Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 24 (12.6.1925)
- Date
- 1925-06-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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V bindung selbständiger Kraft im Verstandes-, Gefükls- und Willensleben des Kindes, der werdenden Persönlichkeit, des Subjekts der Erziehung. In 4 Punkten erblickt der Vortragende den Wert der Arbeitsfchulpüdagogik für den jüdischen Religionsunterricht: 1. in der Ablehnung des Intellektualismus, 2. in der möglichst selbständigen Erarbeitung des Unterrichtsstoffes durch den Schüler, 3 im Erlebnisunterricht, 4. in der Pädagogik der Tat. Das Judentum ist nicht „das klassische Beispiel einer Dernunftreligion" [$). Lohen), nicht das Wissen ist in ihm das Bestimmende, sondern die sittliche ZTat, das heilige Leben. Deshalb kann die Arbeitsschule, die den Intellektualismus bekämpft, und der Gefühls- und Wittensbildung die gleiche Berücksichtigung mir der Derstcrndesbildung widmet, uns im Religionsunterricht die besten HelserSienste leisten. — Das Prinzip möglichst selbständiger Erarbeitung erfordert Begrenzung des Stoffes in Rücksicht aus die Kraft des Schülers-, Erkenntnisgewinnung aus den Quellen, Pfleg« der religiösen Heimatkunde, die Schülerfrage, das freie Schulgespräch. — Aber neben de? Aktivität sotten auch Sitte, Ehrfurcht und Hingegebensein an das Große in uns und über uns zu ihrem Reckte kommen: die Schule der Arbeit fei auch eine Schule des Erleoens. „Aber eine Stimmung, besonders eine religiöse, die Stimmung bleibt, hat ihr Gejährliches, zumal wenn sie meint, schon ein gutes Werk zu sein." (Baeck.) Darum sind unter allen Gefühlen die Wertschätzungen der innerste Kern der Frömmigkeit, da sie, wenn mit empfänglicher Seele ausgenommen, zu sittlich-religiösem Gemüts reizen. Sie gewinnen wir durch Vorführung anschaulicher Vertreter der Frömmigkeit, wie — unter Zuhilfenahme der Abneigung — des Abnormen. Ader auch Gebet und Feier gehören zum Erlebnisunterricht, um die Religion davor zu bewahren, Rationalismus zu werden. — Arbeitsschule und jüdische Religion lehren beide, daß das Tun wertvoller ist als das aen, daß Leben mehr ist als Erleben. Die jüdische Arbeitse sei deshalb das Anwendungsgebiet des guten Handelns und -- je mehr das Elternhavs versagt — die Pflegestätte jüdisch-religiösen Lebens. Das letztere ist nur dann möglich, wenn die Religion nicht bloß Unterrichtsfach, sondern Unterrichtsprinzip, wenn die ganze Schulatmosphäre von jüdischreligiösem Geist erfüllt ist: darum jüdische Volksschulen! In der Arbeitsschule, die durch das Leben für das Leben erziehen will, gilt es auch ein «nges Band zwischen dem jüdischen Kinde und der Glaubensgemeiuschast zu knüpfen. Nicht intellektuelles Scheinjudentum, sondern lebendiges Tatjudentum muh unser Ziel sein. Die Arbeitsschule, die das Kind als das Subjekt des Unterricht» behandelt, die es möglichst selbständig erkennen, fühlen und handeln lassen will, ckletchteet die religiöse Erziehung nicht, sondern gestaltet sie vielseitiger und verantwortungsvoller. Aber auch freudvoller. Das letztere ist wichtig in einem Unterricht. in dem sich uns die Mittel des Zwanges und der bloßen Autorität versagen, wichtig auch in einer Zeit, die nach seiten der Gesetzgebung den 'Religionsunterricht ganz auf Freiwilligkeit gestellt hat. Zum Korreferat nimmt Fräulein Lilly Marx- Köln das Wort. Die Ereignisse der ersten Kinderjahre, der Hang zum Uebersinnlichen und Wunderbaren, dße starke Phantasietätiakcit des Kindes bilden wohl die Grundtage des religiösen Gefühls und bedingen daher das sofortige Esissetzen der religiösen Belehrung in der .Unterklasse., Die vielfach noch heute — besonders in den Großstädten — der Natur entfremdeten jüdischen Kinder sollen durch Herausführen zum Erlebnis der Schöpfung gebracht werden. Die Schöpfungsgeschichte. früher vielfach als Stoff für die Unterstufe stark bekämpft^'Kann heute in freier, lebendiger Lehrererzühlung. unterstützt durch wirksame, religiös getönte weltliche Stoffe, wie „Die SonnenstrMen", „Wie das Vergißmeinnicht seinen Namen erhielt", „vom DiLelfink", durch Erlernen kindertümlicher Lieder („Weißt du, wieviel Sternlein..„Wer hat die Blumen nur erdacht?" ufm.) zum starken Erlebnis und Nacherlebnis für die Kinder der Aufnahmcklasfe werden. Von allzu häufiger Betonung der manuellen Betätigung ist — so reizvoll der Stoff dem Lehrer auch scheinen mag — bei starken religiösen Eindrücken abzusehen. Es dürften dadurch Wirkungen zerstört, die Phantafietätlgkett des Kindes gehemmt werden. Das Illustrieren soll natürlich nicht ganz fortfallen. jedoch wird zu einer Auswahl nur solcher Stoffe geraten, die eine Möglichkeit zur Uebertragung auf hiesige Verhältnisse zuläßt. Das vor den Augen der Schüler entstehende Wandtafelbild kann hie und da zur Unterstützung bei der Wiedergabe werden: eine Anwendung fertiger Anschauungsbilder ist dagegen für das l. und 2. Schuljahr abzuweisen, da die morgenwadischen Landschaften, Trachten und Bauten unfern Kindern allzu fern liegen. Die noch so rege Phantasie des Kindes erlicht das ihm nicht Gezeigte. Im Anfang liegt die Betonung auf den Persönlichkeiten, der Handlung, der Wertung beider durch die Schüler. Die Vertiefung und Anwendung besteht wohl nicht «ehr in Moralisieren, vielmehr muß alles aus den Kindern herauskommen, der Lehrer hat nur leitend. Vergleiche anregend, zusammenfassend zu wirken. Die Kritik — herausgefordert durch ein: „Wie gefällt euch das und warum? erzielt schon bet den Kleinen häufig ein treffendes Urteil, sicherlich ein Herausftnden der Charaktereigenschaften der dargestellten Persönlichkeiten, oft eineu Vergleich mit eignem Tun und freiwillige Bekenntnisse. Freie Gespräche über Geschwisterliebe (Kain und Mel — Iosephgeschichten — Jakob und Esau), über freiwilliges Geben machen den Gedanken an religiöse Tat wach. Ein wichtiges Kapitel ist — im Anschluß an Eliesers Treue — das Verhältnis zum Dienenden, das. in rechter Weife dargestellt, schon frühzeitig zur sozialen Ueberbriickung führen kann. In Erweiterung des Themas von Abrahams Gastfreundschaft kommt ein guter jüdischer Brauch zur Sprache. Und hier ist. da es sich um noch Bestehendes handelt, Platz für die Handfertigkeit. Das Formen eines Sabbatleuchters, einer Lhallah, das Malen eines Freitaaabendtifches — wieviel Freude macht es den Kindern. Welche Stoffülle für das Manuelle bietet der Sedertifch, Bau- und Ausputz (das erste natürlich in gemeinsamer Arbeit mit der Oberstufe) einer Laubhütte, das Herstellen eines Trendelchens — man spielt auch in der Schule. — Das Berföhmmgsfest bietet dem'Lehrer dieser Stufe Gelegenheit, auf Kinderstreitigkenen einzugehen, das Gemetnfamkeilsgefühl — einen der Kerngedanken der Arbeitsschule — zu stärken. — Im Anschluß an das Erntefest ließe sich das Märchen von der Kornähre (Grimm) nutzbringend als Grundlage für die Auslegung des Segensspruchs über das Brot bringen, lieber das Auswendiglernen von Segenssprüchen läßt sich im 1. 3ahr nur individuell entscheiden — 'es hängt von Zusammensetzung der Schülerschar und Klassenfreguenz ab. Vom Erlernen größerer hebräischer Gebetsabschnitte ist sehr abzuraten, da bas Lesen erst Aufgabe des 2. Schuljahrs ist. Für das Lernen deutscher Gebete ist stets die nötige Stimmung und Einfühlung abzuwarten: Jakobs Flucht und ilebernachten in der Wüste — ein Nachtgebet. In ähnlicher Weife wird der Unterricht im 2. Schuljahr fortgesetzt. Eine Grenze zwischen Bibelstosf, weltlich-religiösem Stoff, Belehrung über Formen kann nicht gezogen werden, eins muß aus dem andern herauswacksen. In Bezug auf den Stoff schrieb der alte Lehrplan eine Auswahl aus den Geschichten bis zu Josephs Tod vor, im 2. Jahr Wiederholung. Doch bedarf es dessen bei der Frische der Kleinen wohl nicht, und so wäre eher dieselbe Aufgabe für die Dauer beider Iahre zu stellen. — Uederdies kommt im 2. Jahre der hebräische Leseunterricht hinzu, der auf möglichst schnellem Wege, aber auf kindertümliche Weise — Bilder und Begriffsfibeln — zur Lesefertigkeit führen soll. Als wichtiges Lehrmittel ist der Lesekasten für die Hand des Schillers zu fordern; hingegen ist von Erlernung der Kursivschrift im 2. Iahre absolut abzuraten. Die Kinder des 3. Schuljahres, geistig reifer, heimatkundlich vorgebildet, haben schon Perständnis für staatliche Institutionen, für Volksentwicklung, empfinden aber noch in starkem Maße das Verlangen nack Heldentum. Die Moses- und Richtergeschichten werden beidem gerecht. Die äußeren Verhältnisse können hier schon durch Bild und manuelle Erarbeitung veranschaulicht werden, andere Fächer werden der Religionsstunde dienstbar gemacht. Die Richtergeschichte bietet die Möglichkeit, den Kindern schon einigermaßen die Eigenart der Bibel klarzumachen, die die Menschen mit ihren Fehlern nnd Tugenden darstellt, die nichts beschönigt. Anfchlußstoffe ans modernen jüdischen Lesebüchern beleben den Unterricht. Eine weitere Fülle von Gesprächsstoff bieten die 10 Gebote, die mit Beispielen aus Bibel. Literatur (Förster) und Leben — beim 8. hilft die Zeitnng — zu belegen find. Die Vorbereitung auf die Feiertage wird eingehender; die Haggada, das Omern, Me Bedeutung des Schowuausfestes sind eingehender zu behandeln. — Das 4. Schuljahr berücksichtigt gewiß noch das Heldentum, gibt aber schon — wie im Geschichtsunterricht — die Grundlage für politisches Verständnis duxch fachgemäße, an Hand von Vergleichen gehende Erarbeitung der Königsgeschichten. Die Charakterisierung und Beurteilung der Persönlichkeiten bleibt wie vorher, wird aber schärfer Umrissen. Zur Illustration und Erläuterung passende Bilder und Kunstwerke, die Anwendung des Projektionsapparates, Literatur werden auf dieser Stufe Nutzen bringen; die Verwendung religiöser Stoffe unter Benutzung packender Gesichtspunkte für Diktat und Aufsatz ist. zu empfehlen. Das Hebräische verlangt in der Arbeitsschule selbstverständlich die Rolle eines Sprachunterrichtes. Dazu gehört in erster Linie ein Uebergang von der Fibel zum Gebetbuch und Pentateuch, nicht das sofortige Einsetzen des Gebetstoffes, der in Grammatik ungeheure Forderungen an die Neunjährigen stellen würde, wenn nicht ein sinnloses Nachübersetzen erfolgen soll. Für diesen Unterricht eignen sich die Tesillah lrezara von M. Abraham und die Schaare Thora von I. B. Lev»), Bücher deren logischer Aufbau die Kinder mit den notwendigsten grammatischen Formen in einfachster Weise bekanntmachen, die dabei ein Bertrautwerden mit Gebetbuch und Pentateuch durch Lesen und Erklären nicht ausschließen, ehe die sinngemäße erarbeitende, mit Schriftarbeiten verknüpfte Einfühlung in diese Bücher einsetzt. Der Sinn des modernen Arbeitsumcrrichtes wäre, nach ,i!> diesem Zusammenfassen in dem Försterschen Wort: In'pirntio'.-. und Uebung oder „große Ideale und vraktisches Anlernen." III. Erste Mitgliederversammlung. Steinhardt-Magdeburg und Krämer-Speyer sprechen über bU Stellung der Lehrer zu den Landes- und Proviirzialverbänden. ES werden folgende Resolutionen angenommen: I. Der Perband der jüdischen Lehrervcreine erachtet es a!e> notwendig, daß die Lehrerbildung einheitlich geregelt nnd bouu! dem privaten Borgehen einzelner Gemeinden und Körperschaften entrückt werde. Der Verband weist auf die Notwendigkeit der Heranbildung eines geeigneten Lehrernachwuchses hin und ist, in der sicheren Erwartung, daß die Anstellung-.-, Bej'oldungs- und Versorgung-, - oerhättn-isfe der Lehrer zeitgemäß geregelt werden, bereit, an der Löfung -dieljer Aufgabe tatkräftig mitzuarbciten. Zu diesem Zwecke richtet er an die Landesverbände derjenigen Staaten, die diese Voraussetzungen noch nicht geschaffen haben, das dringende Ersuchen: a) ein den Anschauungen der Gegenwart entsprechendes Be- «untenrecht für sämtliche jüdischen K-ultusbeamlen zu schaffen: b) Besoldungskassen einzürichten, die die Besoldung der Beamten nach staatlichen Grundsätzen auch m den kleinsten Gemeinden gewährleisten; <?) Pensionskrssen einzürichten. Der Verband der jüdischen Lchrervercine richtet an den Preußischen Landesverband jüd. Gemeinden das Ersuchen, anläßlich der demnächst siattfindewden Landesversammlung ein Referat über Lehrerangelegenheiten auf die Tagesordnung zu setzen und in Aebereinstunmung mit dem Vorstande des Lrhrerverbandcs einen Lehrer mit dem Referate zu betrauen. » 3. Der Verba ich der jüd. Lchrerverei-ne spricht fein tiAs Bedauern über die Regelung der Gehälter und Ruhogehaner der ReligionÄehrer und Kantoren in Baden aus. Er erwartet, daß auch in Baden alle als ReligionÄehrer angestrltten Lehrkräfte mindestens nach Gruppe VII mit Ausrückung nach Gruppe VIII nach entsprechendem Dienstalter ohne jeden Abzug besoldet werden und auch bei den Ruhegehältern und der Hrnterbliebenen-Versorgung keinerlei Abzüge gemacht werden. IV. Zweite öffentliche Hauptversammlung. Man steht vor dem Brennpunkt der Tagung, das Wort in eigentlichem Sinne genommen. Der Gegenstand de: Versammlung erhitzt die Gemüter. Es handelt sich um die Frage der Lehrerbildung. Welche Vorbildung muß von demjenigen gefordert werden, der zum Lehrer ausgebildet werden soll? Wo und durch wen soll die Ausbildung erfolgen? Was umfaßt die Ausbildung? Welches Ziel hat sie sich zu sehen? Darf oder muß sich die Ausbildung Mischer Lehrer von der staatlich für die Lehrer überhaupt vorgefchriebenen unterscheiden? 3n welchen Punkten? Zn welchem Ausmaß? Auf diese Fragen erwartet man von den vorgesehenen drei Referenten klare, richtungweisende Meinungsäußerungen. Herr Studiendirektor Dr. Gutmann führt etwa folgendes aus: Es wird den Gemeinden und Verbänden nicht möglich sein, jüdische pädagogische Institute einzurichten, wie si-r bisher jüdische Seminare unterhalten haben. Es wird vielmehr Ausgabe des Staates sein, an einzelnen pädagogischen Instituten jüdischen Hörern Gelegenheit zu geben, sich diejenigen Kenntnisse auf wissenschaftlichem und methodischem Gebiete zu erwerben, deren sie zur Erteilung des Religionsunterrichts an Volksschulen bedürfen. Doch reichen diese Kenntnisse für den nicht aus, der in rabbinerlosen Gemeinden das Amt eines Küttusbeamten versieht und nicht nur Volksschulkinder Religionsunterricht zu erteilen hat, sondern oft auch als Prediger, Kantor und Reli-gionslehrcr an höheren Schulen fungieren muß. Diese Aemter erfordern ein umfassendes und tieferes Wissen, als auf den pädagogischen Instituten gewährt werden kann. Es müssen deshalb besondere Anstalten für diejenigen geschaffen werden, die einmal als Knltusbeamte in der Gemeinde wirken wollen, und in ihnen ist ibneu eine so umfassende Bildung zu geben, daß sie den mannigfachen Anforderungen, die einß an sie gestellt werden, zu genügen imstande sind. Ans diesen Anstalten sind für diejenigen jungen Männer, die die Volksschui- Sorreii. Von Franz Cingia Wir wissen nicht, wie alle Wege gehen. Ob sie im Dunkel oder lichtwärts enden. Und ob die Schmerzgestatten sich einst wenden, Oie stumm und gramgöbeugt im Tale stehen. So schreiten wir in tiefe Heimlichkeiten, Mit jedem Tag, den wir zu leben haben. Ünd greifen freudig nach den kleinsten Gaben, Die uns beschert der dmrlle Vorn der Zeiten. Wir wissen nicht, wenn neue Jahre kommen, Ob sie uns innerlich schon müde finden, — Ob sie begrüßen unser mutig Watten,- Vielleicht ist unser Qben bald oerglommen And wundersame Glockentöne winden Wie Älurnen sich um seelische Gestatten. Bettina van Ll/ntm und der „Her-stju-^. Von Dr. L. Löwe. 3n der letzten Nummer der „2U. Z." lernten wir Bettina von Arnim als Freundin und Beschützerin des rührenden „Veilchen" Kennen. Heute will ich von ihrer Freundschaft mit dem ,Lerbsljuh" erzählen. Bettina — Mar in einer vorurteilsloseren Zeit lebend als es die heutige ist — hatte es doch nicht so einfach, sich die Menschen, die ihr witckttch wertvoll schienen (und sie hatte einen feinen Instinkt dafür und war recht anspruchsvoll), zu ihrem Verkehr auszusuchen. And wenn auch im Hause Mendelssohns und Meyerbeers sich die gange künstlerische und literarisch« Generation jener Zeit traf, wem bei Haus am Gendarmennrarkt, wo Rahe! wohnte, neben den führenden Geistern der Romantik die Hohrnzollernprinzen, neben den späteren Patrioten der Befreiungskriege die Spitzen der Berliner Gelehrlenw-rlt vereinigte. oder im Hause der Henriette Herz in der Neuen Friedrichstraße sogar Goethe und Schüler als Gäste auftauchten, so waren trotz allem die Juden im gllgcmeincn doch noch wenig gvachtel. Am so wund-ervoller sind Bettinas Worte eben am Schluß jenes Briefes, in dem sie ihrem Bruder vom „Veilchen" erzählt: „Ich wollte da ein kleines, unschuldiges Fädchen «nfpinnen ins Gewebe der Welt, ein einzig klein Fädchen, und — nein, ich svll's abreißen, weil sich's nicht schickt. Ach, wo soll ich in der ereignisvollen Welt meinen Faden anknüpfen, wenn das Einfachste gegen den Anstand ist! — Wer hat diese Lügen gemacht? — Denn das find wirkliche Lügen, nach denen ich mich niemals richten werde!" —i Und ebenso tapfer und vorurteilsfrei wählt sie sich auch ihren Lehrer, ihren „Herbstjud". Warum st: ihn so nenn!? 3m Herbst lernt sie ihn in Marburg kennen und sein ganzes Wesen erinner! sie an einen klaren und milden Herbsttag. „Weißt du denn, wer meine erste Bekanntschaft ist, die ich hier gemacht Hab'?" schreibt sie in einem Brief an ihre Freundin, die Dichterin Karoline von Günderode. „Ein Iud! — aber was für einer? — Der schönste Mann! — ein weißer Bart von einer halben Elle, große braune Augen, so schöne, einfache Gestalt, die ruhigste Stirn, prächtige, majestätische Nase, Rednerlippen, aber von denen die Weisheit süß hervorlönen muß!" — Er kam ursprünglich als „Handelsjud" ins Haus, um altertümliche Stoffe zu kaufen. „Da saß er am Tisch," so schildert Bettina ihn weiter, „es war ein Bild zum malen; in einem sehr reinen Rabbiner- oder Gelehrtcugemand, seine Hand guckte aus dem schwarzen weiten Aermel, und das Abendrot leuchtet durch die Scheiben!" — Ist's nicht ein Bild von Rembrandt? Bei dem Zeigen der Stoffe, dem Ausbreiten der alten Hochzeitskleider. entwickelte sich nun allmählich ein ganz gelehrtes Gespräch, und der Professor Weiß, b?i dem Bettina wohnt, schlägt dem Ephraim tto heißt der .Herbstjud") seinen kleinen Gast als Schülerin und „allerliebstes Studentlein" vor. „Zwei Stund' Hab' ich so mit ihm verplaudert, und ich dacht' schon drauf, wie ich's machen wollt', daß ich ihn öfter sehen könnt'." — Dieser Wunsch geht ihr bald in Erfüllung. Sic ist im Garten, der am Berg liegt, und guckt über die Mauer. Da kommt der Ephraim den Weg herauf. Sie lehnt sich herab und läßt ihr Taschentuch chm zum Willkomm flattern. ,Ich sagte ihm, daß es mir Freude mache, chn wird erzus eben." Sie philosophieren miteinander über die Natur und die sichtbare Welt, und er lehrt sie, der WeHe, daß man nur die Natur anfchauen solle und kein Vorurteil zulassen dürfe, so erlange man «rinen Hellen Blick. — Run wird ihr alter Hkrvsftud chr Lehrer in der Mathematik. Morgens steht er in einem schwarzen Kleid, weißem Kragen und mit spiegelglattem Bart an der Tür — „ich freute mich über ihn, er sieht so viel edlet aus als die anderen Menschen, mit denen man täglich verkehrt". Immer begeisterter schließt sich die jung-: Schülerin an den alten Lehrer <ni- „Mir scheinen alle Menschen um mich wie nichts oder doe> nur eine geringe und unzuverlässige Gattung von Ratuven, eben weil der Geist nicht in ihnen liegt, die höchste Blüte im Alter zu erreichen, — — Aber der Ephraim deucht mir eine vollkommene Geistesblüte, die jetzt im Frühlingsregen steht." — Als er dann einmal in den Feiertagen kommt, gerade zum Laubhüttenfesi, baut sie ihm von Tannenbäumen eine Laube um seinen Sitz. E' erzählt, er wolle ciue kleine Reise zu den Seinigeir machen, aw! Meilen, aber zu Fuß. Bettina erschrickt bei dem Gedanken, denn draußen ist Sturm und Unwetter. „Ich fürchte mi«; für den Ephraim, oder ich wollt', ich könnt' mit ihm gehen — so, eiurn Stock in der Hand, und immct vorwärts geschritten, in neue Laiche, wo andere Luft weht, andere Bäume blühen - - se - - ruhig chend — mit einem Weisen aus dem Rkorgenlaud'." — Er wanden fort und ihre Gedanken begleiten ihn aus dem ganzen Wege. er dann zurückkommt, muß er ihr von seinen Enkeln berichte''- .Ich traut' mich nicht, den Mann anzuschauen, dem alles Schick',al zur Schönheit reist, und sein Leben ist eine lautere Sprache mit dein Göttlichen." Seine Art, sein mildes Wesen beruhigt und tröstet sie jetzt, da sie in banger Sorge ist um die Freundin, die lange nicbt geschrieben hat, und um deren Schicksal sie bangt. Ephraim kann nicht mehr den Weg bis zu Bettina hinaufkommen, es strengt ihn zu sehr an, aber durch seinen Enke! schickt er ihr einen Resensiock, den er selbst zum Blühen gebracht hat. Und in Bettinus Abschicdsstimmung hinein (sie verläßt ihr liebes Alarburg für ein Jahr) und in ihre Sorgen um die Freundin klingt beruhigend der Segen des Greifes: er legt ihr die Hand auf den Kops und spricht: „Alics Werden ist für die Zukunft" Wie ein Ahnen klingt es durch die Schlußworte des lehlcn Brieses an die Günderode, so, als fühlte Bettina, daß sie von den beiden lieben Menschen für immer Abschied genommen habe; aber Trost und Ruhe gab ihr dieser „Weise aus dem Morgenland": „Und die Schönheit dieses Mannes leuchtete mir da in der letzten Stunde noch einmal so recht hell aus." — Das „Veilchen" und der „Herbstjud" — zwei Freunde Bettinas. Und schiicncn möchte ich mit ihren eigenen Worten aus einem der frühercri Briefe: ,D pfui, wer seinen Ilmgang rvolite richten nach dem äußeren Rang, von Vorurteilen sich wollte Fesseln anlegen lassen, und uns denen prangen! — Der einzige Stolz, den ich habe, der ist: s'" sein von ihnen, — und der schon aus anderen Wegen seinen Vorteil jucht, als in der heiligen ttebcrzelcg,mg feines Gemisseus, der ist nicht mein Gesell-:!"