Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-05-29 · 22 (29.5.1925) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
22 (29.5.1925)
Date
1925-05-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2613366-2613788-2613810--1347-2618699
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Friedrichstraße 60 * Ecke Leipziger Straße Das Riesen*Mai'Programm unseres vornehmen Familien-Kabaretts Karl Zander Ballett Slegno Fritz Brand Lisa Franz Emil Spielmann Hildegard Büttner Tedd Cunar Oklany Qrete Gravenhorst W. Rath-Rex Qretel Tavera Qerda Lassner Erika Renal Kennen Sie unser W aldschlöfechen Herrlicher Aufenthalt, Terrassen am See der Krummen Lanke. Man fährt mit der Wannsee. bahn bis Zehlendorf-West und erreicht in wenigen Minuten unser Zielka im Walde Tliglich nachmittags u. abends'groBes Konzert Am Flügel: E. Hentschel * Kapellmeister Franz Vieten. Zum SO jährigen Meisterjubiläum und 75. Geburtstag von Julius Löwenstein. Man muß die Feste feiern, wie sie fallen. Das Fest, das am 2. Juni d. I. der Berliner Malermeister Julius Löwenstein. der Gründer und frühere erste Vorsitzende des „Vereins selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens" begeht, cjibt auch der Allgemeinheit — und wirklich nicht nur der jüdischen — Veranlassung, einmal sinnend im geschäftigen Getriebe des Alltagslebens und der Arbeit innezuhalten und der Muse Klio, die nach der bekannten antiken Darstellung die Rollen, der Geschichtsschreibung sammelt, zu lauschen. Einen Leidensweg, wie ihn keine Menschheitsgruppe auf Erden je zurückgelegt hat, sind die Juden in den letzten Iahrtauseniden gegangen. Goethe hat einmal zu Eckermann das weise Wort gesprochen: „Leiden heißt in höherem Sinne auch sich ein Verdien st erwerben." Wieviel Verdienste haben sich danach die Juden im Lause ihrer trübseligen Geschichte schon erworben! — Viele, viele Jahrhunderte lebten sie verachtet und verfolgt inmitten feindlicher Wirtsvölker, von denen sie nach Möglickkeit ausgenutzt wurden. Don allen bürgerlichen Berufen, allen kulturellen Entwicklungsmöglichkeiten ausgeschlossen, ohne das Recht. Grundbesitz zu erwerben, ohne Menschenwürde, vegetierten sie, in Ghettos eingeschlossen, dahin. Die ewig verjüngende und kräftigende Berührung mit dem lebenspendenden Acker war ihnen versagt. Kein Handwerk durften sie ergreifen. Denn „Landfremden, Aussätzigen und Juden" — in dieser Verbindung pflegten unsere Vorfahren in den Stadtorivilegiev stets genannt zu werden — war die Aufnahme in die zu Innungen zusammengeschlofsenen Gewerke unmöglich gemacht. Bei dieser Behandlung mußte etwas in dem Seelenleben und Staatsgefühl der Juden krank werden: aber ihre Lebenskraft und Widerstandsfähigkeit war doch groß genug, daß sie diese Krankheiten im neunzehnten Jahrhundert im allgemeinen überwinden konnten. Rach den ortsüblichen Anschauungen der Durchschnittshistoriker haben sich die Juden — zugegeben gezwungenermaßen — jahrhundertelang nur mit dem Klein- und Geldhandel befaßt. Wer jedoch die deutschen Stadtgeschichten eingehender studiert, findet, daß der Drang der Juden gerade zur handwerkerlichen Betätigung immer sehr rege war. Sie schufen und errichteten Handwerke, die es bishernoch nicht gab, die noch nicht von undurchdringlichen Innungsmauern abgeschlossen waren. So trieben sie mancherlei Kunstgewerbe, Edelsteinschleiferei, Petschierstecherei, Porzellanmalerei, Graoiererei. ferner Likörbrennerei und — Kammerjägerei. Die deutschen Stüdtehistoriker haben sich bisher viel zu wenig um die jüdischen Dinge gekümmert. Noch viel hochinteressantes und unbekanntes Material harrt der Veröffentlichung. Verfasser dieser Zeilen hat vor dem Kriege selbst <> Jahre damit zugebracht, Berliner Stadtgeschichte auf den jüdischen Anteil hin zu erforschen, und dabei viel allgemein interessierende Tatsachen mit Bezug aus jüdische Handwerker gefunden. Unsere heutige Generation vergißt, daß erst ca. 10O Jahre verflossen sind, seitdem man die Wälle des tatsächlichen und geistigen Ghettos niederzureißen versuchte. Eine zu kurze Spanne Zeit/ um einen jahrtausendelang durchlittenen soziologischen Krankhcitsprozeß zu heilen. In dieser Epoche sind deshalb Gestalten wie der jetzige Jubilar Julius Lömenstein, der am 2. Juni in Berlin seinen 75. Geburtstag und sein 50jähriges Handwerksmeisterjubiläum feiert, besonders zu begrüßen. Man kennt in Berliner Handwerkerkreisen die ehrwürdige Gestalt des Greises mit dem silbernen Patriarchenbart, dem weißen Haupthaar und den klugen Augen, die hinter einer mächtigen Brille gar scharf ins Leben blicken. Er gleicht mehr einem bedeutenden Gelehrten — so einem hübschen Mittelding von gutem Onkel und altem Professor — als einem gewöhnlichen Feld-, Wald- und Wicsen-Malermeister. und das ist er ja auch sicherlich nicht! Er hat sein Licht nicht unter den Scheffel gestellt, sondern er hat selbst die schönste und würdigste Begründung des Feierns damit gegeben, daß er feine Lebensgeschichte geschrieben hat. Und aus dieser schmalen Broschüre wird doch vieles bekannt, das wahrlich rühmenswert ist! Ein tüchtiges Mannes- und Kämpfer!eben hat sich hier in bescheidenem Rahmen abgespielt! Mit leisem Humor und eindringlicher Aufrichtigkeit erzählt Julius Löwen st ein von seiner Jugendzeit und seinem Werdegang. 2n Westfalen ist er ausgewachsen. Der Pater ist ganz arm. auch ein Handwerker: ein Buchbinder. Er, wie sämtliche Geschwister, erlernen ein Handwerk. Julius wird Maler, Glaser und Tapezierer. Diese drei Fertigkeiten wurden damals noch in ein und dasselbe Handwerk eingerechnet. — Auf die Lehrjahre folgen die Wanderjahre. Nach dem Kriege 1870 kommt er nach Berlin. Er gründet eine Familie. Wird selbständiger Handwerksmeister. Seine Söhne werden auch wieder Maler und treten in seine Firma ein. Sein Leben ist köstlich, — also voller Mühe und Arbeit; es bietet das Bild eines mit Tätigkeit und Erfolg ausgefullten Handwcrkerdafeins, wie es deren in Deutschland glücklicherweise noch viele gibt. Es wäre bei diesem Jubiläum allein noch kein Anlaß für die Allgemeinheit zum Feiern, wenn sich nicht Lömenstein noch Verdienste anderer Art erworben hättet Er ist in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Mitbegründer des „Berliner Vereins selbstständiger Handwerker pdksche» Glaubens" geworden. Bald ««d tr btt erste Vorsitzende und Leiter des Verbandes. 3» anderen deutschen Städten werden nach dem Muster der Berliner Organisation ebenfalls jüdische Handwerkerverbände ins Leben gerufen. Ueberall ist Julius Löwen st ein Anreger, Förderer, Helfer, Berater. 1909 werden fümtliche jüdischen Handwerkervereine im „Zentralverband für Deutschland" zusammengefaßt. 1911 wird Löwenstein Vorsitzender und Leiter der Gesamtorganisation. — In vierzehn deutschen Großstädten blühen mittlerweile die Bezirksverbände auf. Anfang des Jahrhunderts wird die Zeitschrift „Der jüdische Handwerker" gegründet. — Zeitschrift und Verbände haben viel zur Hebung des jüdischen Stolzes und Selbstbewußtfeins beigetragen. Man hat auch den hämischsten Widerfächern gezeigt, vaß die Juden mehr sind, als lediglich „Händler" und „Kopfarbeiter", daß sie, wie ihre nichtjüdischen Berufs- Kollegen, auch mit Kelle und Pinsel, mit Hobel und Meißel umzugehen verstehen. Manches ist geschehen, um die Berufsgliederung der deutschen Juden harmonischer und weniger einseitig zu gestalten. Biel bleibt noch zu tun übrig. Aber veryeißungsvolle Anfänge find allüberall gemacht worden. In dieser ganzen Bewegung hat sich Julius Löwenstein außerordentliche Verdienste erworben. Mit Recht hat man ihn später zum Ehrenvorsitzenden gemacht. Ihn an seinem Ehrentage zu beglückwünschen, ist für da» deutsche liberale Judentum eine Ehrenpflicht. Wie alle anderen wünschen auch wir dem arbeitsfroben, aufrechten Manne, daß ihm noch viele Jahre rüstigen Schaffens, und dann ein wolkenloser, froher Lebensabend vefchieden fein möge. Dr. L. D. Wiener Brief. Der wissenschaftliche Befähigungsnachweis. Ein Wiener Assistenzarzt ist wegen Bücherdiebstahls verhaftet worden. Bei dieser Gelegenheit hat es sich herausgestellt, daß der Mann, dem das Heil einer stattlichen Anzahl Spitalsbedürftiger anvertraut war, gar nicht das Doktor-Diplom, ja nicht einmal die Berechtigung hatte, sich ein solches zu erwerben. Seine medizinischen Kenntnisse, die immerhin ausgereicht hatten, feinen Chef und die übrigen Spitaisärzte über dieses Manko yinwegzutäuschen, hatte er sich während einer S»eijährigen — Kerkerhaft erworben, zu der er <vegen veriedener Eigentumsdelikte verdonnert gewesen war. Der Mann scheint eben an Kleptomanie zu leiden. Nun kann im realen Leben ganz gewiß ein geschickter Dieb auch ein guter Arzt sein, ja es fehlt nicht an Witzbolden, die behaupten, daß nur ein Dieb genau wissen könne, was den Leuten fehlt. In der Theorie steht aber der Probe auf solch Exempel die Tatsache entgegen, daß die österreichischen Gesetze die akademische Graduierung kriminell Abgestrafter verbieten. Für die Ausübung des ärztlichen Berufes ist nun das Doktordiplom unerläßliche Voraussetzung und gar eine öffentliche Anstellung als Spitalsarzt ist bloß nach eingehender Prüfung aller einschlägigen Dokumente erlaübt. Wie ist es also möglich, daß jemand, dem alle gesetzlichen Voraussetzungen hierfür fehlen, dennoch Assistenzarzt in einer Wiener Klinik werden konnte? Wirb bei der Sichtung der Kandidaten seitens der akademischen Behörden nicht mit der wünschenswerten Rigorosität vorgegangen? Auf diese Frage ist zu antworten, daß die Rigorosität, mit der die Auswahl der Bewerber um staatliche Anstellungen getroffen wird, besonders in den akademischen Berufen in den letzten Jahren eher gewachsen ist, als angenommen hat. Die Gralshüter der akademischen Würden und Aemter sind geradezu unerschöpflich im Erfinden von Schutzmaßnahmen gegen die Invasion Unbefugter. Daß ihnen trotzdem der eingangs geschilderte Mißgriff passierte, hat seinen Grund weniger in einem Versagen ihrer Schutzmaßnahmen als vielmehr in ihrer vom Gesetze abweichenden Anschauung über das Kriterium der Befugnis. Das Gesetz anerkennt nur ein Kriterium der Befugnis zum Assistenzarzt: die wissenschaftliche Befähigung. Aber unsere akademischen Behörden halten das Staatsgrundgesetz längst für überholt. Die Forderung, die Anwärter auf eine Spitalsarztensstelle lediglich auf ihre wissenschaftliche Befähigung zu prüfen, das aber dafür um fo strenger, entlockt ihnen heutzutage höchstens ein mitleidiges Lächeln. Denn Wissen kann ja auch ein J u d' aufweisen, die Befähigung zur Bekleidung eines akademischen Amtes aber hat nach Ansicht der Gralshüter dieser Aemter nur der — geeichte Arier. Darum beschränkt sich die Rigorosität bet der Auswahl der Kandidaten immer mehr auf deren Stammbaum, während die Strenge bei der Taxierung der wissenschaftlichen Eignung im selben Verhältnis abnimmt, fo daß sie in dem Falle des in Rede stehenden Kleptomanen bereits auf bas Niveau sträflichen Leichtsinns gesunken ist. Statt der Originaldokumente, deren Vorlage bei Bewerbung um eine Spitalsstelle vorgeschrieben ist, haben sich die kompetenten Faktoren in diesem Falle mit der Abschrift eines — gar nicht existierenden Doktordiploms begnügt. Offenbar hatte der Stammbaum des Betreffenden einer um so strengeren Ueberprüfung standgehalten. Und diese Tatsache wird die Herren über ihre Blamage schon trösten. Ein mit Kleptomanie behafteter Laie als Spitalsasfiftent ist ja gewiß eine peinliche Erscheinung, aber sie ist gewissen Kreisen immer noch lieber, als ein im Vollbesitze des wissenschaftlichen Rüstzeugs und der bürgerlichen Ehrenrechte befindlicher Akademiker mit dem Makel jüdischer Abstammung . . . Das ist kein Witz! Wie ernst zu nehmen vielmehr diese Behauptung ist, beweisen die Vorgänge auf der Wiener Hochschule für Bodenkultur. Dort haben die Studenten gerade an dem Tage, an dem ganz Wien über die Geschichte des ungeprüften „Spitalsarztes" lachte, einen achttägigen Streik beschlossen, um die Einführung des mimerus clausus für ausländische Juden zu erzwingen. Dieser Streik, dem auch die Professoren durch Einstellung der Borlesungen assistiert haben, gibt der Affäre des falschen Arztes erst die richtige Folie. Köpenikiaden kommen ja öfter vor und speziell die Anmaßung ärztlichen Charakters scheint bei gewissen Hochstaplern beliebt. Erst vor wenigen Jahren hat hier ein mehrfach vorbestrafter Verbrecher sich als „Professor Döderlein" das Vertrauen und die — Gunst sehr exklusiver Damen erschlichen. Während aber dieser Triumph doch nur über eitle Gänse errungen wurde, ist diesmal die Täuschung erfahrener Kliniker und Professoren gelungen und das stimmt denn doch einigermaßen nachdenklich. Man würde so etwas vielleicht überhaupt nicht verstehen, wenn nicht gerade zur rechten Zeit aus berufenem Munde ein Kommentar geliefert worden wäre, der einen tiefen Einblick in die Geisteswelt unserer Akademiker, und zwar nicht etwa bloß der unreifen akademischen Jugend, sondern auch der hochgelehrten Professoren, gewährt. Am selben bedeutungsvollen Tage, der die Entlarvung des falschen Assistenzarztes und die Proklamierung des Hakenkreuzlerstreiks an der Hochschule für Bodenkultur brachte, fühlte sich der Professor der Wiener Technischen Hochschule Doktor Karl Kobes, der über theoretische Maschinenlehre liest, in feinem Vortrag durch einen auf der Straße trompetenden Jungen zu einem Exkurs auf das politische Gebiet veranlaßt, der übrigens nicht fein erster ist. Da einer der Hörer dem Jungen „Halt's Maul!" zurief, knüpfte der Professor an diese Aeußerung an: „Ja, das Maul halten! Es sollen manche Leute das Maul nicht fo weit aufreißen, das wäre gut. Da schimpfen die sogenannten Freidenker über die Kirche und die Pfaffen, sie zerren diese erhabene Institution in den Kot. Ich bin zwar kein Kleriker und Schwarzer, aber wenn ich irgend Gelegenheit habe, sehe ich mir cm Hochamt an. Es macht immer durch seine Farbenpracht und sein Kerzenlicht einen tiefen Eindruck auf mich. Und diese tiefe 'Symbolik, die darin liegt! Die Idioten, die diese Symbolik, wdnn Gott gleichsam auf Erden weilt, nicht verstehen, sollen das Maul halten. Ueber die Rabbiner und die jüdischen Kirchen schimpft a b e r k e i n e r. Ja es find eben Freidenker, die von einer gewissen Rasse und Richtung beeinflußt sind! Ueberhaupt diese Leute, die „Nie wieder Krieg!" schreien. Ein solches Land hat keine Daseinsberechtigung. . Ein degeneriertes Land des Blödsinns ist es. Man sieht das am deutlichsten am Militär. Wenn ich irgend wo hinkomme, sehe ich mir nur zwei Dinge an: Die Kirche und das Militär. Me die ausfehen, fo steht es mit dem Volke. Wo werden heute so herrliche Kirchen gebaut wie früher? Heute schafft man Bordelle, sonst nichts. Und das Militär? Da hätten Sie das. Militär in Budapest, Serbien und Bulgarien sehen sollen, wie die Wache im Stcchschritt marschiert. Da kann man Disziplin, Einigkeit, männliche Tugend und Tapferkeit lernen. Da herrscht ein nationaler Zug, nicht wie bei unserer Wehrmacht, so ... . so ... . Das ist zum Brechen. So ist es Überall, wo internationale pazifistische Ideen herrschen. Es ist immer gerauft worden und muß immer gerauft werden, genau so wie beim einzelnen. Wer nicht mehr raust, ist senil. Die Freidenker aber, mit dem Stiefmütterchen im Knopfloch, schreien: Nie wieder Krieg! Wo Pazififtentum herrscht, ist Degeneration." Eine primitivere Art des Welterfaffens und eine erschreckendere Unzulänglichkeit des sprachlichen Ausdrucksvermögens als dieser „ordentliche' Professor konnte sicher auch der falsche Assistenz, arzt nicht verraten und ohne seine kleptomanifcyen Anfälle brauchte dessen Mangel an akademischer Bildung wirklich nicht aufzufallen im judenretnen Kreise von akademischen Leuchten, deren eine im Rahmen eines Kollegs über Maschinenbau den Hörern das oben im Wortlaut Zitierte zu bieten wagt. Man wird vielleicht nicht einsehen, in welchem Zusammen- Hang dieser rethorische Erguß mit Maschinenbau steht, dafür läßt uns der Speech um so eher ahnen, wie der eifervolle Verfechter des Raufens zu einer österreichischen Lehrkanzel für Maschinenbau kam. Bewunderung für den militärischen Drill und Ehrfurcht vor religiösen Zermonien bei gleichzeitigem Bedauern der bekannten Tatsache, daß über die Rabbiner und die „jüdischen Kirchen" noch zu wenig geschimpft wird, sind wichtige Bestandteile jener Maschine, die die Welt nach^rtickwärts drehen soll. Wer die Theorie dieser Maschine beherrscht, dem stehen in Oesterreich alle Lehrkanzeln offen. Er ist das von den hierzulande Regierenden hochgeschätzte Gegenstück zu dem armen Sünder, der seine Unfähigkeit zum Spitalsarzt schon durch die verhängnisvolle Neigung deklarierte, ausgerechnet.medizinische Bücher zusammenzustehlen. Da ist der Maschinentheoretiker, der sich überall, wo er hinkommt, nicht etwa die dortigen Maschinen, sondern nach seinem eigenen Geständnis nur dH Kirchen und das Militär anfteht, ein ganz anderer Kerl, an dessen wissenschaftlicher Lehrbefähigung nicht gezweijelt werden darf. Die beiden geistigen Antipoden, der Pseuoo-Assistenzarzt, der keine Studienzeugnisse, aber medizinische Kenntnisse und Begeisterung für den ärztlichen Beruf zeigte, und der in aller Form graduierte und zu einem akademischen Lehramt berufene Verächter des freien Denkens und Forschens, verkörpern die alte österreichische Tradition aus der Zeit, in der der Staat noch reich und mächtig war. Schon damals hat er den Erfinder der Schiffs, schraube verhungern, dafür aber den klerikalen Demagogen, der W i s s e n s ch a s t als das definierte, „was ein Iud vom andern a b s ch r e i b t", zu den höchsten parlamentarischen Würden und Hoffähigkeit emporsteigen lassen.... Den bewußten Pflegern dieser Tradition kann man übrigens den Mut zur Selbstkritik nicht absprechen. Eben sickert ihre Absicht in die Oeffentlichkcit, den Mörder Bettauers statt vor die Geschworenen ins — Irrenhaus zu bringen, wo ia auch der Hakenkreuzler Novosat ein Asyl gefunden hat. Da die klerikalen und deutschvölkischen Organe die Ermordung Beltauers als eine Befreiungstat des gesunden, christlich-germanischen Empfindens gewertet haben, müßte man eigentlich erwarten, daß sie die versuchte Identifizierung besagten Empfindens mit — Irrsinn als eine boshafte Blasphemie energisch abwehren würden. StaÜ dessen nehmen sie es als Selbstverständlichkeit hin, daß eine Tat. die sie als ein Bekenntnis zu ihrer sittlichen Weltanschauung gepriesen haben, wissenschaftlich als Ausgeburt eines kranken Gehirns entlarvt wird. Leider ist diese Selbsterkenntnis nicht als Schritt zur Besserung aufzufassen, sondern nur als ein Versuch, den Exekutaren ihres politischen und ethischen Wahnsinns Straflosigkeit und damit diesem Wahnsinn dauernde Anziehungskraft zu sichern ... Dr. 5) u g o S p i e g i e r. ♦ 1 Aus den Gemeinden, r j Berlin. Am ersten jüdischen Pfingstfciertage feiert in Berlin Rabbiner Dr. Ludwig A. Rosenthäl seinen 70. Geburtstag. Er ist der bekannte Talmudgelehrte, dem man das dreibändige Werk „Ueber den Zusammenhang, die Quellen und die Entstehung der Mischna", womit eine Anzahl weiterer mischnische: Arbeiten verbunden ist, verdankt. In der Bibelwissenschust hüt er „Joel, Nahum. Habakuk" als Vergleich geboten, 'Aus eingehenden philosophischen Studien entstanden die Werke „Die monistische Philosophie" und „Lazarus Geiger". Großes Aufsehen erregte auch das Eintreten Rosenthals, der mit den bedeutendsten Bibelwissenschaftlern in steter Verbindung stand, im Babcl-Bibel-Streit und seine ncutestamentliche Arbeit „Jesus und die Rabbinen", eine ausgezeichnete Widerlegung der oberflächlichen Arbeiten des Leipziger evangelischen Theologen Bischofs. Als Herausgeber des „Jüdischen Literaturblattes" hat er viele wichtige Arbeiten in Bibclwissenfchaft, Talmudsorschung, wie in vergleichender Literaturgeschichte, auch besonders bemerkenswerte Besprechungen aus diesen Gebieten geschrieben. Lange Jahre war Dr. Rosenthal mit seinen Vorträgen eine Hauptstütze des Verbandes der Literaturvercine. Wie wünschen dem Jubilar, der stets einer der tolerantesten Vertreter der Orthodoxie ist, einen heiteren Lebensabend und weiteres fruchtbares wissenschaftliches Arbeiten. Berlin. Professor Max Liebermann, der Präsident der Akademie der Künste, der sich erst in den letzten Jahren jüdischen und biblischen Motiven zugeivandt hat, hat soeben von UM geschaffene Lithographien zum „Buch Ruth" erscheinen lassen. Berlin. Am 21. Mai d. I. starb Sanitätsrat Dr. E- Wreschner. der in der Acrztc-Bewegung hervorragend läng war. Wreschner betätigte sich auch an erster Stelle aus dem Gebiete des jüdischen Wohlsahrtswesens. Er war jahrelang Vorsitzender der deutschen Zentralstelle für jüdische Wondcrsürsorge. Cassel. Die Zentralisation der Wohlfahrtspflege bildete Gegenstand einer Beratung, zu der die Gemeindeältesten dic Vorstände der jüdischen Wohltatigkeitsvereine eingeladen hatten. Der vor 25 Jahren durch Frau Kommerzienrat Wertheim bereits angeregte Plan einer Bereinigung aller Vereine sollte erneut erwogen werden. Nach einleitenden Worten des Vorsitzenden Dr. Walter verbreitete sich der Leiter des Zentralbureaus für die jüdischen Wohlsahrts- und Wohltatigkeitsvereine Haum'' vers, Herr Grünebaum, über die mannigfachen Aufgaben weitverzweigten Tätigkeit der Zentrale, die sich u. a. auch ani «5

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.