkt der Beratung die Frage der Unterstützung der jüdischen Religionsgesell- Eß durch den Staat, dem nicht zuletzt die religiöse Erziehung des jüdischen Menschen zugute kommt. And im engen Zusammenhang damit steht wieder die Tatsache und Forderung, daß das Judengeseh von 1847, geschaffen, um die jüdischen Gemeinden Preußens auseinanderzureitzen, falle, zugunsten eines Gesetzes, das diesen Gemeinden die gleichen Entwicklungsmöglich' keiten wie den anderen Konfessionen sichert. Mit Recht nahm darum die künftige gesetzliche Stellung der Juden in Preußen einen breiten Raum auf der Tagung ein. Auch hier hatten wieder die liberalen Abgeordneten die Führung, indem sich die Versammlung entschloß, nicht den von der bisherigen Geschäftsführung des Landesverbandes vorgeschlagenen Grundsätzen zu einem neuen Juöengesetz zu folgen, sondern die Leitsätze der Liberalen Fraktion annahm, deren geistige Vater die liberalen Ratsmitglieder Justizräte Makower und L i l i e n t h a l sind. So bedeutet die Tagung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden einen wesentlichen Fortschritt in der neuzeitlichen jüdischen Geschichte Preußens. Hat sie doch endlich Fragen in Fluß gebracht, die allzu lange nur der theoretischen Diskussion anheimgegeben waren, hoffentlich nicht zu spät, um wertvolle Kräfte zu retten, die an den Folgen des Krieges und der Inflation zugrunde zu gehen drohen. Alle diese Arbeit aber wird Stückwerk bleiben, wenn nicht das höchste Ziel des Preußischen Landesverbandes, von uns Liberalen längst und von den anderen Parteien allgemein auf der Tagung anerkannt, verwirklicht werden kann: Die Schaffung einer Gesamtorganisation der deutschen Juden — Und über diese hinaus der jüdisch-religiöse Weltverband, der nicht ein Verband der Rasse und des Blutes, sondern die Gemeinschaft sein, wird, die das prophetische Judentum allein erhallen, weiterführen und vollenden kann. * 4 * Tagungsbericht. Am Sonntag, bm 21. 3inw trat zum ersten Male der Verbandstag des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden im ehemaligen Herrenhause zu Berlin zusammen. Die Verhandlungen wurden vom Vorsitzenden des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde, Kammergerichtsrat Leo Wolff, eröffnet. Die Verfassung des Preußischen Landes« erbandes jüdischer Gemeinden, wie sie auf der Tagung vom 25. Jum 1922 beschlossen worden ist, bestimmt in Art. 35 und 36, daß bis zum Zusammentreten des Rates der Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Berlin die Geschäfte des Verbandes führt und den ersten Verbandstag einberuft. Ich stelle fest, daß, nachdem die Mahlen stattgefunden haben, der erste Verbandstag ordnungsgemäß berufen ist und eröffne ihn hierdurch namens des Berliner Gemeindevorstandes, indem ich die erschienenen Mitglieder herzlich begrüße. Zugleich danke ich denjenigen Herren, die wir mit Rücksicht auf die behändere Bedeutung dieser ersten Tagung eimgeladen haben, für chrj Lrscheinen und begrüße als solche die Vertreter des Ministers > ür Kunst und Volksbildung, Ministerialrat Geh. Oberregieoungs-i rat Paul und Regierungsassessor Rast, ferner als Vertreter Herrn Oberbürgermeisters von Berlin Herrn Stadtrat Treitel und J als Vertreter der uns befreunbeten jüdischen Landesverbände von SachsR und Anhalt die Herren Rechtsanwalt Sulinger, Herrn Staats rat Dr. Lohn-Dessau und Herrn Landesrabbiner Dr. Walter- Dessau. Es sind drei Iayre vergangen, seitdem die Vorbereitungen zur Schaffung der preußischen äudmorganisation zu Ende geführt werden konnten und unser Verband ins Leben trat. Er ist in£ Leben gerufen worden in der ausgesprochenen Absicht, sich zu gemeinsamer Arbeit zu vereinen. Was ein Fr-eÄigrach von bme Dichter gesagt hat, er siehe auf einer höheren Warte als auf tea der Parteien, das soll auch von diesem Verbände gelten, in dsmt für jede Richtung Platz ist, und die gemeinsamen Ziel« in Friebear und Eintracht erreicht werden sollen. Was seit der Gründung des Verbandes geleistet worden ist, zu beurteilen, muß einer späteren Zeit Vorbehalten bleiben. Das eine aber können ffltn schon jetzt feststellen: Es ist eine. Stätte geschaffen worden, Öte nicht dem Streite der Meinungen, sondern dem Ausgleich zwÄchear ihnen gilt, die uns befähigt, unser ehrliches Streben um das Wohl, des preußischen, ja des deutschen Judentums in bis Tat umaNfttze».. Dabei handelt es sich nicht nur um das materielle Wohl oflet] deutschen Juden und ihrer Einrichtungen, sondern um die «*- Haltung und Förderung alles besten, was für die Pflege der scheu Religion, Ethik, Wissenschaft und des jüdischen Geistes «»-> entbehrlich ist. Was bisher vereinzelt und darum von vornheveDk mit nicht voll ausgenachter Kraft und verminderter Aussicht »ch Erfolg, geleistet worden ist, soll jetzt Msommemzefaht «mter m einer Tat der chrer Znsammengchörigkeit sich dswsßten, fest «4, der angestammten Religion wurzelnden, und auf ihre zwar leldeasreiche, immer aber ehrenvolle Geschichte stolzen Juden. (Qkwaft) Wenn das die Aufgabe des Preutzischen Landesverbandes ist, ff» ergibt es sich von selbst, daß in ihm auch die bisher fehlende Verkörperung der preußischen Juden in chrer Gesamtheit zu «blicke«: ist. Es ergibt sich aber auch daraus, daß diese Verkörperung noch nicht genügt, sondern, wie wir ein einiges großes deutsches! Vaterland haben, eine Zusammenfassung auch der gesamten deutschen Juden eine unabweisbare Forderung der Zeit ist. Nachdem jetzt außer dem unseren noch einige andere Landesverbände bestehen, dürfen wir Haffen, daß alle diese Verbände zusammen sich' als die geeignete Grundlage für die Lösung derjenigen Aufgabe^ erweisen werden, tke in jenen Erörterungen vom 25. Juni 1922 als die vornehmste Ausgabe des Preußischen Landesverbandes bezeichnet worden ist, nämlich für die Schaffung einer Gesamtovgawitation des deutschen Judentums. (Beifall.) Eine solche allgemeine Zusammenfassung der im deutschen Judentum schlummernden Kräfte tut bitter not, trotzdem di« Zeiten längst vorüber sind, in denen Juden und Judentum abgeisowdert waren. Wir begreifen es nicht mehr, wie es möglich war, daß in Staaten, die in vielen Dingen weit fortgeschritten waren, zwischen Menschen und Menschen ein Ant-erschied gemacht werden konnte. Diese Zeiten stiZd^ vorüber. Juden und Judentum stehen heute geachtet und gleich berechtigt da in deutschen Landen. Erst in diesen Tagen habe ich. aus dem Munde unseres Herrn Reichspräsidenten die Ihnen g«-s wiß allen bekanntgewordene Versicherung entgegengenommen, daß er in seinem hohen Amte alle Bekenntnisse und Weltanschauungen achten und stets den Geist innerer Volksgemeinschaft^ schützen werde. (Lebhafter Beifall.) Der Reichspräsident hat damit etwas Selbstverständliches gesagt, aber daß er es ausgesprochen! hat, dessen wissen wir ihm Dank. (Beifall.) Wir werden seine, Worte in Ehren halten. Nichts anderes ist von jeher unsere Forderung gewesen, als daß uns die gleiche Achtung und Behandlung zuteil werde wie den anderen Bekenntnissen. Diese Forderung. wurde durch den ersten Beamten unseres Staatswesens erfüllt. OYtir itn'foroTtaifd kfinnc*n hnrruif mir fcinmüHfl üTvftüDrfßlt. hilft t?MWXMXMXWXMX<NXKXWXMXMXKXMXMX6MWXK))tM Das Wachsen unserer Bewegung zwingt uns zu einer Erweiterung unserer Geschäftsräume. Wir verlegen daher am 1. Juli d. Z. die Büros der Vereinigung für das liberale Judentum E. V. und der Jüdisch-liberalen Zeitung „Ich Berlin GW. 46, Wilhelmstr. 14IL Wir bitten, Zuschriften an die obengenannten Stellen nur noch an die neue Adresse zu richten.' Hingegen verbleiben die Räumlichkeiten des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin <8. V. im sause Berlin W. 6, MauerAr. 22"' 1