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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-06-19 · 25 (19.6.1925) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
25 (19.6.1925)
Date
1925-06-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Itnsere Mitarbeit am palästina.Auftau. Die Antizionisten und die Iewifk Agency. Von Dr. Max M a y e r - Berlin. Eines der Probleme, die den kommenden XIV. Zioniftenkongreß stark beschäftigen werden, ist die Durchführung der Beschlüsse betr. die Iewish Agency, die auf dem XIII. Zionistenkongreß mit starker Mehrheit angenommen wurden. Es erscheint nicht überflüssig, diese Beschlüsse im Wortlaut wiederzugeben: 1. Der Kongreß bestätigt den von früheren zionistischen. Konferenzen gefaßten Beschluß bezüglich der Einberufung eines jüdischen Weltkongresses für den Aufbau Palästinas als jüdischnationaler Heimstätte und erklärt, daß auf die von dem Weltkongresse. der möglichst im Laufe der nächsten drei Jahre einznbewstn ist. gewählte Iewish Angency die Rechte der Zionistischen Organisation -- gemäß Artikel 4 des Palästinamandates — übertragen werden sollen. 2. Um aber schon jetzt, bis zur Einberufung des jüdischen .Weltkongresses, den breiten Schichten des jüdischen Volkes die Möglichkeit einer Teilnahme am Aufbau Erez Israels zu geben, soll die Iewish Agency durch die baldmöglichste Heranziehung non Vertretern derjenigen jüdischen Organisationen und Gesellschaften. die auf dem Boden des Palästinamandates stehen, erweitert werden. 3. :»u diesem Zwecke wird die Exekutive ermächtigt, im Einvernehmen mit dem Aktionskomitee ein aus Vertretern jüdischer Organisationen und Repräsentanzen der Iudenheiten verschiedener Länder, sofern sie auf dem Boden der Balfour- Äeklaration und des Palästinamandates stehen, zusammengesetzten Council zu bilden, der mit dem zionistischen Aktionskomitee zusammen arbeiten soll. Der Council soll für die Zusammenarbeit mit der zionistischen Exekutive als der Leitung der Iewifh-Agency aus seiner Mitte einen Ausschuß bilden, dessen Kompetenzen im Einvernehmen mit dem Aktionskomitee geregelt werden sollen. 4. Die zionistische Exekutive wird in Verbindung mit dem genannten Council die Vertreter der jüdischen Organisationen und Repräsentanzen der Iudenheiten der verschiedenen Länder zu einer gemeinsamen Konferenz einberufen, in der die Modalitäten ihrer Beteiligung an der bis zum Zusammentritt des Weltkongresses fungierenden Iewish Agency vereinbart werden sollen. Es wird jedoch festgesetzt, daß die Zahl der außerzionistischen Mitglieder der so gebildeten Iewish Agency nicht mehr als die Hälfte der Gesamtzahl ihrer Mitglieder betragen darf. Die Vereinbarungen bedürfen der Zustimmung der Jahres- Konferenz. 5. Die Exekutive wird zusammen mit dem Aktionskomitee beauftragt, alle Schritte zu unternehmen, um den jüdischen Weltkongreß zum genannten Termin einzuberufen. 6. Der Kongreß beschließt, folgenden Antrag der Exekutive zur Prüfung zu überweisen: In den 'Rat der Iewish Agency sollen vor allem Vertreter des Keren Hajessod, die auf Versammlungen der Keren Hajessod- Zahler eines jeden Landes gewählt sind, sowie Vertreter des Waad Leumi herangezogen werden. Was aus diesen Beschlüßen die nichtzionistischen Kreise besonders interessieren muß, ist die Art und der Umfang der Teilnahme, die den Nichtzionisten an den Arbeiten der Iewish Agency zugebilligt werden. Nach § 4 Absatz 1 des Mandates für Palästina soll eine „angemessene jüdische Vertretung als eine öffentliche Körperschaft anerkannt werden zu dem Zweck, die Verwaltung Palästinas in solchen wirtschaftlichen, sozialen und anderen Angelegenheiten zu beraten, nnd mit ihr zusammenzuwirken, die die Errichtung der jüdisch-nationalen Heimstätte und die Interessen der jüdischen Bevölkerung Palästinas betreffen, und, immer vorbehaltlich der Kontrolle durch die Verwaltung des Landes, zu helfen und teilzunehmen." Absatz 2 dieses Paragraphen lautet: „Die zionistische Organisation soll, solange ihre Organisation und Verfassung nach der Meinung des Mandatars angemessen find, als solche Vertretung anerkannt werden. Sie soll im Einvernehmen mit seiner britischen Majestät Regierung. Schritte unternehmen, um die Mitarbeit aller Juden zu sichern, die gewillt sind, bei der Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte zu helfen". Der zweite Punkt der Beschlüsse hält sich insofern an den Wortlaut und Sinn der vorstehenden Bestimmung, als nur Vertreter derjenigen jüdischen Organisationen und Gesellschaften, die auf dem Boden des Palästina-Mandats stehen, an den Arbeiten der erweiterten Iewish Agency, deren Kernstück die zionistische Organisation bildet, teilnchmen sollen. Zu oen vorbereitenden Arbeiten für die Erweiterung werden demgemäß nur die Organisationen herangezogen, die auf dem Boden der Balfour-Deklaration und des Palästina-Mandats stehen. Aber auch innerhalb dieser Grenzen ist noch eine weitere Beschränkung Goethe zu Judentum und Juden. (Schluß aus dem Hauptblatt.) Goethe glaubt fernerhin aus der Berücksichtigung der in Betracht kommenden, der menschlichen, geographischen, ethnographischen, politischen usw. Umstände schließen zu müssen, daß der Zug durch die Wüste keine vierzig, sondern nur — zwei Jahre dauerte. Er glaubt ebenso von den einundvierzig Stationen, die er in einer Reihe genau aufzuzählen nicht unterläßt, von denen die Ausleger berichten, fünfzehn abziehen zu dürfen, und fährt dann in feiner wundervollen, anschaulichen Art fort: „Nun stehen die einqeschobenen Stationen mit den überschüssigen Jahren in glücklich-fabelhaftem Perhältnis, denn sechzehn Orte, von denen man nichts weiß, und achtunddreißig Jahre, von denen man nichts erfährt, geben die beste Gelegenheit, sich mit den . Kindern Israel in der Wüste zu verirren." Gerade von hier aus aber, von dieser Zeit- und Ortsbefchränkung des Zuges her, sucht er wieder zur Rehabilitierung von Moses zu kommen und zwar in einer höchst geistvollen und originellen Weise. Nämlich: Wenn der Zug «eine vierzig, sondern nur zwei Jahre dauerte, so brauchte Moses kein großer Feldherr und Regent, wohl aber ein Mann der Tat, eine Persönlichkeit gewesen sein. Ich lasse die besonders schöne Stelle folgen: „Ihr habt, könnte man uns zurufen, in dem Vorhergehenden mit allzugroßer Verwegenheit einem außerordentlichen Manne diejenigen Eigenschaften abgesprochen, die bisher höchlich an ihm bewundert wurden, die Eigenschaften des Regenten und Heerführers. Was aber zeichnet Ihn denn aus? Wodurch legitimiert er sich seinem so wichtigen Beruf? Was gibt ihm die Kühnheit, frch trotz innerer und äußerer Ungunst zu einem solchen Geschäfte hinzudrängen. wenn ihm jene Hauptcrfordernisse. jene unerläßlichen Talente fehlen, die ihr ihm mit unerhörter Frechheit absprecht? Hierauf lasse man uns antworten: Nicht die Talente, nicht das Geschick zu diesem oder jenem machen cigenNich den Mann der Tat, die Persönlichkeit ist's, von der in solchen Fällen alles abhängt. Der Charakter ruht auf der Persönlichkeit, nicht auf den Talenten — Talente können sich zum Charakter gesellen, er gesellt sich nicht zu ihnen: denn ihm ist alles entbehrlich außer er selbst. Und so gestehen wir gern, daß uns die Persönlichkeit Mosis, von dem ersten Meuchelmord an durch alle Grausamkeiten durch bis zum Verschwinden ein höchst bedeutendes und würdiges Bild gibt von einem Mann, der durch seine Natur zum Größten getrieben ist. Aber freilich wird ein solches Bild ganz entstellt, wenn wir einen kräftigen, kurz gebundenen, raschen Tatmann vierzig Jahre ohne Sinn und Not mit einer ungeheuren Volksmasse auf einem so kleinen Raum im Angesicht seines großen Zieles r hermntanmeln sehen. Bloß durch die Verkürzung des Wegs des zahlenmäßigen Anteils an der Zusammensetzung der Iewish Agency laut Punkt 4 des Kongreßbeschlusses gegeben, indem die Zahl der ..außerzionistifchen" Mitglieder der erweiterten Iewish Agency nicht mehr als deren Hälfte betragen darf. Insofern ist also die Bedingung, die der Präsident der zionistischen Organisation. Dr. Weizrnann. auf dem XHl. Zionistenkongreß gestellt hat. erfüllt, daß die Zusammensetzung der Iewish Agency die „Unversehrtheit des nationalen Charakters" der nationaljüdischen Siedlung in Palästina gewährleisten müsse. Das von Dr. Blumenfeld »erfaßte und in der Sitzung des Zentralkomitees der Zionistischen Vereinigung für Deutschland vom 21. Mai 1925 zustimmend zur Kenntnis genommene „Expose betreffend Teilnähme der deutschen Iudenheit an der Iewish Agency" unterstreicht diesen Gedanken noch, indem es betont, daß die „Iewish Agency in erster Linie durch die schon seit Jahren für den nationalen Palästinaaufbau interessierten Juden zu ergänzen" ist. Mag nun auch die Bedingung Weizmanns. daß der nationale Charakter des zionistischen Aufbauwerks erhalten bleiben müsse, erfüllt sein, so darf doch mit Fug bezweifelt werden, ob damit die Bedingung des zionistischen Führers: „die Bafierung der Vertretung auf eine breite allgemein jüdische Grundlage" erreicht werden kann. Zu diesem Zwecke ist es notwendig, zu untersuchen, welche „außerzionistischen" Kreise nach dem Beschluß des Kongresses und dem Blumcnfeloschen Expose für die Teilnahme an der Iewish Agency in Frage kommen. Don ihnen ist in den auf dem Kongreß gehaltenen Reden in verschiedenen Ausdrücken gesprochen worden. Weizmann hat ihrer gedacht, als einer Gruppe von Menschen, die das „zionistische Bekenntnis nicht in seiner Geschlossenheit akzeptieren können, aber, wie die Entwicklung des Keren Hajessod deutlich auch gezeigt hat. bereit sind, sich mit den Zionisten zu verbinden, um einen gemeinsamen Boden zu finden, auf dem fruchtbare Zusammenarbeit gesichert werden kann." Das Mitglied der Exekutive Dr. Soloweitschik hat die Frage, welches die Elemente feien, aus denen „der nichtzionistische allgemeine Teil des Judentums" gebildet werden müsse, geantwortet, es handle sich zunächst „um Organisationen, welche Crcz Israel bauen". 3m Expose ist von diesen Nichtzionisten als den „an Palästina interessierten Teilen der Iudenheit", „Juden, die für die Teilnähme am Ausbau Palästinas gewonnen werden können, ohne daß mit ihrem Anschluß an die zionistische Organisation gerechnet werden darf" und ..Palästinafreunden" die Rede. Nach den im Eingang zitierten Kongrehbeschlüsse» handelt es sich also bei diesen Angehörigen außer- oder nichtzionistischer Kreise nicht um Menschen, die nur rein philantrapisch oder religiös am Aufbau Palästinas interessiert sind sondern um Kreise, die darüber hinaus national-jüdische Bestrebungen als solche billigen, wenn fte sich auch nicht der zionistischen Organisation angcschlossen haben, sei es deshalb, weil sie wohl Zionismus für andere, aber nicht für sich selbst wollen, sei es aus anderen Gründen. Dies gilt für die Kreise, die die Delegation in die Iewish Agency vornehmen sollen; für die nicht der zionistischen Organisation angeschlossenen Juden, die in die Agency delegiert werden sollen, wird-aber eine schärfere Bedingung gestellt, die Soloweitschik in'diesem Kongreßreserat dahingehend formuliert hat. man müsse die Sicherheit haben, „daß in keinem Organ der Iewish Agency ein Mensch sitzen wird, der nicht früher den Kessel passiert hat. worin er ans einem französischen. einem englischen usw. Juden zu einem tüchtigen Juden von Erez Israel umgekocht wurde." Das praktische Ergebnis dieser Forderung ist die Tatsache, das die Iewish Agency nach ihrer rEweiterung nur aus Zionisten bestehen wird, die zur Hälfte organsiert sein müssen und höchstens bis zur Hälfte außerhalb der zionistischen Organisation stehen dürfen. Es ist erfreulich, daß der XIII. Zionistcnkvngreß diese reinliche Scheidung vorgenommen hat und nach seinen. Beschlüssen eigentlich kein einziger wirklicher Nichtzionist zu irgendwelchen Leistungen ideeller oder materieller Natur im Dienste der Verwirklichung der Balfour-Deklaration und des Palästina-Mandats, d. h. also der Schaffung eines national-iüdischen Heims herangczogen werden darf. Am so eigentümlicher berührt folgender Umstand: obwohl immer und immer wieder von der sogenannten „Neutralität des Keren Hajessod die Rede ist, hat der Kongreß seine Meinung unmißverständlich dahingehend geäußert, daß in den nach 'Punkt 3 der Beschlüsse zwecks Vorbereitung der Iewish Agency zu bildenden Rat mit in vorderster Reihe Vertreter des Keren Hajessod berufen werden sollen. Der dahingehende Antrag des Delegierten Mereminski wurde damals der Exekutive zur Prüfung überwiesen. Das Expose trägt dem Ergebnis dieser Prüfung durch folgenden Passus Rechnung: „Die Zeichner des Keren Hajessod und di« vom Keren Hajessod geschaffenen Instanzen sind geeignet, festzustellen, wie weit außerhalb unserer Reihen ein Interesse an der Verwirklichung der Balfur-Deklaration vorhanden ist." Mit der Uebertragung eines solchen Rlchte» amtes »st aber auch dargctan, daß jeder Zeichner des Keren fajessod sich der Tatsache bewußt sein muß. daß er mit seiner eichnung und Mitarbeit in dieser Organisation zum Mindesten sein platonisches Zionistentum bekennt. (Zur Erklärung dieses Ausdruckes fei bemerkt, daß unter nichtplatonischen Zionisten dieienigen zu verstehen sind, die nicht nur, ihre Palästinafreundlichkeil durch Geldspenden oder Reden betonen, sondern auch bereit find, sobald wie möglich ihrem national-jüdischen Ideal in Palästina selbst zu leben.) Unter Palästinafreunden sind also, wie schon einmal bemerkt, nur die Freunde einer nationaljüdischen Heimstätte zu verstehen, so daß, um das Scherzwort eines Zionistenführers zu gebrauchen, die „Heran-Ziehonisten", auch Zionisten sind und sein müssen. Die Anhänger des religiösen Liberalismus in Deutschland sehen das Wesen der jüdischen Gemeinschaft im Bekenntnis zum Judentum. Der Inbegriff des Judentums ist in uns keine nationale, sondern eine sittlich-religiöse Idee. Jüdische Gemeinschaft ist keine Gemeinschaft im nationalen, sondern im religiösen Sinne. Wir verkennen nicht, daß das gemeinsame Bekenntnis zum Judentum und das Streben nach Erhaltung der jüdisch-religiösen Gemeinschaft Bildungselemente soziologischer Natur geschaffen hat. Der Zionismus macht diese lediglich aus dem Streben nach Erhaltung des Judentums als sittlich-religiöser Idee entstandenen und heute noch bestehenden Bindungsfaktoren zum Selbstzweck und sieht in ihnen das Wesen der jüdischen Gemeinschaft. Der Misrachi, die Organisation der gesetzestreuen Zionisten, sucht das nationale und religiöse Element zu vereinigen. Er will den jüdischen Nationalismus in den Dienst der jüdischen Gottesidee stellen. Wir stehen aus dem Standpunkt, daß die sittlichen Aufgaben der jüdischen Gemeinschaft nicht an das Bestehen oder die Voraussetzung einer jüdischen Nationalität geknüpft sind und mit ihr verknüpft werden dürfen. Wir wollen der sittlich-religiösen Idee des Judentums lediglich als religiöse Juden dienen. Wir betrachten das Streben nach Schaffung einer national-jüdischen Heimstätte als eine Gefahr für den Bestand des Judentums, weil die Beschäftigung mit Ausgaben der jüdischen Gemeinschaft unter zeitlichen Gesichtspunkten der Erfüllung der E w i g k e i t s - aufgaben Israels als „heiliges Volk" Abtrag tun muß. Gronemann hat einmal witzig auf solche Einwendungen erwidert: „Wir wollen erst den Juden Brot geben. Ihr sollt 'dann dafür sorge», daß sie Mauze machen." Diese Antwort trifft den Kern'der Sache nicht, denn weite Kreise — auch antizionistische — in Deutschland find bereit, an der Aufgabe mitzuarbeiten, verfolgten und unterdrückten Glaubensgenossen zr? einer Heimstätte zu verhelfen. zu einer Heimstätte auch in Palästina. Sie wollen sich aber durch die materielle und ideelle Mitarbeit in Organisationen, die ein Bekenntnis zur Balfour-Deklaration uni) zum Palästina- Mandat verlangen, nicht zu Zionisten stempeln lassen. Man mag, nun über die Größe der zionistischen Erfolge in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht geteilter Meinung sei», fest steht die Tatsache, daß die Zahl der'Juden in Palästina sich in den letzten Jahrzehnten durch Einwanderung vermehrt hat und jedenfalls auch noch weiterhin vermehren wird. Als religiöse Juden haben wir ein Interesse daran, daß auch dir in Palästina einrvandernden Glaubensgenossen sich trotz ihrer nationaljüdischen Einstellung r e l i g i ö s zur jüdischen Gemeinschaft bekennen. Als religiös-liberalen Juden muß uns daran gelegen sein, daß den zuni großen Teil dem Judentum entfremdeten Palästina-Einwanderern ihre Zugehörigkeit zum Judentum unter Bedingungen zuin Bewußtsein gebracht wird, die cs ihnen ermöglichen, jüdischrrcligiöses Gemeinschaftsgefühl in Formen zu pflegen, die ihrein Empfinden gemäß und geeignet sind, ihre religiöse Gleichgültigkeit zu beseitigen. Wie der Misrachi auf gesetzestreuer Grundlage die in Palästina lebenden und nach Palästina kommenden Juden zusnmmensassen will, so müßte dort auch, wie in jedem Lande, in dem es Juden in größerer Anzahl gibt, der jüdischreligiöse Entwicklungsgedanke seine Vertretung und Verwirklichung finden. In diesem Sinne werden die religiösliberalen Juden Deutschlands, die nicht an einer nationaljüdischen Heimstätte, sondern an der Erhaltung des Judentums und somit auch der Menschen, die die jüdisch -religiöse Gemeinschaft bilden, interessiert sind, alle Bestrebungen zu fördern haben, die — auch in Palästina — jüdischer Gemeinschaftsarbeit im Dienste des religiösen Liberalismus gewidmet sind. Wir werden mit etwa in Palästina entstehenden Organisationen, die derartige Ziele verfolgen, in freundschaftliche Fühlung kommen müssen und ihnen im Sinne unserer Bewegung Anregung geben und tätige Mithilfe leisten könne». Der auf dem Kongreß zn Tage getretene, durch keine vermittelnde Richtung überbrückte klaffende Gegensatz zwischen gesetzcstreuen und religiös-nihilistische» Nationalisten, stellt den am Palästinaaufbau arbeitenden Kreisen Ausgaben, die bisher noch nicht in Angriff genommen worden find 'und an deren Lösung sich auch die Kreise beschäftigen könnten, die antinationaljüdisch eingestellt sind. und der Zeit, die er darauf zugcbracht, haben wir alles Böse, I was wir von ihm zu sagen gewagt, wieder ausgeglichen und ihn an seine rechte Stelle gehoben." Ist das nicht, ob zutreffend oder nicht, prächtig? Aber ganz abgesehen von diesen mehr theoretisch-wissenschaftlichen und künstlerischen Anregungen von dieser Seite her märe es für den, der Goethe von seiner Menschlichkeit und Weltanschauung her kennt, einfach undenkbar, jedenfalls sehr sonderbar. wenn er, mit seinen Organen für alles Gewordene. Dauerbare, Bewußte und Bewiesene, für eine Erscheinung wie Juden und Judentum nichts als jene Lieblosigkeit und Negativität gehabt hätte, wie sie der Antisemitismus darstellt. Es wäre sonderbar, wenn ein Goethe mit seiner Dankbarkeit für alles, Individuen oder Kulturen, was ihn je gefördert hatte — wissen wir doch, wie oft er darauf hinmies, was er der französischen Kultur für feine eigene verdankt — nur Verachtung gehabt haben sollte für ein Volk, aus dem ihm nicht nur feine Anregungen in menschlich- und zeitlich-entfernterem, sondern in weit näherem, unmittelbar fruchtbarerem, ja ganz entscheidendem Sinne geworden, aus dem ihm gewissermaßen sein persönlicher „Messias" gesandt worden war, ich brauche den Namen fast nicht zu nennen: Spinoza. Spinoza, aus dessen Ideen ihm nach seinem eigenen Zeugnis „Himmelsluft" entgegenströmte, dessen Weltgefühl ein immanenter Bestandteil seines eigenen wurde, dessen Weltprinzip in fundamentaler Weise seine geistigseelische Struktur mitgestaltete, und dessen Ethik er, wie er selbst im hohen Alter sagte, immer mit sich führte. H. Und so lesen wir denn auch in dem gleichen oben erwähnten Bande feiner „Gespräche" folgende Notiz von unzweideutigem Gehalt: „Ueber Wurms Bestreben, die Juden von der Bühne herab dem Despotie preiszugeben, geriet er in Zorn und sagte: „Es ist schändlich, eine Nation, die so ausgezeichnete Talente rn Kunst und Wissenschaft aufzuweisen hat, gleichsam au den Pranger zu stellen. So lange ich das Theater zu leiten habe, dürfen derartige Stücke nicht gegeben werden." An einer anderen Stelle werden die Juden in eine positive Analogie zu den Deutschen gebracht, eine Ehre, die ihnen *) Ich möchte hier eine Bemerkung wiederholen, die ich in der oben erwähnten, vor kurzem in diesem Blatt erschienenen Besprechung des Buches von H. Teweles: „Goethe und die Juden" gemacht habe. „Wenn man sich neuerdings auf antisemitischer Seite darin gefällt, jenes Verhältnis a'»f ein Mißverstehen Spinozas durch Goethe zurückzuführen, so würde das — gesetzt, es sei so, ist es aber nicht — gar nichts besagen. Das Entscheidende ist, daß Goethe absolut bereit war, Geist und Seele dem von einem Juden ausgehenden Quell zu öffnen, fein Weltgefühl von ihm bestimmen zu lassen." Adolf Bartels, der an der Spitze derer steht, die Goethe zum Antisemiten stempeln möchten, sicher nicht zuteil werden ließe. „Verpflanzt und zerstreut wie die Juden rn alle Welt müssen die Deutschen werden, um die Masse des Guten ganz und zum Heil aller Nationen zu entwickeln, die in ihnen liegt." Sicher läßt sich in dem großen Umfang der Goetheschen Dokumente jeder Art noch viel derartiges finden (ich Kanu die Leser dafür auf das oben erwähnte Buch von Teweles Hinweisen), aber das hier Gesagte dürfte schon genügen. Die Hauptsache aber ist und bleibt das Menschliche. Wir missen, daß Goethes Menschlichkeit in allen Lebensaltern vor den Juden nicht versagte, daß das „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" des herrlichen Jünglings auch vor der Iudengasse der Heimatstadt nicht Halt machte, als es galt, eineu dort ausgebrochcnen Brand mit eigener Hand löschen zu helfe», und wie dabei seine auch im Praktischen stets schöpferische Einbildungskraft ganz spontan auf einen besseren Modus der Löscharbeit kam. And was noch am allerwichtigsten ist, was auch aus dem oben zitierten Gespräch mit dem Bankier Lämel hervorgeht, daß Goethe stets mit Juden im Verkehr 'stand, auch hier nur nach dem menschlichen Wert fragend, sie iu seinem Hause empfing, in ihrem beruflichen, künstlerischen, wissenschaftlichen Fortkommen förderte und umgckehri das Gute, das sie ihm bringen konnten, dankbar anerkannte. So mit dem jüdischen Philosophen und Arzt Markus Herz, dem Mann von Henriette Herz, so dem Orientalisten Saiomvn Munk, dem Philosophen und Touristen Eduard Gans, dem nachmaligen Präsidenten des Frankfurter Parlaments und des ersten deutschen Reichstages Eduard Simfon, dem Maler Moritz Oppenheim aus Frankfurt. dessen Ernennung zum Professor er beim Großherzog befürwortete, so mit Michael Beer, dem Bruder des Komponisten Meyerbeer, nnd anderen mehr. Mit einer Reihe jüdischer Frauen stand er fernerhin in freundschaftlichen Beziehungen und Brieswechsel, so mit den Frauen von Arnstein und Eskeles, Eleonore von Fließ, vor allem mit Marianne von Eybenbcrg, gcb. Meyer, der Tochter eines Berliner Bankiers, der er die Wahlverwandtschaften schickt mit den Begleitworten: „Gedenken S>e mein unter den Lesern, gedenken Sie der guten Tage, rn welchen dieses Merkchen größtenteils in Ihrer Nähe (in Karlsbad, wo er sie kennen 'gelernt hatte) entstand. Sagen S>e mir etwas von Ihren Zuständen und Plänen." Endlich sei uoai an die Freundschaft mit Felix Mendelssohn, dem Schüler Zelters erinnert, der als musikalisches „Wunderkind" wochenlang brr ihm im Hause zu Besuch war, geliebt, etwas verhätschelt und den Freunden empfohlen. Er, der Große, Liebevolle, Menschliche, Reine, der „im stmen Busch, in Feld und Wasser seine Brüder" sah, er sollte l)W ein anderer gewesen sein, als der er mar?

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