Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 20 (15.5.1925)
- Date
- 1925-05-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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5. Jahrgang Hummer 20 r. Sellag« 15. Mai 1925 NWchÄevck3eil«z P ... MWSSSWWW88SW8SSSSSSS8SW8SS8SWSSSSSSSW88 Isaak auf dem Damm. Skizze von Justus von Maurick. Autorisierte Uebersetzung von Clara Schott. Wer kennt Isaak nicht? — Jeder Amsterdamer hat ihn mindestens hundertmal in seinem Leben gesehen, denn seit Jahren steht Isaak mit seiner Schuhbank auf dem Damm am Monument. Fast scheint’s, als sei dieser nicht komplett, wenn Isaak fehlt. Von morgens bis abends kann man ihn stets bereit finden, den Vorübergehenden die Schuhe zu putzen, Wege zu gehen, oder Päckchen zu tragen. Für denjenigen, der ihn nicht kennt, diene folgendes: Isaak ist ein Mann von ungefähr 50 Jahren, von mittelgroßer Statur, mit etwas gekrümmten Rücken und einem Gesicht, das sogleich seine Nation verrät. Ein paar pechschwarze Augen blitzen fröhlich unter seinen noch dunklen Augenbrauen, und um seinen großen Mund spielt gewöhnlich ein Lächeln, wobei er die Flügel seiner Adlernase aufbläst. An den Schläfen ist sein Haar bereits ergraut, das übrige zeigt sich, soweit es die Mütze freigibt, in schwarzen Löckchen. Der Rock, den Isaak trägt, ist von unbestimmter Farbe, in der Sonne gelblich, im Schatten grau. Wenn es warm ist, läuft er in einer blaugestreiften Bluse umher, worin er, wenn sie gerade aus der Wäsche gekommen ist, blitzsauber aussieht. Weiße, breite Hosenträger halten ein paar Pantalons, die einst schwarz gewesen, nun aber rötlich schimmern und deren Nähte einem deutlich zurufen: Wir haben sclqpn vornehmere Beine bekleidet! Jeder, der Isaak kennt, weiß, daß er ein ehrlicher Schuhputzer ist, fröhlich, aufgeräumt, Optimist von reinstem Wasser und begabt mit Eigenschaften, die seinem Stamme eigen sind. Er ist Philosoph ohne es selbst zu wissen, und ein Beobachter, der in seiner Naivität immer den Nagel auf den Kopf trifft. Ich habe ihn lange Zeit studiert und bin zu der Ueberzeugung gekommen, daß es sich wohl der Mühe lohnt ihn über das, was er auf dem Damm sieht und hört, plaudern zu hören. Schenk auch du ihm, lieber Leser, einige Augenblicke, denn ich laß ihn selbst zu dir sprechen. „Da steh' ich nun wieder, Gott segne dich, es ist keine Kleinigkeit, 37 Jahre lang komme ich nun alle Tage auf den Damm. Soll ich gesund bleiben, noch 37 Jahre.“ Die Menschen haben schon oft gesagt „Isaak, bist du denn mit dem Damm verheiratet? Warum gehst du nicht auf die Bahn, da ist mehr zu verdienen.“ „Stuß, verstehst du? Ich' weiß es besser! Warum soll ich anders wohin gehen? Mir ist der Damm lieb geworden, alles ist er mir! Schon als kleiner Junge von zwölf Jahren hab’ ich gehabt meine Putzbank auf dem Damm stellen und hab’ geputzt, was zu putzen war, um ein Stückchen Geld zu verdienen. Und nun stehe ich hier, um vor meine Frau und vor meine lichtige Kinder, Gott laß se gesund bleiben! zu verdienen. Immer hab’ ich auf dem Damm meine Kost verdient und Gott Lob, in Ehren, nie hab’ ich was1 mit de Polizei gehabt. Ehrlich währt am längsten. Uf den Schwindel sitzt kein Verdienst, verstehst du? Was das betrifft, kann mir die Polizei gestohlen werden, aber doch soll se gesund bleiben, bis hundert Jahr. Siehste, ich bin blos ein armer Kerl, der in seinem Leben nicht viel gelernt hat. Lesen — nu ja, wenn’s gedruckt ist. Schreiben? — Vor dem der’s lesen kann. Aber doch habe ich aus mir selber gestudiert und hab’ so meine eigenen Gedanken. Wenn ich so mit meiner Schuhbank am Monument stehe und grade nichts zu putzen ist, dann denke ich so bei mir selber: „Isaak. Mann, du kennst den Damm, du weißt was tagsüber hier vorgeht.“ De Menschen ahnen nicht, was der Damm eigentlich bedeutet, sie rasen drüber weg wie de Meschuggenen. Zeit ist Geld, sajgen se. De denkst wohl, daß se sich umschauen, und sehen was zu sehen is oder daß se nachdenken über was? — Stuß, das tut allein Isaak. ’s Morgens um halb sechs Uhr pressis (präzzis) bin ich da. Gott soll euch alle bewahren vor so e leeren Magen, wie ich ihn mitbringe. — Aber ’s is gesund, sagen die Doktoren, e bißchen zu warten mit’n Frühstück. — Dann setz’ ich erst meine Schuhbank ins Bassin vom Monument. Das ist die schönste Pfefferbugse, die mitten auf dem Damm steht. Jungfrau Eintracht steht oben, darüber habe ich auch so meine eigenen Gedanken und mich oft gefragt: Sind denn de Menschen meschugge? Setzen se de Eintracht uf e Monument, das ist entstanden aus de Zwietracht. Nu, ich hab’s nicht lassen machen. Mein Sorg. Hübsch is es auch nicht, de einzigste Novität is, daß de Löwen, die untenstehen, immer zu speien anfangen, wenn e Fest is, oder der König in die Stadt kommt. — Weißte was ich am frühen Morgen so am ersten sehe? “Nachtschwärmer, die aus „de Kneipe“ kommen. Pfui, wie sehen die aus! Blaß, blaue Ringe um de Augen und zumeist schwanken sie hin und her. Man braucht sie nicht zu fragen, wo se de Nacht zugebracht haben. Wenn ich se denn so hinschlendern sehe, dann denk ich an meine Familie, an de lieben Kinder. Es sind wahrhaftig auch alte Kerls dabei, es wird einem übel, wenn man se ansieht. Manchmal denk ich, wenn ich Geld gehabt .hätt’, war ich vielleicht auch so e Rumtreiber geworden, und ich bin froh, daß ich nischt hab’. Was meinst de, was ich mit den Männlein tue? — Ich ruf so laut ich kann: „Putzen, meine Herren, abbürsten, reinemachen, abputzen meine Herren!“ Un’ wenn se sich denn abputzen lassen, kann ich nicht umhin, ihnen einen Stoß mit de große Bürst’ zu geben. Un e Fluch kriegen se gratis. Dabei sind se Kunden, die e Dubblje. oder e Kwartje bezahlen. Sie wissen viel, was se geben! — Inzwischen kommen die Leute, die auf Arbeit gehen. Menschen, die nach der heiligen Schrift leben, denn es steht geschrieben: Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot verdienen. Wenn ich se so mit ihren Gerätschaften ankommen sehe, denn denk ich: da gehen se, schwitzen tun se genug, mit's Brotverdienen is e andere Sach! Aber Isaak hat mehr Respekt vor die Menschen, als vor die, die aus de Kneipe kommen. Und wenn ein Arbeiter geputzt sein will, mach ihn blitzblank vor 3 Cent, so schön wie e andern vor e Dubblje. Man muß vor e Arbeitsmann was übrig haben! Nun kommen de Wagens von de Straßenreinigung auf den Damm. Eigentlich sind es Konkurrenten von mir — denn se putzen auch. Aber ich habe keine Angst davor, ich lach’ drüber, denn oftmals machen se de Straßen noch schmutziger als se ohnedies sind, und dadurch verdiene ich, von wegen de schmutzige Füße, die de Menschen bekommen. Drum, wenn die Wagen kommen, nimmt Isaak seine Mütze ab und sagt: All Ehr vor die Obrigkeit, wenn se auch ihre Arbeit nur halb macht. — Jetzt halt ich Umschau, ob nicht einer kommt, der nach dem Rheinbahnhof will. Seh' ich einen Fremden oder einen Bauer, der hastig angelaufen kommt, dann laß ich meine Bank am Monument stehen, lauf auf ihn zu. „Nach dem Bahnhof, mein Herr?“ rufe ich. „Eilen Se nicht so; es ist noch Zeit, da ist efer Omnibus.“ Dann laufe ich mit ihm, oder ein Stückchen voraus und schreie: „Hallo, Kondukteur, ein Passagier, halt, der Mann muß noch mit.“ Verstehst de, das ist e Spekulation von Isaak. Denn zumeist geben se mer was für meine Mühe. Es passiert aber auch, daß se sagen: „geh' weg, Jude,“ aber das ist nicht arg, ich denke dann, se verstehn’s doch nicht besser, es liegt an ihrer Erziehung. — Vor einigen Tagen hab’ ich e Spaß gehalrt. Kommt aus dem Fischerstig e Herr mit e Kofferchen in der Hand. „Tragen, mein Herr?“ frag, ich, „vor e paar Cent tragen?“ Antwortet er mir mit ’ner Stimme wie ein Eisbär: „Lauf zum Teufel, Jude.“ „Sehr ungebildet, was? Rat mal, was ich gemacht hab? — Ich hab'.ihm nachgerufen „he, ho!!“ Und wie er sich umgedreht hat, hab ich auf meine Mütze gezeigt und so getan, als ob er was an seinem Hut hätte. Hat er ihn abgenommen um zu sehen, was dran ist. Da hab’ ich gesagt: „So ist’s gut, so gehört es sich, mein Herr. Wenn man meinen Dienst nicht nötig hat, kann man wenigstens höflich sein, den Hut abnehmen und „ich danke“, sagen. So hat ihm Isaak noch ’ne Anstandslehre vor umsonst gegeben. Au wai, hat der gespukt! — Gegen 8 Uhr kommen die Pferdebahnwagen un'd die Omnibusse auf den Damm. Dann beginnt vor mir de Pernoße. Ich nehme meine Schuhbank in eine Hand, in de andere ein Kästchen mit Tramwaykärtchen und schreie: „Karten, Karten, Tramwaj karten!“ Bei mein Gesund, hab’ ich doch niemals gedacht, daß Isaak noch Anteil haben wird an de Tramwaygesellschaft. In den Zeitungshäuschen —' Kiosken — wenn es de Leute, — verkaufen se auch Kärtchen, und wie se damit angefangen, dacht ich: Isaak, das ist faul, se werden se billiger verkaufen und du bist geschochten. Aber die Direktion ist menschlich gewesen und verkauft se auch mit einhalb Cent Gewinn. Gott soll se dafür leben und gesund sein lassen. Wenn ich denn so an de Tramway stehe, und de Menschen aussteigen sehe, betrachte ich se alle Damen — Herren — Kinderchen — Reisende, die zur Bahn wollen und eine Menge Stadtreisende. Fein sehen se aus. Mit Ueberziehern, bunte Westen und glänzenden Hüten. Und e Gesicht machen se, auf dem man lesen kann, werden wir heute Handgeld machen? Siehste, da bin ich nun eigenartig d rin — ich bin froh, daß meine Sorgen nicht weiter geh n als einen Taler, oder ein paar Gulden per Tag. Gott behüte mich, daß ich so einen honen Hut und gute Hosen tragen müßte und mit einem Kofferchen so groß wie meine Schuhbank umher zu laufen hätte, um für einen fremden Mann zu schachern. Wenn ich was verdiene, ist’s für mich selbst, ich brauch mich bei keinem andern zu bedanken, als bei unserm Herrn Gott. Aber die, — nu, se kennen sich nicht helfen, se müssen auch leben, und deshalb wünsche ich se Massel und Broche. Kommen se des Abends zurück, und haben se was verkauft, tun se groß, als wären se wer weiß! was, und wissen sich vor Zimche nicht zu lassen, haben se nischt verkauft, ziehen sie belämmert ab. Um halb neun kommen die Herren über den Damm, die auf Büros arbeiten. Viele sind pieckfein, mit Zigarren im Munde und gekleidet — se können sich sehen lassen! Aber die meisten — au wai —, Isaak möchte gern eine alte Jacke haben, aber solche, wie die tragen, — die verschenkt er noch. An denen ist kein Pfennig zu verdienen, die lassen keine Schuhe putzen, das kannste dir denken, die paar Cent verdienen sie sich selbst, aber — se sind doch Herren. Weiste, mit den Leuten will Isaak auch nicht tauschen. So’n ganzen Tag mit der Nase in ein Buch und in Papieren, auch ein dumpfiges TDomtoir — danke! Dann lieber auf dem Damm in unseres lieben Herrn Gott freier Luft. Wenn’s schönes Wettei ist, kann es nichts besseres geben, und wenn’s regnet — nu, dann ist bei Gend Loos ein großes Tor, da kann man sich zum 'Glücke runterstellen. (Fortsetzung folgt.) Veranlaßt (Sure Bekannten znni Beitritt! (Hier »-trennen und ausgefülli im Briefumschlag einfenden.) - (Ersatzexemplar für die zerschnittene Zeitung wird auf Wunsch kostenlos geliefert) An die Vereinigung für das liberale Judentum, Berlin W S, Mauerstraße 22 Ich erkläre meinen Beitritt zur Vereinigung für das liberale Judentum und erbitte regelmäßige Zusendung der wöchentlich erscheinenden Jüdisch' liberalen Zeitung. Mitgliedsbeitrag von Mt. 2,50 vierteljährlich sende ich anbei folgt auf postscheck-Konio der Vereinigung für das liberale Juden« tum, Berlin, NS 7, Nr. 137069 bitte ich durch Nachnahme einzuziehen. (Nichtgewün fchteS bitte durchzustrekchen.) Name:.... Wohnung: .. An die Jüdisch »liberale Zeitung Berlin W S, Mauerstraße 22 Ich abonniere hierdurch die Jüdisch, liberale Zeitung vorläufig für ein Vierteljahr. Bei Nichtabbestellung verlängert sich das Abonnement jeweils um ein weiteres Vierteljahr. 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