Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 22 (29.5.1925)
- Date
- 1925-05-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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mmm , li|li ffl d7 Jahrgang' Jammer 22 ' Beilage 29. Mai 192$ § \ | Oie jüdische Gegenwart. < > «8» «.Wir -rauchen feine IudenrepiiM.- Das Breslauer Oberlandesgericht hat kürzlich ein Urteil gefällt, das in den Kreisen von Juristen und Nichtjuristen starkes Befremden erregen wird. Der Angeklagte hatte sich an dem Singen des bekannten Hakenkreuzlerliedes beteiligt, dessen Kehrreim: „Wir brauchen keine Iudenrepublik" lautet. Er war deshalb mm der Strafkammer wegen Vergehens gegen 8 8 Ziff. 1 des Gesetzes zum Schutze der Republik vom 2t. Juli 1922 verurteilt worden. Der Gesetzestert heißt: „Wer öffentlich oder in einer Versammlung die verfassungsmäßig feftgestellte republikanische Ltaatsform des Reiches öder eines Landes beschimpft oder dadurch herabwürdigt, daß er Mitglieder der republikanischen Regierung des Reiches oder eines Landes beschimpft oder verleumdet, wird mit Gefängnis bis zu fünf Jahren bestraft, neben dem auf Geldstrafe bis zu einer Million Mark erkannt werden kann." Der Angeklagte hatte gegen seine Verurteilung das Rechtsmittel der Revision eingelegt und so kam die Sache vor das Breslauer Oberlandesgericht. Dieses hob die vorderrichterliche Entscheidung auf und stellte sich auf den Standpunkt, daß der Gesang des Kehrreimes: „Wir brauchen keine JudenrepublikL nicht ohne weiteres gegen das Republikschutzgesetz verstößt, wie dies in dem aufgehobenen Urteil zunächst angenommen worden war. Die Revisionsbehauptung des Angeklagten ging dahin, daß sich der Sinn des Liedes nicht gegen 'die gegenwärtige Verfassung richte, sondern nur gewünscht werde, daß Deutschland nicht künftig eine Iudenrepublik werde. Diese Behauptung ist nach der Meinung des Oberlandesgerichts nicht von der Hand zu weisen. Erst nach dem vollständigen Wortlaut könne geprüft werden, „ob sich das Lied bereits gegen die verfassungsmäßig festgestellte Staatsform einer Republik 'wendet oder ob es nur davor warnen will, daß aus der deutschen Republik durch Ueberhandnehmen landfremder Einflüsse eine undeutsche, dem deutschen Volke als dem verfassungsmäßigen Träger derStaatsgemalt wesensfremde, jüdisch geleitete Republik in Zukunft wird/ Ferner vermißt das Gericht die Feststellung, daß in dem Gesang auch cinAusdruck der Verachtung der deutschen Republik enthalten sei und daß sich der Angriff gegen diese durch eine besonders verletzende Form des Angriffs kennzeichne. Auch müßte bargelegt fein, daß der Angeklagte „den Inhalt des Liedes sich zu eigen gemacht und durch gemeinsames Absingen des Liedes bewußt die gegenwärtige deutsche Republik geschmäht habe." Nicht nur 'dem Juristen erscheint dieses Urteil unverständlich. Auch der Vorderrichter wußte ganz genau wie jeder andere außer den Oberlandesgerichtsräten, daß das Absingen des Ehrhardliedcs und anderer Hakenkreuzlergesänge mit ähnlichen Refrains von deutschvölkischen Banden bewußt geschieht, um der gegenwärtigen Republik ihre Verachtung zu bezeugen. Diese gerichtsnotorischen Tatsachen bedürfen keiner besonderen Feststellung und Darlegung. Eine gemeinere Art der Beschimpfung als durch diese 'Haßgesänge laßt sich kaum denken. Gerade sie hatten auch die Schöpfer des Gesetzes im Auge. Es mutz Wunder nehmen »nb kann die Vorwürfe gegen unsere Strafrechtspflege nur ngänzen, wenn ein hoher preußischer Gerichtshof sich weismachen läßt, daß antisemitische Hetzlieder zur Warnung vor einer künftigen Regierung „Landfremder" gesungen werden. Jahresversammlung der Liga -er britischen Inden. Am 20. Mai fand in London die Fahresversammluna der Liga der britischen Juden statt. Der Präsident Lionell de Rothschild führte aus, in England standen die Juden aus der Docht für ihre Rechte, dehsalo waren keine besonders mißlichen Vorkommnisse zu verzeichnen. Wenn in diesem Lande Juden sind, die sich nicht als britische, sondern als jüdische oder palästinensische Bürger fühlen, so täten diese Juden am besten, wenn sie nach Palästina gingen. Mr. Claude Montefiore sagte, solange Antisemitismus eristiert, hat die Liga Existenzberechtigung. Die Antisemiten sprechen dem Juden das Recht ab, Bürger seines Landes zu sein, leider gibt cs in allen Ländern Juden» welche diese Ansicht unterstützen. Es ist zu bedauern, daß auch in Preußen, wo jüngst Landesverbandswahlen stattgefunden haben, jüdifchoiuonome Tendenzen bestehen; die Liga der britischen Juden wird es nicht zulassen, daß ein gleicher Versuch in England gemacht wird. Wir kennen nur die englische Nationalität. Dir stehen nicht denjenigen Juden entgegen, die wegen ihrer unglücklichen Verhältnisse ein Nationalheim in Palästina suchen, ober auch hier ist das Wort „Nationalität" überflüssig; es gibt eine palästinensische Bürgerschaft, die Araber, Juden und Christen cinschließt. Diese Ansicht teilen gemäßigte Zionisten wie auch britische Regierungsautoritäten. Es entspann sich eine Diskussion, ob die Liga die Aus* Wanderung junger jüdischer Handwerker nach Palästina unterstützen soll, um sie vor Arbeitslosigkeit zu schützen. Die Entscheidung wurde vertagt. - - Schächten oder Schlachten. (3.3.) 2n der Fleischer-Berband-Zeitung vom 5. Mat trat rin Berliner Fleischermerster für ein Schächtverbot ein. Er weinte, daß die Vorarbeiten zum Schächtschmtt sowie der Schächtschnitt selbst eine Tierquälerei bedeutet. Hauptsächlich bemerkt der betreffende Herr, daß die Fesselung der betreffenden Schlachttiere, die geschlachtet werden sollen, schon eine Grausamkeit wäre. Das Schächten selbst verurteilt er Zank und gar und fordert, daß dies aus der Schlachtmethode herausgenommen wird und evtl, das Schächten ganz und gar eingestellt würde. 3n der „Allgemeinen Fleischer-Zeitung" (Nr. 115 vom 18. ö.) erwidert hierauf Herr Hermann Hübner (Ehren-Altmeister und öffentlich angestellter Sachverständiger bei der Berliner Handwerkskammer; gerichtlich und polizeilich vereidigter Sachverständiger im Schlächter- und Fleischergewerbe, Eharlottenburg. Gcolmanstr. 14): , . x „Der Artikel in der Fleischer-Derbandszeitung ist geeignet, "aien irre zu führen, aber nicht einen erfahrenen und praktischen Fachmann. Ich bemerke: die sämtlichen heutigen Schlachtmethoden, wenn sie sicher und gut ausgeführt werden, find olle gut und zum größten Teil schmerzlos. Wenn der betreffende Herr nur die Betäubung der Schlachttiere beim Schlachten hervorhebt und nachher den Stich, so kommt noch in Frage der Schächtschmtt und der Schuß. Welcher von diesen drei Methoden >st der Vorzug zu geben? Der Vorzug gebührt derjenigen Methode, wo beim Schlachten der Tiere kein Fehlhieb und kein Fehlschnitt vorkommt. Diejenige Methode, wo alle Fehler wegfallen, ist die beste. Es wird 'jedem erfahrenen und prakiischen Schlächter schon passiert sein und wird auch heute noch postieren, daß bei schweren Rindern, hauptsächlich Bullen und .SchsveijM hin.und wieder mgf ein Fehlhieb oorkommt, wo das Tier nicht gleich bei dem ersten Hieb betäubt wird, sondern erst bei dem nächstfolgenden. Ebenso liegt die Sache veim Erschießen und beim Schlagbolzen. Auch kann beim Abstechen der Schlachttiere mal ein Fehlstich Vorkommen, so daß das Tier statt in der Herzgrube unter der Rippe gestochen wird. Und nun möchte ich den betreffenden Herrn fragen: Kommt ein Fehlschnitt bei dem koscheren Schlachten auch vor? Das wird der betreffende Herr unbedingt verneinen müssen, selbst wenn er die heutigen Schlachtmethoden nicht richtig beurteilt hat. Fch bemerke, daß bei der koscheren Schlachtung der Schächtschnitt immer sicher ist. und ebenso ist er auch der schnellste und sicherste Tod des Schlachttieres. Was die Tierquälerei in der koscheren Schlachtmethode anhelrifft. z. B. das Fesseln der Schlachttiere, so werden dabei die beiden Borderfühe durch Kette und durch Strick nur mäßig gefesselt werden, so daß das Tier trotz der zufammengefesselten Vorderbeine noch bequem stehen kann: hierauf wird die andere Kette um das rechte Hinterbein geschlungen und unter der Fesselung durchgezogen, dann zwischen der Fesselung der Vorderfüße und 'Brustspitze wieder nach hinten geleitet und 'in die Windenkette gehängt. Solange ist jedes schmerzhafte Gefühl beim Tier ausgeschlossen. Wird nun die Winde angezogen, um das Tier auf die Seite zu legen, so dauert dieses Fallen nur einige Sekunden und das Hinterbein ist durch die Kette an die Fesselung der Vorderbeine herangezogen. Das linke Hinterbein ist bis jetzt bei diesem Niederlegen lose und frei, so daß das Tier bisher noch einen Stützpunkt beim Niederfallen zur Verfügung hatte. Auch hier kann eine Tierquälerei nicht erblickt werden. Nun wird der Kopf des Schlachtlieres mit der Halskette nach oben gedreht und mit den Hörnern nach unten. Jetzt kommt der Schächter mit dem dazu gehörigen großen, passenden, haarscharf geschliffenen und abgezogenen Messer und vollzieht den Schächtschnitt. Der Schnitt ist schnell und sicher und ist ein Fehlschnitt hier beim Schächten ausgeschlossen. Bei diesem Schnitt ist der Kopf von dem Tierkörper mit allen zusammengewachsenen Flejschteilen, sowie die kleinen Kreßzadern, die beiden großen Blutschlagadern, die Speiseröhre und die Luftröhre durchschnitten und vollständig getrennt, fo daß der fast abgetrennte Kopf mit dem Tierkö.rpe'r nur noch durch Wirbelsäule, Genickmuskeln und Haut zusammen.hüngt. In diesem Augenblick stürzt sämtliches Blut des Tieres aus allen Blutadern sowie hauptsächlich das Blut aus dem Kov'f und Gehirn mit voller Kraft und Gewalt aus dem Körper. Die Ohnmacht und Gefühlslosigkeit des geschnittenen Tieres tritt sofort ein. Es kann von einer schmerzlichen oder überhaupt einer Tierquälerei in diesem Falle beim Schächten gar keine Rede sein. Die Ausblutung des geschlachteten Tierkörpers ist hier mindestens ebenso gut und sogar noch befser als bei allen anderen Schlachtmethoden. Dasselbe trifft auch zu, wenn Kälber und Hammel geschlachtet werden. Man kann unmöglich das Fesseln der Tiere als Tierquälerei bezeichnen. Ich weise darauf hin, daß ja bei allen Kastrierungen der anderen Tiere, beim Schneiden der Hengste, Baier, Böcke und Eber diese Fesselung vorgenommen werden muß. Bei ganz jungen Lämmern und Ferkeln ist die Fesselung beim Schneiden nicht nötig und überflüssig. Cs ist doch für die allgemeine Volkswirtschaft und Ernährung das Kastrieren der betreffenden Tiere unbedingt notwendig; sonst würden wir statt gutem Ochsenfleisch nur Bullenfleisch, statt gutem Borgsfleisch nur Baiersleisch, statt gutem Hammelfleisch nur Bockfleisch zu essen bekommen. Genau so bei den Pferden würden wir statt einem ruhigen Wallach nur einen mutigen, unruhigen Hengst fahren können. Die Operation der Kastrierung geht bei den Tieren nicht ohne Schmerz ab. Ick weise weiter darauf hin. daß bis jetzt kein Geflügel beim Schlachten betäubt wird, sondern es lvird durch Schnitt vom Leben zum Tode befördert, und der Kopf beim Geflügel bleibt am Körper. Das ist ebenso bei den Hühnern, Puten, Gänsen und Enten der Fall. Da kann von einer Tierquälerei ebenfalls gar keine Rede sein. Ebenso weise ich auf die Jagd hin. Wie viele Fehlschüsse kommen wohl bei der Jagd vor, wo das Wild nicht gleich beim ersten Schuh unterm Feuer bleibt, sondern einen Fehlschuß in die Keule oder Bauchhöhle bekommt, und das Tier schwer verwundet öfters stundenlang mit großen Schmerzen herumläuft, ehe es zusammenbricht und verendet. Selbst dann, wenn ein Keulenschuß zur Ausheilung kommt, hat das Tier noch viel länger Schmerzen zu ertragen, bis es vollständig ausgeheilt ist. Dies kommt ja auch bei der Fischerei vor, hauptsächlich beim Angeln sowie beim Legen der Aalhaken und anderen Methoden. 'Da könnte eher eine Tierquälerei in Frage kommen. Es kommt vor, daß die gefangenen Fische mit dem Angelhaken sich den ganzen Rachen zerreißen, und so ein Fisch lange Zeit mit großen Schmerzen, bis er abstirbt, herumschwimmt. Ich bemerke weiter, daß nur rohe und gefühllose Menschen Tieren mutwillig uitd nutzlos Schmerzen bereiten werden. Jeder nutzlose und scharfe Peitschenhieb bei dem Fuhrwerkivesen verursacht dem Tiere mehr Schmerzen als die angeführten Schlachtmethoden. Der betreffende Fleischermeister ohne Rämensnenmina wird hoffentlich, wenn er meine Darlegung liest, eine andere Meinung über seine angebliche Tierquälerei beim Schächtschnitt bekommen. Sollte er aber trotzdem noch bei seiner unrichtigen Gefühlsduselei bleiben, dann rate ich ihm, er soll sein Schlachtbeil und sein Schlachtmesser an die Seite stellen; ebenso soll er das Fleisch- und Wurstessen einstellen und Vegetarier werden. Ich will mit meinen Ausführungen für heute schließen, stehe aber mit richtigen, sachlichen Beweisen und Ausführungen weiter jederzeit zur Verfügung." William ftofenau. Ein Gruß zum 80. Geburtstag von 3.' E l b o g e n. William Rosenau in Baltimore vollendet am 80. Mai 1925 in voller Kraft und jugendlicher Frische das 60. Lebensjahr. Er gehört zu den bekanntesten, tatkräftigsten und einflußreichsten Rabbinern der Bereinigten Staaten und verdient es, auch dem deutschen Leserkreise bekannt zu werden. Der Grundzug seines Wesens ist eine tiefwurzelnde Pietät, die sich in seinen Beziehungen zur Heimat, zum Elternhaus, zur jüdischen Vergangenheit ausdrückt. Er ist in Deutschland geboren und hat, obwohl er als kleiner Knabe auswanderte und vorher schon durch einen edlen Lehrer mit den rohen Auswüchsen des Antisemitismus Bekanntschaft gemacht hatte, der Heimat seine treue Anhänglichkeit bewahrt. Er verehrt die deutsche Kultur und liebt die deutsche Sprache; er hat sich auch durch den wilden Kriegslärm nicht umstimmen lassen und mußte für feine Gesinnung büßen, sich zeitweise sogar eine Ueberwachung seiner Predigten gefallen lassen. Fest haften in ihm die Erlebnisse der Jugend.' Es war herzerhebend, wie er mir im veryangenen Sommer in Hirschberg (Schlesien) alle die Siätten zeigte, mit denen seine Kindheitserinnerungcn dort verknüpft find. Mit besonderer Rührung verweilte er in der Synagoge, in der sein Bäter als Vorbeter fungiert hat; alle Einzelheiten des Baues und die ganze Art des Gottesdienstes stehen noch lebendig vor seinem Gedächtnis. So beherrscht ihn noch heute die Verehrung fijr das Elternhaus, für die Kunst des Baters. die kluge Initiative der Mutter. Die Vereinigten Staaten, die von hier aus als das Paradies erschienen 'waren, erwiesen sich der KqntoreMnjilie zunächst als ein L^ftd der harten Arbeit und schweren Lebensbedingungen — aber alle Sorgen und Schwierigkeiten wurden durch den harmonischen Geist der Familie überwunden. Der Jugend in Philadelphia verdankt Rosenau den Einfluß des damals dort wirkenden portugiesischen Rabbiners Sabato Morais, dem er anläßlich seines 100. Geburtstages 1928 ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Morais wich von dem Durchschnitt der damaligen amerikanischen Rabbiner durch die südländische Wärme seines religiösen Empfindens ab und berührte damit eine verwandte Saite in der Seele seines Jüngers. Tief innerliche Pietät bestimmt auch Rosenaus Stellung zum Judentum. Als Zögling des Hebrew Union College in Cincinnati ist er Vertreter des Reformstandpunktes, aber von Anfang an wies er die Uebertreibungen des intellektuellen Momentes zurück. Lange bevor die Abkehr vom Rationalismus allgemein war, betonte er die irrationalen Elemente des religiösen Erlebens, den Anteil des Gefühls an religiösen Handlungen und Erinnerungen. Er betrachtete es stets als seine Aufgabe, zu erhalten und nicht zu zerstören, und legte im Gegensatz zu dem von seinen Altersgenossen in den Vordergrund gestellten amerikanischen Einfluß das Schwergewicht auf die 'jüdischen Zusammenhänge. Es ist das Erbe des Vaterhauses, wenn er in seiner Synagoge den kantoralen Teil stets mit besonderer Sorgfalt pflegte und an den stimmungsvollen traditionellen Melodien nachdrücklich festhielt. In seinen Predigten pflegte er weniger die in Amerika allgemein verbreitete Sitte, an die Sensationen des Tages, Ereignisse oder Bücher, anzuknüpfen, sondern hielt sich stets an die alljüdische Drascha. die an Bibel und Midrasch sich anlehnt, und selbst wo er nicht umhin konnte, auf das einzugehcn, was die Gemüter bewegte, blieb er doch seinem Grundsatz treu und stellte die Gedanken der Gegenwart in der Sprache der altgeheiligten Vergangenheit dar. Dank seiner Rednergabe und seinen hervorragenden inenschlichen Eigenschaften gewann er eine überragende Stellung. Auf seinem fest verankerten kindlichen Glauben ruht sein sonniger Optimismus, der sich mit einer umfassenden Menschenliebe und steten Hilfsbereitschaft ebenso wie mit einem tief eingeprägten Pflichtgefühl und vorwärtstreibender Tatkraft verknüpft. ' Es kann daher nicht Wunder nehmen, wenn er in Baltimore, wo er als Nachfolger Benjamin Szolds in der bedeutenden Gemeinde Oheb Shalom feit 38 Jahren wirkt, trotz der beträchtlichen Anzahl von anderen Gemeinden, geradezu der Rabbiner geworden ist, zu dem alle Kreise ohne Unterschied der religiösen Richtung sich hingezogen fühlen. Ganz gleich, ob es alt" eingesessene Familien oder eben zugewanderte Flüchtlinge sind, ob sie sich zu den Orthodoxen oder Reformierten, zu den Zionisten oder Äntizionisten zählen, den gebildeten oder ungebildeten, den wohlhabenden oder unbegüterten Klassen angehören, sie allwenden sich mit ihren Leiden und Sorgen an den Rabbiner Rosenau und wissen, daß sie bei ihm verständnisvolles Eingehen auf ihre Schmerzen und. wenn es irgend angängig: ist, wirksame Hilfe finden. Seine vermittelnde und verbindende, kluge und kraftvolle Persönlichkeit wird so zu einer ausgezeichneten Stütze für die gemeinsamen Einrichtungen, wie z. B. den Verband für Wohltätigkeit, das musterhafte Krankenhaus, das in Baltimore, dem Sitz der berühmtesten Kliniken der Vereinigten Staaten, ganz besondere Anstrengungen machen muß, um auf der Höhe zu bleiben. Wo es am, Mittel für gute Zwecke zu schaffen, ist Rosenau vermöge seiner Beliebtheit und Gewandtheit eine der wertvollsten Kräfte; er tritt daher nicht nur bei den Sammlungen in seiner engeren Heimat an die vorderste Stelle, sondern ist auch bei großen gemeinsamen Aktionen, wie z. B. den vom Joint verwalteten Sammlungen, an vielen Orten als einer der unwiderstehlichen Helfer berufen worden. Auch die Stadt Baltimore wußte sich fein feines Verständnis für soziale und Bildungsfraaen zu Nutze zu machen. Nicht nur, daß er an den Problemen der allgemeinen Wohlfahrt mitarbeitet, wurde er auch schon früh in den Ausschuß für Erziehungs- und Unterrtchtsfragen berufen, in dem er wertpolle Dienste leistete. Sein Ansehen verschaffte ihm frük eine ^wichtige Stimme in den allgemeinen jüdischen Verbänden. Hier soll nur seine Stellung in der Central Conference of American Rabbis hervorgehoven werden, zu deren eifrigsten Mitarbeitern er gehört, in der er die verschiedensten Ehrenämter bis zu dem des Präsidenten bekleidet hat. Ebenso gehört er zum Kuratorium des Hebrew Union College und, vermöge feiner Sachkunde sowie einer selbstlosen Hingebung an die Sache dieses Instituts, gilt ein Wort im Rate der Verwaltung besonders viel. Seit langer Zeit widmet er seine Kraft der Iewish Chautauqua Society, deren Leitung in den letzten Jahren hauptsächlich auf seinen Schultern ruht. Die Aufgaben dieser Gesellschaft, die aus den Kreisen der Literaturvereine heroorgegangen ist. bestehen vor allem darin, denjenigen Juden, die in dem weit ausgedehnten Lande vereinzelt, fernab von Gemeinden leben, Kenntnis der jüdischen Vergangenheit, des jüdischen geistigen und religiösen Lebens und der hebräischen Sprache zu vermitteln. Das geschieht hauptsächlich auf dem Wege schriftlicher Belehrung durch Verbreitung von volkstümlichen Darlegungen, durch Fragc- und Antwortbriefe, durch methodische Hinweise jeder Art. Was das Jahr über vermittels der Korrespondenz gelehrt worden ist. wird dann in einer persönlichen Aussprache von etwa einer Woche befestigt und vertieft. Es ist das alte jüdische System der Kalla-Versammlungen, das hier den amerikanischen Verhältnissen angepaßt ist. Durch Rosenaus intimsten Freund, Henry Berkowitz in Philadelphia (gest. 1923), ebenfalls einen Deutschen, wurde diese Gesellschaft begründet und durch die unermüdliche Tätigkeit beider Männer so ausgebaut, daß sie sich am Anfang des Jahrhunderts sogar die Heranbildung von Lehrern nach demselben System anguedern konnte. Der besten jüdischen Tradition entsprechend, hat Rosenau sich nicht mit der Wirksamkeit des praktischen Rabbiners begnügt, sondern stets auch nach wissenschaftlicher Betätigung gestrebt. Seit 30 Jahren gehört er der orientalischen Sektion der Johns Hopkins Universitn an und lehrt dort neben Paul Haupt erfolgreich biblische Wissenschaft und rabbinische Literatur. Eine stattliche Anzahl jüdischer und christlicher Forscher verehrt ihn als Lehrer. Ebenso war er stets darauf bedacht, junge Leute für das Hebrew Union College vorzubereiten, und dieses Institut dankte seine erfolgreichen Bemühungen dadurch, daß es ihm vor zwei Jahren die ganz seltene Auszeichnung eines „Ehrendoktors für jüdisches Recht" verlieh. Aus der wissenschaftlichen Arbeit find auch einige gelehrte Bücher heroorgegangen. wie z. B. eine wertvolle Untersuchung über die Hebraismen in der alten englischen Bibelübersetzung, eine Darstellung jüdischer Bräuche, ein kurzer Abriß über die Geschichte der jüdischen Bibeleregese — ganz zu schweigen von zahlreichen Borträgen und Abhandlungen in den verschiedensten Zeitschriften. In voller Rüstigkeit und geistiger Empfänglichkeit tritt Rosenau in das siebente Jahrzehnt seines Lebens ein. Schwere Schicksalsfchläge in der Familie haben ihn in den letzten Jahren getroffen, aber sie vermochten ihn nicht niederzuwerfen, sein starker Glaube hat seinen Lebensmut und Detätigungsivillen wieder aufgerichtet. Wir sprechen den herzlichen Wunsch aus, daß ihm feine frische, frohe Tatkraft und Begeisterung noch jahrzehntelang erhalten bleibe zur Freude seiner Kinder und seiner Gemeinde, zu Nutz und Ehren des amerikanischen Judentums! - . ,A. __