Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-06-05 · 23 (5.6.1925) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
23 (5.6.1925)
Date
1925-06-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2613366-2613788-2613811--1356-2618709
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Wiener Brief. Die Hakenkreuzler in Tätigkeit. Herr Waldeck, früher Rechnungsfeldwebcl der k. n. k. Armee» zuletzt Generaldirektor der Nordifch-Oesterreichifchen Dank, ist dieser Tage wegen der Art. mit der er sein verantwortungsvolles Amt versah, zu zwei Jahren schweren Kerkers verurteilt worden. Ich habe über das Schicksal der genannten Dank, die eine streng arische Gründung war, schon vor Monaten in der „Jüdischliberalen Zeitung" berichtet, weil es ein trefflicher Beitrag zur Beleuchtung jener Elemente war, die sich anmaßen, das Erwerbsleben der Juden als ein parasitäres, die Interessen der arischen Bevölkerung schädigendes zu kritisieren und zu bekämpfen. Im Sinne dieses Kampfes sollte das Monopol der „Iudenbanken" gebrochen werden. Eine Reihe rein arischer Banken wurde geschaffen, um der staunenden Welt zu zeigen, wie viel reiner, gewissenhafter und — profitabler der christlich-germanische Geist finanzielle Transaktionen durchzuführen vermag, als der unproduktive semitische ..Schmarotzergeist". Merkwürdigerweise haben aber gerade die sittlich-religiösen und völkischen Gründungen in der inzwischen hereingebrochenen Wirtschaftskrise die geringste Widerstandsfähigkeit bewiesen und zwar nicht aus Kapitalsmangel, sondern wegen der Wirtschaft, die mit dem anvertrauten Kapital getrieben wurde. In dieser Hinsicht hat besonders der jüngst abgesührte Prozeß gegen die Nordisch- Oesterreichische Bank ganz erstaunliche Dinge zutage gefördert, so daß die um ihr Permögen geprellten Opfer der rassentheoretischen Aufklärung mehr als einmal geseufzt haben: „Hätten wir unser Geld in einer Iudenbank angelegt, dann wäre uns so etwas nicht passiert!" Offenbar in Anpassung an diese Stimmung hat die letzte Nummer des hiesigen Hakenkreuzler-Wochenblättes eine ganze Anzahl jüdischer Bankiers samt deren Adressen veröffentlicht, und wenn die völkischen und klerikalen Einleger von dieser Reklame Gebrauch machen, können sie über das Schicksal ihrer Bermügenstrümmer, die sie aus der Götterdämmerung der antisemitischen Iinanzmarktreformcr vielleicht noch gerettet haben, in Hinkunft beruhigt sein .... Die Polizei neigt indes einer weniger menschenfreundlichen Deutung des Zwecks besagter Veröffentlichung zu. Sie hat gegen das genannte Blatt die Anklage wegen Aufreizung gegen Mitglieder einer Konfession erhoben, und man muß sagen, das; auch diese Auffassung viel für sich hat. Rach ihrem schmählichen Bankerott auf wirtschaftlichem Gebiet haben sich nämlich die Hakcnkreuzlcr in der legren wieder um so eifriger jener Tätigkeit zugemandt, in der sie bereits anerkannte Meister sind: dem Straßenradau und dem politischen Morde .... Den äußeren Anlaß hierzu bot die von uns letzthin gebrachte und glossierte Rede des Professors Dr. Kobes an der' Wiener Technik über den Wert — des R a u f e n s. Ein Mensch, der nicht raufe, sei senil .... Solche Weisheit, vorgctragcn im Rahmen eines Kollegs über Maschinenbau hat nicht nur den unmittelbaren Hörern, sondern auch Jünglingen, die bis dahin wenig Interesse für technische Probleme besaßen, gezeigt, eine wie leichte und schöne Sache eigentlich Maschinenlehre sei, und so ist es kein Wunder, daß schon in den nächsten Tagen auf der technischen Hochschule Elemente zusammeuströmten. die, ohne dort inskribiert zu sein, doch den Ehrgeiz hatten, dem Professor Dr. Kobes zu beweisen, daß sie — nicht senil sind. Run braucht man zum Raufen einen Gegner und da der verehrte Professor in seinem so populär gewordenen Speech auch seiner Abneigung gegen eine „gewisse Rasse" Ausdruck gegeben hatte, so versteht cs' sich schon von selbst, daß eben die Angehörigen dieser Rasse den gesuchten Gegner abzugebcn hatten, wozu sie sich um so eher eigneten, als sie sich den Angriffslustigen gegenüber in der Minderheit befanden. Die Inden wurden also aus der technischen Hochschule hinausgedrängt und zwei Tage lang „ausgefv.erFt/.^. BegrML^^utM'IriLLr. jBUfatftcl.jiüi. der „ge?, hastigen Kritik", die die „Iudcnblätter" der Rede des Professors Kobes gezollt hatten, und der gestrenge akademische Senat hat nicht gezögert, dieser Bebründu'ng seine Sanktion zu erteilen. Selbstverständlich haben sich die 'Wiener Zeitungen durch solche indirekte Beeinflussung in ihrem Rechte der freien Meinungsäußerung nicht behindern lasten. Trotzdem hat sich die „Aussperrung' an der Technik nicht mehr wiederholt. Aber nicht etwa, weil die Hakenkrevzler Vernunft angenommen hätten, sie haben blvß den Schauplatz ihrer Heldentaten verlegt. An einem Feiertag unternahmen sie einen Ausflug nach dem lieblichen Mödling, der seinen stimmungsvollen Ausgang in einer wilden Schießerei fand, der — der eigene Anführer der Schützen und ein sozialdemokratischer Gemeinderat zum Opfer fielen. Letzterer starb an den Folgen seiner Verletzungen und das hat die sozialdemokratische Partei einigermaßen in Harnisch gebracht. Sie hat dem Märtyrer hakenkreuzlerischer Volksbeglückung ein prächtiges Leichenbegängnis veranstaltet, dessen militaristisches Gepräge Psalmen. 'X>or\ Arthur Silbergleit I. Ich will am Abend meiner Träume warten Auf Dich in einem Goldorangengarten, Bis Du auch mir als Frucht entgegenwinkst, Und will voll Ahnungssüße Dich erfühlen, Wenn über windgewiegten Flügelmühlen Du mir als Sonne umgewandelt blinkst, Bis ich im Traum Deine Gloriole Zu einem Dulderhaupt herniederhole. Bis Du als Nuhmessonne es umringst. II. Einst hast Du leise Hymnen eingegossen Zn deine finden, doch Dein Überschwang Zst sanst in blauen Nachten ausgeflossen Zn leiser Tropfen zagem Harzgesang. Es deuten Manche sie als Deine Tranen, Doch hast Du sie den Stämmen eingereiht, Daß sie im Schmerz vergebens nicht ersehnen Die stillen Ströme Deiner Seligkeit. III. Oer Himmel ward Dein blauer Teppichspanner, Vielleicht hat er allein Dir nicht genügt, Daß jedes Falters buntes Flügelbanner Standarten Deiner Pracht an Bosen schmiegt. Die Lust durchwimpeln tausend Farbenfahnen, Auf denen Du uns Deine Inschrift zeigst. Wann aber, Ewiger, laßt Du uns ahnen, Daß Du einst selbst zu uns herniederfieigsi. auch dem milstärbegeisterten Professor Dr. Kobes gefallen haben muß, und ließen einige drohende Reden vom Stapel. Die Hakenkreu ' r wollen aber zeigen, daß sie sich vor solchen Drohungen r.'cht fürchten. Sie haben nicht bloß die Teilnehmer an dem Leich rbegängnis verschiedentlich provoziert, sondern auch die friedlichen Besucher des< Stadtpark-Konzcrtes anzuftänkern versucht. Beides ist ihnen indeß schlecht bekommen und die deutschvölkische Tageszeitung wußte gar nicht genug von dem „blutigen Terror" der jüdischen Stadtparkbesucher gegenüber den harmlosen Hakenkreuzlern zu berichten. Ein besonderes Vergnügen sollen die sadistischen Hebräer daran gefunden haben, ihren Gegnern die — Haare auszureißen ... Da aber dasselbe Blatt einige Tage später einen Artikel brachte, der darlegte, daß die Juden ihre Kämpfe nie selbst austragen, sondern hierzu irregeleitete Arier mißbrauchen, so ist die heitere Geschichte von den ausgerissenen Haaren entweder glatt erfunden, oder die Hakenkreuzler haben sich ihre Haare selber ausgcrauft — aus Verzweiflung über ihre Blamage .... Mehr Glück hatten sie auf dem akademischen Boden, aus dem sie die Majorität besitzen und von ihrer zahlenmäßigen Ucberlegenheit rücksichtslosen Gebrauch machen. Mit Ausnahme der Hochschule für Bodenkultur, die gerade infolge des von mir bereits im vorigen Wiener Briefe besprochenen Streiks zugunsten des jüdischen Numerus clausus gesperrt war. wurden sämtliche Wiener Hochschulen Schauplatz der größten Skandalszenen. Die Hakenkreuzler drangen in die Hörsäle. Seminarien und wissenschaftlichen Institute ein und erlaubten sich die brutalsten Erzesse gegen wehrlose Juden und Jüdinnen. Auch Arierinnen, die das Verbrechen begingen, „Bubifrisuren" zu tragen, wurden gcohrfeigt. So sahen sich die Rektoren genötigt, die Sperrung aller Hochschulen anzuordnen. Aber auch vor deren geschlossenen Toren sammelten sich die Hakenkreuzler immer wieder, um. hinter einem dichten Spalier von Schutzleuten geborgen, die anders gesinnten Wiener zu provozieren. Erst die Pfingstferien haben diesem Unfug ein Ende gemacht, und daraus können Optimisten den immerhin erfreulichen Schluß ziehen, daß es sogar für die rauflustigen Studenten, die sich nicht scheuen, den akademischen Boden durch wüste Exzesse zu entweihen und den ganzen wissenschaftlichen Betrieb still zu legen, noch etwas Heiliges und Unverletzliches gibt: die Ferien . . . Da die Hakenkreuzler in der hiesigen Bevölkerung nur ganz minimalen Anhang haben, schöpfen sie ihre Kühnheit nur aus dem Wohlwollen der Behörden. Den akademischen Senaten mag man zugute halten, daß sie sich aus weltfremden Gelehrten zufammensctzcn, die schärferen Konflikten mit der komvakten Majorität ihrer Hörer gern aus dem Wege gehen. Weniger zu entschuldigen ist die parteipolitische Verseuchung der Justiz, die den Hakenkreuzlern nahezu schon das sichere Gefühl absoluter Straffreiheit für alle ihre Verstöße gegen Gesetz und Sitte gibt, ein Schade, der am Marke unseres ohnehin nicht allzu gesunden Staates nagt. Diese Justiz zeigt nicht nur eine bedenklich Nachsicht gegen die unreife Jugend, sie hat auch die an Jahren sicherlich gereiften Verwaltungsräte der „Nordisch- Oesterreichischen" Schwindelbank bisher geschont und bloß den Feldwebel-Generaldirektor als Sündenbock die Schwere des Gesetzes fühlen lassen. Will man etwa auch den arischen Parasiten am Volksvermögen denselben Idealismus zubilligen wie der irregeleiteten Jugend, die das Parasitentum durch den Kampf gegen die — Juden ausrotten zu können vermeint? Das Vertrauen der Bevölkerung zur Rechtssicherheit in Oesterreich wird auf keinen Fall gehoben, wenn sich allgemein die lleberzeugung durchsetzt, daß hier Justitia statt der Binde um die Augen ein — Brett vor dem Kopfe hat ... . Dr. Hugo Spiegle r. Aus den Gemeinden. Ahlem. Der bisherige Vorsitzende der hiesigen Gartenbauschule, Herr Manfred Berliner, hat wegen Ueberlastung sein Amt niedergelegt. An seiner Stelle ist Herr Hans Wolfes zum Vorsitzenden des Vorstandes gewählt worden. Berlin. Vor einigen Tagen fand im Berliner Logenhaus, Kleiststraße, auf Einladung der Herren Iustizrat Magnus, Professor Neuberg, Geheimer Rat Israel. Professor Ehrmann, Professor Eitron, Professor Ellbogen und Professor Mittwoch eine Zusammenkunft jüdischer Akademiker und Gelehrter statt, die sich mit der Frage der Unterstützung der hebräischen Universität durch die deutschen Juden beschäftigte. Es wurde ein besonderes Komitee gewählt, bestehend aus den Herren Iustizrat Magnus. Rabbiner Dr. Bacck und Professor Citron. das mit den vorbereitenden Arbeiten zur Gründung einer besonderen Organisation zwecks materieller und ideeller Unterstützung der hebräischen Universität in Jerusalem beauftragt wurde. «sr> Bettina v. Arnim und das Ludenmädchen. Bon Johanna Bach, Mühringen. „Elvira!" so redet eine elegant gekleidete Dame ihre Nachbarin, ein etwa zwanzigjähriges, hübsches Mädchen, an, „hast du den Namen Bettina' von 'Arnim schon gehört?" Entrüstet fuhr das junge Mädchen empör. „Aber Tantchen, wo denkst du hin? Welches junge Mädchen, das Anspruch auf Bildung macht, wird wohl diesen Namens der sich so eng mit unserem Altmeister Goethe verknüpft, nicht kennen! Wer das Buch „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde" gelesen, dem wird wohl der Name Bettina von Arnim unvergeßlich sein!" „Gewiß", lächelte die Matrone, Elvira freundlich zunickend und begütigend die Hand des jungen Mädchens erfassend, „ich wußte es ja im voraus, daß dir dieser Name nicht fremd sei. Und weil du. nach deiner Rede zu schließen, so begeistert von Bettina bist, so mit! uv, üi>- eine Episode aus ihrem Leben erzählen, wenn es dir recht ist." „O liebes Tantchen," en.gegnete freudig Elvira, „du kannst mir keinen größeren Gefallen tun. als wenn du mit deiner Erzählung beginnst, und ich versichere dich im voraus meiner Aufmerksamkeit und Dankbarkeit." „So höre denn! Wer der Jugendzeit Bettinas gedenkt, der erzählt litcratrirkundig von deren Großmutter Sophie von La Rache, die Wiciand nnqebetct hat, von ihrer Mutter Maximiliane Brentano, für die Goethe schwärmte: von der kleinen bescheidenen jüdischen Stickerin in Offcnbach aber, der Bettina ihre Freundschaft schenkte, wissen nur wenige. Rur diejenigen, die den Briefwechsel „Bettinas mit ihrem Bruder Clemens" durchgegangen. haben Kenntnis von dem „Veilchen" aus Offcnbach, wie' die jüdische Stickerin hieß. Veilchen war eine berühmte Kunststickerin, bei der Bettina das Stricken erlernen sollte. Bettina rühmte ihrem Bruder gegenüber die Sauberkeit Veilchens in ihrer bescheidenen, einfachen Wohnung und die Ehrfurcht, mit der sie ihren alten Großvater behandelte. Sie beschreibt die Stickerei Veilchens, ein Goldmuster auf rofinenfarbcnem Sammt. ivie das Iudenmädchen die Farbe nennt, von Bettina aber als „sanftes Braunrot" bezeichnet wird. Die Arbeit ist bestellt und wird gut bezahlt. Das Geld verwendet die Stickerin für den Haushalt, sie ernährt ihren Großvater und zwei seiner Urenkel, die Waisen sind und denen sie die Mutter ersetzt. Bettina hilft dem Veilchen an ihrer Arbeit, da sie es im Sticken schon ziemlich weit gebracht. Für diese Arbeit erhält die Stickerin 20 Louisdor! Auch'Blumen schmücken das Heim der Jüdin. Sie berichtet ihrem Bruder ferner, daß sie eines Morgens früh 7 Uhr der Stickerin ein Veilchensträußchcn übcrbrachte, gerade als diese mit dem Besen in der Hand auf der Treppe Berlin. Dieser Tage ist in Berlin Geheimer Iustizrat P^. fessor Dr. Albert Masse im 79. Lebensjahre gestorben, gr wurde 1846 als Sohn eines Arztes in Grätz (Provinz Postnj geboren. Nachdem er den Feldzug 1870/1871 als Freiwillig mitgemacht hatte, und 1888 Landgerichtsrat in Berlin geworden | war, hielt er hervorragenden japanischen Staatsmännern. besondere dem damaligen Ministerpräsident Ito und dem Prinzen» Fushimi, Vorlesungen über deutsches öffentliches Recht und! wurde als juristischer Beirat des japanischen Kabinetts nach! Tokio berufen, wo er bei den Vorarbeiten zur Verfassung W» den Verhandlungen über die Revision der internationalen 23iir,| träge Japans sowie vor allem bei der Neuregelung der innere| Verwaltung vier Jahre hindurch tätig mar. Die japanist,xl Gemeinde-, Kreis- und Provinzialordnungen beruhen im wrfchj-I lichen a»f seinen Entwürfen. Nach seiner Rückkehr wurde (r| zum Oderlandesgerichtsrat in Königsberg, später zum Ehren-I doktor und ordentlichen Honorarprofessor ebendort ernannt. I Später verlegte er seinen Wohnsitz nach Berlin und war hi«! über zehn Jahre lang als unbesoldeter Stadtrat beim Magistrat I tätig, bis er 1919 in den Ruhestand trat. Professor Moste l)Qt| lange Jahre hindurch dem Kuratorium der Hochschule für diel Wissenschaft des Judentums vorgestanden. I Pon einem Teilnehmer der Beerdigung wird uns noch bc-I richtet: I In unmittelbarer Nähe des Grabes Ludwig Löwes. des großen! fortschrittlichen Parlamentariers und Berliner Stadtverordneten,! bettete man auf dem alten Friedhof, Schönhauser Allee, am! 2. Juni er. den bekannten und weit über die Grenzen Deutschland? I hochangesehenen Juristen, Gcheimrat Dr. h. c. Albert Mojst, I zur ewigen Ruhe. ' I Der Verstorbene war in der Wilhelminischen Epoche neben dm l kaiserlichen Schulkameraden, späteren Oberiandesgerichtsrat Soin-I mer der einzige Jude, der Oberlandesgenchtsrat wurde. (Obct-I landcsgcrichtsrat mar für die Juden seinerzeit der höchste jurifti-I sche Rang, da man sie nicht zu selbständigen Posten, Land. I gerichtsdirektoren oder Landgerichtspräsidente'n machen wollte.! I Außer dem alten Geh. Iustizrat Goldschmidt an der Berliner Universität war Masse der einzige jüdische ordentliche Professor an der Königsberger Albertina. jahrelang auch juristischer Beirat der japanischen Regierung und Mitverfasser der japanischen Verfassung. Eine Trauerversammlung der Elite Berlins füllte die Halle des Friedhofs, darunter der Magistrat Berlins durch drei Herren (Bürgermeister Scholz, Stadtaltestcr Mugdan, Ehrenbürger Michelct) mit goldener Amtskettc. Vertreter der juristischen Welt und ein Abgesandter der japanischen Botschaft. In wunderbarer, zu Herzen gehender Rede schilderte Rabb. Dr. Warschauer die Vorzüge und hohen Geisteseigenschaftcn des Verblichenen: unübertroffen seine Liebe zum Judentum, seine Liebe zu seinem Beruf, seine Liebe zum deutschen Vaterlande und zur Landeshauptstadt. Uneigennützig in jeder Weise, rastlos bis in das I höchste Alter „Erft der Anhauch des Göttlichen führt den Menschen dazu, daß ihn der Geist adelt." „Es ist eine hohe Genugtuung feine Familienglieder. Geschwister, Kinder, Schwicgerkinder, 'als Geistesheroen in hohen Stellungen um sich zu sehen." Nur der sterbliche Leib ist dahin, der Geist wird ewig leben und in Aeonen leuchten und verbunden bleiben mit den Seinen. Der Rede voran und nachfolgend, von Harmonium mit Cello und Geige begleitet, die bekannte Beethooensche „Totenklagr". Unter den zahlreichen Kranzspenden auffallend der Kranz der Stadt Berlin, denn Masse war seit seiner Uebersiedlung Stadtrar und Stadtältester der Hauptstadt, ferner der Kranz der Stadt Ortelsburg i. Ostpr., deren Ehrenbürger der Verstorbene gleichfalls war, da er für die Patenschaft eingetreten war. — Braunschweig. Als Nachfolger des bisherigen Landesrabbinm Dr. phil. Schiff wurde Rabbiner Dr. Levi aus Nordhausen gewählt. Breslau. Die Repräseutanteu-Bersammlung vom 27. Mal eröffnete der Vorsitzende, Iustizrat Peiser, mit einem Hinweis auf 'den Amtsantritt des neuen Reichspräsidenten und gab dem Wunsche Ausdruck, daß es diesem vergönnt sein möge, das deutsche Volk wieder auf die Höhe zu führen. Damit verband er eine Erinnerung an den verstorbenen Reichspräsidenten Friedrich Ebcrt, zu dessen Ehrung sich die Versammlung von den Plätzen erhoben hatte. Der Vorsitzende teilt alsdann mit, daß die Satzungskommission die zweite Lesung des Gesetzentwurfes beendet habe und daß sich das Plenum' nunmehr mit diesem Entwürfe in zwei Lesungen im Juni beschäftigen würde. Einen breiten Raum nahm die Erörterung der Porlage ein, in der neuen Synagoge eine neue Heizung'sanlage mit einem Kostenaufwande von rund 45000 Mark zu schaffen und die Ausführung dieser Einlage der Firma Johannes Haag A.-G. Breslau nach dem von dieser ausgearbeiteten Projekt zu übertragen. Ob für die Mitglieder des Rates des preußischen Landesverstand; sie nahm ihr den Besen aus der .Hand, indem sie I meinte: „Ach. lassen sie mich auch ein bißchen kehren". Da I kam in der Frühe (cs war noch nicht 7 Uhr) der Hofmeister Eduard von Bethmann vorbei: derselbe mußte es Bettinas Tante berichtet haben, daß er ihre Nichte vor der Haustiire eines Juden, auf offener Straße kehrend, gesehen. Die Tank war darüber sehr entrüstet und machte Bettina die heftigsten Vorwürfe. Bettina ließ alles ruhig über sich ergehen, cif konnte es nicht über sich gewinnen, 'den Verkehr mit Veilchen abzubrechen, trotzdem nun auch ihr Bruder Clemens ganz cni' schieden sich äußert, daß sie mit diesem Iudenmädchen auf viel zu vertrautem Fuße stehe: er nannte diesen freundschaftlichen Verkehr sehr töricht.! Doch auch darauf achtete Bettina nicht, sic hielt den Verkehr mit Veilchen aufrecht. Und freute sich darüber, daß Veilchen ihren bald achtzigjährigen Großvater nach Wiesbaden begleite!, allwo der kranke, alte Mann den Sommer über verweilt, wo er Heilung für seine Krankheit sucht. Die Enkel werden von befreundeten Juden für Kostgeld verpflegt. Bettina versprich der Freundin, nach den Kindern zu sehen und blieb in regem Briefwechsel mit ihr. Bor ihrer Abreise las Bettina der Stickerin aus Goethes Büchern vor, und manches schöne Lied von Goethe lernte die Zuhörcrin während des Stickens, mrt die Freundin fabelte ihr die Nadeln ein. Sie freute wenn neue Aufträge kameu, schickte ihr Seide und Gold Stickmuster, die sie bei einem Goldarbeiter namens „Frick" eilfertigen ließ. Aber auch Bettina u'ar sehr aeschickt im Eui' werfen und war sehr vergnügt, wenn ihre Erfindungen ans* geführt wurden. Sie entwarf ein Muster von Guirlanden au* Stahlflitter und Perlen, die auf einer grünen Samtrvbc an!- genäht wurden: darüber war ein Netz von goldenen Raupen- Die Toilette soll großartig ausgefallen fein und dem „Veilchen" eine hübsche Summe eingebracht haben. Auf die wiederholten Vorwürfe ihres Bruders Clemens, Bettina solle das Iudenmädchen meiden, erwiderte sie: „W" bin ich denn, daß ich mich herablasse, wenn ich mich zu einem guten Geschöpf vertraulich wende? Bin ich ein Engel? Nun. die fliegen ja den guten Menschen nach und bewachen sie aus Schrrtt und Tritt. Aber ich glaube nicht, daß ich ein Engel lnn: ich glaube vielmehr, daß ich zu ihr hinaufsteige, statt herab!" 'Wie lange diese Freundschaft gedauert, davon ist nichts zu finden. Frau Stern, die Tante Elviras, hatte geendet. Die Nich^ erhob sich und dankte mit sanftem Händedruck der gütige Dame für ihre Belehrung. Welch edle Seeicnbildung Bettina von Arnim zu eigen war. geht aus dieser Skizze hervor. Möchten doch viele ihrer Mitschwestern sich bemühen, ihr nach' zustreben!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.