Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 25 (19.6.1925)
- Date
- 1925-06-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Religion und Aberglaube. Aberglaube im Judentum. Von Rabbiner Dr. Georg Wilde, Magdeburg. Aberglaube lebt in der Religion und in der Wissenschaft. Fehlen aber Religion und Wissenschaft, so füllt der Aberglaube erst recht den leeren Raum aus. „Zwischen Glauben und Wissen, ost über beide sich in weitem Umfange erstreckend, liegt das schwankende Gebiet des Aberglaubens. Während die Gegenstände des Wissens durchaus nur der vorstellbaren Wirklichkeit angehören, und während der Glaube sich bezieht auf das Uebersinnliche, das von uns als ein Gegenstand sittlicher Forderungen gedacht wird, besteht das Wesen des Aberglaubens darin, daß er dem Uebersinnlichen sinnliche Gestalt gibt, indem er in die natürliche Weltordnung übernatürliche Mächte in sinnlich wahrnehmbarer Form eingreifen läßt. Während sich daher Glauben und Wissen nicht nur miteinander vertragen, sondern in gewissem Sinne sogar einander ergänzen, spielt der Aberglauben gegenüber beiden die Rolle eines unbefugten und zugleich gefährlichen Eindringlings. Er schädigt den Glauben, weil er die Gegenstände desselben vermengt mit unwürdigen und oft lächerlichen Erzeugnissen der sinnlichen Einbildungskraft; und er bringt das Wissen in Verwirrung, weil er in die Tatsachen der Erfahrung Einflüsse eingreifen läßt, die sich jeder wissenschaftlichen Äachweisung entziehen, und die an die Stelle methodischer Untersuchung ein planloses Spiel phantastischer Einfalle setzen." (Wilhelm Wundt: Essays.) Glaube und Wissenschaft früherer Zeiten ist für die spätere Zeit oft nur Aberglaube. Die Chemie war einstAlchemie, die Medizin war Lehre vonWunderinitteln, die Astronomie war Astrologie, ein Teil der Physiologie war die Chiromantie, Mathematik war Mystik der Zahlen. Für Rekromantie (Totenbeschwörung) gab es eine Professur an der Universität Salamanca. Glaube war ost Wunderglaube, daher nach unseren Begriffen Aberglaube. Wie stellen sich die Äi» bel und die späteren Schriften der jüdischen Religion zum Aberglauben? Der Kampf der Bibel gegen den Aberglauben. „Unter allen Völkern der alten Zeit hat wohl keines sich so frei von Aberglauben und jeder daraus entspringenden Zauberei gehalten, wie die Juden. Die jüdische Religion, der ausgeprägteste Monotheismus, der jemals existiert hat, erkannte kein geistiges Wesen, weder gutes noch böses, neben Jehova, dem Schöpfer und Erhalter der Welt, an." (Dr. Alfred Lehmann, Aberglaube und-Zauberei, , deutsche Ausgabtz von Dr. Petersen.) Die jüdische Religion entsteht im bewußten Gegensatz zu der ägyptischen, unter der sie gelebt haben und der kananitlschen, unter der sie leben. „Rach der Handlungsweise Aegyptens, wo ihr gewohnt habt, sollt ihr nicht tun und nach der Handlungsweise Kanaans, wo ihr wohnt, sollt ihr nicht tun." Der Glaube der Aegypter und der Kananiter aber war voll Aberglaube. „Denn diese Völker, die du austreibst, hören auf Wolkendeuter und aus Wahrsager: Dich aber hat der Ewige, dein Gott, dazu bestimmt, nicht so zu sein!" (V. 18, 14.) „Ihr sollt nicht aus Schlangen und nicht aus Wolken deuten." „Einschnitte um einen Toten sollt ihr euch nicht in euren Körper machen und Aehschrift sollt ihr euch nicht machen." „Wendet euch nicht den Beschwörern und Weissagern zu: suchet sie nicht auf, daß ihr euch durch sie verunreinigt. Ich der Ewige bin euer Gott." (III, 19, 26, 28 31.) „Jedermann von den Kindern Israel und von den Fremdlingen, die unter Israel weilen, der von seinem Samen hergibt dem Moloch, sterbe des Todes." „Auf die Person, die sich den Beschwörern und Weissagern zuwendet, werde ich meinen Zornblick richten und sie aus der Mitte ihres Volkes ausrotten." (HI, 20, 2, 6.) „Es soll unter dir keiner gesunden werden, der seinen Sohn und seine Tochter durch das Feuer führt, der Mahrsagerei treidt, der aus Wolken und Schlangen deutet, kein Zauberer, kein Geisterbanner und Beschwörer, keiner, der die Toten beschwört." (V, 18, 10, 11.) Bei allen alten Völkern waren die Priester auch die Aerzte. Sie heilten durch Wunderkuren, durch Besprechen, sie vertrieben Dämonen, böse Geister. Von welch' verständiger, von jedem Aberglauben freier Klarheit die Schilderung im 13. und 14. Kapitel des dritten Buches Mosis, die von der Untersuchung des Aussatzes durch den Priester handelt! Kein Wort von Wunderkuren, von Beschwörungen: „Wenn bei einem Menschen auf der Haut eine Geschwulst, eine Flechte oder ein Fleck entsteht, die zum Aussatz werden könnten, so werde er zum Priester gebracht. Sieht der Priester einen weißen Fleck in der Haut, der nicht tiefer ist als die Haut und das Haar ist nicht weiß geworden, so verschließe der Priester den Ausschlag sieben Tage. Ist nach sieben Tagen der Ausschlag geblieben, wie er war, so verschließe er ihn noch 7 Tage. Wenn dann der Ausschlag getrübt ist und nicht um sich gegriffen hat, so spreche ihn der Priester rein; es ist eine Flechte, er wasche seine Kleider und ist rein. Ist aber das Haar im Ausschlag weiß geworden und der Ausschlag erscheint tiefer als die Haut, so ist es Aussatz . .. Solange der Aussatz an ihm ist, ist er unrein; abgeschieden soll er wohnen, außer dem Lager sei seine Wohnung. Kleider, an denen kein Ausschlag ist, werden wiederholt gewaschen; ist der Aussatz an ihnen festgestellt, werden sie verbrannt." Ein Aussatz am Hause wäre wohl bei allen anderen Religionen des Altertums als Wirkung böser Geister angesehen worden, die durch Beschwörungen, Weihrauch, Gebete vertrieben werden müssen. Die Thora bestimmt: „Ist Ausschlag an den Wänden des Hauses, so verschließt es der Priester auf sieben Tage. Hat der Ausschlag dann weiter um sich gegriffen, so gebiete der Priester, daß man das Haus abkratze, die Steine mit dem Ausschlag herausreiße und Steine und Schutt hinaus vor die Stadt an eine unreine Stelle schaffe. Greift der Ausschlag trotzdem weiter, so reiße man das Haus nieder und schaffe alles, Steige, Holz, Lehm hinaus vor die Stadt an eine unreine Stelle." Man vergleiche damit Krankheitsbehandlungen im Reuen Testament: „Ein Mensch sprach: Herr, erbarme dich über meinen Sohn; er ist mondsüchtig und hat ein schweres Leiden, er lallt oft ins Feuer und oft ins Wasser... Iesus bedrohte ihn und der Teufel fuhr aus von ihm und der Knabe ward gesund zu derselben Stunde." (Ev. Math. 17,15—18.) „Ein Weib war da, das hatte einen Geist der Krankheit 18 Iahre; und sie war krumm und konnte nicht wohl aufsehen. Iesus sprach zu ihr: „Weib, sei los von deiner Krankheit. Änd legte die Hände auf sie; und alsbald richtete sie sich auf und pries Gott." (Ev. Lucae 13, 11—13.) „Sie brachten zu ihm einen Menschen, der war stumm und besessen. Und da der Teufel ausgetrieben war, redete der Stumme." (Ev. Matth. 9, 32—33.) „Da liefen ihm zwei Besessene entgegen ... Es war aber ferne von ihnen eine große Herde Säue an der Weide. Da baten ihn die Teufel und sprachen: Willst du uns auslreiben, so erlaube uns in die Herde Säue zu fahren. Und er sprach: Fahret hin; da fuhren sie in die Herde Säue." (Ev. Matth. 8, 28—32.) Roch schärfer als der Pentateuch kämpfen die Propheten gegen den Aberglauben. Hosea verkündet dem Volke Israel, daß es an seinem sittlichen Verfall, an seinem Götzendienst und Aberglauben zugrunde gehen wird: „Mein Volk befragt sein Holz und sein Stab sott es ihm verkünden." Iesaja ruft voll Zorn: „Sie sprachen zu euch: Befraget die Beschwörer und Weissager, die da zirpen und flüstern (Bauchredner?); sie fragen nicht nach Gott, sie fragen die Toten für die Lebenden." (8,19.) Ierbmia warnt das Volk: „An den Weg der Völker gewöhnt euch nicht und vor den Zeichen des Himmels zaget nicht, ob auch die Völker davor zagen." (Kometen-Aberglaube; 10,2.) Im babylonischen Exil leben sie in einer Welt des Aberglaubens: „Denn es hält der König von Babel an der Wegscheide am Anfang der beiden Wege, um sich wahrsagen zu lassen; er schüttelt die Pfeile (die Pfeile waren mit den in Betracht kommenden Namen beschrieben, der erstgezogene entschied), beftagt die Teraphim (siehe unten), beschaut die Leber" (aus den Eingeweiden der Opfertiere, besonders nach der Beschaffenheit der Leber wurde gewahrsagt). (Ezech. 21, 26.) Spottend und beschwörend sagt Denterojesaja (47,12): „Stehe doch auf mit deinen Beschwörungen und der Menge deiner Zaubereien, womit du dich gemühet von deiner Jugend an . .. laß sie doch aufstehen und dir Helsen, die den Himmel ab- Goethe zu Judentum und Juden. Von Dr. E l i s e D o s e n h e i m e r. Die Frage, ob Goethe ein „Antisemit" sei oder nicht, hatte ich li.ir früher nie wirklich norqclegt. Denn es bedarf — ganz abgesehen davon, daß in der Zeit Goethes der Antisemitismus im modernen Sinne noch gar nicht „spruchreif" war — für denjenigen, der^ Goethe zu Ende gedacht oder besser zu Ende gefühlt hat, dieser Fragestellung überhaupt nicht. Erst eine skrupellose Parteiagitation, die vor nichts Halt nracht, die, nach stets neuen Mitteln zur Heiligung ihrer Partei- '.wecke suchend, zuletzt auch einen Goethe siir sich arbeiten lassen u.iil. macht mich aufmerksam ans einen Punkt, den ich, wie gesagt, bei einem Goethe noch gar nicht in Betracht gezogen Während meiner Vorarbeiten dazu wurde mir von der Redaktion ein den gleichen Gegenstand behandelndes Buch von Heinrich Tewelis, „Goethe und die Juden", zu der in diesem Blv.tt veröffentlichten Besprechung zugcschickr. Der Gegenstand, von jedem natürlich immer wieder von anderen Gesichtspunkten ans beleuchtet, scheint also in der Luft zu liegen. Und so war ich denn geradezu überrascht, wie Belangvolles sich mir. ohne daß ich den ganzen Goethe in allen seinen künstlerischen und persönlichen Kundgebungen hätte heranzuziehen brauchen, ergab, das jene Behauptungen nicht nur widerlegt, sondern gerade ins Gegenteil verkehrt. Mag Goethe, beeinflußt von irgendwelchen Eindrücken der Umgebung, der Kindheit, — wie er selbst gelegentlich, wie wir sehen werden, andeutete — vielleicht aus einer Augenblicksstimmung heraus, vielleicht mehr oder minder scherzhaft einmal etwas in feinem Sinne Auszudeutendcs oder gar erst durch Herausreißen aus seinem Zusammenhang einen ganz fremden Sinn Empsangendes gesagt haben, wie wir ja alle schließlich einmal selbst geliebten Menschen und Dingen gegenüber einer derartigen Stimmung Raum geben. — daß der Kern seines Wesens davon unberührt blieb, das dürfte schon aus der einen Belegstelle, die ich an die Spitze steilen will, hervorgehen: Im zweiten Buch der von Frhr. von Biedermann herausgegebenen Sammlung: „Goethes Gespräche" lesen wir: Ein böhmischer Edelmann — Simon von Lämel — befand sich gleichzeitig mit Goethe in Karlsbad und pflegte auf einer im einsamen Walde gelegenen Bank auszuruhen. Goethe, der vorüber kam, geseilte sich grüßend zu ihm. Goethe mochte an dem lebenserfahrcnen Gespräche des feingeistigen Mannes, der in seiner Aussprache die jüdische Herkunft merken ließ, Gefallen gefunden haben. Sie fanden sich ohne Verabredung öfters an derselben Stelle und zu gleicher Stunde zusammen. Sie sprachen über Prag und. die dortige Synagoge und den Friedhof mit stinen ehrwürdigen Monumenten. „Er verdiente gezeichnet und die Inschriften erhalten zu werden. Fm Laufe der Zeiten geht so Ehr- und Denkwürdiges doch verloren." So Goethe. Ein jüdisches Thema war so angeklungen und Herr von Lämel sagte ohne jede Vermittlung: „Der Schiller, Ew. Erellenz. hat uns Juden mit seiner Abhandlung: „Die Sendung Moses" sehr weh getan, und was das Schlimmste ist. er hat uns gekränkt, weil er die Sache gar nicht verstanden hat." Ich sehe eigentlich nicht recht ein, warum man sich durch die ''Allsführungen Schillers gekränkt fühlte. Schiller spricht in dieser Abhandlung hwar scharf von den Fehlern des jüdischen Volkes, aber er erklärt sie historisch aus seiner Lage, dem Druck, dem es seitens der Aegypter ausgesetzt war, und sagt sehr richtig und ganz „modern": „Eine gesunde Politik würde also natürlich darauf gefußt haben, sie unter den übrigen Einwohnern zu verteilen und ihnen gleiche Rechte mit diesen zu geben; aber dieses erlaubte der allgemeine Abscheu nicht, den die Aegypter gegen sie hegten." Diesen Abscheu aber fükrt er wiederum auf Umstände zurück, die durch jene schlechte Behandlung erst erzeugt wurden: „Kein Wunder, daß die Barbarei gegen sie in eben dem Grade stieg, als die Folgen dieser barbarischen Behandlung sichtbar wurden und daß man sie immer härter für das Elend strafte, welches man ihnen doch selbst zugezogen hatte." Jedenfalls sieht er in der Gründung des jüdischen Staates durch Moses, in dessen Beurteilung er sich sehr von der Goethes, wie wir sehen werden, unterscheidet, „eine der denkwürdigsten Begebenheiten, welche die Geschichte aufbewahrt hat, wichtig durch die Stärke des Verstandes, wodurch sie ins Werk gerichtet worden, wichtiger noch durch ihre Folgen auf die Welt, die noch bis auf diesen Augenblick fortdauern — — —. In einem gewissen Sinne ist es unwiderleglich wahr, daß wir der mosaischen Religion einen großen Teil der Aufklärung danken, deren wir uns heutigen Tages erfreuen. Denn durch sie wurde eine kostbare Wahrheit, welche die sich selbst überlassene Vernunft erst nach einer langsamen Entwicklung würde gefunden haben, die Lehre von dem einigen Gott, vorläufig unter dem Volke verbreitet und als ein Gegenstand des blinden Glaubens so lange unter demselben erhalten, bis sie endlich in den helleren Köpfen zu einem Vernunftbegriff reifen konnte." Und zuletzt sagt er: „Aus diesem Standpunkt betrachtet, muß uns die Nation der Hebräer als ein wichtiges univerfalhistorifches Volk erscheinen und alles Böse, welches man diesem Volke nachzusagen gewohnt ist, alle Bemühungen witziger Köpfe, es zu verkleinern, werden uns nicht hindern, gerecht gegen dasselbe zu sein". Ist das nicht genug? Goethe, ohne in eine Meinungsäußerung einzugehen, doch bei dem Thema bleibend, äußerte: „Der Eindruck, den ich in früher Jugend in meiner Vaterstadt empfing, war mir ein mehr erschreckender. Die Gestalten der engen und finsteren Judenstadt waren mir gar sehr befremdliche und Unverstandliche Erscheinungen, die meine Phantasie beschäftigten, und ich konnte gar nicht begreifen, wie dieses Volk das merkwürdigste Buch der Wett aus sich heraus geschrieben hat. Was sich allerdings in meiner früheren Jugend als Abscheu gegen die Juden in mir regte, war mehr Scheu vor dem Rätselhaften, vor dem Unschönen. Meine Verachtung, die sich wohl zu regen pflegte, war mehr der Reflex oer mich umgebenden christlichen Männer und Frauen. Erst später, als ich viele geistbegalrte, feinfühlige Männer dieses Stammes kennen lernte, gesellte sich Achtung zu der Bewunderung, die ich für das bibelschöpferifche Volk hege und für den Dichter, der das hohe Liebeslied gesungen hat. Beide Bücher haben mich mannigfach beschäftigt." Das ist ganz unzweideutig! „Reflex der mich umgebenden christlichen Männer und Frauen!" Das bedeutet Einflüsse von außen, dann aber mit zunehmender Kultur- und Weltkenntnis Ueberwindung dieser Einflüsse von innen her, von der Kenntnis von Juden her und dessen, was sie als Gesamtheit, als Kulturvolk geschaffen haben. Wir wissen auch aus anderen Quellen, wie Goethe dieses „merkwürdigste Buch der Wett", das ihm von dem jüdischen Kulturguts am nächsten liegende Alte Testament nach der sittlichreligiösen, menschlichen und poetischen Seite hockfchätzle, wie es stets in seinem geistigen Blickfeld wohnte, wie er ihm mit Vorliebe seine Bilder, Gleichnisse, Symbole, deren er sich bediente, entnahm, wie er ihm einen positiven Einfluß auf seine Bildung zuschrieb. Wir wissen aus der wundervollen Schilderung im vierten Buch seiner Lebensbeschreibung, wie bereits die noch vom Schöpfungshauch berührten morgendlichen Geschickten des Alten Testamentes der morgendlichen Phantasie des herrlichen, man möchte fast schon sagen des göttlichen Kindes entgegenkamen, wie feine „die Bibel nach allen Seiten durchkreuzende kindische Lebhaftigkeit" jene Welt erlebte, bevölkerte mit kindlichschöpferischer Einbildungskraft, weiter ausbaute, wie fein Blick, sein Anteil „an diese Gegenden geheftet bleibt, von denen ein Stammvater ausging, der fo glücklich ist. seinen Nachkommen einen entschiedenen Charakter aufzuprägen, und sie dadurch für ewige Zeiten zu einer großen und bei allem G!üi'- und Ortswechsel zusammenhaltenden Nation zu vereinigen." In so und so vielen seiner Werke finden wir weitere Belege für diesen Anteil an jenen „Gegenden", mehr vielleicht als bei irgendeinem anderen deutschen Dichter. Auf einen möchte ich im Vorübergehen hier doch Hinweisen, auf den wundervollen, großzügigen und von jenem liebevollen und schöpferischen Versenken in jene Welt zeugenden Aufsatz in den Anmerkungen zum Westöstlichen Diwan: „Israel in der Wüste". Goethe erinnert zunächst selbst daran, daß er „dem ersten Buch Mosis viel Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet und manchen jugendlichen Tag entlang in den Paradiesen des Orients sich ergangen." Aber auch die vier letzten Bücher „nötigten zu pünktlichen Bemühungen, und nachstehender Aussatz enthält die wunderlichen Resultate derselben.-Denn wie alle unsere Wanderungen im Orient durch die heiligen Schriften veranlaßt worden, so kehren wir immer zu denselben zurück als den erquicklichsten, obgleich hie und da getrübten, in die Erde sich verbergenden, sodann aber rein und frisch wieder hervorspringenden Quellwassern." Wenn nach seiner Ansicht „das eigentliche, einzige und tiefste Thema der Welt- und Menschengeschichte, dem alle übrigen untergeordnet sind, der Konflikt des Glaubens und Unglaubens bleibt." so sieht er in dem ersten Buch Moses den Triumph des Glaubens, in den vier letzten den des Unglaubens dargestellt, der jenen fortwährend bekämpft und hindert und „seinen schleichenden Gang dergestalt immer fortsetzt, daß ein großes, edles, auf die herrlichsten Verheißungen eines . zuverlässigen Nationalgottes unternommenes Geschäft gleich in seinem Anfänge zu scheitern droht und auch niemals in seiner ganzen Fülle vollendet werden kann." Die wunderlichen Resultate nun jener pünktlichen Bemühungen richten sich vornehmlich auf zwei Punkte: erstens den Charakter von Moses undzweitens die Zeitdauer des Zuges der Kinder Israel durch die Wüste, die, wie wir wissen, nach der biblischen Ueberlieferung vierzig Jahre betrug. Goethe glaubt nämlich aus seinen eingehenden Erwägungen heraus zu der allerdings überraschenden Auffassung kommen zu dürfen, daß M o^s e s weder F e l d h e r r n - noch Regententalent hatte, daß er von dieser Seite her seinem großen Beruf in keiner Weise gewachsen war, er glaubt ihm so und so viele strategisch' organtzatorische Fehler in der Leitung des Zuges Nachweisen zu' dürfen. (Fortsetzung in der Beilage.)